Ausgabe 
31.8.1935
 
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daß wir bett Mut gefunden haben, als erstes Volk zu dieser Tat überzugehen. Andere Staa­ten werden nun auch versuchen, diese Methoden anzuwenden.

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird bestätigen, daß ein Volk nur gedeihen kann, wenn das Gute in ihm bestehen bleibt und das Schlechte zugrunde geht. Wir müßten ja geradezu antigöttlich bandeln, wenn wir das Gute vernachlässigen wür­ben, um das Schwache zu erhalten. Neben der Auf­klärung über diese Frage können wir aber auch nicht mehr länger zusehen, daß auf diesem Gebiete unberechtigte Kritik geübt wird. Hier gibt es für uns nur das Wort:Gib dem Staat, was dem Staate ist, und Gott, was Gottes ist!" Wenn man nun erklärt, Christus habe selbst gesagt:Mein Reich ist nicht von dieser Welt", so sagen wir, aber unser Reich ist von dieser Welt, und es ist ausschließlich die politische Angelegenheit der nationalsozialistischen Partei, des Deutschen Staates und des Führers Adolf Hitler, in diesem Reich zu bestimmen. Daran lassen wir von niemand rühren.

Aber nicht allein der politische Katholizismus ist dabei, Zwietracht in das Volk hineinzutragen. Es gibt auch eine Anzahl Menschen, die evangeli­scher Konfession sind und die versuchen, Zwietracht zu schassen. Vor einiger Zeit wurde von einigen erklärt, daß ich in Hessen die Be­kenntnisse unterdrücke. Ich habe bereits in Darmstadt beim Gautag gesagt und wiederhole es hier:

Um seines Bekenntnisses willen ist in Deutsch­land und auch in Hessen niemand irgendwie angefaht worden. Sein Bekenntnis kann jeder ausüben, wie er will, er kann ganz nach seiner Fasson selig werden. Wer aber Anordnungen der Reichsregierung und der Landesregierung nicht befolgt, der verfällt der Gerechtigkeit.

Diese Gerechtigkeit wird von uns ausgeübt. Dabei kann auch ein Pfarrer nicht anders behandelt wer­den, nur weil er Pfarrer ist, als irgend ein anderer Volksgenosse. Wir verlangen von den Konfessionen, daß sie die nationalsozialistische Welt­anschauung respektieren. Wer in diesem Rahmen Gott dienen will, dem ist es unbenommen, es zu tun. Der Staat steht hier schützend vor allen denen, die sich zum Christentum bekennen. Aber alle sollen doch bedenken: wenn wir nicht gewesen wären, so wären sie heute nicht mehr.

In der letzten Zeit ist auch kritisiert worden, daß hier und da die Preise etwas in die Höhe ge­gangen sind. Wer glaubt, daraus eine Hetze machen zu können, kann gewiß sein, daß den Hetzern das Handwerk restlos gelegt wird.

Der Reichsnährstand tut allen Bolksgenosien gegenüber feine Pflicht.

Heute bereits sind die Preise auf das Maß zurück­gesetzt worden, das im Rahmen der Arbeit ange- messen ist. Es wird für alle Welt mustergültig sein, wie wir die Preise herabgesetzt haben. Unser Bauerntum, das wieder kerndeutsch geworden ist, kann dabei als Mu st er und Beispiel allen vor Augen gehalten werden. Es ist selbswer- ständlich, daß jeder Volksgenosse für seine Arbeit das haben muß, was die Arbeit wert ist.

Niemand hat ein Recht, vom deutschen Volke zu verlangen, daß er in kurzer Zeit auf kosten der Volksgesamtheit ein Vermögen ansammeln kann, das normalerweise nur in mehreren Generationen bei sparsamer Wirtschaftsführung erworben werden kann. Niemand hat das Recht, in ein bid zwei Jahren sich ein 2HU- lionenvermögen zu schaffen.

Die Gerechtigkeit wird Dolksverbrecher dieser Art in ihre Schranken zurückweisen. Dazu mitzuhelfen ist Pflicht aller deutschen Volksgenossen und aller Hausfrauen, die es den zuständigen Stellen mit­teilen müssen, wenn sie derartige Dolksverbrechen bemerken. Diese Hetze wegen der Preise ist die ab­gefeimteste und raffinierteste bisher gewesen.

Das deutsche Volk wird sich r e st l o s zusam­menscharen müssen, um diese schlimmen Feinde aus seinen Reihen auszustoßen. Das deutsche Volk kann in seinem Vormarsch nie aufgehalten werden, wenn es den richtigen Weg geht, wie

in den letzten beiden Jahren. An der Spitze diejes Volkes steht der Führer, gestützt auf das Vertrauen der deutschen Men- scheu. Das deutsche Volk darf dieses Vertrauen niemals verlieren.

Das deutsche Volk Hal immer bestanden, wenn es freu zu feinen Führern gehalten hat. Das alte Erbübel der Deutschen, die Zwietracht, darf nie wieder in unsere Reihen zurückkehren. Wir wollen aneinanderrücken. Wann an Wann. Das deutsche Volk muß nationalsozialistisch in seinem Tun und handeln sein. 3n diesem Volke steht die Partei als Vorbild im Leben und Vorbild der Tat. Jeder einzelne der Bewegung hat die Verpflichtung, täglich neu durch die Tat zu beweisen, daß er würdig ist, Nationalsozia­list zu fein.

Der Führer hat dem Volke seine Wehrmacht wieder- gegeben, um die deutschen Grenzen zu schützen gegen jeden Angriff, woher er auch kommen mag. Das deutsche Volk steht auf dem f e st e n Fundament der beiden Säulen: Partei und Wehrmacht! Auf diesen Säulen ruht Deutsch­lands Macht und Ansehen in der Welt. Darum hüte sich jeder, diese Säulen anzutasten oder gar nach ihnen zu greifen. Wer uns zwingt, zum Schutze dieser Säulen aufzustehen, ist dem harten Griff des Staates verfallen. Stehen wir zusammen wie e i n Mann, dann steht auch unser Reich allen Hetzern und allen Staatsfeinden gegen­über unerschütterlich da. Wer glaubt, sich damit nicht abfinden zu können, soll still beiseite treten, er kann überzeugt sein, daß ihm nichts aeschieht. Wer aber glaubt, wieder schmutzige politische Ge­schäfte machen zu können, den werden wir un­schädlich machen.

So, deutsche Volksgenossen, wollen wir als Deutsche aufrecht unseren Weg gehen und unse­rer Jugend den Weg in die Zukunft weifen. Drei Jahre Aufbauarbeit und drei Jahre natio- nalfozialistischer Führung müssen alle Hetzer verstummen lassen. So wollen wir weiterbauen und Stein auf Stein fügen, bis auch der letzte deutsche Volksgenosse seine Arbeit hat und feine Existenz gesichert ist. So wollen wir vorwärts- schreiten, durch die Arbeit und durch die Tat beweisen, daß Worte und Taten im national­sozialistischen Staate vollkommen in Einklang stehen.

Mit Stolz kann ich daraus Hinweisen, daß ein ein­drucksvolles Stück dieses nationalsozialistischen Auf­baues in unserer engeren Heimat in der gegen­wärtigen AusstellungRhein-Mainische Wirt­schaft" in Frankfurt zu sehen ist.

Deutsche Volksgenossen! Euch rufe ich zu: Don Euch hängt es ab, ob Statsfeinde und Dunkelmän­ner weiter ihr Unwesen treiben können. D i e Geschichte geht vorwärts, niemals rückwärts! Zustände, die einst bestanden haben, können nicht wieder hergestellt werden.

Das deutsche Volk hat sich einig bekannt zu seinem Führer Adolf Hitler. Bleiben wir so einig und handeln wir so einig, auch in den kleinsten Dingen, dann können Staatsfeinde und Dunkelmänner niemals etwas erreichen.

Laßt uns allezeit bleiben Männer und Solda­ten Adolf Hitlers!

Die Rede des Gauleiters wurde oft von starken Zustimmungskundgebungen unterbrochen und am Schluß mit'langanhaltendem Beifall unterstrichen.

pg.Klostermann

sprach hierauf das Schlußwort. Er sagte u. a.: Diese Kundgebung der mindestens 18 000 Menschen wird jedem zeigen, daß die Bewegung trotz der Sommermonate ihre alte Schlagkraft besitzt, heute vielleicht noch stärker als jemals zuvor. Wohl die größte Kundgebung, die dieser Platz unserer Stadt bisher gesehen hat, legt Zeugnis ab von der

Gefchlossenheit der Partei und der anständigen Bevölkerung von Gießen.

Wie diese Kundgebung schon genügt, um Angriffe auf den Staat abzuweisen, so können wir auch stolz sein auf das, was wir bisher fertiagebracht haben, können stolz sein darauf, daß wir Die Menschen so führen können und daß kein anderer mehr tn der Lage ist, einen Keil in diese Geschlossenheit zu treiben.

Das deutsche Volk ist einig und wird sich immer zusammenscharen, wenn Gefahren drohen, wie es auch heute abend sich zusammengeschart hat.

Wir wollen jene Menschen nicht überschätzen, son­dern auf unsere Leistungen stolz sein, dann werden wir das Beste haben, um diese Angriffe abzuweh­ren. Wie wir hier zusammenstehen, so steht auch

Deutschland zusammen. Wir müssen alle zum großen Dritten Reich stehen und immer zei­gen, daß wir einen einzigen Führer haben, dem wir bedingungslos folgen, wohin er uns auch führt: Adolf Hitler! Zu diesem Mann erheben wir unsere Häide und rufen in treuer Gefolgschaft zu diesem Führer und der deut­schen Zukunft dreimalSieg-Heil!"

Begeistert stimmte die Riesenoersammlung in die Ruse ein und sang anschließend den ersten Vers des Horst-Wessel-Liedes.

Hierauf marschierten, nachdem der Gauleiter, wie­der herzlich begrüßt, den Platz verlassen hatte, die Formationen der Bewegung geschlossen ab, wobei die SA. unter dem Kommando des Standarten­führers Lutter über den Horst-Wessel-Wall, durch den Seltersweg, über den Kreuzplatz und durch die Sonnenstraße zum Standartengebäude marschierte, wo das Feldzeichen der Standarte und die Sturmfahnen feierlich eingebracht wurden. Sodann traten die Stürme weg, während die an­deren Formationen für sich abrückten bzw. die Be­triebgefolgschaften sich teils geschlossen, teils einzeln auf den Heimweg begaben.

Aus der provinzialhaupisiadi.

Zusprache am Arbeitsplatz.

Aus dem Lande sprechen sich die Leute allent­halben zu. In dem Menschengewoge der Stadt ent­wickelt sich naturgemäß für jeden einzelnen ein be­stimmter Grußkreis mitunter bis auf den Treppen­verkehr im Etagenhaus. Dorfjugend, die in falsch- verstandener Aufnahmebereitschaft solche und ähn­liche stadtgebundene Verkehrsformen besuchsweise mit nach Hause bringt, stellt sich damit außerhalb der Dorfgemeinschaft, die die Abtrünnigen im besten Fall durch gutmütigen Spott, wie:Gelle, Marie, du kennst uns naut nti!" in die Heimatsront zurück­ruft.

Dieses schöne Brauchtum, das von altersher die organisch wachsende Dorfgemeinschaft in steter innerer Verbundenheit hält, erlebt eine mannig­faltig anregende, farbenreiche Steigerung, wenn der Vorübergehende den anderen bei einer Arbeit

sieht. Wenn wir Glück haben, hören wir auch ge­legentlich mit, was hierArbeit" ist:No, Hannes, wu kimmst de dann her?"Dom Perner!" Woas döre Dann?"Naut, e sah oam Desch ean schräib!" Nachmittags geht derselbe Be­sucher zufällig am Pfarrgarten vorüber und sieht den Pfarrer ein Beet umgraben:No, Herr Pfar­rer", ruft er freundlich über die Hecke,soll aach noch a bisst woas geärwet wörn?"

Eines heißen Sommertages warf ich von der Straßenseite aus Kohlen und Briketts in meinen Keller und war dadurch zusprachewürdiger ge­worden, zumal hier etwas ungewöhnliche Arbeit noch einen Schuß urtümlicher Schalkhaftigkeit mit auf die Zunge trieb.Do debei gebts oawer aach schwoarze Finger!" lächelte der eine schmunzelnd mir zu, ein anderer faßte die polare Gesühlsspan- nung solcher Arbeit kurz und treffend in den Zu­

ruf:E schie' Aerwet, wann fe gedoh'n east* und ein dritter meinte teilnehmend:Do gebts oawer aach en lange Buckel debei!" Eine Frcut wollte mir im Schweiße meines Angesichts wohl: Woas fei''. so domm aich krieje aach hau'r Koann, aich woarde oawer, bis die Sonn' vo' mei'm Kealler eweck eas!" Ein moderner Eigenheimer hob mein Selbstgefühl durch wehmütigen Neid:Sie haben es fein, Sie werfen ihre Briketts von der Straße direkt in den Keller, ich muß alles durch meinen Vorgarten tragen!" Der dorfverbundene Schornsteinfegermeister sah mich als Glied in der Kette eines Arbeitszuges:Sie sorgen uns doch wieder für Arbeit!" Ein Nachdenklicher verklärte mir den Augenblick durch Hinweis auf den ge­häuften Ertrag meiner Arbeit:Doas Zeug mächt aam dreimoal woarm: aamoal, bis merfch eam Kealler hoat, dann bis merfch bezoahlt hoat unn eam Weanter, wann's taalt eas!" Nachbarliche Solidarität leuchtete auf:Etz waaß mer doch wenigstens, wu mer hi se gih'n hoat, wanns taalt werd!" Und auf feinem Rückweg zollte mir ein Schalk Anerkennung:Doas geng oawer flott! Wann Se ferdig sei, koanne Se zou mir komme, aich hunn aach en Waa'n voll uff de Gaß leie!"

Gewiß gibt es auch im Dorfleben Feindschaften, aber der Dorfbewohner weiß auch zu unterscheiden, sehr häufig besser, als der Gebildete anzunehmen geneigt ist. Bleibt da im nassen Herbst auf ver­fahrenen Feldweg ein Bauer mit seinem schwerbe­ladenen Dickwurzwagen stecken; ein anderer kommt hinzu, aber beide sind Feinde. Trotzalledem spannt er jenem vor und zieht ihnaus dem Dreck". Der bedankt sich und will, dem Augenblick vertrauend, ein Gespräch machen. Aber der Helfer meint kurz und bündig:Doas woar Christenpflicht, doas anner bleibt so!" und fährt mit Peitschenknall an.

Auf der anderen Seite kanndicke Freundschaft gelegentlich, allerdings auf Gegenseitigkeit, sich auch etwas mehr erlauben. So sah ein wohlgenährter Metzgermeister zufällig aus dem Fenster seines Schlachthauses auf die Straße, während gerade einer seiner Freunde vorbeiging.No, Fritz" hoast de geschloacht?" rief er ihm in alter Freundschaft zu.Naa'n!" gab er zurück. Darauf jener mit der harmlosesten Miene von der Welt:Aich glaabt, weil de de Säukopp oam Fenster hänge hoast!" Das Fenster knallt zu, aber wehe dem Spötter!

Auch vonZugezogenen", insbesondere solchen von Amt und Würden, spricht sich als erster Ein­druck bald herum, ob der oder jener freundlich ist, d. h. ob er durch Gruß und Zusprache sich in die Dorfgemeinschaft eingliedern will. Allerdings darf man es dann nicht machen wie jener, der auf feinem abendlichen Gang durch die Felder die brauchtüm- liche Zusprache als Würz? zum harten Rhythmus der Arbeit entweihte durch zeitraubende Unterhal­tungen über Gott und die Welt. Die Bauern liefen ihm bald einfach davon, wenn sie ihn nur von ferne kommen sahen. " R- B-

Gießener Wochenniarktpreise.

Gießen, 31. Aug. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark. Landbutter 1,40 bis 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier (inländische) 12, Wirsing, das Pfund 15 bis 20, Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut 15 bis 20, Gelbe Rüben 10 bis 15, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20 bis 25, Römifchkohl 6 bis 10, Bohnen (grün) 15 bis 20, (gelb) 20 bis 25, Erbsen 30 bis 35, Tomaten 15 bis 20, Zwiebeln 10, Rhabarber 8 bis 10, Kürbis 6 bis 8, Pilze 30, Kartoffeln, das Pfund 4V2 bis 5 Pf., der Zentner 4 bis 4,50 Mark, Früh­äpfel, das Pfund 15 bis 45 Pf., Falläpfel 6 bis 10, Pfirsiche 45 bis 50, Brombeeren 45, Preiselbeeren 45, Birnen 10 bis 35, Zwetfchen 15 bis 20, Mira­bellen 25 bis 30, Renekloden 20 bis 25, junge Hähne 90 bis 100, Suppenhühner 70 bis 80, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 10 bis 70, Salat 5 bis 12, Salatgurken 5 bis 25, Ein- machgurken 1 bis 3, Endivien 5 bis 25.

adi© Photo 463 D

Seltersweg 67 ULWMÄ Telephon 3170

Spiele des Zufalls.

Von Wilhelm von Scholz.

Wir bringen mit diesem Aufsatz eine Ver­öffentlichung aus dem BucheDer Zu­fall und das Schicksal" von Wilhelm v. Scholz, das demnächst im Paul-List- Verlag in Leipzig erscheint. Es erzählt und Deutet gleichzeitig eine Fülle von merkwür­digen Zufällen aus dem Alltagsleben. Gegen­über Der diesem Buche zugrundeliegenden früheren Schrift über den Zufall, in der die Theorie von derAnziehungskraft des Be­züglichen" zum ersten Male entwickelt wurde, geht der Verfasser hier auch auf eine Deu­tung von Schicksalen aus.

Ein Neuyorker Arzt hat einen seiner Patienten verloren. Nicht durch Den Tod, was leider eine ziemlich häufige Art ist, mit der Patienten ihren Aerzten durchgehen ober wenigstens die Bezah­lung ihrer Doktorschulden auf andere Leute ab­schieben.

Der Patient, Mr. Smith, von dem ich erzähle, war einfach umgezogen. Das ist in Neuyork, wenn man Mr. Smith ober Brown heißt, babei noch ben Stabtteil wechselt unb biesen Vorgang außer- bem nur ein wenig künstlichtarnt", so gut ober wenn Sie wollen: so schlecht wie gestorben!

Der Arzt bemühte sich vergeblich um bie neue Abresse seines Pfleglings; nicht nur, um sich teil» nehmenb nach besten Befinben zu erfunbigen, fon- bern auch um ihn an bie Bezahlung ber Rechnung freunblich zu erinnern. Trotz Melbeämter, Einwoh­nerlisten mußte er bas Suchen schließlich aufgeben.

llnb nun kommt ein merfroürbiger Zufall ihm plötzlich zu Hilfe, so unerwartet unb erstaunlich wie nur möglich: an einem Bries, ben ber Arzt erhält, hat sich burch ein wenig über ben Klebranb bes Umschlages geschmierten Leim ein zweiter Brief angehängt, ber bie neue Anschrift gerabe seines Mr. Smith trägt unb ihm mühelos in bie Hänbe spielt, was seinen Anstrengungen nicht hatte ge­lingen wollen.

Sagen Sie nicht: wenn schon ber Arzt so bie Wohnung bes Mr. Smith herausbekommen hat, was ist bas für eine Weltorbnung, bie zuläßt, baß Bäcker, Fleischer, Schneiber, Schuhmacher unb Ra- biolieferant nicht alle auch auf eine geheimnisvolle Weise von bem neuen Quartier bes Schulbners in Kenntnis gesetzt werben! Einem muß er zahlen, bie anberen gehen leer aus; welche Ungerechtigkeit!

Aber ich erzähle es ja nicht wegen ber Weltorb­nung unb ber Gerechtigkeit. Zunächst erzähle ich es

wegen einer praktischen Nutzanwenbung, bie ge­rabe heute mancher wirb brauchen können, unb bie ich in meinem Leben häufig bestätigt gefunben habe: baß unser Wille auf uns unbekannten Wegen zu gehen vermag, um sich burchzusetzen unb uns zu helfen!

Der Arzt hatte eben bie Sache aufgegeben. Sein wie von einem Senber 'ausgestrahlter Wunsch aber bewirkte ben Fang bes Durchbrenners, wie es eine Kriminalmitteilung irn Runbfunk nicht bester hätte tun können. Der Brief an ben Doktor brachte wie ein Polizist ben anberen am Kragen mit auf bie Wache!

Der Fall ist nicht so selten unb außergewöhnlich, wie man vielleicht auf ben ersten Blick benkt. Seit ich mein kleines BuchDer Zufall, eine Vorform bes Schicksals" veröffentlicht habe, erhalte ich fast in jeber Woche aus bem Leserkreise bie Mitteilung solcher Vorkommnisse, bei benen man stutzig ge­worben ist, bei benen man mit bem Begriff bes bloßen Zufalls" nicht recht ausreicht.

Ich war in einer Gesellschaft. Ein sehr alter Herr er mochte bie achtzig Jahre schon über­schritten haben schwärmte von ber Charlotte Wolter, ber einst gefeierten Helbin bes Wiener Burgtheaters, unb beklamierte ben berühmten Vers aus berAntigone" bes Sophokles:Nicht mit zu baffen, mit zu lieben bin ich ba!" ben er noch fo im Ohre habe, wie ihn bie Wolter gesprochen. Einen Augenblick barauf stehen wir, ber Wolter- Begeisterte unb ich, plaubernb vor bem Bücher­schrank. Ein Buchrücken fesselt mit irgenb etwas Aeußerlichem unsere Aufmerksamkeit, so baß wir Den Hausherrn um ben Schlüssel bitten unb bas Buch herausnehmen. Wir schlagen es auf: bie erste Seite trägt groß unb aufbringlich in farbigen Lettern bas Motto:Nicht mit zu hasten, mit zu lieben bin ich ba!" Es war eine Luxusausgabe von RaabesHungerpastor".

Diese Art von Zufällen, von ber ich hier spreche, kann auch Humor haben unb sogar schabenfroh sein. Das hat eine Familie bei ihrer Sommerreise sehr nachbrücklich erfahren.

Man war mit ben Kinbern in ein Dftfeebab ge­gangen unb freute sich, alten Verpflichtungen benen bes Amtes unb bes Verkehrs für ein paar kurze Wochen entronnen zu fein. Man faß im Stranbkorb unb las bie neuesten Unterhaltungs­romane ober lag im warmen Sanbe unb sonnte sich. Die Kinber bauten bie stolzesten Burgen ober suchten Muscheln unb Bernstein. Von biesem letz­teren fanben sie allerbings nur ein Stückchen, bas offenbar nicht unmittelbar ein Geschenk bes Meeres, sonbern schon in menschlichem Besitz gewesen war. Es zeigte eins feine Durchlochung, die dem ältesten

Jungen barauf zu beuten schien, baß es einst ber Halskette einer frühen Germanin zugehört haben könnte bem skeptischen Vater inbessen, baß es bas zerbrochene Munbstück einer späten Zigarren­spitze vorstellte.

t)es Abenbs las man zweimal in ber Woche auf­merksam bie Kurlisten unb freute sich, wieviel Na­men es gab, bie alle keine Störung bes Ferien- friebens anbrohen: so schön unbekannt klangen sie. Bis enblich boch ein leiber nur allzu bekannter Name in bem Verräterblatt auftauchte unb bie Fa­milie in Schrecken versetzte ber vonzärtlichen Verwanbten"!

Kriegsrat: nicht auf bie Promenabe gehen, son­bern gleich nach bem sehr zeitig eingenommenen Frühstück unb nachmittags unmittelbar nach bem Essen, ehe bie anberen Kurgäste noch ihre Be­wegungsfreiheit enebergeroonnen haben, hinaus zum Straub, wo man Stranbkorb unb Burg glück­licherweise ganz weit nach Osten ausgestellt hatte! Das kann eine Woche Schonzeit bringen, wenn bas Glück nur einigermaßen günstig ist.

Man hanbelt bementfprechenb am nächsten Mor­gen unb kommt noch mit ben Frühstückssemmeln in ber Hanb am Stranbe an. Siehe ba: wo ist benn bie Burg ber Kinber geblieben? Als man zorn- bebenb barauf zustapft, erkennt man: sie ist offen­bar als bloßer Rohstoff in eine noch viel größere neue Nachbarburg verarbeitet wie einst im Mit­telalter von rohen Hänben antike Tempel, Grab- benkmäler, Tore abgebrochen würben unb ihre Steine für neue Häuser hergeben mußten. Der zur Empörungsrebe schon tief eingezogene Atem wirb tonlos roieber ausgehaucht: auf ber Zinne ber neuen Burg stehen winkenb unb mit frohem Be­grüßungsgeschrei Onkel Ebuarb, Tante Kunigunbe unb ihre artigen hoffnungsvollen Sprößlinge Max unb Moritz.

Ist bas nicht wie verhext? Unsere Freunbe fassen es nicht, baß ihnen bei ihrer Vorsicht ber neckische Zufall biesen Streich spielen muß. Es ist, als hätte bas noch so lose Verwanbtschaftsbanb trotz alles innerlichen Widerstrebens ber einen Partei bie neuen Ankömmlinge gerabe an biefe entfernte Stelle bes Stranbes geführt, wo sie so wenig will­kommen waren!

Eine Erklärung? Ich will eine möglichst einfache geben, bie jeber für sich roieber ausbauen kann. Was bem Sinne, bem gleichen Inhalt nach, burch Verwanbtschaft, einen sehr lebhaften Wunsch ober sonstwie von Rechts wegen zusammenhängt, bar strebt offenbar auch aufeinanber zu. In Der er­wähnten kleinen Schrift habe ich es so gefaßt: was sich irgenbroie aufeinanber bezieht, bas zeigt eine uns nicht weiter erklärbare Anziehungskraft, bie ich

beshalbDie Anziehungskraft bes Bezüglichen" ge­nannt habe.

Jeber, ber einmal genau beobachtet, was um ihn täglich geschieht: wie ihm Namen, bie er seit Jah­ren nicht gehört hat, bann gleich zwei- ober brei- mal begegnen; wie in Kliniken, was viele Aerzts bestätigen werben, von seltenen Krankheiten meist kurz hintereinanber zwei ähnliche Fälle eingeliefert werben; wieein Unglück selten allein kommt" unb auch bas Gute meist weiteres Gute nach sich zieht so baß man mit Recht von Pechsträhnen unb Glückssträhnen sprechen kann ber wirb mir bei­stimmen unb vielleicht selbst solche merfroürbigen Fälle aus Interesse an ber Sache sammeln unb auf* schreiben.

Jtefrufen(e6en im Reich des NeguS.

Während bie Diplomaten immer wieder neue Versuche machen, Die drohende Kriegsgefahr auf dem schwarzen Erdteil zu bannen, werden im Reich des Negus Negestt Tag um Tag neue Rekruten zur Ausbildung herangezogen. Von der Art dieser Ausbildung macht sich der Europäer aber wohl zu­meist keine rechten Vorstellungen, und die auf Grund persönlicher Beobachtungen von Sir Perci» oal Philipps imDaily Telegraph" verfaßten Be­richte verdienen darum besondere Aufmerksamkeit. Die Abessinier nehmen die Ausbildung überaus ernst und während des täglichen Drills taucht kaum eine Spur von Humor auf. Bei Sonnenaufgang versammeln dieUnteroffiziere" ihre Soldaten um sich, die nur zum Teil in Khaki-Uniform gekleidet sind, im übrigen aber das landesübliche weiße Ge­wand tragen. Auch die Bewaffnung der Truppe ift alles andere als einheitlich, gelegentlich sieht man alte Gewehre, Daneben aber auch Waffen, Die sich mit ber mobernen Ausrüstung der europäischen Armeen des 20. Jahrhunderts nicht vergleichen lassen. Die Uebungen werden mit äußerster Strenge burchgeführt und sind sehr gründlich. In der Militärschule, die sich etwa dreißig Kilometer von der Hauptstadt entfernt befindet, werden zur Zeit etwa zwanzigtausend Leute ausgebildet. Vor fünf Monaten war die Zahl nicht größer als vier­tausend. Auch Burschen zwischen zehn und fünfzehn Jahren werden zur Ausbildung herangezogen, und sie lernen alles, was sie zum Soldatendienst brau­chen mit Ausnahme des Schießens; denn dazn fehlt es an Waffen und Munition. Die Landes­kundigem in ihren Leistungen überaus zähe urd) zuverlässige Soldaten, sind trotz dieser aus tech­nischen Gründen sehr eingeschränkten Ausbildung nicht zu unterschätzende Gegner