Ausgabe 
7.3.1936
 
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186. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Getäuschte Hoffnung aus eine neue Weliordnung

Wende Spannungen zwischen den Völkern

Ohne neue geWge Einstellung keine wahre Vesriedung.

Meine Abgeordneten des deutschen Reichstages!

Wenn ich diese psychologischen Probleme immer so ausführlich behandle, so geschieht es, weil ich der Ueberzeugung bin, daß man ohne eine U m - stellun'g in der gei st igen Betrachtung der Ausgestaltung unserer internationalen Völker- bezichungeu niemals zu dem Resultat

und wehrlosen Mißhandlung der Welt Ideen zu geben oder gar Gesetze des Lebens vorzuschreiben. Das taten die mächtigen Regierenden dieser Erde. Deutschland aber gehörte mehr als 15 Jahre nur zu den Regierten. Ich erwähne dies weiter, weil ich dem deutschen Volk und vielleicht darüber hinaus auch anderen Menschen das Auge ö f f nen möchte für die Erkenntnis, daß die Be­folgung fehlerhafter, weil unrichtl- ger Grundsätze auch zu fehlerhaften falschenErgebnissen führen muß. Daß wir selbst als Leidtragende dieser Entwicklung besonders schwer getroffen wurden, hängt, wie schon betont, zum Teil mit unserem tiefen Sturz zusammen. Aber allein, daß die ganze Welt in diese Zeit an­dauernder Spannungen und fortdauernder Krisen fiel, ist zurückzuführen auf die geringe Ver­nunft und Einsicht, mit der die Probleme der Völker im einzelnen und untereinander gesehen und behandelt werden.

dieser Verbohrtheit heraus nicht nur die Ursachen dieses Unglückes nicht gesehen werden wollen, son­dern daß man sich geradezu an d i e s e m Un­glück weidet und in der öffentlichen Diskussion mit mehr oder weniger großer Schadenfreude fest­stellt, wie bedroht oder gefährdet die Lebensmöglich­keiten des einen oder des anderen Volkes sind.

Daß die Welt 3. B. kein Verständnis aufbrin­gen will für die Ursachen über die Schwere der Lebensbehauptung des deutschen Volkes, ist be- . bäuerlich. Geradezu erschütternd ist, jeden Tag > in soundso viel Presseorganen lesen zu können, mit welcher Befriedigung man die Sorgen , wahrnimmt, die das Leben unseres Volkes

Der Geist der ilnvernunfi triumphiert seit dem Versailler Vertrag in der Politik.

geistige Vorstellungen, für Weltrevolutionen, Bolschewismus, oder sogarRie-wieder-krleg"- Jdole zum Kriege rüsten und die Völker dafür

in Bewegung sehen.

Meine Abgeordneten!

Wenn ich Ihnen und dem deutschen Volke diese Tat fachen vor Augen führe, geschieht es weniger, um Ihr Verständnis zu erwecken für die Größe der Zeit, in der wir leben, als vielmehr für die Un­zulänglichkeit der geistigen und sach­lichen Arbeit jener, die sich einst als be­rufen aufspielten, der Welt eine Epoche fried- licher Evolution und gesegneterWohl- fahrt zu schenken. Und noch etwas möchte ich in dieser Stunde feststellen: an dieser Entwicklung sind nicht wir schuld, denn es lag nicht in unserer Kraft oder in unserem Vermögen, nach dem furchtbaren Zusammenbruch und in der Zeit der Demütigung

zwangsläufig begleiten. Soweit es sich um be­langlose Literalen handelt, mag dies noch hin­gehen. Böse aber ist es, wenn auch Staats­männer beginnen, in den ersichtlichen oder vermeintlichen Anzeichen von Rot und Elend eines Volkes erfreuliche Momente für die Be­urteilung der allgemeinen Lage und ihrer Zu­kunft zu sehen.

Diese Entwicklung aber nahm ihren Ausgang von jenem unseligen Vertrag, der einst als ein Werk menschlicher Kurzsichtigkeit und unver­nünftiger Leidenschaften in der Geschichte als Musterbeispiel gelten wird, wie man Kriege nicht beenden darf, wenn man nicht neue Wirrnisse über die Völker zu bringen beab­sichtigt. Aus dem Geiste dieses Vertrages kam bei seiner engen Verbindung mit der Konstituie­rung der Gemeinschaft der Rationen die Dor- bet a ff u n g des Völkerbundes und da­mit auch dessen Entwertung. Seitdem besteht die Diskrepanz zwischen der durch den Ariedens­vertrag eingeteilten Welt in Besiegte, d. h. Rechtlvfeund Sieger,d.h.Alleinberech­tigte und den allein denkbaren Grundsätzen des Völkerbundes, als eine Gemeinschaft freier und gleicher Rationen.

Aus der geistigen Atmosphäre dieses Vertrages heraus kam auch die kurzsichtige Behandlung zahl­reicher politischer und ökonomischer Fragen der Welt. Völkergrenzen wurden gezogen, nicht nach den klaren Notwendigkeiten des Lebens und der Berück­sichtigung gegebener Traditionen, sondern eher von dem Gedanken der Rachsucht und der Vergeltung, und damit wieder begleitet von den Gefühlen der Angst und der Befürchtungen gegenüber der sich daraus möglicherweise erheben­den Revanche. Es gab einen Augenblick, da hätten es die Staatsmänner in der Hand gehabt, durch einen einzigen Appell an die Ver­nunft und auch an das Herz der Soldaten der kämpfenden Millionen-Armeen der Völker eine brüderliche Verständigung einzuleiten, die der Welt vielleicht auf Jahrhunderte für das Zusammenleben der Nationen und Staaten unend­liche Erleichterungen geschenkt haben würde. Es geschah nur das Gegenteil.

Das Schlimmste aber ist, daß der G e i st des Hasses dieses Vertrages überging m die allgemeine Mentalität der Völker, daß er die öffent­liche Meinung zu infizieren und damit zu beherr­schen anfing, und daß nun aus diesem Geist des Hasses heraus die Unvernunft zu trium­phieren begann, die die natürlichsten Pro­bleme des Dölkerlebens, ja selbst die eigensten In­teressen verkannte und mit Gift verblendeter Lei­denschaften zerstörte.

Daß die Welt heute von sehr viel Unheil heirn- gesucht wird, ist weder zu übersehen noch zu be­streiten. Das Schlimmste aber ist, daß aus dem Geist

einer wirklichen Befriedung de« Menschheit kommen wird. Auch die heutigen schicksalsschweren Spannungen, die wir in Europa erleben, verdanken ihre Entstehung dieser Unver­nunft, mit der man glaubt, mit den natürlichsten Belangen der Völker umspringen zu können. (St gibt heute Politiker, die sich nur dann sicher zu fühe

in ihre Enttäuschungen, in ihre Krisen und m ihre Kämpfe, um die eindeutige Antwort zu erhalten auf die Frage der richtigen Bewertung dieser Ent­wicklung.

Statt der wärmenden Empfindungen einer all­mählichen Entspannung menschlicher Gegensätze erleben wir die sorgenvolle Unruhe, die sich nicht zu vermindern, sondern leider zu steigern scheint. Argwohn und haß, Reid und Habsucht, Mißtrauen und Verdächtigung sind die fühl­baren Empfindungen, die die Völker beherrschen. Jener Friede, der einst als Schlußstein gelegt werden sollte über der vermauerten Gruft des Krieges wurde zur brachen Saat neuer Kämpfe. Wohin wir seitdem blicken, erleben wir das Auf­flackern innerer und äußerer Unruhen. Kem Jahr vergeht, in dem nicht seitdem irgendwo auf dieser Erde statt dem Läuten der F r i e d e n s g l 0 ck e n das Getöse der Waffen vernehmbar ist. Wer will sich wun­dern, daß aus einer solchen tragischen Enttäu­schung heraus auch im Innern der Völker das Vertrauen zur Richtigkeit einer Weltordnung er­schüttert wird, die in so katastrophaler Weise zu versagen scheint?

Neue Vorstellungen versuchen sich der Menschen zu bemächtigen und die sie gewinnen sofort als Kämpfer für neue Eroberungen ausaufcbirfen. Die Weltgeschichte wird einmal feststellen, daß feit der Beendigung des großen Krieges die Erde von gei­stigen, politischen und wirtschaftlichen Umwäl­zungen heimgesucht wurde, wie sie im allgemei­nen nur in Jahrtausenden äuftreten, um Völkern und Kontinenten ihren besonderen Sinn und Charakter zu geben. Man bedenke: seit dieser Zeit ist d i e S p a n n u n g z w i s ch e n d e n D 0 l - fern größer geworden a l s sie 1 e z u - vor war. Die bolschewistische Revolu­tion drückt einem der größten Reiche der Erde nicht nur äußerlich einen Stempel auf, sondern setzt es innerlich in einen unüberbrückbaren welt­anschaulichen und religiösen Gegensatzzu den umliegenden Völkern und S t a a te n Nicht nur allgemein menschliche, wirtschaftliche oder politische Auffassungen brechen zusammen und be­graben ihre bisherigen Vertreter, Parteien, Organi­sationen und Staaten unter sich, nein: eine Welt übersinnlicher Vorstellungen wird eingerissen, ein Gott wird entthront, Religionen und Kirchen aus-

Dies begann aber im Jahre 1918. Damals setzte in besonders eindringlicher Weise jeneStaats­kunst" ein, die durch Unvernunft Pro­bleme schafft, um dann an ihrer Lösung ent­weder zu verzagen oder fortgesetzt angsterfüllt auf­zukreischen. Jene Unvernunft, die gänzlich über­sieht, daß ungeschichtliche staatliche Volkszerreißun­gen nicht den geschichtlichen tatsächlichen Faktor eines Volkes beseitigen, sondern nur die mögliche Wahrnehmung der Lebensinteressen, die Drganifie- rung der Lebensbehauptung erschweren oder sogar unmöglich machen, das war jene Unvernunft, in der man z. B. im Falle Deutschland einer 65-Mil- lionen-Nation mit wissenschaftlicher Methodik er ft alle möglichen Lebens st ränge nach außen abschnitt, alle wirtschaftlichen Verbin­dungen raubte, alle Auslandkapitalien konfiszierte, den Handel vernichtete, dann dieses Volk mit einer unvorstellbaren astronomischen Schuld belastete, ihm endlich, um diese Schuld ab­tragen zu können, ausländische Kredite gab, um die Kredite verzinsen zu können, einen Export um jeden Preis heranzüchtete, endlich d i e Absatzmärkte vermauerte, dieses Volk so­mit einer furchtbaren Verarmung und Verelendung entgegentrieb, und nun über mangelnde Zahlkraft oder den bösen Willen klagte. Das aber bezeichnet man dann alsweise S t a a t s k u n ft" !

gerottet, das Jenseits verödet, um ein qualvolles Diesseits als das einzige Seiende proklamiert. Kaiser- und Königreiche stürzen und entwurzeln sich all­mählich sogar in der Erinnerung, genau so wie umgekehrt wieder parlamentarische Demokraten von den Völkern aufgegeben werden, um neue Staatsgedanken an ihre Stelle zu setzen. Und parallel damit werden wirtschaftliche Maxime, die früher geradezu als Grund­lage des menschlichen Gemeinschaftslebens ge­golten haben, überwunden und abgelöst von kon­trären Auffassungen-, dazwischen senken sich die Schrecken der Arbeitslosigkeit und da­mit des Hungers und des Elends über die Völker und schlagen Millionen Menscken in ihren Bann.

Diese erstaunte Menschheit aber sieht, daß der kriegsgoft seine Rüstung nicht ab­gelegt hat, sondern im Gegenteil schwerer gepanzert denn je über die Erde schreitet. Denn früher Armeen von Hunderttausenden für die Ziele einer imperialistischen Dynastie-, Kabi­netts- oder Rationalitätenpolitik einlraten, dann find es heute Milllonen-Armeeu, die für neue

Was immer auch an diesen Punkten auszustel­len war oder ausgestellt wurde, sie hatten ohne Zweifel eines für sich: die Erkenntnis, daß eine mechanische Wiederherstellung früherer Zu stände, Einrichtungen und Auffassungen in kurzer Zeit a u ch w i e d e r z u ähnlichen Folgen würde führen müssen. Und darin lag das Bezaubernde dieser Thesen, daß sie mit unbestreitbarer Großartigkeit ver­suchten, dem Zusammenleben derVöl- ker neue Gesetze zu geben und es mit einem neuen Geist zu erfüllen, aus dem heraus dann jene Institution wachsen und gedeihen konnte, die als Bund aller Rationen berufen fein sollte, die Völker nicht nur äußer­lich zusammenzuschliehen, sondern vor allem innerlich einander näher zu brin­gen in gegenseitiger Rücksichtnahme und in gegenseitigem Verstehen.

Kein Volk ist der Zauberkraft dieser Phantasie mehr verfallen als das deutsche. Es Hai. die Ehre, ge­gen eine Wett kämpfen zu müssen, und das Unglück, m diesem Kampfe zu unterliegen. Es war aber als Unterlegener belüftet mit dem Fluch Der Verantwortung für e i n R i n g e n, das die­ses Volk weder geahnt, noch gewünscht hatte. Das deutsche Volk glaubte an diese Thesen mit der Kraft eines an sich und der Welt Ver­zweifelnden. Es begann damit seinen Weg in seine leidoollste Zeit. Wir alle sind Jahre hindurch Opfer dieses phantasttschen Glaubens und der entsetzlichen Folgen gewesen.

Es ist nicht der Zweck dieser Ausführungen, der furchtbaren Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, die unser Volk in steigendem Maße ergriffen hatte. Ich will nicht von der Verzweiflung reden und von dem Schmerz und dem Jammer, den diese Jahre für das deutsche Volk und für uns in sich bargen. Wir waren in einen Krieg gerissen worden, an dessen Ausbruch mir genau s 0 schuldlos oder schuldhaft waren, wie die an­deren Völker auch. Wir aber sind gerade als die am meisten Opfernden auch am leichtesten dem Glauben an eine bessere Zeit verfallen.

Allein nichtnurwir,dieUnterlegenen, haben die Verwandlung des phantasievollen Bil­des einer neuen Zeit und Menschheitsentwicklung in eine jammervolle Realität erlebt, son­dern auch d i e Sieger. Seit die Staatsmän- nur der damaligen Zeit sich in Versailles einfanden um eine neue Weltordnung zu beschließen, sind 1< Jahre vergangen. Zeit genug, um ein Urteil über die allgemeine Tendenz einer Entwicklung stellen zu können. Es ist nicht nötig, daß wir hier aus den Quellen literarischer oder publizistischer Tätigkeit kritische Stimmen über diese Zeit zusammensuchen und aneinanderreihen, um so zu einer abschließen­den Feststellung zu gelangen, nein; es genügt, d e n Blick in d i e heutige Welt zu lenken, in ihr tatsächliches Erleben, in ihre Hoffnungen und

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Die Rede des Führers.

Berlin, 7. März. (DNB. Funkspruch.) Zu Be­ginn der heutigen Reichstagssitzung hielt der Führer und Reichskanzler folgende Rede:

Männer des Deutschen Reichstages!

Der Präsident des Deutschen Reichstages, Partei­genosse Göring, hat in meinem Auftrage diese heutige Sitzung einberufen, um Ihnen die Gelegen­heit zu geben, eine Erklärung der Reichs- regierung entgegenzunehmen zu den Fragen, die nicht nur von Ihnen, sondern vom ganzen deut­schen Volk instinktiv als wichtig, ja als ent­scheidend angesehen werden.

Als in den grauen Nooembertagen des Jahres 1918 der Vorhang über das blutige Trauerspiel des großen Krieges herabgelassen wurde, atmeten Mil­lionen von Menschen in der ganzen Welt auf. Gleich einem Frühlingsahnen ging über die Völker die Hoffnung, daß damit nicht nur eine der traurigsten Verwirrungen der Menschheitsgeschichte ihren Ab­schluß gefunden, sondern daß eine fehlerhafte und deshalb unheilvolle Zeit i tzr e geschichtliche Wende erfahren hatte.

Durch alles Kriegsgeschrei, durch wilde Drohuu- gen, Anklagen, Verwünschungen und Verurteilungen hindurch hatten die Auffassungendes ame­rikanischen Präsidenten die Ohren der Menschheit erreicht, in denen von einer neuen Zeit und einer besseren Welt die Rede war. In zusammen 17 Punkten wurde den Völkern ein Aufriß gegeben für eine solche neue Völker- und damit Menschheitsordnung .

Der Führer gewinnt dem deutschen Volke Freiheit und volle Souveränität zurück.

Gin vom Führer im Reichstag verkündetes Memorandum der Reichsregierung notifiziert den Locarnomächten die Auf­hebung der einseitig entmilitarisierten Rheinlandzone. - Deutschland ist zur beiderseitigen Errichtung von Grenz­zonen, zum Abschluß eines Nichtangriffspakts mit seinen Nachbarn im Westen und Osten und emes -uftpaktes bereit. - Deutschland ist bereit, wieder dem Völkerbund beizutreten. - Deutsche Truppen haben ihre Fnedensgarmsonen im Rheinland bezogen. - Am 29. März Neuwahl des Reichstags.

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