Ausgabe 
31.1.1935
 
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Nr. 2b Zweites Statt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag, Zt.Zanuar 1935

Der zweite Jahrestag der Machtübernahme in Gießen.

Die ReiKsgiMdimgsseier der Universität

LindrllcksvÄe Kundgebung der Partei

verteilenden und verkleinernden Devise: ich kenne keine Deutschen mehr; ich kenne nur noch Parteien. Partei gegen Partei, Konfession gegen Konfession, Weltanschauung gegen Weltanschauung: so gerät Deutschland in die Hände der Fremden; wohlwollend in den Bund der Völker ausgenommen: dort läßt es sich am leich­testen verwalten. Und nur ein Konkurrent scheint sich mit den westlerischen Völkern um die Verwer­tung des Leichnams zu streiten: das rote Rußland.

Aber der Herr der Geschichte will unserem Volk alles zeigen, was in ihm liegt; in der einen Stunde seines Lebenstags. In vier Kriegsjahren ist an der Front ein neuer Geist gewachsen; ein Männergeschlecht, das mit völlig neuen Augen die Welt mißt; das an den äußersten Grenzen menschlicher Existenz d i e eigentlichen Dinge erfuhr, die das Leben eines Volkes ermöglichen und tragen: Kameradschaft, Gemeinnutz, Führung und Gefolg­schaft, Bescheidenheit, Sauberkeit und soldatische Haltung. Während Ausländer mit ihren Devisen herrlich lebend das verhungernde Deutschland bereisen und ihm wohlwollend den Puls fühlen, regt es sich unter der Decke des Zerfalls. Unmerklich erst: ganze sieben Mann; dann stärker geworden und durch Verrat zerschmettert; und dann in einer immer schneller wachsenden Lawine.

Ein Volk beginnt sich auf sich selber zu besinnen. Die Rot hat ihm den Führer geschenkt; diesmal einen mitten aus dem Volk. Heber Millionen von kriegsgefallenen, über Zerspaltung, haß, Würdelosigkeit, hunger steigt der Weg bergan; der eine Mann an der Spitze; gehaßt, geschmäht vom eigenen Volk. Vis zu dem Tag, an dem er es als Ganzes gewonnen hat: bis zum 30. Januar 1933. Ein Reich, gebaut und zerschlagen; ein neues Reich, bas Reich der deutschen Sehnsucht, gegründet:

in 62 Jahren.

Aber Arndt hat recht, wenn er seine Deutschen vor dem bloßen Anschauen und Bewundern ihrer Geschichte warnt. Dauern die Jahre der Be­ruhigung zu lange, dann verfallen wir dieser Gefahr. Der 1 8. Januar 1871 und der 30. Januar 1 9 33 stehen so nahe beisammen, und was zwischen ihnen sich bereitet, ist so gewaltig, daß es unserer Generation wahrhaftig ein Leichtes sein muß, ihr geschichtliches W i s s e n als lebendiges Geschichts­gewissen wachzuhalten. Die Urenkel sollen es an ihrem Leben spüren, daß Gott uns nicht vergebens statt des gleichmäßig rinnenden Stroms die Sturm­flut geschickt hat; daß wir uns von ihr ergreifen ließen und willig lernten. Friedrichsruh ist für zahl­lose Deutsche ein Wallfahrtsort der Rückschau ge­wesen. Die beidep Januartage dürfen für UNS immer nur Wallfahrtsorte der Aus­schau sein; der Ausschau auf unsere Aufgabe. Diese Ausschau wird immer, wo deutsche Menschen zu ihr zusammentreten, im Entschluß gehorsamer Ge­folgschaft gipfeln den Männern gegenüber, ohne deren feste Hand das deutsche Volk niemals etwas Entscheidendes hingestellt hat. Unser Stolz über diese beiden Tage unseres Schicksals ist groß und stark. Was zwischen ihnen geschah, macht ihn zugleich de­mütig. Demütig nicht nur, weil es in den 62 Jah­ren in solche Tiefen hinabging; sondern demütig in dem Bewußtsein, daß wir wie unsere Väter und Großväterallein die Bereitschaft des Willens und das Ja zu den Zielen geben können; daß es aber jene wenigen ganz Großen find, die aus Volksart und Zeitgeschick je und je unsere Bereitschaft und die Wegweisung zu neuen Höhen für uns heraus­zaubern; die das deutsche Wunder tun:

VismarckundHiller.und zwischen ihnen der große Treuhänder zwischen beiden Zeit­wenden, Hindenburg.

Stolz ist in uns an diesem Tag. Kein Uebermut, keine Anmaßung. Aber der Glaube an unseren welt­geschichtlichen Auftrag und der Wille, ihn zu er­füllen. Dem Führer geloben wir ihn. Ihm, der das Dritte Reich erbaut, ein dreifaches Sieg-Heil!

Die Versammlung stimmte begeistert in das drei­fache Heil auf den Führer und Reichskanzler em,

erfüllt von tiefem Glauben an die Zukunft un­seres Volkes, und das herz voll Dankbarkeit für den Führer, der uns dieses Reich geschaffen und uns diese Ordnung des Staates geschenkt hat.

Wir denken heute zurück an die Zeit, als wir Reichsgründungsfeiern abhielten, die von Begeiste­rung erfüllt waren, bei denen vaterländische Lieder gesungen wurden von einem Drittel des deutschen Volkes, während der größte, der beste Teil des deutschen Volkes abseits stand. Da ist es heute cm-

Orten ergriffen die dort führenden Männer der PO. bzw. der Arbeitsfront das Wort zu kurzen Be­trachtungen über die Bedeutung des Tages.

Neues Liebeswerk des WHW. am 30. Januar.

Aus Anlaß des zweiten Jahrestages der national­sozialistischen Revolution nahm das deutsche Winter­hilfswerk Gelegenheit, die von ihr gepflegte soziale Arbeit in besonderem Maße zu steigern und einen erneuten Beitrag zur Linderung der Not der noch arbeitslosen und hilfsbedürftigen Volksgenossen zu geben. So wie im ganzen deutschen Vaterlande, wurden auch in unserer Stadt Tausende von Le­bensmittel- und Kohlengutscheinen ausgegeben..

Die Verteilung der Lebensrnittel- und Kohlen­gutscheine fand in diesem Jahre nicht in der Volks­halle statt, sondern die Verteilung war den einzel­nen Ortsgruppen anheimgestellt, denen die entspre­chende Menge von Gutscheinen zugestellt worden war. So versammelten sich zahlreiche Volksgenossen, insbesondere die minderbemittelten Einwohner un­serer Stadt in den verschiedenen Sälen. In kurzen Feiern wurde auf die Bedeutung des Tages der nationalsozialistischen Revolution für unser deutsches Volk hingewiesen und der Arbeit des Führers ge­dacht, der stets bestrebt ist, mit allen seinen Werken dem deutschen Volke zu neuem Aufstieg, zu neuer Kraft zu verhelfen. Musikalische Darbietungen ver­schönten die Feiern.

Innerhalb unseres Stadtgebietes wurden ins­gesamt über 4000 Lebensmittelgutscheine im Wert von je einer Mark ausgegeben. Außerdem gelangte eine größere Anzahl von Steinkohlen- und Brikett-Gutscheinen zur Verteilung. Neben der fäl­ligen Ausgabe der Kohlengutscheine der Serie B wurden den Familien zusätzliche Kohlen­gutscheine ausgehändigt. In unserer Stadt konnten so etwa 2000 Kohlengutscheine zur Ver­teilung gelangen.

Im Kreise Gießen wurden insgesamt etwa 11 000 Lebensmittel- und nahezu 6000 Kohlengut- | scheine verteilt.

Diese großartige W'iHerhilfeaktion stellt einen erneuten Beitrag zur Festigung der Volksgemein- I schäft dar.

die Gedenkrede, in der er in mitreißender Weise Bedeutung des Tages kennzeichnete. Er sagte u.

Wir begehen heute einen Feiertag, denTag der Reichsgründung, einen Tag, den wir vor Jahren begangen haben, aber immer mit einer lei­sen Hoffnung, daß das Reich der Deutschen doch einmal s o aussehen möchte, wie wir es gerne sehen würden und wie es der Traum der besten Deutschen seit einem Jahrtausend war. Heute, am zweiten Jahrestage der Machtübernahme des Na­tionalsozialismus, feiern wir diesen Tag nicht in rauschender Begeisterung, aber

Auf Einladung der Gießener Parteileitung ver­einigten sich gestern abend die Gießener Volksge­nossen zu einer Kundgebung im Saale des Cafe Leib, der in allen Teilen bis zum letzten Plätzchen besetzt, ja überfüllt war. Die Kundgebung stellte einen würdigen Abschluß des Gedenktages dar.

Nach einigen einleitenden Darbietungen des Mu­sikzuges der'Standarte 116 unter Leitung des Mu­sikzugführers Herrmann folgte der feierliche Einmarsch der vier Ortsgruppenfahnen, die von der Menschenmenge ehrfurchtsvoll mit dem Hitlergruß empfangen wurden.

2)A- stellvertretende Kreisleiter Hopfenmul- ler eröffnete hierauf die Kundgebung, gemeinem wurde das LiedVolk ans Gewehr" gesungen. So­dann hielt

Oberbürgermeister Ritter

die a.:

Nach der Reichsgründungsfeier mit Kamerad­schaftsabend am Dienstagabend im Saale des Stu­dentenhauses (üergl unseren gestrigen Bericht) stand der gestrige Mittwoch überall im Zeichen der zwe i- ten Wiederkehr des Jahrestages der Machtübernahme durch den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Im Verlaufe des Vormittags, zum Teil auch in den frühen Nachmittagsstunden, vereinigten sich in den Betrieben und den Behördengebäuden die deutschen Volksgenossen zu Betriebsappellen. Die Straßen der Stadt zeigten schon seit den frühen Morgenstunden außerordentlich reichen Flaggen­schmück, der das äußerlich sichtbare Zeichen der Ge­folgschaftstreue unserer Gießener Bevölkerung zu dem Führer Adolf Hitler darftellte.

Nie Betriebsüppeiie

Aus zahlreichen Berichten über Betriebsappelle am gestrigen zweiten Jahrestag der nationalsozia­listischen Revolution ergibt sich die Feststellung daß die Appelle überall in würdiger Weise verlaufen find und der Bedeutung des Tages in vollem Maße gerecht wurden. Im Hinblick auf die Tatsache, daß die Betriebsappelle in allen Orten bei den Unter­nehmungen und den behördlichen Verwaltungen stattfanden, überall eine kurze Ansprache brachten und der Verbundenheit des schaffenden deutschen Volkes mit dem Werke des Führers zum deutschen Wiederaufbau Ausdruck gaben, ist es aus Raum­gründen leider nicht möglich, jeden einzelnen Bericht abzudrucken. Erwähnt sei heute folgendes: bei dem Betriebsappell her städtischen Verwaltung und Be­triebe sprach Oberbürgermeister Ritter, bei dem Betriebsappell im Gießener Anzeiger war der Kreisschulungsleiter Michel als Redner erschienen, in den Zigarrenfabriken von I. B. Noll sprach der Kreispropügandaleiter Schmelz, vor der Ober­stufe der Goetheschule sprach der Schulamtsanwär­ter Jun g, in der Höheren Privatschule Gießen wurden u. a. Berichte über den Verlauf des 30. Ja­nuar 1933 aus dem BucheVom Kaiserhof zur Reichskanzlei" von Dr. Goebbels verlesen, bei dem Betriebsappell in den Didier-Werken in Mainzlar sprach der Kreisamtswalter der Deutschen Arbeits­front Hermann Wagner. In zahlreichen anderen

den, was in der deutschen Seele lebt: höchste Höhe, tiefste Tiefe, schreckliches Versagen und äußerste Leistung.

Unser Volk hat viele Lektionen in seiner Ge­schichte bekommen; und es hat oft nicht gelernt. Wer die Strecke zwischen Januar 71 und Januar 33 überschaut, muß verstehen: es ist, als hätte der Herr der Geschichte uns einmal alle Möglichkeiten unseres Schicksals in der Spanne eines einzigen Menschenlebens ins Gewissen hämmern und zur Wahl stellen wollen: wählt; ich habe es in eure Hand und Verantwortung gegeben; als hätte der große Lehrmeister dieses eine Volk in unheimlicher Ballung alle seine Charakterzüge schonungslos schauen lassen: so bist du nun entscheide dich. Hätten wir in unserem Volksgedächtnis nichts als diesen einen Zeitraum, wir hätten doch alles, dessen der Deutsche bedarf, um alles aus seiner Ge­schichte zu lernen.

Was liegt zwischen jenen beiden Gipfeln deut­schen Schicksals? Der eine Gipfel: ein Wann überrennt die Wanern zwischen den deutschen Ländern; er überrennt zugleich den Eigennutz deutscher Fürsten und Stämme. Er kennt ge­nau den Zeitpunkt, diese Ernte einzubringen; weiß, daß das Feld mit edelstem Blut getränkt sein muß, um solche Frucht zu bringen. Dann macht sich ein neues deutsches Volk auf den neuen Weg: Reichtum. Kultur. Erfindungen ohne Ende liegen am Weg. Es ist ein großes Vor­wärtsstürmen im Wettlauf der Volker.

Aber ihm ist eine unheimliche Sattheit eine schreckliche Ruhe der Gewissen. Darüber geht dem Volk langsam einer seiner größten und wichtigsten Stände verlo­ren: der deutscheArbeiter. Mitten in der Be­friedigung, im Ausruhen auf der Ordnung, die der IS. Januar 1871 gebracht hat, brechen Trennungs­gräben zwischen Brüdern eines Volkes immer tie­fer auf; mit ihnen ein Bildungsdünkel, der von echter Menschenbildung nichts mehr weiß. Langsam wird verwirtschaftet, was zum Wurzelbestand ge­hört- die Ehre eines großen Standes, das Wissen um Blut und Boden samt den Maßstäben, mit denen ein gesundes Volk über alle Standesgrenzen hinweg seine Menschen mißt und richtet. Mitten in alledem bringt dasselbe Volk verschwenderisch prachtvolle Menschen hervor: Bauern, Arbeiter, Ge­lehrte, Soldaten. Aber die Sattheit und das Gefühl unbedrohter Sicherheit machen, daß sich die Men­schen der Zügel entwöhnen: sich, ihre Familie, ihresgleichen fördern; aber nicht mehr das Ganze des Volks sehen und seine Belange. Die gute deut­sche Bürgerlichkeit glaubt, auch Marxismus und eine ordentliche Portion Liberalismus verdauen zu kön­nen, nimmt ohne viel Beunruhigung den deutschen Arbeiter als Revolutionär und Marxist hin. Töd­liche Bazillen hält man für bloße Anreger im Volkskörper; im Notfall wird man sie hinauskom- manbieren. Nur ein kleines Grüpplem bewegter Jugend wittert Gefahr; und sucht sich ihrer zu er­wehren, wirklichkeitsfremd und romantisch. Hin und wieder steht ein Mann, der feine Sorge um Deutsch­land mutig Sorge nennt; er ist Außenseiter und Ruhestörer. Die Waage des Geschicks schwankt zwi­schen Gipfelleistungen und Zerfallserschelnungen. Mitten aus dem drohenden Zerfall reckt sich Deutsch­land hoch, der ganzen Welt zu zeigen, was in ihm steckt, was es heißt, wenn Deutsche in Anigkeit sich zum Kampf stellen. Vier lange Jahre. Die Welt zittert vor uns Barbaren; so sehr, daß ihr dieses Zittern nicht aus den Knochen will, als das Reich langst am Boden liegt. 1919 stellen ihm auch wohl- wollende Neutrale die Diagnose: tot!

15 Jahre lang lobt sich alles aus. was an Zer- fallsmöglichkeiten im Deutschen steckt: vor dem Krieg fielen die Stände auseinander; jetzt fallen die Stände in sich auseinder; es gibt fein B o 11 mehr.

Wer regiert, tut es nur für Parteien; ist politischer Geschäftsmann mit der alle Verantwortung weislich

gebracht, einen Rückblick darüber zu geben, wie es möglich war, daß diese deutschen Menschen abseits standen und dieses Volk doch wieder zusammenge- führt wurde, so daß seine Werte wieder an die Oberfläche kamen und heute jeder einzelne Volks­genosse sich mitverantwortlich fühlt für das Werk unseres Führers.

Bismarck schuf das Zweite Reich und überbrückte damit die Gegensätze der Fürsten, deren Macht er zurückdrängte. Er mutzte aber den Fürsten und ihren Regierungen die Eigen st aatlichkeit und die Macht' der Gesetzgebung lassen. Nachdem dieses Reich zusammengebrochen war, ging bas Recht des Reiches wiederum verloren. Die Regie­rungen der einzelnen Länder richteten sich nicht nach den Interessen des Reiches, und die Führer im Reich, die Minister, kümmerten sich nicht um die Interessen des Volkes, sondern dachten nur an ihre Partei und an ihre Ministersessel. Wie oft haben wir erlebt, dah einzelne Länder Klage führten gegen das Reich und das Reich da­bei unterlag, weil sich die Führer im Reiche Rechte anmaßten, die wohl im Interesse des Reiches waren, aber gegen die Verfassungen der einzelnen Länder verstießen.

In jenen Jahren war das Reich gespalten in einzelne Länder, und das Volk war wieder in sich gespalten.

Wir haben auch erlebt, daß das Volksheer, das stolzeste Heer vor d-em Kriege, das mächtige und starke deutsche Heer, in dem die Besten aus dem Volke für ihr Volk dienten, eingesetzt wurde gegen die Massen der Arbeiter, als diese im Streik für ihre Rechte standen. Die Arbeiterschaft streikte ha« mals wegen berechtigter Lohnforderungen, die ihr nicht bewilligt werden sollten, und als die Polizei manchmal nicht ausreichte zur Zurückdrängung der Arbeiterschaft, wurde gegen diese das Volksheer auf­geboten, das auf diese Weise zur Verteidigung der Interessen des Kapitalismus gegen das schaffende deutsche Volk eingesetzt wurde. Das mutzte natürlich Konflikte im Staate schaffen. Wenn wir da-

In Anwesenheit zahlreicher Vertreter von Partei, Staat und Wehrmacht und vieler weiterer Gäste beging unsere Alma mater Ludoviciana zum ersten Male in einem gemeinsamen Festakt die Grün­dungsfeier des Bismarckreiches und den Tag der nationalsozialistischen Erhebung. Die Neue Aula bot ein prächtig farbenfrohes Bild, als unter feier­lichen Orgelklängen Rektor und Senat in herge­brachter Weife ihren Einzug hielten. Zum Eingang des Festaktes fang dann der Akademische Gesang­verein Ernst Moritz Arndts Gelöbnis in der Ver­tonung Stefan Temesoarys. Darauf betrat Seine Magnifizenz der Rektor

Professor Är. Pfähler

das Pult zu einer Festansprache, in der er folgen­des ausführte:

Wir Deutschen haben eine eigenartige Neigung, die Höhepunkte unserer Geschichte zu verselbstän­digen, sie aus dem Strome des Vorher und Nachher herauszunehmen, Denkmäler aus ihnen zu machen und aus ihrer Feier eine bloße Sitte. Es ist, als müßten wir uns angesichts des ungeheuren Auf und Ab unseres Volkslebens, angesichts der ungezählten Zeiträume des Niedergangs klammern an die Stun­den, die auf einen Gipfel geführt haben. E. M. Arndt, dessen 75. Todestag gestern war, und dessen Lieder diese Feier umrahmen, hat dieser deutschen Neigung den Satz entgegengefteüt:Der Väter Tu­genden und Taten können nur als ferne Sterne über unserem Leben leuchten, zu welchen wir mit Sehn­sucht aufblicken müssen; können wir nichts weiter als sie a n s ch a u e n und bewundern, so steht unser Leben unter ihnen still, und wir werden ratlos in der Irre laufen, wenn Wolken einmal ihren Glanz verhüllen." *

Rur bann feiern wir die beiden Reichsgrün- bungslage. ben 18. Januar 1871 unb ben 30. Ja­nuar 1933, sinnvoll, wenn wir sie für uns unb die Rachfahren als Leuchttürme ins Weer unserer Geschichte stellen, bie bas Vorher unb Rachher in ein scharfes Licht rüden. Der 18. unb der 30. Januar finb zwei solche Leuchtfeuer; so nahe beieinander, bah man vom einen jeweils noch ben Schein bes anberen sehen kann.

Es gibt heute noch Menschen, die über jede verlorene Semesterstunde klagen und gleichzeitig darüber, dah nicht jeder dieser Tage für sich gefeiert wird, jeder Feiertag mit seinem eigenen geschichtlichen Recht ausgeftattet. Mir scheint dagegen: wir haben allen Grund in der Anordnung des Reichskultusmimste- riums die beide Tage ineinsbindet, mehr, viel mehr zu sehen als einen bloßen Verwaltungsakt. Denn diese beiden Tage gehören auf ewig m der deutschen Geschichte zusammen; nicht um ihrer selbst willen, um to mehr als die beiden Eckpfeiler, die di7b°h7r gewaltigste Spanne dieser Geschichle um­greifen Wir selber sind |o sehr m di-se Spanne hineingezogen, daß sie uns unmöglich m ihrem gan­zen 21usmatz sichtbar werden kann Wer an einer Zeit selbst teilhat, die Jahre, Stunden und Minu­ten mitleben muß, dem zieht sich das Gewaltige, auch wenn es noch so gehäuft ist, auseinander m eine Breite, die es veralltaglicht, zur Gewohnheit macht. Es wäre schon gut wir wurden oster einmal mit den Augen unserer Urenkel auf diesen win- "gen Zeitraum non 62 Jahren, den jeder von uns miterlebt zurückschauen. Mit den Augeni der Ur­enkel- dann würden sich, weil alles Geschehen in der Fernschau sich verkürzt und zusammenpreßt, diese 62 Jahre zu einem einzigen Tag deutscher schichte verdichten; für die Urenkel ganz gewiß zu d e m Tag schlechthin, den sie wählen wurden, wenn sie sich unter allen Tagen Deutschlands für den über­reichsten, fruchtbarsten und schönsten zugleich ent­scheiden müßten. Wenn unter den Urenkeln einer das Epos der deutschen Seele gestalten wird, wird er in keinem Zeitraum so wie in diesem von den bei­den Januartagen umgrenzten alles verwirklicht fm-

worauf man gemeinsam die beiden Nationalhymnen sang. In fesselnden Ausführungen behandelte dann

Professor Dr. G. Sessous

in seiner Festrede das für unseren Kampf um Nahrungsfreiheit und ausreichende Rohstoffversor­gung ungemein bedeutsame ThemaDie Pflan­zenzüchtung und ihre Bedeutung für die Selb st Versorgung des deutschen Volke s". Der Vortragende ging davon aus, daß bereits vor dem Weltkriege Deutschland für rund 10 bis 20 Millionen Volksgenossen Nahrung vom Auslande einführen mußte und daß die Selbstver­sorgung noch ungünstiger gestaltet wurde durch den Versailler Vertrag, der uns bester landwirt­schaftlicher Ueberschußgebiete beraubte. Den Ergeb­nissen wissenschaftlicher Forschung ist es zu danken, daß ohne Vergrößerung der Anbaufläche sich schon seit Mitte des vorigen Jahrhunderts die Erträge wesentlicher landwirtschaftlicher Produkte beträcht­lich gesteigert hatten. Hieran hat auch die Pstan- zenzüchtung einen großen Anteil gehabt. Der Vor­tragende verfolgte die Entwicklung von der Wild- zur Kulturform der Pflanze, um zu zeigen, wie mir an Körnern aus prähistorischen Funden im Vergleich mit denen des Mittelalters oder gar unserer Zeit den gewaltigen Fortschritt sehen kön­nen, den die Entwicklung der vier Hauptgetreide- arten durchgemacht haben muß. Würde man bei­spielsweise auch unter günstigen Boden- und Dün­gungsverhältnissen eine der wilden Stammformen unseres Getreides heute anbauen, so würden wir nur einen Bruchteil von dem auf derselben Fläche ernten, was unsere heutigen Zuchtsorten dei glei­chem Aufwand leisten. Dieser gewaltige Fortschritt ist das Ergebnis Jahrtausende langer zunächst un­bewußter, später bewußter Verbesserung der vom. Menschen in Kultur genommenen Pflanzen. Ziel­bewußte Auslese schuf Sorten, die unseren klima­tischen Verhältnissen besser angepaßt unddaher auch leistungsfähiger waren als die ursprünglich eingeführten. Auch aus einheimischen Landsorten suchte die Veredelungsauslese das Leistungsfähigste heraus. An der Zuckerrübe und an der Kartoffel wurden die außerordentlichen Ertragssteigerungen gezeigt, die eine systematische Veredelungsauslese zur Folge haben kann. Ein anderer Weg zur Er­tragssteigerung ist Neuzüchtung entweder durch Bastardierung oder Verfolgung aufgefundener Muta. Honen. Hierbei gelingt es, durch den Anbau von Süßlupine dem bislang großen Mangel an Eiweiß­futtermitteln abzuhelfen. An der Gewinnung eines winterfesten, gegen Rostpilz immunen und back­fähigen Weizens wird eifrig gearbeitet, gelungen sind bereits über hundert Zuchtsorten einer gegen ben Kartoffelkrebs widerstandsfähigen Kartoffel. Die Züchtung eiweißreicher Gersten sowie von Grä­sern und Klee als Eiweißlieferanten spielt eine hoch bedeutsame Rolle. Selbstverständlich wird auch an der Verbesserung der Faserqualität unserer Ge­spinstpflanzen, sowie am Oelgehalt und an der Möglichkeit der Einführung neuer fettliefernder ; Pflanzen Joie der Soja gearbeitet Ebenso bietet die Obst- und Gemüsezüchtung große volkswirt­schaftliche Möglichkeiten. Bekannt sind die Be­mühungen um die Züchtung von gegen Meltau und Reblaus immunen Reben. Um genetisches Material zur Blutauffrischung zu gewinnen, arbeiten wissen- schastliche Expeditionen in der Urheimat unserer Kulturpflanzen. Zu diesem Zweck geht z. B. in diesem Jahre unter der Leitung eines jungen Wissenschaftlers des Gießener Landwirtschaftlichen Instituts, die vom Forschungsdienst der deutschen Wissenschaft ausgerüstete Hindukusch-ExpedlHon nach Asien. So nimmt die deutsche Pflanzenzuchtung eine hervorragende Rolle ein in der Erzeugungs­schlacht, der das Ziel gesetzt ist, durch Ertrags­steigerung zur Nahrungsfreiheit zu kommen.

Nachdepi der Vortragende seine hochaktuellen Ausführungen beendet hatte, wurde der Festakt mit einem wiederum vom Akademischen Gesangverein unter Leitung des Universitäts-Musikdirektors Prof. : Dr Stefan Temesvary klangschön vorgetrage­nen Lied von Ernst Moritz Arndt beschlossen.