Samstag, 7. Marz 1936
186. Jahrgang
Nr. 57 Erstes Blatt
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhefsen
richten- Anzeiger Gietzen v ------y.
S-ai.ifurt’ÄinlWss Druck und Verlag: vrühl'sche Unwerfi.Stsvuch- und s.eindruck-r-i «.Lange in Si-tzen. Schriftleitung und Seschäs,-stelle: Schlllstrahe r M-ng-nabschiM Staffel 8
Oeuffchland gedenkt seiner gefallenen Helden
Heiliger Frühling. I
Eine neue Zeit fängt an. 9m Brand des Weltkrieges leuchtet ihr Morgenrot. Der Geist, der nach dem Neuen verlangt, bindet sich nicht an den Namen, sondern wenn er aus dem Mund schöpferischer Männer von selbst hervorgegangen ist, so strebt er über sie hinaus. Freilich nicht Einrichtungen und Derfassungsparagraphen, nicht neue Gesetze und andere Systeme schaffen den Volksstaat im wahren Sinne, sondern Geist und Willen. Ist die Gesinnung gewonnen, so folgen die Einrichtungen, soweit es ihrer bedarf, gefügig nach.
Der Krieg, dessen Ursachen heute noch immer durch den zum Ueberdruß wiederholten Hinweis auf alle möglichen mehr oder weniger bedeutenden Fehler unserer Politik und politischen Auslösungsmomente abgetan werden, muhte kommen, um uns durch die Not der Gemeinschaft auf die Verantwortlichkeit der Gemeinschaft zu weisen. Wer diesen metaphysischen Urgrund übersieht, der wird auch gegenüber der metaphysischen Notwendigkeit seiner Folgerungen blind bleiben.
Wie oft habe ich an alles, was mir auf der Welt heilig und teuer ist, gedacht, um nicht den Gauben ganz versinken zu sehen, daß der große und edelste Zweck, in dem unser Dasein begann und dem wir drei Jahre alles Denken und Handeln opferten, uns doch einmal zu dem Bewußtsein mächtig emporreißen müßte, daß dieser Augenblick der größte und entscheidendste ist, den unser Volk in seiner zweitausendjährigen Geschichte erlebt hat, ein Augenblick, der nur mit größter Kühnheit und Entschlossenheit und zugleich mit der ganzen Verantwortung für das Schicksal unserer spätesten Zukunft von uns entschieden werden dürfe. Die innere Erhebung des Menschen ist wohl an Augenblicke gebunden, und längst ist jener Augenblick des denkwürdigen deutschen Augustes, der Millionenschichten mit einem Schlage dem Staate innerlich und äußerlich gewann, sie mit dem Bewußtsein einer gemeinsamen Not zur Kameradschaft und gemeinschaftlichen Verantwortung verpflichtete, von der unendlichen Dauer noch härterer und täglich wachsender Spannung abgelöst. Aber das Gelöbnis wirkt fort, und wehe, wenn ein Volk vergessen kann, was es sich in solcher Stunde gelobt, es vergessen kann, wo es noch mitten im Kampfe um sein Dasein steht und längst noch nicht die Früchte seiner harten Blutarbeit hat ernten dürfen.
Ein seltsam trügerischer Vorfrühling ist in unseren Bergen eingezogen, hat selbst von den höchsten Gipfeln, die aus den bewaldeten Schatten ausragen, den Schnee geschmolzen und längst im Talgrund die Weidenkätzchen hervorgelockt. Die Luft süß, offen und stark wie junger Wein über dem Gewürz der Tannen, zwischen Moos und Wurzeln. und der wogendurchtränkten Erde, die sie ausatmet. Ich gieße meine Seele aus wie einen Becher und lasse sie die Erde trinken. Meisen besuchen mein Fenster und picken in den Nüssen, die ich ihnen unter ein Dach von Pappe gestreut, und lesen die Brotkrumen, die ich mit ihnen geteilt.
Aus allen Felsentiefen strömt es wie duftender Wein aus offenen Kellern.
Der Wald lebt nicht mehr mit den Winden, mit denen er wochenlang gekämpft, nur noch mit den weißen Nebeln, die er wie Wolken hin und her bewegt und mit dem Sonnenlicht, das in feine Tiefen einbricht. Vor meinem Häuschen das Geschlecht der alten silbergrauen Buchen, oft in Bündeln von kleinen Säulchen, blank geschliffen und voll runder Glätte aus der Wurzel aussprießend wie ein Pfeilerbündel eines Kirchenportals! Diese romanischen Bäume mit ihren breiten Bogen und dem feinen Ornament ihrer schieferfarbenenAestung. Wie gut vertragen sie sich mit der düsteren Gotik der Tannen, deren schlanke Stämme zur Spitze aufzeigen, deren Zweigansätze wie die Rippen rings um den Schaft verteilt sind. Auch hier gibt es mit Licht und Schatten eine herrliche Architektur.
Hier sagt die Natur alles mit ihrer schönsten Freiheit; sie braucht sich nicht zu eilen, unmerklich und unaufhaltsam wächst ihre Jahreszeit, und alles, was sie bildet, Überliefert sie dem Kommenden, das es mit derselben Treue und unermüdlichen Liebe immer wiederholt.
Aber im Menschen drängt die barbarische Kraft zu einem gewaltsamen schmerzvollen Ausbruch
Unsere ungeduldige Sehnsucht richtet Gott zugrunde. Größer als meine Tage ist der Inhalt meiner Abende, wenn der Mond über dem Rand des Berges aufblüht, ein kleiner Tannenbaum — weit entfernt — in ihm jäh verbrennt und die Zweige feucht werden von dem abglänzenden Licht, das von den Spitzen bis auf den Stamm und die Wurzeln niederfließt.
Größer ist alles, was außerhalb meiner Sinne, meines Handelns und Denkens geschieht.
In wieviel Leben pochst du. Vaterland und schickst eins ums andere ins Opfer! Es ist etwav, das heiliger ist, als dieser" Kampf, heiliger als diese Pflicht, die das Leben wie einen großen festgesetzten Preis ausspielt.
Gott, wann erlöst du uns? Kann es ein Trost sein, daß jetzt viele Tausende auslöschen, deren Leben nur wie ein festgesetzter, immerwährend gleicher Prem ausgespielt wird? Verändert dieser ~ob
nicht die Welt van Grund aus in jedem Augenblick?
Und doch dürfen wir allen Schmerz, alles Bewußtsein von diesem furchtbaren Verhängnis nur in die einzige Hoffnung retten, daß solche Opfer nicht vergeblich sein werden!
Die einzige Gewißheit, die uns bleiben kann, ist die Sehnsucht und der Gedanke, daß nur äußerste Pflichterfüllung uns vor dem Untergang der Seele rettet.
Wir können nichts größeres erleben, als auch unter denen zu fein, die in dieser letzten schwersten Stunde ihr Leben einsetzen für die Zukunft des Vaterlandes, und wenn es sein muß, unserer Bestimmung zu dienen.
Aus „Stirb und Werde", den gesammelten Briesen des am 8. Sept. 1918 vor Arras gefallenen Leutnants Bernhard von der Marwitz (Verlag W. G. Korn, Breslau).
Verpflichtendes Opser.
Wieder gedenken wir unserer Toten aus dem großen Völkerringen. Von ihren Taten haben wir in dieser Zeit, in der sich die 20. Wiederkehr etwa des Ringens um Verdun jährt, oft und mit immer neuer Ergriffenheit gelesen. Endlos lang würde die Liste der Schlachtorte, wollte man sie aufzählen, wenn wir Rückschau halten über das, was unser Volk geleistet, was viele von uns als Mitkämpfer erlebt, was unsere toten Kameraden mit ihrem Herzblut errungen haben.
„Nun ruht ihr aus von Märschen und von Schlachten, einst zog vor euch der Fahne bunter Flügel, jetzt weht der Trauerflor um eure fernen Hügel, die wir als höchstes Heiligtum betrachten ..."
Und doch ist es uns, wenn wir die Erinnerungen zurückfchweifen lassen, wenn wir die Briefe unserer gefallenen Brüder lesen oder die eigenen Erlebnisse überdenken, als seien unsere Kameraden nicht tot, sondern als wären sie mitten unter uns. Tot ist nur, wer vergessen ist. Nie aber könnte jemals dieses gewaltige Ringen unserer Nation gegen eine ganze Welt, wie könnte der eisenharte Wider- tand unserer Tapferen, wie könnten die Opfer ohne Zahl jemals vergessen werden, solange es eine deutsche Geschichte gibt?!
Zwei Millionen deutscher Männer sanken in Ost und West, im Weltmeer und in den Kolonien, im Orient und in den Gefangenenlagern in das frühe Grab. Ungezählt und unzählbar find die Opfer in der Heimat durch die Wirkung der feindlichen Blockade auf Frauen, Kinder und Greise. Wie oft haben nach einem Frieden, der den Unfrieden der Welt zu verewigen schien, verzweifelte Herzen die Frage gestellt: wo ist der Sinn dieses ungeheuren Sterbens, das umsonst geblieben ist? Mußten mir die Blüte unserer Mannschaft deshalb begraben, um den Namen unseres Volkes mit der Schuldlüge befleckt, die Freiheit unserer Nation in Fesseln, die Zukunft unseres Volkstums verschüttet zu sehen? Mußten die Brüder sterben, damit wir Sklaven wurden, die an ihren Ketten zerrten und sich selbst dabei gegenseitig bis aufs Blut bekämpften?
Diese furchtbare Frage an das Schicksal ist beantwortet durch das Werk eines Mannes aus der Frontgeneration, gelöst durch einen unbekannten Soldaten des Weltkrieges, unseren Führer und Reichskanzler. Die Antwort liegt klar vor der Welt und der Geschichte: Das deutsche Volk hat sich seine Ehre wiedergewonnen, als es das Recht der Wehrfreiheit durch den Führer verkündet sah. Deutschland steht auf eigenen Füßen und in fester Ordnung inmitten einer Weltkrise, es ist wieder geachtet im Rate der Völker. Die Nation hat ihre innere Eintracht wiedergefunden und ist in eine Einheit geformt, so fest wie noch nie in ihrer tausendjährigen Geschichte.
Das Opfer unserer Kameraden, das höchste und letzte, das der einzelne der Gemeinschaft bringen kann, ist nicht u m s o n st gewesen, trotz allem! Die Treue und Hingabe der Gefallenen wurde für unser Volk das Beispiel zum Einsatz äußerster Pflichterfüllung und damit zum höchsten Zoll eines Dankes, der täglich neu zu leisten ist.
Dann bleiben wir unserer Helden wert und würdig! Aus tiefstem Frieden heraus ist unser Volk 1914 zu den Waffen gerufen worden, als das Vaterland in Gefahr stand. Wer im Weltkrieg solche Opfer gebracht hat wie das deutsche Volk, dem ist der Friedenswille keine diplomatische Redensart. Friedliche Gesinnung entspricht zudem dem tiefsten deutschen Wesen. Deshalb hat der Führer und Reichskanzler das ganze Volk hinter sich, wenn er immer wieder zum Fürsprecher einer echten Friedenspolitik wird. Es kann aber, wie Adolf Hitler ebenso wie der verewigte Reichspräsident von Hindenburg immer erklärt haben, nur ein Friede in Ehren sein, der das Zusammenleben mit anderen Völkern auf eine sichere Grundlage stellt. Wenn bei der Heldengedenkfeier in Berlin erblindete Kriegsteilnehmer aus Frankreich, England, Italien und Polen als geehrte Gäste er» scheinen, so spricht aus dieser Tatsache, daß die deutschen Soldaten Ehre und Achtung auch demjenigen nicht verweigern, der während des Völker- ringens auf der anderen Seite gestanden hat. Ritterlicher Geist und ehrenvolle Anerkennung auch der Leistungen anderer Länder gehört zu den Voraussetzungen im Verkehr unter den Kulturstaaten. Aus solcher Gesinnung erwächst echter Friedenswille.
Wir senken unsere Häupter und Fahnen an diesem Gedenktag an den Gräbern unserer Gefallenen, in welcher Erde sie auch ruhen mögen. Wir gedenken unserer Helden mit Stolz, denn aus ihrem Vorbild wuchs die Kraft zu neuer Gestaltung unseres Reiches und Volkes. Dank, Ruhm und Ehre ihrem Andenken! Unser höchster Dank aber sei das Gelöbnis, es ihnen gleichzutun, wenn das Vaterland es fordert.
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Ein Fähnrich reitet in den Krieg.
tion Johann Sebastian Danq.
Vor Verdun war's, im März 1916, als mir der Feldwebel der Minenwerfer den Fähnrich auf die vorderste Munitionskarre packte und mich bat, ihn bei der Kompanie abzuliefern. Während ich vom Pferd stieg, um den Befehl zum Aufladen der Munition zu geben, sah ich den Jungen wie einen strahlenden Kriegsgott neben dem Feldwebel stehen. Er trug den Stahlhelm in der Hand, und auf seinem blonden Schopf jagte der Wind die Haare durcheinander, daß sie im matten Schein der späten Sonne wie durchsichtige goldene Fäden schwangen. Der graue Rock saß ihm auf dem Knabenkorper wie gewachsenes Fell. Aber am deutlichsten sind mir seine Augen in Erinnerung, die mich anlachten, als brächte ich das Heil der Welt, und die wie blaue Lichter über den leuchtenden Zähnen und der schmalen Nase standen.
Der Feldwebel instruierte mich: der Vater als Major, der Bruder als Leutnant beim Vormarsch 1914 gefallen; der da heute nachmittag frisch aus der Heimat gekommen, 17 Jahre, geht als Fähnrich zur Kompanie Ob ich ihn auf meinen Wagen mitnehmen wolle? — Ich nicke und höre zu. Der Feldwebel hat noch mehr. Nicht viel, ein paar Worte nur: „Der Junge ist der letzte", sagt er. — „Ja, ja, wird gemacht!", antworte ich und gebe ihm die Hand Dann gehe ich zu meinen Fahrern.
Eine halbe Stunde später ziehen die Pferde an. Der junge Kriegsgott sitzt auf der Protze des vordersten Wagens. Aus den zerschossenen Hausern von Azannes steigt die Nacht zu uns herauf auf die Höhe. Von der Front her mähen gelbe Sicheln nach dem fahlen Himmel, Lichtgarben recken sich auf, das Dunkel klafft in flammenden Sprüngen. Wir sind auf dem Weg nach Douaumont.
Ich habe die unruhigen Nächte lieber als die bleiern stillen, in denen man nur dieses Leuchten sieht, nicht aus Tapferkeit, sondern aus Angst vor dem Unbekannten hinter der Stille. Lautlos und ge- I fpenftig ziehen dunkle Gestalten an uns vorüber,
weichen auf die niedere Böschung aus und fluchen. Ihre Füße gurgeln im Schlamm. Ich denke an den Feldwebel und wundere mich über feine Menschlichkeit. Er stand noch und sah uns nach, als wir schon ein großes Stück gefahren waren. Und warum denke ich an diesen blonden Kriegsgott? Er ist von Tausenden einer, mehr nicht. Wer denkt an die andern? Die Nacht ist doch so still; die Geschütze hocken im Morast und schweigen. Lau und süßlich wälzt sich die Dunkelheit über den Boden.
Und dann habe ich ihn doch von seinem Sitz heruntergeholt, habe ihn auf das Pferd eines Unteroffiziers steigen und neben mir herreiten lassen. Ich war ein alter Fuchs, ich kannte die Fallen von Verdun, und man sagte mir nach, daß ich Glück habe. Wir sprachen nicht miteinander; er vielleicht aus Scheu, ich aus dumpfer Gleichgültigkeit. Was konnte ich jetzt noch tun, nachdem ich ihn dicht an meine Seite' geholt hatte? — Ich bot ihm eine Zigarette an.
So kamen wir an die Chambrette-Ferme und bogen halblinks auf das freie Feld ab. Vor uns stieg der Boden an wie weiches, schwarzes Tuch, lief auf die Höhe und schnitt einen flachen Bogen aus dem weißgrauen Himmel.
„Douaumont!", sagte ich und streckte den Arm nach dem Bogen aus. Der Fähnrich hob den Kops, und ich hörte', wie sich seine Lunge weitete. Seine Augen glühten durch die Finsternis.
Und zehn Schritte später jaulte das Geschoß. Sein Feuer riß mir Himmel und Erde aus den Augen. Es trug das Schicksal des Fähnrichs in seinen Splittern. Es kam für ihn und für keinen andern, nicht einmal für das Pferd ober den kleinsten Span aus unseren Wagen. Ich griff in die Nacht. Hilflos warf ich mich über ihn. Warum hatte ich ihn nicht ... Unsinn, er hatte mir vor Freude gedankt, als er auf einem Pferde in die Schlacht ziehen konnte. Sein Krieg war ein Leuchten in den Augen, ein Ritt durch die Nacht und ein einziges Geschoß.


