Nr. 105 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch. 6. Mai <936
Das Milizheer der Schweiz.
Von Or. C. H. Hillekamps, Genf.
In letzter Zeit war außerordentlich oft in der Oeffentlichkeit, auch außerhalb der Schweiz, vom Heereswesen dieses nicht großen, aber wichtigen und interessanten Landes die Rede, man hörte von geplanten Festungsbauten, von einer Modernisierung der Armee und von einer Verlängerung der Dienstzeit, um derentwillen sogar ein politischer Kampf entbrannte; denn die Schweizer Marxisten griffen die Wehroorlage ihrer Regierung auf und machten sie zum Gegenstand eines Volksbegehrens, über das vor einigen Monaten in einer Volksabstimmung — zugunsten der Regierung — entschieden wurde. Deshalb lohnt es sich wohl, einmal zu untersuchen, wie das schweizerische Heer beschaffen ist, und in welcher Weise es „reformiert" werden soll.
Es gibt wohl kaum ein Land in Europa, das seit alters und in ununterbrochener Entwicklung eine solche Verbundenheit von Volk und Heer aufwies, wie gerade die Schweiz, obwohl niemand der Schweiz und den Schweizern ihren ausgesprochenen friedfertigen Charakter abstreiten wird. Ein Zeichen dafür, daß Wehrwille und Verteidigungsbereitschaft durchaus nicht mit Angriffslust und Kriegswillen identisch zu sein brauchen. Der stark ausgeprägte Bürgersinn des Schweizers, seine hohe Auffassung von den Pflichten und der Verantwortung des einzelnen gegenüber dem Staat, und das Bewußtsein, daß er in der Lage sein muß, das Schweizer Land und die Schweizer Neutralität — beide Begriffe bedeuten ihm fast das Gleiche! — gegen jeden Angriff von außen zu schützen, haben die alte soldatische Tradition und die innige Beziehung von Volk und Heer geschaffen.
Der Schweizer lebt, auch wenn er seinem bürgerlichen Beruf nachgeht sozusagen gleichzeitig als Soldat. Denn das Milizsystem der Schweiz "sieht zwar eine kurze „eigentliche" Ausbildungszeit, dagegen — wenn auch in ungebundener Form — gewissermaßen einen dauernden Uebungsz'ustand vor. Jeder Schweizer hat sein Gewehr, seinen Helm, seine ganze Kriegsausrüstung, abgesehen von schwerem Material (Korpsmaterial), bei sich in seiner Wohnung. Jeden Sonntag finden Schießübungen statt, an denen namentlich die jungen Leute teilnehmen, und selbst im kleinsten und höchstgelegenen Gebirgsdorf gibt es einen Schießstand, der zuweilen Eigentum der Gemeinde, zuweilen Besitz der Heeresverwaltung ist. Die Kavalleristen haben sogar außer ihrer Ausrüstung i h r Pferd, das sie — es handelt sich zumeist um Bauern — bei ihrer Arbeit verwenden dürfen, gleichzeitig aber auch sachgemäß pflegen müssen. Die Pflege des Pferdes und der Waffen wird regelmäßig kontrolliert. Jedes Jahr machen die Schwadronskommandanten eine Inspektionsreise und kehren bei den Familien ihrer Kavalleristen ein. Sie werden bewirtet, wie es der Gastfreundschaft der Schweizer Bauern entspricht, und der Zustand der Waffen und Pferde, sowie die Zahl der absolvierten Schießübungen werden regelmäßig im Dienstbuch und im Schießbuch jedes einzelnen Soldaten vermerkt. Alles dieses schafft jene enge Verbundenheit von Volk und Heer, von der wir vorhin sprachen.
Die Schweiz, auf deren Boden etwas mehr als vier Millionen Menschen leben, könnte im Kriegsfälle ein Heer von rund einer halben Million aufftellen. Dieses Heer besteht aus drei Altersklassen. Der „A u s z u g", die erste Klasse, umfaßt die Soldaten vom 20. bis zum 29. Lebensjahr bei der Kavallerie, vom 20. bis 32. bei der Infanterie, und seine Stärke beträgt insgesamt 220 000 Mann. Die Landwehr geht vom 30. (Kavallerie) bzw. 33. (Infanterie) bis zum 40. Jahr und ist 110 000 Mann stark, während der L a n d - st u r m die Männer von 41. bis zum 48. Jahre erfaßt und nochmals etwa 100 000 Soldaten darstellt. Zu diesen Ziffern müssen jedoch noch diejenigen der im Hilfsdienst Verwendbaren, nur teilweise Kriegstauglichen hinzugerechnet werden, die als Handwerker, Träger, Sanitäter und im Bürodienst Ver-
Deutsche bluten für fremde Fahnen
Von Or. W. Görlitz.
Deutschland denkt heute wieder mit Ehrfurcht seiner großen Soldaten, und die Erinnerung an die ruhmvollen Taten der Vergangenheit bildet das unerschütterliche Fundament einer stolzen Tradition, auf der unsere Armee von heute weiterbauen kann. Wer aber gedenkt noch jener, die als Deutsche in fremdem Solde unter fremden Fahnen gefallen sind, die als Deutsche seit mehr als zwei Jahrtausenden mit ihrem BVte die Schlachtfelder der Welt gedüngt haben? Sie sind des gleichen Ruhmes würdig, der unsere Regimenter des Einst umweht, jene Hessen und Braunschweiger in Nordamerika, jene sächsischen Garde du Corps und Zastrowkürassiere in ihren gelben Kollern, die 1812 die Schanzen von Borodino erstürmten, jene verlorenen Söhne der Fremdenlegion, die in Afrika und Ton- king fochten und fielen. Unser Artikel gibt einen kurzen Bericht über dieses ebenso ruhmreiche wie tragische Kapitel aus der Geschichte des deutschen Soldatentums.
Es ist ein langer, gespenstig-düsterer Zug, der aus dem Nebel der Vergangenheit vor unserem Auge heraufzieht. Germanen im Linnenrock mit dem Büffelhelm eröffnen ihn, es folgen die Reisläufer der Landsknechtszeit in zerhauener, zerschlissener Pluderhose, es folgen Jnfanterielinien m Dreispitz und blinkender Grenadiermütze, Kolonnen in Tschako und Pelzmütze, und das Ende dieses Zuges bilden Männer im Käppi mit dem weißen Nackentuch, die für die Trikolore in der fonnendurchgluh- ten Wüste marschierten und noch heute marschieren. Die Welt von Indien und Sibirien bis nach Nord- und Südamerika hin ist das Schlachtfeld, auf dem diese Männer kämpften und starben.
Vielleicht sind schon in Hannibals Heer unter den keltischen Hilfstruppen Germanensoldner mit durch Italien vor Rom gezogen. Sicher aber stehen im Beginn dieser, tragischen Entwicklung deutschen Soldatentums jene germanischen Reit-erschwadronen Cäsars, die ihm auf den pharsalischen Feldern Thessaliens den Sieg im
Wehr und Waffen.
wendung finden. Diese Zahl wird auf rund 120 000 Mann beziffert.
Die Wehrpflicht im Schweizer Milizheer dauert für Soldaten 29, für Offiziere 32 Jahre, vom 20. bis 49. bzw. 52. Lebensjahre. Der Dienst beginnt mit der „ R e k r u t e n s ch u l e ", die den Zwanzigjährigen die erste, grundlegende Ausbildung gibt. Diese Rekrutenschule erforderte bisher bei der Infanterie 65, bei der Kavallerie, wegen des Reitunterrichts, 90 Tage, bei der Artillerie und der Fliegertruppe 75 Tage. Gemäß der Heeresreform werden jedoch in Zukunft Infanterie 88, Kavallerie 102, Artillerie 88 und Flieger- und Genietruppen 98 Tage im ersten Jahre dienen, d. h., die „Rekrutenschule" besuchen. Jedes Jahr werden etwa 25 000 neue Rekruten ausgebildet. Jeder Arbeitgeber ist verpflichtet, seine Angestellten und Arbeiter bei voller Lohnauszahlung für die W i e d erhol u n g s k u r s e, die auf hie Rekrutenschule folgen, freizugeben. Die Zahl dieser Wiederholungskurse, die zunächst jährlich, später in größeren Abständen erfolgen, ist je nach der Waffe verschieden, außerdem gibt es für Artilleristen und Flieger Spezialdienst.
Zu dieser verhältnismäßig kurzen Ausbildungsund Dienstzeit, die aber dank der Qualität des schweizerischen Offiziermaterials gründlich wahrgenommen werden kann, tritt noch die vor- und außermilitärische Tätigkeit der Angehörigen des schweizerischen Dolksheeres. Sie ist zum Teil obligatorisch, die Schießausbildung der Jugendlichen (von 18 bis 20 Jahren) seit der Heeresreform. Bund und Kantone unterstützen die vor- und nebenmilitärische Ausbildung durch
weg. Die Turnvereine erhalten jährlich rund eine halbe Million Franken für die Ausbildung von 25 000 Skiläufern. Die Schießoereine, die jährlich 10 000 junge Leute vom 16. Lebensjahr ab im Scharfschießen ausbilden, erhalten 5 Franken und 50 Patronen für jeden Schützen im Jahr. Unteroffiziers- und Offiziersvereine, die sich mit der Ausbildung der jungen Leute im vormilitärischen Alter beschäftigen, erhalten ebenfalls staatliche oder kantonale Unterstützungen, und alle vier bis fünf Jahre findet das große Eidgenössische Bundesschießen statt, zu dem Schweizer aus allen Teilen des Landes zusammenströmen, um ihre Schießkünste zu zeigen.
Mit dem 1. Januar 1936 wird nunmehr d i e Schweizer Heeresreform, um die in den ersten Monaten dieses Jahres so erbitterte politische Kämpfe geführt wurden, in Kraft treten. Sie sieht außer den schon erwähnten Dienstzeitverlängerungen eine Erneuerung der Truppenordnung, eine Umgruppierung der Waffenarten sowie eine Modernisierung der Bewaffnung und Vervollständigung der Befestigungsanlagen im Osten und Norden vor. Gründe für diese Reform waren das Sinken der Geburtenzahl, das feit 1902 in der Schweiz ununterbrochen und fortschreitend zu beobachten ist, der veraltete Zustand der Heeresordnung, die aus der Vorkriegszeit stammt, und der Wunsch, das Schweizer Heer, namentlich seitdem der völlige Mißerfolg der Abrüstungskonferenz feststand, dem veränderten Stand der Kriegstechnik anzupassen.
Im Rahmen dieser Reform werden künftig von der schweizerischen Infanterie mehr automatische und schwere Waffen verwandt
Soldaten mit der Rechenmaschine!
Von Kanonier O. Aschebach.
Vieles ist bei der jungen Wehrmacht wie früher, als unsere Väter Soldaten und Kämpfer waren. Und von den Soldaten, die ein rotes „B" stolz auf ihren Schultern tragen, von denen soll hier die Rede sein. Nicht Bataillon und nicht Batterie bedeutet dieses „B", wie viele geraten haben mögen, sondern es heißt „Beobachtungs-Abtei- l u n g"!
Noch nicht viele dieser „B"-Abteilungen gibt es bis jetzt im Reich, denn diese Truppe ist noch im Aufbau begriffen. Zur Kavallerie gehören die Pferde und zur Artillerie die Kanonen, diese „B"- Abteilungen sind Spezi-altruppen der Heiligen Barbara, die nicht ein einziges Geschütz besitzen. Dafür hoben sie aber eine Anzahl große und kleine geländegängige Fahrzeuge; sie sind voll motorisiert! Vielen werden vielleicht aus den letzten Kriegsjahren noch die Schallmeß - und Lichtmeß- t r u p p s bekannt sein, welche unserer Artillerie hervorragende Dienste geleistet haben. Auf den Grundlagen dieser damals noch vielfach recht primitiv arbeitenden Trupps sind die heutigen modern ausgerüsteten Beobachtungs-Abteilungen aufgebaut.
Komplizierte Apparate, Auge und Ohr, Rechenmaschine und Zeichenstift sind die Waffen, mit denen sie dem Feind auf den Leib rücken. Der modernsten Kriegführung sind ihre Kampfmethoden angepaßt! Die Zeiten von 1870/71 sind vorüber! Die Infanterie stellt sich nicht mehr in geschlossener exerziermäßiger Aufstellung dem Feind entgegen, die Kavallerie hat keine Attacken mehr zu reiten, und die Artillerie fährt längst nicht mehr auf dem höchsten Hügel auf, um von dort oben dem Feind ihre stählernen Grüße zu senden. Es ist heut nicht mehr nötig, daß man den Feind sehen muß, um ihn bekämpfen zu können. Unsichtbar für unsere Augen werden die feindlichen Kanonen ihre todbringenden Geschosse in unsere Stellung werfen. Und diese verdeckten und getarnten Feuerstellungen des Feindes zu ermitteln, das ist eine der Hauptaufgaben der Beobachtungs-Abteilung!
Recht erstaunlich sind die Reichweiten der modernen Geschütze, und die schweren feindlichen Batterien kommen schon weit hinter der eigentlichen
Gefechtslinie zum wirkungsvollen Feuern. Nichts ist von ihnen zu sehen, nur knallen hört man sie und spürt die Wirkung! Hier treten die Schallmeßbatterien in Tätigkeit. Bei den einzelnen Schallmeßstellen wird der Abschußknall ausgenommen, die Unterschiede der Ankunft des Knalles auf den verschiedenen Meßstellen werden gemessen, und weiter zurück werden die Ergebnisse mathematisch ousge- wertet. Aehnlich, jedoch auf optischem Wege wirken die Lichtmeßbatterien. Sie schneiden bei Nacht den Feuerschein der feindlichen Batterien an. Bei Tage schießen sie die eigenen Batterien auf Fernziele ein, durch Anschneiden hoher Sprengpunkte.
Aber nicht nur mit optischen Geräten und Rechenmaschinen arbeiten die Soldaten der „B"- Abteilungen. Auch Telephonier tungen müssen sie zu bauen verstehen. Und wer glaubt, daß der Dienst bei dieser Truppe nur aus theoretischem und leichtem praktischem Dienst besteht, der irrt sich gewaltig, denn es ist nicht immer leicht, mit einer Kabelrolle auf dem Rücken über Stock und Stein zu rennen, oder Stangen zu setzen und mit den langen Hochlegestangen den Draht auf den Bäumen zu befestigen.
Dann gehört dazu noch die Vermessungsbatterie, die die genauen Unterlagen für die Scholl- und Lichtmeßbatterie gibt, und im gesamten Artilleriegebiet ein Netz von Festpunkten schafft. Ein Wetterzug und eine eigene Druckerei vervollständigten die Einzelteile der „B"-Abteilung. Und alle diese Gliederungen zusammen bilden mit ihren Geräten ein sehr wertvolles Rüstzeug der neuen Wehrmacht. Durch die gesamten Ergebnisse ihrer Arbeit wird es der eigenen Artillerie ermöglicht, die Geschütze zielsicher auf den Feind zu richten.
Recht viel geistige Fähigkeiten verlangt der Dienst bei dieser Truppe. Aber auch beim Sport und militärischen Fußdienst steht sie ihren Mann. Wenn sie auch das Waffenhandwerk nicht in dem Maße erlernt wie etwa die Infanterie, so steht jedoch der Kameradschaftsgeist bestimmt nicht hinter dem Opfermut und soldatischem Draufgängertum der anderen Waffengattungen zurück.
Bürgerkriege des Jahres 48 v. Ehr. erftritten. Es folgen die Goten, Franken und Vandalen, die Friesen und anderen Germanen, die im Solde S p ä t r o m s dessen Kriege führten, Kriege gegen ihre germanischen Brüder, Kriege gegen Slawen und Sarmaten, Kriege gegen die wilden Stämme der lydischen Wüste, Kriege gegen die Araber und gegen die eisenrasselnden Panzerreiter und Kampfelefanten im Orient.
Das Mittelalter sieht deutsche Söldner in fast allen seinen Feldzügen; sie fochten im hundertjährigen Krieg der Engländer und Franzosen, sie verteidigten Konstantinopel gegen d i e Türken (1453) und halfen dem Zaren Iwan dem Schrecklichen die Tartarenstädte Kasan und A st r a ch a n zu erstürmen. Die Hugenotten- kriege des 16. Jahrhunderts in Frankreich bringen die „reitres", die deutschen Reiter im schwarzen Küraß mit den gewaltigen langen Pistolen, sie bringen die deutschen Arkebusiere in alle Schlachten.
Das unheilvollste Zeitalter aber, da deutsches Blut nutzlos in der ganzen Welt für schnöden Sold verströmte, ist das 17. und 18. Jahrhundert. Am Ende des 17. fechten Hannoveraner unter dem Grafen Königsmarck im Solde der Republik Venedig gegen öie Türken im Peloponnes und a u f Kreta. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts finden wir Württemberger im Dienste des gleichen Venedig. Frankreich besoldet damals deutsche Fremdenregimenter, die es gegen den großen Friedrich marschieren läßt, ferner d i e Regimenter deutscher Schweizer in ihren farbleuchtenden roten Röcken. Es sind jene roten Schweizer, deren einer, der General Lochmann, dem Prinzen Rohan-Soubise, dem Besiegten von Roßbach, auf feine hochmütige Frage, wozu die Schweizer denn eigentlich angeworben wären, erwidert: „Um Ihre Rückzüge zu decken, Sire!" Das Wort hat prophetischen Klang! Deutsche Schweizer sind die letzten auf dem Schlachtfeld von Roßbach 1757, die letzten, die mit ihren Leibern 1792 den letzten Bourbonen vor der Wut des Pöbels zu decken suchen, die letzten 1802 auf Haiti im Kampf mit den aufständigen Negern, sie sind die letzten 1812 in den Schlachten von P o l o z k gegen die Russen, sind Schulter an Schulter mit Polen die letzten im eisigen Schneesturm an der Beresina.
Der Großverbraucher deutscher Truppen in diesem 18. Jahrhundert aber heißt England. England wirbt für seinen Krieg gegen die aufständigen Kolonien in Nordamerika 1775 bis 1783 deutsche Regimenter zu Dutzenden. Sie sind überall dabei, die grünröckigen Hessen-Kasseler, die blauen Braunschweiger, bei Neuyork, bei Princetown, bei Saratoga, die Waldecker gegen die verlotterten Spanier in Florida. Und ihnen gegenüber stehen im F r e i h e i t s h e e r der Amerikaner deutsche Milizen aus Pennsylvanien, kommandieren deutsche Obristen wie ein Hergesheimer, deutsche Generale wie ein Steuben, der einstige Adjutant des Preußenkönigs. England verteidigt gleichzeitig mit hannoverschen Truppen den Felsenklotz Gibraltar gegen Spanier und Franzosen, Hannoveraner kämpfen unter der englischen Flagge a u f den Balearen, hannooeranische Jnfanterie- regimenter gehen nach Indien und bedecken sich bei Cuddalore (1799) mit unsterblichem Ruhm. Deutsche fechten zur gleichen Zeit in holländischen Dien st en im Kapland, auf Ceylon und auf Java. Kein Geringerer als Port befindet sich unter ihnen.
Die Gestalt des großen Korsen erhebt sich über Europa, und wieder marschieren Deutsche in seinen Armeen, Westfalen, Bayern, Sachsen, Mecklenburger, Rheinländer, Waldecker und Thüringer. Sie marschieren durch ganz Europa von Spanien bis in die Steppen und Eiswüsten Rußlands. Und i n Spanien stehen ihnen wiederum deutsche Brüder in englischem Sold gegenüber. Hannoveraner bilden die Königlich Deutsche Legion, Braunschweiger reiten als schwarze Husaren unter dem kühnen Herzog von Oels zur Attacke.
Ueberhaupt gilt für das 19. Jahrundert der Satz: kein Krieg ohne eine deutsche Legion. Südamerika eröffnet diesen Reigen. Im Befreiungsheer Simon Bolivars ficht 1817 eine deutsch-englische Legion gegen die Spanier in Venezuela und Columbien. Ein schleswig-holsteinisches Korps, alte Kämpfer aus dem Dänenkriege von 1848 bis 1849, marschiert im brasilianischen Solde in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts gegen den Diktator Lopez von Paraguay im fieberdunstenden Urwald des Gran Chaco. England wirbt für den Krim krieg 1845 bis 1856 eine deutsche Legion von 10 000 Mann. Sie kommt zum Eingreifen nicht mehr zurecht, dafür werden Teile von ihr im
werden, als bisher, wodurch eine Herabsetzung der Zahl der Bataillone im sogenannten „Auszugs von 110 auf 84 Bataillone ermöglicht wird. Eine selb- ftänbig kämpfende Heereskavallerie, Radfahrer und motorifierte Mitrailleure operieren gemeinsam als „leichte Truppen". Dabei wird die Zahl der Kavallerieschwadronen um ein Drittel reduziert und die Kavalleriebrigade abgeschafft werden. Anstatt der Kavalleriebrigade werden neue Radfahrerregimenter geschaffen und diesen Motorradfahrer, motorisierte Mitrailleure und motorisierte Artillerie beigegeben ... Die neue Truppenordnung in der Schweizer Armee sieht statt der zu schwer- fälliaen bisherigen Form — sechs Divisionen zu 24 Bataillonen — für die Zukunft neun Divisionen vor, zu denen noch die Festungsbesatzung St. Maurice hinzutreten würde. Gebirgsartillerie und schwere Motorkanonenabteilungen sollen neu bewaffnet werden.
Das Schweizer Milizsystem, das sich um die Jahreswende in neuer vollkommener Form darbietet, ist eine sinnvolle und bis ins kleinste ausgearbeitete Einrichtung zum Schutze des Landes, zur Verbindung von Volk und Heer und zur Durchdringung auch des privaten Lebens mit dem Wehrgedanken. Der Schweizer, der mit seinem Schießbuch jeden Sonntag auf den Schießstand zieht, empfindet diese Tätigkeit kaum noch als „Dienst", obwohl sie ein Stück des Heeresdienstes ist, — sondern als Spiel und Sonntagsvergnügen. Und ähnlich ist es mit den regelmäßigen wiederkehrenden Waffenübungen und Manövern, durch die jedesmal die in der Rekrutenschule gelehrten Kenntnisse aufgefrischt und erweitert werden. Eine Tradition, die bis in die Landsknechtszeit zurückgeht, lebt in diesem Land noch sichtbar und lebendig fort...
Motorisierung in England.
Mit echt angelsächsischer Zähigkeit und Folgerichtigkeit sind im englischen Heere die Fortschritte der Kraftwagentechnik verfolgt worden. Eine eigene Versuchsbrigade hat zahlreiche Motorfahrzeuge jeder Art (Panzerspähwagen, d. h. straßengängige Räderwagen und bedingt geländegängige Räderraupenwagen, und geländegängige Raupenwagen, volkstümlich Tanks genannt) Jahre hindurch erprobt und alle Fragen ihrer strategischen und taktischen Verwendung eingehend geprüft. Auf Grund ihrer günstigen Berichte ist eine weitgehende Motorisierung des Heeres für das kommende Haushaltsjahr in Aussicht genommen.
Die einzige englische Kavalleriedivision wird in eine Schnelle Division umgewandelt. Sie wird aus zwei motorisierten Kavalleriebrigaden (zu je zwei motorisierten Reiteregimentern, d. h. Schützen auf bedingt geländegängigen Motorfahrzeugen, und einem leichten Kavalleriekampfwagenregiment), einem Kampfwagenregiment zu 4 mittleren und schweren Bataillonen sowie aus motorisierter Artillerie und motorisierten Pionieren und Nachrichtentruppen bestehen. Desgleichen werden die i n Aegypten stehenden Reiterregimenter motorisiert werden.
Die Jnfanteriebrigaden werden zu drei Schützen- und einem motorisiertem Maschinengewehrbataillon formiert werden. Die Motorisierung des Gefechtstroß der gesamten Infanterie ist beabsichtigt. Vorläufig wird erst einmal versuchsweise eine Jnfanteriebrigade mit neuartigen, sehr geländegängigen Vierräderfahrzeugen ausgestattet. Als Maschinengewehr- und Minenwerferträger scheinen vorwiegend Carden-Llyod-Schlepper eingestellt zu werden.
Die völlige Motorisierung der Artillerie wird nicht lange auf sich warten lassen. Die gesamte mittlere, schwere und Flakartillerie, zwei reitende und acht fahrende Feldartillerie-Abteilungen sind bereits motorisiert. Endlich ist die Motorisierung der Pioniere, der Nachrichtentruppen und der Nachschubkolonnen abgeschlossen. In den Kolonien schreitet die Motorisierung je nach ihrer erdräumlichen Lage und dem Ausbau ihres Wegenetzes schneller oder langsamer vorwärts. By.
Grenzkrieg mit den Kaffem im Kapland eingesetzt, und als der Sepoyaufstand 1858 in Indien ausbricht, gehen von diesen Leuten 1000 als Jägerkorps nach Indien, um die Kadres der 3. Bombay-Füsiliere, deren Reihen durch den blutigen Feldzug gegen die Maharani von Jhansi in Zentralindien gelichtet waren, aufzufüllen, so daß dieses Regiment der ostindischen Truppen noch bis in die 70er Jahre hinein einen starken deutschen Einschlag aufwies — Kommandeur und Adjutant waren Deutsche. Die 3. Bombay-Füsiliere führten noch lange in der englischen Armee den Spitznamen „Die Jäger".
Der Bürgerkrieg 1861 bis 1865 in den Vereinigten Staaten sieht abermals Deutsche auf beiden Seiten. In ganzen Regimentern fechten sie in der Armee der Nordstaaten. Und nicht nur das, wiederum stellen sie auch Generale und hohe Offiziere, wie Franz Sigel, Louis Blenker, Karl Schurz oder den tollkühnen Prinzen Felix Salm-Salm.
Das 19. Jahrhundert aber ist auch das Jahrhundert der Fremdenlegion. Frankreich ruft 1830 für den Krieg in Algier die „Legion Etrangere" ins Leben, in der immer zahlreiche Deutsche gestanden haben, gewiß verlorene Söhne ihrer Heimat, aber stets wußten sie brav zu sterben. Die „Legion" hat Frankreichs Kolonialreich gebaut, mit ihrem Blut in der Schlacht, mit ihrem Schweiß beim Straßenbau, und noch heute hält sie die Wacht in Hinterindien, in Syrien und in Ost- afrika. Auch Spanien organisierte seine Frem- denlegion mit vielen Deutschen für den Kampf gegen die Berber im Rif, und ein großer Teil deutscher Söldlinge stand in den holländischen Bataillonen, die um die Jahrhundertwende die grimmigen Atjeh aus Sumatra unterwarfen.
Deutsches Blut allüberall, vergossen für kargen Lohn, für fremden Ruhm, für schnöden Undank. Es sind die vergessenen Toten einer großen und ruhmvollen Armee, die da modern in der sibirischen Taiga, in Rußlands Steppen, in der Wüste Nord- afrikas, unter den Korkeichen Spaniens, im Fiebersumpf des Gran Chaco oder in den dunstigen Herbstwäldern des alten Kentucky und Pennsylva- niens. Wir wollen auch dieser Vergessenen denken — aber das neue Reich wird dafür sorgen, daß dieses tragische Kapitel deutschen Soldatentums für alle Zeiten abgeschlossen ist!


