Ausgabe 
4.2.1936
 
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Das Lahr der Blumen.

Oie Pflanzenwelt im Februar.

ffrSpnHnr^ntcr j!1 wahrhaftig kein echter Winter, srnnri durchaus nicht dem, was wir mit dem WortWinter verbinden. Zwar fing es Mitte ?nnnmbpitr2emmaI vielversprechend an, und als n?m?htoEnUrd "vr Weihnachten Tauwetter eintrat, glaubten manche hoffnungsstarke Wintersportler, das sei nur ein vorübergehendes Versehen.

?ran?arrcf,at uns den erhofften hohen a5n"Ee Eis unb den kunstreichen Rauh- reif nicht gebracht. Im Gegenteil! Wie oft hatte wan m den letzten Tagen das Gefühl, es sei schon recht ^^lvhrlich draußen, wenn unter blauem Himmel Kohlmeisen m der Hellen Sonne durch das Gezweig mit seinen dicken Knospen turnen und da­bei laut und fröhlich jubilieren. Die Kleiber, ein ganz verläßlicher Fruhjahrskünder, pfeift und lockt und wenn gar der kecke Stabstrompeter, der Buch- °on dem höchsten Zweig in der Runde seinen selbstbewußten, frischen Ruf wie eine Fanfare der Sonne entgegen schmetter^--wahrhaftig, da

denkt man nicht mehr an Winter, Schneeballicblackt und Skifahrt! Und die Wetterkundler bestätigen es uns dieses Jahr ist es viel zu warm für die Jahreszeit!

Aber wie soll das werden? Der Februar ist doch auch noch ein Wintermonat. Wenn der Schnee die Saat und die Samen in der Erde nicht schützt und der Frost die Knospen nicht zurückhält, bis es Zeit für sie ist, kann es ein großes Unheil geben denn ist der Winter noch so mild Spätfrost eund H a g e l s ch l ä g e sind unvermeidlich.

Wie mag es im Sommer werden, wenn der Winter so schneearm und trocken war, der Boden nicht genug Feuchtigkeit aufsauqen konnte? Und was kann das sonst noch alles im Gefolge haben Wieviel hängt doch vom Wetter ab! Seit Ur­zeiten beobachtet das der Mensch und versuchte es zu ergründen, um sich danach einrichten zu können. Da gibt es viele uralte Bauernregeln und Wetter­weisheiten der Forstleute, Schäfer und Schiffer, sogar hundertjährige Kalender hat man sich geschaf­fen. Aber wie oft trifft alle Vorhersage nicht zu, wie oft scheint sich die Natur einen Spaß daraus zu machen, die gescheiten Menschen an der Nase zu führen. Da kamen Männer und faßten die Sache mit wissenschaftlichen Mitteln an. Nicht nur das Wetter, den Gang der meteorologischen Erschei­nungen durch die Jahre, sondern auch die so unge­heuer wichtigen Beziehungen zwischen dem Klima und der übrigen Natur, vor allem zu Tier- und Pflanzenwelt, auf die wir Menschen doch angewiesen sind, suchte man zu erforschen. So entstand die P h a e n o l o g i e, ein Grenzgebiet der Klimatologie und Biologie.

In mühevoller gewissenhafter Kleinarbeit trug man Jahr für Jahr alle wesentlichen Ergebnisse zu­sammen. Mit unermüdlichem Eifer hatte der längst verstorbene Gießener Professor Hoffmann einen großen Stab von Mitarbeitern in Bewegung ge­setzt, über ganz Europa seine Beobachtungsstellen verteilt, und so in jahrzehntelanger Arbeit aus der Fülle von Befunden für die verschiedenen geeigneten Merkmale des Naturablaufes im Jahre zuverlässige Mittelwerte errechnet, etwa:Haselnuß: stäubt am 11. Februar!" Nein, so einfach ist das nicht! Die Natur ist keine geeichte Maschine, son­dern gewissermaßen ein lebendes Wesen, das zwar durch unabänderliche Gesetze Form und Grenze hat, darinnen aber ist ihm ein weiter Spielaum von Möglichkeiten und Unegelmäßigkeiten gegeben.

Wenn wir uns also im Januar vorgenommen hatten, im Ablauf dieses Jahres auf das Leben der Pflanzenwelt zu achten, besonders die Blüten und Blumen zu suchen, kennen zu lernen und uns für jeden Monat eine als Merkmal und Wahr­zeichen herauszunehmen, dann muß uns doch klar fein, daß das etwas anderes ist, als im Kursbuch Zuganschlüsse zusammenzustellen, trotz der vielen

Tabellen der Vegetationszeiten und der Phaenolo- gischen Karten. Denn erstens ist das Wetter und alle anderen Umstände, die auf die Pflanzen ein­wirken, in dem Jahr etwas anders geartet. Dann gilt das, was am Rhein zutrifft, noch lange nicht an der Elbe. Die errechneten Mittelwerte brauchen also nicht in jedem Jahr mit dem Befund übereinzustimmen.

Ein strenger Winter wird alles hinausschieben, ein feuchtwarmes Frühjahr wird beschleunigen. Weiter hat Hoffmann alle seine Daten auf Gießen bezogen, wer in Mainz sitzt, wird also etwa fünf Tage vor Gießen die Haselkätzchen stäu­ben sehen, die Mecklenburger und Holsteiner müssen noch etwa acht bis vierzehn Tage länger warten. Und die im Osten wissen, daß ihr binnenländisches Klima bei ihnen alles später erblühen, aber früher reifen läßt, als in dem feuchteren, ausgeglicheneren Westen.

Noch etwas ist von Bedeutung. Eine Pflanze, die wind- und wettergeschützt an einem Südhang wächst, blüht und grünt eher, als ihre Artschwester, die mit aller Unbill des Wetters und des Bodens an einem Nordhang kämpft. Auch ist der Frühling nicht überall zu gleicher Zeit, langsam steigt er von Südwesten her bergan, den Rückzugsstellungen des Winters entgegen.

Dies alles muß man bedenken und sich immer wieder vor Augen führen. Es wäre sinnlos, unbe­lastet von Sach- und Fachkenntnis unsere Blumen­streifjagd zu beginnen, aber wir wollen uns auch nicht nur in die Angaben der phaenologischen Lite­ratur vergraben, sie sollen und müssen uns Weg­weiser und Rüstzeug sein.

Jetzt endlich auf und hinaus in die Welt des Februar! Was finden wir anders als im vo­rigen Monat? Wo ist schon etwas Neues, was hat sich geändert? Nun, die Tage sind länger ge­worden, es ist auch sonst schon lebendiger draußen, über die Temperatur wollen wir besser noch nichts voraussagen. Schon Ende Januar fiel uns in Garten und Park etwas zwischen all dem kahlen, grau-schwarzen Astwerk auf. Die Kätzchen der Haselnuß trieben zu langen Trotteln aus und zauberten mit ihrer grünlich-grellen Schlankheit eine Frühjahrsvorahnung in die Landschaft, die sich gut mit Finken- und Meisenfchlag vereinte. In der zweiten Februarwoche, so um den 11. herum, wird Corylus Avellana, die Hasel, stäuben. Damit fängt für den Phaenologen das Jahr an! Und für den 18. Februar hat Prof. Hoffmann das erste Lied der Lerche angekündigt. Am 24. werden die Schneegänse auf ihrem Heimweg zum hohen Norden über uns hinwegziehen. Ja, in der zweiten Hälfte des Monats beginnt tatsächlich schon der Vogelschutz, dieses wunderbare Geschehen, das uns von Jahr zu Jahr immer wieder packt und begeistert.

Gewiß ist der Anblick der blühenden, stäubenden Hasel ein freudiges Ereignis, aber sie ist eine wind­bestäubte Kätzchenpflanze, ein Holzgewächs aus der Familie der Betulaceen. Und wir wollten doch richtige Blumen suchen. Da müssen wir doch noch etwas Geduld haben: es blüht uns heuer noch man­ches, nicht bloß Eisblumen wie im Januar Ha, Schneeglöckchen, höre ich schon einen denken. Weit gefehlt! Viel früher schon! In geschützten Gärten, im Freien unter schattigem Gebüsch finden wir in der Mitte des Monats eine kleine goldstrahlende Gipfelblüte. Aus einer von drei vielfach geteilten Blättern gebildeten Hülle reckt sie sich über die langgestielten Blätter, deren rundlich-herzförmige Spreite tief geschlitzt und gezipfelt ist, empor. Es ist der Winterling Eranthis hiemalis, ein Hahnenfußgewächs. Dicht fitzen viele dieser bis zu zehn Zentimeter großen Pflänzchen bescheiden zusammen unter Gebüsch in Baumpflanzungen und Hausgärten, unsere erste Blume im Jahr.

Aber wenige Tage später erfreut uns in den Wäldern, an feuchten Stellen im Mischwald, an waldigen Ufern oder in Bergwäldern ein viel prächtigeres Bild. Der Seidelbast hat die dicht beieinander stehenden Aeste seines Strauches eng besetzt mit vierzipfeligen rosafarbenen Blütchen. Zu dreien sitzen sie in einer alten Blattachsel. Viele übereinander, zu richtigen Büscheln vereint, leuchten sie farbenfroh in den Tag. Ein überraschender, ent­zückender Anblick, diese blühende Daphne Mezereum, auch Kellerhals genannt. Aber es kommt ja noch mehr, noch echte Blumen, wenn das Jahr und der Ort günstig ist. In der letzen Woche des Februar brechen die Schneeglöckchen durch. Jeder kennt sie, die zarten, weißen Blütenglöckchen an dem elegant geneigten Stengel, umgeben von dem Paar dunkelgrüner, schlanker Laubblätter.

Das kleinere Galanthus nivalis und das große, wilde oder Frühlings-Schneeglöckchen Leucoium vernum, bei dem die Blütenglocke größer und ge­schlossener wirkt, da die inneren Zipfel der Blüten­hülle fast so groß sind, wie die äußeren. Mitunter erscheint auch in den letzten Februartagen schon das Leberblümchen. Wieder eine kleine Ranunculacee; mit lang gestielten, meist dreilap­pigen Blättern verbirgt es seine kleinen blauen, selten auch einmal weißen oder rosa Blütchen im Gebüsch und im Wald. Hepatica nobilis oder triloba ennt es der Botaniker und sieht es eigent­lich lieber erst im März ans Licht kommen.

Von allen genannten Frühblütern steht es nicht unter Naturschutz, auch die beiden nächsten nicht. Nicht selten stäuben die Kätzchen der Erlen schon jetzt. Sowohl die häufigere Schwarzerle, als auch die hier seltenere Grauerle, die wild mehr in Gebirgswäldern und im Oder-Memel-Ge- biet vorkommt. Beider Hauptblütezeit ist aber eigentlich erst im März.

Das wären wohl die Pflanzen, die wir zu dieser Jahreszeit blühend fänden, wenn die Natur es so will. Einige blühen vorwiegend erst im nächsten Monat, ein Teil sind Holzgewächse und damit keine Blumen, wie wir sie suchen. Da fällt uns diesmal die Wahl nicht schwer, d i e Blume des Monats zu finden! War es im Januar mit einem etwas verlegen-spaßhaften Ausweg die Eisblume, so ist

es diesmal die e r ft e wirkliche Blume des Jahres, der Winterling, als das Wahrzeichen des Februar. Walter Neurath.

Der beste Schütze der deutschen Zägerschast.

In Wannfee bei Berlin wurde in mehrtägigem Wettbewerb das Meisterschaftsschießen des Reichs­bundes der Deutschen Jägerschaft durchgeführt, das mit dem überragenden Siege der ersten Mannschaft der Provinz Sachsen endete. Der beste Schütze war das Mitglied dieser Mannschaft A p e l, der auf unserem Bild von Oberstjägermeister S ch e r p i n g die Goldene Plakette der Deutschen Jägerschaft erhält. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Neues im Grundstückswesen.

Nachdem im Jahre 1934 die große Arbeitsbe­schaffungsaktion unter tatkräftiger Teilnahme des ganzen deutschen Hausbesitzes in Angriff genommen und durchgeführt wurde bei starker Unter­stützung durch die Reichs-, Staats- und Gemeinde­behörden, mußte diese Aktion 1935 vorwiegend aus der eigenen Initiative des Hausbesitzers her­aus fortgeführt werden. Der Hausbesitz hat neben seinen anderen beträchtlichen Lasten eine volkswirt­schaftliche Tat vollbracht, die hoch angeschlagen werden muß. Die Belebung im Handwerk und der Rückgang der Arbeitslosigkeit besonders in denjeni­gen Teilen der Wirtschaft, die mit dem Bauwesen eng Zusammenhängen, zeugen für den großen Ein­satz an Kapitalien, den der Hausbesitz aufgebracht hat.

Der Reichsarbeitsminister, zu dessen Bereich das gesamte Wohnungswesen heute gehört, hat sich aus­drücklich durch einen Erlaß im Oktober des Jahres gegen die Wiedereinführung der Woh­nungszwangswirtschaft ausgesprochen. Das war eine sehr bemerkenswerte Erklärung, die im Hausbesitz und in der ganzen Wirtschaft sicher­lich begrüßt worden ist. Die frühere Wohnungs­zwangswirtschaft hat natürlich dem Hausbesitz schwere Schäden zugefügt, die Rentabilität hat ge­litten, viele Grundstücke sind nahezu verkommen. In Zukunft wird nach dem Willen des Reichs­arbeitsministers die Kleinsiedlung neben der sonstigen Neubautätigkeit im Mittelpunkt der deut­schen Wohnungspolitik stehen. Uebrigens ist am Ende des vergangenen Jahres ein neue r Reichs­

zuschuß für Wohnungsteilungen und Umbauten in Höhe von etwa 10 Millionen Mark gewährt worden. Man rechnet für das Jahr 1936 mit einem Bauprogramm von etwa 300 000 Einheiten, wie Oberregierungsrat Dr.J.Fischer-Dieskau imGrunb- eigentum" kürzlich festgestellt hat.

Sehr wichtig ist die Regelung des Hypothe- k e n s ch u tz e s , die am Jahresende vorgenommen worden ist. Schon im Vorjahre war eine Verlänge­rung des Hypothekenmoratoriums ausgesprochen, und zwar auf 1 Jahr bzw. IV4 Jahr. Das jetzt erlassene sogenannte dritte Kapitalsverkehrsgesetz sieht eine Verlängerung des Kündi­gungsverbots um 3 Jahre bis zum 31. Dezember 1938 und eine Verlängerung der gesetz­lichen Stundung bis zum 31. Juli 1939 vor. Durch das vorjährige Gesetz waren diese Fristen sämtlich bereits im Jahre 1936 abgelaufen. Da es sich bet den freiwerdenden Hypotheken um Milliardenbe­träge gehandelt hätte, wäre eine Rückzahlung für die übergroße Mehrzahl der Haus- und Grund­besitzer unmöglich gewesen, so daß durch das neue Kapitalverkehrsgesetz mancher von schweren Sor­gen befreit worden ist.

Im Jahre 1935 ist auch eine neue Reichs- kostenrechnung erlassen worden. Es handelt sich hierbei um die Kosten in Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit und der Zwangsvoll­streckung in das unbewegliche Vermögen. Dadurch sind die Gebühren und Auslagen in Register- und Grundbuchsachen, in Nachlaß- und Zwangsverwal­tungssachen usw. sowie die Kosten der Notare ge-

Das ewige Antlitz.

Von Ernst Miecherl

Als ich ein Kind war, starb mein Großvater. Meine Mutter weinte, und ich fühlte, daß Schweres geschehen war. Aber ich wußte nichts vom lobe Ich hatte den Tod des Tieres gesehen und grübelnd davor gestanden, aber er war mir nichts mehr als ein Aufhören von Bewegung, Freiheit, Tatigfem, ein abgerissener Faden, Zerschlagensein, Zusammen­bruch. Ich bewegte heimlich die toten ©lieber, unb es schien mir schrecklich, daß sie mir gehorchten, baß kein Widerstand war, keine Abwehr, kein Eigemum gleichsam, daß herrenlos geworden war, was ich m Herrlichkeit fliegen, stürzen, leben gesehen hatte.

Aber ich wußte nichts vom Tode.

Wir fuhren zur Beerdigung, im Wagen, durch Wälder, in denen die Vögel fangen. Aber bann führte man mich vor die Leiche und befahl nur 311 beten. Und dann sah ich den Tod. 34 fab eine Blässe der Stirn, die ich nie zuvor gesehen harre, ich fühlte die Kälte, das Schweigen, das Iernsem, zu dem die Brücke gebrochen war. Ich suhlte Die Spaltung der Welt, die ungespalten gewesen war die Erschütterung des Unerschütterten, den Einsturz eines Hauses, um dessen vertraute, warme Dinge ei eisiger Luftstrom aus einer schrecklichen Fremde lautlos brach. Ich erkannte den Tod und m seinem Antlitz erkannte ich zum ersten Male bas Lebe - Ich stand auf einer Waage, und weine Schale stürzte tief ins Bodenlose, während die Schale des Todes schwindelnd in die Sterne stieg. Aus der Emhett kürzte ich in die Erkenntnis der Zweiheit, in die Erkenntnis der Welt, der Vergänglichkeit, der Ewig- '"g* wurde ohnmächtig bei dieser Beerdigung zum emuaen Mal in meinem Leben. Ich hatte Gott ge- febeV In dem ersten ewigen Antlitz, das sich mir ohne Abwehr bot, hatte ich Gott gesehen und aus- ^E?ist'nun'"°ll°7 d'-7 Einmütigen -nMeidet. der Tod die Liebe die Verzweiflung, die Ekstase. Ich habe meine Kleider abgelegt und wieder ang-z°g-n mein- Tränen geweint und getrockne m-m-Fe

SM

ihr Lachen wie ihr Leid ist an meinenJffianben ge- Hieben als ein Nachhall nach d°m Schlafen emer Uhr czch habe mich gesträubt und gebäumt wie aue, und Lebinlch unter da- «etz «°tt° °n um in des Gesetzes Kreisen zu voll-nd-m Ich ->-ch. datz die Ferne kommt, in die nur unaufhörlich stürzen di- Fern- eines Kreises, den w.r als Kmder be­gannen. mit blinden Augen. Wul* bJ7nerten und an dessen Ausgangspunkt wir vollenden werden,

mit dem ewigen Antlitz, in dem die unbestechliche Ernte ruht.

Es tut mir gut, vor dem Widerschein dieser kom­menden Ferne zu sitzen, vor dem Kaminfeuer eines nächtlichen Hauses, vor einem Wald, den der Herbst entkleidet, vor einem Meer, in das die Sonne sinkt. Aber es ist ein schwacher Abglanz des ewigen Ant­litzes, und vor dem Tod zu stehen, ist als ob die Hand dieser Ferne sich leise über die gebrochene Brücke hebe, um unsere Hand zu fassen, hinüber über den großen Kreis, daß die Qual der Rundung erlösche und die Mühe des Ringes zerfalle, damit man das Ewige erkennevon Angesicht zu Ange­sicht."

Ja, es ist nowendig, daß du Kerzen entzündest über einer toten Stirn. Alles Licht ist unheilig außer ihrem leise suchenden Glanz, weil nur in ihrem Licht sich Tod und Leben sichtbar binden, das Er­haltende, das aus der Verzehrung steigt, das Ge­reinigte, das über dem Verweslichen schwebt. Und entzünde sie zu beiden Seiten, daß nicht Schatten sich über das Makellose stürzen, daß nicht die Zwei­heit teile, was in der Einheit ist.

Und dann sitze vor dem ewigen Antlitz, von der Dämmerung des Abends bis an die Dämmerung des Morgens. Schweigen erfüllt das Haus. Es ist nicht das «schweigen der Nacht, des Schlafes, der Sonnen­ferne. Alle diese Schweigen sind da, wie sie all­nächtlich da sind, aber über ihnen, sie durchdringend, abweisend, auslöschend, ist das große Schweigen, das von diesem Antlitz ausstrahlt, auf alle toten Dinge des Raumes, ein beherrschendes, unantast­bares, unerbittliches «Schweigen.

Du haft dasselbe Antlitz in der Ruhe gesehen, in der Versunkenheit, abgewandter Gedanken, im Frie­den, im Schlafe. Du hast geglaubt, sein Schweigen zu kennen. Und nun weißt du, daß dieses Schweigen der Ruhe ober des Schlafes erfüllt war von einem lodernden Leben, wenn du es mit diesem Schweigen vergleichst. Es ist das ewige Schweigen. Es ist herausgehoben aus dem Raum und der Zeit, aus der Vergänglichkeit aller Tage und Nächte, der Freude und des Schmerzes. Die Wände des Raumes stehen um dich, regungslos wie sonst. Die Uhr geht leise, unaufhaltsam durch die Zeit, wie sonst. Aber du fühlst, daß sie nur für dich da sind, in einer Art von Barmherzigkeit, Grenzen gleichsam, damit dein auseinanderfallendes Leben sich nicht verstreue und verspüle in das Grenzenlose. Aber sie sind nicht für das ewige Antlitz da. Dieses Antlitz ist jenseits der Wände und des Uhrenschlages. Es ruht in dem Zu­fälligen und Armseligen deines Raumes und deiner Zeit mit einer Art von gütigem, nachsichtigem Ge­währen, wie die Leiche eines Königs, die man vom Schlachtfeld trug, in den Mauern einer armen Dorf­

kirche ruht, während das königliche Angesicht schon der Ewigkeit gehört, den Völkern, der Geschichte, Gott.

Gießener Gtavttheaier.

(Gastspiel des Musik-Clowns Roni.

Noni ist Engländer von Geburt, entstammt einer Artistenfamilie, kam im Zirkus seines Vaters zur Welt, begann fein öffentliches Auftreten im Alter von vier Jahren, erhielt feine musikalische Ausbil­dung in Frankreich, spielt achtzehn verschiedene In­strumente und reift heute mit feiner ganzen Fa­milie von Stadt zu Stadt. Er nennt sich Musik- Clown, und zwar mit Recht, er leistet sowohl als Musiker wie als Clown Beträchtliches. Als das schönste Erlebnis seiner langen Laufbahn bezeichnet er, wie im Programm zu lesen ist, eine ungewöhn­liche Auszeichnung durch die Königin von England, die ihm, entzückt von seiner Vorstellung, nachher in ihrer Loge mit eigener Hand eine Rose ins Knopfloch steckte.

Was der Königin von England recht war, darf uns billig sein. N 0 nis Nummer, im Mittelpunkt eines ausgedehnten Programms stehend, ist so be­schaffen, daß sie sich einer auch nur andeutenden Wiedergabe im Bericht schlechterdings entzieht Man kann eine Varietö-Nummer solcher Art auf dem hier zu Gebote stehenden Raum nicht schildern, und wenn man es könnte, würde man vermutlich ihre unwiderstehliche Wirkung nicht zu erklären ober zu begrünben vermögen Man hat bie Rivels be­schrieben, auch Grock aber es blieb ein ziemlich unzulängliches Unterfangen. Man muß Grvck sehen, unb man muß auch Noni sehen ... und hören vor allen Dingen. Wir können uns nur an eine Szene erinnern, die uns in eine ähnlich fas­sungslose Heiterkeit versetzte: das war vor Jahren bei dem unvergleichlichen Humsti-Bumsti im Ber­liner Wintergarten. Noni bringt verwandte Wir­kungen mit verwandten Mitteln hervor. Es ist nicht der Hokuspokus mit der Geige, der uralte Trick mit dem davonlaufenden Hut, die Begleitung am Kla­vier oder biesolo" gespielteTraviata" fonbern die natürliche unb überqueüenbe Heiterkeit, bie ben mißlichen unb unvorhergesehenen Zwischenfällen bes Daseins lächelnb unb also am Enbe überlegen gegenübersteht. Er erfindet Situationen, bie an die Abenteuer ber berühmten schwebischen Karikatur Abamson erinnern, aber er reicht immer noch ein Stückchen über bie Situation an sich hinaus unb weiß bie Pointe baraufzusetzen. Wie erstaunlich mu­sikalisch er begabt ist, kann man aus der ganzen

Nummer nur ahnen: gewiß ist, daß er nicht nur lächeln, sondern so recht aus vollem Herzen lachen kann, daß das ganze Haus unwiderstehlich davon angesteckt wird.

Die musikalische Vielseitigkeit hat Noni feiner Tochter Anita vererbt. Sie bestreitet die umfang­reiche Schlußnummer, und es ist in der Tat ver­blüffend, was dieses Kind, ein schmales, zartes Per­sönchen von zwölf Jahren, alles beherrscht. Sie arbeitet mit einer überraschenden Sicherheit, zwi­schen musikalischen und akrobatischen Effekten ab­wechselnd, sie dirigiert ein kleines Orchester, spielt Xylophon, Harfe, Akkordeon, tanzt Spitze und exer­ziert zum Schluß die ganze hohe Schule der Par­terre-Akrobatik mit der unverbrauchten Geschmei­digkeit ihres kleinen, weichen, kindlichen Körper­chens. (Wahrscheinlich hat sie schon im gleichen Alter wie seinerzeit ihr Vater mit dem Training begonnen.)

Das Vrogramm von Noni, Vater unb Tochter, wirb umrahmt unb ergänzt von einigen hübschen unb wirkungsvollen Programmnummern. Als An­sager präsentiert sich Oscar Albrecht, ber nicht nur den üblichen oerbinbenben Tert spricht unb babei vom Hunbertsten ins Tausenbste kommt ber sein Publikum ausgezeichnet unterhält unb in Stimmung bringt, politisch unb unpolitisch im Dialekt unb auf Hochdeutsch, ber ein ganzes Pot­pourri verschollener Schlager zum Besten gibt, gar nicht zu reben vom aktuellen Schachspiel, vom abessinischen Krieg, von benMännerschicksalen" unb ber Muttersprache, von ber möblierten Woh­nung mit Plüsch unb Nippes unb (zuletzt) mit ber schönen echt frankfurterischen Geschichte von ber einbeinigen Gans

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Sehr lustig waren ferner bie originellen Schat­tenspiele bes Herrn Chung-Ching, der die alte heitere unb anmutige Fingerfertigkeit aus bem Fernen Ollen zu überraschender Vollkommenheit entwickelt hat Lebhaften Anklang fanden end­lich die sechs frohen Sänger vom Reichs­sender Köln, die ben heiteren Abenb einleiteten unb mit einigen Proben aus ihrem reichhaltigen Repertoire, im Stile ber Comedian Harmonists, auswarteten:Unter bem Sternenzelt" klingt bei­nah wie eine Volksweise, aber sie können auch spa­nisch (Beim roten Wein") unb sogar platt (Et geiht nir över be Gemütlichkeit").

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Es dauerte, alles in allem, fast eine Stunde länger als vorgesehen, aber das Publikum war in festlicher Laune und spendete reichlich und dankbar­erheitert Beifall. hth.