186. Jahrgang
Giehener Anzeiger
Nr. 103 Erstes Blatt M. Jahrgang Montag, 4- Mai 1936
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Oer Zusammenbruch Abessiniens.
Oer Kaiser auf französischen Boden geflohen.— Brand und Plünderung in Addis Abeba. Oie italienischen Truppen zur Rettung der Europäer herbeigerufen.
Der Aegus in Dschibuti.
Paris, 3. Mai. (DNB.) Ein Telegramm, das das französische Außenministerium aus Addis Abeba erhalten hat, besagt, daß sich d e r N e g u s , der zunächst angeblich die Absicht gehabt hat, in die westlichen Provinzen zu reisen, um dort ein neues Heer aufzustellen, im letzten Augenblick der Kaiserin und zwei weiteren Mitgliedern der kaiserlichen Familie angeschlossen hat und mit ihnen im Sonderzug nach Dschibuti abgefahren ist. Der Negus und seine Familie ist, wie Havas berichtet, am frühen Nachmittag des Sonntag in Dschibuti eingetroffen. Behördenvertreter erwarteten den Negus auf dem Bahnhof. Eine Kompanie Senegalsoldaten war als Ehrenwache angetreten. In der Begleitung des Negus befanden sich etwa dreißig hohe abessinische Würdenträger. Infolge der drückenden Hitze waren nur wenig Zuschauer am Bahnhof, unter ihnen Journalisten und Sekretäre der ehemaligen italienischen Gesandtschaft in Addis Abeba. Auf dem Bahnhof verließ die Kaiserin als erste den Wagen, gefolgt vom Kaiser, der die Behördenvertreter sofort bat, daß man ihm die Journalisten fernhalten möchte. Als der Negus sich in die abessinische Gesandtschaft begab, kam es zu einem Zwischenfall. Ein Italiener versuchte, von ihm eine Lichtbildaufnahme zu machen. Die abessinischen Begleiter des Negus bemühten sich, den Italiener daran zu hindern, wobei es zu einer größeren Schlägerei kam. Mit dem Negus sind der Ras Kassa und sämtliche Mitglieder der Regierung in Dschibuti eingetroffen. Der Negus hat im .französischen Regierungspalast Wohnung genommen. Schon am Montag wird der Negus mit seiner Familie Dschibuti an Bord des englischen Zerstörers „549" mit unbekanntem Ziel verlassen. Man nimmt an, daß die kaiserliche Familie sich nach dem englischen Aden begeben wird.
Anarchie in Add's Abeba.
Fahnenflüchtige brennen und rauben in der Hauptstadt.
Paris, 3. Mai. (DNB.) Aus den telegraphischen Berichten des französischen Gesandten in Addis Abeba an den Quai d'Orsay geht hervor, daß in der abessinischen Hauptstadt eine planlose Revolution ausgebrochen ist. Fahnenflüchtige Soldaten haben überall Unordnung und Aufruhr gestiftet. Bis zum Sonntagmittaq waren das Handelsviertel, der kaiserliche Palast und mehrere europäische Villen nieder geb rannt und das große Krankenhaus a u s g e r a u b t. Zwischen den Plünderern ereigneten sich ständig Schießereien. Redner hetzen die Bevölkerung auf, alles niederzubrennen und zu vernichten, damit die Italiener bei ihrem Einmarsch nichts mehr vorfinden. Die französische Gesandtschaft hat 1500 Personen, die 16 verschiedenen Nationalitäten angehören, Obdach gewährt. Mehrere Franzosen haben auf dem Bahnhof Unterschlupf gefunden, nachdem sie von der Gesandtschaft abgeschnitten worden waren. Drei Franzosen, die sich noch in der Stadt befanden, haben mit Waffengewalt mehrere Angriffe abweisen müssen, bevor sie von der Gesandtschaft aus in Sicherheit gebracht werden konnten. Auch die französische Gesandtschaft selbst hat mehrere Banden plündernder Deserteure in Stärke bis zu 2000 Mann abweisen müssen.
Deutsche Rettungsaktion für Europäer.
Addis Ab eb a, 3. Mai. (DNB.) Unter Führung des Attaches von Waldheim wurden nachts von der deutschen Gesandtschaft auf Lastkraftwagen zwei Suchkolonnen ausgerüstet, die in der von den Aufständischen beherrschten brennenden Stadt gemeinsam mit einem gleichen Suchkommando der englischen Gesandt- chaft nach dort noch verbliebenen Europäern ahnden sollten. In einer Pension wurden 15 Europäer, die sich dort unter dem Befehl eines Reichsdeutschen verschanzt hatten, gefunden. Gegen 6 Uhr morgens stießen die Suchkolonnen auf eine zweite reichsdeutsche Gruppe, die ebenfalls wohlbehalten m die deutsche Gesandtschaft gebraut werben tonnte. Die deutschen Suchkolonnen konnten ihr Rettunas- werk durchführen, ohne von den ^ruh^rn schossen zu werden. Die deutsche Gesandtschaft ist in den Verteidigungszustand versetzt worden.
3eftf)leuniafer Dormarsch »er 3laliener.
Asmara, 4. Mai. (Funkspruch des Kriegsberichterstatters des DNB.) Die aus l a n d i j ch e n Gesandtschaften in Addis Abeba haben an das italienische Oberkommando em dring Telegramm aerichtet m bem fe um schnellste Besetzung der Hauptstadt bitten, da die fremdenfeindliche Stimmung völkerung, die nach der Flucht des Negus und der Regierung ohne jede Führung ist und seit M gegen die Fremden aufgestachelt wurde, s ch ch
gegen die wenigen Weißen wenden könnte, die noch in Addis Abeba weilen.
Das italienische Oberkommando hat daher alle Maßnahmen getroffen, um das Vorrücken der Kraftwagenkolonnen, die gegen ungeheure Geländeschwierigkeiten zu kämpfen haben, z u b e - schleunigen. Marschall Badoglio und sein Stab leiten persönlich die Ueberquerung der Kraftwagenkolonne über den Paß Termaber nördlich von Addis Abeba, der ein großes Hindernis bildet und ungeahnte Kraftanstrengungen erfordert. Bis Sonntagmorgen hatten 1600 Kraftwagen den Paß bereits überschritten. Die Versorgung der Kolonne mit Lebensmitteln erfolgt mit Flugzeugen. Die Askarikolonne steht bereits dicht vorAddisAbeba. General G r a z i a n i
rückt weiter gegen Harrar vor. Damit ist die systematische Besetzung und Durchdringung ganz Abessiniens eingeleitet.
24 Europäer in Addis Abeba getötet?
Paris, 4. Mai. (DNB.) Havas meldet aus Dschibuti, daß bei den Unruhen in Addis Abeba 24Personen getötet worden sein sollen, und zwgr sämtlich Griechen und Armenier, die ihre Läden gegen die Plünderer zu verteidigen suchten. Die französischen Behörden in Dschibuti haben aus Besorgnis vor weiteren Zwischenfällen in der abessinischen Hauptstadt und vor allem zum Schutze des Bahnhofs beschlossen, zwei Kompanien Senegal-Truppen mit der Eisenbahn nach Addis Abeba zu entsenden.
Um das Schicksal Halle Selassies.
Französisch-britische Fühlungnahme.
London, 4. Mai. (DNB. Funkspruch.) Zur Flucht des Negus schreibt der „Daily Telegraph": Die britische Regierung wurde von der plötzlichen Entscheidung des Kaisers, die Regierungsgeschäste niederzulegen und sein Land zu verlassen, überrascht. Die erste Nachricht von dem Entschluß des Kaisers traf am Samstagmorgen m London ein. Außenminister Eden trat nach einer Beratung mit Unterstaatssekretär Vansittart und anderen Beamten des Außenamtes sowie nach einer Fühlungnahme mit dem in Chequers weilenden Premierminister mit der französischen Botschaft in London in einen Gedankenaustausch ein. Die französische Botschaft gab Eden zu verstehen, daß ihre Regierung Anweisung erteilen würde, den Kaiser willkommen zu heißen und während seiner Anwesenheit auf französischem Boden, die ihm zu stehenden Ehren zu erweisen. Die französische Regierung habe zugesichert, alles zu tun, um dem Kaiser und seiner Familie alle Annehmlichkeiten Zukommen zu lassen. Es würde ihm lediglich nicht erlaubt werden, von französischem Gebiet aus die militärischen Operationen in Abessinien zu leiten. Ferner habe sich Paris dahin geäußert, daß es die Weiterreise des Kaisers auf seinen Wunsch zu jedem Bestimmungsort und zu jedem Schiff erleichtern werde. Der britische Außenminister hat daraufhin zum Ausdruck gebracht, daß die britische Regierung gewillt sei, dem Kaiser ein Kriegsschiff zur Verfügung zu stellen, um ihn und sein Gefolge nach Palästina zu bringen, falls er es wünschen sollte. Vor einigen Wochen schon soll der Kaiser einen solchen Vorschlag günstig ausgenommen haben.
Der Kaiser öffnete selbst seinen Mast.
L o n d o n , 4. Mai. (DNB. Funkspruch.) Nach den letzten Meldungen des britischen Gesandten Sir Sld- nen Barton in Addis Abeba ist es am Sonntagabend in Addis Abeba ruhiger geworden, die Stadt beginnt sich zu leeren. Zum Schutze der britischen Gesandtschaft steht em Teil des Punjab-Regiments bereit, das Biwak bezogen hat und mit genügend Lebensmitteln ausgerüstet ist, um 3000 Menschen drei Monate lang zu ernähren.
Nach Meldungen des „Daily Telegraph" hat der Neous vor seiner Abreise die Tore seines Palastes öffnen lassen und der Bevolke- runq erlaubt, sich daraus zu nehmen, was sie wolle. Daraufhin seien in Strömen Männer und Frauen in den Palast geeilt und mit Waffen aller Art,
Decken, Teppichen und Möbeln zurückgekehrt. Auch die Munitionslager seiender Bevölkerung zugänglich gemacht worden. Tausende seien mit Munition zu sehen gewesen. Die wüsten Schießereien in Addis Abeba scheinen darauf zurückzuführen zu sein, daß viele Leute wahllos in die Luft knallten. Da ein Teil der Bevölkerung alkoholische Getränke gefunden hatte, kam es zu Ausschreitungen, bei denen es unter den Eingeborenen auch Tote gab.
Der englische Arzt Dr. M e l l y , der eine britische Lazarettabteilung führte, wurde am Sonntag von einer betrunkenen Menge durch einen Lungenschuß schwer verwundet, als britische Sanitäter in den Straßen von Addis Abeba Verwundete sammeln wollten. Ein anderes Opfer der Ausschreitungen ist die Frau eines amerikanischen Missionsarztes. Sie wurde offenbar durch eine verirrte Kugel, die durch das Dach des Hospitals der Adoentiften-Gemeinde drÄng, i m Schlafe getötet.
Wo sich derRegus verborgen hielt
A s m a r a , 4. Mai. (DNB.) Wie erst jetzt bekannt wird, hat sich der Negus in den Tagen vor seinem letzten Besuch in Addis Abeba ineinemKloster einige Kilometer südlich von Sokota, also indem von den Italienern schon lange besetzten Gebiet verborgen gehalten, nachdem er den ihn verfolgenden Galastämmen entwischt war. Italienische Späher hatten dies Versteck ausfindig gemacht, und italienische Flugzeuge übernahmen, als der Negus mit einem kleinen Gefolge Addis Abeba zu erreichen versuchte, die Verfolgung. Trotzdem gelang es dem Kaiser, der mit dem Gelände und den Oert- lichkeiten sehr vertraut ist, und bei unmittelbarer Gefahr sofort einen sicheren Zufluchtsort aufsuchte, Addis Abeba zu erreichen. Hier versammelte er sofort den Aeltestenrat, der angeblich den Widerstand bis zum letzten beschlossen hatte.
Wird der Mus in London Asyl suchen?
London, 4. Mai. (DNB. Funkspruch.) Sowohl in englischen wie in französischen politischen Kreisen hält man es nicht für ausgeschlossen, daß sich der Kaiser von Abessinien nach England begeben wird, um dort seinen dauernden Aufenthalt zu nehmen. Wie man in London erklärt, besitzt der Negus in W e st e n d von London eines der schön- sten Häuser des Bezirks. Vor einiger Zeit hat der abessinische Gesandte Dr. Martin für den Kaiser den Vertrag über den Kauf des Hauses unterzeichnet. Der Ankauf geschah unter dem Vorwand, daß die abessinische Gesandtschaft in das neu erworbene Haus umzuziehen beabsichtige.
Was wird der Völkerbund sagen?
politische Folgen.
Die englische Presse über den Zusammenbruch Abessiniens.
London, 4. Mai. (DNB. Funkspr.) Die englische Presse beschäftigt sich mit der durch die Flucht des Negus geschaffenen Lage in Abessinien. Die „Times" meint, die Notwendigkeit einer N e u o r d- nungdes Völkerbundes könne jetzt schwerlich noch in Frage gestellt werden. „D a i l y T e l e- graph" (konservativ) nennt das bisherige Ergebnis des abessinischen Abenteuers das Ende eines einseitigen Krieges. Der Völkerbund habe bewiesen, daß er nicht imstande ist, den Angriff eines seiner Mitglieder gegen einen anderen Mitgliedsstaat zu verhindern und wirkungsvolle Sühnemaßnahmen anzuwenden, um den Angreifer aufzuhalten. Wenn man Italien tatsächlich erlaube, Abessinien bedingungslos und ohne weitere
Verhandlungen in Genf einzustecken, so würden die kleinen Nationen aufhören, den Völkerbund als einen Schutz zu betrachten. Der zukünftige Völkerbund müsse größere Machtbefugnisse erhalten und alle großen Mächte einschließen.
Die „M o r n i n g P o st" (rechtskonservativ) findet, daß man dieses Ende Abessiniens hätte Voraussagen können und daß die vernünftigen Erwartungen und zuverlässigsten Voraussagen einiger militärischer Sachverständiger noch übertroffen seien. Das Blatt wendet sich gegen die unentwegten Befürworter von Sanktionen, die in Wirklichkeit weder dem Krieg Einhalt gebieten könnten, noch die gute Sache Abessiniens retten. — „News Chrvnicle" (liberal) glaubt, daß die Gefahr noch größer sei, wenn man den Angreifer Italien unbelästigt im Besitz aller seiner Erfolge lasse, als wenn man gegen Mussolini vorgehe, um ihn um die volle Ernte seines Angriffskrieges zu bringen.
Oie unbekannte Größe.
Als der italienische Ministerpräsident C r i s p i bei den Verhandlungen über den Dreibund in Berlin Bismarck die ersten Andeutungen über die Absichten Italiens auf Abessinien machte, die später bei Adua so kläglich scheiterten, warnte der Kanzler vor dem Unternehmen, dem die Kräfte, vor allem die finanziellen, des jungen Königreichs nicht gewachsen seien. Bismarck, der auch der in Deutschland aufwachsenden kolonialen Bewegung skeptisch und zögernd gegenüber stand, weil er Konflikten mit England aus dem Wege gehen wollte, wies dabei auf das Interesse Großbritanniens hin, das in jener Zone keine Rivalität vertrage und Abessinien wohl selbst einstecken werde, wenn ihm dies nützlich erscheine. Dies war aus der Perspektive der 80er Jahre gesehen sicher richtig. In England ging die liberale Aera Gladstone zu Ende, und die großen Imperialisten Joe Chamberlain, Cecil Rhodes und Lord Kitchener bereiteten die Eroberung des ägyptischen Sudans und die Vergrößerung der Kapkolonie zu einem englischen Südafrika vor: in noch nicht fünfzehn Jahren wurde England Herr von fast einem Viertel der Erdoberfläche mit 500 Millionen Menschen, denen es Teilnahme an seiner Macht, seinem Reichtum, seiner Weltsprache und seiner Gesittung versprechen konnte.
Was hatte Italien dagegen zu bieten? Es hatte durch die Gunst der Europa im 19. Jahrhundert beherrschenden liberalen und nationalen Strömungen und durch das Schlachtenglück seiner jeweiligen Verbündeten trotz eigener Niederlagen seine nationale Einigkeit nach langer Fremdherrschaft verwirklicht und zählte, ohne es zu sein, zu den europäischen Großmächten. Aber die italienische Demokratie verwaltete die Erbschaft der europäischen Doktrin schlecht und vergeudete die Kräfte des Landes in politischen und parlamentarischen Kämpfen auf Kosten der Armee und des wirtschaftlichen Aufbaus. Allein die Anlehnung an Deutschland und die Donaumonarchie im Dreibund gab Italien die Be- deutung eines wenigstens zusätzlichen Gewichts in der Ausbalancierung der europäischen Kräfte. Das Wort Bismarcks, daß es genüge und daß er von Italien nichts mehr erwarte, als daß es im Konfliktsfalle einen Trompeter mit einer Fahne an seiner Alpengrenze gegen Frankreich aufstelle, zeichnete in diesem fast grotesken Bilde den damaligen Machtzustand Italiens. Ihm entsprach auch die geistige Haltung des Italieners als einer Einzelperson und als eines politischen Menschen. Bei empfindlichem Nationalstolz war er Kosmopolit und Pazifist, der Waffenhandwerk und Dienstpflicht nicht liebte.
Die kühle Atmosphäre, die wegen historischer und aktueller Gegensätze zu Habsburg über dem Dreibund lagerte, wurde gelegentlich noch durch Wallungen der Rassen-, Sprachen- und Kulturoerwandtschaft mit Frankreich betont, das in der Freimaurerei eine rührige Hilfstruppe in Italien befaß. Ein festes unverrückbares Verhältnis zur europäischen Umwelt bestand nur zu England, wo viele italienische Patrioten in der nationalen Leidenszeit Zuflucht gefunden hatten, das die italienischen Küsten und das ganze Mittelmeer beherrschte und dessen Reichtum, Lebensformen und Frauen der Italiener bestaunte. Daß England im Weltkrieg auf der Seite der Gegner Deutschlands stand und durch die unzweideutige Sprache seines Botschafters in Rom die italienischen Staatsmänner daran erinnerte, daß die Küstenstädte der Halbinsel unter den englischen Schiffskanonen lagen, bestimmte mehr als alles andere den Entschluß Italiens zum Kriege.
Die Behandlung, die Italien nach dem Kriege durch feine Verbündeten erfuhr, entsprach durchaus dieser Geringschätzung seiner Bedeutung, die man auch in das neue Europa des Versailler Vertrags zu übernehmen gedachte. Italien stand aber schon vor dem Kriege in einem geistigen Erneuerungsprozeß, der sich zum Ziele setzte, die entnervenden Belastungen einer allzulangen Geschichte abzuwerfen und das weiche Volk "für die Aufgaben einer harten Gegenwart und Zukunft umzuschmieden. Die Erfahrungen und Prüfungen des Krieges taten das ihre, als der Faschismus und fein mit allen Eigenschaften eines großen Volkstribunen und Staatsmannes ausgerüsteter Führer Mussolini es unternahmen, das neue Italien zu schaffen und die Widerstände einer zersetzenden Parteidemokratie zugleich mit der neuen europäischen Lehre des Bolschewismus zu zerbrechen. Dieser italienische Vorgang ist fast nur in Deutschland in feiner vollen Bedeutung verstanden und gewürdigt worden, wo dieselben Ursachen, eine unwürdige äußere Stellung und die Gefahr innerer Auflö'ung, den Blick schärf- ten und die Wirkung der italienischen Heilmethode aufmerksam zu verfolgen rieten. Er ist vor allem in dem allzu selbstsicheren England nicht verstanden worden, das, wie die Entwicklung des letzten Jahres zeigte, der große Gönner Italiens zu bleiben gedachte und dieses Verhältnis als eine konstante Tatsache der Geschichte ansah. In seinem politischen Zukunftsroman, den er am Ende dieses Jahrzehnts spielen läßt, spricht der Diplomat, Schriftsteller und jungkonservative Abgeordnete Harold N i c o l s o n, der doch ein Vertreter der englischen Nachkriegsgeneration ist, von den „italienischen Republiken": er setzte also den Zerfall der faschistischen Herrschaft und die staatliche Auflösung Italiens als möglich und wahrscheinlich voraus. Es ist nur ein Roman, aber er zeigt, daß man in England das Wirken Mussolinis als Episode betrachtete, die gegebenenfalls mit einem neuen St. Helena abgeschlossen werden könnte. Zweifellos war die skeptische Beurteilung der Aussichten des italienischen Krieges und die Sanktionspolitik von diesen Vorstellungen über die mangelnde Eignung Italiens zu solchen schwierigen Unternehmungen zum mindesten begünstigt und genährt, bis es in den letzten paar


