Ausgabe 
5.10.1936
 
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Der Gchuhraum.

Oberheffen.

*7* Er hat angefangen, eine Nolle zu spielen. Man hört immer mehr von ihm. Dorträge, Be- suhtiaungen, praktische Schulung haben die Auf­merksamkeit geweckt und das Verständnis gefördert. Allerorten beginnen die Volksgenossen aufzuhorchen. Die vom Reichsluftschutzbund aufgeworfene Frage läßt keinen mehr los.

Warum geschieht dies alles? Weil die Leistungs­fähigkeit des modernen Flugzeugs zu umfassenden

Das der deutsche Bauer gerade In den letzten Zähren geleistet hat, ist etwas Einziges und Einmaliges, so sprach der Führer in Nürnberg, heute können wir 80 bis 85 v. h. unseres Bedarfes an Lebensmitteln im Inland erzeugen, gegenüber 65 v. h. im Jahre 1922. Darum deine Pflicht: Verschwende nicht, denn der Fehlbetrag an Nahrungsgütern kostet Devisen!

Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung zwingt. Es gilt, ein ganz neues Feld zu beackern. Baufach­leute haben Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Handwerker finden neue Erwerbsmög­lichkeiten. Die Industrie hat sich seit langem der Bedürfnisse des Luftschutzes angenommen. Behör­den schalten sich ein. Mancher Bauherr weiß darum.

Die jüngsten Innungsversammlungen, die anläß­lich derBraunen Messe" abgehalten wurden, waren zahlreich besucht. Zunächst tagte die

B aug ew erken-Jnnung

imSchützenhaus", in der Obermeister Ioh. Bal­ser (Bettenhausen) einen Bericht über die Jahres­arbeit gab, dem zu entnehmen war, daß die In­nungsmitglieder gut beschäftigt waren. Die finan­zielle Lage der Innung wurde als gesund bezeich­net. Kreishandwerksmeister S t ü h l e r leitete die Neuwahl des Obermelsters ein, die eine einmütige Wiederwahl des Obermeisters Ioh. Balser brachte.

Dr. Wagenbach von der Berufsberatung des Arbeitsamtes Gießen sprach über die Frageder Nachwuchsgestaltung". Er erinnerte an die Vor­schriften, nach denen Lehrlinge nicht mehr beim Meister angemeldet, sondern über die Berufsbe- ratun-g dem Handwerk zugewiesen werden müssen. Zu Ostern nächsten Jahres wird wieder ein stär­kerer Jahrgang aus der Schule entlassen werden und die Sorge der Führung ist es, diese Jungens restlos in die Lehre und in Arbeitsstellen zu brin­gen, weil jeder Monat Zeitverlust ein Schaden am Handwerk und der Arbeitskraft des Volkes bedeutet. Da der junge Mann bald nach der Lehre zum Ar­beitsdienst und dann zu den Soldaten muß, muß unbedingt die rechtzeitige Unterbringung einsetzen, damit ihm wenigstens ein Gesellenjahr zur Ver­tiefung seiner Kenntnisse bleibt. Es ist daher not­wendig, daß namentlich Handwerker auf dem Land auch dann, wenn nicht viel Arbeit vorhanden ist, Jugendliche aufnehmen und sie im Sommer in der Landwirtschaft beschäftigen.

Obermeister Balser überbrachte die Grüße des Kreisbetriebsgemeinschaftswalters Stein. Die

Küfer-Innung

für die Provinz Oberhessen versammelte sich im Gasthaus Boller. Obermeister Phil. Sommer- k o r n gab den Jahresbericht, der durch einen Be­richt über die Reichstagung der Küfer erweitert wurde. Der Obermeister konnte von dieser Tagung die erfreuliche Nachricht von der Wiederbelebung des in letzter Zeit zurückgegangenen Handwerkes mitbringen. Durch die Neuregelung der Rohstoff­frage kommt auch das Holz im Küferhandwerk zu neuer Ehre. Bei der Herstellung vieler fabrik­mäßig angefertigten Gefäße aller Art wird durch die Vorschrift der Holzverwendung dem Küferhand­werk neue Arbeit geschaffen. Im Vordergrund steht der Bau von Holzsilos.

Bezirksinnunqsmeister Beißwanger aus Frankfurt a. M. gab in großen Zügen eine lieber» sicht über die vielfältigen Berufsfragen des Küfer-

hausbefitzer- und Mietervereine beschäftigen sich mit der für Sicherheit und Bestand des Volkes so wichtigen Angelegenheit. Alle Einsichtigen und Klarblickenden haben den hohen Ernst erkannt.

Freilich machen sich viele Volksgenossen von dem Sinn und Zweck des Schutzraums eine ganz falsche Vorstellung. Bei dem starken Personalbedarf, der in Zeiten kriegerischer Verwicklungen zu befriedi­gen sein wird, kann mich Sicherheit gesagt werden, daß nur Greise, Kinder und Kranke die Insassen der Schutzräume sein werden. Alle anderen stehen entweder im Selbstschutz des Hauses oder haben außerhalb der Wohnung einen bestimmten, der All­gemeinheit dienenden Pflichtenkreis. Dies gilt nicht nur für die Männer, sondern auch für die Frauen.

Im Tone des Vorwurfs kann man hören, die Schutzräume feien ja doch nicht bombensicher her­zurichten. Das soll auch nicht aeschehen, weil es keinen Schutz gegen alle Angriffsmöglichkeiten zugleich gibt. Aber schützen soll und kann der zweckmäßig ge­staltete Raum gegen chemische Kampfstoffe, gegen Spreng- und Splitterwirkung. Und hiermit ist un­endlich viel erreicht.

Viele meinen, die Einrichtung der Schutzräume sei Sache der Behörden. Dies ist ein Irrtum. Zwar überwacht die Baupolizei die Arbeiten. Erstellung und Einrichtung aber ist Sache der Hausbewohner. Natürlich entstehen hier schwer zu lösende Fragen, vor allem finanzieller Art. Aber sie müssen gelöst werden, weil die Zukunft von Millionen Volksge­nossen sonst gefährdet ist.

und Böttcher-Handwerks und die zahlreichen Be­strebungen für eine Wiederbelebung dieses alten Handwerks. In eingehender Weise behandelte er die Bestrebungen zur Arbeitsbeschaffung in diesem Handwerk. U. a. ging er näher auf die Bestrebun­gen ein, die Süßmosterei zu fördern, die als Lohn­mosterei namentlich auf dem Lande in erster Linie durch die Küfer betrieben werden soll. Durch die Vorschriften für den Butterversand ist auch eine Beschäftigung durch die Anfertigung der Butter­und Molkereikübel zu erwarten. In den Städten ist man dazu angehalten, bei den Fensterreinigungs­instituten, in den Fabriken und überall dort, wo ein starker Verbrauch von Eimern besteht, wieder Holzgefäße zu verwenden, die das Handwerk nach Wunsch und Bedarf für die praktische Anwendung herzustellen in der Lage ist. Auch bei den Maurern werden die hölzernen Kübel mit Rücksicht auf die Materialersparnis wieder eingeführt. Im Vorder­grund steht der Silobau aus Holz. Die Bezirks­gruppe hat schon mehr als 70 Holzsilos errichtet und eine große Anzahl ist im Bau. Eine Reihe weiterer praktischer Maßnahmen zeigte die Bestre­bungen auf, die zur Neubelebung des Küfer- und Böttcherhandwerkes führen.

Kreisamtswalter Schimmel nahm die Neu­wahl des Obermeisters vor, die zu einem Ver­trauensbeweis für Obermeister Phil. Sommer- k o r n wurde. Die

Schmiede-Jimrmg

für den Kreis Gießen tagte im Gasthaus Faulstich unter Obermeister Heinrich Haas III., Annerod. Auch aus dem Jahresbericht dieser Innung war eine aufsteigende Tendenz der Arbeitsbelebung zu entnehmen, die in erster Linie auf die wieder zu Ehren gekommenen Pferde zurückzuführen ist. Gro­ßer Nachdruck wurde auf die Wichtigkeit der Preis­gestaltung gelegt, die im Augenblick für die Schmiedemeister zur Existenzfrage wird. Auf der Reichs-Nährstandsschau in Frankfurt a. M. hat die Innung unter 60 Bewerbern im ganzen Reich zwei beachtliche Preise für sich erringen können. Beim Schar-Schärfen" errang Berufskamerad Haas jr., Annerod, einen 5. und Kohlheyer, Hungen, den 7. Preis. Beiden Kameraden wurde eine besondere Anerkennung für die würdige Vertretung der In­nung Gießen ausgesprochen. Nach der Erledi­gung organisatorischer Fragen wurde auf die Adolf- Hitler-Spende des Handwerks verwiesen. Kreis­amtsleiter Schimmel nahm auch hier die Neu­wahl des Obermeisters vor. Obermeister Heinrich Haas III. wurde wiedergewählt.

Am Nachmittag besuchten alle Innungen die Braune Messe" und besonders die Handwerkerschau.

Sitzung der Ratsherren in Grünberg

+ Grünberg, 4. Okt. Am Samstagnachmittag hatte der Bürgermeister die Ratsherren zu einer eiligen Sitzung zusammengerufen. Als wichtiger Punkt stand auf der £a$esorDnuna die Oeffnung der Turnhalle für die Beran st altun- gen am Gallusmarkt. Diese Frage hat hier schon lebhaft die Oeffentlichkeit beschäftigt. Während in den Jahren 1933 und 1934 die Halle am Gallus­markt auf Betreiben einzelner geschlossen bleiben mußte, war sie im vorigen Jahre für Tanzgelegen­heit freigegeben worden. Auch dieses Jahr waren wieder Bestrebungen im Gange, die Oefsnung der Halle am Gallusmarkt zu verhindern. Aus Be­treiben der Gallusmarktkommission und nach ein­gehenden Verhandlungen des Bürgermeisters am Kreisamt Gießen ist die Oeffnung der Halle für die Veranstaltungen des diesjährigen Gallusmarktes vorgesehen. Um nun darzutun, daß die getroffene Regelung, die in weitestem Maße den Interessen der Allgemeinheit dient, auch von den Ratsherren gebilligt wird, hat das Kreisamt ersucht, eine Stellungnahme der Ratsherren zu dieser Frage herbeizuführen. Sämtliche anwesenden Ratsherren und die beiden Beigeordneten sind einstimmig für Oeffnung der Turnhalle. Don einigen wird diese Forderung nachdrücklich vertreten und besonders darauf hingewiesen, daß gerade die Turn­halle als größter hiesiger Saal eine Hauptan­ziehungskraft für die Jugend der Umgegend bedeute und dadurch wesentlich zur Belebung und Hebung des Gallusmarktes beitrage, was indirekt auch der Geschäftswelt und den einzelnen Gasthäusern zu­gute komme. Die gleiche Ansicht hatte übrigens, wie Bürgermeister Wagner erwähnte, im Dorjahre in einer Sitzung der Gallusmarktkommission ein Vertreter der Gastwirte ausgesprochen. Im Zu­sammenhang mit dieser Frage berichtete der Bür­germeister noch über den von ihm gepflogenen Schriftwechsel mit der Wirtschaftsgruppe der Gast­wirte und die dabei von ihm vertretene Ansicht, die sich für die Oeffnung der Turnhalle aussprach. Ebenso gab er Kenntnis von einem Rundschreiben an die hiesigen Gastwirte wegen des Wirtschafts- betriebes in der Halle. Das Wesentlichste desselben ist, daß jedem Gastwirt Gelegenheit gegeben wer­den soll, die Wirtschaft in der Halle zu übernehmen.

Ein weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Einrichtung einer Säuglings- und Mütter­beratungsstelle. Geplant ist, daß diese monat­lich einmal durchgeführt wird und daß Aerzte der Universitätsklinik die Beratung abhalten. Die Stadt wird angegangen, die notwendigen Einrichtungs­gegenstände zu beschaffen. Die Ratsherren sind ein­stimmig damit einverstanden, daß dies geschieht.

Von einem Auto überfahren und tödlich verletzt.

LPD. Herbstein, 4. Okt. Auf der Haupt­durchgangsstraße in unserem Orte versuchte ein Autofahrer, mit seinem Kraftwagen zwischen zwei einander auf gleicher höhe begegnenden Fuhrwerken hindurchzufahren. Dabei wurde der neben seinem Fuhrwerk gehende 42 Jahre alte Obstbautechniker Heinrich Wiegand von hier von dem Auto erfaßt und überfahren. Der bedauernswerte Mann erlitt so schwere Ver­letzungen, daß er im hiesigen Krankenhause ver» ft a r b.

Landkreis Gießen

c\d Eberstadt, 3. Okt. Gestern fand die O b ft» Versteigerung auf der Krelsstraße LichButz­bach statt, wozu sich viele Kaufliebhaber aus den um­liegenden Dörfern eingefunden hatten. Besonders die Händler aus dem Rhein- und Siegerland trie­ben die Preise der meist besseren Tafeläpfel gewaltig in die höhe. So kosteten gut behangene Bäume 40 bis 60 RM.

J) Lich, 4. Okt. Dieser Tage flog nachmittags ein Zug Schneegänse über unsere Gemarkung von Norden her dem wärmeren Süden zu. Obwohl sie durch eine Wolke teilweise dem Auge nicht erkenn­bar und nur vorübergehend sichtbar wurden, machte ihr Schreien die auf dem Felde arbeitenden Bauern und Landwirte auf sie aufmerksam.

> Hungen, 4. Okt. Ein Verkehrsunfall, der noch glücklich verlief und sehr leicht zu bösen Folgen hätte führen können, ereignete sich hier in der Gießener Straße. Ein kleines Mädchen lief

direkt in ein Auto hinein, von dem es ersaßt unb einige Meter mitgeschleift wurde. Zum Glück konnte der Führer des Wagens, der sehr mäßig gefahren war, sofort anhalten. Das Kind trug nur einige Hautabschürfungen davon, und wurde nach Anle- gung eines Verbands von dem in der Nähe woh­nenden Arzt sofort wieder entlassen, da eine weitere Behandlung erfreulicherweise sich nicht als erforder­lich erwies. Die Kartoffelernte geht hier ihrem Ende zu. Wenn auch einzelne Sorten an Er­trag etwas geringer sind und unter Faulen gelitten haben, so kann man doch im allgemeinen den Ertrag im Ganzen als befriedigend anfehen.

G Hungen, 4. Okt. Die Feier des heutigen Erntedanktages mußte infolge der hier herrfchenoen Scharlachepidemie ausfallen. Bereits am vorigen Sonntag konnte aus diesem Grunde das all­jährlich an diesem Tage stattfindende Kirchweihfest nicht gehalten werden. Bis jetzt werden über fünf­zig Erkrankungen dieser Art gezählt. Mit wenigen Ausnahmen nimmt die Krankheit bis jetzt einen leichteren Verlauf, jedoch hat sich in einem Falle eine Ueberführung in die Gießener Universi­tätsklinik als notwendig erwiesen. Verschiedenen Anliegern von Baumstücken in den sog. Bergen wurde dieser Tage der nicht unerhebliche Behang der Apfelbäume, die insbesondere bestes Ta­felobst trugen, gestohlen, hoffentlich gelingt es der Polizei die Täter zu ermitteln. Nachdem die Reichsbahn vor kurzem die Außenseiten des hiesigen Bahnhofsgebäudes einer Neuherrichtung unterzogen hatte, wurde nun auch der angrenzende Güter­schuppen mit einem neuen Außenanstrich versehen.

00 Weickartshain, 4. Okt. Gestern abend zeigte die NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" im Saale des Gastwirts hock den FilmDie elf Schillfchen Offiziere". Die Vorfüh­rung war gut besucht und hinterließ einen nach­haltigen Eindruck.

Kreis Friedberg.

Aus der mittleren Wetterau, 4.Okt. Die Bäuerlichen Werkschulen und Wirt- schaftsberatungs st eilen zu Nidda und Friedberg haben im Laufe des Sommers in ver­schiedenen Gemeinden Bodenuntersuchungen auf Kalkgehalt durchgeführt. Nur etwa ein Viertel bis ein Drittel der Proben ergab einen normalen Kalkzustand der Ackerkrume, der größere Teil des Bodens muß als fchwachfauer und ein nicht geringer Hundertsatz sogar als starksauer bezeichnet werden. Da der Kalk nicht nur einer der Hauptnährstoffe ist, sondern auch ein vorzügliches Bodenverbesserungs­mittel, haben die zuständigen Stellen die in Frage kommenden Bauern und Landwirte zur Abhilfe auf» gefordert. Denn es ist im Interesse der Erzeugungs­schlacht gelegen, nicht nur mehr, sondern auch richtig zu düngen. In den meisten Gemeinden kommt gegenwärtig der F l a ch s zur V e r l a d u n g. Durch die schlechte Wttterung im Sommer hat die Güte der Stengel etwas gelitten, so daß nur ein Mittelpreis für 50 Kilogramm von 4,50 bis 6,50 Mark vergütet wird. Der zur Adolf-Hitler-Spende angebaute Flachs wird gesondert verfrachtet und entriffelt angeliefert.

Das Äroßfeuer in Frankfurt.

Mehrere Familien obdachlos.

LPD. Frankfurt a. M., 3. Okt. Das Groß­feuer, das in der Nacht zum Samstag ein altes Wohnhaus in der Großen Eschenheimer Straße hermsuchte, konnte nach mehrstündigem Einsatz von sechs Loschzügen auf seinen Herd beschränkt wer­den. Das Dachgeschoß und die zwei unte­ren Stockwerke sind völlig ausge­brannt bzw. durch die gewaltigen Wassermassen schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Brandstätte bietet ein Bild trostloser Verwüstung. Unten auf der abgesperrten Straße liegen der Brandschutt, verkohlte Balken und altes Gerümpel. Die Bewohner des Hauses, die durch diesen Brand zum größten Teil obdachlos wurden, fanden vor­läufig in den Nachbarhäusern Aufnahme. Seit vielen Jahren hatte Frankfurt keinen derartig ge­fährlichen Wohnhausbrand mehr zu verzeichnen. Die Feuersgefahr war hier um so größer, als die Häuser in dieser engen Straße sehr dicht stehen, und so mit einem schnellen Umsichgreifen des Bran- des zu rechnen war. Das betroffene Haus ist schon rund 300 Jahre alt und beherbergte in früheren Zeiten ein Kloster.

Tagung der oberhessischen Handwerker in Gießen

Nachdruck verboten!

15. Fortsetzung.

Ich will eben wieder zu ihr, bis sie Ihnen die Milch wieder selber bringen kann, wird wohl noch ein Weilchen vergehen, aber unser Mädchen ist bei ihr, da brauchen wir uns keine Sorge zu machen."

Sie hebt die Hand und geht weiter.

Moment mal, du! Das war ein bißchen viel auf einmal. Fräulein Gottschalk Milch bringen unser Mädchen und wir brauchen uns keine Sorge zu machen, versteh ich nicht ganz ohne Erläuterung?"

Das ist auch nicht nötig. Besieh' dir lieber mal, wie schlecht der Kerl anfährt. Ich ginge aus meinem Sitz senkrecht in die höhe, wenn ich daneben sähe.

Na, nun bin ich beruhigt, da hast du sa neben deiner Braut noch ein kleines anderes Interesse.

Wenn du mit der Braut den Wagen meinst, hast du recht, wenn du mit dem kleinen Interesse ein Mädchen meinst, biste auf dem Holzweg. Los, zahlen! Brausen wir hinterher!"

Sie haben den Roaster, den John heromg fett zwei Tagen erst fährt, schnell überholt. Aber auch Yier ist jemand neugierig.

War das nicht der Mann aus der Lechbucherei, Fräulein Brandes?"

$a."

Ist das nicht ein etwas weiter Weg, sich Bücher zu besorgen?" , ...

Es war ein Zufall, ich ging hauptsächlich für meine Freundin hin. Sie müssen mich aber wirklich noch einmal in der Augsburger Siraße absetzen, ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, daß ich vorhin i° auf und davon bin." ...

Ihr Mädchen ist ja dort. Sollten Sie nicht für Aren Herrn Vater noch etwas erledigen, Fräu­lein Brandes?"

Hanna erschrickt. , , _ .

,Der Koffer! Bin ich denn von allen guten Gei­stern verlassennatürlich muß ich heim. Ich will nur schnell bei Liefe! Bescheid sagen, ich muß sie bitten, mich bann heimzufahren, Herr Herbing."

MMMMlsW

Vornan von Ilse Schuster.

Copyright 1936 by Aufwärts - Verlag G. m. b. h., Berlin SW 68

So geschieht es auch. Und der Zufall will, daß Rechtsanwatt Brandes vor seinem Hause steht, als seine Tochter ausfteigt. Sie kommt sofort auf ihn zu und stellt Herbing vor.

Das freut mich, Herr Herbing. Meine Tochter hat von Ihnen gesprochen. Aber wollen Sie nicht mit ins Haus kommen? Hanna wird sich für eine halbe Stunoe entschuldigen müssen, aber wir können uns indessen bei einem Glas Wein etwas erzählen.

Herbing nimmt an, es paßt herrlich in sein Pro­gramm, denn er lernt den bekannten Anwalt nun viel schneller und zwangloser kennen, als er es sich gedacht und gewünscht hat. Er wird in den Garten geführt, dort wird Wein und Gebäck ge­reicht, und John Herbing genießt das, was er feit langem doch vermißt hat: einen gut geführten haushalt. Er ist fast zwei Jahrzehnte lang im alten Europa herumgereist, hat Völker und ihre Eigen­heiten vor allem ihre oft seltsamen Küchen kennen gelernt und keine Ermüdung gespürt. Jetzt merkt er doch, daß er eine Grenze erreicht hat. Nicht die fast oienig Jahre sind es, sondern die Fülle der Erlebnisse, die sie umschließen. Es ge­schieht ihm jetzt oft, daß er an seine früh verstor­bene Mutter denken muß, dann hat er den Ein­druck einer guten Hand, die ihn streichelt, er emp­findet fast körperlich die Atmosphäre, die seine Kindhett umgab, und die Frauen, mit denen er in den letzten zwei Jahren zusammen war, mußten oft eine Prüfung bestehen, von der sie nichts wußten. Meistens ließ er sie bann stehen, wie er auch Thea Blandt stehen gelassen hatte.

Nun ist da Hanna Brandes. An ihr reizt nicht nur die Klugheit, das einnehmende Aeuhere, das ist noch etwas Undefinierbares, ein hauch von Schwermut vielleicht, der die glückliche Mischung ausmacht, die ihm an dem Tag ihres Kennen­lernens aufgefallen war.

Das ist ja ein kleines Paradies, das man dem Haus von außen nicht zutraut, Herr Doktor." Herbing siebt sich um. Letztes Tageslicht macht die bunten Farben des Gartens matt, kein irisierender Sonnenstrahl blendet die Augen, das ruhige Grün des weiten Rasens tut wohl. Brandes stimmt zu.

Er ist meine Erholung nach oft mehr als zehn­stündigem Arbeitstag. Morgen will ich an die See, es ist feit mehr als drei Jahren mein erster Ur­laub. Ich freue mich darauf, wie das Kind auf die Sommerserien.

Ich hörte, daß Fräulein Brandes dahelmbleibt.

Ich verstand sie sogar so, daß sie Fräulein Gott­schalk auf ein paar Tage aufnehmen wollte, bis das Schlimmste vorüber ist."

Da Brandes keine Ahnung von den Geschehnissen hat, kann er sein erstauntes Gesicht nicht verhehlen. Er fragt, was passiert sei, er habe seine Tochter feit heute morgen nicht gesprochen, allerdings habe sie ihm da auch erzählt, daß

Sie hat da auch noch nichts gewußt, Herr Dok­tor. Ich hatte mich ursprünglich mit ihr zum Tee verabredet, sie sagte mir anscheinend ohne Grund ab, und da ich nicht gern im Dunkeln tappe, zog ich Erkundigung ein. Die führte mich über Ihr Personal nach Der Augsburger Straße zehn, wo ich Fräulein Brandes mit der Pflege ihrer Freun­din beschäftigt fand. Das arme Hascher! hat sich empfindlich verbrüht."

Das tut mir recht leid. Selbstverständlich kann Hanna ihr helfen, wo sie kann." Brandes beob­achtete Herbing unauffällig, aber gründlich. An seinem Benehmen ist nichts auszusetzen, erstaunlich ist nur, wie schnell Hanna sich ihm angeschlossen hat.

Ich holte Ihre Tochter zu einer kurzen Spazier­fahrt ab, und da ich bei der Gelegenheit die Freude habe. Sie kennen zu lernen, Herr Doktor, gestatte ich mir die Frage, ob ich mich um die Damen während Ihrer Abwesenheit ein bißchen kümmern darf."

Das ist eine gute Idee, Herr herbing. Meine Tochter lebt das Leben einer Einsiedlerin, es ist an sich schon bemerkenswert, daß sie sich einer Schul­kameradin erinnert und mehr als einmal in der Woche zum Tennis geht. Meistens zieht sie die Ge­sellschaft ihrer stummen Angorakatze der der Men­schen vor."

Darin könnte ich sie sogar verstehen, Herr Doktor. Tiere sind oft ein besserer Ersatz. Katzen sind dazu verschwiegener als Hunde, es haftet ihnen viel ihrer ägyptischen Urheimat an, daher haben sie sich viel erhalten, was wir klugen Leute erst verstehen müssen."

Sie sind der erste Mensch, der meiner Katze ge­recht wird, Herr herbing." Hanna ist zurückgekehrt, es hat niemand bemerkt, weil sie nicht den Weg, sondern den Rasen benutzt hat.Friedel wird uns das Abendbrot richten. Ich hoffe, Sie haben nichts vor und können uns Gesellschaft leisten."

Der Anwalt hatte viel Gelegenheit, sich über seine Tochter zu wundern. Sie ist von einer nie deod- > achteten Aufgeschlossenheit, sie führt die Unterhal»!

tung meisterhaft, und er kann sich nicht erinnern, sie jemals so gesehen zu haben. Sie entwickelt Schlagfertigkeit, pariert der erstaunlichen geistigen Wendigkeit des Gastes, daß es dem Zuhörer Ver- gnügen macht. Die Stimmung ist recht aufgeräumt, und als sich John herbing kurz nach 11 Uhr ver­abschieden will, wird er vom Hausherrn noch ein­mal zum Wiederkommen aufgefordert.

Hanna bringt ihn bis zur Gartentür.

Gute Nacht, herbing es war ein sehr netter Abend, für den ich Ihnen danke."

Das wäre doch wohl mein kleines Dankgebet an Sie, Hanna. Ich märe glücklich, wenn ich wieder­kommen dürfte."

Mein Vater lud Sie ja ein."

Und Sie, Hanna?"

Er steht noch immer dicht vor ihr, er sieht sie nur an und wartet auf Antwort.

Kommen Sie bald wieder! Genügt Ihnen Das?", will sie scherzen.

Vorläufig ja."

Wieder steht Hanna Brgndes und horcht Dem Klang seines Motors nach. Aber diesmal ist keine Verwunderung in ihr, es ist auch nichts, was sie heute nicht verstünde... es ist ein gleicher Rhyth­mus, der sie bewegt, er ist neu in ihrem Leben, neu und ganz stark...

8. Kapitel.

Wir hätten gern Herrn ©Untermann gesprochen. Ich heiße im Wolde, Herr ©Untermann kennt mich."

Das Mädchen verschwindet im Haus, die beiden Kameraden warten vor der Tür. Es dauert nicht lange, da kommt sie zurück und sagt, daß Herr ©Untermann bitten ließe. Aber sie hat es kaum herausgebracht, als er schon neben ihr steht.

Das ist ja nett, daß Sie mich mal aufsuchen, wollen Sie nicht hereinkommen. Aber joir können auch im Garten eine Zigarre rauchen."

Wie es Ihnen am liebsten ist, Herr ©unter» mann, ich ziehe ja frische Luft vor, und Ingenieur Herdegen auch", sagt im Wolde sehr offen. Er hat Die Mütze in Der Hand und bittet sein Schick- al, daß es ihm die richtigen Worte geben mochte. Ich wollte Ihnen nicht nur einen Besuch abjtai- tcn Herr ©Untermann, ich wollte Ihnen vor allem etwas zeigen. Darf ich den Wagen hereinfahren

haben Sie ihn immer noch? Das nenne ich -in» hänglichkeit! Also rein mit ihm!"

(Fortsetzung folgt)