Ht 2 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Aeitag,Z. Januar Mb
Düstere Wolken über Mxiko
Von unserem K. B.-O.-Berichierstaüer.
einfach nur unzufriedener Elemente absieht. Diese „Nacistas" rekrutieren sich aus ehemaligen Mitgliedern aller Parteien. Trotz einiger neuen Gruppen, die eine Art von Panamerikanismus predigen, lehnen alle nicht dem Marxismus anhängenden Gruppen und Parteien das von dem peruanischen Apristenführer Haya de la Torre verlangte Jnboamerikanertum ab, weil sie sich unbedingt und nur zur weißen Rasse zählen. Die Marxisten, Kommunisten und Leninisten, welche in den Großstädten und Minenbezirken stark vertreten sind, haben sich zu diesem Problem noch nicht geäußert. Auch sonst wissen diese Linksparteien trotz aller Phrasen kaum, was sie eigentlich wollen.
Die Nation ist am Aufbruch und unaufhaltsam damit beschäftigt, ihre politische und völkische Eigenart zu entwickeln und auszubauen. Weil die wirtschaftlichen und rassischen Gegebenheiten in Chile mit den glücklichsten auf dem südamerikanischen Kontinent gehören, hat die Zukunft dem chilenischen Volke unter seinen Nachbarn eine Rolle vorbehalten, die bedeutsamer ist, als die der letzten Jahrzehnte.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Mexiko-Stadt, im Dezember 1935.
Düstere Wolken ballen sich über Mexiko zum Jahreswechsel zusammen. Das Land liegt in Zuckungen: Unzufriedenheit unter der Bevölkerung macht sich breit, drohend erhebt sich das G e - spenst des Kommunismus mit immer größerer Frechheit und Ungeniertheit. Das ist das Ergebnis des Jahres 1935, des ersten der Präsidentschaft des Generals Lazaro Cärdenas, dem noch vor einem Jahre die große Masse der Bevölkerung mit der Hoffnung auf Fortsetzung der Aufwärtsbewegung, die unter seinem Amtsvorgänger Abelardo Rodriguez auf allen Gebieten eingesetzt hatte, gegenüberstand. Eine bittere Enttäuschung für alle!
Der gemäßigte Kurs, der unter Rodriguez gesteuert wurde, verschärfte sich unter dem jetzigen Präsidenten. Der Kampf gegen die katholische Kirche wurde mit größtem Nachdruck geführt, überall brachen Streiks in größerem und kleinerem Umfange aus und beunruhigten das Land, bis schließlich Mitte Juni der frühere Präsident Plutarco Elias Calles in nicht mißzuverstehender Weise die immer mehr um sich greifende Streikwelle brandmarkte und sich damit in Gegensatz zum Präsidenten stellte, der erst kurz vorher wiederholt das Streikrecht als Kampfmittel gegen das Kapital anerkannt hatte. Calles ging außer Landes, hatte aber den Erfolg, daß eine Kabinettsumbildung erfolgte, die auf eine gemäßigtere Richtung hindeuten ließ. Gewiß ist eine gewisse Mäßigung eingetreten, gleichzeitig damit aber auch ein Nachlassen der festen Zügelführung besonders im Jn- nern des Landes, wo in vielen Fällen die Staatsgouverneure eine Willkürherrschaft ausüben, gegen die sich die Bevölkerung in zunehmendem Maße zur Wehr setzt.
Gleichzeitig erhebt der Kommunismus sein Haupt. Wenn die mexikanischen Regierungen der letzten Jahre auch alle mehr oder weniger sozialistischen Tendenzen huldigten, konnte man ihnen aber doch in keinem Falle den Vorwurf machen, daß sie sich mit dem Kommunismus identifizierten. Der Kommunismus wurde vielmehr scharf abgelehnt. Man erinnert sich noch, daß vor Jahren d i e diplomatischen Bezieh unge n zwischen
Mexiko und der Sowjetunion abgebrochen wurden, weil der Sowjetgesandte kommunistische Propaganda zu treiben versuchte. Heute ist das anders. Wenn auch Präsident Cärdenas in keiner Weise als Kommunist angesehen werden kann, so bewegt er sich doch ganz und gar i n marxistischen Gedankengängen, und unter seinen engsten Mitarbeitern gilt mancher als Freund der Sowjets. Unter stillschweigender Duldung der maßgebenden Persönlichkeiten entfaltet der Sowjetstern eine rege Tätigkeit. Die Arbeiterorganisationen stehen schon jetzt fast alle unter dem Zeichen von Hammer und Sichel, und ein bekannter Arbeiterführer, der Intellektuelle, Vicente Lom- bardo Toledano, der erst vor wenigen Wochen von einer Stippvisite aus der Sowjetunion zurückgekehrt ist — wo er, wie böse Zungen behaupten, zwar nichts gesehen, wohl aber Moskowiterbefehle erhalten hat — konnte erst in diesen Tagen erklären, daß am kommenden 1. Mai die gesamte mexikanische Arbeiterschaft unter dem Sowjetbanner zum klassenkämpferischen Maifeiertag antreten werde. Ueher- all merkt man, daß man die „Gefühle der Kommunisten" schont.
Die Zügel schleifen am Boden. Präsident Cärdenas ist ein kranker Mann. Offiziell leidet er an Malta-Fieber. Wer das Staatsoberhaupt in allerletzter Zeit aus nächster Nähe gesehen hat, ist entsetzt, wie elend der vor einem Jahre noch blühende Mann heute aussieht. Wenn auch die Aerzte mit seiner baldigen, völligen Genesung rechnen, so tau- chen doch Gedankengänge auf, die von der Möglichkeit eines längeren Erholungsurlaubs des Präsidenten und von der Einsetzung eines Stellvertreters sprechen.
Ein düsteres Bild fürwahr, das sich am Horizont abzeichnet. Und doch fehlen ihm keineswegs auch freundlichere Lichter. Es ist dem Präsidenten und seiner Regierung ernst mit der Erziehung des Volkes. Umfassend ist das Programm zur Schaffung staatlicher Schulen, denn noch immer ist die Zahl der Analphabeten erschreckend groß. Aber auch hier sind die Widerstände stark, denn der zu erteilende Unterricht ist marxistisch, ist antikirch- lich und wird deshalb von der Landbevölkerung abgele hnt, die sich in zunehmendem
schwarzen Schönen in eine geschmückte Droschke. Sie trägt hochgegürteten langen Rock und einen großen Federhut. Während sie beim Einsteigen den Rock ein wenig hebt, zeigt sie ihre hohen Schnürschuhe mit Stöckelabsätzen. Der schwarze Kutscher grinst mit seinen weißen Zähnen und lüftet stolz seinen Zylinder, während die langen Schöße seines Fracks über den Sitz herunterhängen. Alle drei sind felsenfest überzeugt, daß sie nach der allerneusten Mode gekleidet sind. Wir befinden uns eben in Afrika, wo das Unmoderne modern ist. Dor kurzem war ich bei der Einführung eines neuen Negerhäuptlings im Beschuanenlande zugegen. Es war ein großer Staatsakt, und auf einem Hügel, von dem aus man über die größte Eingeborenenstadt Afrikas blickte, vereinigte der neue Herrscher seine Würdenträger um sich. Da wurde mir klar, wohin die alten Uniformen und die Theaterkostüme gelangen. Da sah man die phantastischsten Uniformen in Himmelblau und Scharlachrot, die wohl schon in den na- poleonischen Kriegen geglänzt hatten und nun ein wenig verblaßt, aber noch immer recht stattlich waren. Die alten roten Uniformröcke der Tommies wurden von den Eingeborenen stolz getragen, die ihren neuen Häuptling begrüßten. Ein alter Würdenträger prunkte mit einem Admiralsrock in Blau und goldenen Spitzen. Die Reithosen in Khaki- Farbe schienen nicht ganz zu diesem fabelhaften Rock zu passen, aber das strahlende Gesicht des Besitzers und die bewundernden Blicke der eingeborenen Damen zeigten mir, daß er die „letzte Neuheit" für Beschuanenland trug. Alte Hochlandskostüme mit gelben Röckchen, hohe Reiterstiefel mit Sporen, napoleonische Hüte, Uniformen, wie man sie bei uns nur noch in der Operette sieht — all das glänzte in vieler Staatsversammlung der Eingeborenen. Besonders die Krieger taten sich hervor, und ich begriff, warum mancher Europäer durch den Verkauf alter Uniformen im schwarzen Erdteil reich geworden ist. Bezeichnend ist das Erlebnis eines Beamten, der eine wundervolle Sammlung von allen möglichen Geräten der Eingeborenen zusammengebracht hatte. Eines Tages lud ihn ein Häuptling ein, seinen Kraal zu besuchen. Er war auch so eine Art Sammler und zeigte dem Beamten voller Stolz, was er von „europäischen Rari- täten" zusammengebracht hatte. Da erblickte der verwunderte Kenner ein paar alte Blecheimer, einige billige bunte Glassachen, verrostete Teile eines alten Motors und ähnliches. Diese Sammlung hatte den Negerhäuptling zu einem der größten Männer in Afrika gemacht, und sie bereitete ihm nicht weniger Genugtuung als dem Weißer^ seine Sammlung von afrikanischen Trommeln, Streitäxten und Tonwaren."
Maße gegen solche Erziehung wendet und dabet auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Gewaltige Pläne will die Regierung zur Förderung der Hygiene unter der Bevölkerung in die Tat umsetzen, und Fortschritte sind auf diesem Gebiete stellenweise zu verzeichnen. Die Schaffung von Bahnlinien und Landstraßen, der Ausbau von Verbindungswegen in den vom Verkehr abliegenden Landesteilen ist geplant und teilweise bereits in Angriff genommen. Der Bau von großzügigen Talsperren und Bewässerungsanlagen wird weitergeführt. Zweifellos alles Dinge, die im Interesse des Landes liegen und zur Hebung seines Wohlstandes beitragen könnten. Aber es fehlt die st arte Hand, die mit eisener Energie die Zügel der Regierung führt, die den Unruhe stiftenden Radikalismus in seine Schranken verweist und, gestützt auf das ganze Volk, Mexiko einer neuen, besseren Zukunft entgegenführt.
Stetiger Kurs in Argentinien.
Von unserem (Or. M. I.j-Äerichierstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Buenos Aires, im Dezember 1935.
Bei der Beurteilung südamerikanischer Verhältnisse muß man sich, wenn man nicht zu Fehlschlüssen kommen will, stets vor Augen halten, daß alle Länder" Südamerikas erst seit wenig mehr als hundert Jahren ein Eigenleben führen; nicht nur in politischer, sondern auch in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung. Argentiniens Eigenleben begann im Jahre 1810, als das Land die Herrschaft der spanischen Krone abschüttelte. Nun läßt sich natürlich in dem kurzen Zeitraum von 125 Jahren trotz größter Anstrengung nicht nachholen, wozu die großen Staaten Europas Jahrhunderte und aber Jahrhunderte gebraucht haben. Darin liegt der Schlüssel zu der Tatsache, daß die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Argentiniens, verglichen mit gleich großen oder gleich bedeutenden europäischen Ländern noch einen recht unfertigen Eindruck macht. Man muß aber mit Bewunderung anerkennen, mit welchem Aufwande von Kraft und Energie das junge Land an seiner Entwicklung arbeitet. Es ist unverkennbar, daß Argentinien heute weitaus a n der Spitze der südamerikanischen Länder marschiert.
In politischer Beziehung herrscht im Gegensatz zu anderen Staaten des Kontinents eine gewisse Sicherheit und Stabilität. In die breiten Volksmassen ist die Erkenntnis gedrungen, daß Revolutionen in Form und Art, wie sie sonst in Südamerika an der Tagesordnung zu sein pflegen, nichts bessern. Wenn auch einzelne politische Hitzköpfe, zumal nach verlorenen Wahlen, mit dem Gedanken spielen mögen, auf gewaltsamem Wege eine Aenderung der Verhältnisse zu erzwingen, so finden sie doch keinen Anklang im Volke. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß die wirtschaftliche Lage der breiten Massen so ideal ist, daß es nicht Unzufriedene gäbe. Im Gegenteil, es gibt namentlich in der Bevölkerung der großen Städte viel bittere Not, aber diese wird bei der großen Anspruchslosigkeit des Volkes von den meisten mit Gleichmut hingenommen. Da ist für unruhige Geister kein rechtes Feld zur Betätigung revolutionärer Ideen, zumal Heer, Marine und Luftflotte sich durchaus als Garanten der öffentlichen Ruhe und Ordnung fühlen und bereit sind, sich jederzeit dafür einzusetzen.
Diese innere Ruhe gewährleistet eine gewisse Sicherheit und Stetigkeit der Verwaltung. Man mag an den Maßnahmen der Regierung mancherlei auszusetzen hoben, man kann ihr aber nicht abstreiten, daß sie auf einzelnen Gebieten Hervorragendes ge- leistet hat. Das Wirtschaftsleben, das durch die Weltwirtschaftskrise nicht unerheblich in Mitleidenschaft gezogen war, hat sich im Laufe des letzten Jahres spürbar zu heben begonnen. Der Besserungsprozeß geht zwar sehr langsam vor sich, doch ist das nur zu begrüßen, da ein sprunghaftes Emporschnellen schließlich nur eine Scheinblüte zeitigen
anderen Fall klingelt er vielleicht die nächste Station des Falckschen Rettungswesens an...
Man hat behauptet, der schwedische k-Laut vor weichen Vokalen (gesprochen etwa wie „tch") könne von keinem Mchtschweden gelernt werden. Das ist eine phantastische Uebertreibung, wenn man dem, beispielsweise, die absolut korrekte Bewältigung des dänischen Wortes für „Kuchen" (Kage) gegenüberstellt. Sagt man „Käe", bann heißt es:^ das weiche g müsse durchklingen. Sagt man „Käje", ist's auch nicht in Ordnung, sondern ein Mittelmaß wird gewünscht, und außerdem gefällt der ä-Laut nicht, der weder wie ein ä noch wie ein e klingen darf. Es darf überhaupt nichts klingen. Sobald was klingt, ist es aus mit der Deutlichkeit, und auf die kommt es, wie man nachgerade erkannt haben wird, im Dänischen ganz besonders an.
Es ist denkbar, daß nun Leute aufstehen und sagen werden, der Schreiber dieser Abhandlung sei ein Trottel und solle lieber Mathematik treiben als Sprachen. In der Voraussicht solcher Einwände sieht sich der Verfasser genötigt, mit der Bescheidenheit eines gesitteten Mitteleuropäer,s darauf hinzuweisen, daß er in Mathematik ein Ochse ist, aber keine wesentliche Mühe hat, sich in einem halben Dutzend Sprachen ober auch mehr angenehm verständlich zu machen, u. a. auf bänisch. Es ist nicht die Hilflosigkeit eines minberbegabten Einzelnen, bie zu die- sen Ranbbemerkungen ben Anlaß gab; es sind die „halbaufgegessenen 'Worte". Verwundert steht man oft und 'lauscht, wie sich zwei Dänen unterhalten. Ein schwedischer Freund sagte bei solcher Gelegenheit kopfschüttelnd: „Die Dänen haben keine Sprache, und sie verständigen sich doch." Das ist natürlich eine Bosheit, die für den voraufgegangenen Konsum von Aauavit spricht, aber sollte sich die Entwicklung des Dänischen mit der bisher beobachteten Tendenz zur „Verdeutlichung" fortsetzen, dann werden in tausend Jahren bestimmt nur noch die Kommas übrig sein.
Do die Mode von geiler« modern ist.
Was gestern „letzte Neuheit" war. das ist heute schon „altmodisch" geworden, so rasch vollzieht sich jetzt der Wandel der Moden, und man muß viel Eigenwillen besitzen, um sich ihm zu widersetzen. Aber wohin wandern nun bie „alten Mvbeneu- heiten" von gestern und vorgestern? Der englische Weltreisenbe William I. Makin weiß darüber aus Kapstadt einige lustige Geschichten zu berichten. „Ich blicke aus meinem Fenster", berichtet er, „und sehe ein merkwürdiges Schauspiel: Ein Neger in einer grellbunten Hose, mit Zylinder, gelben Handschuhen und einem gelben Stöckchen hilft einer
Augenblick, und nach geraumer Zeit kam er wieder mit einem Entrecote für vier Personen. „Das hat der Herr doch gar nicht bestellt", sagten im Chor die Fruenbe des Polen. „Aber bitte", erwiderte der Kellner, „ich habe es ganz deutlich gehört."
Deutlich — diese Vokabel müßte von Rechtswegen aus allen dänischen Wörterbüchern gestrichen werden. Da man eine solche Begriffvereinfachung auf dem Verfügungswege leider nicht durchsetzen kann, muß man in das Geheimnis einzudringen versuchen, was der Däne unter „deutlich" versteht. Und das ist wirklich ein Geheimnis.
Bisher war es dem emsig Suchenden nicht möglich, zwei Bewohner der schönen dänischen Fluren zu finden, die ihm dieselbe Erklärung gegeben hätten. Sie sind sich selbst nämlich sehr im Zweifel. Auf dem Kopenhagener Strög, der langen Zeile verschiedennamiger Geschäftsstraßen, die vom Rathausplatz nach Kongens Nytorv führt, sah ein ge- wisser Herr im Schaufenster einen Porzellanhasen, Der gefiel ihm so gut, daß er beschloß, ihn zu kaufen. Er trat also in den Laden, seiner Sache vollkommen sicher. Das dänische Wort für „Hase" heißt „Hare"; es ist nichts weiter dabei. Der Herr sprach' es schön deutlich aus. Die kleine Verkäuferin jedoch machte unendlich erstaunte Augen, als habe ihr jemand eine Sure des Korans vorgebetet. Der Herr bekam das Zittern in den Knien; m seiner Verzweiflung stieß er etwas hervor das einem unwilligen deutschen „Hä!" nicht unähnlich war. Sofort'stürzte bie kleine Verkäuferin auf den Porzellanhasen zu und lächelte: „Verzeihung, ich verstand nicht deutlich." So ist es im Damschen mit der Deutlichkeit bestellt.
Wenn einer von uns die dänische Grammatik in die Hand kriegt, ist nichts als Heiterkeit aus feinen Zügen zu lesen. Das lernt man doch in em paar Wochen! Gewiß, ein Sprachbegabter lernt dies rasch, aber sobald er den Mund auftut, sind alle feine Träume verflogen. Selbst die Schweden, die eine nahe verwandte Sprache sprechen, müssen Seil tanzen. Ein Däne versteht einen Schweden mühelos; umgekehrt geht es nicht ohne viel Kopfzerbrechen ab. In einer Kopenhagener Zeitung roar einmal eine lange Auseinandersetzung mit chwedischen Reisenden zu finden, die sich über die „halvspiste Ord der Dänen beklagten. Das sind die „halbaufgegesse- nen Worte", und die Bezeichnung ist ebenso freundlich wie treffend. Gehe niemand zu einem Kopenhagener Schutzmann und frage ihn nach dem „Raab- husplads" (vorschriftsmäßig gesprochen etwa „Rohus- pläs"), wenn er zum Rathausplatz will. Vielmehr: man räuspere sich, hauche einmal und sage „a dann wird der Schutzmann richtig Bescheid geben. Im
sich auch das Mischblut, also die Mehrheit, in dumpfer Auflehnung gegen jahrhundertelange Bevormundung, häufig von marxistischen Phrasen verführt und verhetzt. Die Jugend der oberen Schichten beginnt vielfach, die Zusammenhänge der Zeitgeschehnisse zu erfassen und einem gesunden Sozialismus erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Die bestehenden Probleme drängen mindestens zur Evolution, zum Wegdrängen vom Alten. Die jüngeren Elemente der mächtigen konservativen Partei sind vielfach unzufrieden mit dem Parteiprogramm, das ihrer Ansicht nach der heutigen Lage nicht Rechnung trägt; sie vermischen neue soziale Anschauungen mit alten nationalen und religiösen Ansichten, wollen und suchen etwas Neues, welches auch die unteren Schichten befriedigt und an sie zieht. Diese Gruppe hat wegen ihres einheimischen, bodenständigen Unterbaues viel Aussicht auf Erfolg.
Die zahlenmäßig größte Gründung der letzten Jahre ist die chilenische nationalsozia- l i st i s ch e Partei, die eine Mischung aus nationalsozialistischem und faschistischem Gedankengut auf bie chilenischen Verhältnisse übertragen hat. Sie ist ähnlich organisiert ryie die NSDAP., aber sie stagniert zur Zeit, wenn man von dem Zuzug
Awas über bie dänische Sprache.
13 on Waldemar Keller.
Einer großen Schwierigkeit ist sich der Schreiber dieser Zeilen bewußt: Viele Leute werben nämlich, wenn sie in ber Überschrift lesen, daß von der dänischen Sprache die Rede sein soll, philologische Angstvisionen kriegen und rasch den Finger netzen, um das Blatt umzuwenden. Zum Glück darf man mit der Gewohnheit seiner Mitmenschen rechnen, wenigstens den Anfang eines Artikels prüfend zu überfliegen, und darum sei eiligst gesagt, daß hier keinerlei Untersuchungen geplant sind, die nach dem Katheder riechen. Eine fremde Sprache bietet, wenn man sich eingehender mit ihr beschäftigen durfte, ungeahnte Möglichkeiten zu amüsanter Betrachtung, und es ist nur darauf zu achten, daß man nicht mißverstanden wird. Die Dänen, ein liebenswürdiges Volk, haben viel Sinn für Humor; sie sind sich auch der Eigentümlichkeit ihres Verstandigungs- mittels voll bewußt, und jemand, der darüber ein paar Worte äußern will, braucht deshalb nicht in Hemmungen zu ersticken.
Ein solcher Hinweis genügt eigentlich schon zur Wegbereitung, aber man soll umsichtig sein. Vielleicht könnte dieser ober jener ben Verbacht hegen, daß ein heimlicher Hasser seinen negativen Gefühlen in Späßen Luft machen will. Nichts wäre falscher al5 eine derartige Annahme. Gerade wenn man liebt, ist man leicht versucht, zu scherzen. Diese Erscheinung kann im täglichen Leben allerorten wahrgenommen werden. Liebt Herr Schulze seine Frau oder Herr Müller seine Freundin, dann tändelt er mit ihr. Im gegenteiligen Fall haben weder Herr Schulze noch Herr Müller zum Tändeln nennenswerte Lust. So ist das auch in unserem Verhältnis zu einer Sprache.
2Öer mit dem Dänischen anbindet, braucht nicht sehr über unregelmäßige Zeitwörter und ähnliche Vorbeugungsmittel gegen bie Langeweile zu stöhnen Er hat es im Grunde nur mit einem zu tun: mit'der Zunge. Englisch, Französisch und Spanisch sind Kinderspielchen gegen das gesprochene Dänisch, und selbst Russisch bleibt um einige Pferdelängen zurück. Am besten wird das illustriert durch eine kleine Anekdote:
Ein polnischer Herr, der lange in Ostasien geweilt hatte, behauptete. Dänisch kling- rote Chine- sisch. Von seinen Freunden ausgefordert das einmal praktisch zu beweisen, bestellte er beim Kellner ein Mas Wasser und einen Zahnstocher - auf chinesisch. Der Kellner zögerte nicht einen
Rationen im Aufbruch.
Eine Umschau unserer Auslands-Korrespondenten an der Jahreswende
Völttfches Sewußtseill in Chile.
Von unserem H. K.-Berichierstaiier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Santiago de Chile, im Dezember 1935.
Als vor rund 400 Jahren Don Pedro de Valdivia die Eroberung Chiles begann, stieß er mit feinen Leuten auf ein sehr tapferes und kriegerisches Volk, die Araukaner. Diese haben dem Vordringen der Weißen jahrhundertelang einen erbitterten Widerstand entgegengesetzt, der erst sein Ende fand, als sie fast völlig vernichtet waren. Weil bas Leben in dem fernen „Reino be Chile" hart unb gefährlich war, wagten sich nur bie besten Männer nach hier, um Ruhm und Reichtum zu gewinnen. Dadurch bestand eine natürliche Auslese in der Einwanderung, und es war wohl das beste Menschenmaterial unter den abenteuernden Conquista- dores, das den Weg nach hier fand. Die Eroberer hatten natürlich nur wenige Frauen mitgebracht. Biele ließen sich von den besiegten Jndianerftämmen junge Mädchen ausliefern und heirateten sie. Auch die Töchter aus diesen Verbindungen wurden später häufig die Frauen ber nachfolgenben, meist abe- ligen Conquistadores und dadurch in einigen Fällen Stammütter alter chilenischer Geschlechter. Im 17. und 18. Jahrhundert kamen verschiedene Einwanderungswellen spanischer Familien ins Land, später kamen Basken. Während die ersten vorwiegend im niederen Volke aufgingen, gelangten die Basken durch ihren Fleiß und ihre Fähigkeiten zu Wohlstand und verbanden sich später mit dem alten Schwert- und Lehnsabel ber Encomenberos.
Als nach brei Jahrhunderten spanischer Oberherrschaft die Befreiuungskriege die politische Selbständigkeit herstellten, erhielt die Gestaltung einer nationalen Eigenart einen starken Auftrieb, obwohl sich die sozialen Verhältnisse zunächst nicht bedeutend änderten. Die feudale, landbesitzende Oberschicht ersetzte die Spanier in ber Herrschaft und regierte das Land, meistens allerdings mit einem gewissen patriarchalischen und sozialen Sinn. Ein Mittelstand bildete sich erst ganz allmählich heran. Die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stark zunehmende Ausbeutung der reichen Minenschätze und der Salpeterfelder, sowie die um 1900 beginnende Industrialisierung der Wirtschaft und das schnelle Wachstum einiger Städte führten größere Menschenmassen zusammen. Es entstanden die gleichen Probleme, bie auf ber ganzen Welt mit der kapitalistischen Wirtschaftsform Zusammenhängen; besonders seitdem es der Dollardiplomatie gelungen war, große Teile des nationalen Reichtums an Bodenschätzen in ihren Besitz zu bringen und rationellster Bearbeitung zu- zusühren.
Wenn auch noch unklar und zuweilen unbewußt, bildet sich heute doch eine gewisse Opposition gegen die geistige und materielle Ueberfrembung durch die europäischen und nordamerikanischen Einflüsse und Interessen heraus. Hiermit dürfte ein Ringen um die völkische Eigenart auf allen Gebieten beginnen.
Bis jetzt ist die Nation von oben autoritär geführt worden. Hieran hat auch die Einführung des Parlamentarismus seinerzeit nicht viel geändert. Die herrschenden Kreise waren und sind stolz auf ihre fast rein europäische Abstammung und haben ihr Leben und ihren Staat nach europäischem Muster zu gestalten getrachtet. Der W e l t k r i e g, während dem auch Chile wie viele andere Länder in mancher Hinsicht auf eigene F ü ß e gestellt war, zeigte, daß man sich u. 11. selbständig machen kann. Der Zusammenbruch des Welthandels alter Art und des internationalen Anleihewesens seit 1930 förderte diese Entwicklung durch bie autarki- schen Tendenzen, die er auslöste. Gleichzeitig mel-


