Ausgabe 
7.3.1936
 
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Samstag, 7. März Mb

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesjen)

Nr. 57 Zweites Blatt

Oie Frage an England.

Als vor einigen Monaten die öffentliche Mei­nung Englands das Kabinett Baldwin zwang, fei­nen Außenminister zu desavouieren, und Sir Sa­muel Hoare aus der Verwerfung seines in Paris mit Laval zusammen aufgestellten Friedensplanes zur Beilegung des italienisch-abessinischen Konflikts die Folgerungen zog und zurücktrat, mußte man aus diesem dramatischen Zwischenspiel den Eindruck gewinnen, daß von England aus jedenfalls sobald keine neue Initiative für eine Friedensaktion aus­gehen würde. Umso größer ist die Ueberraschung, daß vermutlich unter dem Eindruck der letzten gro­ßen Erfolge der italienischen Waffen auf dem nord- abessinischen Kriegsschauplatz Hoares Nachfolger Eden, dem als Freund der Sanktionspolitik die Leitung des Foreign Office übertragen worden war, auf der letzten Sitzung der Genfer Sanktionskon­ferenz des Völkerbundes sich anscheinend auf Drän­gen seines französischen Kollegen zur Beteiligung an einer neuen Friedensaktion bereitge­funden hat, die allerdings, da sie keine bestimmten Vorschläge formuliert hat, sondern sich auf das Angebot' der Vermittlung zur Ingangsetzung von

Heute Mittag Gitzuno des Reichstags.

Berlin, 7. TNärz. (DNB.) Der Reichstag ist auf heute, Samstag, um 12 Uhr, zusammenbe­rufen worden. Auf der Tagesordnung sieht als ein­ziger Punkt die Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung. Die Sitzung wird auf alle deutschen Sender übertragen.

Die Mitwirkung der Sanktionen aus den Locarnovertrag.

Frankreich erstrebt in London eine Rückversicherung für den Fall der Kündigung des Mititärabkommens durch Italien.

gen sollte.

hat ich oie i*aqe reinesweqs geoepen. j«, ,

Einheitsfront gegen den Angreifer ist für das in Versailles entwaffnete und bis zu jenem

London in Erwartung der Aeichstagssitzung.

sollte. , t

Für Eden hat sich die Lage keineswegs gebessert.

nalisten erneut die Hand zu einer Verständi- gungmit Frankreich ausgestreckt, die ja auch nach englischer Auffassung die beste Sicherung des europäischen Friedens darstellt. Das Echo, das des Führers Angebot in Frankreich gefunden hat, war auch nach englischem Eindruck nicht sehr ermunternd. In Kreisen der französischen Frontkämpfer findet das Bemühen des Führers, zu einer freimütigen Aussprache zu kommen, zwar viel Verständnis, aber Regierung, Parlamentarier und große Presse hüllen sich in Schweigen oder reagieren mit Miß­trauen und Argwohn. Man hält mit Zähigkeit fest an den alten Vorstellungen der Bündnispolitik und begibt sich lieber in Abhängigkeit von der in ganz andere Interessen verstrickten Politik Moskaus, als daß man sich zu einer offenen Verständigung mit seinem größten europäischen Nachbarn entschließt.

Aus dieser Einstellung ist es auch nur begreiflich, daß in Paris die ganze Sanktionspolltik gegen Italien immer vorwiegend aus der Perspektive beurteilt wird, wie sie das französische Bündnis sy st em beeinflussen könnte. Die Fran­zosen werden es sich vermutlich im stillen nicht ver­zeihen können, daß sie selber mit dem römischen Abkommen vom Dreikönigstag 1934 den Anstoß zu dem Ostafrikafeldzug Italiens mit allen seinen politischen Folgen gegeben haben. Italien sollte da­mals für das französische Bündnissystem gewonnen werden. Deshalb mußte der koloniale Kon­flikt zwischen den beiden lateinischen Schwestern durch eine Befriedigung der kolonialen Ansprüche des rohstoff- und landhungrigen Italiens zuerst beseitigt und dann durch einen Ausgleich mit Südslawien, dem alten Adria-Gegner der Italiener, über den Südosten eine Verständigung getroffen werden. Der erste Teil der Ausgabe hat nur eine äußerst problematische Lösung gebracht, denn Frankreich sieht sich ständig von der Not­wendigkeit bedroht, zwischen zwei Verbündeten England und Italien, wählen zu müssen, der zweite Teil ist gar nicht versucht, ja die Sanktionspolitik hat Italien und die Kleine Entente stärker denn je entfremdet und droht, wenn England auf eine Verschärfung drängt, Italien zum Verlassen des Völkerbundes und zum Lossagen von seinen Locarnooerpflichtungen zu brin­gen. Beide Möglichkeiten werden in der Presse bereits eingehend erörtert. Auch die Franzosen rechnen damit und wollen sich nun von England ihre Gefolgschaftstreue in der Sanktionsfrage mit noch handgreiflicheren Garantien für ihre Ostgrenze bezahlen lassen. Daß jede einseitig gewährte Garan­tie den Rahmen des Locarnoabkommens ebenso sprengen müßte, wie ja schon der Beistandspakt mit Moskau dem Sinn des Locarnovertrags zu­widerläuft, scheint die Franzosen auf ihrer Suche nach einem Ersatz für ihren künftig ausfallenden italienischen Bundesgenossen nicht zu stören. Diese

lediglich dahin, ob England eine Versiche­rung über die Erfütlung seiner £o- carnoverpflichtungen abgeben wolle, wenn Italien den Vertrag künd'

London, 7. März. (DNB. Funkspr.) Die ge. famte englische Presse steht heute tm Zeichen der Reichstagseinberufung und der angekündigten deutschen Regierungserklärung. An­gesichts der verwirrten internationalen Lage sieht man hier den Mitteilungen des Führers mit d e r denkbar größten Spannung entgegen. Diese Spannung ist schon daraus ersichtlich, daß die Blätter spaltenlange Meldungen aus Berlin und teilweise auch aus Paris bringen, in denen d i e weitgehendsten Vermutungen und Ge­rüchte über den voraussichtlichen Inhalt der Führer-Erklärung gesponnen werden. Der Bericht von der Einberufung des Reichstages wird von ~ des Tages

London, 7. März. (DNB. Funkspruch.) Der englische Schatzkanzler Neville Chamberlain erklärte in seinem Wahlkreis in Birmingham, das Aufrüstungsprogramm sei die dringend st e Maßnahme, mit der die englische Regierung sich zu beschäftigen habe. Man müsse sich vor Augen halten, daß zur Zeit große Beunruhigung unter den Völkern der Welt herrsche, und daß sich die internationale Lage ständig verschlech­tert habe. Niemand könne den Ereignissen jen­seits der See zusehen, ohne festzustellen, daß bei­nahe jede Nation in der Welt aufrüste, einige von ihnen sogar in einem außerordentlich schnellen Tempo. England könne vor den Vorgängen in anderen Ländern nicht die Augen verschließen, sondern müsse sein eigenes Land sicher machen.

Wir sind entschlossen", so erklärte Chamberlain, eine Luftstreitkraft zu bauen, die so schnell und so gewaltig ist, daß sie ein wirksames Ab­schreckungsmittel gegen jedermann sein wird, der an eine feindselige Handlung gegen uns denken sollte." Das Heer müsse, so fuhr der Schatzkanzler ort, mit den besten und modernsten Waffen aus­gerüstet sein, die die Wissenschaft zur Verfügung stellen kann. Die Flotte müsse stark genug ge­macht werden, um in der Lage zu sein, die See- verbindungen zwischen England und anderen Teilen der Welt aufrechtzuerhalten.England er­wartet keinen Krieg. Wir hoffen, daß er niemals kommen wird. Aber wir müssen auf alle Gelegenheiten vorbereitet sein. In einem neuen Krieg müßte England in der Lage sein, sofort eine ausgebaute Munitionsbe­lieferung zur Verfügung zu haben.

Daß die Regierung keine genauen finanziellen und organisatorischen Angaben über ihr Rüstungspro­gramm gemacht habe, sei darauf zurückzuführen, daß die Lage dauernd wechsle, daß ständig neue Erfindungen gemacht würden und daß andere

Verhandlungen mit den beiden kriegführenden Par­teien beschränkte, einen ganz anderen Charakter hat, als der Pariser Friedensplan, über den einst Sir Samuel Hoare gestolpert ist. Aber Eden als Exponent einer Politik, die den Völkerbund auf seine Brauchbarkeit als Mittel der kollektiven Frie­denssicherung auf die Probe zu stellen wünscht, glaubte es sich schuldig zu sein, das neue Vermitt­lungsangebot des Dreizehnerausschusses mit der deutlichen Drohung zu würzen, daß der Ausschuß dis zum Eingang der Antworten sich mit den Vor­bereitungen der' O e l s p e r r e beschäftigen werde, die bei Ablehnung von Verhandlungen notwendi­gerweise in Kraft treten müsse. Die so formulierte Anfrage in Rom ist fast ein Ultimatum und man fragt sich erstaunt, aus welchen Gründen Eden wirklich den Augenblick großer militärischer Erfolge Italiens, die Mussolini die Hoffnung geben, daß er den Krieg mit den Waffen beendigen kann bevor die Sanktionen wirksam werden, für angezeigt hielt dem Duce gegenüber eine Sprache anzuschlagen, die diesem kaum eine andere Möglichkeit läßt, als jede Verhandlung unter dem Druck von Sanktionen abzulehnen. Italiens Weigerung, unter den gegen­wärtigen Umständen einen Flottenoertrag abzu­schließen, deutete ja schon auf die politische Linie hin, die Mussolini zu verfolgen gedenkt.

In London scheint denn auch, wenn man eng­lischen Pressestimmen Glauben schenken darf, Edens Ultimatum bei einigen seiner Kollegen im Kabinett bedenkliches Kopfschütteln erregt zu haben. Damit würde sich die tragikomische Situation ergeben, daß man Eden jetzt sein scharfes Auftreten und die An­kündigung weiterer Sanktionen zum Vorwurf macht', während seinerzeit sein Vorgänger Sir Sa­muel Hoare wegen seiner Neigung zu friedlichem Ausgleich über die Klinge springen mußte. Durch die italienischen Siege in Ostafrika hat sich eben auch für England die Lage beträchtlich verschoben. England kann nun nicht mehr damit rechnen, daß, wie es gehofft hatte, die Partie zwischen Italien und Abessinien unentschieden bleibt und Rom dann notgedrungen sich die englische Vermittlung ge­fallen lassen muß. Edens ultimative Drohung hat dem Duce ein Eingehen auf das neue Genfer Ver­mittlungsangebot zweifellos sehr erschwert und gewiß werden ihn die Siege der italienischen Waf­fen in Abessinien nicht nachgiebiger gemacht haben. In London sieht man sich also vor die Notwendig­keit gestellt, sich über die Politik klar zu werden, mit der man eine Ablehnung Mussolinis beantwor­ten will. Man begreift die Sorgen der englischen Staatsmänner, aus der Zwickmühle wieder heraus­zukommen, die Edens Zug in Genf für England geöffnet hat. Denn Sir Samuel Hoare hatte ja ge­glaubt, schon damals von einer Verschärfung der Sanktionen gegen Italien abraten zu müssen, als die Lage auf dem Kriegsschauplatz keine Aussichten auf Erfolge zu bieten schien, weil er weder eine Einheitsfront der Mächte als Voraussetzung einer erfolgreichen Sanktionspolitik für gegeben dielt, noch Englands Kräfte im Mittelmeer für stark aenu" hielt, um gegebenenfalls allein mit Italien die Klingen zu kreuzen, wenn dieses verschärfte Sanktionen mit der Kriegserklärung beantworten

warten werde.

Die Regierung könne antworten, daß General- stabsverhandlungen über eine militärische Un­terstützung im Falle eines Angriffs mit Frank­reich nur begonnen werden könnten, wenn gleichzeitig ehrliche Besprechun­gen mit Deutschland eröffnet würden, um die Unparteilichkeit Englands als Partner des £ o c a r n o - V e r l r a - g e s aufrechtzuerhalten. England könne auf das letzte Interview Hitlers imParis Midi" zu­rückgreifen und eine Entspannung zwischen Deutschland und Frankreich herbeizuführen ver­suchen, indem es eine allgemeine Be­sprechung deutsch-französischer Probleme ein­schließlich der entmilitarisierten Zone und des west-£uflPaktes zustande brin­gen würde.

Moruing Post" meldet, das englische Kabinett habe eine französische Denkschrift vor­liegen. Sie fei von Flandin und Paul- Boncour verfaßt. Eden habe sie nach London mitgebracht. In ihr erinnere die französische Regie­rung daran, daß sie der britischen Forderung nach Unterstützung im Mittelmeer nachgekommen sei. Das Blatt schreibt, England habe wiederholt seine Treue zum Locarno-Dertrag versichert, aber sich stets geweigert, im voraus irgend­welche Sonderversprechungen zu machen. Im vorliegenden Falle könnte jedoch ein Festhalten an dieser Stellungnahme eine Verweigerung der französischen Mitarbeit bei Sühne- maßn ahmen zur Folge haben. Daher sei es wohl möglich, daß die Regierung beschließen.werde, einen Schritt vorwärts zu tun.

Nationen die Art ihrer Rüstungen verändern, so daß auch der englische Rüstungsplan später wieder abgeändert werden müßte.Wir beabsichtigen jedoch, das Rüstungsprogramm so schnell, wie es überhaupt irgend möglich ist, durchzuführen." Das englische Volk dürfe ip diesem Jahre nicht mit einer Steuerherabsetzung rechnen.

Oie Jugend

gegen die Kriegspanik aufaerufen.

London, 7. März. (DNB. Funkspruch.) Dos neue Aufrüstungsprogramm wurde von führenden Mitgliedern der Arbeiteropposition scharf ange­griffen. Der Oppositionsführer Major A t t l e e erklärte in London, die englische Regierung und die Regierungen der anderen Länder müßten überredet werden, den Lauf der Ereignisse zu ändern, da es sonst zu einer Weltkatastrophe kommen werde. Der frühere Oppositionsführer Len Derrn führte in Oxford u. a. aus, das Rüstungsprogramm sei ein überzeugender Beweis, daß die englische Re­gierung einen Krieg von riesenhaftem Ausmaß für unvermeidlich halte. Er appelliere an die Jugend, sie solle auf der Ein­berufung einer Konferenz der Jugend aller Völker bestehen, bevor das Unvermeidliche eintrete.

Verdoppelung des Haushalts der englischen Luftwaffe.

London, 6. März. (DNB.) Als letzter der bre- Wehrhaushalte wurde der Voranschlag für die eng lifchen Luftstreitkräfte bekanntgegeben. Die hierfür in Aussicht genommenen Ausgaben be­laufen sich ausschließlich der auf Grund des Weiß­buches noch zu erwartenden Nachtragshaushalte auf insgesamt 43,5 Millionen Pfund, was gegen-

denkwürdigen 16. März vorigen Jahres in drücken­der Wehrlosigkeit gehaltene Deutschland nur eben das Mindestmaß an Sicherheit schaffen foU unb an dem Zeitraum und unseren finanziellen Möglich­keiten gemessen auch nur schaffen kann, das eine Nation fordern muß, die wie die deutsche im Her­zen des Erdteils mit offenen Grenzen nach allen Himmelsrichtungen die stärksten Militärmächte der Welt in bedrohlicher Nähe und durch einen Bei­standspakt mit deutlicher Spitze gegen Deutschland verbunden sich gegenüber sieht. Es ist schon der spürbare Wunsch, einen Sündenbock zu haben, dem man vor der wenig deutschfreundlichen Opposition im eigenen Lande alles aufhängen kann, daß das britische Rüstungsweißbuch die deutschen Rüstungen gegenüber denen anderer Länder man denke nur an die sich ihrer militärischen Unübertrefflichkeit selber laut rühmenden Sowjetrussen ungebühr­lich herausstellte. Das deutsch-englische Flottenabkommen hat den einzigen vor dem Kriege zwischen Deutschland und England bestehen­den politischen Konfliktsstoff für alle Zeiten be­seitigt. Deutschland hat sich auch zu einem Luftab­kommen mit den Westmächten öereiterflart, das allerdings seiner besonderen geopolitischen Lage, die gegebenenfalls eine Verteidigung des deutschen Raumes nach mehreren Fronten notwendig macht, Rechnung tragen müßte. Der Führer hat in feiner letzten Unterredung mit einem französischen Jour-

Daily Mail" meldet, eine der Fragen Flan- dins gehe dahin, ob England sich zur Ent­sendung von Truppen für den Schuh der französischen Alpen­grenze im Falle der Kündigung des fran­zösisch - italienischen Mititärabkommens durch Mussolini verpflichten würde. Ein Teil des englischen Kabinetts sei jedoch auf das b e - stimmteste dagegen, daß die britische Regierung sich zur Entsendung eines Expe­ditionskorps auf das Festland verpflichte. Die Times" meldet, die französische Anfrage gehe

Wir müssen aus alle Gelegenheiten vorbereitet sein."

Oer Schahkanzler Chamberlain zum britischen Aufrüstungsprogramm.

Von einer C.------ .

nach wie vor keine Rede. Eine Oelsperre wurde ver­mutlich erst in Iabr und Tag wirksam werden, selbst wenn die ölproduzierenden Völkerbunds- mächte im Interesse der Sanktionen auf ihr Geschäft verzichten würden, was noch keineswegs feststeht. Und Englands militärische Stellung im Mittelmeer hot sich nicht verändert. Die französische Unter­stützung wird auch dann höchst lau bleiben, wenn die Kammerwahlen den Sanktionsfreunden auf der Linken noch mehr Oberwasser geben sollten, als sie beute schon haben. Denn einen Krieg mit Italien wünschen auch Herriot und Genossen nicht trotz ihrer persönlichen Abneiaung gegen den Faschismus. Und das englische Aufrüstunasprogramm das Eng­land in den Stand setzen soll, seinen Pflichten als Dölkerbnndsmacht bei der Verteidigung her tolleb tinen Sicherheit nachzukommen, steht vorerst noch auf dem Panier. Eben beginnt im britifdjen Unter» bau? der Kamvf um das Rüstungsweißbuch der Regierung Baldwin, und es gehört zu den vielen Kuriositäten der britischen Politik, daß gerade die hitzigsten Befürworter eines Sanktionskriegs gegen den .Angreifer", im konkreten Falle also Italien, nämlich 'Arbeiterpartei und Oppositionsliberale, auch die heftigsten Gegner des Baldwinschen Aus- rüstungsprogramms sind. Daß die Regierung sie mit ihren eigenen Argumenten von ihrer tramtw- nell rüstungsfeindlichen Linie abzudrängen versucht, empfinden sie als unaufrichtig. Wenn das Kabmetl

----' von uec V/Uiuciujuiiy

bi- sämtlichen Zeitungen als Hauptmeldung

I unter sensationellen Schlagzeilen veröffentlicht.

die Aufrüstung mit der Notwendigkeit begründet, daß England in den Stand gesetzt werden müsse, um die im System der kollektiven Sicherheit, dessen Kern der Völkerbund darstelle, übernommenen Ver­pflichtungen zu erfüllen, so ist das nach Meinung der Opposition für Baldwin nur ein bequemer Vor­wand, um die besorgte Weltöffentlichkeit und die Friedensfreunde im eigenen Lande über die wah­ren Zwecke der englischen Aufrüstung zu täuschen, die das Britische Reich befähigen soll, gleichzeitig seine bedrohten Interessen in Ostasien mit seiner traditionellen Vormachtstellung im Mittelmeer zu verteidigen und auf dem europäischen Kontinent sich als Schiedsrichter zu behaupten. Die Opposition wirft der Regierung vor, daß sie mit ihrem Auf­rüstungsprogramm d-as verhängnisvolle Rüstungs­wettrennen vorantreibe, das schon einmal in einem Weltkrieg geendet habe. Tatsächlich begründet das Weißbuch 'Baldwins auch die Notwendigkeit zu rüsten mit der Aufrüstung dex anderen Staaten, denen gegenüber auch England für sich das durch feine geographische Lage bedingte Maß von Sicher­heit schaffen müsse.. rt

Es ist bezeichnend für die englische Einstellung, daß bei dieser Erörterung der Rüstungen anderer Mächte man ein besonders ausführliches Kapitel den Rüstungen Deutschlands widmet die ja, wie auch den Engländern bekannt sein sollte,

Noch feine Antwort Englands.

London, 7. März. (DNB. Funkspruch.) Das englische Kabinett hat bisher noch nicht entschieden über die Antwort, die auf das Verlangen Flandins nach einer Zusicherung militärischer Unterstützung Frankreichs durch Eng­land erteilt wird. Die französische Forderung wird Gegenstand weiterer Kabinettsbesprechungen am Montag vor der Rückreise Edens nach Genf sein. Reuter meldet, die Forderung Flandins müsse im Lichte der Andeutungen Mussolinis über seine Stellungnahme im Falle einer Oelsperre betrachtet werden. Als Gegenmaßnahme gegen eine Oelsperre habe Mussolini mit dem Austritt Italiens aus dem Völkerbund, der Kündigung des italienisch - französi­schen Militärvertrages und der Nicht­unterzeichnung des F l o t t e n a b k o m- mens gedroht. Er habe aber nicht angedeutet, daß er seine Locarnoverpflichtungen nicht erfüllen werde. In London sei man der Ansicht, daß die Forderung Flandins schwerlich endgültig beantwortet werden könne, bevor das Ergebnis des Friedensaufrufes an Italien und Abessinien bekannt sei. Es sei wahr­scheinlich, daß die englische Regierung bis zur ita­lienischen Antwort Frankreich nur vorläufig ant­

im Zeichen des Schlagworts von derkollekttoen Sicherheit" verfolgte Politik Frankreichs führt in Wahrheit wieder zu der alten verhängnisvollen Aufteilung Europas in zwei Lager, niemals aber zu der Zusammenarbeit, die unter Achtung der nationalen Interessen gleichberechtigter Völker allein den Frieden bewahren kann.

Ein kleines Beispiel dafür sind die vielfältigen Bemühungen um eine wirtschaftliche Gesundung des Dvnauraums, die deshalb ohne Erfolg bleiben müssen, weil man die Lösung nicht mitein­ander, sondern gegeneinander sucht. Weder die Kleine Entente unter Frankreichs Aegide noch Oesterreich und Ungarn unter Italiens Protektorat haben es vermocht, für sich allein den erstrebten wirtschaftspolitischen Ausgleich zu finden. Der tschechoslowakische Ministerpräsident Hodza hatte versucht, beide Gruppen zusammenzuführen. Deutschland war schon von jeher beiseite ge­lassen worden, obwohl es den naturgegebenen Ab­satzmarkt für die landwirtschaftliche Ueberschußpro- duktion der Donauländer bietet und selbst im Süd­osten für den Export feiner Jndustriewaren günsti­gen Boden findet. Nun hatte man geglaubt, auch Italien ignorieren zu können. Hodza hat an­scheinend in Wien, wo man durch das ostafrika- nische Engagement seines Protektors ängstlich ge­worden war, mit seinem Werben für einen vorerst nur wirtschaftlichen Anschluß an die Kleine Entente offene Ohren gefunden, aber im eigenen Lager fand sein Plan Gegner in den Südslawen, die die­sen Bemühungen des Tschechen, Deutschland vom Südosten abzüsperren, mit unverhohlenem Miß­trauen begegneten. Nun hat Mussolini dem Spuk ein schnelles Ende gemacht. Er hat Oesterreich und Ungarn zur Bekräftigung des römischen Proto­kolls über die wirtschaftliche Zusammenarbeit der drei Länder nach Rom beordert und zerstört damit die besonders in Paris gläubig aufgenommene Le­gende, daß der Abessinienkrieg Italien hindere, in der europäischen Politik die ihm zukommende Rolle zu spielen. England muß sich nun aus allen die­sen Anzeichen darüber klar werden, welche Folgen es für England selbst wie für ganz Europa haben muß, wenn die englische Politik den Weg der Sank- fionen wett-'rgeht, bis es sich vor hie entscheidende Frage gestellt sieht, ob es zur Rettung der Völkerbundsidee, die sich für die öffentliche Meinung Englands mit dem Grundsatz der kollek­tiven Sicherheit verquickt hat, zum Kriege s ch r e i t e n will, oder in einer vernünftigen Neu­ordnung, die die Ursachen möglicher Konflikte zu be­seitigen trachtet, statt einen ungesunden Zustand zu erhalten sucht, eine bessere Sicherung des Friedens sieht. Es scheint, als ob die politische Entwicklung den Engländern nicht mehr viel Zeit lassen wird, sich die'Antwort auf diese heikle Frage zu über­legen.