Ausgabe 
4.2.1936
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 29 Erstes Blatt

186. Zahrgang

Dienstag, 4.8ebruar 1956

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Sonntags* enb'gjiw M A. A annohmt oon Unjtigtn

«SSÄSte ftÄlAHAMA^'lS<44AlAA<4 K»=X Heimat >m Bild. Die Scholle fl Bfä» H Hy B HM 88 MsW Grundpreise für 1 mm höhe

Monats-Bezugspreis: n H WB B B^r B^F B B fl x B V B B B I fl I K für Anzeigen von 22 mm

M" 4 Beilagen RM.1.95 l| Ef B H BT I / Bll HT B S B Br B Breite 7 Rpf., für Text-

Ohne Illustrierte 1.80 ^B^^ H B . B H W B B M B B Ei W U-X B anzeigen von 70 mm Breite

Zustellgebühr _.25 EV I B V B V W* V H > B bORpf.,Platzvorschrift nach

Auch bei Nichterscheinen ^f B gW M M ^F Bft vorh.Vereinbg.25"/<, mehr,

in so I /e n ö^er c r^ U(B eroaS vJr <^^F Ermäßigte Grundpreise:

MM General-Anzeig« für Sberhchen WZ gtanifutt am Main 1168« Druck und Verlag: vrvhl'sche UniversttStr-vuch- und Steinbruderei R. Lauge in Gietzen. Schristleiiung und Geschäftsstelle: Schuistrahe 7 Men^nabschiu^ÄaMü

Tag der kollektiven Sicherheit" in Paris.

Drahtbericht unseres Noe.-Korrespondenien.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Paris, 3. Februar 1936.

Der Tod, der an die Pforten des englischen Kö­nigshauses pochte, hat sich zugleich als e i n e r d e r geschickte st enDiplomatenFrankreichs erwiesen. Er hat die gekrönten und ungekrönten Len­ker der außenpolitischen Schicksale jener Länder die Frankreich für sein weitgespanntes politisches Macht­spiel benötigt, unversehens nach Paris als die Stadt gebracht, über die nach Wunsch und Willen Frank­reichs alle Wege führen.

Aber Frankreichs Diplomat aus dem Schattenreich hatte eine Schuld zu sühnen. Als vor anderthalb Jahren die Schüsse oon Marseille das Leben des jugoslawischen Königs und des Außenministers B a r t h o u auslöschten, zerflatterte zur gleichen Stunde die Vorstellung Barthous von der großen Aussöhnung und Kräftezusammenfassung in Mittel- und Osteuropa, gedacht als der zweite Hebel jener Zange, die Deutschland auch nach seiner geistigen, politischen und oolklichen Er­neuerung machtpolitisch zur Ohnmacht ver­urteilen sollte. Laval rettete als Barthous Nachfolger das Schlagwort von derk o l l e k t i o e n Sicherheit" aus dem politischen Testament seines Vorgängers, der die Methoden der Vor-Weltkriegs- politik noch einmal zu einem blendenden Einsatz ge­bracht hatte.

In den ersten Monaten, die Laval als den Ver­treter, wenn auch nicht als den Beherrscher des Quai d'Orsay sahen, hatte es sogar den Anschein, als ob ihm die Verwirklichung der Barthouschen Pläne gelingen sollte. Er stürmte von einem Erfolg zum nächsten. Seine Reisen nach Rom, Moskau und Prag,^jede durch einen Paktabschluß gekrönt, waren Programme, deren politische Auswirkung durch den Namen des Reiseziels bereits genügend gekennzeich­net roat. Der Abstieg ist bekannt. Italiens Vor- stoß nach Afrika erschütterte die Stresa-Front, Frankreichs zwiespältige Völkerbundstreue erschüt­terte das bisher blinde Vertrauen seiner südöstlichen Trabanten. Den Rest besorgte die französische Kammer.

Der neue Wendepunkt, äußerlich gekennzeichnet durch den Trauerfall in London, gibt durch einen seltsamen Zufall Erfolgsaussichten einem Ka­binett und einem Außenminister, die nur a l s Zwischenlösung bis zu den Wahlen am Ru­der bleiben werden. Was Barthou geplant und was Laval erstrebt haben, scheint F l a n d i n nun als reife Frucht in den Schoß zu fallen. Aber diese Entwicklung zeigt mehr als einen Zufall auf, sie beweist das zähe Eigenleben einer hochge­züchteten und durchorganisierten französischen Di­pl o m a t i e , von der im Interesse der europäischen Befriedung nur zu bedauern ist, daß fie in maß­loser und selbstgefälliger Überschätzung der Rolle Frankreichs ihr ganzes Bestreben auf den Nach­weis richtet, daß alle Grenzen Europas die Grenzen Frankreichs feien.

Ehe Flandin noch einen Blick in die wichtigsten Akten des von ihm gewünschten und ihm anver­trauten Ministeriums hat werfen tonnen, bieten sich ihm mit einem Schlage bie Möglichkeiten L°- Jungen oder mindestens Andeutungen zu Losungen der Prüfung vorweg zu nehmen, Flanbm steht zwi- Ichen Laval und feinem eigenen vermutlichen Nach- folger 5) e r r i o t. Gleich fiaoal perfonH* mit fdjmerroiegenben Bebenten - arbeitet er fachlich an der schicksalsschweren Aufgabe mitS o m ]e (,tu- I a n b endgültig in bas französische Slch-rhe>tsnetz hineinzuknaten. Das neue Dreieck der Kräfte soll P a r i s - M o s k a u - B u k a r e st heißen. So hegt in den Besprechungen zwischen Flanbin, Litwinow und Titulescu bas eigentliche Schwergewicht der vielfachen diplomatischen Unterredungen, die seit Milte voriger Woche in Paris gepflogen werden unb deren Ende zur Stunde ebenso wenig abzuseyen ist, wie ihr Ausgang.

Da auch die Franzosen bie Gesetze der Propa­ganda beherrschen, ist im Vordergründe der Pa- riser diplomatischen Bühne der erfolgbewahrte LL-inwerfer der kollektiven Sicherheit mS?ut morben, der sein Licht in den europäischen Zuschauerraum blenden läßt, um vielleicht bedenk- Nch erscheinen könnende Einzelbilder im Unter­gründe an der Seine zu überdecken. So ist es Frankreich bisher in der Tat gelungen, einem nicht

fettiger Nichtangriffspakte alsf r t D e stör end" hinstellt, weil. sie.nicht ko l eU d IX wäm'oWe 'Anwendukglefunde'n halte,

H« ÄÄg Unterscheidung gemacht, ob der P°rAep ^n oder friedensstörend ist, d. h. m Wtes 2)eut^ übersetzt ob er prosranzoslsch lst ooer nichtz Mit diesem ebenso bequemen wie heuchle­rischen Grundsatz läßt sich aber an der Seme aus gezeichnete Politik machen.

Allerdings sei nicht verschwiegen daß sich auch in Frankreich bereits vorerst noch schüchterne

Stimmen melden, die die Dinge beim Namen nennen, so, wenn z. B. derAmi du Peuple" das ganze Phrasengewebe um die Russenpaktkon­struktion herum zerreißt und nüchtern fragt:Will man also einen Vorbeugungstrieg ge­gen Deutschland?" Das Blatt wird vergeb­lich auf eine klare Antwort warten, denn ob die Regierung Sarraut heißt oder Laval, oder ob die Rechte regiert oder die Volksfront, ob Flandin

Außenminister fein wird oder Herriot, das von Barthou aufgestellte Ziel der französischen Außen­politik steht fest, steht zum mindesten für die fran­zösische Diplomatie fest. Nach dieser Auffassung bleibt Deutschland der große Gegen­spieler, und ihr ordnen sich zunächst noch alle Erwägungen, alle Wechselfälle des diplomatischen Spiels unter, die der Draht aus Paris Stunde um Stunde weiterleitet.

Frankreichs diplomatisches Spiel.

Paris, 4. Febr. (DNB.) Die diplomatischen Be­sprechungen der in Paris anwesenden Staatsober­häupter und Minister mit den führenden französi­schen Staatsmännern nahmen Montag ihren Fort­gang. König Boris oon Bulgarien emp­fing nach einer Zusammenkunft mit dem Präsiden­ten der Republik den französischen Ministerprä­sidenten Sarraut und Außenminister Flau- d i n. Vor diesem Besuch hatte Flandin den eng­lischen Botschafter in Paris sowie den al­banischen Außenmini st er empfangen. K ö - n i g Carol von Rumänien, der dem fran­zösischen Ministerpräsidenten und dem Außen­minister am Montagvormittag bie Insignien bes Großkreuzes bes Kronenorbens von Rumänien überreicht hat, empfing am Nachmittag ben Ober­befehlshaber bes französischen Heeres, General Gamelin. Der türkische Außenminister Rüschtü Aras war in Begleitung bes türkischen Botschaf­ters mittags beim britischen Gesanbten zu Gast. Dann begab er sich zum französi­schen Ministerpräsibenten. Prinzre- gentPaul vonJugoslawien traf am Abenb in Paris ein, er wirb Dienstag eine Zusammen­

kunft mit Flanbin haben. Am Mittwoch wirb Für st Starhemberg, ber seit Sonntag in Paris ist, bei ben Verhanblungen in Erscheinung treten.

Die Pariser Morgenpresse nennt ben Montag ben T a g ber kollektiven Sicherhei t". Im­mer mehr tritt bie Rolle, bie Sowjetrußland alsOrdnungsfaktor" in der französischen Welt­politik spielen soll, in den Vordergrund, auch wenn sie verschieden begründet unb in einzelnen fran­zösischen Zeitungen sogar sehr heftig bekämpft wirb. Wie schon bie gestrige Morgenpresse, so betont Oeuvre" auch heute wieder, daß im Falle einer Beteiligung Svwjetrußlands nicht etwa ein auf Oesterreich zugeschnittenes Abkommen, sondern eine Auslegung und Verbesserung des Ar­tikels 1 6 der Völkerbundssatzung (Zu­sammenwirken gegen einen Angreifer) gewünscht werde. Das Blatt glaubt, König Boris habe zu verstehen gegeben, daß eine Teilnahme Bulgariens am Balkanpakt auf keinen Fall in Frage komme, so nützlich sonst auch ber Völkerbunb und seine Friedenspolitik seien.

Skeptisches Abwarten in London.

plant Flandin auch einen Mittelmeerpakt mit Einschluß Italiens?

London, 4. Febr. (DNB. Funkspruch.) Die Pariser diplomatischen Besprechungen finden ein starkes Echo in ber englischen Presse. Die Zeitun­gen veröffentlichen spaltenlange Melbungen, in benen z. T. weitgehenbe Vermutungen über bas Ausmaß ber Erörterungen angestellt werben. Die Times" warnt jeboch vor übertrie ben e n Erwartungen, wie fie in ber französischen Presse ausgesprochen würben. Zu ben Behauptun­gen, baß eine Reihe von neuen Pakten zustanbe kommen werbe, burch bie bieUnabhängig- ke i t" O e st e r r e i ch s gesichert würbe, sei nur zu sagen, baß bie Vertreter Frankreichs wünschten, es wäre so. Tatsächlich sei bas Ziel bieser Be­sprechungen aber viel bescheibener.

Die Kleine Entente hätte neuerbings ge­fühlt, baß bie französische Außenpolitik keines­wegs jenen Geist ber Freunbschaft unb engen Zusammenarbeit aufweise, burch ben sie sich früher ausgezeichnet habe. Eine ber Hauptaufgabe bes neuen französischen Kabinetts sei es baher gewesen, Mißverstänbnisse aufzuklären, Verbächtigungen zu beseitigen unb bie engen Beziehungen mit ber Klei­nen Entente mit aller Kraft roieber herzustellen. Unter biesem Gesichtspunkt seien bie Gespräche mit Titusescu unb König Carol an» jdjeinenb e i n voller Erfolg gewesen. Auch von ben Unterrebungen mit Prinz Paul

von Sübslawien erwarte man befriebigenbe Ergebnisse.

Natürlich wolle sich Frankreich nicht nur mit ber Ausfüllung von Lücken in ber diplomatischen Mauer begnügen, sondern strebe auch nach einer a ll g e - meinen Neuaufstellung der Mächte mit gegenseitigen Unterstützungs­maßnahmen gegen einen Angriff. Einer der schwachen Punkte in der Kette sei Ungarn, besten Revisionspolitik wenig Zeichen an Abkühlung aufweise. Aber vielleicht könne das Zugeständnis Oesterreichs, baß eine Wieberherstellung ber Habsburger Monarchie zur Zeit unzeitgemäß wäre, eine gewisse Wirkung in Budapest auslösen.

Inzwischen sei auch der italienisch-abes­sinische Konflikt nicht völlig von ber Bühne verschwunben. Flanbin habe ben Plan eines Mit­telmeerpaktes ber gegenseitigen Rückversiche­rung gegen einen Angriff erwogen, an dem auch Italien teilnehmen könnte, unb von dem man auch eine Lösung bes Abessinien-Konfliktes erhoffe. Man habe jeboch geringe Hoffnungen auf eine B e - teiligung Englanbs an einem solchen Plan. Der Abschluß eines Nichtangriffspaktes mit einem Angreiferstaat mürbe eine starke Zumutung für die englische Öffentlichkeit und wahrscheinlich auch für die englische Regierung sein.

Scharfe Kritik am Veistaadspakt mit Moskau.

Paris, 4. Febr. (DNB. Funkspr.) In etwa einer Woche wird die französische Kammer sich mit der Ratifizierung des französisch-sowjetrussischen Beistandspaktes zu beschäftigen haben. Der Pakt wird in der Presse immer mehr um ft ritten. Nicht nur, daß er oon der Rechten aus Gegnerschaft gegen den Kommunismus angegriffen wird, unter ben Kritikern finbet sich auch bie politisch links- stehenbe ZeitungQuotibien". Jebenfalls bürste ber Boben für eine glatte Ratifizierung bieses Vertrages noch nicht völlig bereitet fein. Der21 m i b u Peuple" bringt eine politische Karikatur. Man sieht Litwinow mit ber Sowjetmütze unb einem Revolver in ber Hanb unb ebenso angetan ben französischen Kommunisten Cachin, ben franzö­sischen Sozialisten Blum unb ben französischen Ra- bikalsozialisten Herriot, wie sie ben vor Angst schwitzenben S a r r a u t, ber am Tische sitzt unb ben Franco-Sowjetpakt vor sich liegen hat, zur Un­terzeichnung zwingen; Ueberschnst:D 1 e Tscheka in Pari s". .

DerI 0 u r" forbert von Sowjetrußlanb unb von ben übrigen Nachfolgestaaten bes Zaristischen Reiches, einschließlich Polen eine E n t f d) a b 1 » gung für bie französische n G e I b g e b e r, die dem zaristischen Rußland die Mittel zum Bau ber heute noch wertbestänbigen E 1 s e nb ahne n gegeben haben, aus benen bie jetzigen Machthaber Nutzen ziehen. Das Blatt verwahrt sich energisch bagegen, baß Frankreich ber Sanfier ber Welt sein soll, uni) baß es bagegen nur unsichere Vorteile eintausche. Seitbern bie Sowjets in yranfrtid) burch ihre schlaue Propaganba bie öffentliche Mei­nung vergiftet hätten, hätten sich zuviele Leute m

Frankreich baran gewöhnt, ben Begriff ber kollektiven Sicherheit mit b e m bes Friebens gleichzusetzen. Diese Gleichstel­lung habe als Vorwanb für bie Sühnemaßnahmen gegen Italien gebient, bie Frankreich 700 Millio­nen Franken kosteten unb es, wenn man bis zur Blockabe schreite, einem allgemeinen Gemetzel aus­setze.

Bei ben geplanten Donau-, Balkan- unb Ost­pakten sehe man, was Frankreich gebe, aber nicht, was es erhalte. Nun schlage Titulescu gar noch vor, Italien burch Sowjctußlanb zu ersetzen. Das würbe ben Bruch Frankreichs mit Italien bestätigen unb bie vorgesehene Einkrei­sung Deutschlanbs von Norb- unb Süb- europa her vollenden. Dadurch würde Frankreich dank derkollektiven Sicherheit" gezwungen sein, seine Truppen nach dem Rhein hin gegen die deut­schen Truppen mooil zu machen, wobei Moskau, dem etwas derartiges oorfchwebe, Frankreich das Zeichen dazu geben werde.Seid ihr ein­fachen Franzosen", so fragtLe Jour",geneigt, wieder gegen Deutschland zu marschieren, 0 h n e e i n anderes Ziel, als Stalin unb seiner Sowjetpropaganba z u bienen? Diese Frage bürfen wir uns noch acht Tage lang stellen, dann wirb es zu spät sein, bann wirb sich bie Kammer mit ber Ratifizierung bes Vertrages mit Sowjetrußlanb beschäftigen, unb zwar unter Leitung einer französischen Regierung, bie bank ber Sowjetunion ans Ruber gekommen ist unb wohl ober übet schleunigst ihre Schulbner ab- finben will, auch wenn diese ihr nicht einmal eine Atempause lassen."

Das Erbe Barthous.

Von Dr. Hans von Malottki.

Mit einem Schlage ist die europäische Diplo­matie lebendig geworden, und die Politik dieser Tage bietet ein Bild ebenso betriebsamer wie ver­wirrender Geschäftigkeit. Die Beisetzungsfeierlich­keiten für König Georg lösten sich auf in einem sehr aktiven Gedankenaustausch der in London versammelten Staasmänner. Er findet zur Zeit seine Fortsetzung in Paris, unb sowohl ber weitgespannte Kreis ber Beteiligten als auch bie Wahl ber Gesprächsthemen lassen keinen Zweifel, baß es sich um mehr hanbelt als um eine improvisierte Veranstaltung ohne bestimmte Richtung unb Tenbenz.

Wir werden vielmehr gut tun, jene großangelegte diplomatische Offensive ins Auge zu fassen, die sich schon in dem Vorspiel der französisch-englischen Annäherung ankündigte unb beren Ausbau unb Vervollstänbigung feit Beginn ber abessinischenEpi- sobe" bie einzige große Sorge ber französischen Po­litik gewesen ist. Wie sehr man in Paris auch mit ber Glättung ber Wogen zu tun hat, bie burch bas stürmische Vorgehen Italiens entfesselt würben, eins hat man doch in keinem Augenblick vergessen: mit roarnenbem Finger auf bieeigentlich e" Gefahr zu zeigen, bie bem europäischen Frieben heute wie gestern angeblich oon Deutschlanb brohe.

Der Revisionismus, mit bem Italien augen­blicklich bas gute Einvernehmen ber brei West­mächte erschwert, war ja von Frankreich aus­drücklich gebilligt unb ermutigt wor­den, um ein zufriedengestelltes Italien desto siche­rer in ben Kreis berkonservativen" Mächte ein» zugliebern unb bie Front berFriebensgaranten" zu stärken. Das Spiel brohte einen anderen Ver­lauf zu nehmen, weil dabei englische Welt­reichsinteressen gefährdet werden konn­ten. Die Tatsache indessen, daß auch das englische Kabinett bereit war, jenen Pariser Friedensplan zu schlucken, der im Lichte der Genfer Grundsätze eine Belohnung des Angreifers barstellte, war schon symptomatisch für bas Wirksamwerben berbeut» scheu Gefahr" im Bewußtsein ber englischen Poli­tik. Seit jenen Dezembertagen hat bie französische Politik gerabezu hemmungslos barauf hingearbeitet, Englanb mit bem Hinweis auf Deutschland unter Druck zu setzen unb jebe Verschärfung ber Genfer Prozedur gegen Italien zu verhindern.

Englanb unb Frankreich haben inzwischen ihre Außenminister gewechselt. Eben verkörperte für bie englische Öffentlichkeit bie Garantie ber unbe­irrbaren Völkerbunbspolitik. Sie glaubt sich heute gegen einen zweitenPariser Friebens- plan" gesichert. Die französische Linke knüpft ähn­liche Hoffnungen an Flanbin. Die jüngsten beacht­lichen Erfolge ber italienischen Armeen könnten in der Tat England zu einer Verschärfung der Sank­tionspolitik zwingen. Sehr wahrscheinlich ist das alles zunächst aber nicht. Denn auch Herr Eden zeigt sich dem französischen Warnruf vor Deutsch­land genau so zugänglich wie sein Vorgänger, unb er wirb beshalb bie Genfer Maschinerie nur im äußer ft en Fall auf höhere Tourenzahl brin­gen; in jebem Fall nicht aus grunbscitzlichen Er­wägungen rechtlicher Natur, fonbern nur bann, wenn es bie britischen Interessen unbebingt er­fordern.

Besteht Grund zu ber Annahme, baß ber Duce gegen biefen ihm hinlänglich bekannten Sachverhalt angehen wirb? Die scharfe Sprache ber italienischen Presse bietet bafür keinen Anhaltspunkt. Vielmehr sehen wir bie römische Politik bemüht, auch ihrer­seits mit bem beutschen Angstköber ertragreiche Fischzüge zu unternehmen, wie bieBasler Nach­richten" sehr zutreffenb bemerken. Wie Frankreich Herrn Eben mit berbeutschen Gefahr" an feine wahren europäischen Pflichten mahnt, so benutzt Italien ben französischen Verfolgungswahn, um Herrn Flanbin zu nötigen, in ben Spuren Lavals zu roanbeln. Schon triumphiert berTemps" in einem offensichtlich inspirierten Artikel:Die Tat­sachen sind stärker als bie Menschen. Eben hat mit ber Pafftik Sir Samuel Hoares nicht gebrochen unb nicht brechen können. Auch Flanbin wirb mit ber Politik seines Vorgängers roeber brechen noch brechen können. Die Sorgen, bie bie Ausarbeitung bes Pariser Planes veranlaßt haben, sinb immer noch vorhanben. Sie beziehen sich auf bie Haltung Deutschlanbs unb auf seine rasenbe (!?) Aufrüstung. Es hanbelt sich barum, ben Frieben zu retten unb mit ihm bie Grunblagen, auf benen er seit 1919 errichtet worben ist."

Dieser Alarmruf bes offiziösen Pariser Blattes ist nicht nur bezeichnen!) für die absolute Skrupel­losigkeit ber französischen Politik; er umreißt auch in klassischer Form Richtung unb Ziel ber biplo- matischen Aktivität, bie in biefen Tagen auf ber Linie LonbonParis zu beobachten ist.

Die Versailler Machtstaaten konnten auf ben deut­schen Wiederaufstieg in zweifacher Weise reagieren. Sie mußten ihn wenn es ihnen wirklich um ben Frieden ging als europäische Notwen­digkeit begreifen, als die Beseitigung eines wider- natürlichen atmosphärischen Tiefs im Herzen Euro­pas, das bislang jede Beruhigung unb Stetigkeit der politischen Atmosphäre verhindert hatte. Sie hatten die Möglichkeit und die Pflicht, mit einem in den Besitz seiner natürlichen Position gelangten Deutsch­land durch ehrliche Zusammenarbeit auf der Basis gleicher Achtung jenes Un­recht wieder gut zu machen, in das fie die Welt 1919 gestürzt hatten. Es ist jetzt genau ein Jahr her, daß sich dieses für die Zukunft Europas entscheidende Problem in akuter Form stellte. Damals war Herr Flandin Ministerpräsident, sein Außenminister war Laval. Die Welt sah sie am 3. Februar in Lonbon jenes Protokoll mit ben englischen