widerrechtlich aus dem Arrest, der ihm vom Lehrer wegen Unordentlichkeit auferlegt worden war. Am 24. Mai v. I. verging sich der Angeklagte gegenüber dem Lehrer in schweren Beleidigungen, da sein Sohn in den Strümpfen geturnt hatte und diese dabei entzwei gegangen waren. Gegen das vorstehende Urteil verfolgte der Angeklagte Berufung und beleidigte in der Berufungsschrift erneut den Lehrer. Das Gericht erhöhte daher die Strafe auf 6 0 Mark.
Der A. Sch. aus Neukirchen wurde vom Amtsgericht Lauterbach zu 1 M o n a t , vom Amtsgericht Herbstein zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt, da er Fohlen kastrierte, ohne die Tiere vorher ordnungsmäßig betäubt zu haben. Der Angeklagte hat damit gegen den § 2 des Tierschutzgesetzes verstoßen. Die Berufung des Angeklagten gegen das Urteil des Amtsgerichts Herbstein wurde verworfen und eine Gesamt st rafe von 1 Monat 1 Woche Gefängnis gebildet.
„Eine Million tritt an!"
Zum 3. Reichsberufswettkampf 1936.
Don Hans Falk, Leiter der Abteilung presse und Propaganda der Hitlerjugendgebietsführung
Das ist ein Heller Ruf, ein Ruf zu Tat und Leistung. Eine Million Deutsche Jungen und Mädel sind zu dem gewaltigsten Leistungswettkampf angetreten, den die Geschichte aller Völker kennt. Es ist der dritte und bisher größte Reichsberufswettkampf.
Mancher sagt so leichthin, „na schön, eine Million ... Aber hast du dir, lieber Volksgenosse, einmal klar gemacht, welch ungeheuere Ziffer das ist? Wenn diese Million in einer Front aufgestellt würde, auf den Meter je zwei Mann, dann wäre sie fünfhundert Kilometer lang!
Wenn du dir dann das Vergnügen machen würdest, diese Front abzuschreiten, bei einer täglichen Marschleistung von 25 Kilometer (packst du das noch?), dann hättest du für drei Wochen Beschäftigung. Diese Million, die da antrat, ist nicht mehr ein wirrer Haufen widerstrebender Meinungen und politischer Feindschaften, Städter gegen Dörfler, Klasse gegen Klasse, sondern eine Front, die unter einer Fahne marschiert, nach einem einzigen Gesetz:
Dem Willen zur Leistung, mit der Tat um den Adel der Arbeit ringend.
Diese Front reicht vom Landjungen über den Jungarbeiter in der Fabrik zum deutschen Studenten, der sich in diesem Jahre erstmalig im Reichsleistungskampf der Deutschen Studenten dem großen Wettkampf angeschlossen hat.
Gewaltig ist das organisatorische Bild, das vor unfern Augen ersteht, wenn wir uns noch einmal die Gliederung des RBWK. und die Wettkampfeinteilung betrachten. Die Organisation lehnt sich im großen und ganzen an die Gliederung der DAF. an. In zwanzig große Wettkampfgruppen gliedert sich die eine Million RBWK.-Teilnehmer. In diesen zwanzig Wettkampfgruppen sind ungefähr 750 verschiedene Berufe vertreten, die Sparten genannt werden, und auch dies ist nur ein Bruchteil der Berufe, die man kennt und deren Zahl weit über 2000 beträgt. Besonders stark wird in diesem Jahre auch die L a n d j u g e n d im RBWK. in Erscheinung treten. In Hessen-Nassau z. B. stellt sie von allen Wettkampfgruppen die stärkste Teilnehmerzahl. Die Unterteilung der Wettkampfgruppen ist manchmal außerordentlich stark. So hat die Wettkampfgruppe III, Metall, allein fast 60 Sparten.
Tausend Wettkampfleiter mit rund 15 000 Hel
fern sind am Werk, den 56 000 Wettkämpfern unseres Gaues ihre Arbeiten auszuwerten. Bis in den kleinsten Ort ist dafür gesorgt, daß jeder Junge und jedes Mädel seinen Arbeitsplatz, die nötigen Werkzeuge und das nötige Material zum Wettkampf zur Verfügung hat.
Aus den Ortswettkämpfen werden sich ungefähr 700 Einzelsieger aller Leistungsklassen herausschälen, die am 14. und 15. März zur „Zwischenrunde'", dem Gauentscheid in Frankfurt am Main Zusammentreffen, wo sich einige von ihnen durch einen erneuten Leistungsbeweis das Recht erwerben, am Reichsentscheid teilzunehmen.
Aber es ist schon nicht einfach, in den Gauentscheid zu kommen. Neben theoretischen und praktischen Aufgaben stehen für die Mädel noch hauswirt- scbaftliche Fragen zur Lösung. Außerdem wird jeder Teilnehmer auch noch weltanschaulich geprüft. Diese Prüfung wird durch die Schulunasleiter der Partei und ihrer Gliederungen, alte und bewährte Parteigenossen, abgenommen.
Für die Sieger im Gauentscheid kommt dazu noch eine Sportprüfung, die für die Jungen Medizinballweitstoßen, Hochsprung und einen 1000= Meter-Lauf vorsieht, für die Mädel Medizinballweitstoßen, Hochsprung und Geländelaus. Die Sportprüfung -wird in drei Altersklassen durchgeführt. Sie ruht auf der Anschauung, daß der geistige und körperlich gute Leistungen vollbringende Mensch der wertvollste Typ ist.
Wir wissen, nicht alle können Sieger sein. Aber jeder Junge und jedes Mädel wird es als Ehre empfinden, an diesem großen, friedlichen Ringen der deutschen Jugend teilgenommen zu haben.
Diese Ehrung drückt sich auch darin aus, daß jeder Teilnehmer eine in schönem Zweifarbendruck ausgeführte Urkunde erhält. Natürlich muß es ein gesunder Ehrgeiz sein, nach einer Siegerurkunde zu streben und vor allem nach der schönsten Belohnung, einem Händedruck des Führers. Dies ist wohl der stolzeste Preis, den es für die deutsche Jugend überhaupt geben kann. Dafür ist eine Million mit Eifer und Freude zum Kampf ange- treten!
Gießener Kausmannsjugend arbeitet im Schaufensterwettbewerb.
Zum Reichsberufswettkampf, der in diesen Tagen die Jugend zur Leistungsprüfung aufruft, gehört im Rahmen der Wettbewerbsgruppe Handel auch der Schaufen st erdekoration s-W e t t- bewerb. Dieser Wettbewerb ist übrigens der einzige, der sich unmittelbar vor den Augen der Oeffentlichkeit abspielt.
Die Beteiligung ist in diesem Jahre in unserer Stadt erfreulich stark. 80 Lehrlinge bzw. Junggehilfen haben sich gemeldet und unterziehen sich der Prüfung. Im vorigen Jahre waren es nur etwa 40 Teilnehmer. Der anregende Wettbewerb wird nicht nur für den teilnehmenden Lehrling reizvoll sein, sondern auch die breite Oeffentlichkeit interessieren. Geben doch die Schaufenster Gelegenheit 3u Verbleichen, lassen sie doch erkennen, in welchem Ausmaß die Wettbewerber Phantasie zeigten, ob sie originelle Ideen hatten und ob sie einer guten handwerklichen Durchführung gewachsen waren.
Jedes Geschäft, dessen Lehrlinge oder dessen Junggehilfen sich am Wettbewerb beteiligen, wer
den besonders gekennzeichnet. Ein auffallendes, zwei Meter langes gelbes Plakat mit der Aufschrift:
„Wir beteiligen uns am Schaufenster-Wellbewerb im 3. Reichsberufswettkampf 1936“
wird weithin Aufmerksamkeit herausfordern. Der Wettbewerb wurde sehr sorgfältig vorbereitet. Ueberall müssen am kommenden Sonntag, spätestens um 12 Uhr, die Vorhänge an den Schaufenstern der beteiligten Firmen fallen. Denn bald danach werden sich die Prüfungsgruppen auf den Weg machen, um sich zunächst einmal auf einem Rundgang über das Niveau der Dekorationen klar zu werden und dann mit der Wertung zu beginnen. Um ein gerechtes Ergebnis zu erzielen, werden auch diesmal wieder Leistungsklassen berücksichtigt. Man unterscheidet Leistungsklasse 1 = 1. Lehrjahr, II = 2. Lehrjahr, III = 3. Lehrjahr; Leistungsklasse IV umfaßt die Junggehilfen und die weiblichen kaufmännischen Angestellten bis zu 21 Jah
ren. Ferner findet eine Aufgliederung in Geschäftszweige statt, die in sechs Gruppen erfolgt und je mehrere verwandte Geschäftszweige erfaßt. Eine gerechte Wertung wird auch insbesondere durch diese Aufstellung erreicht, da es jo einen erheblichen Unterschied bedeutet, ob man ein Schaufenster mit Eisenwaren schön auszugestalten hat, oder ob die Ware eines Modehauses die Fenster schmücken soll.
Die Bewertung erfolgt nach verschiedenen Grundsätzen. Die Wettbewerber sollen Idee und Planung in ihrer Wettbewerbsarbeit erkennen lassen. Die Anwendung von Dekorationshilfsmitteln soll einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Das Augenmerk der Prüfer wird ferner der technischen und künstlerischen Ausführung gellen, und man erhofft sich gerade hier eine besonders saubere Ausführung. Schließlich soll die Werbewirkung auf das kaufende Publikum ermessen und bewertet werden.
Die Bewertung durch die Prüfungsgruppe,
der jeweils ein Vetriebsführer, ein kaufmännischer Angestellter und ein Berufsschullehrer angehören werden, erfolgt nach Punkten, die in der Zusammenrechnung in Noten „Sehr gut", „Gut", „Genügend" usw. ausgedrückt werden. Selbstverständlich werden auch diesmal wieder für die besten Leistungen Ehrenurkunden ausgegeben, und zwar können örtlich jeweils 15 v. H. der Teilnehmer in den Besitz der Urkunden gelangen. Sicherlich würden sich alle, die sich an diesem Wettbewerb beteiligen oder die als Prüfer ein Amt übernommen haben, sehr freuen, wenn die Bevölkerung unserer Stadt den durch den Kaufmannsnachwuchs hergerichteten Schaufenstern alle Aufmerksamkeit zuwenden würde.
Das Ergebnis des Wettbewerbs wird voraussichtlich noch im Laufe des Sonntagabend errechnet werden. Wer sich des vorjährigen Wettbewerbs erinnert, wird sicherlich die diesjährige Leistungsprüfung mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen, um so mehr, als man sich eine Leistungssteigerung erhofft, die als eine Folge der Anregungen aus dem vorjährigen Wettbewerb zu werten wäre.
Oberheffen.
Verlegung
des oberhessischen Schäfertages.
* Hungen, 7. Febr. Der für nächsten Sonntag, 9. Februar, vorgesehene traditionelle oberhessische Schäfertag, mit dem eine aroße öffentliche Kundgebung mit dem Landesbauernführer Dr. Wagner verbunden sein soll, mußte auf den 1. März verlegt werden, da Landesbauernführer Dr. Wagner bis Ende Februar alle Tage dienstlich anderweitig in Anspruch genommen ist.
100 Jahre Gesangverein „Eintracht" in Hungen.
<3 Hungen, 6. Febr. In Abänderung des am 4. Januar in der Jahreshauptversammlung gefaßten Beschlusses, die 100jährige Gründungsfeier des Gesangvereins „Eintracht" am 4., 5. und 6. Juli 1936 zu veranstalten, hat der Vorstand des Vereins, durch die Ungunst dieses Zeitpunktes veranlaßt, die Festveranstaltung um a ch t Tage ooroerlegt auf den 27., 28. und 29. Juni 1936. In Verbindung damit beabsichtigt man das Kreisgruppensingen des Kreises C h a t t i a durchzuführen. In emsigem Bemühen werden schon jetzt die vorbereitenden Maßnahmen getroffen, um diesen Festtagen nicht nur einen würdigen Rahmen, sondern auch einen feierlichen Verlaus zu sichern. Die Ausschüsse haben ihre umfangreiche Tätigkeit ausgenommen.
Mit dem Fahrrad tödlich verunglückt.
* Geiß-Nidda (bei Nidda), 7. Febr. Auf dem Heimweg nach seinem hiesigen Wohnorte kam am gestrigen Donnerstag gegen Abend der 50 Jahre alte Maurerpolier Hermann Strauch aus Geiß- Nidda so unglücklich mit seinem Fahrrad zum Sturz, daß er bewußtlos liegen blieb. Straßenpassanten fanden den bedauernswerten Mann hilflos auf der Landstraße liegend auf und sorgten für erste ärztliche Hilfeleistung. Der Verunglückte wurde sofort nach Gießen in die Chirurgische Klinik gebracht, wo er an einem schweren Schädelbruch und inneren Verletzungen im Verlaufe der letzten Nacht leider verstorben ist.
Landkreis Gießen.
A Annerod, 6. Febr. Gestern abend hatte die hiesige Ortsgruppe der N S. - F r a u e n s ch a f t zu einem Vortraa über das Thema „Die Frau in der Erzeugungsschlacht" eingeladen. Die Rednerin ging davon aus, daß die Frau, heute besonders, bei der Erzeugung der Nahrungsmittel mitzuwirken hätte. Ihre Hauptaufgabe liege auf dem Gebiet der Verwertung und Aufbewahrung aller Nahrungsmittel. Hier fei größte Sorgfalt am Platze. An Hand von Beispielen sprach die Vortragende über die richtige Verwertung von Obst und Gemüse. Weiter unterstrich sie die Bedeutung einer guten Geflügelzucht im Interesse der Eiererzeugung. An Hand einer einfachen Skizze wurde die praktische Anlage eines Hausgartens besprochen. Für die richtige Düngung und Bodenpflege gab sie eine
Reihe guter Ratschläge. Die Anlage eines M u st ergo r t e n s wurde beschlossen. Im kommenden Herbst soll ein Kursus für richtige Obstoerwertung statt- sinden.
# Beuern, 7. Febr. Eine Kommission von Obstbaumfachleuten unternahm unter Führung von Baumwart Wagenbach (Großen- Buseck) einen Rundgang durch die Gemarkung mit dem Zweck, alle Baumruinen anzuzeichnen, soweit sie entfernt werden müsien. Etwa 180 Bäume sollen fallen. Den Besitzern ist aufgetragen, die Bäume bald zu entfernen, andernfalls sie durch die Gemeinde auf Kosten des Besitzers entfernt werden müssen. Am Abend fand eine Versammlung des O b st b a u o e r e i n s statt, in der Baumwart Wagenbach einen Vortrag über Obstbaumschädlinge und ihre Bekämpfung hielt. Er ermahnte die Teilnehmer der Versammlung zu sachgemäßer Baumpflege. An den Vortrag schloß sich eine rege Aussprache an. Es wurde u. a. beschlossen, die mustergültigen Baumanlagen von Alten-Buseck zu besichtigen. Bürgermeister Fuhr dankte dem Redner und forderte dazu auf, das Gehörte zu beherzigen.
> Staufenberg, 6. Febr. Gestern fand im hiesigen Gemeindewald die erste diesjährige Holz- oersteigerung statt. Zahlreiche Interessenten waren erschienen. Es kosteten: Zwei Raummeter Buchenscheit 23 bis 25 Mark, Buchenkyüppel 17 bis 20 Mark, Eichenscheit 12 bis 14 Mark, Eichenknüppel 8 bis 10 Mark, Kiefernknüppel 13 bis 15 Mark, Fichtenknüppel bis zu 10 Mark, fünf Raummeter Buchenscheiter bis 10 Mark.
(D Odenhausen (Lumda), 6. Febr. Bei der Holzversteigerung aus den Rabenauschen Waldungen kosteten Buchenscheiter 1. Klasse 7,50, 2. Klasse 4 Mark, Buchenknüppel 1. Klasse 4,50 bis 5,50, 2. Klasse 3 bis 3,50 Mark, Fichtenknüppel 2 bis 2,50 Mark, Buchenstöcke 6,50 bis 7 Mark je Raummeter. — Die Sammlung für das W H W. am vorigen Sonntag erbrachte in unserem Orte den Betrag von 7,40 Mark.
£ Harbach, 6. Febr. Auch unsere Schule führte am 30. Januar eine Pfundsammlung für das Winterhilfswerk durch. Das Ergebnis war recht befriedigend. Es wurden 27 Pfund Bohnen, 4 Pfund Erbsen, 4>2 Pfund ©rauben, 16^ Pfund Reis, 3 Pfund Grieß und 8 Pfund Mehl gespendet. — Am Dienstag fuhr die hiesige Frauenschaft mit einem Omnibus nach Gießen, um die Molkerei Grieb zu besichtigen. Es nahmen 28 Frauenschaftsmitglieder an der Fahrt teil. Die Besichtigung fand großes Interesse. Nach Beendigung des lohnenden Rundgangs wurde jeder Teilnehmerin eine kleine Erfrischung gereicht. — Da anderweitig reichlich Gelegenheit zur Beschaffung von Holz vorhanden ist, wurde in diesem Jahr in unseren Waldungen nur ein geringer Holz- schlag vorgenommen. Eine Versteigerung findet nicht statt, da nur das übliche Losholz geschlagen wurde.
+ Steinbach, 6. Febr. Am Samstag hielt der Gesangverein „Eintracht" sein diesjähriges Wintervergnügen im Saale des „Einhorn" ab. Der große Saal vermochte die Gäste kaum zu fassen. Der Vereinsleiter Friedrich W a l b begrüßte
Vornan von H. von Hellermann.
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15 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Die ruhigen, freundlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nacht. Der verstörte Ausdruck in des Mannes Gesicht erlosch zu einem flackernden Mißtrauen. „Wer sind Sie, Herr, was wissen Sie denn von Kunst?"
„Daß sie sich nur dem ergibt, der wahrhaft berufen ist", entgegnete Goebel und streckte, nähertretend dem anderen seine Rechte hin, die unwillig dargebotene glühende Hand mit festem Druck umspannend. Und nannte seinen Namen.
Drau horchte auf. „Es gibt einen ähnlichen Namen im Kunstkalender, der hat guten Klang —"
„Danke für das freundliche Lob", lächelte Goebel, „denn da es niemand anderen gleichen Namens in meinem Berufskreis gibt, muß ich es schon auf mich beziehen. Uebrigens habe ich eine Visitenkarte bei mir —" fie einem kleinen Lederetui entnehmend und dem Maler hinhaltend.
Der nahm sie, las, blickte feinen Gast unsicher an, immer noch mit einem Schuß unbefriedigten Mißtrauens. „Darf ich fragen, was Sie zu mir führt, Herr Doktor?"
„Ein Zufall", erwiderte jener, schon halb in Betrachtung des Gemäldes auf der Staffelei versunken. Es kostete ihn augenscheinlich Mühe, sich davon loszureißen. „Ich will Ihnen erzählen, wie es kam." Kurz berichtete er von dem Besuch des Fleischers.
„Ihr Name war mir fremd, nur der Fall interessierte mich, denn die Verhältnisse liegen heutzutage ja so, daß man die köstlichsten Gaben des Geistes — auf einem Kehrichthaufen finden kann. Aber vielleicht war es immer so: Die Not weckt Kräfte, die Wohlleben in uns verkümmern läßt. Die Meister der Gnade sind selten Millionäre — und werden sie es, so ist ihre beste Zeit vorbei.
Doch —" Goebel riß sich mit einem Ruck aus der Nachdenklichkeit, in die er wider Willen und Absicht verfallen, und trat vor die Staffelei, den jungen Menschen, der immer noch in halber Abwehr davor stand, sanft bei den Schultern beiseiteschiebend.
Lange stand er vor dem Bilde, in schweigendes Schauen vertieft. Wandte sich endlich dem neben ihm Stehenden zu: „Das ist Kunst, edelste Kunst, Herr Drau!"
Der starrte an ihm vorbei mit zuckenden Zügen, sah graue Wände sich weiten, irgendwo in der Ferne einen Lichtschein in die Finsternis bringen —
Goebel wanderte weiter, besah sich die anderen, gegen die Wand gedrehten Bilder, die er kurzerhand umdrehte und zur besseren Sicht bald hier-, bald dorthin stellte, da der Künstler dazu offenbar nicht imstande war, sondern wie gelähmt die Hantierungen des Besuchers verfolgte, ohne sich vom Fleck zu rühren. Nur wenige Worte fielen, kurze treffende Urteile, von warmer Freude am Geschauten durchdrungen, nur selten einen kritischen Vorbehalt äußernd. Zuletzt trat Goebel an den großen Tisch „Haben Sie Skizzen, Studien da?"
Da erst kam Leben in den Erstarrten, der kaum zu atmen gewagt, vor Angst, aus diesem Traum himmlischer Unwahrscheinlichkeit zu erwachen. Hastig trat er herzu, kramte unter den Pappdeckeln, reichte wahllos dem Fragenden allerlei hin mit Händen, die so stark zitterten, daß einzelne Blätter immer wieder zu Boden flatterten.
Goebel zog sich einen Stuhl heran, nötigte Drau, sich neben ihn zu setzen und auf seine Fragen zu antworten. Zögernd, langsam nur geschah es, allzu schwer wurde es dem Verschlossenen, Notverbitterten, an das Verständnis zu glauben, das ihm zum ersten Mal in langen furchtbaren Jahren entgegengebracht wurde.
Goebel beschränkte seinen Wissensdrang auf rein technische Dinge, ließ alles Persönliche unberührt. Teilnahme, nicht Neugier wollte er bekunden. Da belebte sich endlich das starre Gesicht, floß die Rede leichter über die Lippen, die so schmal und fest aufeinander gelegen, als wollten sie ewig schweigen.
Aber als Goebel, nach zufälligem Blick auf seine Uhr, erschrocken ob der späten Stunde sich erhob, erlosch der matte Glanz in den hageren Zügen. Der Zweck des Besuches siel mit messerscharfer Schmerz
haftigkeit über ihn her. Dieser Mann war ja nur gekommen, um den Wert feines einzigen Besitzes sestzustellen, der verkauft werden sollte, um seine Schulden zu bezahlen. Man würde ihm die Bilder — das Bild da — nehmen, das letzte ...
Da trat der Kunstgelehrte an ihn heran. „Jetzt muß ich mit Ihrer Wirtin sprechen, Herr Drau, die Arme erstarrt sonst in ihrer unbequemen Lage am Schlüsselloch." Er schmunzelte behaglich. „Das rege Interesse muß doch belohnt werden, nicht wahr? Jedenfalls braucht die gute Frau nicht um ihr Geld zu bangen —" ein verschmitzter Blick hinter funkelnden Brillengläsern: „und Sie nicht um Ihre Bilder, Herr Drau! Auf Wiedersehen."
Kein Wort der Ermunterung, des Versprechens war gefallen — was galten einem Hungernden leere Phrasen? Aber heute hatte Goebel dem auf ihn wie auf eine Gottesverheißung Harrenden den Erfolg feiner Bemühungen melden können. Das Interesse der kunstverständigen Kreise war geweckt, die Ausstellung gesichert. Daß er dazu tief in die eigene Börse griff, wurde verschwiegen, es geschah ja auch für die Kunst, nicht des Menschen allein wegen.
Joachim Drau vernahm die Botschaft, ohne sie zu verstehen. Unfaßlich war, was sie kündete. Als er endlich begriff, ging ein Schwanken durch feine Gestalt, daß er sich an der Tischkante festklammern mußte, um nicht hinzustürzen. Ein einziger Laut brach aus seiner Brust, halb Lachen, halb würgendes Schluchzen. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt, streckte dem Mann wortlos beide Hände hin, der ihm Freund geworden in der Stunde tiefster Not. —
Nein, über seine Besuche bei Joachim Drau konnte Goebel nicht sprechen. Margret Mervius schien seine Gedanken zu ahnen, denn fie stellte keine Frage, nickte ihm nur still zu.
„Wie wird er sich heute über Ihren günstigen Bescheid gefreut haben?"
„Ja, Frau Margret, gefreut hat er sich ganz unbeschreiblich. Und ich mich mit ihm."
„Das kann ich mir denken — Sie mit Ihrer warmherzigen Güte —" Errötend stockte die Frau. Wohin führte sie ihre impulsive Teilnahme an dieses Mannes Tun —
Der aber fühlte den aufschnellenden Schlag seines Herzens bei den herzlichen Worten und sah sie glücklich an: ,Wenn ich dem Fremden Freundlichkeit erwies, so habe ich nur ein wenig von dem Reichtum verschenkt, der mir in diesem Hause zuteil geworden ist, Frau Margret, einen ganz kleinen Abglanz der Sonne, die es erfüllt. Er nannte sie wieder beim Namen, ohne es zu wissen.
„Bravo", lobte Grete Mervius, „das haben Sie ganz reizend gesagt, Mutti strahlt scyon selber wie ein kleines Sönnchen. Pralinee gefällig? Unwiderruflich letztes Angebot--"
Dr. Goebel war ordentlich zusammengezuckt beim Klang der lustigen Stimme, er hatte im Anblick der Mutter das Mädchen neben sich ganz vergessen. Um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er von der angebotenen Tüte und verneigte sich ernsthaft: „Sie sehen, wie inspirierend Ihre Nähe wirkt, mein Fräulein! Ihrem zukünftigen Chef, Herrn Selld^n, werde ich übrigens auch eine Einladung zur Aus- ftellungseröffnung zuschicken, so eine Leuchte der Forschungszunft können wir als Premierentiger gut gebrauchen."
Womit die Unterhaltung ins allgemeine zurückglitt und man sich bald darauf trennte.
Ehe Grete im Feuereifer sprachlicher Vorbereitungen für ihr neues Amt sich über die Bücher machte, steckte sie den Kopf leise zu Hans' Tür hinein, den Bruder tief im Lernen wähnend. Der aber stand am Fenster; hatte die Hände tief in die Hosentaschen vergraben und starrte finster in das grüne Viereck der Hintergärten, in deren Stille eine Amsel ihr erstes Liedchen leise probte.
„Nanu, du hockst wohl irgendwo fest", erkundigte sie sich voll liebevoller Schwesterntücke, „funktioniert der obere Apparat mal wieder nicht? Gräm dich nicht, Hänschen, an Jntelligenzmangel stirbt man selten, zum Aufsichtsrat an ner Aktiengesellschaft langt's schon!" Ihr Blick fiel auf den Tisch. „Oder quält dich erstes Liebesweh, Kleiner, daß du unsere anregende Gesellschaft meidest und flötenden Amseln auf einsamer Flur lauschest? Brütest du am Ende — Verse aus statt lateinische Weisheit?"
„Quatsch!" sagte Hans Mervius grob, ohne sich umzusehen.
(Fortsetzung folgt!)


