Ausgabe 
31.10.1935
 
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Nr. 255 Zweites Matt

GiehenerAnzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag. 3t. Oktober |935

Aus der Provinzialhauptstadt.

Nie Blumenkasten.

Dankbarkeit ist die Pflicht jedes anständigen Men­schen. Und so scheint es wohl am Platze, wenn wir herzlich jener gedenken, die nun endgültig, einer nach dem andern, sang- und klanglos verschwunden sind, nachdem sie uns einen ganzen Sommer lang durch ihr Dasein erfreuten: die Blumenkasten. Den Stadtstraßen gaben sie eine freundliche Note, ver­liehen selbst dem nüchternsten Hause einen Hauch von Anmut, dem altersschwachen Bau einen blühenden Schimmer von Jugend. Und erfreuten sie somit in ihrer Gesamtheit die Allgemeinheit, wie viel inniger noch einzeln ihre einzelnen Besitzer.

Bedeuteten sie doch für Unzählige ihr Stückchen Sommer, ihr Stückchen Land. Kleiner Ersatz für die große Sehnsucht nach eigenem Besitz von Grund und Boden, die nie so groß mar, wie in unserer

Mit vollen Segeln in den Kampf gegen hunger und Kälte, so heißt die erste Parole des diesjährigen Winterhilfswerkes. Als Erinnerungszeichen hieran wird am kommenden Sonntag die Gießener SA. und SS. für das WhW. eine Plakette verkaufen. Ein Wikingerschiff mit vollen Segeln die Ausführung in Majolika!

Zeit. Tausenden wurde sie zur Erfüllung und wird noch Tausenden zur Erfüllung werden. Aber Hun­derttausenden von Stadtmenschen kann sie sich nicht erfüllen. Das hilft nichts und schadet auch nichts, denn wir leben zuletzt von unserer Sehnsucht nach dem Schönen, Guten, Besseren, und schon Hoffen und Erstreben bedeutet einen gewissen Reichtum. Die Blumenkasten aber konnte sich jeder verschaffen. Ihren hölzernen Grund füllte man einfach mit Boden, mitder" eigenen Scholle, in die man dann, pflanzend und säend, Liebe und Vorfreude zugleich in reichstem Maße mitversenkte.

Und es war, als ob aus ihnen und den Pflanzen zusammen ein ausgesprochener Kastengeist in all diesen grünen und weißen Kästen erwuchs, ein über­aus freundlich gearteter Kastengeist, der diesen eige­nen kleinen Schollen ungeahnte Kraft verlieh. So, daß sich auf ihrem kleinsten Raum ein ganzer Som­mer zusammendrängen konnte, mit Geranien, Kres- sen, Petunien, Wicken: und mit ihnen erblühte täg­lich neue Freude, ganz bescheidene, persönliche, kleine Naturfreude, die nur ganz zu begreifen ist, wenn man an Schillers Wort denkt:Die Natur ist ein ewig geteilter Gott."

Abschied nehmen von etwas Liebgewordenem ist niemals leicht. Aber wir können uns in diesem Falle an den alten Schelm und versteckten Philosophen Till Eulenspiegel halten, von dem es heißt:

daß er beim Scheiden lachte, weil er, im Hoffen unverzagt, ans Wiedersehen dachte."

Alles Behagen am Leben ist ja auf eine regel­mäßige Wiederkehr der äußeren Dinge gegründet. Der Wechsel von Tag und Nacht, der Jahreszeiten, der Blüten und Früchte, und was uns sonst ent­gegentritt, damit wir es genießen können und sollen diese sind die eigentlichen Triebfedern unseres irdischen Lebens.

So schrieb Goethe. Wir wollen es auch auf unsre Blumenkasten beziehen, denen hiermit ein dank­barer Abschiedsgruß zugerufen sei, zugleich mit einem fröhlichenAuf Wiedersehen!"

E. v.M.

Vornoiizen.

Tageskalender für Donnerstag.

NSG.Kraft durch Freude": 16 bis 18 Uhr all­gemeine Körperschule auf dem Unioersitätssportplatz: 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr nur für Frauen fröhliche Gymnastik und Spiele im Lyzeum; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule» Schömbs. Lichtspiel-

Abessinien im Urteil eines Kenners.

Der Goethebund und der Kaufmännische Verein boten am gestrigen Mittwochabend zur Eröffnung ihrer Vortragsfolge für 1935/36 ein Vortragsthema, das wegen seiner großen aktuellen Bedeutung von besonderem Interesse war. Studienrat Wahlen- berg, ein Teilnehmer der Frobenius-Expedition 1935 nach Abessinien, sprach in der vollbesetzten Aula der Universität über Abessinien und bereicherte seinen außerordentlich fesselnden und aufschlußreichen Vortrag durch eine Reihe guter Lichtbilder.

Der Vortragende, der mit einer Gruppe der erst im Juli d. I. heimgekehrten Frobenius-Expedition den Süden Abessiniens bereiste, legte das Schwer­gewicht seiner Schilderung nicht auf die Hauptstadt Addis Abeba, da hier der Ausländer nur das zu sehen bekommt, was den Behörden genehm ist. Er erzählte vielmehr von dem unberührten In­neren des Landes, in dem das Bild der einzelnen Stämme, ihrer Lebenserscheinungen, ihrer Geschichte und Kultur unverfälscht zutage tritt. Aus diesem Bericht erfuhr man, daß von einem einheitlichen abessinischen Volk überhaupt nicht zu sprechen ist, sondern die Herrschaft von dem staatstragenden Stamme der Amhara überall ganz allein aus­geübt wird, die Amhara nur ein Drittel der Ge­samtbevölkerung ausmachen, die übrigen zwei Drit­tel den von den Amhara unterjochten Stämmen an­gehören. Nach der Ansicht des Vortragenden wür­den den eigentlichen Widerstand gegen die Italiener nur die Amhara aufbringen, während hinsichtlich der von ihnen unterdrückten Stämme in dem jetzi­gen Kriege allerlei Möglichkeiten und Gefahren für die Herrschaft des Negus und damit für die Machtstellung der Amhara nicht von der Hand zu weisen sind. Dabei ist auch von besonderer Bedeu­tung, daß der Stamm der Amhara nicht nur in rücksichtsloser Weise seine Macht ausübt, sondern selbst keinerlei Arbeit leistet und keine Steuern be­zahlt, die unterdrückten Stämme alle Arbeit allein verrichten läßt, von dem Ertrag ihrer Arbeit lebt und ihnen auch alle Lasten des Reiches aufbürdet.

Im Rahmen eines grohangelegten Ueberblicks über die Geschichte Abessiniens (das übrigens von den Landeseinwohnern nur Aethiopien genannt wird) schilderte der Redner das wechselnde Ringen zwi­schen dem Islam und dem Christentum, bis dieses sich durchsetzte, die durch dieses Ringen bedingten

bewaffneten Auseinandersetzungen und die im Laufe der Jahrhunderte eingetretenen Entwicklungs­formen im Leben der Stämme, in der Baukunst des Landes, in den Herrschaftsformen der Machthaber und in dem Verhältnis der verschiedenen Zweige der Dynastien untereinander, wie auch zu den Stämmen, sowie deren gegenseitiges Verhältnis. Dabei konnte man interessante Einblicke in die Sitten und Gebräuche der Stämme gewinnen, ebenso ein anschauliches Bild erhalten über die äußeren Lebensbedingtheiten (Verkehr, Wohnwesen usw.) der Einwohner des Landes. Vor den Zu­hörern entrollte sich bei dieser Darstellung ein außerordentlich wechselvolles und interessantes Bild, dessen Kenntnis viel zum Verstehen der gegenwär­tigen Voraänge in Abessinien beitragen wird.

Im Anschluß an die Vorführung einer großen Zahl von Lichtbildern, mit denen der Redner Aus­schnitte aus dem von ihm bereisten südlichen Teil Abessiniens bot, betonte er, daß der Süden des Landes ausgesprochen kolonialer Raum ist, der jetzt zwar von der Minderheit der Amhara beherrscht wird, die aber ihre Befähigung zum Kolonisieren im Verlaufe ihrer bisherigen, erst etwa 50 Jahre alten Machtstellung noch in keiner Weise bewiesen haben. Der jetzt zum größten Teile nutzlos da­liegende Süden des Landes ist, im Gegensatz zum Norden, im Sinne der kolonialen Wirtschafts- erschließung außerordentlich fruchtbar, daher ist er auch bestens geeignet zur Aufnahme eines Bevöl- kerungsüberschusses, dessen Umsiedlung Italien als Krieqsziel erstrebt. Angesichts dieser Sachlage ist der Vortragende der Meinung, daß der italienische Hauptangriff nicht im Norden, sondern im Süden Abessiniens zu erwarten ist, das italienische Vor­gehen im Norden vor allem nur Prestigegründe hat. Zum Schluß hob der Redner hervor, daß es im Interesse der weißen Rasse nicht wünschenswert ist, wenn noch einmal ein weißes Volk ein Adua (gemeint ist die vernichtende Niederlage der Ita­liener durch die Abessinier im Jahre 1896) erlebt, weil sich daraus für die Stellung der weihen Rasse Auswirkungen von ungeheurer Tragweite ergeben können.

Die außerordentlich aufschlußreichen, mit großer Anschaulichkeit gebotenen Schilderungen des Vor­tragenden wurden mit starkem Beifall belohnt.

haus, Bahnhofstraße:Winternachtstraum" und Abessinien" (Nachtvorstellung). Oberhess. Kunst­verein, Turmhaus am Brandplatz: 16 bis 17 Uhr Ausstellung friesischer Maler der Gegenwart und Kleintierplastik von Lily König.

Reformationstag - Gottesdienst für die Schulen.

Heute morgen fanden aus Anlaß des Reforma­tionstages für die hiesigen Schulen Gottesdienste statt. Die männliche Schuljugend fand sich in der Johanniskirche ein, in der Pfarrer Bechtols- h e i m e r die Predigt hielt, in der Stadtkirche sprach Pfarrer Becker vor der weiblichen Jugend unserer Stadt.

Bund deutscher Mädel

Untergau 116 Gießen.

Dienstbefehl.

Am Sonntag, 3. November, veranstaltet die HI. zum Tag des deutschen Buches um 10.30 Uhr eine Feierstunde in der Aula der Universität, in der der Dichter Karl Götz aus seinen Werken lesen wird. Es treten die Mädelgruppen 1/116, 2/116, 3/116, 4/116 des Standortes Gießen gruppenweise um 10 Uhr vor dem Finanzamt an.

Die Unterführerin m. d. F. b.: K. Pfeffer.

Oie Regelung der Kartoffelpreise.

Verschiedene Anfragen aus dem Leserkreise hin­sichtlich der Gestaltung der Kaötoffelpreise veran­lassen uns, nochmals auf die vom Reichsstatthalter

in Hessen Landesregierung mit Wirkung vom 22. September 1935 veröffentlichte Bekanntmachung hinzuweisen. In dieser Bekanntmachung heißt es u. a.:

Bei dem unmittelbaren Bezug von Speisekar­toffeln zur Deckung des Winterbedarfs durch den Verbraucher bei dem Erzeuger dürfen folgende Preise frei Keller nicht überschritten werden: a) in den Städten: Darmstadt, Offenbach, Mainz, Gießen und Bingen, weiß, rot, blau: 2,70 bis 2,90 RM. je Zentner; gelbfleischige 3 bis 3,20 RM. je Zentner,

b) in den übrigen Gemeinden, weiß, rot, blau: 2,50 bis 2,70 RM. je Zentner; gelbfleischige 2,80 bis 3 RM. je Zentner.

Der oberste Preis kommt nur für erstklassige ausgelesene Ware in Frage alle in der Quali­tät abfallenden Sorten müssen entsprechend nie­drigere Preise innerhalb der obigen Spanne auf- weisen.

Die Zuschläge für die Abfuhr und Abtragung seitens des Erzeugers zum Verbraucher sind in den vorstehenden Preisen enthalten. Eine Son­dervergütung kann dafür nicht mehr gefordert werden.

Kammermusikabend bei der BetriebS- gemeinschafi Schunk & Ebe.

Man berichtet uns: Die Maschinen des Werkes ruhen. Die Belegschaft tritt in ihrer Arbeitsklei­dung in der HalleRuhr" zusammen. Die Halle Ruhr", die sonst durchbraust ist von dem Dröhnen der Hämmer, dem Gestampf der Maschinen, dem Klang deutscher Arbeit, soll heute den Rahmen

bieten, um den Arbeiten deutscher Komponisten lauschen zu können. Dort, wo sonst die hochge« schätzte deutsche Handarbeit täglich für das deutsa)- Volk verrichtet wird, soll heute die Arbeit deutscher Komponisten der Belegschaft zu Ohr gebracht werden.

Erläuterungen des Herrn Hillenbrand lie­ßen vor dem Vortrag jeweils die Person des Kom­ponisten vor den Augen der Zuhörer erstehen. Die Einstellung des Komponisten und die hieraus resul­tierende Entstehung seines jeweiligen Werkes waren willkommene Erläuterungen, die jedem Zuhörer das Verständnis für den Vortrag vermittelten. Es wurde hier ein neuer Weg beschritten, der bewies, daß bei solcher Behandlung des Stoffes jeder Volks­genosse in die Lage versetzt werden kann, unsere Komponisten zu verstehen. In stummer Ergriffen­heit lauschte die Betriebsgemeinschaft dem Vortrag von: Boccherini: Werk 32 N 4 Larghetto mi- nuetto con moto; Haydn: Werk 64 N 5 Allegro moderato adagio cantabile; Beethoven: Werk 18 N 4 Allegro ma non tanto; Schubert: Nachgelassenes Werk Andante con moto Scherzo; Haydn: Werk 76 N 3 Poco adagio cantabile.

Gefesselt hörte der deutsche Arbeiter in seiner Ar­beitskleidung diese Werke, und es war herrlich, sehen zu können, wie jeder nach den gegebenen Er- lörterungen diese Musik mit dem nötigen Verständ­nis in sich aufnahm.

Die Betriebsgemeinschaft Schunk & Ebe hat mit dieser Veranstaltung bewiesen, daß sie Wege gefunden hat, ihrer Belegschaft auch die so oft aus Unverständnis abgelehnte Kammermusik durch Be­schreiten des richtigen Weges verständlich zu machen. Die Veranstaltung hat wiederum bewiesen, daß durch solche Darbietungen an den Plätzen deutscher Arbeit der Betrieb jedem Betriebangehörigen zur zweiten Heimat werden kann. Es wäre zu wün­schen, daß andere Betriebe diesem Beispiel folgen, sind solche Veranstaltungen doch von nicht zu unter­schätzendem kulturellem Wert.

Elternabend

der DOA.-Iungortsgruppe.

Praktische Arbeit im Dienste der Ausländsdeutschen.

In der Absicht, weitere Kreise für die Arbeit des VDA. zu werben, veranstaltete gestern abend die Jungortsgruppe des VDA. Gießen in einem ge­schmückten Raum des Studentenheims am Leih- gefterner Weg einen Elternabend, der ganz aus eige­ner Kraft der Gruppe bestritten wurde und einen sehr unterhaltsamen Verlauf nahm. Ein Satz aus einem Trio von Mozart, von W. und M. Schöttler und Heilwitz Roloff gespielt, bildete für den Abend einen glücklichen Auftakt. Dann wurden einige Ge­dichte vorgetragen, die Gedanken des Auslands­deutschtums zum Ausdruck brachten.

Sodann hielt die Führerin der Jungortsgruppe, Sigrid Müller eine Ansprache, in der sie zu­nächst die zahlreichen Gäste begrüßte und sich bann in ernsten Gedanken mit der Sache des Auslands­deutschtums beschäftigte. Die Arbeit des VDA. fei, so führte sie u. a. aus, eine volkspolitische Arbeit. Der Führer wolle einen starken VDA. Es müsse jeder deutsche Mensch Mitglied in diesem Bunde jein, denn wir könnten der Brüder im Ausland nicht entbehren. Die Arbeit, die im Volksbund bisher ge­leistet worden sei, habe alle Anerkennung der Re­gierung gesunden. Die VDA.-Jugend stehe in ihrer Arbeit nicht mehr allein. Die Hitler-Jugend helfe die Arbeit nach Kräften unterstützen. Der VDA. fei ein Volksbund im Sinne einer verschworenen Ge- mTInschÜlft für das ganze Leben. Die Mitglieder aus den Schulen müßten nach der Entlassung aus der Schule neu erfaßt werden. Die Eltern hätten hier die Aufgabe, mitzuhelfen, die Jugend dem VDA. zu erhalten. Die Erfüllung seines kulturellen Sin­nes sehe der Bund in der Aufrechterhaltung des deutschen Volkstums im Ausland. Arbeitsgebiet sei der Raum, in dem deutsche Volksgenossen wohnen. In vierzehn Staaten müßten deutsche Volksgenossen in bedrängter Minderheit leben.

Wenn wir den Kampf aufgäben, dann müßten

Lichtspielhaus.

Winternachtstraum." Mittelholzers Abessinienflug".

Im Lichtspielhaus läuft im Anschluß an Bosambo" seit gestern derWinternachtstraum" der Boston Films Co. m. b. H. in Berlin: ein kom­plizierter Silvesterscherz in Garmisch-Partenkirchen, der sich aus einer Kette von Mißverständnissen und Verwechslungen zusammensetzt, so daß, man um das Schicksal des auf Skiern verliebten jungen Paares besorgt wird, wenn man sieht, wie alles quer und daneben geht, wie der getreue und pedantische Bankkassierer als Betrüger verdächtigt wird, wie er alsbald einem richtigen Hochstaplerpaar in die Hände fällt, bloß aus Ahnungslosigkeit und gutem Herzen und um einem netten, jungen Mädel aus dem Geschäft zu einer guten Partie zu verhelfen. Und selbst die wäre beinahe noch im letzten Augen­blick an schnödem Mißtrauen elend gescheitert. (Bei­nah.) Das sind, in großen Zügen, die Mischungs­bestandteile einer harmlosen Abendunterhaltung, welche von Geza von Bolvary etwas weit­schweifig, aber sonst ganz amüsant in Szene gesetzt und auch munter gespielt wird: Magda Schnei­der und Wolf Albach-Retty machen das junge Liebespaar; ein groteskes Duett bilden die Komiker Romanowsky und Moser, während Lingen diesmal etwas im Hintergrund bleibt Ferner spielen Waldau, Steinbeck, Meye- rind und Hedda Björnson in größeren Rollen mit. Im Beiprogramm sieht man, außer der Wochenschau, die wir schon angezeigt haben, ein kleines Varieteprogramm (mit einem erstaunlichen Kraftakt) und einen Werbefilm der Bezirkssparkasse in Gießen.

In einer Nachtvorstellung, die heute wiederholt wird, sahen wir den großangelegten Kulturfilm M i 11 e l h o l z e r s A b e s s i n i e n f l u g", der gegenwärtig begreiflicherweise besonderem Interesse begegnet, weil er den Beschauer in das Land führt, auf das sich jetzt die Blicke der ganzen Welt richten. Es handelt sich um die filmische Ausbeute eines Expeditionsfluges, der den bekannten schweizerischen Flieger Walter Mittelholzer von Zürich nach Addis Abeba führte. Schon die einzelnen Etappen dieser Reise von Erdteil zu Erdteil sind interessant genug. Der Flug führte über Belgrad, Athen, Jerusalem und Kairo nach der Hauptstadt des Negus, und schon von diesen Vorstationen siebt man eine Anzahl landschaftlich und kulturell merkwürdi­ger und anziehender Bilder: so ist uns vor allem

der Blick auf Palästina und der Flug über die Pyramiden das Niltal aufwärts in Erinnerung. Endpunkt des Fluges: Addis Abeba; hier sieht man Aufnahmen vom Kaiser Halle Selassie und von einer großen Parade abessinischer Truppen, Bilder und Szenen also, die uns inzwischen aus den Wochenschauen schon ganz geläufig geworden sind. Der fesselndste Teil der Expedition führt aber erst I von hier aus, nicht im Flugzeug, sondern im Kraft­wagen, ins Innere des Landes; da erhält der Be­schauer zunächst einen höchst aktuellen Einblick in die Landschaft Abessinien als Kriegsschauplatz, in Aufnahmen, welche die in den Zeitungen veröffent­lichten Karten plastisch abrunden. Außerdem aber bekommt man auf dieser Fahrt ins Innere eine Vorstellung von Land und Leuten, von der sehr alten, stellenweise auch noch ganz primitiven Kul­tur dieses Volkes, von feinen Gewohnheiten, seiner Religionsübung, seiner Rechtspflege, seinem Fami­lienleben. Man erlebt etwa die Vollstreckung eines Urteils, die Opferung eines Tieres am Fluß, die Hochzeit in einem einsamen Dorf, und man be­kommt so ein Bild, das die schon gewohnten Auf­nahmen vom Vormarsch der Italiener und von der Front oft überraschend ergänzt. Die Expedition war, wie man nach diesem Rechenschaftsbericht zu­geben muß, nicht nur fliegerisch eine respektable Leistung, sondern hat sich auch photographisch durch­aus gelohnt.r

Kunst und Wissenschaft.

Der Führer beim Konzert der Berliner Philhar­moniker.

Das jüngste Konzert des BerlinerPhilhar- manischen Orchesters, in dem Beetho­vens 9. Symphonie unter der Leitung Furt­wänglers aufgeführt wurde, war zugleich ein bedeutsames Jubiläum für den Kittelfchen Chor, der an diesem Tage bei einer Wiedergabe des Beet- hovenschen Werkes mitwirkte. Zur Ehrung dieses Ereignisses waren der Führer, Reichsminister Dr. Goebbels, der Reichspressecher der NSDAP. Dr. Dietrich, Staatssekretär Funk, Botschaf­ter von Ribbentrop und die Adjutanten des Führers Brigadeführer Schaub und Hauptmann a. D. Wiedemann erschienen. Am Schluß des Abends überreichte Dr. Goebbels dem Dirigen­ten des Chors Bruno Kittel die Goethe-Me- batlfe für Kunst und Wissenschaft, in­dem er in einer kurzen Ansprache darauf hinwies, daß der Kittelsche Chor in den Berliner Aufführun- ?en des Beethoven-Werkes immer einen wesentlichen ünstlerischen Bestandteil gebildet habe. Der bis

auf den letzten Platz gefüllte Saal der Philharmo­nie nahm diese Auszeichnung Kittels mit stürmischen Kundgebungen auf.

Der Hessenmaler Heinrich Giebel 70 Jahre alt.

Am 1. November vollendet der bekannte Hessen- maler Heinrich Giebel sein 70. Lebensjahr. Seit 1904 ist Giebel in Marburg ansässig und hatte von 1913 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1934 das Amt eines Mal- und Zeichen­lehrers an der Philippsuniversität inne. Giebels Kunst hat sich auf allen Gebieten bewährt: Figur, Porträt und besonders in der Landschaftsmalerei. Seine Motive findet er vorzugsweise in der hes­sischen Landschaft und in dem Leben ihrer Bewoh­ner, mit denen er sich eng verbunden fühlt.

Bernard hagen-rNedaille für Geheimrat Frobenius.

Der Vorsitzende der Frankfurter Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Uni­versitätskurator W i s s e r, verlieh zu Beginn der diesjährigen Vortragsreihe der Gesellschaft die dem Andenken des Gründers der Gesellschaft gewidmete Bernhard-Hagen-Medaille" an Geheim­rat Professor Leo Frobenius, den Direktor des Städtischen Dölkermuseums in Frankfurt a. M. Universitätskurator Wisser wies darauf hin, daß die Medaille nur für hervorragende wissenschaftliche Verdienste auf den von der Gesellschaft gepflegten Gebieten verliehen werde, und daß Geheimrat Frobenius auf Grund feiner großen Verdienste, die er sich um die Erforschung der afrikanischen Kul­turen im Laufe seiner 30jährigen Forschertätigkeit erworben habe, ein würdiger Träger der Me­daille fei.

25 000-Mark-Spende bet Stadt Leipzig zur Buch-Woche.

Aus Anlaß der Woche des Deutschen Buches fand in Leipzig, dem Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, im Gewandhaus ein Festabend statt, der als Ausdruck des stolzen Bewußtseins von dem Wert und der Anerkennung des deutschen Buches gewertet werden kann. Den Festvortrag hielt der Balladendichter Börries Frhr. v. Münch­hausen, der in künstlerisch vollendeten Ausfüh­rungen erschöpfend zu dem ThemaBuch und Kul­tur" sprach. Im Auftrage des Oberbürgermeisters machte der Leiter des Städtischen Kulturamtes da­von Mitteilung, daß die Stadt Leipzig als Buch­stadt auch in diesem Jahr einen außerordentlichen Beitra.a von 25000 Mark zur Verfügung stellt. Diese Summe soll dazu dienen, die Städti­schen Büchereien einschließlich der Büchereien in den städtischen Schulen mit Büchern zu versehen.

Sochschulnachnchten.

Der Reichserziehungsminister hat, wie dieNa­tionalsozialistische Parteikorrespondenz" mitteilt, den ordentlichen ProfeHor der Geschichte an der Uni­versität Berlin, Wolfgang Windelband, auf den Lehrstuhl der Geschichte nach Halle versetzt. Der ehemals von Hermann O n ck e n besetzte Lehr­stuhl für Geschichte an der Universität Berlin wird mit dem ordentlichen Professor der Geschichte in München, Arnold Oskar Meyer, besetzt werden, während der Lehrstuhl der deutschen Geschichte an der Universität München dem ordentlichen Pro­fessor der Geschichte, Karl Alexander von Mül­ler, übertragen werden soll, der schon bisher an der gleichen Universität einen Lehrstuhl für bayrische Geschichte innehatte. Beide Gelehrte werden im Sommer 1936 ihre neuen Aemter antreten.

Windelband ist 1886 in Straßburg geboren, habilitierte sich 1914 in Heidelberg, wurde 1925 nach Königsberg berufen, ging aber schon im fol­genden Jahr als Honorarprofessor nach Berlin, um dort gleichzeitig als Hochschulreferent unter den Mi­nistern Becker und Grimme tätig zu sein. In seinen Arbeiten befaßte er sich mit der badischen Geschichte, mit der Geschichtsschreibung der Außenpolitik im Weltkriege und seit der Reichsgründung; er gab auch Briefe Bismarcks und Johanna von Bis­marcks heraus. A. O. M e ye r ist jetzt 58 Jahre alt. Seine Lehrtätigkeit führte ihn über Breslau und Rostock nach Kiel, wo er 1915 o. Prof, wurde. 1922 folgte er einem Ruf nach Göttinaen, feit 1929 lehrte er in München. Einige seiner Arbeiten sind Themen aus der englischen Geschichte gewidmet; auch beschäftigte ihn die Geschichte Schleswig-Hol­steins. Seit 1921 folgten Monographien der Kaise­rin Auguste Viktoria, des Fürsten Metternich, schließlich Bismarcks, dessen Politik er auch in Einzelstudien darstellte. Karl Alexander v. Mül­ler ist neuerdings durch die Uebernahme der Lei­tung derHistorischen Zeitschrift" und durch die vom Reichserziehungsminister R u st ausgespro- chene Berufung zum Ehrenmitglied desReichs- inftituts für Geschichte des neuen Deutschland" in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt worden.

Der lange verwaiste Lehrstuhl für Musikwissen­schaft an der Universität Frankfurt ist zunächst vertretungsweise dem Professor Dr. phil. Joseph Müller-Blattau von der Universität K ö - n i g s b e r g übertragen worden. Er wird seine Vorlesungstätigkeit mit Beginn des Wintersemesters aufnehmen.