Nr. 81 Erstes Blatt
Samstag, 4. April 1956
186. Jahrgang
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HW Seneral-Anzeiger für «mW« WW Stanffurt am Main 11688 vruck unö Verlag: vrühl'sche Univerfiläts vllch- und Steindruckerei R. Lange in Stehen. Schriftleitung und Geschäftrftelle: Schulstrahe 7 M-ngenabschiüii?Staff/ö
Metzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
England und der deutsche Friedensplan.
Drei „kritische" Punkte.
Von unserem Londoner L.-Äerichterstaiier.
London, 3. April.
Europa tritt in ein Stadium des lieber« ganges Eine alte Friedensordnung, in Wirklichkeit eine Ordnung des Unfriedens, die für alle Ewigkeit die europäischen Völker in Freie und Unfreie, in Sieger und Besiegte teilen wollte, ist zusammengebrochen. Eine neue Friedensordnung soll entstehen, eine Friedensordnung vollkommener Gleichberechtigung. Es ist sicher, daß die Völker selbst diese Neuordnung inbrünstig ersehnen; das deutsche Volk nicht weniger als das englische und, wie wir glauben, auch das französische. Aber gerade weil es eine Zeit des lleberganges ist, die stets mit allen möglichen Unsicherheiten und Zwischenfällen verbunden ist, deshalb ruht in solchen Zeiten auf den Schultern der Staatsmänner eine besonders schwere Verantwortung. Deutschland hat mit seiner Note vom 31. März bewiesen, daß es von tiefstem Verantwortungsgefühl erfüllt ist. Es hat der Welt einen Frie- densplan vorgelegt, der, wie die „Times" schreibt, Europa wie kein anderer Vorschlag die ungeheure Möglichkeit bietet, auf dem Wege von Verhandlungen den Krieg zu vermeiden. Man kann wohl auch sagen, daß das deutsche Volk und seine Führer bereit sind, die Verantwortung weiter auf sich zu nehmen, unter der Voraussetzung allerdings, daß die Gegenseite, vor allem aber die englische Regierung, vollkommen klar erkennt, von welcher Bedeutung das Dokument ist, das Botschafter von Ribbentrop am Vormittag des 1. April Außenminister Eden übergab.
Die erste Reaktion der englischen Presse läßt leider nicht erkennen, daß man diese Bedeutung vollkommen klar ermißt. Fast übereinstimmend wird dort erklärt, daß der deutsche Friedensplan wohl die Möglichkeit zu weiteren Verhandlungen offen lasse. Gleichzeitig werden aber auch Beanstandungen ausgesprochen, die beweisen, daß man in London anscheinend überhaupt noch nicht restlos begriffen hat, wie die Voraus- seHungen beschaffen sind und beschaffen sein müssen, die eine neue europäische Friedensordnung garantieren.
Drei Punkte sind es vor allem, die der englischen Presse — von der französischen Presse einmal ganz zu schweigen — Anlaß zur Kritik geben:
1. Die Frage des angeblichen Bruches des Locarno-Vertrages.
2. Die Frage der Nichtbefestigung der R h e i n l a n d z o n e für die Zeit der Verhandlungen und
3. die Frage der Nichteinbeziehung der Sowjetunion in das geplante System der Nichtangriffspakte.
Hinzugefügt mag noch werden, daß auch die deutsche Feststellung, daß die geplanten General- st a b s b e s p r e ch u n g e n zwischen England, Frankreich und Belgien die künftigen Verhandlungen präjudizieren würden, von dem größten Teil der englischen Presse a b g e l e h n t wird. Dabei machen sich die englischen Blätter kaum die Mühe, auf die deutschen Argumente gegen die Aufnahme von sofortigen (Aeneralstabsbesprechungen einzugehen. Nachdem aber nun das dem Memorandum der Locarno-Mächte angefügte Schreiben der britischen Regierung, das die Verpflichtungen zu Generalstabsbesprechungen enthält, nach Paris und Brüssel abgegangen ist, bleibt lediglich abzuwarten, ob diese Besprechungen tatsächlich so begrenzt sein werden, wie das der englische Außenminister Eden versichert hat.
Was nun Punkt 1 der britischen Beanstandungen, die Frage des angeblichen Bruchs des Locarno- Vertrages, anbetrifft, so ist dieser Punkt sowohl in der Rede Botschafters von Ribbentrop vor dem Dölkerbundsrat wie in dem Zwischenbescheid vom 24. März wie schließlich auch in der deutschen Note vom 31. März erschöpfend behandelt worden. Wir werden auf ihn noch weiter unten eingehen. Was Punkt 2, die Frage der Befestigungen im Rheinland, anbetrifft, so ist es doch absolut klar, daß irgendeine deutsche Zusicherung, keine Befestigungen vorzunehmen, für Deutschland außerhalb jeder Diskussion steht und außerhalb jeder Diskussion stehen muß, weil dieses eine Z u - sicher ung diskriminierenden Charakters fein würde. Es sei hier mit aller Deutlich- feit ausgesprochen, daß jeder Versuch, neue Zugeständnisse herauszupressen, zur völligen Aussichtslosigkeit verurteilt ist. Es gibt keinerlei Derhand- lungsgrundlage über irgendwelche neue „lieber« gangs'maßregeln", ausgenommen den deutschen Vorschlag, eine gemischte Kommission zur konsultativen Ueberprüfung der militärischen Verhältnisse beiderseits der deutsch-französischen Grenze einzusetzen. Jeder Versuch, neue Zugeständnisse zu erlangen, würde den Friedensplan überhaupt gefährden. Und was den Punkt 3, die Frage der Nichteinbeziehung Sowjetrußlands in das geplante System der Nichtangriffspakte, anbetrifft, so ist es unerfindlich, wie diese Forderung überhaupt erhoben werden konnte, da Deutschland keinerlei gemeinsame Gr e n - zen mit Sowjetrußland hat. Ebensogut konnte man uns zumuten, einen Nichtangriffspakt Mit den Fidschi-Inseln abzuschliehen. Der englischen Presse müßte außerdem bekannt sein, daß d e r 1 926 in Berlin abgeschlossene Der- trag mit der Sowjetunion, dessen Geltungsdauer 1933 vom Reichskanzler selbst verlängert wurde, noch immer in Kraft ist.
Auch in der Politik gilt das Wort: „Du mußt es zweimal sagen". Das gilt besonders hinsichtlich des von uns erwähnten Punktes des angeblichen Bruchs von Locarno. Mit Recht weift die deutsche Note vom 31. März darauf hin, daß d i e 14 Punkte Wilsons, auf Grund derer im November 1918 der Waffenstillstand abgeschlossen wurde, keinerlei Einschränkung der deutschen Souveränität im Rheinland vorsahen. Man mag die 14 Punkte Wilsons und die weiteren drei zusätzlich gemachten Erklärungen des damaligen amerikanischen Präsidenten auslegen, wie man will: nirgends findet sich eine Stelle, die es gestattet, eine Beschränkung der deutschen Souveränität im Rheinland abzuleiten. Auf die 14 Punkte Wilsons hatten sich aber die alliierten Mächte in einer Sitzung des Obersten Kriegsrates vom 4. November 1918 feierlich verpflichtet. Am 5. November ließ dann der amerikanische Staatssekretär Lansing durch Vermittlung des Schweizer Gesandten der deutschen Regierung eine Note zugehen, in der es heißt: „Die alliierten Regierungen haben den Notenwechsel zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und der deutschen Regierung sorgfältig in Erwägung gezogen. Mit den folgenden Einschränkungen erklären sie ihre Bereitschaft zum Friedensabschluß mit der deutschen Regierung auf Grund der Friedensbedingungen, die in der Ansprache des Präsidenten an den Kongreß vom 8. Januar 1918 sowie in seinen späteren Ansprachen niedergelegt sind.
Die erwähnten Einschränkungen betrafen keine Vorbehalte hinsichtlich der deutschen Souveränität. Als dann der politische Berater Wilsons, Oberst
House, die Besprechungen mit Lloyd George, Clemenceau und dem Italiener Orlando aufnahm, erklärten sich die alliierten Regierungen wiederum bereit, den kommenden Frieden auf der Grundlage der 14 Punkte Wilsons auszuhandeln. Lloyd George hatte einen Entwurf ausgearbeitet, in dem er die Bereitwilligkeit erklärte, „mit der Regierung von Deutschland Frieden auf Grund der in der Ansprache des Präsidenten an den Kongreß vom 8. Januar 1918 zum Ausdruck gebrachten Bedingungen und der in seinen späteren Reden enthaltenen Grundsätze zu schließen". Die 14 Punkts Wilsons waren also sowohl von Deutschland, wie auch von anderen Mächten als Derhand- lungsgrundlage ausgenommen. Damit mußte klargestellt sein, daß eine Einschränkung der deutschen Souveränität im Rheinland in keiner Form in Frage kam.
Wir wissen, daß die Rechtsgrundlage der Wilson- schen 14 Punkte von den Alliierten in Versailles verletzt und durchbrochen wurde. Der Locarno-Vertrag aber ist, auch wenn er frei ausgehandelt wurde, ein Stück Versailler Systems und basiert daher genau so wie das Versailler Diktat a u f dem Rechtsbruch des ursprünglichen Friedensprogramms. Wenn daher die „Times" schreiben zu müssen glaubt, daß der Bruch von Locarno nicht ignoriert werden kann, so sollte sie sich doch vergegenwärtigen, daß diesem angeblichen Bruch ein viel größerer Rechtsbruch 17 Jahre vorher vorausgegangen ist, daß also das gesamte bisherige europäische Friedenssystem auf einer Rechtsverletzung a u f g e b a u t war.
Die Möglichkeiten muffen genützt werden.
Oer britische Verteidigungsminister findet die deutschen Friedensvorschläge einer sorgfältigen Prüfung wert.
London, 4. April. (DNB. Funkspr.) Der englische Verteidigungsminister Sir Thomas I n s k i p sprach auf einer konservativen Versammlung über Die gegenwärtige internationale Lage. Er glaubte zunächst an dem deutschen Vorgehen in der entmilitarisierten Zone Kritik über zu sollen und bezeichnete es als notwendig, etwas zu tun, um bas Vertrauen in Die Verträge wieder herzustellen.
„Wir haben", so fuhr Jnskip dann fort, „sehr stark einen Beitrag von Deutschland in der sogenannten Zwischenperiode gewünscht, während der ein, wie ich hoffe, erfola- reicher Aussöhnungsversuch gemacht wird. Die englische Nation empfindet zur Zeit e i n größeres Maß von Freundlichkeit gegenüber Deutschland, als es feit langem Der Fall war. Ich hoffe, daß wir nicht unsere echte Sympathie für unsere Alliierten und Nachbarn in Frankreich verloren haben. Wir stehen ihnen in ihrem Wunsche nach Sicherheit freundlich gegenüber, aber gleichzeitig hat die dritifche Nation instinktiv Den Wunsch gezeigt, nicht nur mit Frankreich, sondern auch mit Deutschland freundschaftliche und friedliche Beziehung zu unterhalten.
In einer solchen Lage, wo die Völker den Frieden wünschen, sollte es den Staatsmännern sicherlich nicht unmöglich sein, einen dauernden Frieden zu bringen. Ich glaube, daß die Lage INöglich- feiten enthält, die über alles hinaus gehen, was ich vor kurzer Zeit noch erwartete. Ich möchte nicht an dem starren Gesehesbuchstaben sesthalten. Ich glaube nicht, daß es uns im geringsten darum zu tun ist, Verträge so zu behandeln, wie es ein Jurist tun würde." Deutschland, so betonte der Minister, habe Vor
schläge gemacht, die einer sorgfältigen Prüfung wert seien. Das deutsche Schriftstück enthalte viele verlockende Dinge, die, wie er hoffe, in eine wirkliche Vereinbarung zwischen den Nationen umgeschweiht werden könnten.
Der Verteidigungsminister erklärte weiter, es wäre begrüßenswert, wenn man etwas Zeit zur Erwägung haben würde, anstatt stets mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zu verhandeln. Es würde aber keinen Zweck haben, wenn man auf beiden Seiten des Kanals Dinge täte, die den Schluß zuließen, daß man die Pause benutze, um die Lage noch schwieriger zu machen. Während England die deutschen Vorschläge in dem offenen und ehrlichen Wunsch, das beste aus ihnen herauszuholen, prüfe, werde, wie er hoffe, auf beiden Seiten des Rheines der Wunsch vorhanden fein, über das streng juristische Dokument hinauszugehen und vorwärts zu rücken anstatt rückwärts zu gehen.
Im weiteren Verlaufe feiner Rede glaubte Sir Thomas Jnskip sagen zu müssen, daß Deutschland „eine Kleinigkeit hilfreicher" sein könnte, als es in diesem Aussöhnungsoerfahren gewesen sei. Er glaube, daß Frankreich nicht abgeneigt fei, einen Beitrag zu leisten. Es fei zu hoffen, daß auch Deutschland mit einem Beitrag (!) hervortreten werde, um es zu ermöglichen, daß die Ausföhnungsbemühungen in der glücklichsten und angenehmsten Atmosphäre Durchgeführt roerDen. England habe Die Rolle eines Friedensstifters zu spielen. Wenn die Oeffentlichkeit der Regierung weiterhin ihr Vertrauen schenke, dann werde die Regierung, wenn sie Glück habe, die Verhandlung für eine Regelung oller Schwierigkeiten in Gang bringen können.
„Mn muß mit Deutschland sprechen." Oie framösiscke Mg erunq wird zur Vernunft ermahnt.
Paris, 4. April. (DNB. Funkspruch.) Unter der Überschrift „Man muß mit Deutschland sprechen" greift die „Dictoire" in äußerst scharfer Weise die Haltung der französischen Regierung an, ötc d i e Oeffentlichkeit beunruhige und kopflos m a ch e. Als 1914 Vivani erklärt habe, so schreibt das Blatt. Deutschland greife Frankreich an, seien die französischen Soldaten in den Krieg gezogen, o h n e z u w i s s e n , daß sie sich i n W i r k - lichkeit für zwei fanatische Serben schlügen, die das österreichische Kronprmzenpaar er- mordet hatten. Der wahre Verantwortliche für den Weltkrieg sei P o i n c a r e, der den Augen- blick für günstig gehalten habe, um seine von Rußland unterstützten Vergeltungsgelüste in die Tat umzusetzen. Er und Clemenceau seien für Frank- reich und Europa eine wahre Landplage gewesen. Der eine fei für den Krieg verantwortlich, der andere für den Versailler Vertrag. Das schlimmste sei aber, daß die französischen Politiker das wüßten und nicht zugeben wollten.
heute wiederhole sich das gleiche Spiel. Seit drei Wochen beunruhige man die Oeffent- tichkeit, stelle sie auf eine Nervenprobe und rufe eine wahre panik hervor. Und warum das alles? Weil Deutschland nach 17jähriger Geduld es satt habe, wie ein afrikanisches Volk dritter Güte behandelt
zu werden. Man müsse sich an seine Stelle sehen und sich fragen, ob Frankreich diese Geduld gehabt haben würde. Die 2Inttvorf daraus könne nur verneinend aussallen.
Man erkläre, Hitler habe den Gongschlag gegeben. Sicher habe er das getan, aber das sei der Ruf eines Volkes, bas erftirfe. Diesem Volk, das Den Krieg ebenso verabscheue wie Frankreich, müsse man L u f t g e b e n. Hitler sei Der Auffassung, daß der Locarnovertrag infolge des französisch-sow- jetrussischen Abkommens hinfällig geworden sei. Dann müsse man eben einen anderen Vertrag abschließen. Die Diplomaten würden ja dafür bezahlt. Hitler habe seine Truppen ins Rheinland einziehen lassen, aber das Rheinland sei letzten Endes deutsches Gebiet.
Es müsse einmal klar heraus gesagt werden, daß die Stunde gekommen sei, wo man mit Deutschland sprechen müsse. Ob das in London. Gens oder Peking sei, bleibe sich vollkommen gleichgültig. Die Hauptsache sei, man verständigt sich. Die wahre Stimme des französischen Volkes sei in der Umfrage zum Ausdruck gekommen, die kürzlich eine Zeitung in Südwest-Frankreich abgehalten habe, und wobei sich 5560 Franzosen von 7344 abgegebenen Stimmen für eine Verständigung mit Deutschland ausgesprochen hätten.
Sprungbrett in den Frieden.
In beispielloser Einmütigkeit hat das deutsche Volk durch das Votum des 29. März die Vollmacht des Führers erneuert, Deutschlands aufrichtige und tatkräftige Mitarbeit einzusetzen für die Herstellung eines wahren Friedens freier und gleichberechtigter Völker. Gestützt auf die begeisterte Zustimmung der ganzen Nation zu seinem in den großen Reden des Wahlkampfes entwickelten Friedensprogramm konnte der Führer als Antwort auf Die Denkschrift der Locarno-Mächte einen Friedensplan überreichen lassen, der weit über den aktuellen Anlaß hinausgreift und von wahrhaft europäischen Gesichtspunkten aus in ebenso großzügiger wie elastischer Form den Weg zeigt zum Aufbau eines auf Gleichberechtigung und gegenseitiger Achtung als dem natürlichsten und deshalb sichersten Fundament ruhenden Friedensgebäudes. Einem vorn Geist des Mißtrauens und der Furcht, der Ueberheblichkeit und Selbstgerechtigkeit diktierten Memorandum, das als Folge einer Politik der Kompromisse hinter versteckten Drohungen, gewollten Vieldeutigkeiten und Unklarheiten den Wunsch nach Wiederherstellung des alten Zustands der Ungleichheit kaum zu verbergen mochte, hat der Führer einen Friedensplan entgegengestellt, der fein Ultimatum darstellt und keine Bedingungen enthält, die die Interessen anderer Nationen mißachten und die Ehre anderer Völker verletzen könnte. Und doch hält sich der Plan ganz fern von jenen verschwommenen weltfremden Ideologien, die wohl schnell und mühelos allseitige Zustimmung finden können, aber praktisch ohne Bedeutung bleiben, weil sie einen tatsächlich unverändert gebliebenen Zustand nur durch wohlmeinende Phrasen zu verschleiern trachten, sich aber scheuen, das liebel an der Wurzel anzupacken und die Ursache des Mißverstehens zwischen den Völkern zu beseitigen. Derartige Pläne waren seit jeher billig wie Brombeeren, haben aber nur durch wachsende Enttäuschung über ihre Erfolglosigkeit den Unfrieden vermehrt. Nicht besser ist es Projekten ergangen, die alle Probleme mit einem Schlage zu lösen versuchten und durch ihre Uferlosigkeit und die Verschachtelung von Dingen, die nicht gleichzeitig, sondern nur nacheinander zur Diskussion gestellt werden können, nicht eine einzige Frage auch nur der Lösung näher zu bringen vermocht haben.
Der Plan des Führers baut auf diesen Erfahrungen einer langen Leidenszeit diplomatischen Aneinandervorbeiredens auf. In realpolitischer Nüchternheit trägt er den Gegebenheiten Rechnung und strebt nur das an, was die Grundlage aller weiteren Zusammenarbeit der europäischen Völker bilden muß, die Beseitigung der politischen Unsicherheit zwischen Deutschland und Frankreich als Hauptursache aller Spannungen. Schritt für Schritt, ganz konkret und ins einzelne gehend, aber mit zwingender,- kristallklarer Logik ineinandergreifend weisen die Vorschläge des Führers den Weg zu einer neuen Völkergemeinschaft auf der Grundlage gleicher Rechte und gleicher Pflichten. Das hierin kund- gemachte Ziel des deutschen Friedensplans schließt schon die Ablehnung aller Punkte des Locarno-Memorandums in sich, die den Versuch machen, Deutschlands Diskriminierung aufrechtzuerhalten und mit dem Grundsatz der Freiheit, Selbständigkeit und Gleichberechtigung der Deutschen Nation unvereinbar sind. In logischer Weiterführung dieses Gedankens erklärt die Reichsregierung, daß sie nur an Bemühungen teilnehmen wird, zu einer „wirklich konstruktiven Ordnung des Verhältnisses der europäischen Nationen untereinander und damit zu einer dauerhaften Fiedensgeftaltung und -sicherung" zu kommen. Diese Bemühungen haben nach deutscher Auffassung nur Dann Aussicht auf Erfolg, wenn an ihnen Die für künftige Abmachungen über Die Sicherung des europäischen Friedens in Frage kommenden Nationen als gleichberechtigte und gleichgeachtete Glieder teilnehmen. Als gefährliche Vorbelastung dieser Bemühungen betrachtet die deutsche Denkschrift die im Memorandum der Locarnomächte angekündigten auf die einseitige Sicherheit Frankreichs und Belgiens beschränkten General- stabsbesprechungen, deren Abschluß vor dem Zustandekommen neuer Beistandsverpflichtungen unter Einschluß Deutschlands jd von vornherein wieder verschiedene Grade von Sicherheit in für Deutschland unerträglicher Weise festlegen würde. Hoffen wir, daß dieser deutsche Einwand dem in der britischen Oeffentlichkeit gegen diese Generalstabsbesprechungen vorhandenen und durch die Erfahrungen aus der Vorgeschichte des Weltkrieges nur allzu begründeten Mißtrauen neue Nahrung geben wird, so daß das Kabinett Baldwin sich gezwungen sieht, den französischen Wünschen sich zu versagen. Denn es wird auch von den Engländern nicht geleugnet werden können, daß Derartige einseitige militärische Abmachungen, Die bereits einen Teil Des Ergebnisses der kommenden Verhandlungen vorwegnehmen, aber den einen Verhandlungspartner ausschließen, die Atmosphäre dieser Verhandlungen höchst ungünstig beeinflussen müssen.
Nachdem der deutsche Friedensplan so Voraussetzungen, Grundlagen und Ziele der künftigen Bemühungen um einen europäischen Frieden unmißverständlich klargestellt hat, schlägt er aus den oben schon erläuterten Zweckmäßigkeitsgründen vor, die Verhandlungen in drei Zeitabschnitte zu gliedern, um sorgfältig Stein auf Stein schichtend das Friedensgebäude zu errichten und wohnlich zu gestalten. Ein erster auf vier Monate begrenzter Abschnitt soll für d i e Zeit der Verhandlung über die künftigen Nichtangriffspakte eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen. Ilm die an sich gänzlich unbegründeten Besorgnisse Frankreichs vor einem überraschenden deutschen Angriff aus- zuräumen, erklärt sich die Reichsregierung unter dem Vorbehalt gleichen Verhaltens Frankreichs und


