Ausgabe 
6.4.1936
 
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Montag, b.ApnljyZb

Nr. 82 Drittes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Aus der Provinzialhauptstadt.

Der Bau von llebungsstätten.

Di- Land-sr-gierung hat folgenbe V-r,ü°un° an all- unterstellten staatlichen Behörden, Gemein- den und Gemeindeverbände gerichtet:

Wiederholt ist es vorgekommen, daß fick Schwimmgelegenheiten (Schwimmbäder. Brond- we.her u w.). sowie sonstige Uebungsstätten noch Fertigstellung als fehlerhaft herausgestellt hoben Bei vorheriger sportbautechnischer Beratung durch das zuständige Referat für Turnen und Sport hüt- ten die Fehler vermieden werden können Zur Ver­hütung von Unzuträglichkeiten und zur Vermeiduna unnötiger Kosten ordne ich daher an- 9

1. Wird die Herstellung oder Umgestaltung einer Uebungsstatte geplant, so ist ein Antrag bei der Landesregierung (Referat Turnen und Sport) vorzulegen zwecks Nachprüfung der Plane hinsichtlich der Erfüllung der sportlichen Bedingungen. *

2. Die Landesregierung (Referat Turnen und Sport) setzt hierauf unter Heranziehung des sportbautechnischen Sachverständigen einen Lokal­termin zur Besichtigung des Änlogengeländes fest.

3. Handelt es sich lediglich um einen Brandweiher der als Schwimmgelegenheit verwendet oder ausgebaut werden soll, dann wird der als an­nehmbar erklärte Plan durch die Abteilung I e dem zuständigen Kulturbauamt zur Ausführung weitergeleitet.

4. In diesem Falle erledigt das Kulturbauamt alles Weitere unmittelbar mit den Kreisämtern, Brandversicherungskammer, dem Landesarbeits­amt. Arbeitsdienst und sonstiaen Stellen.

5. Der Ausbau eines Brandweihers zu ordnungs­mäßigem Schwimmbad einschließlich Planung von angeschlossenen Uebungsplätzen für Turnen und Sport unterliegt ebenfalls der Beratung und Genehmigung der Landesregierung (Refe- rat Turnen und Sport).

6. Nach Ausführung der Arbeiten ist der Lan­desregierung (Referat Turnen und Sport) Mitteilung zu machen.

Durch diese Anordnung sollen die Gemeinden usw. davor geschützt werden. Ausgaben für Ium« und Sportanlagen zu leisten, die nicht den sport­behördlichen Richtlinien entsprechen.

Dornotizen.

Tageskalender für Montag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Hilde Petersen post­lagernd". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der junge Graf".

Die Schulung der Turniehrkrüste für die Sommerkampfspiele 1936.

Die Landesregierung Abteilung II hat den Direktionen der höheren Schulen und den Kreis- unb Stadtschulämtern die nachstehende Verfügung zugehen lassen:

Um die Turnlehrkräfte für die Durchführung der Sammerkampfspiele 1936 in breitester Front vorzu­bereiten, wird in allen Kreisen am 18. und 25. April je ein zentraler Schulungstag eingerichtet. Wo sich aus verkehrstechnischen Gründen in einem Kreise eine Unterteilung in Bezirke notwendig erweist, kann dies geschehen. Als Teilnehmer kommen die Lehrkräfte in Frage, die in den für die Sommer- kampfspiele vorgesehenen Klassen Turn- oder Spiel­stunden erteilen. Zum mindesten muß jede Schule vertreten sein. Entsprechender Urlaub ist zu gewäh­ren. Außerdem werden die Fahrt-Auslagen aus besonderen, den Kreisschulämtern überwiesenen Mitteln ersetzt.

Verantwortlicher Leiter der Schulung für die Lehrer am 18. April 1936 ist der Kreissachbearbei­ter für körperliche Erziehung im NSLB. Er kann geeignete Lehrkräfte zuziehen, um im Hinblick auf die gesamten Kämpfe in den Volks- und höheren Schulen, sowie bei der Kürze der Schulungszeit und der Zahl der Turnlehrkräfte in entsprechender

Tagung des Gesamt-VHL. aus dem Hoherodskops

Oie Klubhaus-Frage. Bismarckfeier.

Der Vereinsführer des Gesamt - Vogelsberger- Höhenclubs, Dr. Bruchhäuser (Ulrichstein), hatte die Zweigvereine zu einer außerordent­lichen Hauptversammlung auf den vor­gestrigen Samstagnachmittag im Klubhaus des Hoherodskopfs eingeladen, um sich erneut in ge­meinsamer Beratung mit der Frage des Klub­haus-Baues auf dem Hoherodskopf zu beschäftigen. Etwa 40 Vertreter der Zweigvereine hatten sich eingefunden, darunter auch Vertreter der größeren Vereine.

Der Vereinsführer Dr. Bruchhäuser eröff­nete die Versammlung mit herzlichen Begrüßungs­worten: ein besonderes Grußwort entbot er dem um die Sache des VHC. hochverdienten Ehren­präsidenten Karl Link (Schotten). Darauf wid­mete er dem vor einigen Tagen verstorbenen Vor­sitzenden des Zweigvereins Heuchelheim bei Gie­ßen Gustav Bergen einen herzlichen Nachruf, das Andenken an den Entschlafenen wurde von der Versammlung in üblicher Weise geehrt. Sodann wurden einige kleinere Angelegenheiten erledigt; u. a. wurde den Zweigvereinen die korporative Mitgliedschaft im Reichssportverband und im Lan­desverkehrsverband Hessen-Nassau empfohlen. Hier­auf kam

die Klubhaus-Frage

zur Beratung. In der Einladung zu der außer­ordentlichen Hauptversämmlung hatte Dr. Bruch- Häuser bereits mitgeteilt, daß der seither ge­plante Bau eines neuen Klubhauses aus finanziel­len Gründen vorläufig wohl zurückgestellt werden müsse und dafür vorgesehen sei, einen schon früher geplanten Vorbau vor das alte Klub- Ha u s zu stellen, der den derzeitigen Bedürfnissen zunächst entspreche. Im Verlaufe der Beratung wurde darauf hingewiesen, daß sich

der Besucherverkehr auf dem hoherodskopf in­folge der neuen, guten Zufahrtsstraße außer­ordentlich gesteigert hat und nunmehr die Räume im alten Klubhaus unzureichend find.

Von zwei Bausachverständigen wurde der jetzt im Vordergründe stehende Plan eines Vorbaues eingehend erläutert. Danach soll als erster Abschnitt des später zu errichtenden Neubaues ein neuer Saal als Vorbau zum jetzigen alten Klubhaus errichtet werden. Dieser Saal wird eine Fläche von etwa 57 Quadratmeter einnehmen. Wenn der alte Saal und zwei Zimmer des alten Klubhauses hin- zugenommen werden, wird man für die Zukunft eine nutzbare Fläche von 150 bis 160 Quadrat­meter haben und damit den Besuchern einen vor­läufig ausreichenden großen Raum zur Verfügung stellen. Gleichzeitig mit diesem Vorbau soll eine ausreichende Unterkellerung vorgenommen werden, damit ein richtiger Wirtschaftskeller geschaffen wird. Der Vorbau wird etwa 12 Meter lang und etwa 5 Meter breit werden. An Spenden für das Hausbau-Projekt sind bis jetzt etwa 10000 bis 12000 Mark eingegangen, so daß die Kosten für die Errichtung eines Vorbaues gedeckt wären. Das jetzige alte Klubhaus soll abschnittweise, je nach der Verwirklichung des großen Neubau-

Projektes und nach dem Vorhandensein der erforder­lichen Geldmittel, abgerissen werden, zwischen dem jetzigen alten und dem neuen Klubhaus soll ein Zwischenbau erstehen, so daß im Laufe der Zeit das alte Klubhaus völlig verschwindet und an seiner Stelle ein ausreichender Neu­bau entsteht.

Nach eingehender Beratung, an der sich neben der Vereinsführung u. a. die Vertreter von Gießen. Grünberg, Alsfeld, Schotten, Mainz und Offenbach beteiligten, beschloß die Versammlung,

den projektierten Vorbau als ersten Abschnitt des Klubhaus-Reubaues durchzuführen, das alte Klubhaus in der vorgeschlagenen weise all­mählich abbrechen zu lassen, um es durch einen Reubau zu ersehen; ein Zwischenbau wird dann das jetzige neue Klubhaus mit dem künftigen neuen Hauptbau verbinden.

An die Spender soll mit der Bitte herangetreten werden, die bisher in Aussicht gestellten Beiträge zu dem Hausbau baldmöglichst dem Baufonds zu überweisen, damit die Bauarbeiten in aller Kürze in Angriff genommen werden können.

Nachdem noch zu zahlreicher Beteiligung an den Himmelfahrt-Sternwanderungen nach Alsfeld und Butzbach aufgefordert worden war, schloß der Vereinsführer nach etwa dreistün­diger Verhandlung die außerordentliche Hauptver­sammlung.

Hierauf versammelte man sich zu einem gemein­samen schlichten Abendessen, dem sich im neuen Klubhaus

die Bismarck-Feier

anschloß. Der Vorsitzende des Zweigvereins Hohe­rodskopf, Buß (Schotten), begrüßte die DHC.er mit herzlichen Worten, die von einem gemeinsam gelungenen Lied gefolgt waren. Dann sprach der Führer des Gesamtvereins, Dr. Bruchhäuser, über die innige Verbundenheit des deutschen Volkes mit seinem Führer Adolf Hitler, dem als Gruß und Treuegelöbnis das begeisterte dreimalige Sieg- Heil der Versammlung galt. Nach dem Gesang des Horst-Wessel-Liedes und eines weiteren vaterlän­dischen Liedes hielt Studienrat Dr. Fühler vom Zweigverein Grünberg die Gedenkrede, in der er das Wirken des unvergeßlichen Reichsgründers Bismark mit dem Aufbauwerk unseres Führers Adolf Hitler in Parallele stellte und den Genius im staatsmännischen Wirken dieser beiden großen deutschen Männer pries. Die Ansprache fand ihr eindrucksvolles Ergebnis in der Aufforderung, alle­zeit in treuer Gefolgschaft am Aufbauwerk des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler mit­zuarbeiten und dessen große nationalsozialistische Idee in die Tat umsetzen zu helfen.

Der Gesang des Vogelsberg-Liedes und ein Schlußwort des Zweigvereins-Vorfitzenden Buß, der zu unermüdlichem Dienst am deutschen Dater- lande aufforderte, sowie der Gesang des Deutsch­landliedes bildeten den Abschluß der offiziellen Feierstunde. Hierauf verbrachte man noch einige Stunden in abwechslungsreicher geselliger Unter­haltung.

Arbeitsteilung eine ausreichende Vorbereitung der Kampfspiele zu sichern.

Der Inhalt der Schulung ist durch das Ausschrei­ben über die Sommerkampfspiele 1936 bestimmt.

Am 25. April 1936 ist die Kreissachbearbeiterin für körperliche Erziehung im NSLB. mit der Durch­führung beauftragt. Sinngemäß gelten hier die für den 1. 'Schulungstag getroffenen Anordnungen.

Heber die Gestaltung der Schulung und die Er­fahrungen bezüglich Organisation und Teilnahme ist über das zuständige Schulamt alsbald zu be­richten.

SportamtKraft durch Freude^.

heute folgender Kursus:

Fröhliche Gymnastik und Spiele, Frauen. 19.4521.00 Uhr, Großen-Buseck, Schule.

Achtung! Verlegung von Kursen!

In dieser Woche müssen die Sportkurse im Ly­zeum wie folgt verlegt werden:

Dienstag: Fröhliche Gymnastik, Frauen, 20.30 bis 21.45 Uhr im Saal Haus der Deutschen Arbeitsfront, Schanzenstraße 18.

Mittwoch: Allgemeine Körperschule, Frauen und Männer, 20.30 bis 21.45 Uhr, Turnhalle Schil­lerschule, Schillerstraße.

Donnerstag: Fröhliche Gymnastik, Frauen, 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr, Turnhalle, Schil­lerschule, Schillerstraße.

Zwei schwere Derkehrsunfälle.

Am gestrigen Sonntagabend geriet der Motor­radfahrer Willi Heyer aus Krofdorf, als er sich mit seiner Maschine auf dem Heimweg nach Krof­dorf befand, am Ausgange unserer Stadt in der Krosdorser Straße mit dem Motorrad gegen einen Baum. Dabei stürzte der bedauernswerte junge Mann so unglücklich, daß er einen Schädelbruch erlitt und besinnungslos von der Sanitätskolonne nach der Chirurgischen Klinik verbracht werden mußte, wo er heute vormittag noch ohne Bewußt­sein daniederliegt.

Ein weiteres schweres Motorradunglück, dem lei­der auch ein junges Menschenleben zum Opfer siel, ereignete sich in der letzten Nacht auf der Land­straße GießenLollar in der Nähe des Badenbur­ger Wäldchens. Dort mußte ein Lastauto, das sich auf der Fahrt von Braunfels nach Bad Pyrmont befand, infolge einer Reparatur halten. Während dieses Fahrzeug stand, kam der 25 Jahre alte Wil­helm Henkel aus Salzböden mit feinem Motor­rad, auf dessen Soziussitz die 16 Jahre alte Gerda Will aus Lollar saß, auf der Heimfahrt von Gießen heran. Der Motorradler rannte mit gro­ßer Wucht auf den Lastwagen auf, wobei Das Mädchen gegen das Lastauto geschleudert wurde und auch Henkel stürzte. Das junge Mädchen erlitt einen schweren Schädelbruch,, Henkel einen Becken­bruch. Beide wurden von der Gießener Sanitäts­kolonne vom Roten Kreuz nach der Chirurgischen Klinik verbracht, wo das bedauernswerte Mädchen heute früh gegen 5 Uhr verstorben ist. Henkel ist zur Zeit noch nicht vernehmungsfähig.

Kameradschastsabend im Reichslustschuhbund.

Die Reviergruppe II der Ortsgruppe Gießen des Reichsluftschutzbundes veranstaltete am Samstag im Saale des Katholischen Vereinshauses einen Kameradschaftsabend. Der Abend war als Werbe­veranstaltung gedacht und stand unter dem Leitge­dankenLuftschutz tut n o t".

Ein Vorspruch, versaßt von Revierführer N o r t h, oorgetragen von Frl. Wiegand, wies auf die Notwendigkeit des Luftschutzes hin. Ortsgruppen­führer Obertruppmeister C l o tz begrüßte die Be­sucher, insbesondere die Vertreter der Feuerwehr, der Sanitätskolonne, des Reviers I und der Presse und betonte, daß die Veranstaltung besonders auch dazu dienen solle, daß sich die im Dienste des Luft­schutzes tätigen Männer und Frauen näher kennen lernten. Dies sei notwendig, um den Luftschutzge­danken hinauszutragen in die Bevölkerung. Man müsse für Aufklärung sorgen und die breiten Massen des Volkes davon überzeugen, daß Luftschutz so notwendig sei, wie das Heer. Die Bevölkerung müsse sich schützen, indem sie sich die Maßnahmen zu eigen mache, die der Luftschutz biete. Zur Durch­führung des Luftschutzes sei militärische Disziplin notwendig. Es müsse darauf hingewirkt werden, daß sich alle Männer und Frauen dem Leichsluft­schutzbund anschließen. Die Frau werde in Zukunft die Hauptträgerin des Luftschutzes sein. Wenn sich das deutsche Volk von Der Wichtigkeit des Luft­schutzes überzeugt habe, werde die Heimatfront sicher stehen.

Nach einem weiteren Musikstück hielt Kreisfeuer­wehrinspektor Bouffier einen Vortrag überDie Feuerwehr im Dienste des Luftschutzes". Die deut­schen Feuerwehren in ihrer Gesamtheit hätten sich bereitwillig in den Dienst der Sache gestellt und bisher den Reichsluftschutzbund in weitgehender Weise unterstützt. Um den Umfang der Tätigkeit der Feuerwehren beurteilen zu können, müsse man erst die drohenden Gefahren kennen. Es fei ohne weiteres verständlich, daß zur Durchführung der Aufgaben der Feuerwehren deren normaler Mit­

©er Gchivtzherr.

Bon Otto Folberth

Der Bataillonsstab, bei dem der Kadett sich zu melden hatte, war in einem Schloß untergebracht. Sein vornehmer, stockhoher Bau lag von hohen Parkbäumen umgeben so tief in einer Hügelmulde, daß er vom nahen Feinde nicht eingesehen werden konnte. Immerhin mußte er unter Artilleriefeuer schon allerhand zu leiden gehabt haben, denn als der Kadett durch das Hoftor einritt, erblickte er zahlreiche, über den Hof und den Garten verstreute Granattrichter.

Der Bataillonsführer wohnte, wie sich heraus­stellte, gar nicht im eigentlichen Schloßgebäude, sondern hatte in einem etwas abgelegenen ehe­maligen Verwalterhaus Quartier genommen. Viel­leicht nahm er an, dort von den feindlichen Grana­ten weniger belästigt zu werden. Für den Kadetten fand sich indes hier kein Platz mehr. Das kleine enge Häuschen war bis in feinen letzten Winkel vom Bataillonsstab besetzt. So blieb ihm nichts anderes übrig, als mit dem Schloßgebäude selbst vorkieb zu nehmen.

Nachdem er den Dienststellen des Stabes seinen Auftrag, als Verbindungsoffizier der Artillerie hierher geschickt worden zu sein, näher auseinander- gesetzt hatte, schritt er denn langsamen und nach­denklichen Schrittes auf den formschönen, alten Bau zu Ein merkwürdiges Gefühl voll scheuer, unheim- licher und dennoch verlockender Erwartungen be- mächttgte sich seiner. Er betrachtete Zuerst die ein­fachere Hof-, dann die reicher und künstlerischer ausqeftattete Gartenseite des Baues. Schließlich stieg er die breite Treppe hinan die aus dem Garten über eine Steinterrasse zu dem Mittelteile des Schlosses emporführte. pr

Er betrat den Saal. Er betrat die Zimmer^ Keinerlei Einrichtungsgegenstattde befanden sich mehr in ihnen. Ihre Fenster waren zersprungen. Ihre Türen waren ausgehoben und verschleppt. An einigen Stellen war sogar der Verputz der Zimmer decken abgebröckelt, gewiß infolge der Erschutterun gen der nahen Granateinschlage und hatte die Parkette weiß gefärbt Die Schritte.des Kadetten widerhallten laut von den kahlen Wanden.

Endlich glaubte er einen Raum gefunden zu haben, in dem er sein Lager aufschlagen könne. Und da war auch der Meldegänger des Stabes schon da und trug einen Besen aus Birkenreisigin Hand und begann die verdreckten und verstaubten Parkette zu kehren und holte nachher Stroh aus dem Wirtschaftshof und richtete in einem Winkel des Zimmers dem Kadetten das Nachtlager her.

Auf einer Strohschütte also, jawohl, wird er die ersten Schloßnächte seines Lebens verbringen. Da­bei ist etwas sehr seltsam. Immer, wenn er sich in Der Knisterfülle unter seinen Decken zurechtreckt und der aufgehende Mond durch die hohen Fenster bricht, fällt sein Blick geradeaus auf einen großen ausgestopften Bussard, der von Der Mitte Der ZimmerDecke an einer Schnur herunterhängt unD seine Schwingen reglos über Dem ungewohnten Treiben im Zimmer ausbreitet. Es ist Der einzige GegenstanD, Der von Den früheren Bewohnern zu­rückgeblieben ist. Er hängt so hoch, Daß ihn niemand erreichen kann.

Und was noch viel seltsamer ist: je langer der Kadett von seinem Strohlager Den Vogel anblickt, um so schärfer fühlt er sich selbst von ihm ins Auge gefaßt. Er erkennt Dann ganz deutlich, daß der' Kopf des Vogels mit dem Krummschnabel ein klein wenig nach ihm hin geneigt ist. Lebte er, oh er würde keinen Augenblick zögern, sich auf ihn, den frechen Eindringling zu stürzen. Was fiel ihm nur ein, sich in diesen vornehmen Raumen hier breit zu machen? .

Es gibt Nächte, in denen der Wmd recht wie em Uhu durch die zerklirrten Fenster des Hauses pfeift und dem Kadetten die Gänsehaut über den Rucken läuft. Es gibt Nächte, da prasselt es zuweilen wie toll los in irgendeinem Gefechtsabschnitt da vorne. Die feindlichen Weitgänger spinnen ihre dünnen Fäden über den Park. Gespannt wartet er das Hochsteigen der roten Leuchtraketen ab, um die Artillerieunterstützung in Gang zu setzen. Selten aber nur kommt es dazu. Das Feuer der Front erstickt gewöhnlich ebensorasch, als es entflammte.

Am schönsten an diesem Schloßleben ist der frühe Morgen. Die Nacht ist dann vorbei, so oder so. Die Schützengräben schlafen. Die feindliche Artillerie, ach, die schnarcht überhaupt noch.

Herrlich, wie leicht man hier draußen den Weg zu dieser Morgenstunde findet! Man springt ein­fach von seiner Strohschütte auf und steht fix und fertig da. Die Kleider hat man ja nie abgelegt. Der Kadett genießt dies unmittelbare Bereitsein zu allem und jedem überhaupt sehr. Man ist, so merkt er, auf diese Weise gleich immer bei allem dabei. Bei jedem Atemzug der Schöpfung. Bei jedem Herzschlag des Augenblicks.

Kaum sprüht die Sonne ihre ersten Strahlenblitze in das Geäst der Bäume, steht er bereits auf der breiten Terrasse. Aus dem muntern Gezwitscher, bas schon feit Stunden in seinen Halbschlummer hineingeflötet hat, ist mittlerweile ein volltonendes, reichbesetztes Konzert geworden. Langsam, fast feierlich schrettet er nun die steinernen Treppen

hinunter, betritt den grünen Rasenteppich, oder geht die vom Unkraut lange nicht mehr gesäuberten Wege entlang, verweilt hier und verweilt dort, be­guckt die glitzernden Sonnengoldkügelchen der trie­fenden Sträucher, bewundert Die silbertauschweren Netze Der Spinnen im verwilDerten Buchs.

Ist etwa Das verwunschene Schloß seiner Kin- Dermärchenzeit unversehens Wirklichkeit geroorDen? Ist ein Leben zu EnDe gegangen? Hat ein neues begonnen? Ober hat sich bloß ein Schicksalsblatt ein einziges, innerhalb seines Lebens gewendet und er steht jetzt einfach vor einem neuen Tor der Zeit und muß nun wieder zusehen, wie er es öffnet oder sprengt und wie er es durchschreitet?

Er atmet tief. Seufzend klingt es und doch auch wie dankend und wie erlöst sein.

Da knallt ein Schuß hinter den östlichen Hügeln. Und noch einer. Aber sie können die Hoheit die­ses Tages nicht mehr stören. Es bleibt alles, alles so fremd um den jungen verträumten Schloßherrn. Und doch auch wieder so rein, so hell, so ganz nah.

Wie Prinz Eugen starb.

In diesem Frühjahr schickt sich Oesterreich an, des 200. Todestages des Prinzen Eugen zu gedenken, und wir im Reich haben allen Grund, uns angesichts dieser weltgeschichtlichen Erscheinung an die gemeindeutsche Schicksalsverbundenheit aller unserer Stämme zu erinnern, Denn in seinen Hee­ren haben nicht nur Die Völker Der von ihm ge­schaffenen Monarchie gefochten, sonDern Das ganze Reich hat unter seinen Fahnen geftanDen. Das Aprilheft von Delhagen & Klasings M o - natsheften roiDmct Dem Prinzen Eugen einen reich bebilDerten Aufsatz aus Der FeDer Des Wiener Historikers Heinrich Kretschmayr. Der Ver­fasser zeichnet auch ein BilD des Menschen Eugen, der in Wien als großer Herr prachtfreudig und doch am liebsten in einem kleinen Freundeskreise Hof hält. Er hat niemals viel aus sich gemacht, hatte keinen(Sinn für Feierlichkeit"; mdn kann nicht tief in das Wesen dieser Seele schauen, die sich mit einer Art Scheu verschleiert hielt Der Eindruck frostiger Sachlichkeit mag wohl der unmittelbarste gewesen fein, den man von ihm empfing. Aber diese methodische Bedachtsamkeit und trockene Gedanken­schärfe, die immerhin Platz ließ für manchen scharf- geschliffenen Satz von unvergeßlichem Klang, ver­barg eine hohe Kühnheit politischer und militärischer Gedanken und wandelte sich unvermittelt zu jäh aufleuchtender Entschlußkraft und leidenschaftlicher Willensstärke um, und sie ließ Raum für eine Für­sorglichkeit des Herzens, die nur aus dem Grunde

einer wahrhaft gütigen und wohlwollenden Seele hervorgehen kann. Niemals kräftig, in feinen Spät­jahren augenscheinlich leidend und immer mehr gedankenvoll und versonnen, ging er von einem seiner stillen Freundschaftsabende mit Geplauder und Kartenspiel hinweg in der Nacht zum 21. April 1736 in die Ewigkeit. Freund und Feind haben nie anders als in Ehrerbietung von ihm und seinem Gedächtnis gesprochen. Er ist eine der menschlich unantastbaren Gestalten der Geschichte. In der Stephanskirche, recht im Herzen jenernach dem Osten verschobenen Monarchie Karls des Großen", die feine Siege gebaut haben, wurde er bestattet.

Erinnerung an 1870.

Aus Paris wird der Tod von Louis Hillai- raut berichtet, der seinerzeit einen Attentatversuch auf den Marschall Bazaine gemacht hatte. Ba- zaine, den man in Frankreich für die Niederlage im Jahre 1870 verantwortlich machte, war vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt wor­den. Zu langjährigem Gefängnis begnadigt, ge­lang es dem Marschall nach Spanien zu fliehen. Dort überfiel ihn eines Tages der französische Handlungsreisende Louis Hillairaut und suchte ihn zu erstechen. Das Attentat mißlang, und Hillairaut wurde vom spanischen Gerichtshof zu langjähriger Gefängnisstrafe verurteilt. Gleich nach dem Ab­schluß der russisch-französischen Allianz suchte ein russischer Großfürst bei einem Aufenthalt in Spa­nien den Gefangenen Hillairaut auf. Er interessierte sich für ihn und erreichte von König Alfons XII. hie Freilassung des Verurteilten. Hillairaut begab sich in seine Vaterstadt La Roche zurück, wo er jetzt, 86 Jahre alt, gestorben ist.

Geschickte Warnung.

Ein Maler, der an der gewaltigen Kuppel der St.-Pauls-Kirche in London arbeitete, trat eines Tages im Eifer feiner Tätigkeit auf feinem Gerüst einige Schritte zurück, um fein Werk aus der Ent­fernung zu betrachten, und er war nahe daran, in die Tiefe zu stürzen. Ein in der Nähe arbeiten­der Maurer hatte die Gefahr bemerkt. Statt den Künstler aber nun unbedachterweise durch einen Zuruf zu warnen, nahm er eiligst einen mit Farbe gefüllten Pinsel und lief damit auf eine der besten Figuren los, als ob er ihr einen Strich mitten durch das Gesicht machen wollte. In heller Wut stürzte der Maler auf ihn los, um ihn an der Zerstörung zu hindern. Auf diese Weise erging er der Gefahr.