186. Jahrgang
Gießener Anzeiger
Getäuschte Hoffnung aus eine neue Weliordnung
Wende Spannungen zwischen den Völkern
Ohne neue geWge Einstellung keine wahre Vesriedung.
Meine Abgeordneten des deutschen Reichstages!
Wenn ich diese psychologischen Probleme immer so ausführlich behandle, so geschieht es, weil ich der Ueberzeugung bin, daß man ohne eine U m - stellun'g in der gei st igen Betrachtung der Ausgestaltung unserer internationalen Völker- bezichungeu niemals zu dem Resultat
und wehrlosen Mißhandlung der Welt Ideen zu geben oder gar Gesetze des Lebens vorzuschreiben. Das taten die mächtigen Regierenden dieser Erde. Deutschland aber gehörte mehr als 15 Jahre nur zu den Regierten. Ich erwähne dies weiter, weil ich dem deutschen Volk und vielleicht darüber hinaus auch anderen Menschen das Auge ö f f • nen möchte für die Erkenntnis, daß die Befolgung fehlerhafter, weil unrichtl- ger Grundsätze auch zu fehlerhaften falschenErgebnissen führen muß. Daß wir selbst als Leidtragende dieser Entwicklung besonders schwer getroffen wurden, hängt, wie schon betont, zum Teil mit unserem tiefen Sturz zusammen. Aber allein, daß die ganze Welt in diese Zeit andauernder Spannungen und fortdauernder Krisen fiel, ist zurückzuführen auf die geringe Vernunft und Einsicht, mit der die Probleme der Völker im einzelnen und untereinander gesehen und behandelt werden.
dieser Verbohrtheit heraus nicht nur die Ursachen dieses Unglückes nicht gesehen werden wollen, sondern daß man sich geradezu an d i e s e m Unglück weidet und in der öffentlichen Diskussion mit mehr oder weniger großer Schadenfreude feststellt, wie bedroht oder gefährdet die Lebensmöglichkeiten des einen oder des anderen Volkes sind.
Daß die Welt 3. B. kein Verständnis aufbringen will für die Ursachen über die Schwere der Lebensbehauptung des deutschen Volkes, ist be- . bäuerlich. Geradezu erschütternd ist, jeden Tag > in soundso viel Presseorganen lesen zu können, mit welcher Befriedigung man die Sorgen , wahrnimmt, die das Leben unseres Volkes
Der Geist der ilnvernunfi triumphiert seit dem Versailler Vertrag in der Politik.
geistige Vorstellungen, für Weltrevolutionen, Bolschewismus, oder sogar „Rie-wieder-krleg"- Jdole zum Kriege rüsten und die Völker dafür
in Bewegung sehen.
Meine Abgeordneten!
Wenn ich Ihnen und dem deutschen Volke diese Tat fachen vor Augen führe, geschieht es weniger, um Ihr Verständnis zu erwecken für die Größe der Zeit, in der wir leben, als vielmehr für die Unzulänglichkeit der geistigen und sachlichen Arbeit jener, die sich einst als berufen aufspielten, der Welt eine Epoche fried- licher Evolution und gesegneterWohl- fahrt zu schenken. Und noch etwas möchte ich in dieser Stunde feststellen: an dieser Entwicklung sind nicht wir schuld, denn es lag nicht in unserer Kraft oder in unserem Vermögen, nach dem furchtbaren Zusammenbruch und in der Zeit der Demütigung
zwangsläufig begleiten. Soweit es sich um belanglose Literalen handelt, mag dies noch hingehen. Böse aber ist es, wenn auch Staatsmänner beginnen, in den ersichtlichen oder vermeintlichen Anzeichen von Rot und Elend eines Volkes erfreuliche Momente für die Beurteilung der allgemeinen Lage und ihrer Zukunft zu sehen.
Diese Entwicklung aber nahm ihren Ausgang von jenem unseligen Vertrag, der einst als ein Werk menschlicher Kurzsichtigkeit und unvernünftiger Leidenschaften in der Geschichte als Musterbeispiel gelten wird, wie man Kriege nicht beenden darf, wenn man nicht neue Wirrnisse über die Völker zu bringen beabsichtigt. Aus dem Geiste dieses Vertrages kam bei seiner engen Verbindung mit der Konstituierung der Gemeinschaft der Rationen die Dor- bet a ff u n g des Völkerbundes und damit auch dessen Entwertung. Seitdem besteht die Diskrepanz zwischen der durch den Ariedensvertrag eingeteilten Welt in Besiegte, d. h. Rechtlvfeund Sieger,d.h.Alleinberechtigte und den allein denkbaren Grundsätzen des Völkerbundes, als eine Gemeinschaft freier und gleicher Rationen.
Aus der geistigen Atmosphäre dieses Vertrages heraus kam auch die kurzsichtige Behandlung zahlreicher politischer und ökonomischer Fragen der Welt. Völkergrenzen wurden gezogen, nicht nach den klaren Notwendigkeiten des Lebens und der Berücksichtigung gegebener Traditionen, sondern eher von dem Gedanken der Rachsucht und der Vergeltung, und damit wieder begleitet von den Gefühlen der Angst und der Befürchtungen gegenüber der sich daraus möglicherweise erhebenden Revanche. Es gab einen Augenblick, da hätten es die Staatsmänner in der Hand gehabt, durch einen einzigen Appell an die Vernunft und auch an das Herz der Soldaten der kämpfenden Millionen-Armeen der Völker eine brüderliche Verständigung einzuleiten, die der Welt vielleicht auf Jahrhunderte für das Zusammenleben der Nationen und Staaten unendliche Erleichterungen geschenkt haben würde. Es geschah nur das Gegenteil.
Das Schlimmste aber ist, daß der G e i st des Hasses dieses Vertrages überging m die allgemeine Mentalität der Völker, daß er die öffentliche Meinung zu infizieren und damit zu beherrschen anfing, und daß nun aus diesem Geist des Hasses heraus die Unvernunft zu triumphieren begann, die die natürlichsten Probleme des Dölkerlebens, ja selbst die eigensten Interessen verkannte und mit Gift verblendeter Leidenschaften zerstörte.
Daß die Welt heute von sehr viel Unheil heirn- gesucht wird, ist weder zu übersehen noch zu bestreiten. Das Schlimmste aber ist, daß aus dem Geist
einer wirklichen Befriedung de« Menschheit kommen wird. Auch die heutigen schicksalsschweren Spannungen, die wir in Europa erleben, verdanken ihre Entstehung dieser Unvernunft, mit der man glaubt, mit den natürlichsten Belangen der Völker umspringen zu können. (St gibt heute Politiker, die sich nur dann sicher zu fühe
in ihre Enttäuschungen, in ihre Krisen und m ihre Kämpfe, um die eindeutige Antwort zu erhalten auf die Frage der richtigen Bewertung dieser Entwicklung.
Statt der wärmenden Empfindungen einer allmählichen Entspannung menschlicher Gegensätze erleben wir die sorgenvolle Unruhe, die sich nicht zu vermindern, sondern leider zu steigern scheint. Argwohn und haß, Reid und Habsucht, Mißtrauen und Verdächtigung sind die fühlbaren Empfindungen, die die Völker beherrschen. Jener Friede, der einst als Schlußstein gelegt werden sollte über der vermauerten Gruft des Krieges wurde zur brachen Saat neuer Kämpfe. Wohin wir seitdem blicken, erleben wir das Aufflackern innerer und äußerer Unruhen. Kem Jahr vergeht, in dem nicht seitdem irgendwo auf dieser Erde statt dem Läuten der F r i e d e n s g l 0 ck e n das Getöse der Waffen vernehmbar ist. Wer will sich wundern, daß aus einer solchen tragischen Enttäuschung heraus auch im Innern der Völker das Vertrauen zur Richtigkeit einer Weltordnung erschüttert wird, die in so katastrophaler Weise zu versagen scheint?
Neue Vorstellungen versuchen sich der Menschen zu bemächtigen und die sie gewinnen sofort als Kämpfer für neue Eroberungen ausaufcbirfen. Die Weltgeschichte wird einmal feststellen, daß feit der Beendigung des großen Krieges die Erde von geistigen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen heimgesucht wurde, wie sie im allgemeinen nur in Jahrtausenden äuftreten, um Völkern und Kontinenten ihren besonderen Sinn und Charakter zu geben. Man bedenke: seit dieser Zeit ist d i e S p a n n u n g z w i s ch e n d e n D 0 l - fern größer geworden a l s sie 1 e z u - vor war. Die bolschewistische Revolution drückt einem der größten Reiche der Erde nicht nur äußerlich einen Stempel auf, sondern setzt es innerlich in einen unüberbrückbaren weltanschaulichen und religiösen Gegensatzzu den umliegenden Völkern und S t a a te n Nicht nur allgemein menschliche, wirtschaftliche oder politische Auffassungen brechen zusammen und begraben ihre bisherigen Vertreter, Parteien, Organisationen und Staaten unter sich, nein: eine Welt übersinnlicher Vorstellungen wird eingerissen, ein Gott wird entthront, Religionen und Kirchen aus-
Dies begann aber im Jahre 1918. Damals setzte in besonders eindringlicher Weise jene „Staatskunst" ein, die durch Unvernunft Probleme schafft, um dann an ihrer Lösung entweder zu verzagen oder fortgesetzt angsterfüllt aufzukreischen. Jene Unvernunft, die gänzlich übersieht, daß ungeschichtliche staatliche Volkszerreißungen nicht den geschichtlichen tatsächlichen Faktor eines Volkes beseitigen, sondern nur die mögliche Wahrnehmung der Lebensinteressen, die Drganifie- rung der Lebensbehauptung erschweren oder sogar unmöglich machen, das war jene Unvernunft, in der man z. B. im Falle Deutschland einer 65-Mil- lionen-Nation mit wissenschaftlicher Methodik er ft alle möglichen Lebens st ränge nach außen abschnitt, alle wirtschaftlichen Verbindungen raubte, alle Auslandkapitalien konfiszierte, den Handel vernichtete, dann dieses Volk mit einer unvorstellbaren astronomischen Schuld belastete, ihm endlich, um diese Schuld abtragen zu können, ausländische Kredite gab, um die Kredite verzinsen zu können, einen Export um jeden Preis heranzüchtete, endlich d i e Absatzmärkte vermauerte, dieses Volk somit einer furchtbaren Verarmung und Verelendung entgegentrieb, und nun über mangelnde Zahlkraft oder den bösen Willen klagte. Das aber bezeichnet man dann als „weise S t a a t s k u n ft" !
gerottet, das Jenseits verödet, um ein qualvolles Diesseits als das einzige Seiende proklamiert. Kaiser- und Königreiche stürzen und entwurzeln sich allmählich sogar in der Erinnerung, genau so wie umgekehrt wieder parlamentarische Demokraten von den Völkern aufgegeben werden, um neue Staatsgedanken an ihre Stelle zu setzen. Und parallel damit werden wirtschaftliche Maxime, die früher geradezu als Grundlage des menschlichen Gemeinschaftslebens gegolten haben, überwunden und abgelöst von konträren Auffassungen-, dazwischen senken sich die Schrecken der Arbeitslosigkeit und damit des Hungers und des Elends über die Völker und schlagen Millionen Menscken in ihren Bann.
Diese erstaunte Menschheit aber sieht, daß der kriegsgoft seine Rüstung nicht abgelegt hat, sondern im Gegenteil schwerer gepanzert denn je über die Erde schreitet. Denn früher Armeen von Hunderttausenden für die Ziele einer imperialistischen Dynastie-, Kabinetts- oder Rationalitätenpolitik einlraten, dann find es heute Milllonen-Armeeu, die für neue
Was immer auch an diesen Punkten auszustellen war oder ausgestellt wurde, sie hatten ohne Zweifel eines für sich: die Erkenntnis, daß eine mechanische Wiederherstellung früherer Zu stände, Einrichtungen und Auffassungen in kurzer Zeit a u ch w i e d e r z u ähnlichen Folgen würde führen müssen. Und darin lag das Bezaubernde dieser Thesen, daß sie mit unbestreitbarer Großartigkeit versuchten, dem Zusammenleben derVöl- ker neue Gesetze zu geben und es mit einem neuen Geist zu erfüllen, aus dem heraus dann jene Institution wachsen und gedeihen konnte, die als Bund aller Rationen berufen fein sollte, die Völker nicht nur äußerlich zusammenzuschliehen, sondern vor allem innerlich einander näher zu bringen in gegenseitiger Rücksichtnahme und in gegenseitigem Verstehen.
Kein Volk ist der Zauberkraft dieser Phantasie mehr verfallen als das deutsche. Es Hai. die Ehre, gegen eine Wett kämpfen zu müssen, und das Unglück, m diesem Kampfe zu unterliegen. Es war aber als Unterlegener belüftet mit dem Fluch Der Verantwortung für e i n R i n g e n, das dieses Volk weder geahnt, noch gewünscht hatte. Das deutsche Volk glaubte an diese Thesen mit der Kraft eines an sich und der Welt Verzweifelnden. Es begann damit seinen Weg in seine leidoollste Zeit. Wir alle sind Jahre hindurch Opfer dieses phantasttschen Glaubens und der entsetzlichen Folgen gewesen.
Es ist nicht der Zweck dieser Ausführungen, der furchtbaren Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, die unser Volk in steigendem Maße ergriffen hatte. Ich will nicht von der Verzweiflung reden und von dem Schmerz und dem Jammer, den diese Jahre für das deutsche Volk und für uns in sich bargen. Wir waren in einen Krieg gerissen worden, an dessen Ausbruch mir genau s 0 schuldlos oder schuldhaft waren, wie die anderen Völker auch. Wir aber sind gerade als die am meisten Opfernden auch am leichtesten dem Glauben an eine bessere Zeit verfallen.
Allein nichtnurwir,dieUnterlegenen, haben die Verwandlung des phantasievollen Bildes einer neuen Zeit und Menschheitsentwicklung in eine jammervolle Realität erlebt, sondern auch d i e Sieger. Seit die Staatsmän- nur der damaligen Zeit sich in Versailles einfanden um eine neue Weltordnung zu beschließen, sind 1< Jahre vergangen. Zeit genug, um ein Urteil über die allgemeine Tendenz einer Entwicklung stellen zu können. Es ist nicht nötig, daß wir hier aus den Quellen literarischer oder publizistischer Tätigkeit kritische Stimmen über diese Zeit zusammensuchen und aneinanderreihen, um so zu einer abschließenden Feststellung zu gelangen, nein; es genügt, d e n Blick in d i e heutige Welt zu lenken, in ihr tatsächliches Erleben, in ihre Hoffnungen und
Hr.57 Sanftes Blatt Sonderausgabe W. Jahrgang ^mde
Erscheint täglich, nutzer JHHF M W für die Mittagsnummer
Sonntags und Feiertags ▼ ■ a A A bis 8'/,Uhr des Vormittags
vlvlivllvl vIlljvlWvV Ste
Auch bei Nichterscheinen N M MM Ermäßigte Grundpreise:
von einzelnen Nummern Stellen-, Vereins-, gemein*
General-Anzeiger für Oberhessen
richten: Anzeiger Gießen v 1 behördliche Anzeigen6Rpf.
StX'Äin 11688 Druck und Verlag: vrühl'fthe Uuiversitäts.vuch- und Steindruckerei «.Lauge in Si-h-u. Schriftleitung und GefchSslsstelle: Schulftrahe 7 M-ng°nabfchiMSt°ff^
Die Rede des Führers.
Berlin, 7. März. (DNB. Funkspruch.) Zu Beginn der heutigen Reichstagssitzung hielt der Führer und Reichskanzler folgende Rede:
Männer des Deutschen Reichstages!
Der Präsident des Deutschen Reichstages, Parteigenosse Göring, hat in meinem Auftrage diese heutige Sitzung einberufen, um Ihnen die Gelegenheit zu geben, eine Erklärung der Reichs- regierung entgegenzunehmen zu den Fragen, die nicht nur von Ihnen, sondern vom ganzen deutschen Volk instinktiv als wichtig, ja als entscheidend angesehen werden.
Als in den grauen Nooembertagen des Jahres 1918 der Vorhang über das blutige Trauerspiel des großen Krieges herabgelassen wurde, atmeten Millionen von Menschen in der ganzen Welt auf. Gleich einem Frühlingsahnen ging über die Völker die Hoffnung, daß damit nicht nur eine der traurigsten Verwirrungen der Menschheitsgeschichte ihren Abschluß gefunden, sondern daß eine fehlerhafte und deshalb unheilvolle Zeit i tzr e geschichtliche Wende erfahren hatte.
Durch alles Kriegsgeschrei, durch wilde Drohuu- gen, Anklagen, Verwünschungen und Verurteilungen hindurch hatten die Auffassungendes amerikanischen Präsidenten die Ohren der Menschheit erreicht, in denen von einer neuen Zeit und einer besseren Welt die Rede war. In zusammen 17 Punkten wurde den Völkern ein Aufriß gegeben für eine solche neue Völker- und damit Menschheitsordnung .
Der Führer gewinnt dem deutschen Volke Freiheit und volle Souveränität zurück.
Gin vom Führer im Reichstag verkündetes Memorandum der Reichsregierung notifiziert den Locarnomächten die Aufhebung der einseitig entmilitarisierten Rheinlandzone. - Deutschland ist zur beiderseitigen Errichtung von Grenzzonen, zum Abschluß eines Nichtangriffspakts mit seinen Nachbarn im Westen und Osten und emes -uftpaktes bereit. - Deutschland ist bereit, wieder dem Völkerbund beizutreten. - Deutsche Truppen haben ihre Fnedensgarmsonen im Rheinland bezogen. - Am 29. März Neuwahl des Reichstags.
»•
m
®nen, 6rnen, *erlen ff.
en jffnet! es zwang. >n - ich denheit
ptiker
aller
rankenkassen
324 t"
, aller Ruhe
*‘u,ahrenU
Ausbau eit; <2 fcss ßriK***
SL'K fäsr»* litt-
HÜTER


