Ur. 230 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 1. Oktober 1936
Vom Bückeberg zum letzten Herd.
Oer Erntebank in jedem Haus.
Aus Oer Provlnztalhauptftadl
Sie neue Wohnung.
Zweimal im Jahr ändert sich das Straßenbild Zu Anfang April und zu Anfang Oktober wird gezogen". Einige hunderttausende Familien wechseln ihr Heim. Die starken Männer mit den ledernen Traggurten haben dann große Tage, und der letzte Möbelwagen wird vom Abstellplatz geholt Ein Wunder ist es wirklich nicht, daß man dann fast in jeder Straße Möbelwagen trifft und ganze Wohnungseinrichtungen auf dem Bürgersteig abgestellt findet. Erreicht doch die Zahl jenerFamilien die dann ein neues Heim gegen bas4 alte eintau- schen, eine erstaunliche Höhe.
Eine solche Völkerwanderung mit Kind und Kegel macht sich im gewerblichen und privaten Leben natürlich fühlbar. Neben den Möbeltransportfirmen haben viele Handwerkszweige ihre Umzugskonjunktur. so der Anstreicher und der Tapezierer bei den Wohnungsinstandsetzungen und beim Anbringen von Gardinen, der Tischler und der Installateur, die Gardinen- und Möbelgeschäfte und viele andere mehr. Metzger und Bäcker sehen manchen lieb gewordenen guten Kunden verschwinden und schauen aus, wo der neue Mieter ihnen oder einem Wettbewerber seine Kundschaft zuwenden wird. Ein lebhaftes Werben um die Kundschaft der Zugezogenen setzt allenthalben ein. Und in der Verwandtschaft und Freundschaft wird ausgerechnet, wieviel weiter und näher jetzt der Weg für die geplanten und üblichen Besuche ist. Für die Kinder ändert sich der Schulweg und damit oft auch die Stunde des Ausitehens und des Mittagsmahles, für die älteren Familienmitglieder der Weg zur Arbeitsstätte. Freundschaften 'zerbröckeln an neuen Entfernungen, andere entstehen aus neuer Nachbarschaft. Das alles gibt sich schnell.
Zuerst aber sind da die Tage des Umzuges mit der Last der Vorbereitung, mit dem Tage, an dem es hoffentlich nicht regnet und an dem doch einiges zerbricht laber dann doch nicht soviel, wie wir schon fürchteten!) und an dem man abends in einer halb eingerichteten Wohnung sitzt und sich wie zerschlagen vorkommt. Und dann die Tage, bis endlich alles seinen Platz gefunden hat und man aufatmet und sich der neuen Wohnung zu freuen beginnt. „Vom Möbelwagen bis zur Behaglichkeit ist immer ein weiter Weg!" sagt eine alte Hausfrauenweisheit, und sie behält Recht, wenn man noch so ort schon urngezogen ist und meint, eine gewisse Hebung, wenn nicht gar Meisterschaft darin erreicht zu haben.
Dieser weite Weg führt vorbei an den verschiedenen Stationen des Erkennens, was man alles vergessen und was man falsch gemacht hat. Einmal wird sich ja jeder Koffer wiederfinden, und es wird sich auch Herausstellen, daß der kleine Koffer mit dem ausgesonderten Wäschebedarf für die erste Nacht nicht gestohlen worden ist, sondern hinter dem Stapel schwerer Bücherkisten eingeklemmt wurde, die morgen erst von Handwerkern geöffnet und ausgepackt werden sollen. Und wenn sich herausstellt, daß von dem Geschirr in der Kiste, die mit so bedrohlichem Klirren umfiel, nur eine Tasse und zwei Teller kaputt gegangen sind, wird Mutter sich schließlich trösten Wenn Vater nicht rechtzeitig dem Elektrizitätswerk Bescheid gesagt Hot, so daß man den ersten Abend ohne Strom sibt und Kerzen eine bescheidene und romantische Lichtfülle verstreuen, die gerade ausreicht, sich das Schienbein an der Fußbank zu stoßen, die im Nebenzimmer vergeblich gesucht wurde, ist das peinlich, croer es geht vorüber ...
Die ersten Stunden, die ersten Tage in der neuen Wohnung bleiben das Problem. Sie sind der Wettlauf mit'ber Tücke des Objekts zum Ziele der Be- haalichkeit. Und seine Dauer ist abhängig von Kleinigkeiten und ruhigem, klaren Vorausdenken. Wie schön kann schon der nächste Morgen sein, wenn der Kaffee auf dem Tilch steht, wenn der rechtzeitig verständigte Bäcker frische Brötchen gebracht hat, wenn die gewohnte Zeitung auch in der neuen Wohnung pünktlich eintrifft. Wie anders kann es fein und ist es oft, wenn über Packen und Aufregung diese wichtigen Kleinigkeiten vergessen wurden, wenn keine Kaffeebohne im Hause, keine Brötchen und keine Butter in der Wohnung sind, die Zeitung nicht bestellt wurde, so daß man so
L. W. Das Erntedankfest auf dem Bückeberg, das heute schon zum festen Brauchtum des gesamten deutschen Volkes gehört, ist nicht nur sinnbildlich ein Dankfest, sondern von ihm ist auch immer eine der wichtigen praktisch-politischen Parolen ausgegangen. 1933 wurde hier das Reichserbhofgesetz verkündet, 1934 die Erzeugungsschlacht, und in diesem Jahre wird vor allem die Folgerung aus den vergangenen zwei Jahren Erzrzeugungsschlacht gezogen, wie es Staatssekretär Backe in diesen Tagen formuliert hat:
„Der Erntedank des deutschen Volkes heißt Kampf dem Verderb!"
Hier ist nicht nur eine neue Parole ausgegeben worden, hiermit ist auch gezeigt, daß das deutsche Landvolk begriffen hat, worum es geht.
Aber wie das Erntedankfest nicht nur das Landvolk ersaht, wie p5 Hn Abhlld d°r oroh-'n Volksgemeinschaft ist, so muß auch das ganze deutsche Volk in Staüt und Lano jene Folgerungen ziehen, für die das Erntedankfest den geschlossenen Ausdruck gibt. Wie der deutsche Bauer, wie nicht minder der deutsche Landarbeiter und der deutsche Landwirt sich zu ihren Aufgaben in der Erzeuqmmslchlncht bekennen, so muß auch im ganzen deutschen Volke der
Kampf gegen jede Verschleuderung von Nährwerten
ausgenommen werden. So gilt es, die großen Fortschritte, die wir in der Ernährung aus heimischer Erzeugung gemacht haben, auch zum vollen Tragen zu bringen. Wenn wir daran denken, daß wir noch 1927 über ein Drittel unseres Lebensrnittel- und Futtermittelbedarfes im Ausland deckten, 1935 aber nur noch 15 bis 20 v. H. dieses Bedarfes ausländischer Herkunft war, so sehen wir die Linie klar vor- gezeichnet. Die Verteiler, die Lagerhäuser, die Trans- portmittel sind in diesem Kampf gegen den Ver
richtig Zeit hat, zu bemerken, wie alles noch so ungemütlich und unordentlich herumsteht! Es liegt nicht an der neuen Wohnung, nur an uns.
Tageskalender für Donnerstag.
Braune Messe: 10 bis 20 Uhr in der Volkshalle. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Ungeküßt soll man nicht schlafen gehn". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „90 Minuten Aufenthalt".
Zladttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Samstag, 3. Oktober, findet ein Lichtbilder- Vortrag über „Die XI. Olympischen Spiele in Bild und Ton" des Sportreferenten des Deutschlandsenders Rolf Wernicke statt. Der Sportreferent wird in Reportagen die gewaltigen Kämpfe allen Zuhörern vermitteln. Die fesselnde Redeweise dieses markantesten Olympiasprechers wird den „Kampf der Besten der Welt" beinahe zur Wirklichkeit erstehen lassen. Weit über den sonst üblichen Rahmen hinaus wird bei dem Besucher der Eindruck erweckt, als ob er selbst Zeuge der Olympischen Spiele in Berlin war. Unterstützend wirkt die Original-Olympia-Musik aus Wachsplatten des Deutschlandssenders geschnitten, mit.
Str tzerbstmonai im Bauernsvruch.
Dem Herbstmonat hat der naturnahe Landmann stets besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Die Germanen teilten das Jahr nur in zwei Jahreshälften mit Beginn im März und Oktober. So heißt's auch: „Oktober und März gleichen sich allerwärts!". Die einsetzende rauhe Zeit sorgt leider auch oft für Krankheiten, deshalb sagt man: „Oktobergewitter ist Leichenbitter", gilt die Wettervoraussage: „Schneit's im Oktober gleich, so wird der Winter weich". Oder „Wenn im Oktober das Wetter leuchtet, noch mancher Sturm den Acker feuchtet". Aber „Wenn im Oktober die Eiche ihr Laub behält, so folget ein Winter mit strenger Kält". Ein Spruch aus dem Egerland, der an schalkhafter Undeutlichkeit mit dem Sprichwort „Kräht der Hahn auf dem Mist ..." Ähnlichkeit hat, sei hier auch genannt:
derb ebenso eingespannt, wie jede deutsche Hausfrau.
Es darf nicht mehr vorkommen, daß die kanten oder einzelne Scheiben vom Brot unverwertet fortgeworfen werden, es darf aber auch nicht vorkommen, daß in den großen oder kleinen ßiaern von Lebensmitteln leichtverderbliche Stoffe durch Fahrlässigkeit ungenießbar werden.
Es ist ein besonders schönes Zeichen für die einheitliche Ausrichtung unserer gesamten inneren Wirtschaft, daß sich außer dem Reichsernährungsministerium und dem Reichsnährstand auch das Reichspropagandaministerium, die Propagandaleitung der Partei, die NS.-Frauenschaft und viele andere Organisationen für die Aufklärung auch des letzten Volksgenossen im Kampf gegen den Verderb zur Verfügung gestellt haben.
Wenn so das deutsche Landvolk sieht, daß is in der Erzeugungsschlacht wirksam unter» stützt wird, so wird ihm die neue Erzeugungsschlacht, die mit dem neuen Erntejahr beginnt, eine um so größere Verpflichtung sein.
Das Erntedankfest auf dem Bückeberg, das das alte Erntejahr beschließt und hinüberleitet zum neuen Erntejahr, wird somit auch im Jahre 1936 ein wichtiger Markstein auf dem Wege zur deutschen Vahrungssreiheit.
Wie es im alten, stammverwurzelten Brauchtum seine Grundlage findet, wie es die Einheit von Stadt und Land und die gegenseitige Abhängigkeit von Wehr- und Nahrungsfreiheit betont, so weist es auch aus die vordringlichste Pflicht hin, j die alle erfüllen müssen, „da die Erzeugungsschlacht 1 nicht alles schaffen kann".
„Schaut im Oktober die Maus aus dem Loch, so hat sie gefressen, ober es hungert sie noch."
Die alten Sachsen verbanden mit dem Beginn des „H e r b i st m a n 0 t h" ein dreitägiges Fest zum Empfang Der Winterzeit und in sinngemäßer Ueder- einftimmung mit dem Absterben der Natur — zu Ehren der Toten. Von den einzelnen Tagen des Oktober sind besonders einige der zweiten Hälfte des Monats als „Lostage" oder in sonstiger Beziehung zum bäuerlichen Brauchtum zu nennen. 15. Oktober ist Hedwigstag. In Oberschlesien bemerkt man, daß nun die Zuckerrübe vollwertig wird und sagt deshalb: „Hedwige gießt Zucker in die Rübe". Auch rechnet man in Ostdeutschland nicht mehr auf viel Sonnentage. In der Lausitz heißt's drum: „Hedwig und Galle machen das schön' Wetter alle". Denn der 16. Oktober ist St. Gallus geweiht. Da ist vielerorts Befolgung dieser Bauernreael ratsam: ..Ab St. Gall bleibt das Kalb im Stall". Denn oft trifft eine andere Beobachtung ein, die lautet: „Sankt Gall — der erste Schneefall". Sodann reimt man: „Am heil'gen Gallus der Apfel in den Sack muß", lieber» Haupt gilt für die Außenarbeit und letzte Ernte: frfnvrt heim aUes". Oder ein Bauernspruch aus Schaffhausen sei angeführt:
„De Galli hocket ufm Stei (Stein), wenn d' öppis Obst duße (draußen) hest, tu’s hei (hinein)!"
। 18. Oktober ist Lukastag:
„St. Lukas, der Evangelist, bringt Spätroggen ohne Mist."
Der 28. Oktober heißt „Simon und Juda", ein berüchtigter Lostag. Wir erinnern uns an Schillers Wort aus „Wilhelm Teil":
„’s ist heute Simons und Iudae:
da rast der See und will fein Opfer haben."
NSLB.
Abteilung höhere Schule. — Fachschaft Deutschkunde.
Nächste Sitzung am Freitag, 2. Oktober, um 16 Uhr, in der Oberrealschule. Vortrag: „Stefan Georges Werke im Deutschunterricht".
.O
Tragödie im rvaschhaus
„Männchen, laß Wasser ein!" säuselte Frau Hase sanft, „die Wäsche fteht seit gestern eingeweicht im Bottich." — Gesagt, getan! Herr Hase dreht am Hahn und setzt sich pfeifchenschmauchend hin ans Fenster. Dann kommt Frau Hase selbst Doch was fit sisht, läßt sie erstarren: ganz braune Brühe läuft in ihren Zuber, die gute Wäsche ist verdorben! Sie ruft noch „Schreck laß nach!" und fällt in Ohnmacht ...
Herr Hase geht voll Wut zum Wasserwerk. Die sagten bloß: „Das ist doch Ihre Schuld! Das Rohrnetz wird gespült, es stand doch groß und breit zu lesen!" Hases wußten mal wieder von nichts ...
Tja — hätten sie Zeitung gelesen!
Die schützt vor Schaden und Verdruß, weshalb sie jeder lesen muß!
Die Dienststunden der Behörden
Der Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung — veröffentlicht im „Anzeiger der Hessischen | Landesregierung" folgenden Erlaß an alle unterstellten Behörden:
I Die Dienststunden werden für die Zukunft wie folgt festgesetzt:
] 1. Für das Winterhalbjahr (vorn 1. Oktober bis 31. März des folgenden Jahres): Wochentags von Montag bis Freitag von 8.00 bis 13.00 l Uhr, von 15.00 bis 18.30 Uhr; Samstags von 8.00 Ibis 13.30 Uhr.
2. Für das Sommerhalbjahr (vom 1. April bis 30. September jeden Jahres): Wochentags von Montag bis Freitag von 7.30 bis 13,00 Uhr, von 15.00 bis 18.00 Uhr; Samstags von 7.30 bis 13.00 Uhr.
Alle früheren Anordnungen mit Ausnahme der Anordnung vom 8. Juni 1935 zu Nr. P. A. 1/10 210 werden hiermit aufgehoben.
Anordnungen des Reichs über Dienststunden werden hiervon nicht berührt.
Unser langjähriger außenpolitischer Mitarbeiter Or. Pau! Rohrbach, der wienurwenige Deutsche sich auf weiten Reisen durch fast alle Teile des Erd. balls ein lebendiges Weltbild der historischen und politischen, wirtschaftlichen und kulture len Zu- sammenhänge formen konnte, hat unter dem Tite : „Auf Pfaden der Geschichte durch Frank« reich", die Erlebniffe seiner letzten Reise in einer Reihe historischer Skizzen niedergelegt, mit deren Veröffentlichung wir am Samstag, dem 3. Oktober, im Gießener Anzeiger beginnen werden.
Oie Kinder der Berge.
Von Hans Leifhelm.
Die Kinder der Berge sind in anderer Weise Kind als die der Täler, der Märkte und Städte. Bergbauernwirtschast verlangt viel vorn Menschen, überläßt weniges den Maschinen, fordert fast alles von der wirkenden Hand. Da sind auch die Kinder wichtige Glieder des Hofes und von frühen Tagen an einbezogen in die vielfältigen Verrichtungen menschlicher Arbeit. Die Dreijährigen schon bekommen Den schlafenden Säugling in ihre Hut. Dazu wird ihnen kindliche Arbeit aufgetragen den Weg zum Brunnen zu machen und das Holz von Den Stapeln herbeizuschaffen. Und um weniges spater schon sind sie groß genug, das Vieh 311 fjuten, wenn es von den Hochweiden abgetrieben ist oder wenn es zur Versorgung des Hofes drunten verbleibt. Nicht allzuweit vorn Haus, so daß der Blick der Mutter oder der Magd noch hmubergehen kann, muß das Kmd das Vieh halten. Es darf kein „Schadenhalter" fein und zulaßen, daß.das Vieh an ungebetenen Stellen, im Klee oder im Krautacker, fein Futter sucht. Der Dienft ist nicht immer leicht. Durch die kühlen flerbftmonate bis gum ersten Schnee wird das Vieh aus den W- den g - halten, wo es schon oor Sonnenaufgang ausgetrie- ben wird. Da sicht f° ein kleiner Mensch von sechs oder sieben Jahren inmitten der großen Tiere auf der Halt, wo manchmal die harten StopMnstar ren, oft barfuß, die schützende Joppe uber d Schulter aeleqt Er ist seinen eigenen Gedanken ng^'h^n!
die Älma", „Hirsch,-" oder „Segna^. Manchmal find auch "Fuchs" und „Luna d R ss.^, und kommen chnaubeno zum y .. ,
das mächtige Ps-rdehaupt gewaltig Uber d. Schu - Iu'1/üten"ist.^°gi-t'es°stet^auL auf der eigenen dUJ>e‘n‘ ist pnft Der Berg liegt noch tief im Schattender verfallene cherbstmond hangt bleich am Himmel. In der Tiefe der Taler ruyt °,e Jie.
belflut. Die nachtbleichen Gipfel der Berge tragen schon Neuschnee, der fast bis zur Waldregion herabreicht. Ganz allein ist der kleine Mensch bei seinen Tieren. Der Hof ist fern, und keiner der Großen hat Zeit, sich um das hütende Kind zu kümmern. Gedanken spinnen sich im kindlichen Haupt, Wünsche und Regungen dämmern auf im kindlichen Herzen. Ganz still ist es ringsumher, die Wälder schauern in der kühlen Morgenluft. Non der fernen Kirche schwingt ein Ton Des Aoeläutens herauf. Da kommt ein jauchzender Schrei vom anderen Hang, wo auch ein Kinderherz bei den Tieren behutsam wacht. Der kleine Hüter horcht auf. Da schallt ein Halterspruch, mit hallender Stimme gerufen, vom Morgenwind fernhingetragen, zu ihm herüber. Jeder Hof kennt seine Sprüche, die auf die Halter der anderen Höfe gemünzt sind. Oft schallen derbe Worte herüber, Die eine noch Derbere Antwort wecken. Lauschend und ernsthaft läßt das Kind den anderen Ruf ausklingen, Dann hebt Die eigene Stimme hallend an, und Ruf und (Begenruf fetzten sich lange von hüben und Drüben fort.
Dann wirb es roieber still. Die Tiere finb zu tief gestiegen, in weiten Sprüngen fetzt ber Halter ihnen nach, umkreist sie unb treibt sie mit Anrebe unb lockenbem Zuspruch roieber auf ben zugewiese- nen Platz. Jetzt ist es Zeit, Atem zu schöpfen, bann roenbet sich ber Blick hinauf zu ben Bergen, bie nun klar unb leuchtenb in ber Morgensonne entbrennen. Der Anblick ergreift auch ein kirchliches Herz. Der Munb finbet kein gesprochenes Wort, aber nun roenbet sich ber junge Mensch hinüber, roo bas Tal sich weitet unb abwärts sinkt, er macht seiner brängenben Seele Luft unb fenbet einen weithal- lenben Juchzer hinüber. Melobisch unb ursprünglich finb biefe Schreie, sie gehören zu ben Bergen wie ber Gesang ber Wilbwasser unb wie bas Rauschen ber Wälber, wie bie Schüsse ber Jäger, bie hoch im Gewänb verhallen, ober wie bie Pöller ber festlichen Tage, bie bas Echo zehnfach wecken, baß es lang an ben Hängen bis zu ben fernsten Höhen verrollt. Unb auch jetzt lauscht bas hütenbe Kinb bem geheimnisvollen Echo ber Bergwänbe, bas ihm mit seiner eigenen Stimme ferne Antwort gibt.
Dann verrinnt bie Zeit, ber Hof ruft bie Tiere, sie werben zurückgetrieben unb folgen willig bem Gebot, sie gehen geschwinderen Schrittes ber Stal
lung zu. Das Kinb hat seine Pflicht getan, es kehrt zurück zu anberer häuslicher Arbeit.
Wie bei ben Großen, so ist auch bei ben Kinbern bie Orbnung ber Arbeit bestimmt. Jebes Alter ber Kinbheit hat seine Verrichtung, unb sie wechselt mit bem Laus ber Jahreszeiten. In spielenber Gewöhnung nimmt bas Kinb bereits alles in sich auf, was bie späteren Lebensjahre von ihm an ernster Arbeit verlangen. Dem pflügenben Bauer zur Hanb gehend, das Gespann führend, die Egge hebend unb bie Grasbüschel unb bie verfilzten Erb- ballen hinausscbüttelnb, hinter ber Egge bie Klumpen zerkleinernd, bie Wurfweite ber Saat abschrei- tenb, bas Saatgut zutragend, die Gärten jätend, bei ber Heumahb unb beim Schnitt bes Getreibes helfenb, so arbeiten bie Kinber auf ben Grünben Des Hofes unD ebenso mannigfaltig in Haus unb Statt.
Dazwischen ruft bie Schule. Wer bie Schulkinber bes Berglanbes beim Lernen gesehen hat, ber weiß, baß es für sie eine Sache gleichen Ernstes ist wie bie häusliche Arbeit unb wie bas Geschäft ber Großen, Daß sie aber oft auch mit einem unbewußten Lächeln Die Dinge Der Schule nicht gar so wichtig nehmen. Mancher kinDlich klingenDen Belehrung finb sie schon in früher Reife entwachsen, unD beDeutungsvoller als Die gute Schulnote ist Die Bewährung in Der Arbeit auf Dem Hof.
Dabei gebietet Die Schule eine Pflicht, Die oft Das Aeußerste von Den KinDern forDert. Das harte Leben Der Berghöfe unD Der Huben nimmt schon allen kinDlichen Ernst unD alle Kraft in Anspruch. Manchmal ist Der Weg zur Schule weit, ja ftun« Denroeit. Noch Dunkelt Die Nacht, wenn Der Weckruf erschallt. Dann ist oft Arbeit zu leisten, bis Der Aufbruch geboten ist. Von allen Höfen gehen kinD- liche Füße talab zum Dorf. Oft finb biefe Wege vom ganzen Zauber ber Höhe verklärt, wenn bie aufgefjenbe Sonne bie Berge erglühen läßt, wenn bie taufunkelnben Bergblumen in leuchtenber Pracht erglänzen, wenn es hunbertstimmig aus ben Wölbern ruft. Aber oft möchte man ben Weg nicht freiwillig gehen, wenn wochenlange Regen bie Grünbe aufgeweicht haben, wenn ber Schnee Die PfaDe verweht oDer wenn Das fpiegelnDe Eis jeden Halt nimmt. UnD lange Dauert Die Zeit, Da Die Tage kürzer unD kürzer werden, Da Der Weg zur Schule unD Der Der Rückkehr in Der tiefen Dämmerung gemacht roerDen muß. Unb doch schenkt Die
Schule auch Sorglosigkeit unD Freiheit zu gemeinsamem Spiel. So Denkt manches KinD in Der Zeit Der langen Ferien roieDer mit Erwartung an Die Schulwege unD an Das WieDersehen mit Den Ka- meraDen.
Meistens gibt zwar Der Hof selbst Spielgefährten, aber manche KinDer verbringen ihre JugenD im einsamen Schweigen Des Elternhauses, wo Die Großen nur selten Sinn unD FreuDe für Das kinD- liche Treiben ftnben. Da ist es nur Der Sonntag Der guten Jahreszeit, Der mit seinem Kirchgang auch Die-Begegnung mit Den FreunDen bringt, oDer Der im Verlauf Des Tages einen Besuch auf Dem entfernt liegenDen Nachbarhof erlaubt.
Dann ist jäh Die Schulzeit vorbei, für manche zu früh. Da sie währenD Der letzten Zeit schon zugunsten häuslicher Hilfe vom Schulbesuch befreit finb. Schon im letzten Schuljahr finb Die Buben wie Die MäDchen unmerklich in Die Reihen Der Großen ein« gegliedert roorDen. Manches DirnDl hat zu Dieser Zeit bereits zum erstenmal Das SpinnraD surren lassen, mancher Bub hat schon Die Büchse Des Vaters geputzt unD Die Fährte Des WilDes verfolgt. UnD jetzt ist Der EntfcheiD Da, ob Der Hof Das weitere Leben umgrenzen ober ob ber Weg in bie Frembe führen soll. Soweit es geht, gibt ber Hof seinen aufwachsenben Kinbern Arbeit unb Brot.
Wie es auch kommt, ber Hof hat bie Jugenb seiner Menschen reich gesegnet unb tief erfüllt, und wer ihn verläßt, bleibt mit feiner Seele an ihn gebunben.
Zeitschriften.
— Auch in China hat sich, wie ein interessanter Bilbbericht ber „I l l u st r i r t e n Zeitung Leipzig" (I. I. Weder, Leipzig) anschaulich schildert, das moderne „Weekend" eingebürgert. Aber bie uralte Kultur bes „Reiches ber Mitte" hat Die» fer europäischen Sitte ihren eigenen Zauber verliehen; er spiegelt sich auch in ben Aufnahmen, Die ein Europäer als Gast eines reichen chinesischen Salzkaufmannes machen konnte. Ein Beitrag „Theater hinter StachelDraht", in Den Kriegsge- fangenen-Lagern Des Weltkrieges, ohne Frauen unD Requisiten, zeigt, mit wieviel Phantasie, Geschicklichkeit unD Humor theaterhungrige Lagerge« meinschaften hervorragenbe Leistungen auf Die „Bretter" gestellt haben.


