Nr. 182 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
vonnerstag, b. August 1936
Das R.ngen um den Facharbeiter.
Die Frage des Platzwechsels. - Sozial er Aufstieg darf nicht gehemmt werden
V. A. Im Zuge der Belebuna unserer industriellen Produktion findet das Problem des sich langsam bemerkbar machenden Facharbeit e^rnan- g e l s in den Kreisen der gewerblichen Wirtschaft allgemeine Beachtung. Es handelt sich hier um eine Frage, die nicht von heute auf morgen gelöst werden kann, da ihre Ursache besonders in den Nach- wuchsschwicrigkeiten liegt. Auf dem Gebiete des Facharbeiterbedarfes werden jetzt die Ausfälle der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre unangenehm fühlbar, und es wird seine Zeit dauern, bis in diesen Berufsgruppen die neue Generation herangebildet ist. Bedenklich muß auf der einen Seite die beginnende Ueberalterung des heutigen Qualitätsarbeiterstammes stimmen, und auf der anderen Seite die durch die lange Arbeitslosigkeit bedingten Ausfälle von Arbeitern, die durch die Entwöhnung heute nicht mehr zur Kategorie der Facharbeiter gerechnet werden können. Hinzu kommt noch, daß die qualifizierten Arbeiter im Rahmen der Gesamtarbeiterschaft immer nur eine zahlenmäßig begrenzte Gruppe bildeten, die zwar, gemessen an der Gesamtzahl der Beschäftigten, in einzelnen Industrien ein erhebliches Kontingent stellt, aber auch hier eine fortgesetzte zahlenmäßige Verringerung erfährt.
Selbstverständlich verursachte der beginnende Mangel an Facharbeitern eine verstärkte Nachfrage nach ausgebildeten Kräften, die zum Teil Formen annahm, die einer energischen Abwehr bedurften. Weiterhin bestand die Gefahr, daß der Mangel infolge von Lockangeboten durch Abwanderung ins Ausland, das feit jeher den deutschen Qualitätsarbeiter geschätzt und gern eingestellt hat, verstärkt wurde. Ganz abaesehen davon, daß solche Abwanderungen ins Ausland schon deshalb gefährlich ind, weil sie die Möglichkeit aufkommen lassen, daß ramit auch deutsche Erzeugungsaeheimnisse und -er- ahrungen verschleppt werden, ist es auch im deut- chen Wirtschaftsleben auf keinen Fall angängig, daß auch nur ein Facharbeiter, der an irgendeiner Stelle gebraucht wird, in einer ausländischen Industrie jülig ist. Deswegen wurde dieser Möglichkeit durch eine Verordnung des Reichsarbeitsministers vom 28. Juni 1935 ein Riegel vorgeschoben.
In diesem Zusammenhang spielt auch der Aufschwung der mitteldeutschen Metallindustrie eine Rolle, der ebenfalls eine Abwanderungsbewegung aus dem Westen zur Folge hatte. Das Hinüberwechseln in einen anderen Bezirk, das in diesem Falle eine unerwünschte Massierung von Fachkräften zur Folge gehabt hätte, wurde durch eine Anordnung über den Einsatz von gelernten Metallarbeitern eingedämmt, die die Abwanderung von einer Genehmi- aungspflicht abhängig machte, ähnlich, wie bei der Verordnung über die Abwanderung in das Ausland. Jedoch wurde dadurch der Arbeitsplatzwechsel innerhalb des Bezirks nicht betroffen.
Ein unmöglicher Zustand entstand in einzelnen 0alten dadurch, daß verschiedene Betriebe versuchten, acharbeiter durch übersteigerte Lockangebote von ihren bisherigen Arbeitsplätzen zu sich herüberzuziehen. Diesen Mißständen in der Werbung trat der Wirtschaftminister mit einer Warnung entgegen, roo- bet er besonders auf die Folgen solcher Maßnahmen hinroies. Man darf nicht vergessen, daß ein sehr hoher Prozentsatz der gelernten Arbeitskräfte in kleineren Betrieben tätig ist, die durch einen plötzlichen Entzug ihrer Facharbeiter in die Gefahr einer vorübergehenden Stillegung geraten könnten.
Auf der anderen Seite darf jedoch nicht die hohe soziale Bedeutung der ganzen Fach- arbeiterfrage verkannt werden. Die verstärkten Arbeitsmöglichkeiten bieten dem Facharbeiter naturgemäß neben der Möglichkeit des Erhalts eines gesicherten Arbeitsplatzes gute Fortkommens- und Aufstiegsmöglichkeiten. Das darf allerdings nicht zu einem plötzlichen Verlassen des Arbeitsplatzes ohne Einhaltung der in Tarif oder Betriebsordnung festgelegten Kündigungsfrist führen, denn was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Versuche von Unternehmern jedoch, sich über den Kopf des Facharbeiters hinweg über seinen Arbeitseinsatz zu einigen, etwa derart, daß untereinander vertrauliche^
Bindungen getroffen werden, die die Arbeit zur Ware degradieren würden, sind schärfstens abzulehnen. Denn dem Facharbeiter steht zweifellos dar sittliche Recht zu, für seine Leistung auch gerechte Bedingungen zu fordern. Gerade die kapitalistische Epoche konnte die Herrschaft des Geldes über den arbeitenden Menschen dadurch aufrichten, weil der einzelne jederzeit durch das Ueberangebot von Arbeitskräften um seinen Arbeitsplatz bangen mußte, wenn er auch nur sein einfachstes Recht verlangte. Und wenn heute für den Arbeiter durch seine Leistung die Möglichkeit entsteht, seine Aufstiegsmöglichkeiten zu verbessern, so darf ihn niemand daran hindern. Es kann nicht geduldet werden, daß ihm in solchen Fällen durch kapitalistische Methoden sein Selbstbestimmungsrecht genommen wird.
Im Zusammenhang mit den entstehenden Aufstiegsmöglichkeiten verdient die kürzlich stattgefundene Unterredung zwischen dem Reichshandwerksmeister und dem Leiter der Reichsgruppe Industrie
Feldmusikanten.
Der Wind saust über die Stoppeläcker und kämmt sich an ihnen den Staub ab, den ihm die Landstraßen nachgeworfen haben. Die tiefen Furchen in den Feldwegen zeigen die Spuren schwer- bebürdeter Erntewagen und an den mächtigen Kronen der Nußbäume baumeln noch vereinzelt hün- gengebliebene Halme von hochgehäuften Frachten.
Auf die Räumung der Felder scheinen die Heuschrecken nur gewartet zu haben. Jeder Stoppelacker ist jetzt ein Tummelplatz für sie, für ihre Liebeshändel geworden, die weithin vernehmbar werden durch das schrille Wispern und Zirpen der Heuschreckenmännchen. Der ganze Luftraum zwischen den Feldern schwingt im Viervierteltakt der eintönigen „Zick-zick-zick-zick"-Weise. Kommt man näher, streift man etwa mit ein par Schritten einen Ackersaum, dann setzt mit leisem Knacken und Knistern eine tolle Flucht der verliebten Springer ein.
Meist sind es zwei hitzige Troubadoure, die einer Schönen ihr Ständchen bringen. Mit den gezähnten Schenkeln ihrer Hinterbeine streichen sie über die Längsadern ihrer Flügeldecken und versetzen sie in schwirrende Bewegung. Es ist also eher eine winzige Säge als ein Fiedelbogen, mit dem sie ihre Liebestrophaen kratzen. Keiner der beiden Rivalen läßt etwa den einen zu Ende spielen, um dann schöner und kräftiger seine Weise zu beginnen, sondern immer fällt einer sozusagen dem andern ins Wort. Auf das „Zick" des ersten Liebhabers folgt sofort das „Zick" des zweiten Bewerbers, und beide Fiedler suchen an Schnelligkeit und Lautstärke ständig einander zu übertreffen. Dabei sind bei aufmerksamerem Hinhören die einzelnen Musikanten deutlich an der unterschiedlichen Tonhöhe ihrer Musik zu erkennen. Das größere Insekt spielt auch die größere Geige und darum ein wenig dunkler, als der kleinere Rivale. Das meist in der Entfernung eines Sprunges sitzende Weibchen macht plötzlich dem Konzert ein Ende, indem es teils hüpfend, teils schwirrend das Weite sucht. Sofort sind die beiden verdutzten Musikanten hinter ihr her und beginnen, sobald sich die Angebetete zu verweilen und neue Strophen anzuhören bequemt, mit unverminderter Heftigkeit ihr Gefiedel wieder, bis doch schließlich einmal einer die Lust verliert und aufgibt. Den ganzen Tag über dauert das Locken und Werben der unermüdlichen Freier an. Erst bei eintretender Dunkelheit kühlt sich ihre Verliebtheit ab, und Fiedel und Bogen kommen zur wohlverdienten Ruhe.
Dafür fangen die Grillen ihr Nachtkonzert an, die in ihren schwarzen Fräcken besser unter den Nachthimmel passen, als in die strahlende Tagessonne. Breitbeinig haben sich die Grillenmännchen vor ihrem kleinen Erdversteck aufgepflanzt und schrillen nach einer Schönen. Sie bevorzugen den
besondere Beachtung. Aus dem Gespräch ergab sich, daß die Industrie in der Erkenntnis der dringenden Notwendigkeit der Heranbildung einer möglichst großen Zahl hochqualifizierter Arbeitskräfte dazu ubergegangen ist, in ähnlicher Weise wie das Handwerk eine Regelung des Prüfungs- und Ausbildungswesens vorzunehmen. So sind bei den Industrie- und Handelskammern Facharbeiterprüfungen einoeführt, die hinsichtlich der gestellten fachlichen Anforderungen den handwerklichen Gesellenprüfungen zwar nicht als gleichartig, aber als gleichwertig anzusehen sind. Der Reichshandwerksmeister betonte zu dieser Einrichtung, daß künftighin der Jndustrie- lehrling keine schlechteren Aussichten haben solle als der Handwerkslehrling. Deshalb soll auch der Jndustriefacharbeiter, der nach einer ordnungsgemäßen Lehre die Facharbeiterprüfung abgelegt hat, bei der Zulassung zur handwerklichen Meisterprüfung dem Handwerksgesellen gleichgestellt werden. Diese Gleichstellung des geprüften Jndustriefach- arbeiters mit dem Handwerksgesellen hinsichtlich der Zulassung zur Meisterprüfung bedeutet eine folgerichtige Anerkennung des Leistungsprinzips und beleuchtet die Stellung, die der qualifizierte Arbeiter im deutschen Wirtschaftsleben einnimmt.
rascheren Sechsachteltakt und ein geradezu feuriges Tempo. Die Fixigkeit und Virtuosität dieser Streicher übertrifft die Kunst der Heuschrecken ebenso, wie sie deren Spiel an Tonfülle überragt. Ihr monotones Liebeslied hallt weithin durch die Stille der nächtlichen Landschaft und kündet dem einsamen Wanderer, oft als einziger Laut der schlummernden Natur, daß auch in der Dunkelheit ein Herz froh fein kann, wenn es sich als Geschöpf Gottes und von seinem Sternenhimmel behütet weiß. P. B.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Gold nach Singa- pore".
Bürgermeister Dr. Hamm zum Professor ernannt.
Der erste hauptamtliche Beigeordnete unserer Gießener Stadtverwaltung, Bürgermeister Dr. Hamm, ist vom Reichskultusminister mit Dekret vom 22. Juli 1936 zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor in der Philosophischen Fakultät der Universität Gießen ernannt worden. Bürgermeister Dr. Hamm hat, neben seinem Bürgermeisteramt, von 1930 bis 1932 an der Technischen Hochschule in Darmstadt Vorlesungen über „Städtebau" gehalten. Seit 1932 hält er, ebenfalls neben der Erfüllung seiner Pflichten in der Gießener Stadtverwaltung, Vorlesungen an der Universität Gießen über „Geschichte des Städtebaues". Professor Dr. Hamm gehört im Rahmen des Lehrkörpers unserer Universität der Philosophischen Fakultät I. Abteilung an.
Helft den Spanien Deutschen!
Wie wir am Dienstag bereits bekanntgaben, ist in der Geschäfts st ettedes Gießener Anzeigers eine Liste zur Sammlung von Spenden für die schwergeschädigten deutschen Volksgenossen aus Spanien aufgelegt Auf diese Sammelliste sei noch einmal besonders hingewiesen. Einzeichnungen werden während der Dienstzeit unserer Geschäftsstelle von 8 bis 12.30 und von 14 bis 18 Uhr jederzeit gerne entgegengenommen.
Höcht zanwaltskanzleien Mittwoch- und Gamstagnachmittag geschlossen.
Die Justizprefsestelle Darmstadt teilt uns folgendes mit:
Der Präsident der Rechtsanwaltskammer Darmstadt hat folgende Anordnung getroffen.
Nachdem der Gaufachgruppenleiter „Rechtsanwälte" im NSRB. im Einvernehmen mit dem zu-
ftändiaen Gauführer angeordnet hat, daß die Konz» leien Der Rechtsanwälte außer Samstagnachmittag auch an den Mittwochnachmittagen für den Verkehr mit den Rechtsuchenden geschlossen zu halten sind, habe ich diese Anordnung für sämtliche Rechtsanwälte meines Kammerbezirks als verbindlich erklärt.
Das Erholungswelt des deutschen Volkes
„Die größte Sorge galt stets unserem Wohlergehen. Täglich werden wir gefragt, ob wir satt seien, ob wir gut geschlafen ufro." So berichtet ein Volksgenosse, der in der schönen Stadt Bayreuth einen Hitlersreiplatz innehatte.
Hilf auch du mit, daß ein bedürftiger Volksgenosse ein paar Wochen, oder ein paar Tage ausfpannen und sich erholen kann!
Stifte einen Freiplatz, den du bei jeder Ortsgruppe der NSV. oder der Kreisamtsleitung der NSV. anmelden kannst!
W?'ie Dürberfa'*’-'
für die Zeit vom 8. bis 15. August, herausgegeben von der Forschungsstelle für lang- frisiige Wettervorhersage des Reichsamts für Wetterdienst am 5. August 1936, abends.
Die in der letzten Voraussage angekündigte Witterungsbesserung setzt sich nur langsam durch. Aber sie kommt! Abgesehen von kurzen Schauern, die in den nächsten Tagen noch, besonders in Norddeutschland und hier wiederum vor allem an der Küste und in den Gebirgen, sich einstellen werden, ferner abgesehen von später auftretenden gewittrigen Störungen, wird das Wetter im größten Teil Deutschlands bis zum Schluß der Olympischen Spiele vorwiegend heiter, warm und trocken sein.
Die gewittrigen Störungen werden hauptsächlich gegen Ende des Vorhersagezeitraums auftreten. In Ostpreußen ist mit etwas unbeständigerem, in dem ersten Fünftagezeitraum auch kühlerem Wetter zu rechnen, doch wird auch dort die Witterung überwiegend freundlich sein.
In Deutschland westlich der Weichsel wird die Anzahl der Tage mit meßbarem Niederschlag an den meisten Orten vier nicht überfteigen. Die Ge- samtsonnenscheindauer wird in dem Zehntageabschnitt fast überall mehr als 75 Stunden betragen.
Sitzung des Plov nz ö'o cfch
In der jüngsten Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen wurden folgende Verwaltungsgerichtsentscheidungen getroffen:
Auf die Klage des Heinrich E m r i ch aus Ranstadt wird unter Aufhebung des Bescheids des Kreisamts Büdingen vom 23. April 1936 der für 1936 beantragte Wandergewerbeschein zum Handel mit Kurzwaren erteilt. Die Kosten des Verfahrens fallen unter Zugrundelegung eines Streitwerts von 500 Mark dem Kläger zur Last.
Die Klage der Fa. Gebrüder Stein in Alsfeld gegen den Bescheid des Kreisamts Alsfeld vom 21. Februar 1936 wegen Nichterteilung einer Legitimationskarte für den Mitinhaber Salomon, genannt Sally Stein in Alsfeld für das Kj. 1936 wird kostenpflichtig abgewiesen.
Dem Emil Oppenheimer in Holzhausen war durch Bescheid des Kreisamts Friä)berg vom 30. März 1936 die Ausstellung einer Legitimationskarte zum Ankauf von Nutz- und Schlachtvieh für das Kj. 1936 abgelehnt, weil er wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe von 2000 Mark verurteilt ist und die' vorgefchriebenen Kontrollbücher nicht ordnungsmäßig geführt hat. Die gegen diesen Bescheid erhobene Klage wurde als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen.
Die Klage des Julius Lion in Alsfeld gegen den Bescheid des Kreisamts Alsfeld vom 9. Juni 1936 wegen Versagung der Legitimationskarte für 1936 Kj. wurde noch nicht entschieden, weil zunächst noch weitere Ermittlungen angestellt werden sollen.
Die Klage des Alex Walldorf in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen wegen Versagung des Hausiererlaubnisscheins für 1936 Kj. wurde kostenpflichtig abgewiesen.
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Am Samstag, 8. August, vormittags 8.30 Uhr, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu
Aus her Proviuzialhauptstahi.
auf wie das Meer. Eine riesige Flamme schlägt hoch. Neben der Kirche von Solnicken wühlt sich das Flugzeug in den Boden. Alles vernichtend, was in seinem Umkreis lebte. Und den Rest der Feinde (kaukasische Truppen, denen das erste Flugzeug, das sie ie gesehen haben, wie der leibhaftige Teufel erscheint) ergreift eine wilde Panik. Und alles flieht. —
Wenige Stunden danach begrub die 5. Kompanie Infanterie-Regiments Nr. ... an der Kirche von Solnicken ihren Kompanieführer Leutnant Demut. An feinem Grabe standen neben den Kameraden Vater, Mutter und die Schwestern.
Demut reißt die Maschine hinunter: Da liegt das Pfarrhaus, liegt die kleine weiße Dorfkirche. Und aus Türen und Fenstern wälzt sich die Glut. „Wenn ich doch Bomben hätte, Herrgott, roenn ich doch Bomben —" Wie Ameisen wimmeln die Feinde da umher. Demut sieht, daß sie die Gewehre auf ihn richten, hört das Bellen der Abwehrgeschütze. Er zieht die Maschine höher. Tausend Meter. Demut hat die Steuerung kaum noch in Händen. Weit beugt er sich über den Rand des Sitzes, neigt sich heraus, als müsse er mit den Augen aufsaugen, was da unten, auf feiner Erde, am Haus feiner Eltern, vor sich geht. Alles brennt, alles brennt. Und die berauschten Horden des plündernden Feindes sind wie die Geier darüber hergefallen.
„Hätte ich Bomben!", schlägt es in Demuts Herz.
„Könnte ich retten!", jagt das Blut durch seine Adern.
„Gibt es denn keine Hilfe?", hämmert es m den Schläfen.
Ein Gewirr von Wagen, Zelten, Menschen auf dem Kirchplatz von Solnicken. Es scheint der Hauptlagerplatz des Feindes zu sein. Gerade da unten, wo Demut als Kind gespielt, wo die Mutter mit den Schwestern gesessen, wo der Vater Samstags still auf und ab gegangen — gerade unter der Maschine, gerade da, tausend Meter nur unter Demut, tausend Meter, unerreichbar, nicht abzuwehren —
Und da faßt Leutnant Demut feinen Entschluß.
Bomben gibt es nicht. Aber — ist das Flugzeug nicht eine Bombe? Da steht meine Wiege. Da ist der Garten der Kindheit. Da sind die Wege vergangener Sommer, da blüht der Flieder, blüht die Linde, der Mohn —
Demut weiß, was er zu tun hat, ein Blick zur Sonne, die über dem Dorf ihre goldenen Tücher auslegt. Den Motor auf höchste Kraft! Das Steuer gezogen! Ein ungeheures Geschoß, mit ungeheurer Geschwindigkeit saust das Flugzeug mit Leutnant Demut steil abwärts. Hände vom Steuer, die Finger an den Rand des Sitzes gekrallt, die Augen emge- fresien in den Boden. Und es rast die Maschine gleich einem glühenden Kometen hinab. .
Das Land da unten beginnt zu tanzen, Kirche und Pfarrhaus und Felder und Saaten, Sonne und Feuer, Rauch und wimmelnde Menschenmassen. Lnö ein Schrei bricht auf, tausendfältig, verzweifelt
Demut läßt im Sturz die Finger frei, breitet die Sterne aus — Sekunden noch, näher der Kirchturm, näher das Vaterhaus. Der Schrei der Massen brüllt
Und eines Abends war Demut verschwunden. „Die Kompanie", hatte er auf den Meldeblock geschrieben, „hört ab morgen auf das Kommando von Leutnant Z." .
Im Morgengrauen tauchte Demut bei feiner früheren Fliegerformation auf. Schlaftrunken eilte fein alter Monteur herzu. „Fertigmachen, Treumann. Ich starte auf Befehl der Division. Sofort!" „Bombenflug, Herr Leutnant?" „Nein — Aufklärung —"
Demut bekam einen Einsitzer, Benzin für sechs Stunden, eine Pistole. Nach Minuten war er vom Boden.
Nun war er allein. Nun flog er in den dämmerigen Morgen. Nun schlug das Herz ihm im Hals. Nun weiteten sich seine brennenden Augen. Nun ging es frontroärts.
Es fangen die Drähte der Verspannung, es brummte der Motor, es strich der Wind sausend über Tragflächen und Führersitz: die Heimat naht!
Wälder. Seen. Dörfer. Die Sonne hob sich, stieg auf, ein blutiges Signal. Da unten! Da unten liegen die Kameraden!
Aus 300 Meter kann Demut das alles erkennen. Der Nebel ist gewichen, klar ist der Sommertag.
Da der Ort, in dem die Vorposten lauern. Da das Niemandsland, die paar hundert Meter zwischen Feind und Freund. Da —
Der Gegner ist schon wach. Wie weiße Rosen stehen die ersten Schrapnells in den Wolken. Da
Die Stadt ist da, in der Demut die Schule besuchte. Der Platz nahe der Kirche, das Gymnasium.
Schwarze Kolonnen wälzen sich da unten durch die Straßen. .
„Wenn ich doch Bomben bet mir hatte , denkt Demut. _
Neue Schrapnells des Feindes, dichter an der Maschine. Aber nichts hält sie von ihrem Kurs. Weiter, weiter!
Und nun ist Solnicken zu sehen.
Hier kennt Demut jeden Stein, jeden Pfad, jeden Halm. ,
Die Scheune da — und sie ist nur noch ein rauchendes Trümmerfeld. Das Haus da — und aus feinem First schlagen die Flammen. Das Wäldchen da, nahe am Dorfbach — und die Birken krümmen sich unter der Glut des Brandes.
Und da —
Alles will gelernt werden.
Der Ornithologe Professor Dr. Bernhard Hoffmann konnte im waldreich.n Striegistal bei Roßwein den interessanten Fall beobachten, wie ein junger Raubvogel in der Erjagung der Beute von einem alten Vogel unterrichtet wurde. Professor Hoffmann sah, so erzählt er in der „Ornithologischen Monatsschrift", einen alten und einen jungen Bussard in ziemlicher Höhe über dem Wald kreisen. Nach einiger Zeit strich der alte Vogel plötzlich ab, während das junge Tier weiter feine Kreise zog. Nach Verlauf von ungefähr einer halben Stunde kehrte der alte Vogel mit Futter zurück. Er hatte die Beute — Hoffmann hielt sie für ein schlangenartiges Reptil — in den Fängen, aus denen sie lang herabhing. Sofort flog der j'.nge Vogel dem alten entgegen, bettelte nun in kläglichen Tönen um das Futter, das ihm aber irr- weigert wurde. Es kam zu verschiedenen, zum Teil sehr lebhaften Kämpfen, aber nach jedem hielt der alte Vogel immer noch fest die Beute in seinen Fängen. Endlich ließ er nach einer der Kamvf- szenen die Beute plötzlich los, die lotrecht zur Erde herabfiel. In demselben Augenblick stürzte der junge Vogel der Beute nach und suchte sie nach einzelnen Sturzflügen, die ein außerordentlich schönes Bild boten, zu erhaschen. Nach drei vergeblichen Versuchen gelang dies beim vierten Sturz, worauf der Vogel sich mit feiner Beute in den Wald herabließ, um sie dort zu verzehren. Die Sgene des Unterrichts im Beutefangen wiederholte Jid) dreimal in kurzen Zwischenräumen. Professor Hoffmann war durch diese Beobachtungen das seltene Erlebnis zuteil geworden, aus sicherem Versteck heraus ein'r Raubvogelschulstunde im Walde beizimwlmen.
Opfer.
Von Edles Koppen
Es war im ersten Monat des Krieges. Man kämpfte im Osten um jeden Meter Boden. Aber der Feind hatte weite Teile des Landes besetzt, und es schien noch immer nicht möglich, ihm Halt zu gebieten. , .
Unter den Truppen, die sich Tag und Nacht immer von neuem und mit beispielloser Zähigkeit dem Ansturm entgegenstellten, befand sich Das preußische Infanterie-Regiment Nr.... r. <. • r- t
Seine 5. Kompanie focht am 22. August bei Solnicken. .
Morgens noch lag sie im Ort, mittags wurde sie zurückgedrängt, am frühen Abend mußte sie vielfacher Uebermacht gänzlich weichen. Alle Ossiziere waren gefallen, die Truppe war ohne Führung.
In der Nacht übernahm Leutnant Demut die 5. Kompanie. Er gehörte einer benachbarten tfeiü- Flieger-Abteilung an; seine Zuteilung Zur Infanterie erfolgte auf feinen ausdrücklichen Wunsch. „Ich Dm Sohn des Pfarrers aus Solnicken", sagte er zum Divisionskommandeur, „Exzellenz werden verstehen, wenn ich alles daransetze, meine Heimat und meine Angehörigen dem Feind zu entreißen .. -
Aber der Gegenstoß, den Demut mit der Kompanie wenige Stunden nach seiner Versetzung unternahm, schlug fehl. Der Feind war annähernd zehnmal so stark wie der Angreifer; man verlor abermals an Boden. Solnicken war von der neuen Stellung aus kaum noch mit bloßem Auge zu sehen.
Leutnant Demut mußte die Hoffnung aufgeben, die Seinen je wieder zu finden. — Tagelanges G pläntel von beiden Seiten folgte, hm und her um ein paar hundert Meter — Solnicken blieb m Des Feindes Hand.
Demut war am Verzagen.
Inzwischen hatte die 5. Kompanie zwei weitere Offiziere bekommen, zuversichtliche Kameraden doch auch sie mußten zugeben, daß für die nächsten Wochen nach menschlichem Ermessen kaum eine Aussicht auf Wiedergewinnung Solnickens bestand. Sie trösteten Demut, so gut sie konnten, aber sie vermochten nicht, ihn aus der Verzweiflung zu reißen. „Vater, Mutter und fünf Schwestern", sagte er, „wißt ihr denn was das heißt? Ich glaube, ich muh es auf eigene Faust versuchen —"


