Ernst Bräuer.
Der neue zweite Kapellmeister des Gietzener Stadttheaters.
Als ich etwa acht Jahre alt war, kauften meine Eltern em Klavier („damit fing das Unglück an", pflegte mein Vater später zu sagen) Zunächst schien noch alles gut zu gehen, ich bekam Klavierunterricht und machte die Sache mit, um nicht mehr als nötig behelligt zu werden. Das war also noch harmlos. Aber nun: als Pennäler wanderten wir oft. Wir sangen ein- und mehrstimmig, und eines Tages mußte ich — da ich doch Musikunterricht hatte — unseren alten Lehrer vertreten, der mit uns unsere Lieder probierte. Mit der Zeit wurde aus dem „Vertreten" ein regelmäßiges Probieren
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und die „Spielgemeinde Witten" war da. Mir begann die Sache Spaß zu machen. Dazwischen kam unerwartet — ich mußte für jemand anders eine Theaterkarte absitzen — eine wundervolle Aufführung der „Zauberflöte". — So fügte sich eins zum andern, bis ich mir — mitten in der Ausbildung zum Ingenieur — klar wurde, Musiker, Kapellmeister zu werden. (Mein Vater sagte ernst und entschlossen: „Jetzt haben wir den Salat!) Rudolf Schulz-Dornburg, bei dem mir zum erstenmal ein Orchesterkonzert Erlebnis wurde, betreute mich (erst in der westfälischen Schule für Bewegung, Sprache und Musik in Münster i. W. und dann in den Folkwangschulen in Essen-Ruhr) mit rührender Liebe und Geduld. Im Herbst 1929 wurde ich als Hauptmusiklehrer der Hermann-Lietz-Schule bei Erfurt auf etwa 80 muntere Knaben (sehr muntere Knaben) losgelassen. Es war eine schöne Zeit, aber nicht das, was ich eigentlich wollte. Ich machte quasi eine zweite Lehrzeit des Chorwesens durch. Im Sommer 1931 ging's — endlich — ans Theater. Als Repetitor nach Kassel! Und da eine große Bühne wie diese notwendig spezialisieren muß, ich mich aber nicht auf ein Teilgebiet beschränken wollte, so spielte ich in der Folgezeit immer mehr Kammermusik und leitete kleine Jnstrumental- ensembles und Chöre. In mein Gießener Engagement bin ich — buchstäblich — hineingepurzelt. Intendant Schultze-Griesheim lud mich zum Diri- rieren ein. Am Vorabend dieses Tages fiel ich — sehr gut und überreichlich — oonv Rad. Edle Teile waren nicht vetletzt, immerhin hatte meine Schön-
Das Winzeldorf in der Volkshalle im Aufbau.
Helt erheblich gelitten. Und trotzdem bin ich engagiert worden! Ich gehe an die schöne und interessante Arbeit, die mir bevorsteht, mit dem Wahlspruch, der in meiner Heimat, im ,Kohlenpott", in solchen Fällen üblich ist: ,^)ol di fast on kolt Isen!"
Die deutsche Arbeitsfront
y X n.9.=Gemcinfdiaft „firaft durch frcuöc"
Am Sonntag, 15. September, findet vom Kreis Gießen aus die
zweite Rheinfahrt
statt. Die Fahrt geht ab Gießen mit der Bahn nach Mainz, von dort mit dem Dampfer die schönste Strecke des Rheins entlang, an den herrlich bewachsenen Ufern mit Weinbergen vorbei, die durch die verschiedensten Burgen dauernd ein anderes Bild geben. In Rüdesheim ist längerer Aufenthalt vorgesehen zur Besichtigung des Niederwalddenkmals. Gleichzeitig kann man in der Drosselgasse den Vergleich ziehen, ob der Wein beim Winzerfest oder direkt am Rhein besser schmeckt. Abends geht die Fahrt mit der Bahn von Koblenz nach Gießen. Für diese herrliche Rheinfahrt werden auf der Geschäftsstelle Gießen, Schanzenstraße 18, täg- lich noch Anmeldungen entgegengenommen. Fahrpreis beträgt mit Mittagessen 5,50 Mark.
Winzerfest
am 31. August, 1. und 2. September in Gießen.
Es ist uns gelungen, zu diesem Feste vier bekannte kölnische Künstler zu verpflichten, die mit ihrem rheinischen Humor frohe Stunden bereiten werden. Es sind dies der bekannte Minnesänger Willi Heintzen, die bekannten Humoristen Jean Schmitz und Schmitz G r ö n und als Leiter und Ansager des Programms den allerseits bekannten und beliebten August B a tz e m. Diese Künstler werden am Sonntag, 1. September, mittags und abends auftreten, so daß es allen Volksgenossen möglich sein wird, die echt rheinische Fröhlichkeit kennenzulernen, um dabei über herzlichem Lachen die Sorgen des Alltags zu vergessen.
Sonderzug des Kreises Gießen zur Rhein- TNainifchen wirtfchaflsausstellung in Frankfurt-Ri.
Wir fahren am Sonntag, 8. September, bei genügender Beteiligung von Gießen mit einem Sonderzug zur Rhein-Mainischen Wirtschaftsausstellung. Der Fahrpreis beträgt mit Eintritt 1,90 Mark. Anmeldungen werden umgehend von der Geschäftsstelle Gießen, Schanzenstr. 18, entgegengenommen.
Limeswanderung am Sonntag, 8. September.
Unter Führung des Assistenten des Oberhessischen Museums Herrn S z c z e ch findet am Sonntag, 8. September, eine Limeswanderung statt. Wir fahren morgens mit dem Frühzug nach Garbenteich, wandern von Garbenteich den alten Pfahlgraben entlang, wo Herr Szczech aus seiner reichen Erfahrung heraus allerlei Interessantes über den Limes berichten wird. Im Verlauf der Wanderung berühren wir auch Kloster Arnsburg und fahren dann später von Lich wieder zurück. Es ist für diesen Tag eine Sonntagskarte nach Lich zu lösen. Sonntagsfahrkarte kostet 0,90 Mark.
Orts- und Retriebswanderwarte!
Bis zum 3. September sind die im Monat August 1935 gemachten Wanderungen zu melden. Hierbei ist getrennt zu melden: Teilnehmerzahl (männliche, weibliche), Durchschnittsalter, Beteiligung von Gliederungen der Bewegung, Fahrgeld- und Ve^pfle- gungskosten. Meldung ist auf jeden Fall zu er- statten. Fehlanzeige erforderlich! Die Meldungen aus Gießen gehen direkt an die Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, Meldungen aus dem Kreis gehen über den zuständigen Ortsmart.
Besuch der Ausgrabung in Glauberg am Sonntag, 29. September.
Ebenfalls unter Führung des Herrn Szczech findet am 29. September eine Fahrt nach dem
Der große Raum der Volkshalle erfährt in diesen Tagen eine gründliche Wandlung. Das Winzerfest, das die NS. - Gemeinschaft „Kraft durch Freude" veranstaltet, ist in diesen Tagen sorgfältig vorbereitet morden. Mit Hilfe von schönen Kulissen, mit originellen Verschlügen, mit viel Buntpapier und Girlanden murden in der Dolkshalle reizende Weinstuben geschaffen, die zum Teil recht prominente Namen rheinischer Weinlokale auf Schildern füh-
Kreise Büdingen statt. Wir lösen eine Sonntagsfahrkarte nach Büdingen, fahren bis Stockheim, manöern von dort nach dem Glauberg, besichtigen unter kundiger Leitung die großen Ausgrabungen, die über Deutschlands Früh- und Vorgeschichte reichhaltig Auskunft geben, manbern dann meiter über die Ronneburg nach Büdingen. Es wird eine selten schöne Herbstmanderung merben. Kameraben aus allen Betrieben, folgt unserer Aufforderung unb roanbert mit! Es wird niemand zu bereuen haben. Sonntagsfahrkarte kostet 3 Mark.
Landschastsbund Sottrum und Heimat Ortsring Gießen.
Am Sonntag, 1. September, findet eine heimatkundliche Führung durch Alt- Gießen statt unter Leitung von Universitätsprofessor Dr. Rauch und Stadtbaurat Gravert. Wir treffen uns um 11 Uhr vor der Stadtkirche. Gäste millkommen!
Ausstellung „Rhein-Rlainische Wirtschaft."
Dorzugseintrittskarten zum Preis von 30 Pfennig (gegenüber einem Einzeleintrittspreis von 1 Mark) sind noch erhältlich beim Landschaftsbund Volkstum und Heimat (Weserstraße 4), bei der NS.-Gemeinschast „Kraft durch Freude" (Schanzenstraße) und beim Amt für Berufserziehung in der DAF. (Lonystraße 18).
Ein neues Verwaltungsgebäude für den Städtischen Gcblachchof.
Das SBermaltungsgebäube des Gießener Städtischen Schlachthofes, Schlachthofstraße 2, das i m Jahre 1886 erbaut morden mar, ermies sich im Laufe der vergangenen Jahre mehr und mehr als zu klein. Die Entmicklung der Stadt Gießen und die stetig machsende Zahl der Einmohner unserer Stadt hatten naturgemäß zur Folge, daß der Betrieb des Städtischen Schlachthofes eine erhebliche Ermeiterung erfahren mutzte, der erhöhte
ren. Viele Hände mären bei der Arbeit, um für bas Winzerfest die rechte Umgebung zu schaffen. Den Gästen, die sich heute abend einfinden, wirb sich ein überraschend farbenfreudiges und vielfältiges Bild bieten. Tannengeruch von frischen Girlanden liegt in der Luft des Saales. Unser Bild (Aufnahme: Photo- Pfaff), läßt schon so ungefähr erkennen, welche Umgebung die Freunde des guten deutschen Weines er- märtet.
Anfall der vermaltungstechnischen Arbeit mußte aber nach mie vor in den beschränkten Räumlichkeiten bemäüigt merben. Ein Neubau ermies sich in ben letzten Jahren mehr unb mehr als unbebingt nötig.
Das neu zu errichtenbe Verwaltungsgebäude bes Stäbtischen Schlachthofes mird auf dem Gelände des Schlachthofes erbaut merben, unb zmar zmischen dem derzeitigen Vermaltungsgebäube unb bem Hause Robheimer Straße 23, unmittelbar an bem schmalen Wege, der entlang bem Schlachthof zu ben Marktanlagen an ber Robheimer Straße führt. Das Haus mirb zmeigeschossig erstellt. Im Erdgeschoß werben bie Büroräume (Kasse, Registratur, Büro, Direktorzimmer), ferner einen Raum für bas Publikum unb ein großes Laboratorium vereinigen, ba auch bas bisherige Laboratorium räumlich nicht entsprach. Im Obergeschoß mirb bie Wohnung des Direktors untergebracht. Für den Entmurf und die Bauleitung zeichnet das Städtische Hochbau- a m t verantmortlich.
Mit dem Bau des neuen Verwaltungsgebäudes soll noch in diesem Herbst begonnen werden. Die Ausbauarbeiten hofft man im Laufe des nächsten Frühjahrs vollenden zu können. Das neue Verwaltungsgebäude wird einen direkten Zugang von der Nodheimer Straße her erhalten. Der schmale Weg, entlang dem Schlachthof wird voraussichtlich in Fortfall kommen.
Beginn der neuen Kurse für Kurzschrift und Maschinenschreiben.
Von der Ortsgruppe Gießen der Deutschen Stenographenschaft wird uns geschrieben:
Sprungbretter der Erfolgreichen sind Kurzschrift und Maschinenschreiben. Tüchtigen Stenographen
Seife 15u.25Pfg
Puder 30 Pfg.
Zu jedem kommt einmal das Glück Vornan von Ellen Kulm
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
8. Fortsetzung. * Nachdruck verboten!
Es war doch wichtig genug, sich von dem jungen Manne, der in Monika von Jnnemanns dauernder Nähe war, ein Bild zu machen.
Nun, er war wirklich nicht besonders anziehend. Er sah richtig überstudiert aus, und für solche Leute hatte Gerling nie viel übrig gehabt. So fleißig er auch war — er hatte immer Sport getrieben und einen gestählten Körper für eine wichtige Voraussetzung auch für jede geistige Arbeit angesehen. p. f .
Aber dieser Deutschamerikaner, der sich trotz ber Brille noch tief über die Bücher beugte, deren eines er neben seinem Teller aufgeschlagen liegen hatte, schien wirklich für nichts anderes Interesse zu haben als für seine Wissenschaft.
Auch für Monika nicht! Gerling war em scharfer Beobachter, aber er konnte nicht aus einer einzigen Bewegung etwas merken, das auch nur eine flüchtige Teilnahme für Monika verriet, allerdings auch für seine übrige Umgebung nicht; während Monika, wenn auch zurückhaltend, so doch mit viel Vergnügen das Kommen und Gehen im Saale zu beobachten schien.
Nun hieß es also, eine Möglichkeit zu finden, sich Monika zu nähern. Aber das konnte ja in bem Treiben eines großen Hotels nicht schwer sein.
Als die Klinkes aufbrachen, erhob sich auch Gerling. Ungefähr zugleich mit ihnen betrat er das Vestibül. Frau Klinke fetzte sich in einen der breiten Fauteuils, Monika aber trat an die Loge des Portiers heran. Unauffällig stellte sich auch Gerling hin, so als ob er feinen Schlüssel haben wolle, aber aus Höflichkeit erst warte, bis die junge Dame ihr Anliegen erledigt habe.
Monika fragte nach Briefen und erhielt einige ausgefolgt, die sie, ohne die Anschriften auch nur anzusehen, in die Handtasche legte. Dann fragte sie, ob für bie morgige Aufführung von „Aida" harten zu haben seien, und der Portier notierte sogleich drei Logenplätze.
Als Monika daraufhin zu Frau Klinke zuruck- ging, verlangte Gerling kurz ensichlossen ebenfalls einen Logensitz für die morgige Au uhrung Der Portier notierte es, und Gerling hatte das Gefühl, daß ber welterfahrene Mann erraten hatte, baß er gern in derselben Loge wie bte Klmkes einen Platz haben wollte. m
Am nächsten Abend - den Tag über hatte Ger. ling Monika nicht zu Gesicht bekommen - betrat
er, ber auch von feinem Berufe her an Pünktlichkeit gewöhnt war, als erster bie noch leere Loge.
Er wählte ben ersten Platz im Vordergrunb unb betrachtete den sich langsam füllenden Zu- schauerraum. Aber feine Gedanken waren nicht bei dem bunten Bild, bas sich ba unten bot. Er bachte unausgesetzt an Monika. Heute würbe er sicher eine Gelegenheit haben, sich ihr vorzustellen! Sollte er ihr sogleich verraten, baß er sie von Kindheit an kannte? Wenigstens bas konnte er boch tun, ohne seine wahren Pläne preiszugeben. Aber er konnte sich auch bazu nicht entschließen. Sicher würde sich auch dazu einmal zwanglos Gelegenheit ergeben.
Knapp vor Beginn der Aufführung erschienen die Klinkes. Er stand sofort höflich auf und bot Frau Klinke seinen Platz an. Neben ihr nahm Monika Platz; ber dritte Sitz im Vordergrund war noch frei, und Gerling zögerte, ob er ihn noch bem jungen Klinke überlassen sollte. Aber ber hatte unterbeffen schon ben Rücksitz gewählt.
So saß nun Gerling neben Monika. Kaum baß tiefes Arrangement getroffen war, verdunkelte sich der Zuschauerraum, und die Ouvertüre begann.
Trotzdem Gerling Musik liebte unb seit so vielen Jahren bissen Genuß entbehrt hatte, konnte er feine Gedanken weder auf die Vorgänge auf der Bühne noch auf das fein nuancierte Spiel bes Orchesters konzentrieren.
Nun saß er also neben Monika von Jnnemann. Unauffällig konnte er immer roieber ihr Profil betrachten. Sie saß sehr ernst unb lauschte fo aufmerksam, baß sie sich kaum einmal rührte.
Sie trug heute ein himmelblaues, ärmelloses Kleid Ihre schönen, blendend weißen Schultern unb Arme hoben sich aus bem runden Ausschnitt. Der weiche, goldige Haarknoten lag tief im Nacken.
Gerling schloß bie Augen. Die Vorstellung, baß tiefes schöne Mädchen vielleicht binnen kurzem feine Frau fein würde, betäubte ihn fast. Er fühlte eine jähe Leidenschaft in sich hvchschiehen. ®ar das Liebe? Er wußte es nicht Gewaltsam riß er die Augen wieder auf.
Ns er sich in ber Pause erhob, um ben Damen ben Weg ins Foyer freizugeben, betrachtete ihn Frau Klinke freundlich und sagte ihm dann einige liebenswürdige Worte dafür, daß er ihr feinen Platz überlassen hatte. Sie wären fo spat gekommen baß sie vorhin keine Zeit mehr bazu gehabt
^Gerling erklärte höflich, baß bies doch eine selbst- verständliche Pflicht gewesen märe; übrigens scheine er sich nicht zu irren, wenn er behaupte, bie Herrschaften schon gestern abenb im Hotel gesehen zu haben
Er nannte auch mit einer Verbeugung seinen Namen Die Klinkes erwiderten biefe Höflichkeit, auch Monika tat dies, und man war bald in einem Gespräch über die Schönheit ber Ausführung Das heißt Frau Klinke sprach, und die beiden jungen
Menschen sagten nur hin und wieder ein zustimmendes Wörtchen.
Johnie blieb im Hintergrund. Er hatte auch die Pause benutzt, um ein kleines Notizbuch hervorzuziehen unb einige Gedanken zu vermerken, die ihm gerade gekommen waren, und die wohl seine wissenschaftlichen Arbeiten betrafen.
Nach ber Ausführung wartete bas Auto ber Klinkes. Aber Frau Klinke erklärte ber Jugend, baß sie noch gar nicht mübe sei, unb baß man noch etwas unternehmen könne. Herr von Gerling sei eingelaben, mitzukommen.
Bald saß man zu viert in ber Ecke einer kleinen Bar, die in Mode und daher überfüllt war.
Aus bem winzigen Viereck, auf bem getanzt wurde, drängten sich bie Paare, baß sie kaum vorwärts konnten.
„Tanzen Sie, gnädiges Fräulein?" fragte Gerling.
Monika schüttelte ben Kops. „Ich habe es nie gelernt, aber ich glaube, wenn ich noch eine Weile zugesehen Ijabe, so würbe ich es wohl können. Es scheint ja gar nicht so schwer zu sein."
„Die ganz neuen Tänze beherrsche ich auch nicht. Aber einen Tango würde ich gerne versuchen, oder noch lieber einen Walzer, wenn es so was noch gibt."
„Waren Sie denn lange im Ausland?"
„Ich habe seit einigen Jahren im persischen Hochland Bahnen gebaut. Und habe jetzt einige Monate Heimaturlaub."
„Wahrscheinlich um Ihre Angehörigen zu besuchen?"
„Ich besitze leider keine nahen Verwandten. Geschwister habe ich nie gehabt, meine Eltern sind tot."
„Und wie gefällt es Ihnen wieder im Lande?" „Ich liebe meine Heimat. Ich habe oft, ein so vorzügliches Ablenkungsmittel auch die Arbeit ist, Heimweh gehabt. Aber doch ist es traurig, wenn man fo einsam zurückkehrt wie ich."
„Ich habe auch keine Eltern mehr unb keine Geschwister. Ich weiß, wie bas tut, Herr von Gerling. Da könnten wir ja gute Freunde werb m."
,^@ern, mein gnädiges Fräulein."
Indes begann bie Musik einen langsamen
Tango zu spielen. 0 _ _
„Wollen wir versuchen zu tanzen? Es ist ganz ungefährlich. In bem Gebränge achtet keiner auf ben anbern, unb außerdem ist es unmöglich, richtig zu tanzen. Dann kann es niemanbem auffallen, daß wir keine Künstler find."
Monika zögerte, aber Frau Klinke legte ihr bie Hanb auf Die Schulter unb schob sie aufwärts.
„Nur zu, mein Kinb, man ist nur einmal jung. Wir haben Sie nicht mitgenommen, damit Sie Ihr Leben vertrauern. Nicht wahr, Johnie?"
Johnie blickte auf. Er sah einen Augenblick feine Mutter etwas hilflos an.
„Gewiß, Mama!" fagte er höflich. Dann glitt fein Blick zu Monika hinüber.
Irrte sich Monika, ober war er wirklich rot habet geworden?
Aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Gerling hatte schon den Arm um sie gelegt und führte sie mit sicheren Schritten.
Er war früher einmal ein sehr guter Tänzer gewesen. Er führte gut und sicher, und Monika hatte trotz ihrer Befangenheit fo viel natüliche Grazie und angeborenen Rhythmus, daß sie sich ganz unbewußt feinen Schritten anpaßte.
Sie waren ein schönes Paar, ber dunkelgebräunte Mann unb bas lichte Mädchen. Manche Blicke folgten ihnen, aber sie merkten es nicht.
Monika war ganz bem für sie neuen Erlebnis bes Tanzens hingegeben. Gerling aber konnte seine Erregung, Monika so nahe zu haben, kaum verbergen.
Nach bem Tanze führte er sie an den Tisch zurück.
Frau Klinke lobte Monika. Ihrer Natur entsprachen Fröhlichkeit und Gutherzigkeit so sehr, daß sie Monika das neue Vergnügen von Herzen gönnte.
Johnie sagte nichts.
Den nächsten Tanz ließen die beiden aus, dann aber wurde ein Wiener Walzer gespielt, und Gerling und Monika tanzten von neuem.
Monika brannten die Wangen. Sie fühlte sich sehr glücklich. Ihr lebhaftes Temperament, das durch das freudlose Leben bei ben Rieders' ganz verschüttet gewesen war, erwachte jetzt erst.
Die neue Welt des Lebensgenusses und des Reichtums nahm sie mit allen ihren Reizen gefangen.
Gegen Ende des Abends aber geschah noch etwas Ueberraschendes.
Als die Musik gerade wieder von neuem einsetzte, erhob sich plötzlich Johnie Klinke und sagte mit einer steifen Verbeugung:
„Würden Sie auch einmal mit mir tanzen, Fräulein von Jnnemann?"
Ueberrascht sah ihn Monika an. Aber sie nickte dann sogleich freundlich und ging mit ihm.
Johnie Klinke war kein so sicherer Tänzer wie Friedrich von Gerling. Aber es ging ganz gut.
Monika wunderte sich darüber; aber sie sprach nichts, unb auch Johnie sagte kein Wort. Nach dem Tanz führte er sie wieder zum Tisch zurück und nahm ruhig seinen alten Platz wieder ein.
Aber seine Mutter strahlte.
„Johnie, mein alter Junge, daß du auch wieder einmal tanzt! Wie lange ist das her! Und dabei ist er doch schon in Kindertanzstunden gegangen. Und wie gut er es damals gemacht hat. Und auch später. Aber er machte sich bloß nie was braus. Was, Johnie?"
„Ja, Mutter, du hast ganz recht! Aber ich wollte es auch wieder einmal versuchen."
Bald darauf brach man auf unb trennte sich in ber Hotelhalle. —
(Fortsetzung folgt!)


