Die Deutsche Arbeitsfront.
Kreiswaltung Gießen, Gchanzenstraße 18.
An die Ortsgruppen- und Betriebsgemeinschastswalter des Kreises Gießen!
Betr.: Gautag Darmstadt am 1. und 2. Juni 1935.
Die Ortsgruppen- und Vetriebsgemeinschafts- walter haben sofort von den von ihnen gemeldeten Mitgliedern die Fahrgelder zu kassiren, die nachstehend ersichtlich sind. Die Fahrgelder werden an den für die Ortsgruppe und für den Betrieb zuständigen Ortsgruppenkassenleiter der PO. abge- lieferk. der auch die Fahrkarten besorgt.
Die kreiswaltung der Deutschen Arbeitsfront hat also nichts mit den Geldern und Fa h rkarte nbe sch a f fu ng zu tun, darauf ist besonders zu achten.
Der Sonderzug verkehrt nur Samstag. Der Sonntagzug fällt aus. Die Fahnenabteilungen müssen also ebenso am Samstag fahren. Auf der Fahrt und in Darmstadt selbst ist von den DAF.- kameraden größte Disziplin zu bewahren. I
Abfahrt der Züge und Fahrpreise.
Grünberg
ab 11.10 Uhr, Fahrpreis 2,40 KM
Saasen
„ 11.19 „ „ 2,40 „
Reiskirchen
„ 11.27 „ „ 2,20 „
Großen-Vuseck
„ 11.36 „ „ 2,10 „
Rödgen
„ 11.41 „ „ 1,90 „
Giefeen
12.08 „ „ 1,90 „
Großen-Linden
„ 12.19 „ „ 1,80 „
Lang-Göns
„ 1226 „ „ 1.70 „
Der Sonderzug verläßt am Sonntagabend um
20.35 Uhr Darmstadt und ist um 23.37 Uhr wieder in Grünberg. Die Ankunft in Gießen ist um 22.47 Uhr.
Dir betonen nochmals, daß der Zug am Sonntag Umstände halber ausfallen muh.
3. Stadtbesichtigung: 4. Besuch der Festspiele. Anmeldungen bis zum 10. Juni werden von allen „Kraft-durch-Freude"- Warten und in der Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, Zimmer 8, entaegen- genommen. Bei der Anmeldung ist der Fahpreis gleich zu entrichten.
Rheinfahrk.
Wir fordern alle Kameraden auf, sich umgehend zu unserer ersten Rheinfahrt am 23. Juni anzumelden. Wer weiß, wie schnell die Fahrt besetzt ist!
Achtung Gauparteitagsteilnehmer!
Es wird nochmals besonders darauf hingewiesen, daß alle Träger des Gauabzeichens beim Gau- xarteitag am 1. und 2. Juni in Darmstadt im Hessischen Landestheater (Großes Haus) sowohl zur Vorstellung am Samstag, 1. Juni („Figaros Hochzeit"), als auch zur Vorstellung am Sonntag. 2. Juni, („Friedemann Bach") verbilligte Plätze zu 1,40 Mark erhalten.
Das Bekenntnis zur Fliegerei.
Es gibt zwei Arten von Bekenntnissen schlechthin: das eine geht nur über die Lippen, das andere kommt aus der Tiefe des Herzens! Das erste ist hohl und kraftlos, wenn sich mit ihm nicht der Wille paart, es zum Herzensbekenntnis ausreifen zu lassen.
Das Herzensbekenntnis schöpft aus der unendlichen Fülle seine Kraft, ist treu und gläubig und kennt weder Bedenken noch Erwägungen. Wenn heute die deutsche Fliegerei um Mitglieder wirbt, dann nicht um Volksgenossen um der Organisation willen zu gewinnen, die die Unterstützung der Fliegerei nur im Munde führen, sondern die durchdrungen sind von der Erkenntnis, daß die Fliegerei und ihr innerstes Wesen stärkster Ausdruck des Willens, wieder aufzusteigen, sind und daß sie nationale Aufgaben um dieser Werte willen zu erfüllen hat.
Deutscher Volksgenosse! Denn dein Bekenntnis zum Wiederaufstiegswillen deines Volkes aus dem herzen kommt, dann kannst du wirklich nicht zögern, Mitglied im Deutschen Luftsport-
Verband zu werden!
Platzkonzerte anläßlich der Lustfahrt-Werbewoche. Am Samstag, l.Juni, 1 7.1 5 Uhr, spielt die hiesige Militärkapelle vor dem Stadttheater, am Sonntag, 2. Juni, vormittags 11.15 Uhr, der Musikzug der Standarte 116 in der Anlage vor dem Gymnasium, lieber die Vortragsfolge berichten wir in unserer morgigen Ausgabe.
Marschierende Schulklassen nicht durchbrechen.
Von verkehrsamtlicher Seite wird mitgeteilt: „Es ist beobachtet worden, daß manche Fahrzeugführer Schulklassen, die geschlossen die Fahrbahn überschreiten, zu durchbrechen suchen. Ein solches Verhalten läßt sich mit der Vorschrift im § 25 der Reichsstraßenverkehrsordnung nicht vereinbaren. Im Interesse der Unfallverhütung muß erwartet werden, daß geschlossen marschierende Schulklassen, wenn sie die Fahrbahn von einer Seite zur anderen überqueren, durch den Fahrzeugverkehr nicht behindert und vor allen Dingen nicht gefährdet werden. Selbstverständlich haben auch die Führer von Schulklassen Rücksicht auf den Fahrzeugverkehr zu nehmen. Werden mehrere Schulklassen über die Straße geführt, so hat jede einzelne Klasse mit dem Ueberschreiten der Fahrbahn so lange zu warten, bis dies die jeweilige Verkehrslage zuläßt. Besonders in solchen Fällen muß eben jeder Teilnehmer om Verkehr auf den anderen Rücksicht nehmen und ihm behilflich sein. Verkehrsunfälle können dann nicht eintreten."
Vornotizen.
— Tageskalender f ü r Freitag: NSG. „Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr Gymnastik in der Heil- und Pflegeanstalt: 20 bis 21.30 Uhr Allgemeine Körperschule im Lyzeum (Dammstraße). — Stadttheater: 20 bis 22.15 Uhr „Der Hochtourist". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der stählerne Strahl .
— Stadttheater Gießen. Heute 20 Uhr letzte Vorstellung der Spielzeit 1934/35 mit einer Wiederholung des tollen Schwankes: „Der Hochtourist" von Kratz und Neal; Spielleitung des lustigen Abends hat Kurt L ü p k e. Die Theaterleitung macht darauf aufmerksam, daß am heutigen Abend letzte Möglichkeit besteht, etwa noch nicht eingelöfte Umtauschgutscheine zur Verwendung zu bringen. Ende 22.15 Uhr.
*
** Schulpersonalie. Uebertragen wurde dem Gewerbelehrer Georg Schuchmann zu Schotten, zur Zeit kommissarisch an der Berufsschule zu Friedberg, eine Gewerbelehrerstelle an der Berufsschule zu Gießen, mit Wirkung vom 20. Mai 1935 an.
** Die Gießener Militärkapelle spielt im Rundfunk. Am morgigen Samstagabend gibt das Musikkorps unserer Gießener Garnison unter Leitung von Obermusikmeister K r a u ß e ein Konzert im Frankfurter Rundfunksender. Die Vortragsfolge ist aus unserem heutigen Abdruck des morgigen Rundfunkprogramms ersichtlich. Auf das Konzert sei hier besonders aufmerksam gemacht.
** Der Ausflüglerverkehr am gestrigen Himmelfahrtstage war bei dem prächtigen Wanderwetter außerordentlich stark. Zu Fuß, auf Fahrrädern, mit Kraftfahrzeugen und vor allem mit der Reichsbahn strömten Taufende hinaus in die herrliche Natur. Auf der Reichs- bahn herrschte schon bei den ersten Frühzügen sehr großer Betrieb, der auch noch zum Teil für die späteren Züge zutraf. Naturgemäß gab es am Abend bei der Heimkehr wieder Hochbetrieb ersten Ranges. Einige Züge mußten im Nahverkehr verstärkt gefahren werden. Der ganze Ausflüglerver- kehr, der besonders von den Inhabern der Aus- flügler-Gaftftätten mit Freuden begrüßt wurde, wickelte sich nach den bis jetzt vorliegenden Berichten überall glatt und ohne besondere Unfälle ab.
** Arbeitsvergebung. Das Tiefbauamt der Provinzialdirektion Oberhessen veröffentlicht in unserem heutigen Anzeigenteil eine Bekanntmachung über Lieserungs- und Arbeitsvergebungen für die Provinzialstraßenstrecken Lindenstruth—Grünberg, Ortsdurchfahrt Grünberg, Grünberg—Mücke, Mücke —Ruppertenrod—Ermenrod, Brauerschwend—Reuters und Ortsdurchfahrt Gedern. Interessenten seien auf die Bekanntmachung besonders hingewiesen.
** Sie Ost deutschen von Gießen unternahmen gestern mit Angehörigen unserer Garnison einen Autoausflug nach Braunfels. Der Weg führte über die Spilburg nach Wetzlar, wo unter fachkundiger Führung eine Besichtigung der Goethe- Erinnerungsstätte und der Sehenswürdigkeiten erfolgte. In Braunfels wurden nach einer Mittagspause der Tiergarten und das Schloß besichtigt. Am Nachmittag fand ein Zusammentreffen mit den Ostdeutschen aus Wetzlar statt. Der Wetzlarer Orts- grllppenführer Baarz begrüßte die Landsleute.
Er sprach den Wunsch aus nach häufigerer Zusammenarbeit der "ostdeutschen Heimattreuen in Gießen und in Wetzlar zugunsten der Brüder in der angestammten Heimat. Ortsgruppenführer K o» ft o r 3 (Gießen) sprach dann über die Bedeutung der Heimattreuen Bewegung für den deutschen Osten. Vordringlichste Aufgabe sei es, zunächst den Ferien- und Reiseverkehr nach dem schönen Osten Deutschlands zu lenken. Die Ostdeutschen bekennen sich zum Friedenswerk des Führers. Die Ansprache klang aus in einem begeisterten „Sieg-Heil" auf Volk und Führer. Mit den zahlreichen Wanderern gemeinsam wurden das Deutschland- und das Horst- Wessel-Lied gesungen. In landsmännischer Verbundenheit blieb man dann einige Stunden beieinander, gemeinsam wurde später die Heimfahrt angetreten.
** Folgenschwerer Sturz mit dem Fahrrad. Am gestrigen Himmelfahrtsnachmittag stürzte der 29 Jahre alte Arbeiter Adolf Kreiling aus Wiefeck mit feinem Fahrrad zwischen dem Daubringer Paß und Alten-Buseck so schwer, daß er bewußtlos liegen blieb. Die von Straßenpassanten herbeigerufene Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Gießen verbrachte den bedauernswerten Mann nach der Chirurgischen Klinik, wo er mit einem Schädelbruch barnieberliegt.
** Unfall eines Kinbes. Arn Mittwoch erlitt bas brei Jahre alte Söhnchen bes Händlers Kauß, An ber Kläranlage, burch einen Unfall einen Oberschenkelbruch, ber bie Ueberführung bes Kinbes nach ber Klinik erforberlich machte.
Schöffengericht Gießen.
Wegen schweren Diebstahls bzw. Anstiftung bazu hatten sich der W. G. aus Lang-Göns, ber K. A. aus Hochelheim unb bie A. E. aus Lang-Göns zu verantworten. G. unb 21., bem bie Anklage Rück- fallbiebstahl zur Last legt, fliegen in einen Keller ein unb entroenbeten 7—8 Flaschen Wein unb Kognak. Außerbem entroenbeten sie bei einem Metzger 20—30 Pfunb Blut- unb ßeberrourft. Um bas Diebesgut besser transportieren zu können, stellte bie Angeklagte E. einen Einkaufskorb zur Verfügung. Die Sachen würben barauf in bas Anwesen ber E. gebracht, bie bie Getränke in ihrer Wirtschaft feilbot. Das Gericht verurteilte G. zu 7 Monaten, unter Anrechnung von 5 Monaten 28 Tagen erlittener Untersuchungshaft, A. wegen Rückfallbiebstahl zu 1 Jahr 10 M o - naten unb bie E. zu 5 Mo naten Gefäng - n i s. Sämtliche Angeklagten tragen bie Kosten bes Verfahrens.
Rundsunkprogromm.
Samstag, 1. Juni.
6 Uhr: Von Breslau: Frühkonzert I. Als Einlage 6.30 bis 6.45: Gymnastik. 7: Von Breslau: Früh- konzert II. 8.10: Von Stuttgart: Gymnastik. 9: Nur Frankfurt: Nachrichten. 9.15: Nür für Frankfurt:
Konzert. 11.30: Sozialbienst. 11.45: Bauernfunk. 12: Don Stuttgart: Mittagskonzert I. 13.15: Don Stuttgart: Mittagskonzert II. 14.45: Aus ber Wun- berwelt ber Natur. 15: Von Koblenz: HI. im Vormarsch! Eine Lieb-, Musik- unb Sprechchorfolge von Hermann Schnepp. Zwei Reichssieger im RBWK. erzählen von ihrem Besuch beim Führer am 1. Mai 1935. 16: Von Köln: Der frohe Samstagnachmittag. 18: Fahrt burchs sübwestdeutsche Laub. 18.20: Steg- reiffenbung. 19: Von Gießen: Präsentier- und Parademärsche ehemaliger deutscher Regimenter: 1. Marsch bes Porckschen Korps, Heeresmarsch 11/37, Parademarsch des 1. Garde-Reg. zu Fuß Berlin, Beethoven; 2. Marsch aus Moses, Parademarsch in Reg., Kolonne des 1. Garde-Reg. zu Fuß Berlin; 3. Der Rheinströmer, Heeresmarsch 1/1 d, Präsentiermarsch des Königin-Augusta-Garde-Grenadier-Reg. Nr. 4 Berlin; 4. Viktoria-Marsch, Heeresmarsch 11/174, Parademarsch des Königin-Augusta-Garde- Grenadier-Reg. Nr. 4 Berlin, Neumann; 5. Hacke- täuer-Marsch, Parademarsch bes Jnf.-Reg. Nr. 16 Köln-Mühlheim, Beetz; 6. Der Torgauer, Heeres- marfch 11/160, Präsentiermarsch b. Jnf.-Reg. von Courbiöre Nr. 19 Görlitz; 7. Helenenmarsch, Heeresmarsch 11/173, Parabemarsch bes Jnf.-Reg. Graf Tauentzien von Wittenberg Nr. 20, Lübbert; 8. Herzog von Braunschweig, Heeresmarsch 1/9, Präsentiermarsch b. Jnf.-Reg. Großherzog Friebrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin Nr. 24 in Neuruppin; 9. Marsch über Motive aus ber Oper „Hugenotten", Heeresmarsch 11/118, Parademarsch des Jnf.-Reg. von Horn Nr. 29 Trier, Hübner; 10. Schwedischer Reitermarsch, Marsch der Finnländischen Reiterei, Heeresmarsch III/70, Parademarsch des Füsilier-Reg. Königin Viktoria von Schweden Nr. 34 Stettin; 11. Marsch über Motive aus der Oper „Der Brauer von Preston", Heeresmarsch 11/116, Adam; 12. Versailler Festmarsch zum 18. Januar 1871, Heeresmarsch 11/206, Parademarsch des 6. Pomm. Jnf.- Reg. Nr. 49 Gnesen Pomm., Trenkler; 13. Soldatenklänge, Heeresmarsch IT/175, Parademarsch des Jnf.- Reg. Markgraf Karl in Weißenburg, Buchholtz; 14. Regimentsmarsch des ehemal. Reg. Erbprinz Ludwig von Hessen-Darmstadt 1/67, Präsentiermarsch des Jnf.-Reg. General-Feldmarschall Prinz Fried- rich Karl von Preußen 91 r. 64 Prenzlau; 15. Marsch bes Kaiserl.-Russ. Grenabier-Reg. König von Preußen II/ 123, Parabemarsch b. Jnf.-Reg. von Voigts» Rhetz Nr. 79 Hilbesheim. Ausführung: Musikkorps bes I. (Hessischen) Grenabier-Bataillons 15. Infanterie-Regiments Gießen. Leitung: Obermusikmeister Ernst Krauße. 19.45: Don Hamburg: Bauernfunk. 20.15: Von Bab-Nauheim: Bunter Abenb. 22.45: Vom Deutschlanbsenber: Der Deutfchlanbflug 1935. lieber ben bayerischen Alpen. 23.10: Von Leipzig: Tanzmusik zum Wochenenbe.
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Roman von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.). 35 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Als sie dann endlich in bie Stabt einfuhren, war Gerda ruhiger geworden. Sie hatte sogar ein- Besehen, daß sie sich so spät nicht mehr an ihre ranffurter Bekannten wenden konnte. Wie peinigend waren die Reden ihres Kindes für Kitty gewesen. Wieviel Liebe hatte aus allen Worten gesprochen, wie wenig hatte Gerda eine Mutter vermißt. Wie grenzenlos war ihr Vertrauen zu dem Vater.
Die ganze Nacht hatte Kitty mit Entschlüssen gerungen und war zu keinem Entschluß gekommen. Sie wußte auch jetzt noch nicht, was sie tun sollte. Nur eins war ihr gewiß: Sie liebte das Mädchen! Sie würde den Kampf um ihr Kind weiter führen!
„Gerda weiß noch nichts!" sagte sie endlich mit dumpfer Stimme.
Ernst atmete auf.
-Ich danke Ihnen, Kitty! Ich danke Ihnen auch im Namen Gerdas, die Sie mit Ihrer Mitteilung furchtbar getroffen hätten!"
„Ach!" erwiderte sie ironisch. „Denken Sie wirklich an das Kind, nicht an den Vater?"
„Kitty! Da Sie nun Ihre Tochter kennen,, werden Sie wissen, wie sehr sie an dem Vater hängt. Sie rauben ihr alles, wenn Sie ihr das Vertrauen zu ihm nehmen. Gestehen Sie doch selbst: Sie haben Gerda nichts von der Mutter gesagt, weil Sie fühlten, daß Gerda niemals die Mutter ver- mißt hat."
Kitty zerdrückte bie Zigarette in bem Aschenbecher.
„^r habt euch ja bie größte Mühe gegeben, ©erba nichts von ber Mutter wissen zu lassen/
„Wir haben alles getan, um ihr eine glückliche Kmbheit unb Jugenb zu schaffen. Wir 'konnten nicht warten, bis es ber Mutter einfiel, sich um bas Kinb zu kümmern."
Kitty hielt sich gequält bie Ohren zu.
„Jetzt höre ich Freb sprechen, ber erbarmungslos über mich weggehen will, der vor keiner Tat zurückschreckt, mir bas Mäbchen zu entreißen."
„Er wirb es tun, Kitty! Wirb es noch heute tun. Er ist gestern mittag von seiner Reise zurückgekehrt!"
Sie schrie leicht auf unb starrte ihn entsetzt an.
„Er ist hier?!"
„Ja! Nur feiner Frau haben Sie es zu vertranken, baß er nicht schon gestern nach (Serba geforscht hat!"
Kitty sprang auf.
„Dann habe ich keine Zeit zu verlieren, bann muß ich (Serba sofort sagen, baß sie meine Tochter ist."
Er trat hastig vor sie hin.
„Das werben Sie nicht tun!"
Sie sah ihn seinbselig an.
„Ich werbe es tun! Ich will mir bas Mäbchen erhalten! Freb braucht sie nicht! Er hat eine Frau, bie sich für ihn opfert! Was habe ich? Ich stehe allein, habe immer allein geftanben, trotz bes Reichtums, ber mich umgibt, trotz bes Namens, ben ich trage. Was weiß Fred von meinem Leben? Was wissen Sie von mir? Allen bin ich bie verwöhnte Frau. Alle schenkten mir Reichtum, äußeren Glanz. Geliebt hat mich niemanb."
„Nun werben Sie ungerecht, Kitty. Sie haben eine Liebe besessen, bie keiner gleich kam. Daß Sie sich diese Liebe verscherzt haben, bleibt immer Ihre Schuld."
Sie sank wie ermattet auf ihren früheren Platz zurück, stützte den Kopf in beide Hände und fuhr langsam und traurig fort:
„Sie haben recht! Gewiß, ich war schlecht, leichtsinnig, gewissenlos! Das Schlimmste aber war: sch war feige! Ich..." Ein Schluchzen ging durch ihren Körper. „Ich hatte Angst vor dem ewigen Rechnen mit jedem Pfennig. Ich hatte auch nicht den Mut, mich an seine Seite zu stellen, als er als Dieb überführt wurde. Er hat mich damals geschont. Ich wurde nicht in die Verhandlung hineingezogen, konnte den Kommerzienrat Marckart heiraten, weil er nichts von mir wußte." Sie schlug plötzlich bie Hänbe vor bas Gesicht, schluch- zenb kam es aus ihr hervor: „Trotzbem habe ich diese Feigheit mit meinem ganzen Leben bezahlt!"
„Sie haben sich das Leben nach Ihrem Gefallen eingerichtet, Kitty! Es war reich unb angesehen, wie Sie es sich wünschten!"
„Ja! Was wollte ich mehr?!" Sie fuhr sich mit dem Taschentuch über bie Augen unb lachte kurz auf. „Meine Ehe ... Können Sie sich nicht benken, daß die Vergangenheit auch in mein Leben ihre «chatten warf? Daß ich jeben Tag angstvoll vor einer Entbeckung zitterte. Meine ganze Ehe war em Tanz auf bem Vulkan. Ich habe mich baran gewohnt, aber als ber alternbe, bis zur Brutalität eifersüchtige Mann enblich starb, konnte ich nur aufatmen. Ich habe ein Jahr um ihn getrauert, aber bann bann konnte ich eben nicht anbers,
ich mußte bem Manne, bem metrt Liebe immer gehört hat, roieber begegnen."
„Kitty, Sie haben ihn nun wiebergesehen. Sie müssen jetzt gehen. Sie bürfen Freb nicht noch einmal schaben. Bebenken Sie, baß Sie schon einmal sein Leben vernichteten."
Sie lächelte spöttisch.
„Habe ich bas? Oh, er kann zusrieben fein mit bem Tausch. Ich bin nicht wie bie kleine Frau Liane, bie sich für ihn aufopfert! Ich habe immer zuerst an mein Glück gebucht!"
„Unb nun haben Sie eingesehen, baß Ihnen ber Weg zu seinem Herzen ein für allemal ver- sperrt ist?"
„Ich habe nichts einqesehen. Nur etwas anbereist einqetreten: ich habe mein Mutterherz entbcrft. Sie mögen bies unmöglich, unfaßbar finben — es ist boch so! Ich lasse bas Kinb nicht!"
Eiliae Schritte näherten sich ber Tür. Kittn legte ben Finger an ben Munb. Ein leises Klopfen wurde hörbar.
Eine bange Minute verstrich, bann ftanb Kitty auf. öffnete bie Tür unb ließ Gerba eintreten. Das Mädchen trat schüchtern näher. Plötzlich aber blieb ihr Blick auf Ernst hängen. Mit einem Jubel- ms flog sie auf ihn zu und in seine Arme.
Onkel! Onkel, du? Ja, was ist denn? — Kennst du Frau Marckart? Ist Pava schon zurück? Wirst du mich zu ihm bringen?" brach es stürmisch aus ihr hervor.
Uf'ber ben Kovf bes Mäbchens hinweg trafen sich bie Blicke Kittys und Ernsts. Eine bange ftraae lag in bem feinen. Da senkte Kitty ben Kovf.
©mft nahm das erregte Mädchen in feine Arme.
„Du hast ganz recht. Ich will dich holen. Bedanke dich bei Frau Marckart. daß sie dich Hierher gebracht hat — bann komm!"
Gerda wandte sich nach Kitty um.
„Ich danke Ihnen recht sehr. Ohne Sie wäre ich wohl auch jetzt nicht nach Frankturt gekommen. Verzeihen Sie. daß ich so ungeduldig war."
Kitty gab ihr die Hand.
„Es ist schon recht. Gerda!" Als sich aber das Mädchen von ihr abwenden wollte, zog sie es fast hastig an sich. „Zum Dank darfst du mir wohl einen Kuß geben!" sagte sie mit zitternder Stimme.
Ohne zu zögern, bot Gerda die frischen Lippen der Frau zum Kuß. Als sie sich abwandte, war Kittys Antlitz erblaßt. Gerda aber drängte ungestüm zum Aufbruch. Ahnungslos verließ sie Die Wohnung der Mutter.
Kitty stand allein, ihr Kopf senkte sich tief. Dun- fei schien es ihr geworden im Zimmer, dunkel auch in ihr selbst.
Noch am gleichen Tage schrieb sie an Irene: „Meine liebe Irene!
Wenn Sie diesen Bries in Händen halten, bin ich nicht mehr in Frankfurt. Meine Zeilen sollen em richtiger Abschiedsgruß an Sie fein, denn ich komme nicht wieder. Ich kehre nach Berlin zurück, dort ist der rechte Platz für mich. Hier werde ich sentimental; das steht mir nicht unb macht alt. Wäre ich ein Backfisch, mürben Sie jefet benken, sie ist verliebt. Sv können Sie nur annehmen, baß mir ein Flirt fehlt. Sie haben ganz recht. Auf bem Berliner Pflaster werbe ich alles finben, was ich brauche. Ich hoffe, baß Sie mich, wenn ich roieber richtig eingerichtet bin, recht halb einmal besuchen, unb ich verspreche phnen, baß Sie sich glänzenb bei mir unterhalten werben. Herzlichst Ihre Kitty."
♦
Nach einem kurzen, schweren Schlaf war Liane an biefem Morgen erwacht.
Unb so plötzlich kam bie Erinnerung an bie Ge- schehnisse bes vergangenen Tages, ber letzten Nacht über sie, baß sie jäh von ihrem Lager auffuhr, mit beiben Füßen aus bem Bett sprang. Wo war Freb? Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand halb offen. Sie eilte auf bie Tür zu — bas Zimmer war leer.
Sie wankte ein paar Schritte zurück, lehnte sich kraftlos an bie Tür.
Fred war fort. Nun war wohl alles umsonst gewesen. Nun würde sich sein ganzer Haß, fein ganzer Abscheu über Kitty entladen. Nicht aus- zudenken war das Zusammentreffen zwischen ihm und ber Frau, bie sich gewaltsam roieber in fein Leden hatte brängen wollen.
Liane begann sich mit zitternben, eiligen Hänben anzukleiden. Ohne etwas zu sich zu nehmen, Der- liefe sie das Haus. Es schlug halb zehn Uhr, als sie vor der Wohnung Ernst Schröders stand.
Die ältere Frau, bie ihr öffnete, musterte sie mit großen, verwunderten Augen. Herr Schröder wäre schon lange fort. Wohin er sich gewandt, wußte bie Frau nicht zu sagen.
Liane verließ bas Haus. Welche Torheit von ihr, Ernst in feiner Wohnung zu suchen. Wie konnte er zu Hause sitzen, wo Gerba immer noch nicht gefunden war?
(Schluß folgt.)


