Ausgabe 
31.7.1935
 
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Nr. 176 Drittes Blatt

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheften)

Mittwoch, Zl.Zuli 1955

DasLnsantene-Regiment Gießen übt in Oberheffen

Oie Gchlußgefechie am gestrigen Dienstag.

Gemeinsame Liebling des I. und 111. Bataillons.

Am gestrigen letzten Tage der Regimentsübungen des JR. Gießen lag das I. Bataillon in der Ausgangslage in kriegsmäßigem Biwak an der gleichen Stelle wie am Vorabend bei dem friedens- mäßigem Biwak in der Nähe von K l o st e r Arnsburg.

Das I. Bataillon (Blau) wurde gestern mor­gen um 4.20 Uhr alarmiert, da die Nachricht einae- laufen war, daß der Gegner bei dieser Hebung handelte es sich nicht um eine Annahme, sondern der Feind wurde vom III. Bataillon IG. Gie- ßen (Rot) dargestellt vom Süden her im An- marsch sei und die Flanke des I. Bataillons be- ?ataiUon erhielt den Auftrag, die süd- Uche Flanke der mit Front nach Osten kämpfenden Dwlston gegen diesen neuen Gegner zu schützen

Es ruckte daher, nachdem das Biwak beschleunigt abgebrochen worden war, über Muschenheim zu dem Höhenzug südlich Bettenhausen. Dort begann alsbald lebhafte Aufklärungstätigkeit, um feftzustellen, wo sich der aus Süden gemeldete Geg­ner befand. Nach einiger Zeit gingen Meldungen ern, aus denen zu ersehen war, daß der Feind sich rm Vormarsch auf Utphe befand. Nunmehr ent­wickelte sich vor den Augen des Bataillons der Angriff des Gegners in dem breiten, übersichtlichen N»von Trat g Horloff bis Utphe. Das 111. Bataillon (Rot) erschien aus der Richtung Unter-Widdersheim, entfaltete sich und ging in breiter Front über die Felder dieses Tales vor Der Angreifer wurde vom I. Bataillon (Blau) fo früh wie möglich unter Feuer genommen. Bei diesem Stand des Gefechts bot sich dem Beschauer der Anblick eines Angriffs von weitesten Entfer- nungen bis kurz vor die Front des Verteidigers. Unter dem Abwehrfeuer von Blau ging der Rote Gegner aus seiner anfänglichen Gliederung der Marschsicherung über Entfaltung zur Entwicklung über, d. h. immer mehr verschwanden die einzelnen Soldaten des Roten Gegners und dessen einzelne Waffen im Gelände, und immer lichter wurden die Formen. So gelang es Rot, sich langsam der Front von Blau zu nähern. Kurz bevor es hier zum Zusammenstoß kommen mußte, erhielt Blau die Nachricht, daß sich nunmehr die Blaue Division vom Gegner gelöst habe und somit der Stoß von Rot die gefährdete Flanke nicht mehr treffen könne. Hiermit war der Auftrag des I. Bataillons (Rot) erledigt, und es ging nunmehr zurück. Bei diesem Stande wurde die Hebung abgebrochen.

Nach der Besprechung, bei welcher der Regiments­kommandeur Oberst V i e r o w das Wort zur Kritik ergriff und gleichzeitig den bei der Hebung an- wesenden Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger willkommen hieß, rückte das I. Bataillon nach Gie- ßen ab, wo es kurz nach 17 Hhr eintraf und von zahlreichen Volksgenossen herzlich begrüßt wurde.

Bei einer Rückschau auf die Hebungstage er­innern sich die Angehörigen des Bataillons mit be- sonderer Freude und mit großer Anerkennung ihrer Quartiergeber im Vogelsberg und in der Wetterau, denen sie für die herzliche Aufnahme aufrichtigen Dank wissen.

Das n. Bataillon.

Am gestrigen letzten Hebungstage des Bataillons waren Rot und Blau im Raume nördlich Bers­rod ihrer Lage entsprechend aufgebaut. Rot hatte bei Punkt 310 eine Verteidigungslinie eingerichtet und hier besonders schwere und leichte Maschinen­gewehre mit guter Tarnung zum Schutz eingesetzt. Blau, im Angriff aus östlicher Richtung, hatte laut Flieger- und Spähermeldungen mit seinen vorde­ren Teilen bereits die gegenüberliegenden Wald­stücke erreicht. Weiteren Meldungen zufolge konnte Rot damit rechnen, daß sich der Gegner zum An­griff bereitstellte.

Hm 10.15 Hhr erfolgte der Angriff. In breiter Front griff Blau mit starken Kräften an und er- sichte im stärksten Abwehrfeuer von Rot den Grund vor der roten Verteidigungslinie. Plötzlich setzte der Angriff blauer Panzerwagen ein, denen cs gelang, die rote Hauptkampflinie zu durchbre­chen. Die nachfolgende blaue Infanterie zerstörte sodann die letzten Stützpunkte von Rot und brach weiter durch. Kurz darauf wurde die Hebung ab­gebrochen.

Bei der anschließenden Besprechung wies der Leiter nochmals besonders auf den Wert gerade dieser Hebungen hin. Sodann formierte sich das Bataillon zum Rückmarsch nach Gießen auf der

Straße Bersro d Gr.-Buseck Rödgen Gießen. Das Musikkorps, das die Truppe abholte, wurde unterwegs mit großer Freude empfangen. Kurz vor der Stadt, am Schützenhaus, ließ der Kom­mandeur noch einmal das Bataillon im Parade­schritt an sich vorbeimarschieren, wobei er mit voll­ster Befriedigung auf die ausgezeiechnete Haltung der Truppe blicken konnte. Nunmehr rückten die Kompanien in ihre Kasernen ein.

Am Schlüsse der Hebungen denkt das Bataillon gerne und mit Dankbarkeit an die Quartiergeber und die Quartierorte zurück, in denen den Soldaten überall die herzlichste Aufnahme bereitet wurde.

Aus der provinzialhauvtstadt.

Oie Entdeckung der Haut.

Don Or. med. Albrecht Ohlendorf.

Es ist noch gar nicht allzu lange her, daß das Hautorgan in den Gesichtskreis der ärztlichen Be­trachtung und wissenschaftlichen Forschung gelangt ist. Erst seit 80 Jahren etwa gibt es eine ernsthafte wissenschaftliche Lehre von den Hautkrankheiten. Sie bestand zunächst darin, das Hautorgan aus der Gesamtheit des menschlichen Körpers herauszulösen. Die Haut wurde in dem Aufbau ihrer Gewebe sorgfältig studiert und es entstand eine höchst kmoplizierte und schwierige Hnterscheidung der ein- deinen Krankheitsmerkmale, die bis auf die klein- ften Einzelheiten sich erstreckten, die aber in der Praxis des Arztes beim kranken Menschen oft ge° mig zum Versagen verurteilt war, weil man zeit- weise zu vergessen schien, daß die Haut zwar ein einzelnes, aber ein höchst lebenswichtiges Organ für den gesamten Organismus sei und daß jede innere Veränderung gleichsam rote in einem Spie­gel auf der Haut ihren Niederschlag findet.

Seit einigen Jahren ist man sich dieses innigen Zusammenhangs zwischen Haut und inneren Or­ganen wieder bewußt. Man weiß, daß die Haut lebenswichtige Funktionen zu erfüllen hat und daß thre Störungen niemals oberflächlich als harmlos betrachtet werden sollten, sondern oft einen Hinweis auf wichtige Schwankungen der gesundheitlichen Harmonie geben. Dor allem seit man die große Krankheitsgruppe der allergischen Krankheiten zu ergründen begonnen hat, der Leiden, die auf eine angeborene oder erworbene Heberempfindlichkeit gegen bestimmte körperfremde Stoffe zurückzufüh- ren sind, weiß man, daß die Haut als eines der wichtigsten Empfangsorgane für allergische Reize gesundheitlich entscheidend ist.

Wir müssen bedenken, daß die Haut des moder­nen Menschen ständig in ihrer normalen Tätigkeit gehemmt und beeinträchtigt wird durch die Hnver- nunft der Kleidung, durch Schädigungen des Be­rufes. Die Haut bildet ja die eigentliche Scheide- wand zwischen dem Ich und der Umroelt, auf der viele Konflikte zwischen Ich und Umroelt nun ein» mal unvermeidlich zum Austrag gelangen müssen. In gleicher Weise, wie die inneren Erkrankungen bas Hauptorgan beeinflussen und verändern fön- ncn, so geht auch von den äußeren Schädigungen des Hautorgans ein unter Umständen gefährlicher Reiz für die inneren Organe aus. Tierexperimentelle Untersuchungen eines japanischen Forschers haben unlängst erwiesen, daß künstlich verursachte Haut- entzündungen fast an allen inneren Organen, fast für den gesamten Ablauf des Stoffwechsels und der chemischen Vorgänge im Körper tiefgreifende Der- änberungen Hervorrufen.

Die Pflege des Hautorgans ist daher eine der notwendigen Forderungen Der körperlichen Hygiene. Eine gesunde Haut hängt weitgehend von einer ausreichenden Zufuhr an Vitaminen und ultra- violetten Strahlen ab. Es reicht nicht aus, nur während der allzu kurzen Ferienzeit die Haut mit Sonne zufüttern". Wir sollten auch ernsthaft dar­

an denken, während des Alltags, während des mit Rechtgrau", d. h. fonnenarm genannten Alltags, während der trüben Jahreszeiten der Haut ihr Quantum Sonne, das sie zum Leben braucht, stän­dig und ohne Hnterbrechung zuzuführen, sei es durch Bestrahlung mit dem ultravioletten Licht der künstlichen Höhensonne, sei es durch eine geregelte und ein wenig verständig durchdachte Form der Er­nährung, in der die zum Aufbau des Organismus und zum gesunden Leben der Haut notwendigen Vitamine reichlich vertreten sind.

Es gibt viel chronische Hautkrankheiten, die, selbst wenn sie gegen jede andere Form der Behandlung unzugänglich sind, durch eine intensive Bestrahlung schnell geheilt werden können. Wir denken hier zum Beispiel an die Schuppenflechte, diese weitver­breitete und noch immer rätselhafte Krankheit, von der wir zwar auf Grund wissenschaftlicher Unter« suchungen annehmen dürfen, daß sie in Stoffwech­selvorgängen des Körpers ihre Ursache hat, deren genauere Natur aber bisher noch unbekannt geblie­ben ist. Die Schuppenflechte pflegt zwar, sobald die Bestrahlungen aufhören, leicht wiederzukehren. Aber wir haben doch hier einen wichtigen Anhalt dafür, daß die Bestrahlung mit ultravioletten Strahlen eine unmittelbare Heilkraft ausübt, die bas Hautorgan unb bie mit ihm zusammenhängen­den Stoffwechselvorgänge wohltätig beeinflußt. Es wird die Aufgabe weiterer ärztlicher Forschung sein, diese Zusammenhänge endgültig aufzuklären und für eine systematische und durchgreifende Heil­behandlung der Haut zu verwerten.

Deutsche Arbeitsfront.

Amt für Arbeilsführung unb Verusserziehvng, rvirlschaflsgruppe Banken unb fttebif.

Heute, Mittwoch, 31. Juli, abends 7.30 Hhr, im Hotel Hindenburg, Seltersweg, Fortsetzung der Vor­tragsreiheDer deutsche Außenhandel und seine Fi­nanzierung". Referent ist Prokurist R. Sterly, Frankfurt a. M. Der Besuch der Vortragsreihe ist für sämtliche DAF.-Mitglieder frei.

Die öcutfthe Arbeitsfront

7 n.0.=0emeinf(haftKraft durch frcuöc"

Urlaubszug

Büsum St. Peter - Ording vom 2. bis 9. August.

Die Fahrkarten zu dieser Fahrt können in den Dienststunden auf dem Büro, Schanzenstraße 18 II, Ammer 8, abgeholt werden. Der Zug fährt in Gie­ßen ab 22.55 Hhr.

Ankunft in Gießen am 9. August 6.56 Hhr.

Wochenendfahrt nach Königstein im Taunus.

Die NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" fährt am Sonntag. 4. August, eine Wochenendfahrt nach Königstein im Taunus. Diese Fahrt bietet den Teil­nehmern Gelegenheit, das schöne Städtchen König­stein und den Taunus kennenzulernen. Der Fahr- preis beträgt mit Mittagessen 4 Mark.

Bildung einer Laienspielschar.

Die NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" be« absichtigt, eine Laienspielschar aufzustellen, die im Laufe des Winters bei verschiedenen Kreisveranstal­tungen gutes Laienspiel zur Ausführung bringt Volksgenossen, die Lust, Liebe und Talent mit« bringen, werden gebeten, sich bei der NS-Gemein» schäftKraft durch Freude" Gießen, Schanzenstr. 18, zu melden.

Wochenendfahrt in das schöne Oberhessen.

Die NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" fährt am Sonntag, 4. August, eine Wochenendfahrt in das schöne Oberhessen. Die Fahrt geht in Gießen ab 7 Hhr über Laubach nach Schotten, von dort nach Gedern, von Gedern nach Hirzenhain. In Hirzenhain machen wir eine kleine Rast, gehen über den Berg nach dem Stauweiher Hillersbach, etwa 30 Minuten Weg, wo wir lagern und baden können. Am Hillersbach sind wir gegen 9.30 Hhr. Die Fahrt geht- dann gegen 11 Hhr weiter nach Or­tenberg, wo im GasthausZur Post" Mittagessen um 12.30 Hhr eingenommen wird. Nach dem Mit­tagessen machen wir einen Spaziergang durch Orten- berg und Umgebung. Wir behaupten nicht zuviel, wenn wir sagen, daß Ortenberg eines der schönsten Städtchen in Oberhessen ist. Gegen 15 Hhr geht die Fahrt weiter nach Bad Salzhausen, wo wir im Kurhaus unter schattigen Bäumen den Abend ver­bringen werden.

Der Fahrpreis mit Mittagessen und Nachmittags­kaffee beträgt 4,50 Mark pro Person.

Großer Bunter Abend mit Willy Reichert.

Willy Reichert ein Name, der ein Begriff wurde, der Begriff des schwäbischen Humoristen. So wie der Name Rastellis unzertrennlich mit dem Jonglieren, der Name Caruso unzertrennlich mit Gesang verknüpft ist, so Reicherts Name als der Inbegriff schwäbischer Komik, einer Komik, deren erster Repräsentant er ist, einer Komik, die bisher keiner nachzuahmen verstand. Er wurde entdeckt im Feld, in einer Kneipe, an einem klapprigen Klavier. Nach Kriegsende, wer kannte ihn da? Niemand, selbst in seiner Vaterstadt Stuttgart nicht. Heute ist er der populärste Mann Württem­bergs. Der Willy nennt man ihn, und es ist nicht nötig, mehr als das zu sagen: jeder weiß, wer ge­meint ist.

Es ist wahr: wer Reichert auf der Bühne sieht, sieht und liebt in ihm sein eigenes gutes ungelöstes Ich- das bei jedem Menschen, ad), so gerne gut, entspannt und freundlich fein möchte, nur bei den wenigsten so aus sich heraus kann wie bei ihm.

Am Samstag, 24. August, kommt Willy Rei- chert zu einem ganz großen Bunten Abend der NS. - GemeinschaftKraft durch Freude" nach Gießen.

Sor dem Besinn des Vogelzuges.

In der Vogelwelt ist es stiller geworden. Die Mauser hat bei vielen Arten bereits begonnen. Die Vögel ersetzen ihr Federkleid, das unter dem Einfluß der Witterung unansehnlich geworden ist, durch ein neues, bas aber nicht mehr die leuchten- den Farben des Hochzeitskleides im Frühjahr trägt, sondern einfarbiger ist. Männchen und Weibchen sehen sich jetzt ähnlicher. Die Vögel leben nun auch zurückgezogener. Das muntere Volk der Meisen, das im Winter und Frühling die Gärten belebt, ist nahezu verschwunden. Vereinzelt findet man zwar noch fütternde Vögel, so den Zaunkönig und Grün­finken, im allgemeinen ist aber die Brutzeit be­endet, und die Vögel, soweit sie Zugvögel sind, be­reiten sich auf den großen Zug nach dem Süden vor.

Das beste Beispiel für den Beginn des Zuges, das jedem aufmerksamen Beobachter auffällt, ist der Abzug des Mauerseglers, der fast regelmäßig in den letzten Julitagen verschwindet. Auffällig sind jetzt die Scharen der Jungstare. Sie sind es auch.

NIVEA

mild, laicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack

Rätselhafte Stunde.

Don Werner Schumann.

Inmitten eines ausführlichen Großreinemachens, dem die Frauen seit eh und je mit besonderer Hin­gabe obliegen, polterte durch die engen, lichtarmen Gassen der sächsischen Stadt Halle eine Kutsche mit einem fremdartig und sehr vornehm gekleideten Passagier. Der Reisende kniff, als suchte er nach einem vertrauten Gesicht, prüfend die großen, tief in Fettwülsten liegenden Augen zusammen. Eine ungeheure Spannung lag in seinem übermäßig lan­gen Gesicht. Im Gewirr der Nebengassen wurde das Pflaster immer beängstigender, hin und her schwankte der verstaubte Wagen wie ein Schiff im Sturm, endlich stand er mit einem Ruck vor dem hohen EckhauseAm Schlamm". Der hünenhaft starke Reisende, ein schwerfälliger Mann in mittle­ren Jahren, quälte sich ächzend aus der viel zu winzigen Tür ins Freie hinaus und sah prüfend an den Fenstern empor. Er hatte eine lange Reise hin­ter sich, der berühmte Herr Georg Friedrich Händel aus Landon, er war im Auftrage seines Königs, der ihm eine Sängertruppe zu engagieren befoh­len hatte, von England nach Düsseldorf und von Düsseldorf nach Dresden geeilt, feine Aufgabe zu erfüllen. Nun aber rief ihn mächtig das Herz. Noch ehe er feine gewaltige Pranke, die zierliche weißsei- dene Spitzen zur Hälfte bedeckten, auf die Messing- klinke legte, rasselte die Türglocke mißtönig und ein verhutzeltes Frauchen erschien mit lauten Ausrufen des Staunens und der Freude auf der Schwelle. Aber sie kam nickt weit damit, der Riese umschlang bas dürftige Geschöpf, das ihm einst in der Not seiner Knabenjahre so tapfer Beistand geleistet, deckte es beinahe zu mit der Fülle feines Leibes.Tante Anna, herzliebes Tantchen", rief er, sich den Teufel mm die neugierigen Gassenbuben scherend,Gott qum Gruß, doch nun führt mich schnell zu meiner Mutter!" Unb sie betraten den langen, halbdunklen, -ausladenden Korridor, wo es nach frisch gebackenem Rosinenkuchen und Hyazinthen duftete, und der Starke mußte einen Augenblick erschöpft innehalten. Hier, an dieser Stelle, hatte sie ihn sonst immer empfangen. Hier hatte er sie übermütig mit kräfti- Sen Armen emporgehoben. War sie denn krank? Die lngst kroch ihm in die Kehle, er riß sich los, nahm mit wenigen Sätzen die breite, dunkle Treppe; durchstürmte ungefüg zwei, drei Zimmer, die eine

unsagbare Leere aushauchten, fand die Schwarzge­kleidete endlich, endlich in ihrem Dorderstübchen, in derStrickecke", die Füße auf eine gepolsterte Rutsche gestellt und das ach so grau und faltig ge­wordene Gesicht fragend nach der Tür gerichtet. Er neß der Zitternden keine Zeit, zu fragen, wer denn ba so hereinbrause, rote ein zusammenbrechender önerjanf er der Trauernden zu Füßen und barg sein übergroßes Gesicht mit der grauen, gewellten Perücke in ihrem kleinen Schoß. Sie sprachen nicht viel in diesen Minuten des Wiedersehens nach so langer Trennung. Aus ihren Tränen und Umarmun­gen löfte sich der eine geliebte Name: Dorothea Sophie. Er hatte nicht hier sein können, als man sie zu Grabe trug, die seine liebste Schwester ge- wesen. Der große Familienkreis war auf drei zu- sammengeschmolzen: die beiden alternden, einsamen Frauen und den gefeierten Georg Friedrich, der für die Mutter, die keine zehn Meilen weit von Halle entfernt hatte, in einer unbekannten, ihr unfaß­baren und furchteinflößenden Welt lebte. Sein Lebensweg hatte ihn vomSchlamm" bis zu den Sternen geführt. Dem der Vater nichts Vernünf­tiges zugetraut, ging nun bei Königen und Her­zoginnen, bei Grafen und Kardinälen ein und aus. "Georg", sprach die Erschütterte leise in ihres knie- enöen Sohnes riesiges Ohr,leibhaftig habe ich dich nun wieder. Aber kann ich dich halten? Wirft du einmal bei mir bleiben?"

Was hätte Georg Friedrich darauf erwidern sol­len? Daß er demSchlamm" und der kleinen Stadt Halle längst und für immer entwachsen sei, daß ihn die große Welt nicht mehr losließ, wo ihn die Tonleiter in den Himmel unvergänglichen Ruhms getragen? Jenes brausende und bunte Leben seiner Triumphe, die ihm immerhin gestatteten, seiner Mutter von Zeit zu Zeit etliche Dukaten zu schicken?

Indem er die Halberblindete schweigend küßte und sie, die an einem Stocke nur sehr langsam noch durch die viel zu langen Zimmerfluchten sich zu den schweren Möbeln fortberoegen konnte, an den von Tante Anna bereiteten Tisch führte, drängte sich ihm schmerzvoll ein Gefühl der Aermlichkeit' auf, lang­samen Hinsiechens und Verfalls, der die Menschen und Dinge unerbittlich ergriffen hatte.

Sie trauerten miteinander, die im Herzen Unzer- trennlichen, und nur wenn sich der Schwager Mi- chaelfen, einsttge Freunde, Schulkameraden, unbe­rühmtere Kollegen im Haus am Schlamm einfan­den, erging sich der Weitgereiste in AneHoten, er­

Zählte er von der wundersamen Anastasia Robinson, vom märchenhaft reichen Fürsten Ruspoli, von der ewigen Stadt, wo er einst, geringer an Jahren und Leibesumfang, zu einem unvergeßlichen Osterfest die AuferstehungsmusikLa Resurrezione" komponiert habe. Welch ein Erfolg, welche Pracht der Roben, welche Schönheit der Frauen! An dieser Stelle schal­tete sich die Mutter ein: die Frauen, höre sie, flögen ihm ja nur so zu, in seinem Alter könne man wohl an ein eigenes Heim denken, auch Herr Bach ... Aber Georg Friedrich ließ sie nicht ausreden, winkte lachend ab: er sei, wenn er von der Mutter und seiner guten Tante absehe, nur einer Liebe er­geben, die ihn völlig ausfülle: der Kunst ...

Ja, der Herr Johann Sebasttanus Bach! Nun er wieder an seinem alten, braven Spinett mit den kunstvoll geschweiften Füßen saß, bewaffnet mit Notenpapier, Tinte und Feder, ging sein Sinn öfters nach Leipzig. Auch der alte Zachau, der kreuzehrliche Organist, der seiner jungen Musikan­tenseele vor einem Dierteljahrhundert die ersten Flü­gel geliehen hatte, sprach von dem Kantor und Kom- pomsten Bach mit solcher Ehrfurcht und Bewunde­rung, daß einen anderen als Händel vielleicht die Eifersucht gepackt hätte.

Wie ein Rauchfähnchen im Winde waren die Tage in der. Heimat vorüber. Händel wußte, daß es ein Abschied für lange, lange Jahre sein würde. Aber Deutschland vermochte ihn damals nicht zu locken. Aus dem großen Chor der echten und fal­schen Talente hörte er eigentlich nur eine, aller­dings machtvolle Stimme: Bach. Händel war es unbegreiflich, wie dieser Geist in der Enge sich ent­falten und erfüllen konnte. Trug ihn selbst doch sein Fementtieb pausenlos durch die Welt des Glanzes und der unbegrenzten Möglichkeiten. Erregender Gedanke: ein Stündlein mit Bach, dem fast Gleich­alttigen und Kongenialen, einmal ihm in die Augen sehen, ein freundliches Wort tauschen ...!

Nur Zeit! Händel, der Ruhelose, Unftete, Gejagte, hatte nie welche. Was er der Kunst entzog, gehörte der Mutter. So reifte er also wieder ab, verließ das still gewordene Elternhaus, an einem stürmischen, trockenen Maimorgen trug ihn die Kutsche westwärts zur Stadt hinaus.

Zu eben dieser Stunde erlaubte sich das Schicksal eine unergründliche Ironie: es ließ auf anderem Wege, vom fünf Meilen entfernten Leipzig her, Jo­hann Sebastian Bach sich der Stadt Halle nahen. Bach hatte von halleschen Freunden vernommen, daß

Händel zu Besuch bei seiner Mutter weile, und sich dann kurz entschlossen, den berühmten Landsmann in seiner Heimatstadt aufzusuchen. Geheime Freude erfüllte ihn, Händel gänzlich zu überraschen. Genie trieb es urmächtig zu Genie. Aber bald sollte er das Hnbegreifliche erfahren: Händel war schon nach Eng- land unterwegs ...

Daes" hatte in dieser rätselhaften Stunde bei­der Schritte nach verschiedenen Richtungen gelenkt, in der Stunde einer niemals wiederkehrenden Rü­gung, da sie sich bis auf Rufweite fast nahegekorn- men waren: Händel aus weltweiten Kreisen' Bach aus begrenztem Zirkel. Nur die Gedanken beider begegneten einander an einem höheren, geheimnis­vollen Kreuzungspunkt in den Dimensionen des Geistes. Waren sie nicht den leuchtenden Gestirnen gleich, die sich ein einziges Mal in ihrer unendlichen Exlsienz beängstigend nähern, um dann ihre höchst einsame Bahn weiterzuziehen, in einer majeftäti« scheu Verlassenheit, die bei beiden letztlich die gleiche

2flodfa<Romanfif lebt wieder auf.

DerGoldrausch" in Alaska, in unzähligen Ro­manen, Novellen und Filmen verarbeitet, ist immer nod) nicht ausgestorben. Das schnee- und eisbedeckte Land im hohen Norden übt noch immer einen un­widerstehlichen Reiz auf Abenteurernaturen aus, bie nicht müde werden in der Hoffnung, hier ihr Glück zu machen. Dann kommt auch wirklich ab und zu eine Meldung von überraschenden Gold- fanden, die vorübergehend wenigstens einen wahren Sturm entfesseln. Das letzte Mal traf es nicht einmal zünftige Goldgräber, sondern harmlose, arbeitsame Farmer, die erst vor kurzem von den Staubstürmen aus ihrer Heimat im Mittelroesten vertrieben worden waren und sich in Alaska an- gesiedelt hatten. Die neue Heimat hatte ihnen aber gar nicht behagt. Sie waren sogar schon drauf und dran gewesen, ihre Habseligkeiten wieder zu packen und ihre eben erst aufgebauten Häuser abzubrechen, als plötzlich unerwartete Goldfunde gemacht wurden. Sofort wurden diese Farmer vom Goldrausch ge­packt und schickten die Schiffe, die die Regierung ihnen zum Rücktransport gesandt hatte, unbenutzt zurück. Das steinige Goldgräbertal, in dem die Flüchtlinge aus dem Süden angesiedelt worden waren, hat wieder zu seiner ursprünglichen Bestim­mung gesund^-