Ausgabe 
30.12.1935
 
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Nr. 303 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)

Montag, 30. Dezember |935

Nationen im Ausbruch.

Eine Ltmschau unserer Auslands-Korrespondenten an der Jahreswende.

Reue Wege in Rumänien?

Don unserem L.«Berichierstaiier.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) B u k a r e st, Ende Dezember 1935.

Das rumänische Volk sammelt sich langsam an der Scheidelinie zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der Ruf zum Sammeln ist von der äußersten Rech­ten ergangen. Ganz zweifellos werden auch die Männer, die sich an die Spitze der Kolonnen stellen sollen, von der äußersten nationalen und christlichen Rechten kommen.

Das Parlament war in Rumänien immer ein Werkzeug der Parteien, die Parteien wiederum die Werkzeuge einzelner politischer Gruppen. Das kraftvolle Königtum Carols II. hat die Macht dieser Gruppen und hiermit auch die der Parteien und des Parlaments gebrochen. Wie weit Carol II an der Bereitung des Weges des rumä­nischen Volkes in die Zukunft bewußt mitarbeitet, ist nicht abzuschätzen. Sein Wort aber ist mehr und mehr einzig entscheidend für die politische Ge- aenwart geworden. Der Marsch aus der Gegenwart heraus ist also ohne Auseinandersetzung mit dem Königtum Carols II. nicht möglich. Octavmn G o g a und Dr. Vaida-Voevod sind Männer der Krone, und auch Codreanu, der Führer der Eisernen Garde, ebenso wie der Führer ihrer Platz­halterin, der ParteiAlles für das Land" (Totul pentru Tzara"), General Zizi Cantacuzino, haben immer mit Nachdruck ihre Königstreue be­tont. Die Erkenntnis der Notwendigkeit des Ein­vernehmens mit der Krone besteht also bei den Führern der Rechten. Mit ihrer monarchischen Ein­stellung tragen sie im übrigen auch den Bedürfnissen und Wünschen jener Schichten und Kreise Rechnung, die den Großteil ihrer Anhängerschaft stellen. Iungbauern, Studenten und Offi­ziere füllen die Reihen der Rechtsparteien. Sie sind national, christlich und monarchistisch. Die Arbeiterfrage ist nicht mit westlichen Maßen zu messen. Es gibt keine Arbeitslosenfrage in Ru­mänien, es gibt keine Sozialdemokratie und keinen Kommunismus, die als Machtfaktoren irgendeine Rolle von Bedeutung spielen können. Der Arbeiter wurzelt nicht im Pflaster der Fabrikstädte, sondern immer noch im Boden seines heimatlichen Dorfes. Er ist kein Stadtproletarier, sondern bäuerischer Industriearbeiter. Wenn also eine politische Be­wegung die Iungbauern für sich gewonnen hat, hat sie auch die Arbeiter gewonnen.

Die Politik der nationalen Rechten krankte bisher daran, daß sie den gemeinsamen Weg zum Auf­bruch der Nation nicht zu finden vermochte. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres gelang es aber, einen teilweisen Zusammenschluß der Rechtsparteien herbeizuführen. Die Partei Gogas und dieLiga für National-Christliche Ver­teidigung" Professors Cuzas wurden zur natio­nal-christlichen Partei zusammengeschweißt. Führer blieben Goga und Cuza. Aus der national- christlichen Partei und der Rumänischen Front wurde ein parlamentarischer Rechtsblock gebildet. Führer blieben Goga, Cuza und Vaida-Voevod. Erster Sprecher im Parlament ist Goga. Der einzige Führer, der Führer, aber wurde nicht gefunden! Nationale Schlagworte werden übrigens mehr und mehr von allen politischen Parteien Ru­mäniens übernommen, nicht nur aus taktischen Gründen, um die Parteien der äußersten Rechten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, sondern auch aus der klaren Erkenntnis heraus, daß national­christliches und evolutionäres Gedankengut immer tiefer alle Schichten des rumänischen Volkes durch­dringt. Eines aber steht fest: Der Ruf zum Auf­bruch ist ergangen. Marschkolonnen stehen bereit und warten. Sie harren des Mannes, der sie zu­sammenführt und der sie vor allem führt.

Kurz erwähnt seten zwei Punkte, die Deutsch­land an der Aufbruchsbewegung des rumänischen Volkes des näheren interessieren müssen: die Min­derheitenfrage und die Außenpolitik. Selbstver­ständlich sind alle Rechtsparteien Rumäniens na­tional und wollen als solche nationalisieren, wollen die Herrschaft im Staate, die Leitung der Verwaltung und der Wirtschaft hundertprozentig dem blutmäßigen Rumänentum erobern. Die Auseinandersetzung mit dem Judentum erfolgt gesondert. Die Juden genossen in Rumänien bis zum Ende des Weltkrieges keine vollen Bürger­rechte. Sie sind demgemäß auch heute nur äußerst selten in staatlichen oder halbstaatlichen Verwal­tungsstellen zu finden. Die Klärung der Positionen erfolgt fast ausschließlich auf dem Boden der Wirt­schaft und dem der freien Berufe. Auch mit den nichtjüdischen, zum Teil autochthonen und zum Teil seit vielen Jahrhunderten im Lande ansässigen Minderheiten muß sich aber auf dem natio­nalen Vormarsch der Rechtsparteien früher oder später der Zusammenstoß ergeben. Wie weit ge­meinsames Gedankengut mit dem neuen Deutsch­land oder außenpolitischen Einvernehmen mit ihm einen Wall um die deutschen Minderhei- t e n Siebenbürgens, des Banats, der Bukowina, Bessarabiens und der Dobrudscha zu bilden ver-

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten?) Tirana, Ende Dezember 1935.

Nur selten hört man in der Oefsentlichkeit etwas über die Entwicklung, die das j ü n g st e König­reich Europas, Albanien, nimmt. Dabei ar­beitet gerade dieses Land und dieses Volk, geführt von einem klugen und umsichtigen Herrscher, so ziel­bewußt und planmäßig an seiner inneren Gestal­tung, wie nur wenige andere Volker Europas. Als vor einigen Wochen durch die europäische Presse die kurze Nachricht ging, daß die bisherige albanische Regierung zurückgetreten und eine neue an ihre Stelle gekommen sei, nahm man diese Meldung hin als einen der vielen Berichte von mehr oder weniger wichtigen Regierungskrisen. Aber gerade diesem Regierungswechsel kommt für das Königreich Albanien eine ganz besondere, grundsätzliche Bedeu­tung zu. Mit der Ernennung des neuen Kabinetts, dessen Ministerpräsident der bisherige Präsident des Staatsrates Mehdi Frasheri ist, begann nämlich ein neuer Abschnitt in der politischen Entwicklung.

Als vor nunmehr elf Jahren der damals erst 29- jährige Achmed Zogu nach einer kurzen kom­munistischen Regierungsperiode des Ministerpräsi­denten Fan N o l i die Leitung der Staatsgeschäfte in Albanien übernahm, schien zunächst die zu über­wältigende Arbeit riesengroß. Hatte doch Albanien fast ein halbes Jahrtausend unter der türki­schen Fremdherrschaft gelebt und war fo, wie kein anderes Gebiet des ganzen Balkans, in morgenländifchem Geiste erzogen worden. Morgen­ländische Sitten und morgenländische Denkart be­herrschten das Land und das Volk in ollen seinen Schichten. Als nun Achmed Zogu die Macht über­nahm, hatte es an sich nahegelegen, daß er sofort die reformatorische Arbeit begann. In kluger Vor­aussicht vermied er es aber fürs erste, mit großen Reformen zu kommen: er verzichtete darauf, ge­wissermaßen über Nacht aus den gänzlich mor­genländisch eingestellten Albanern Westeuropäer zu machen. Seine Hauptkraft konzentrierte der junge Staatsmann zunächst auf die Sammlung eines, wenn auch kleinen, so doch wirklich aktiven Kreises ernster Mitarbeiter, mit deren Hilfe er eine neue Verwaltung, ein geordnetes Schulwesen und die

möchte, ist in keiner Weise abzuschätzen. Hoffnun­gen, daß es den Deutschen Großrumäniens gelingen könnte, sich auf die Dauer eine Ausnahmestellung zu schaffen, sind leider kaum berechtigt.

Den außenpolitischen Weg zu Deutschland wird die politische Rechte Rumäniens früher oder später nehmen, weil er sich nicht nur aus gemeinsamem Gedankengut, sondern auch aus geopolitischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten ergeben muß. Vor­erst hat es mit privaten Freundschaftsbezeugungen und mit Sympathiekundgebungen der Rechtspresse sein Bewenden. Der immer noch bestehendenAlli- ierten"-Atmosphäre hat sich vor der Oefsentlichkeit auch der parlamentarische Rechtsblock beugen müssen. In seinem Programm, das durch seinen Sprecher Octavian Goga verlesen wurde, wird nicht nur für die Erhaltung der Friedensoerträge, sondern auch für die Beibehaltung der bestehenden Bündnisse eingetreten. Es bleibt abzuwarten, wann und wie weit die Rechtsparteien Rumäniens auch in der Außenpolitik eigene Wege ein­schlagen werden können. Allergrößte Beachtung wird aber jedenfalls noch einem Umstande zugewendet werden müssen: der Wechselwirkung zwischen dem Interesse Deutschlands an der Erhaltung des Deutsch­tums in Rumänien und seinem Interesse an der Freundschaft des rumänischen Staates.

Grundlagen einer organisierten Wirtschaft schuf. Es entwickelte sich eine große Bautätigkeit und gleichzeitig wurden planmäßig gute Derkehrsverbin- bungen hergestellt, und zwar nicht nur, wie so oft irrtümlicherweise behauptet wird, lediglich nach mili­tärischen Gesichtspunkten, womöglich noch im In­teresse fremder Nationen, sondern vom Gesichts­punkt der wirtschaftlichen Erschließung des Landes aus.

Die zweite Hauptsorge der albanischen Regie­rung war die Schaffung eines wirklich zeitgemäßen und guten Schulwesens. Ueherall im Lande entstanden neue Volksschulen, Lehrerbildungsanstal­ten, Mittel- und Mchschulen. Außerdem schickte die Regierung jedes Jahr eine Reihe von jungen Leuten an ausländische Hochschulen, wo die Betref­fenden einen Begriff von der Entwicklung der abendländischen Welt bekamen und mit neuen Ideen einer neuen Zeit bekannt wurden. Alle diese jungen Leute, die sich im Auslande ein größeres Wissen angeeignet hatten, wurden dann nach ihrer Rückkehr planmäßig auf die wichtigsten Posten der Staatsverwaltung verteilt. Mit dieser Maßnahme waren die Voraussetzungen geschaffen worden für die zweite Etappe der innerpolitichen Entwicklung, die König Zogu jetzt mit der Neubildung des Ka­binetts begonnen hat.

Dieser neue Abschnitt der Innenpolitik Albaniens läßt sich vielleicht am besten kennzeichnen mit der Formulierung: Wandlung des Volkes zum abendländischen Kulturkreis. Nachdem jetzt überall im Lande, bis hinein ins kleinste Dorf, ein gewisser Stamm von geschulten und wirklich aufgeklärten Menschen herangebildet worden war, konnte König Zogu versuchen, einen Schritt weiter­zugehen und mit all den mehr äußerlichen lieber- lieferungen aus der Zeit der türkischen Fremdherr­schaft zu brechen und die breiten Massen des Volkes mit abendländischen Sitten und abendländischer Kultur vertraut zu machen. Eines der wichttgsten Momente bei diesen Bestrebungen ist die Bewegung gegen die echt orientalische Zurückdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben. Von der albani­schen Jugend geführt und getragen, hat jetzt im ganzen Lande ein Feldzug gegen Die Verschleierung der Frau eingesetzt.

Die wichtigste Stütze der Regierung ist überhaupt die Jugend. Die meisten der neuen Minister gehören der jungen Generation an und sind schon in einem freien, selbständigen Albanien aufgewach» en. Aufgabe dieser jungen Generation ist es nun, das Bindeglied zu fein zwischen der alten Genera­tion und den Ideen einer neuen Zeit. Diese Ver­bindung möglichst lebendig und eng zu gestalten, hat König Zogu für seine wichtigste Aufgabe im gegenwärtigen Augenblick angesehen. Ja, man kann heute König Zogu geradezu als den wirklichen Führer des jungen Albanien bezeichnen. Nicht nur, daß er der Ausgestaltung des Sportes besondere Aufmerksamkeit zuwandte. Auch die Er- affung der jungen Generation in Jugendoer­ei n e n und ähnliche Maßnahmen sind auf die Initiative des Königs selbst zurückzuführen.

Kürzlich hielt König Zogu vor den Vertretern der albanischen Jugendorganisation eine Ansprache, in der er seine Zielsetzungen klar umriß. Albanien, führte er aus, das seine Unabhängigkeit nach schwe­ren Kämpfen erwarb, habe die Aufgabe, das Natio­nalgefühl zu stärken und als Voraussetzung hierfür eine eigene Kultur planmäßig weiter zu entwickeln. Don höchster Wichtigkeit für eine Nation sei das Festhalten an den Sitten und Gebräuchen der Vor­fahren. Nicht an den Bräuchen, die von fremden Herrschern eingeführt wurden, sondern an eige­nen nationalen Sitten. Man müsse sich immer vor Augen halten, daß die Ehre des Albaners nicht durch den Schleier gewahrt werden könne, sondern durch männlichen Charakter und durch die reinen Sitten, wie sie von den Vorfahren überkommen seien. Das albanische Volk brauche, um zu einer glücklichen Zukunft zu gelangen, Disziplin, Opfer­mut und Kulturfortschritt.

Die programmatischen Erklärungen des albani­schen Königs zeigen, daß dieses kleine Land ent­schlossen ist, sich seine Stellung in der europäischen Völkerfamilie mit allem Ernst und allem Eifer zu erkämpfen. Die Berufung junger, tatkräftiger Mini­ster und die enge Zusammenarbeit der verantwort­lichen Stellen gerade mit den Vertretern der jungen Generation und schließlich auch der planmäßige Ausbau des gesamten kulturpolitischen Lebens, alle diese Momente berechtigen zu der Annahme, daß es König Zogu gelingen wird, das albanische Volk einer besseren und glücklicheren Zeit entgegenzu­führen, als es die Vergangenheit war.

Neues Kapitel in Griechenland.

Don unserem (E. R.)-Äerichierstaiier.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten?) Athen, Ende Dezember 1935.

Griechenland ist gerade gegen Jahresende i n einen neuen Lebensabschnitt eingetreten. Der republikanischen Staatsform, die am 25. März 1924 eingeführt wurde, machte ein friedvoll ver­laufenes Eingreifen dreier Offiziere am 10. Oktober 1935 ein Ende. Die vom Volke langersehnte Mon­archie wurde ausgerufen und auf Grund eines Volksentscheides, der eine erdrückende Mehrheit für die neue Staatsform ergab, konnte König Georg II. unter unbeschreiblichem Jubel in seins Hauptstadt zurückkehren.

Diese Ereignisse sind ein Beweis dafür, daß sich Griechenlands um aus dem parlamentarischen Wirr­warr herauszukommen, nach einer festeren Regie­rungsform sehnte. Zwar ist durch die Rückkehr Des Königs die Frage des Parlamentarismus noch nicht gelöst und eher von der Lösung noch weiter entfernt worden, denn der König ist mit liberalen Ideen aus England in die griechische Hei­mat gezogen und will streng nach der parlamen­tarischen Verfassung das Land regieren. Trotzdem kann bereits die Monarchie als eine Stärkung der autoritären Staatsidee angesehen werden. Der König wird alleiniger Befehlshaber der gesamten bewaffneten Macht, er stellt sich über die Parteien und hat durch eine großzügige Am­nestie, die selbst seine ärgsten Todfeinde einschloß, seinen königlichen Willen bekundet, mit der Ver­gangenheit zu brechen und ein großes Versöhnungs­werk einzuleiten.

Es ist zwar nicht der erste Versuch in dieser Hin-

Albanien gliedert sich dem Abendland ein.

Don unserem (Sch.>Äerichierstaiier

Hans Ewald Kleine 1*.

Ein junger Freund ist von uns gegangen, und es ist, als ob fein Hingang uns, die wir ihn ge­kannt haben, zwänge, einander in besonderer Weise die Hand zu reichen.

Sterben und Sterben kann gar sehr verschieden fein. Diesem Tod ging ein langes qualvolles Lei­den voraus, und doch verbinden sich ihm jetzt schon

für das Gefühl Worte, die mit Leben und Jugend verbündet sind. Unverminderte Liebeskraft für feine Freunde, Mannhaftigkeit, ja die Kraft zu un­vermindert guter Kunstarbeit, fast bis zum letzten Augenblick, bis die Hand sich nicht mehr heben konnte. Dies könnte für die Bleibenden tiefe Be­schämung fein, denn wie oft versagten wir bei weit geringerer Versuchung. Was seine Kunst auszeich­nete: die frühe Disziplin des Geistes, die Reinlich­keit des Handwerks, ein jugendlich reicher Angriff des Ganzen ohne Schwulst, dies zeichnete den Menschen auch als Menschen aus. Immer gefühl­voll, aber immer diszipliniert. Und wie anmutsvoll

kann sich beherrschte Haltung mit dem sprungberei­ten übermütigen Impuls der Jugend verbinden, dies war fein äußeres Bild, wie es uns bleiben wird; stets unbelaftend feine Gegenwart, nie eigen­süchtig oder eitel fordernd, aber ganz geöffnet, auf­nahmefähig, ein junger Künstler, der auch jene seltene, feine Intelligenz besaß, die keine Ausbau­möglichkeit für die Zukunft ausschließt. Das schöne Symbol dafür das geöffnete Tor im Dürerschen Wappen, die Geöffnetheit, ohne die der Künstler so leicht erstarrt.

Daß die Freunde ihn vermissen werden, daß eine Lücke bleiben wird, ist dies ein Stück Unsterb­lichkeit?

Soviel bleibt gewiß: es ist etwas Verschiedenes um das Sterben. Gar mancher Tod läßt die Men­schen bedrückt und gesenkten Hauptes auseinander­gehen, neu beladen statt erlöst.

Dieser Tod aber ruft uns Freunde zusammen, als ob die heilige Ferne, in die der Gegangene ent­rückt ist, ihm die Befehlskraft zuerteilte, uns zu ver­pflichten, daß wir uns feiner, feines Arbeitsmutes, feiner unverrückbaren Treue den wahren Werten des Lebens gegenüber, seiner letzten aroßen Tapfer­keit der letzten großen Aufgabe gegenüber nicht un­würdig zeigen. Editha Klipstein.

Die Totenmaske des jungen Malers, die wir hier wiedergeben, wurde von dem Gießener Bild­hauer Carl Bourcarde abgenommen.

Winterlicher Voaelbefnch.

Don Peter Bauer

Sperlinge.

Wenn über Nacht die Erde gefriert und eine steinharte Kruste ansetzt, dann sind viele hungrige Schnäbel in Not. Nicht so die Spatzen, die immer wissen wo es etwas gibt und dreist genug sind, auf ein Fensterbord zu flattern. Die Wärme, die die Fenster atmen, sagt ihnen, daß da drinnen andere Möchte regieren, als im Freien und daß man sich auf alle Fälle einmal durch bettelhaftes Schilpen bemerkbar machen müsse.

Es sind die kecksten und verwegensten Abenteurer unter ihnen, die einzeln das Fenster belauern und ihre spitzen Rufe erschallen lassen. Dabei drehen und wenden sie den Kopf mit einer nervösen Ha­stigkeit, der nicht das geringste Geräusch entgeht. Ehe noch der Fensterriegel knirscht, sind sie husch! in Deckung.

Dann aber fallen sie auf die hingeschütteten Speiseüberreste und Brosamen her und stopfen sich so rasch als möglich den Wanst voll. Im Nu ist nämlich der ganze Schwarm da und stochert auf das Mahl los. Manche sind voll Gier und Heißhunger und möchten am liebsten alles auf ein­mal hinunterwürgen. Der Schnabel ist ihnen nicht groß genug. Sie plustern sich auf und machen sich so breit als möglich, so sehr auch andere über ihre Vielfresserei schimpfen. Und nicht eher verlassen sie die Stätte, bis sie prall und dick wie Bälle sind und kaum noch atmen können. Wenige nur picken bedächtig und fliegen mit jedem Bissen davon, um ihn in Ruhe genießerisch zu verzehren. Es sind die schlanksten Vogel, von edlerer Körperform, die im Springen wie im Fliegen angenehm auffallen ge­genüber den schwerfälligen Dickwänsten. Diese haben noch immer nicht genug. Es reute sie scheinbar, daß sie davongeflogen waren. Sie finden, daß sich noch manches schlingen läßt. Endlich plumpsen sie, zum Bersten voll, in irgendein Geheck hinab, der Ver­dauung zu pflegen.

Haubenlerche.

Es sind keine Städter wie die Sperlinge, die jedes Kind kennt. Darum fallen sie in den winter­lichen Straßen sofort auf, so unscheinbar kehrricht­farben auch ihr Gefieder ist. Immer sind sie zu zweien. Das kecke Häubchen, dem sie ihren Namen verdanken, schmückt Männchen wie Weibchen.

Sie hüpfen nicht mit geschlossenen Beinen wie die Spatzen, sondern schießen wie von einer Feder aufgezogen in raschem zierlichen Trippelschritt über den Fahrweg, oder nur bis zur Mitte und wieder zurück, weil so viele Autos kommen. Wo wir nichts als Staub sehen oder Schmutz, finden sie mit be­henden Bücklingen nach rechts und links immer noch Leckerbissen, so winzig sie auch sein mögen.

Die Haubenlerchen sind mehr vorsichtig als furcht- fam, enteilen wenn man ihnen näherkommt, fliegen aber erst im letzten Augenblick einen Sprung weit davon oder sie ducken sich plötzlich dicht an den Bo­den, daß sie einem Hümpelchen hingewehtem Keh­richts gleichen. Lauf sowohl wie Flug geschehen so leicht und leis, daß man immer überrascht ist. So geräuschlos gleiten die Eulen durch die schwarze Nacht.

Mauern und Tore überfliegen die Haubenlerchen selten. In den winterlichen Gärten und Höfen tum­melt sich Vogelvolk genug. Sie lieben große Ge­sellschaften ebenso wenig wie die Enge zwischen den Häusern. Nur in der Weite der Fluren fühlen sie sich wohl. Freie Plätze und Straßen sind ihnen schon begrenzt genug. Darum zigeunern sie nur zu Zweien umher, und kein Pärchen stört das andere.

Krähen.

Sie bleiben meist in Horden beisammen, wie sie in der Frühe des Tages von ihren Schlafbäumen her aufbrachen. Sie finden überall etwas für den immer hungrigen Krähenmagen und bevorzugen dis Randgebiete der Stadt: die Mündung der Abwässer in den Fluß, die Umgebung der Lagerhäuser und den Güterbahnhof. Sie sind nicht wählerisch und stochern mit ihren scharfen Schnäbeln in jedem Un­rat herum. Selbst Verendetes und Verwittertes wird hinuntergewürgt.

Wo sie sich niedergelassen haben, stolzieren sie selbstbewußt herum, unbekümmert um den Lärm der Lastautos und der rangierenden Lokomotive. Zwischen den Gleisen und Schwellen strolchen sie und picken, was beim Verladen Vertilgbares zu Boden fiel. Bei jedem verdächtigen Geräusch, das sie feinhörig aus dem Getose der Arbeit heraus­hören, recken Sie den Kopf und stehen einen Augenblick wie erstarrt. Wiederholt oder nähert sich, was sie stutzig werden ließ, so heben sie sich mit einigen Flügelschlägen empor, um aber schon nach einem kurzen Strich über die Erde hin wieder herabzugleiten. Tut dagegen Flucht not, schwingen sie sich, oft mit einem ärgerlichen und heiseren Kräh?" höher und besetzen die nächsten Bäume. Wie verklumptes Astholz hocken die plumpen Vo­gelleiber dann in dem schwarzen Gezweig.

Bevor noch das erste Laternenlicht in den ver­dämmernden Tag blinzelt, steigen sie schwarmweise auf und rudern in hohem Flug über die Straßen hin, einem nahen Gehölz oder Baumweg am Rande der Stadt zu, wo sie Nachtquartier beziehen. Unterwegs schließen sich ihnen neue Horden an, die von nahen Aeckern und Wiesen aufschwärmen. Wie schwere Wolken folgen sie einander in kurzen Ab­ständen und wenn man sie nicht sieht, hört man aus der Höhe ihre krächzenden Stimmen,

Zeitschriften.

Im neuesten Heft derI11 u st r i r t e n Zeitung" (I. I. Weber, Leipzig) findet sich u. a. ein interessanter BeitragVom Zauberbrauch zur Bohrmaschine" mit zahlreichen zeitgenössische» Kupfer- und Holzschnitten: er behandelt die qt»e schichtliche Entwicklung der Zahnheilkunde: auch bl« Bedeutung der Zähne für den menschlichen Körper, und ihre Pflege wird an Hand einprägsamer Illu« ftrationen erläutert. Vom Walfisch im Nordmeer berichtet der Textbeitrag eines Fahrtteilnehmers und reiches Abbildungsmaterial. Viel Interesse wird auch die ErzählungLe Fils de VHomme" finden, die das Schicksal des jungen Herzogs von Reich­sstadt, des Sohnes Napoleons I., behandelt.