wir auf ein Drittel unserer Volksgenossen m der Welt vernichten.
Eine Welle deutschen Elends flute rings an unsere Grenzen. In den meisten Staaten, in denen die deutschen Volksgenossen in der Minderheit leben, sei man bestrebt, das Deutschtum und seine wertvollen Kräfte mit allen Mitteln auszurotten. In kurzen Schilderungen gab die Rednerin einen Begriff des beispiellosen Elends, das die deutschen Volksgenossen in Böhmen, in Litauen, im Memelland usw. in ihrer Existenz auf das schwerste bedroht. Ueberall aber, so fuhr sie fort, begegne man starrdhaftestem Deutschtum. Ihrer Treue müsie mit Treue begegnet werden. Die Jugend in der Iungortsaruppe des VDA. fei stolz darauf, im Dienst der edlen Sache stehen zu dürfen.
In weiteren Worten erläuterte die Führerin der Iungortsgruppe den Aufbau und die Arbeit der Gruppe, stellte besonders das Positive der Arbeit heraus und schloß dann mit den Worten: .Helft mit, das Beste erhalten, das wir haben, unser deutsches Volkstum — im Glauben an Führer, Volk und Vaterland!" Lebhafter Beifall dankte der Führerin.
In einer Pause wurden Lose verkauft. Als Gewinne wurden hübsche praktische Dinge ausgegeben. Besondere Aufmerksamkeit wurde einer A u s st e l - l u n g der in der Iungortsgruppe gearbeiteten Kinderkleider und Wäsche gewidmet, die von den Mädels als Spenden für die Kinder der schwer bedrängten sudetendeutschen Volksgenossen gefertigt worden waren. In der Ausstellung kam viel Fleiß und Hingabe an die gute Sache zum Ausdruck.
Der weitere Verlauf des Abends brachte ein Schattenspiel, in dem die Arbeit der Ortsgruppe dargestellt wurde. Ferner machten Volkstanzaufführungen und einige Lieddarbietungen den Teilnehmern des Abends viel Freude. Die Veranstaltung hinterließ bei allen einen guten Eindruck.
Gutes Licht, gute Arbeit!
Derbeabend des Amtes „Schönheit der Arbeit".
Das Amt „Schönheit der Arbeit" in der NS.» Gemeinschaft ,Lraft durch Freude" der DAF. veranstaltete im Caf6 Leib eine Werbekundgebung unter dem Motte „Gutes Licht, gute Arbeit", der auch der Kreishandwerksmeister S t ü h l e r beiwohnte. Pg. M e r t h e s von der DAF. begrüßte die Vertreter der staatlichen und privaten Betriebe zu diesem mit der Gewerbeaufsicht, der Elektro- Front und den Innungen gemeinsam veranstalteten Abend. Wie überall im Reich, so soll auch hier diese Aktion die Notwendigkeit guten Lichtes für die Herstellung guter Arbeit vor Augen führen. Bis jetzt arbeiten noch 70 bis 80 v. H. der Betriebe unter mangelhafter Beleuchtung. Oft wäre nur mit geringen Mitteln eine hohe Wirkung zu erzielen. Wenn Hutes Licht in die Betriebe getragen, d. h. die Schönheit der Arbeit in die Praxis umgewandelt wird, dann sind die Vorbedingungen zur Leistung guter Arbeit gegeben.
Ingenieur Keil (Erfurt) von der Arbeitsgemeinschaft für Elektrowerbung wandte sich dann, unterstützt von Lichtbildern, den praktischen Dingen zu. Er sprach von dem Fortschritt der Technik, über dem aber besonders in den Jahren des Verfalls der schaffende Mensch vergessen worden war. Schließ, lich ist es der Mensch, der die Qualitätsarbeit leistet und wiederum ist es das Auge, an das die größten Anforderungen gestellt werden. Um das Auge und den Menschen zu schonen, hat die Deutsche Arbeitsfront und in ihr die Unterabteilung, das „Amt Schönheit der Arbeit", neben vielen anderen Maßnahmen diese Werbung für gutes Licht an den Arbeitsstätten im ganzen Reiche veranlaßt. Es sei an der Zeit, für ausreichende und zweckmäßige Be-
Deutsche Arbeitsfront.
Kreiswaltung Gießen.
An die Betriebsführer des Kreises Gießen.
Bett.: Wialerhilfswerk 1935/36.
3u diesem Jahre werden für das Mnterhilss- werk 10 v. h. der Lohnsteuer, jedoch als Mindestbeitrag 25 pf. pro Monat in jedem Falle, also auch bei lohnfteuerfreien Arbeitskameraden, abgezogen. Die Türplaketten werden bei der k r e i s w a l - tung der DAF„ Gießen, Schanzen- strahe 18 (Vorderhaus), nach Abführung der veträge verausgabt.
Dir bitten Sie, die Abzüge entsprechend der Anordnung in Ihrem Betriebe ab 1. Oktober 1935 oorzunehmen.
Die Einzahlung erfolgt auf das Konto Tlt. 2938 bei der Deutschen Bank und Diskontogesellschaft Gießen oder auf Postscheckkonto Jlr. 161145 Frankfurt a. 2n„ WHD. 1935/36.
Die Sammlung der Opfergaben und die Ausgabe der Türplaketten für das DHD. bei den DAF.- Mitgliedern, die nicht in den Betrieben erfaßt werden, geschieht durch den zuständigen Blockwalter der DAF. Die Mitgliedschaft zur RSV. schließt jedoch nicht den Erwerb der Türplaketten aus. wir hoffen, daß die Arbeitskameraden der DAF. sich genau so wie im vorigen Jahre für das whw. einsehen und die ehrenamtliche Tätigkeit unserer DAF.-Walter unterstühen.
3tur durch gemeinsame Opfer können wir die Jlot des winters bannen.
Hierfür einzustehen ist wahrer Sozialismus!
Die Deutsche Arbeitsfront, Kreiswaltung Gießen.
Vie deutsche Arbeitsfront
n.5.=ßemeinf(hafl „firaft durch frcuöc'
Auf Anweisung des Reichsministers des Innern, des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda und des Reichssportführers ist das Jahr 1935 das Jahr der Olympischen Schulung. Ein neues Geschlecht wird zur Zeit herangezogen, und die Olympischen Spiele 1936 müssen eine Sache des ganzen deutschen Volkes werden, auch der Volksgenossen, die hisher noch abseits der Leibesübungen standen. Damit alle diese Volksgenossen im Hinblick auf die im nächsten Jahre zu Berlin stattfindenden Olympischen Spiele, bei denen sich 49 Nationen in fried
lich-sportlichem Wettstreit messen, Sinn und Ziel des Sportes kennen und verstehen lernen, wird die deutsche Olympische Schulung unterstützt durch die Werbeausstellung für die Olympischen Spiele 1936 vom 26. Oktober bis 24. Rovember 1935 im
Saxophonsaal auf dem Frankfurter Festhallengelände.
In vier großen Gruppen werden die Olympischen Spiele des Altertums, die Entwicklung, der Aufbau und die Organisation der Olympischen Spiele auch im Hinblick auf die sporlliche Bedeutung Deutsch, lands und die neue Organisation des deutschen Sportes gezeigt.
Eintrittskarten zum Preis von 30 Pfennig sind auf unserer Dienststelle, Schanzenstraße 18, zu haben.
Winterfahrten des Amtes Reifen, Wandern, Urlaub in Verbindung mit dem Sporlamt.
1. Allgäu — Pfronten: vom 25.12.1935 bis 1.1.1936 abends. Kosten 34.— Mark.
2. Schwarzwald —Kniebis: vom 26.12. 1935 früh bis 29. 12. 1935 abends. Kosten 21— Mark.
3. Schwarzwald — Kniebis: vom 17. 1. 1936 nachmittags bis 19.1.1936 abends. Kosten 16.50 Mark.
4. Schwarzwald — Kniebis: vom 17. 1. 1936 nachmittags bis 2. 2.1936 abends. Kosten 59.50 Mark.
5. Schwarzwald — Kniebis: vom 31. 1. 1936 nachmittags bis 2. 2.1936 abends. Kosten 16.50 Mark.
6. Rhön: vom 21.1.1936 bis 28.1.1936 nach- mittags. Kosten 17.25 Mark.
7. Allgäu — Pfronten: vom 7. 2. 1936 abends bis 16. 2.1936 abends. Kosten 39 — Mk.
8. W t t b g. Allgäu — Isny : vom 27. 2.1936 vormittags bis 5.3.1936 nachmittags. Kosten 22.50 Mark.
9. Schwarzwald — Kniebis: vom 21. 2. 1936 nachmittags bis 23.2.1936 abends. Kosten 16.50 Mark.
10. Schwarzwald — Kniebis: vom 21. 2. 1936 nachmittags bis 8.3. 1936 abends. Kosten 59.50 Mark.
11. Schwarzwald — Kniebis: vom 6. 3. 1936 nachmittags bis 8.3.1936 abends. Kosten 16.50 Mark.
12. Allgäu — Pfronten: vom 21.3.1936 abends bis 29.3.1936 abends. Kosten 36.—Mk.
Für die Teilnehmer an diesen Fahrten ist Gelegenheit gegeben, an Wintersportkursen teilzunehmen. Nähere Auskunft erteilt und Anmeldungen nimmt entgegen die Kreisdienststelle Gießen, Schanzenstraße 18, Ruf 2919.
leuchtung im Betriebe zu sorgen. Man hacke die Lichtstärke nach bestimmten Einheiten errechnet und eine Norm für eine ausreichende Beleuchtung herausgefunden, die anzuwenden nur empfohlen werden könne. Man wolle beim Licht durch Einfassung des Beleuchtungskörpers eine Blendung der Augen verhindern, für ausreichendes Licht durch gleich- mäßige^ Beleuchtungsanlagen sorgen und durch zweckmäßige Lichtanlagen eine gewisse Wärme, Behaglichkeit und Freundlichkeit an die Stätte des wichttgsten Aufenthaltes des deutschen schaffenden Menschen bringen. Nach Beendigung der Lichtbild- aufnahmen zeigte der Redner an Beleuchtungs
körpern die Unterschiede ihrer Wirkung. Mit einem Schlußwort und einem Schlußmarsch der fleißigen Musikkapelle schloß Pg. M e r t h e s die Kundgebung. In der Folge sollen Betriebsbesichttgungen stattfinden.
Als erstem Betrieb wurde am Mittwochnachrnit- tag der Spezialfabrik für Kohlebürsten Schunk & Ebe im Windhof ein Besuch abgestattet. Diplom- Ingenieur M a x e i n e r nahm mit einem Spezialapparat die Messung der Lichtstärke an den Arbeitsplätzen in den Kontoren und den Werkstätten, besonders an den Maschinen, vor. Die Lichtanlagen wurden als vorbildlich bezeichnet.
(Sporfontf „Ä’-aff durch Freude^.
heute folgende Kurse:
Allgemeine Körperschule, für Frauen und Männer. Von 16 bis 17.30 Uhr, Universi- tätssportplatz.
Fröhliche Gymnastik und Spiele, nur für Frauen. Don 20 bis 21 und von 21 bis 22 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.
Reiten. Von 21 bis 22 Uhr, Reitschule Schömbs.
Hallentennis. Der erste Kursus beginnt am kommenden Samstag um 16 Uhr in der Dolkshalle. Alle Interessenten, die sich bisher gemeldet haben, bitten wir, um die angegebene Zeit in der Volks- Halle zu sein, um die Einteilung vornehmen zu können. Neuanmeldungen werden noch auf dem Sportamt und in der Dolkshalle angenommen. Bei genügender Beteiligung findet der zweite Kursus am kommenden Sonntag um 9 Uhr in der Dolkshalle statt.
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** Sitzung des Provinzialaus schuf- s e 5. Am Samstag, 2. November, 8.30 Uhr, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen, Landgraf-Philipp-Platz 3, eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses statt mit folgender Ta- gesordnung: Beschwerde der Therese Ruhland in Bad-Nauheim wegen Versagung der Erlaubnis zum Handel mit Milch. Klage des Paul Kühner in Bad-Nauheim gegen den Bescheid des Kreisamts Friedberg vom 8. Juli 1935 wegen Versagung der Legttimationskarte. Klage des Friedrich Adler in Ober-Seemen gegen den Bescheid des Kreisamts Schotten vom 3. Mai 1935 wegen Versagung der Legitimationskarte.
** Wohnhausbau in der Fichtestraße. Zwischen dem Leihgesterner und dem Wartweg, in der Nähe der Poppeschen Gummifabrik, hat man mit der Erbauung eines mehrgeschossigen Wohnhauses in der zum Bebauen eröffneten Fichtestraße begonnen. Mit diesem Bauvorhaben wird der Anfang zur Erschließung eines neuen Bauviertels im Südtell unserer Stadt gemacht. Es steht zu erwarten, daß hier alsbald eine weitere Belebung der Bautätigkett einsetzt.
Schöffengericht Gießen.
Wegen eines Vergehens des Betrugs, sowie wegen eines Verbrechens der schweren Urkundenfälschung wurde der E. H. aus Grünberg, z. Zt. in Untersuchungshaft, zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, unter Anrechnung von vier Monaten Untersuchungshaft. Der schon vorbestrafte Angeklagte war für zwei Firmen tätig. Trotz Rechnungsvermerks erklärte er sich in etwa 70 Fällen Kunden gegenüber für berechtigt, Gelder zu kas- fieren. Auf diese Weise verschaffte er sich große Geldbeträge, die er jedoch nicht an die Firmen ablieferte, sondern für sich verwandte. Der Angeklagte fälschte außerdem, um sich die Provisionsforderung zu beschaffen, einen Bestellschein der einen Firma, indem er mit einer falschen Unterschrift die Bestellung fingierte.
Unter Ausschluß der Oeffenllichkeit wurde der H. Pf. aus Friedberg wegen widernatürlicher Unzucht zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Sieben Wochen der erlittenen Untersuchungshaft werden auf die Strafe angerechnet.
Tzduukec und, WUi&ikee - - foeidt* tag#* Körting-Radio
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Roman von Anny von panhnyö
Urheberrechtsschutz Auswärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
32 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Nach einiger Zeit flammte der Aerger Baron Hammerschmieds wieder auf.
„Hans blamiert ja das Mädel, ich fühle es ordentlich, daß die ollen Tunten hier im Saal schon klatschen! Heiraten kann er doch das Mädel nicht. Es ist am besten, Gräfin, wir brechen auf, dann muß er doch mit. Warten Sie, ich werde ihn holen."
Ehe es Gräfin Jutta, die f6) über feine Reden ärgerte, verhindern konnte, war er schon aufgestanden und stelzte auf den Tisch zu, an dem Hans Sy- den die meiste Zeit des Abends verbracht hatte.
Rudolf Hammerschmied tanzte eben mit der Landratstochter und Gretel mit einem jungen Apothekerssohn.
Alois Hammerschmied verneigte sich kurz vor den Hochwalds, sagte lächelnd zu Hans Syden: ,^ch möchte Sie holen, lieber Hans, wir wollen aufbrechen. Uebriaens hatten wir heute abend wenig von Ihnen.
Johannes Hochwald mochte den Baron nicht, und fast gegen [einen eigenen Willen mischte er sich ein.
„Niemand von uns hält den Herrn Grafen fest." Jetzt meldeten sich die Geister des Weines etwas stärker und der hagere Baron lachte verhalten: „Na, na — schöne junge Damen haben zum Beispiel bestimmt Kraft, jemand festzuhalten ohne äußere Gewalt, nur rate ich da dringend zur Vorsicht." Er sah jetzt Bettina mit seinen merkwürdig hellen Augen an, dämpfte die Stimme. „Das Städtchen ist klein, ein guter Ruf ist leicht in Gefahr gebracht und dann bleiben die passenden Freier aus."
Das war eine Bosheit, ja, eine Unverschämtheit, und der Baron begriff später niemals, wie er sich soweit hatte vergessen können.
Kaum war die letzte Silbe seinem Munde entflohen, war er plötzlich ganz nüchtern. Er wußte klar, er hatte nur Hochwald eins auswischen wollen, weil der ihm einmal im Goldschmiedeladen gesagt hatte: ,Hch bitte Sie höflichst, Herr Baron, mich nicht so gönnerhaft zu behandeln." Damals hatte er verärgert erwidert: „Ihnen scheint nichts an meiner Kundschaft zu liegen?" Worauf die Ant- wort erfolgte: „Ich habe kein Talent, mich herablassend behandeln zu lassen, lieber verzichte ich auf den besten Kunden!" Und er hatte ihn gehen lassen, hatte dabei einen hochmütigen Zug im Gesicht ge- habt. Er war seitdem nicht mehr in dem Laden am Ritterplatz gewesen, dock hatte er manchmal ärgerlich an Johannes Hochwald gedacht. Heute aber war der alte Aerger kräftig hochgespütt und er hatte sich zu der Bemerkung hinreißen lassen, die er jetzt gern abgeschwächt hätte. 2Iber wie? Es lag ihm nicht, klein beizugeben.
In Bettinas Wangen war bei der Beleidigung dunkle Röte getreten und ihr war es, als ob man
an den Nachbartischen aufmerksam geworden wäre und die kleine Szene hier verfolgte.
Johannes Hochwald und feine Frau saßen da, als hätte man mit Steinen nach ihnen geworfen, und auf Hans Sydens Stirn lag eine Wetterwolke. Aber niemand sprach. Es war ein Schweigen, so dumpf und bedrückend, wie es schweren Gewittern vorangeht.
Bettina war es, als hielte jeder im Saal den Atem an, als spiele die Musik nur noch ganz leise, als warteten alle auf irgend etwas ganz Ungeheuerliches, auf ein Schauspiel, eine Sensation. Und es dachte doch niemand Daran. Wohl schauten ein paar Ballgäste her, aber nur aus Neugierde, weil der sehr bekannte Baron, den man im Städtchen den „wilden Reiter" nannte, am Tisch der Hochwalds stand.
Seit der Baron so zu Bettina gesprochen und sich starres lastendes Schweigen über die fünf Menschen gesenkt, waren nur wenige Sekunden vergangen, doch Bettina schien es mindestens eine Stunde. Unb jetzt sprach Hans Sydens Stimme: „Sie hätten das eben nicht sagen dürfen, Herr Baron." Sein Ton war scharf. „Sie haben dadurch meine Braut beleidigt, Herr Baron — wir haben uns wirklich vorhin verlobt, Fräulein Hochwald und ich. Wir beabsichtigen allerdings, die Verlobung allen, auch meinen Verwandten, erst morgen bekanntzugeben, natürlich werde ich nach dem Dorgefallenen allen sofort Mitteilung davon machen."
Seine Blicke sprachen zu Bettinas Eltern und zu Bettina selbst. Seine Blicke baten und befahlen zugleich. Er wollte die Beleidigung zunichte machen.
Die Geister des Weines waren verflogen, der „wilde Reiter" verneigte sich vor Bettina: „Meinen ergebensten Glückwunsch!"
Sie machte keine Miene, ihm die Hand zu reichen. Ihm war sehr unbehaglich zumute.
Er murmelte: ,Zck will mich gleich verabschieden, es ist schon spät —
Hans erhob sich, zog Bettina sanft vom Stuhle empor.
„Komm, Bettina, wollen zu Großchen Jutta und Gretel gehen, ihnen erzählen, daß wir uns heute abend verlobt haben. Sie werden sich darüber freuen."
Sehr laut sagte er es, man mußte es an den nächsten Tischen hören und sollte es auch. Niemand durfte wagen, ähnlich über Bettina zu denken, wie der Baron es getan. Dazu stand Bettina zu hoch, dazu war sie zu schade.
Bettina grübelte gequält: Wozu die Komödie? Sie konnte ja doch nur von kurzer Dauer fein.
Der Baron verneigte sich flüchtig vor allen und stelzte wieder zurück, meldet Gräfin Jutta: „Hans hat sich eben mit Bettina Hochwald verlobt. Ich möchte übrigens nach Hause fahren. Rudolf, du kommst doch mit."
Der schüttelte den Kopf. „Nein, Onkel, dazu gefällt es mir hier noch zu gut, und daß Hans sich verlobt hat, finde ich großartig. Ich will chm gleicy gratulieren."
Gräfin Jutta machte ein sehr erstauntes Gesicht. Hans hatte sich verlobt? Wie war das denn mög- lich? Nach allem, was er ihr vor wenigen Tagen gebeichtet, dachte er nicht im entferntesten daran. Er hatte chr doch erzähtt, er dürfe nicht daran denken, Bettina an sich zu fesseln, der Schatten einer
Toten gebe ihn nicht frei, der Schatten stehe für immer zwischen ihm und Bettina, überhaupt zwischen ihm und jeder Frau.
Gretel strahlte: „Die Nachricht ist ja herrlich, Herr Baron, wie schön, daß Bettina nun meine Schwägerin wird."
Der Baron erklärte: ,Hch möchte mich also jetzt verabschieden," da standen bereits Hans Syden und Bettina am Tisch. Hans lächelte: „Liebes Groh- chen, Bettina und ich haben uns verlobt."
Bettina zuckte zusammen. Weshalb sprach er nur so überlaut? Das eben hatten viele hier tm Saal gehört und hören müssen.
Gräfin Jutta reichte Bettina die Hand.
„Mein liebes Kind, ich freue mich sehr!" Sie zog Bettina neben sich auf einen Stuhl. Gretel drückte ihr die Hand, auch Rudolf Hammerschmied tat es.
Baron Alois kam sich sehr überflüssig vor.
„Höchste Zeit für mich, ich muß aufbrechen", sagte er und gab allen die Hand. Bettina übersah wieder seine Hand und Hans ging neben ihm her, geleitete ihn hinaus. Er zog ihn draußen in eine stille Gangecke, sagte heftig: „Sie haben Bettina Hochwald vorhin maßlos beleidigt. Sie werden ihr schreiben, sie um Verzeihung bitten."
Er zuckte die Achseln. „Gut, ich werde an Fräulein Hochwald schreiben."
Fort war er, stelzte schnellen Schrittes davon.
Gräfin Jutta wollte die Hochwalds an ihren Tisch bitten, aber Bettina hielt sie davon zurück: „Lassen wir alles bis morgen, liebe Frau Gräfin, und gestatten Sie mir, mit meinen Eltern jetzt nach Hause zu gehen."
Großchen Jutta neigte den Kopf. Bettina sah wirklich nicht aus wie eine strahlende Braut, die sie, nach allem, was auch Bettina wußte, kaum fein konnte.
Gräfin Jutta dachte, sie würde ja bald aus Hans herausbringen, was für ein Grund hinter der plötzlichen Verlobung stand.
Den Grund erfuhr sie noch in derselben Nacht, oder richtiger am frühen Morgen, denn es war schon Morgen, als das Auto im Waldschlößchen ankam. Gretel ging sofort schlafen, sie war sehr müde, doch Jutta Syden nahm den Enkel am Arm, zog ihn mit sich in ihr Wohnzimmer.
„Jetzt, mein lieber Bub, rede dich frei von der Geschichte, mit der du dich heute abend belastet hast, denn ich kann doch unmöglich annehmen, du hast dich mit Bettina nur in einer Weinlaune verlobt, in einer Laune, die du selbst nicht ernst nimmst."
,Lch habe nur ein halbes Fläschchen getrunken, Großchen", gab Hans zurück, „trotzdem ich mir eigentlich vorgenommen hatte, mich ein bißchen an- zuheitern. Weißt du, Großchen, es ist nun mal eine ganz verquere Sache, seit ich immer und immer an Bettina denken muß, die ich früher nie begehrt habe und jetzt nicht begehren durfte, well das die andere, die Tote, nicht leiden wollte. Acht Monate ist sie tot unb ich schäme mich, es wieder sagen zu müssen, ich habe sie nicht geliebt, nur ihre Schönheit hatte mir den Verstand verwirrt. Aber die späte Erkenntnis nützt mir nichts, die Tote hält mich fest wie an einer eisernen Kette. Immer wieder zeigt sie sich, schiebt sich zwischen mich unb alles, was mich gerade freut ober beschäftigt, erinnert
und mahnt mich stets daran, wie sehr sie mich geliebt hat unb daß sie noch auf Erden lebte, wenn ich nicht ihren Weg gekreuzt hätte. Ich liebe Bettina, aber ich habe nicht daran gedacht, mich mit ihr zu verloben. Doch eine Bemerkung des „wilden Reiters" brachte mich heute nacht dazu. Ohne zu überlegen handelte ich — well die kränkende Bemerkung auch mich kränkte."
Er hatte sich in einen tiefen Sessel gedrückt und seine Stimme war wie zersprungen vor Erregung. Er wiederholte, was Alois Hammerschmied gesagt und daß er selbst sich nicht darüber einig gewesen, ob man nicht an einigen Nachbartischen die Worte verstanden haben könnte. Deshalb hätte er vorgebaut. Seine Liebe zu Bettina hätte sofort daran gedacht, sie zu schützen.
Jutta Syden ging mit kurzen festen Schritten durch das teppichbelegte Zimmer hin und her, endlich machte sie vor dem Enkel Halt.
Hast ganz recht getan, Hans! Aber was soll nun werden? Mit der Toten mußt du dick dock jetzt innerlich auseinandersetzen, denn wenn sie sich weiter zwischen euch stellen würde, wenn du von chrem Schatten nicht frei kämst, wäre eure Ehe ja von Beginn an zum Unglück bestimmt."
Sie redete sanft zu: _ „Schließlich müßtest du, mit etwas festem Willen, über das Gespenst triumphieren können."
Wenn dich Wally Wcllb auch noch so sehr geliebt hat, kann sie dich deshalb nicht festhalten wollen für immer. Das Gespenst ist doch eigentlich nur deine Einbildung, mein lieber Bub, nur Deine krankhafte Einbildung. Wenn Wally Walb irgendwie im Hause ihrer Pflegemutter tödlich verunglückt wäre, dächtest du längst ruhiger an sie. Weil es aber gerade auf der Autofahrt zur Schneiderin geschah, von der sie ihr Köfferchen abholen mußte, ehe sie dich am Bahnhof treffen wollte, das hat dich wirr gemacht. Du glaubst, sie würde die Autofahrt zur Schneiderin nicht gemacht haben, wenn du sie nicht am Bahnhof erwartet hättest, du redest dir deshalb ein, du trügejt die Schuld an ihrem Tode." Jutta Syden strich ihm mit der Hand über das sehr glatt gebürstete dunkle Haar.
„Du leidest an einer fixen Idee, Hans, versuche das einzusehen. Bist doch sonst ein sehr energischer Mensch. Reiß dich zusammen, stelle den Blick nüchtern ein, sage dir einfach: Vielleicht wäre Wally Walb, auch ohne daß sie dich überhaupt gekannt, in demselben Auto und zu derselben Stunde, denselben Weg gefahren oder denke, das Schicksal hatte so wie so bestimmt, daß ihre Zeit auf Erden um war." Sie lächelte: „Bettina paßt gut zu dir und wir kennen sie alle, als gehöre sie ins Waldschlößchen. Jetzt, da ich weiß, warum du dich so plötzlich verlobt hast, bitte ich dich nochmals: Nimm dich zusammen, üifc dich nicht unterliegen von einem
Sie riet chm: „Lege dich jetzt ein paar Stunden ins Bett und schlafe. Wenn du bann aufwachst und die tlare helle Wintersonne scheint, machst du Ordnung in dir!"
Er küßte chr dankbar die Hand, well sie so besorgt um ihn war, aber er fühlte und wußte, mit dem Schatten Wally Walbs wurde er so bald nicht fertig. Er fürchtete, bamit würbe er niemals fertig
(Fortsetzung folgt!)


