Ur. 235 Drittes Blatt
Montag, 5. Oktober 1936
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Schöne Handwerkskunst im Lichtbild.
Dankbare Motive für den Heimatphotographen.
Von Walther Appelt.
Es • ist ein dankbares Gebiet der Heimat- Photographie, auf Wanderungen oder daheim die Erzeugnisse alter Handwerkskunst in guten Bildern sestzuhalten. Denn vieles von diesen treu bewahrten Ueberlieserungen ist kaum noch zu retten. Ost verschwindet es beim Abbruch alter Häuser. Wenn es dann bei den Neubauten manchmal in irgendeiner Form wieder verwendet wird, so ist das zwar erfreulich für den Heimatfreund, aber der ursprüngliche Eindruck kann nur selten wieder erzielt werden.
Fast in allen Städten und erst recht auf den meisten Dörfern gibt es noch Motive, an die hier gedacht ist. Aber sie wollen aufgespürt sein, denn wir wollen uns nicht damit begnügen, nur die sehr bekannten Wirtshausschilder in Schmiedearbeit zu photographieren oder das kunstvolle vornehme Parkportal, kurz Dinge, die schon tausend andere knipsten. Uns ist ein eisernes Geländer an einem Treppenaufgang, der nur aus ein paar Stufen zu bestehen braucht, ebenso willkommen als photographisches Motiv. Wir bringen die Geduld auf, zu warten, bis einmal die wuchtige Türklinke oder das gewaltige Schloß oder Metallbeschlag und Riegel der Holztür gut zum Photographieren beleuchtet sind. Uns ist ein st e i n e r n e r Torbogen entweder als Bauwerk interessant, oder wegen des Spruches, der vielleicht unter der Jahreszahl steht, und dessen besonders primitiv oder besonders kunstvoll gemalte Buchstaben uns reizen.
Dasselbe gilt für Fenstergitter, bei deren Schaffung der Kunsthandwerker nicht nur den praktischen Zweck bedachte, sondern dessen Nüchternheit durch einen vielleicht noch so bescheidenen Schmuck belebte. Aber es gibt sowohl in Metall wie Holz, in Stein oder den knetbaren Erdarten (Lehm, Ton) viele Arbeiten, die selbst in ihrer nur Zweckbestimmten Einfachheit schön sind. Ein G r a b st e i n, der nur ein schlichtes Kreuz ist und gar keinen figürlichen Schmuck hat, oder eine Urne von strengen, schönen Linien, kann künstlerisch und stimmungsmäßig bedeutender sein als die anspruchsvollste Arbeit eines phantasiebegabteren Steinmetzen oder Metallgießers.
Es kommt hierbei auch auf das Alter der Dinge an, und auf ihre heimatkundliche Bedeutung, um die wir eben Bescheid wissen müssen. Hauptsache aber ist die Gediegenheit der handwerklichen (kunst- handwerklichen) Arbeit, die niemals mit Großartigkeit verwechselt werden darf. Eine Viehtränke am Gasthof für die Pferde der haltenden Fuhrleute oder der rastenden Fremden, oder eine Tränke im Gutshof für das Großvieh kann roh aus Stein gehauen viel wertvoller fein als ein zwar weniger bemooster und weniger brüchiger, dafür aber aus Zement gegossener und mit einem Allerweltsornament verzierter Bottich jüngeren Alters.
Mit diesen Erwähnungen sind wir bei denjenigen Erzeugnissen alten Handwerks oder alter Handwerkskunst angelangt — und für die neuzeitlichen gilt dasselbe —, die auch photographisch besonders aufgefaßt sein wollen. Wir sollen gewiß nicht durch „Auffassungen", das heißt raffinierte Beleuchtungs- und Schatteneffekte das eigentliche Werk überschwänglich behandeln und in einen Gegensatz zu seiner schlichten Klarheit stellen. Aber es gibt da Unterschiede. Der Schatten, den ein Gitter oder die Säulenreihe eines Treppenaufganges an heller Wandfläche wirft, kann ein ebenso reizvolles Bild geben wie die Arbeit selbst, und das gilt auch für eine Ampel überm Tore, für die Glocke im Hofe, die auf alten Gütern noch manchmal anzutreffen ist. Wissen sollen wir aber auch, daß es Motive der erwähnten Art gibt, die erst in der Umwelt und vielleicht sogar mit lebendiger Staffage ihre rechte Wirkung erhalten. Ein altes Apo- t h e k e n f ch i l d kann für sich betrachtet ein klei
nes Kunstwerk, ein Wirtshausschild an langer Stange kann ein köstliches Dokument vergangener Tage sein, das noch heute seine Aufgabe erfüllt, ebenso wie die alten Handwerkerzeichen.
Aber wenn es möglich ist (was nicht immer der Fall sein wird!), das eine so zu photographieren, daß auch die Fenster der Apotheke mit ihrer hoffentlich gleichfalls altertümelnden Ausstattung oder das alte Wirtshaus selbst mit auf das Bild zu bekommen, so sollen wir das mindestens andeutungsweise tun. Das hat nichts zu schaffen mit einer künstlichen Romantik, die verlogen und wirkungslos ist. Gedacht ist nur an Gelegenheiten, wo harmonisch noch alles Ueberlieferte beisammen ist. Oft allerdings wird auch der Gegensatz zwischen e i n ft und heute ein Bild geben. Es sind meist Bilder, in denen eine stille Wehmut liegt. — Beispiel: alter Meilenstein und daneben ein modernes Kraftverkehrsschild, — aber was wäre das Leben ohne Fortschritt, auch wenn er im einzelnen manches zerstören muß?
Die erwähnten Viehtränken werden selten für sich allein große bildhafte Wirkung haben. Aber mit einem Gespann, das vor der Dorfschänke hält, oder mit ähnlicher lebender Staffage erreichen wir
Können Sie zählen?
Lächerliche Frage, zumal wenn man nur bis... ja bis wohin denn?... zählen soll! Aber probieren Sie es doch selbst einmal, die kleinen Zwergtaucher auf dem Teich an der Schlageterallee richtig z^ zählen. Sie werden sehen, daß man da an seiner Zählkunst irre werden kann. Es sind wohl Taucherchen oder „Duckentchen", wie der Gießener sagt, auf dem Zug, die hier sich zusammensinden. Erst waren es sieben; die konnte man noch gut zählen. Dann
Kampf dem Verderb ist auch ein Beitrag zum Vierjahresplan des Führers.
waren es einmal elf und jetzt sind es... doch halt, das wollen Sie ja doch selbst feststellen! Sie halten sich immer schön dicht zusammen, so daß das Zählen eigentlich gar nicht schwer ist. Also Sie fangen am rechten Flügel an: Eins, zwei, drei, vi... halt... ja halt, das hilft nichts, der kleine Schwimmer ist getaucht. Sie suchen einen neuen Anfang, da schwuppschwupp — 1, 2 sind weg. Teufel noch einmal! Aber jetzt geht es bestimmt! 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, da taucht zwischen 2 und 3 so ein kleiner Federbalg auf, der sich beim Abzählen gedrückt hatte, und während Sie ihn rasch mit Blick und Zahl festhalten, merken Sie gerade noch, wie ein anderer am linken Flügel wegtaucht, So geht es ohne Unterlaß, nur ganz kurz sind die Augenblicke, in denen alle oben sind. Heute allerdings glaubte ich das Patent gefunden zu haben. Da kamen nämlich auf der anderen Seite Leute und da gab es einen ganz großen Schwupp — und dann war niemand mehr da. Kurz darauf begann das Auftauchen wieder, aber nicht mit einem Schwupp, sondern da ein Köpfchen und da eins — .ha, gewonnen! Jetzt werden sie mir alle richtig ovr- gezählt! Doch kaum ist Nr. 4 oben, da ist Nr. 1 schon wieder weg! Es ist" eine wirklich amüsierliche
die Wirkung wohl immer, wenn wir dem Thema mit unserem photographischen Können gewachsen sind.
Es gilt aber hier wie überall, die geeigneten Motive z u suchen ober abzuwarten, sie jedoch niemals ausbauen zu wollen. Ein alter, vielleicht sehr schöner Brunnen im modernen Stadtbild kann als Fremdkörper wirken, da doch fast nirgends mehr die Märkte und Hausreihen so unberührt stehen, wie vor zwei-, dreihundert Jahren. Aber der Photograph, der dem Brunnen — der nur als Beispiel für manches andere genannt wird — fein Eigenleben im Bilde gibt, der wird zufrieden sein. Aber kommt hoffentlich niemand auf die kitschige Idee, etwa durch ein hingestelltes Dirndl Volksliederromantik vortäuschen zu wollen. . . lieber» Haupt ist davor zu warnen, Motive der hier geschilderten Art als wirksamen Hintergrund für Aufnahmen von Personen zu verwenden, die zu den Dingen gar keine innere Berührung haben.
Diese Motive sind an keine Jahreszeit gebunden. Auch hier gilt sogar, daß der Blätterfall des Herbstes manches erst freilegt, was sonst verborgen ist. Und mancher Säulenkopf wird im Winter, wenn er eine weiße Haube trägt, noch reizvoller wirken, wie auch die Plastik eines Grabsteinreliefs ober einer Zierplatte an alten Amts- gebäuben burch ben Schnee oft erst bie richtige Plastik erhält.
So sollen die gegebenen Anregungen zugleich dazu ermahnen, auch im Winter dem Photosport treu zu bleiben.
Gesellschaft, diese kleinen muffeligen Kerlchen. Gehen Sie nicht achtlos an ihnen vorüber. Sie mögen bie Vorboten von allerlei Wasservögeln sein, die in der kommenden Zugzeit sich dort einstellen. Enten sind schon wiederholt eingefallen, auch Möwen gaben Gastrollen. An die stolze Vornehmheit der Schwäne kommen sie alle nicht heran, aber die putzigsten sind doch die „Duckentchen"! Und wieviel sind es?
Dornotizen.
Tageskalender für TNonlag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Moral". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Hilde und die 4 PS". — Deutsches Frauenwerk, Abt. Volkswirtschaft = Hauswirtschaft, 20.15 Uhr, Einkochkursus der Frauenschast der Ortsgruppe Gießen-Süd.
Tl S.'kutturgemeinde.
Im heutigen Anzeigenteil wird der Spielplan des Theaterrings der NS.-Kulturgemeinde für Oktober bekanntgegeben. Insbesondere werden auch die Termine für die Kartenausgabe mitgeteilt, die am heutigen Montag beginnt. Auf die Anzeige fei besonders hingewiesen.
Oie Tollkirsche,
eine gefährliche Giftpflanze.
Gegenwärtig findet man in unseren Wäldern massenhaft die schwarze Beere der Tollkirsche. In diesem Jahre hat sie wieder besonders reichlich gefruchtet. Da die verlockend schwarz glänzende Beere eine täuschende Aehnlichkeit mit einer mitteldicken Herzkirsche hat, ist sie für Kinder besonders leicht angrifflich. Sie ist ungemein giftig. Auch alle anderen Teile des Tollkirschenstrauches enthalten ein sehr gefährliches Gift (Atropin). Die ganze Pflanze riecht betäubend und schmeckt bitter. Der Genuß der Beeren bewirkt Mattigkeit, Kopfweh, Schwindel, Jrrereden, heftiges Fieber und schließlich den Tod. Als Gegenmittel bis zum Eintreffen des Arztes ist dem Vergifteten nach vorherigem Erbrechen des Mageninhaltes starker Kaffee zu verabreichen.
16 000 reihen sich ein!
Jungmäbeloerpstichtung im ganzen Obergau 13 Hessen-Nassau.
NSG. Am Geburtstag bes Führers haben wir ie gerufen, bie 10- unb 11- unb 12jährigen Mäbel, )ie noch nicht zur Jungmäbelschaft gehörten — und ie kamen. 16 000 Mäbel standen am vergangenen Samstag nach ihrer halbjährigen Probezeit in allen kleinen und großen Standorten des Obergaues Hessen-Nassau angetreten, um nach Ablegung der Jungmädelprobe am Vormittag feierlich auf den Führer, dessen Namen sie von nun an tragen, verpflichtet und damit in bie Jungmäbelschaft in der Hitlerjugenb aufgenommen zu werben. Die jüngsten stehen zum Dienst bereit, mit frohem Glauben unb froher Zuversicht.
Amt für Dolkswohlsahrt.
Ortsgruppe Gietzeu-Ost.
Betr. Lebensmittel-Opferring.
Die Sammlung wirb Dienstag, 6., und Mittwoch, 7. Oktober, von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarte zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
Ab 1. Oktober kommt die Sammlung dem Winterhilfswerk zugute. Es wird gebeten, daß sich außer den Mitgliedern auch diejenigen Volksgenossen beteiligen, bie in der Lage sind, das WHW. zu fördern.
Schweres Motorradunglück in Gießen.
Zwei Tote.
Am gestrigen Sonntagmorgen gegen 3.30 Uhr ereignete sich in der äußeren Frankfurter Straße ein folgenschweres Motorradunglück, dem zwei junge Männer zum Opfer fielen. Von Klein-Linden her kam in Richtung Gießen mit großer Geschwindigkeit ein Motorrad gefahren, das von dem verheirateten, etwa 30 Jahre alten Robert Buthe aus Wetzlar gelenkt wurde, während auf dem Soziussitz der etwa 20 Jahre alte ledige Otto Dönges, ebenfalls aus Wetzlar, saß. Die Maschine streifte bei der schnellen Fahrt den Bordstein der Fahrbahn unb geriet babei auf ben Bürgersteig, wo sie mit großer Wucht gegen einen Baum anprallte. Bei bem furchtbaren Stoß gegen ben Baum erlitten bie beiben Motorradler Schädelbrüche unb anbere schwere Kopfverletzungen, so baß sie halb nach ihrer raschen Einlieferung in bie Klinik verstorben. Das Motorrad würbe zertrümmert.
Wohnungsumzug und Tierschutz.
Es geschieht immer noch, baß bei Umzügen ben Tieren gegenüber nicht bie ersorberliche Sorgfalt angeroenbet wirb. Tiere werben in ber alten Wohnung hin unb mieber zurückgelassen, ohne baß man sich barum kümmert, wer in Zukunft ihre Pflege unb Wartung übernimmt. Dieses Los trifft in ber Hauptsache bie kleinen Tiere, unb unter ihnen insbesonbere bie Katzen. Der neue Wohnungsinhaber hat keine Lust, bas frembe Tier zu behalten unb zu pflegen, er jagt bie Katze hinaus unb überläßt sie ihrem Schicksal, unb so werben biese Tiere heimatlos unb elenb. Scheu unb ohne Obbach schleichen bie verstoßenen Katzen umher. Der Hunger quält; um sich das Leben zu erhalten, stehlen sie unb fangen Vögel. Sie sind durch Menschenschuld zum Wildern verurteilt, richten in der Jagd Schaden an, werden verfolgt, gehetzt und finden ein qualvolles Ende. Verantwortlich hierfür ist ber Mensch, der es unterlassen hat, bie Pflichten zu erfüllen, bie bas Gesetz bezüglich ber Haltung, Pflege unb Unterbringung eines Tieres vorschreibt.
Nach den Bestimmungen des Reichs- und Tierschutzgesetzes ist es verboten und strafbar, ein Haustier auszusetzen. Das Aussetzen eines Haustieres liegt vor, wenn es von dem Tierhalter, um sich seiner zu entledigen, in eine Lage gebracht wird, in der es sich selbst überlassen und ohne Pflege ist.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Die pauke von Striegau.
Von Wilhelm Auffermann.
Das war einst, als die Pauke noch das beliebteste unb wichtigste Musikinstrument ber Reiterei war. Bis zum Umfang eines ungeheuren Gärbottichs baumelte sie links unb rechts vom Sattelknopf des Spielmanns und machte Mann und Roß stark zu schaffen. Ihr Dröhnen war von wahrhaft kriegerischer Mirkung und hat in alter Zeit so manchen Feldzug entschieden.
Wie eine historische Chronik berichtet, hätten die Preußen durch einen solchen Spielmann beinahe die Schlacht bei Striegau verloren. Ein sächsischer Pauker war mit seinen zwei silbernen Heerpauken, die er wie leibliche Kinder liebte, gleich im Anfang der Schlacht in die Gefangenschaft der Preußen geraten. Aus Eile und Unvorsichtigkeit versäumten die Preußen, ihn absitzen zu heißen. Diesen Fehler nützt? der Pauker heldenhaft aus. Denn als das Schlachtgetümmel heftiger wurde, und die preußische Kavallerie im vollen Einhauen war, schlug er in bem Augenblick Retraite, als sich ber Sieg auf preußische Seite neigte.
Das heftige Rühren ber Schweinshaut nach preußischer Art unb sein wechselndes Rufen: „Halt. Halt! Zurück!" verursachte bei einigen preußischen Schwadronen eine Stockung unb hätte bie ernsthaftesten Folgen nach sich ziehen können; aber plötzlich entbecfte ein junger Offizier, baß es der gefangene fächische Pauker war, welcher die faljcffe Melobie spielte. Empört über ben verräterischen Streich sprengte er auf ihn zu unb trennte ihm mit wuchtigem Hieb bie Nase vom Gesicht, so daß der wackere Sachse schwerverletzt vom Pferd stürzte. Mit lautem Knall ging babei bie kleinere ber bei» ben Pauken in Trümmer. „ . .
Nach beendigter Schlacht wurde im Kreis um den verwundeten Spielmann ein provisorisches ^ieqs- gericht gehalten. Sowohl derbe Flüche als auch Bewunderungen seines Mutes flogen ihm zu, dis em preußischer Kürassier dem Auftritt ein Ende machte. „Ei was", sagte er, „wir haben nicht lange Zelt, Kriegsgericht zu halten. Er ist ein Sachse und fein Herz schlug danach, wenn er auch preußisch trommelte. Er ist ein braver Soldat. Und wer den Mut hat, im andern Fall gleich ihm zu tun, der Jaffe mit Qn. Wir wollen ihn nach Striegau zum Feldscher bringen."
t Schnell hob man ihn auf einen mit Verwunde- «n vorbeifahrenden Wagen und brachte ihn nach Striega, wo man sich seiner annahm, daß er wieder geheilt und ausgewechselt werden konnte. Zur Erinnerung an feinen Streich behielten aber die Preußen die heilgebliebene große Pauke, so sehr auch der Spielmann dagegen jammerte.
Nach einigen Wochen heimgekehrt, belohnte der! sächsische Hof seine Geistesgegenwart unb Treue mit einer guten Einnehmerstelle, und er genoß in seiner Vaterstabt so großes Ansehen, baß man ihn zeitlebens „bas trommeinbe Herz" nannte.
Wie aber eine Mutter ihr Kinb nicht vergessen kann, so verlangte ber Einnehmer stündlich nach seiner Pauke. Ihr Fehlen bereitete ihm weit mehr Kummer als die abgehauene Nase. Es erstaunte daher niemand, als eines Tages der Hohe Rat beschloß, dem wackeren Sohn der Stadt die große Trommel von den Preußen zurückzukaufen, zumal die Kriegsfehde längst beendet war. Zweihundert Taler wurden ausgesetzt, und ein Staatsratsmitglied, ein angesehener Gürtlermeister, erhielt den Auftrag, die Trommel zu besorgen.
Dem Gürtler siel es ein, daß eigentlich eine Trommel der andern gleiche und er für das schöne Stück Geld das Musikinstrument auch selbst liefern könne. Heimlich machte er sich in feiner Werkstatt an die Arbeit. Defteren Nachfragen, ob die Trommel noch nicht angekommen sei, wußte er stets mit trefflichen Ausflüchten zu begegnen, bis er fertig war. Da machte er die Anzeige, sie wäre nun endlich aus Preußen angekommen und stehe zur Abholung bereit.
Der Rat beschloß, daß das Instrument am nächsten Tag im feierlichen Aufzug in Empfang genommen und öffentlich auf dem Marktplatz vor versammelter Bevölkerung vom „Trommelnden Herzen" geschlagen werden sollte.
Pünktlich erschien die Stadtbehörde mit den Offizieren der Nationalgarde und dem Einnehmer im Haus des Gürtlers. Von gefallenerregenbem Aussehen thronte die mächtige Trommel inmitten ber Werkstatt, unb ihr versengtes Fell wußte gar manche Geschichte vom Treffen bei Striegau zu beachten, benn bas pfiffige Gürtlerweib hatte sie wohlweislich wie einen fetten Schinken mit Wachol- ber geräuchert.
Der Einnehmer aber hatte kaum bie Pauke erblickt, als er vor Enttäuschung in Helles Schluchzen ausbrach unb steif unb fest behauptete, es fei gar nicht feine Trommel.
Darüber große Verwunberung.
Der Gürtler, in ben Sitzungen stets eine gewichtige Stimme, schwor Mark unb Bein, baß ein Irrtum ausgeschlossen fei unb verwahrte sich als Rat ernstlich gegen jebe weitere Zweifel. Die übrigen Räte mochten wohl längst im geheimen den Einnehmer für einen Sonderling halten, denn als sich dieser auch weiterhin weigerte, die Trommel anzurühren, forderten sie ärgerlich den stärksten Mann ber Garbe auf, sich biese umzuhängen. Es ging nicht an, bas versammelte Volk noch länger warten zu lassen.
Als ber gewählte Tambour zur Tür hinaus wollte, ergab es sich aber, baß diese viel zu eng war.
Aufs höchste erstaunt, fragten die Stadträte erhitzt den Gürtler, wie denn eigentlich die Trommel aus Preußen hereingekommen fei, da sie nun nicht mehr hinaus wollte. Der betroffene Gürtler antwortete mit rotem Kopf, er habe sie durchs Fenster heben lassen.
Man wählte das größte Fenster. Doch auch dieses, obwohl um etwas breiter als die Tür — war nicht weit genug.
Nun lag der Betrug offensichtlich fest.
Augenblicklich wurde der Gürtler dem Gericht eingebracht unb wegen Amtsmißbrauch unb Betrug noch selben Tags verurteilt. So kam es, baß viel Volk statt ber erwarteten Ehrung bes Einnehmers, ber Hinrichtung bes Gürtlers auf bem Marktplatz beiwohnte.
Der Einnehmer schlug aber boch bie große Trommel. Er schlug sie im Hause bes Gürtlers in tausenb Stücke. Die Gürtlerin soll allerhand abbekommen haben.
Das Wunder.
Von Peter (^cher.
Roswitha umkreiste das Schaufenster von Stups & Sohn.
Da lag ein Hut.
Roswitha drückte ihre Tasche ans Herz.
In der Tasche befand sich kein Geld.
Roswitha trat dennoch in den Laden. Sie war hübsch und gut genug angezogen, um den Hut besichtigen zu dürfen.
Die Verkäuferin nannte ihn ein Gedicht.
Roswitha preßte die Tasche ans Herz. Sie wünschte, das Gedicht probeweise aufzusetzen.
Es geschah. Die Verkäuferin faltete die Hände wie zum Gebet.
So etwas wie dieser Hut war noch nie dagewesen!
Roswitha sah in den Spiegel, biß sich auf die Lippe und richtete die Augen zur Decke empor: Lieber Gott — ein Wunder!
Dann öffnete sie den Mund und fragte lachend nach dem Preis.
Ein Abgrund tat sich auf. Jede andere wäre kopflos hinuntergesprungen. Nicht so Roswitha. Sie stand, die Tasche an sich gedrückt, einen Augenblick wie in leichtem Nachdenken, als überlege sie, ob sie so weit gehen solle.
Im selben Augenblick trat ein gutaussehender junger Herr ein. Er bat um eine Auskunft und sah, während er mit dem Fräulein sprach, Roswitha bewundernd an.
Roswitha gab den Blick so zurück, daß es ihn herumriß. (Es riß ihn herum, man kann es ni£i anders sagen.
Eine einzige Handbewegung Roswithas, ein kleiner scharfer Blick nach dem Hut und nochmals ein funkelnder in seine Augen genügten, ihn alles begreifen zu lassen. Er unterbrach das Gespräch mit der Verkäuferin, hielt die Hand über die Augen, als sähe er nicht recht, ging rasch auf Roswitha zu und sagte mit der sicheren Gewandtheit eines Schauspielers:
„Ah — wie nett!"
Roswitha schrie leicht auf:
„Sie hier?"
Sie gab ihm lachend die Hand und sagte, auf den Hut zeigend:
„Ist er nicht bezaubernd? Ich habe ihn eben ge« • kauft."
Er bewunderte den Hut, und als sie mit einem Blick in ihre Tasche so erschrocken schien, daß sie die Hand auf den Mund legen mußte, ergab es sich von selbst, daß er mit einem Scherz das Geld hinlegte. «
Sie verließen den Laden wie ein fröhliches Gespann.
Die Verkäuferin sah ihnen beglückt nach.
Und wenn auch keiner es glauben sollte — zwei Monate später heirateten sie.
Und wenn es auch jeder bezweifeln sollte — längst vor der Hochzeit hatte Roswitha ihm den kleinen Schwindel mit dem Hut gestanden.
Und wenn auch niemand es für möglich halten sollte — gerade dieser Streich und wie sie ihn erzählte, war der entscheidende Anstoß geworden, daß er sie zur Frau begehrte.
Klassische Briefmarken.
Die neue Briefmarkenserie, die Griechenland sich anschickt, herauszugeben, wird für die Briefmarkensammler der ganzen Welt eine besondere Freude bedeuten, nicht nur, weil sie eine Bereicherung ihrer Sammlungen darstellt, sondern auch, weil sie Zeichnungen von hervorragendem künstlerischem Charakter aufweisen. Für die kleinen Werte werden die neuen Marken die vier Typen der antiken griechischen Säulen bringen, minoische, dorische, jonische und korinthische. Andere Darstellungen werden die Venus von Milo zeigen, die Schlacht bei Salamis und Paulus auf dem Marktplatz von Athen. Auf einer Marke zu einer Drachme, die sich durch besondere Schönheit auszeichnet, wird man eine der packendsten Szenen der Geschichte bewundern können: den Achilles, wie er die Leiche Hektors um die Mauern Trojas schleift.


