Ausgabe 
7.5.1936
 
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186. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

Kr.106 Erstes Blatt 186. Jahrgang Donnerstag, 7. Mal 1956

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MW General-Anzeiger für Oberhessen

Sronfhirtam mein 11686 vruck uttöVerlag: vriihl'sche UniverfilStrSuch- und Steindruckerei «.Lange in Gießen.Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulftrahe 7 M-ng-nabschl'TstaAs

Segen eine Fortsetzung her Sanktionen

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Druck des Völkerbundes f o r t z u setzen. Der weiseste und möglicherweise einzig wirkungs­volle Weg würde darin bestehen, die Verbindung zwischen Italien und dem von ihm eroberten Lande zu zerschneiden. Die Einflüsse in amtlichen Kreisen Großbritanniens, die für die Wiederaufrichtung der Stresafront und für die Rückkehr Italiens auf einen ehrenvollen Platz in Europa arbeiteten, mühten rücksichtslos unterdrückt werden.

London, 6. Mai. (DRV.) Vor vollbesetzten Bänken fand im Unterhaus die außenpolitische Aussprache statt. Der Hauptsprecher der oppositio­nellen Arbeiterpartei, Dr. Dalton, kritisierte aufs schärfste die Außenpolitik der Regierung und wandte sich den englisch-ägyptischen V e r h a n d- l un g e n zu. Gerade im Hinblick auf die Ereignisse in Abessinien sei eine freundschaftliche Regelung besonders dringlich. Die Feindschaft Italiens werde Englands Stellung in Aegypten, im Sudan, in Kenya und im Roten Meer gefährden und darüber hinaus die freie Durchfahrt durch das Mittelmeer und die Verbindung mit Australien, Neuseeland, Indien und dem Fernen Osten. Wer könne be­streiten, daß die britische Oberherrschaft bedroht werde? Die Regierung sei für den Ausbruch des italienisch-abessinischen Krieges verantwortlich, denn sie hätte ihn verhindern können. Sie habe ihre Ver­pflichtungen aus den Völkerbundssatzungen nicht ausgeführt. Die britische Regierung habe die Abes­sinier ermutigt, Widerstand zu leisten in dem Glauben, daß der Völkerbund helfen werde, dann aber die Abessinier ihrem Schicksal überlassen und ihnen keinerlei wirksame Hilfe geleistet, sondern im Gegenteil Mussolini in seinem Vernichtunqsfeldzug unterstützt. Die englische Regierung habe den Völ­kerbund in Mißkredit gebracht und die Millionen der englischen Wähler verraten, von denen sie ihre Stimme erhalten hätte, weil die Öffentlichkeit ge­glaubt habe, daß England die Völkerbundspolitik unterstützen werde.

Der Rat habe sich nicht mit der Teilfrage zu be­fassen, was aus den besiegten Abessiniern und dem siegreichen Italien werden solle, sondern mit dem Völkerbundsproblem überhaupt. In diesem Stadium, so erklärte der Redner, dürfe keine Rede davon sein, daß der Sieg Italiens durch eine Aufhebung der Sühnemaßnahmen anerkannt werde. Im Gegenteil sprach gerade jetzt sehr viel für eine Verschärfung dieser Sühne- maßnahmen durch die Verhängung der O e l s p e r r e.

Dalton erkundigte sich im weiteren Verlauf sei­ner Rede nach den Plänen der Regierung hinsicht­lich einer Reform des Völkerbundes. Die Arbeiter­

Auf eine Zwischenfrage D a l t o n s , ob er nicht erklären wolle, welche Politik die Regierung einzu­schlagen beabsichtige, verweigerte Eden eine Aeuße- rung. In diesem schwierigen Augenblick müsse die Regierung um freie Hand bitten. Die Regierung werde jedoch ihre Politik gemäß der Dölkerbunds- satzung fortführen.

Eden wandte sich hierauf der Lage in West­europa zu. Er betonte, daß die britische Regierung großen Wert auf die Erschöpfung aller Möglich­keiten zur Versöhnung zwischen den ehemaligen Locarno-Mächten lege. Daher werde sie mit der deutschen Regierung in Verbindung treten, um eine Anzahl von Punkten der deutschen Denkschrift aufzuklären. Auf eine Frage Lloyd Georges erklärte Eden, England wisse zwar, was für Punkte andere Regierungen interessierten, die Fragen seien jedoch von England auf eigene Verantwortung gestellt worden. Sie seien niemandem unterbreitet worden, und er hoffe, daß sie morgen in Berlin überreicht werden würden. Dieeinseitige Aufkündigung" von Locarno sei ein Schlag für Die Sicherheitsstruktur Europas gewesen. Die Aufgabe bestehe nun darin, wieder aufzubauen. Man dürfe jedoch nicht blind gegenüber der Wiederaufrüstung sein, die überall

London, 7. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die Times" verteidigt den Außenminister gegen die Angriffe der Opposition und meint, wenn man die britische Politik ausschließlich für die Niederlage der Bemühungen von 50 Nationen verantwortlich mache, so zeige das nur die Gründe, die hinter solchen Anklagen in Wirklichkeit ständen. Der Vor­schlag, den Suezkanal zu schließen, seichaotisch" und einnach rückwärts gerichtetes Heldentum". Der gemäßigt konservativeDaily Telegraph" meint, daß von Anbeginn des abessinischen Aben­teuers nur die Einhaltung zweier politischer Linien möglich gewesen sei. Die eine hätte in einem u n - abhängigen Vorgehen Großbritan­niens bestehen können, was England sofort in einen Konflikt mitdem Völkerbund und mit Italien gebracht haben würde, denn keine einzelne Macht hätte den Suezkanal schließen kön­nen, sondern nur der Völkerbund. Die andere Linie

Das Scho bet Ünterhaus-Aussprache

Die konservative presse fordert Versöhnung mit Italien.

zu dem Schluß, daß der einzige richtige Kurs für Großbritannien darin liege, so schnell wie möglich zu erklären, daß es mit Sanktionen oder mit den Strafklauseln der Völkerbundssatzung nichts zu tun haben wolle. Freundschaft mit Italien fei von lebenswichtiger Bedeutung sowohl für Italien selbst wie für England.

Das Blatt der ArbeiterparteiDaily H e r a l d" überschreibt seinen Leitartikel:Lebe wohl Mr.

Der konservative Abgeordnete Sir Austen Cham­berlain sprach sich gegen die Fortsetzung der Sühnepolitik aus. Eine Großmacht, die sich für eine Angrifsshandlung entschieden habe, könne nicht durch wirtschaftliche Sühnemaßnahmen abgeschreckt werden. Nur die Ansammlung einer gewaltigen Streitkraft hätte Italien seinerzeit vom abessinischen Feldzug abbringen können. Wenn man heute die Sühnemaßnahmen fortsetzen wolle, so wäre das eine gefährlich und zwecklose Politik. (Lauter Beifall auf der Ministerbank.) Wenn man heute Flottenmaßnahmen gegen Italien ergreifen wolle, so würde das den sofortigen Krieg bedeu­ten. Wenn man den Bogen überspanne, dann be­stehe die Gefahr, daß sich viele Nationen ihren Völ­kerbundsverpflichtungen entzögen. Die Bemühun­gen der englischen Regierung, Deutschland und an­dere Länder in den Völkerbund zurückzubringen und verschiedene regionale Pakte zu erzielen, seien Schritte in der richtigen Richtung.

Der zur Chamberlain - Gruppe gehörige Ab­geordnete Sir Henry P a g e - C r o f t erklärte, die trügerischen Wortekollektive Sicherheit" sollten aus dem englischen Wortschatz gestrichen wer­den, da es so etwas überhaupt nicht gebe. England müsse einenachbarschaftliche Politik" gegenüber Italien verfolgen; gleichzeitig solle Italien eine Versicherung abqeben, daß es keinerlei Militari­sierung des abessinischen Volkes vornehmen werde.

Der Regierungsliberale B e r n y s erklärte, daß ganz England in der Abessinien-Frage eine sei­ner größten Schlappen erlitten habe.

Der Konservative Amery führte aus:Laßt uns zugeben, daß wir Abessinien betrogen haben." Während hes ganzen Abessinienkonflikts habe die englische Politik den Frieden Europas unterminiert, indem sie die S t r e s a - K o m b i - nation verlassen habe, die allein den Ge­fahren in Europa hätte begegnen können. Die Sanktionen seien tot und müßten aufge­hoben werden.

Der Arbeiterabgeordnete Lees Smith erklärte, die Gefahr für Europa bestehe darin, daß Deutsch­

weiser, so fragte dieMorning Post", den Ereig­nissen ins Gesicht zu sehen und anzuerkennen, daß Großbritannien mit Italien zusammen in Afrika leben müsse?Daily Mail" kommt

Partei sei für jede Reform, die die Macht des kerbundes zur Erhaltung des Friedens stärke.

Außenminister Eden

Eden verteidigt Englands Abessinienpolitik.

Scharfe Angriffe der Opposition. Eden erklärt, obwohl der Völkerbund mit seiner Sanktionspolitik gescheitert sei, wäre er auch in Zukunst nicht zu entbehren.

Der e r ft e Teil der Weissagung ist eingetroffen, sogar schon im Frühling, für den Rest aber hat Ita­lien keinen Bedarf. Obwohl Churchill nicht nur den Feldzug gegen die Mahdisten und gegen die Buren aus eigener Teilnahme kennt, obwohl er auch hinter« ; einander Minister für Luftschiffahrt, Munitionsver­sorgung, Krieg und Kolonien, somit Fachmann ge­wesen oder immer noch ist. Wenn irgendeiner, so : hotte also er die Lage in Ostafrika richtig beurteilen sollen. Es ist aber so gekommen, wie Mussolini es, bockbeinig, wie er nun einmal ist, haben wollte.

Wenn unsere Leser die Ereignisse seit dem Zwi- > schenfall von Ual-Ual an sich vorbeiziehen lassen, so werden sie finden, daß sie von Rom aus am besten unterrichtet worden sind, von Genf und London her am schlechtesten. Dazu brauchte es für den unpar­teiischen Beobachter in Rom keiner besonderen Sehergabe, sondern nur einer guten Kenntnis der italienischen Politik und der Persönlichkeit Musso­linis. Nicht die richtige Voraussage und Beurteilung des afrikanischen Feldzuges erscheint uns verwun­derlich, wir haben uns vielmehr gewundert, als noch im September in Europa die Frage herum­geboten wurde, ob es wirklich zum Kriege kommen werde. Und diese auffallende Unkenntnis über die Ziele der italienischen Politik erklärt nicht nur die Ueberraschung, die jetzt da und dort über den drei­fachen Zusammenbruch zum Ausdruck kommt, sie ist auch in erster Linie an dieser furchtbaren Nieder­lage mitverantwortlich. Mindestens in Lon­don hätte man die Tragweite des französisch-ita­lienischen Abkommens vom 7. Januar 1935 besser abschätzen sollen.

Militärisch uni) diplomatisch ist dieser Krieg so sorgfältig vorbereitet, bis in feine letzten Einzel- beiten ausgeklügelt worden, daß sich der Erfolg mit nahezu mathematischer Sicherheit an die italienische Fahne heften mußte, daß es in dieser Gleichung, wie wir immer wieder betonten, nur eine U n - bekannte gab: die Haltung Englands. Und England hätte es auch in der Hand gehabt, beizeiten Stop! zu sagen, wenn es ernstlich ge­wollt hätte. Aber an Frankreich gebunden, mußte es schweren Herzens die Dinge treiben lassen, mußte es zuschauen, wie der Arm von Paris in Genf regierte und diese aus dem Geist von Ver- ailles entstandene Interessengemeinschaft so hand­habte, daß sie zum Schrittmacher der abessinischen Katastrophe wurde. Als schließlich Eden selber Mussolini durch den Völkerbund vier Wochen Zeit gab, um auch noch die Hauptstadt des anderen Völkerbundsmitgliedes zu besetzen, da mußte auch für den Begriffstutzigsten das Genfer Scheingebäude einstürzen. Wer von denen, die im vorigen Jahre nach der Konferenz von Stresa in das Genfer Ver­dammungsurteil über Deutschland einstimmten, wer wagt heute noch zu behaupten, Hitler habe mit seinem Rückzug aus diesem Völkerbundeinen Fehler begangen" und sein Landheillos isoliert"?

Die Satiriker und Karikaturisten in Rom sind um Stoff nicht verlegen, wenn sie an den 11. Mai denken, wo die erlauchtesten Geister derkollektiven Sicherheitsidee" in Genf zusammentreten wollen, um die Scherben ihrer Politik einzusammeln. Viel­leicht entsteht aus den Trümmern etwas Besseres, Gesünderes, ein auf Recht und Gerechtigkeit auf- gebauter, also entschlossen von Versailles und Tria- non abrückender neuer Völkerbund, dann hätte der italienische Sieg auch für das übrige Europa eine glückhafte Bedeutung. Wenn aber die Unter« tützung Italiens durch den französisch manövrier­ten Völkerbund von gestern nur den Zweck fyatte, die Front von Stresa gegen Deutschland wiederher­zustellen, so ist an einen europäischen Frieden nicht zu denken. Es fragt sich freilich von vornherein, ob Rom geneigt fein wird, die Früchte seines Er- olges gleich wieder aufs Spiel zu fetzen; ob es als Herr der wichtigeren Nilquellen nicht vielmehr den Helm fester binden werde.

Denn wenn sich bisher die europäische Politik

Italiens Sieg.

Von unserem römischen E.-Korrespondenien.

Rom, Anfang Mai.

Italien hat gesiegt. Dreifacher Sieg: über den Negus, über den Völkerbund, über England. Und weit schlimmer als die Nieder­lage Abessiniens ist die Zertrümmerung der Genfer Gedankenwelt. Am schlimmsten aber der Zusammen­bruch der britischen Machtstellung im Mittelmeer.

Unter den Propheten, die gern und falsch prophe­zeien, steht ein Mann, der bei feinen unbezweifel­baren englischen Vorzügen einen solchen Sport gar nicht nötig hätte, an erster Stelle: Winston Chur­chill. Er war es, der als Erster Lord der Admi­ralität das Wort von den Ratten aufbrachte, die man in ihren Löchern ausräuchern werde, bevor sie nur Gelegenheit hätten, von selber herauszu­kommen. Damit meinte er die deutsche Marine und er soll sich nicht sehr geistreich vorgekommen sein, als diese Ratten dann vor dem Skagerrak so höllisch zubissen und schließlichalle Meere unsicher mach­ten", was nun auch wieder nicht recht war. Chur­chill war es, der vor sieben Monaten als bewährter Jtalienfreund gegen Mussolini beschwörend die Arme hob und dem erschauernden (englischen) Parlament verkündete, im Sommer 1936 werde Italien tief in Abessinien stehen und aus tausend Wunden verbluten ...

Eden". Alle diejenigen, die ihre Hoffnung dereinst auf Eden gesetzt hätten, und derDaily Herald" hätte zu ihnen gehört, würden seine gestrige Rede zuerst mit Unglauben, dann mit Hoffnungslosigkeit lesen. Der liberaleNews C h r o n i c l e" ist der Ansicht, daß der Völkerbund die Bedingun­gen für den Frieden in Abessinien regeln müsse und daß kein Grund bestehe, warum Großbritannien zögere, mit einem festen Plan nach Genf zu gehen. Die ganze Welt teile das Urteil des britischen Volkes über ItaliensHandlungsweise eines inter­nationalen Verbrechertums". Italien müsse aufge­fordert werden, die Entscheidung über das Schicksal Abessiniens d e m Völkerbund zu überlassen.

!. so würde die

erklärte, Dalton habe eine Schilderung gegeben, die mit der Wahrheit in keinerlei Beziehung stehe. Die Wahrheit sei, daß während der ganzen Dauer des Streites England die Führung gehabt habe. Habe Dalton vielleicht nicht denDaily Herald" gelesen, das Blatt seiner Partei, das geschrieben habe, daß Eden für die Verhängung weiterer Sühnemaßnahmen gewesen wäre, wenn sich das hätte erreichen lassen? Die wörtliche Erfüllung des Arttkels 16, so erklärte er, sei nicht möglich gewesen, solange die Vereinigten Staaten nicht Mitglied des Völkerbundes feien.

2Han habe absichtlich mit denjenigen Sütjne- mahnahmen begonnen, die ein begrenzter Völ­kerbund verhältnismäßig wirksam gestalten könne. Die Schwäche dieser Sühnemaßnahmen habe darin bestanden, daß sie nicht sofort wirkten. Das habe der Völkerbund gewußt, als er sie verhängte. Es habe nur eine Sühnemaßnahme gegeben, die sofort wirk- s a m gewesen wäre, das sei die Verweige­rung des Rechtes auf Benutzung des Suezkanals für Italien. Ein solche Maßnahme würde aber eine militärische Aktion im Gefolge gehabt haben, die un­vermeidlich zum Kriege geführt hätte.

Wenn die Schließung des Suezkanals die einzig wirksame Sühnemaßnahme gewesen sei wie un­logisch sei die Stellungnahme Daltons und seiner Partei, wenn diese sich gegen Vermehrung der Rüstungen wendet. Man könne den Kanal nicht mit papierenen Abstimmungen schließen. Die bri­tische Regierung habe sich deshalb nickst für mili­tärische Sühnemaßnahmen eingesetzt, weil sie den Krieg verabscheue, und nicht, weil sie dessen Aus­gang fürchtete. Wenn man aber schon eine Schlie­ßung des Suezkanals fordere, so müsse man auch die rechtliche Lage in Betracht ziehen. Ihre Prüfung ergebe einwandfrei, daß der Kanal nur durch eine Aktion des Völkerbundes hätte geschloffen werden können. Daß der Völker­bund einstimmig einen derartigen Beschluß fassen würde, sei niemals zu hoffen gewesen.

Man müsse zugeben, daß der Völkerbund gescheitert sei. Man müsse zugeben, daß England enttäuscht fei. Obwohl die Struktur des Völkerbundes und die kollektive Sicherheit einen schweren Schlag erhallen hät­ten, dürfe man sich nicht scheuen, die Lehre aus diesen Erfahrungen zu ziehen. Cs sei klar, daß der Völkerbund fortbe- st e h e n müsse (must go no). Er sei für die Organisierung der internationalen Angelegen­heiten nicht zu entbehren. Ebenso klar sei aber auch, daß die Lage überprüft werden müsse und daß diese Meberprüfung durch den Völkerbund erfolgen müsse.

stattfinde. Die große Aufgabe, die die brttische Re­gierung zu erfüllen habe, könne in einer bewaff­neten Welt nur bann wirksam durchgeführt werden, wenn England die nötigen Mittel hierzu zur Ver­fügung habe.

Die Aussprache.

Der Führer der liberalen Opposition, Sir Ar­chibald Sinclair, erklärte, daß der Außenmini­ster nicht vermocht habe, die gegen die Regierungs­politik vorgebrachte Kritik sowie die Besorgnisse, die allenthalben in England gehegt würden, zu be­schwichtigen.

Der Abgeordnete der Arbeiterpartei Arthur Hen­derson, ein Sohn des verstorbenen Präsidenten der Abrüstungskonferenz, bezeichnete die Behaup­tung, daß die deutsche Wiederaufrüstung die ein­zige Ursache der englischen Aufrüstung sei, als un­zutreffend. Deutschland habe 16 Jahre gewar­tet, bevor es mit feiner Aufrüstung begann. Die Tatsache, daß sich Deutschland jetzt die Gleichberech­tigung selbst genommen habe, sei auf die Politik der anderen europäischen Regierungen zurückzu­führen.

fei die des Zusammengehens mit dem Völkerbund gewesen, wobei man sich bemühen mußte, verbündete Nattonen zu den stärksten Sühne­maßnahmen zu veranlassen, denen sie zustimmen würden. Letztere sei die Politik der Regierung ge­wesen. Die rechtskonservativeMorning Post" schreibt, der Außenminister sei sicherlich der Wahr­heit näher gekommen als seine Kritiker. Die gegen ......... _______ ,

Italien gerichteten Maßnahmen seien tatsächlich Wenn Mussolini das verweigere, fu muiue uie niemals kollektiv gewesen. Sei es nicht > nächste und richtige Handlung darin bestehen, den

land von Nationen mit deutschen Minderheiten um­geben sei. Die Minderheitenfrage könne jeden Augenblick wieder einen neuen europäischen Streit Hervorrufen. Hitler schlage die Lösung dieser Frage durch Abschluß von Sicherheitspakten vor. Diese Pakte wären jedoch bedeutungslos, wenn sie nicht vom Völkerbund garantiert würden. Das Ziel der bevorstehenden Verhandlungen müsse haupt­sächlich darin bestehen, den Vertrag oon Ver­sailles zu liquidieren.

tfnferftaatefefretär Lord Gramborne

sagte, es könne nicht verheimlicht werden, daß d i e Sühnepoliti k fehlgesch lagen sei; Italien habe seinen Vormarsch fortgesetzt, und Abessinien seiaufgegeffen" worden. Die englische Regierung habe sich keine Vorwürfe zu machen, und es gebe noch schlimmere Dinge als eine ehrenvolle Nieder­lage. Manche Kreise in England vertreten die Auf­fassung, daß ein kollektives Sicherheitssystem nicht wirksam sein könne, wenn die Nationen nicht bereit sind, unter Umständen zum Kriege zu schreiten. Gegenwärtig seien viele Länder nicht bereit gewesen, in den Krieg zu ziehen; auch das englische Volk nicht. Jedes kollektive Sicherheits- lystem müsse universal fein. Das englische Volk werde keinerlei System unterstützen, das nur gegen ein oder zwei Länder angewendet werde.

Die Aussprache wurde mit einem aufsehenerregen­den Angriff Winston Churchills gegen den Mi­nisterpräsidenten Baldwin abgeschlossen. Chur­chill sagte zunächst, England sei von einer großen Katastrophe betroffen worden. Alle wüßten, welche bedauerlichen Ergebnisse die englische Politik ge­habt habe; er sei der Mann, der die M a ch t in den Händen habe, daher müsse er auch die Ver­antwortung tragen. Die Tatsache, daß Bald­win alle Macht für sich selbst beanspruche, ohne den Wirklichkeiten einer öffentlichen Aussprache ins Ge­sicht zu sehen, habe den englischen Angelegenheiten bereits schweren Schaden zugefügt und müsse auf die Dauer eine ftänöige Demoralisierung herbei führen. (Beifall.)