Ausgabe 
30.10.1935
 
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Schwierigkeiten sie zwingen, die Dienststellen der Deutschen Arbeitsfront aufzusuchen.

In den meisten Fällen hat das Mitglied den Be­trieb oder die Wohnung gewechselt, ohne die DAF.- Dienststelle zu verständigen. Durch das Versäumnis kann eine regelmäßige Einkassierung nicht mehr stattfinden. Dabei übersieht das Mitglied, daß die DAF- nicht die Pflicht hat, die Beiträge einzutrei­ben, sondern daß das Entrichten des Mitgliedbei­trages eine B r i n g s ch u l d darstellt.

Schon nach einer Versäumniszeit von zwei Mo­naten bzw acht Wochen verliert der Volksgenosse die Mitgliedschaft zur Deutschen Arbeitsfront und somit auch die erworbenen Rechte auf sämtliche Ein­richtungen der DAF. Wir bitten noch zu bedenken, daß unsere Kassierer ausnahmslos ehrenamtliche Mitarbeiter sind, die sich der Volksgemeinschaft frei­willig zur Verfügung stellen. Es ist eine dringende Forderung des Gemeinschaftsgedankens und der Kameradschaft, diesen Volksgenossen die Arbeit in jeder Hinsicht zu erleichtern. Deshalb muß es unter allen Umständen vermieden werden, unsere Kassierer mehrmals mit tröstenden Worten oder Ausreden unverrichteter Sache wegzuschicken.

Diesen Volksgenossen sei nochmals gesagt, d«ß der Mitgliedsbeitrag eine B r i n g s ch u l d ist.

GportamtSVoff durch Zreudt,'.

Heute folgende Kurse:

Allgemeine Körperschule, für Frauen und Männer. Von 20.30 bis 21.30 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26. Von 19.45 bis 20.45 Uhr, Großen- Buseck, Schule.

Reiten. Von 20 bis 21 und 21 bis 22 Uhr, Reitschule Schömbs.

Leistungsbücher für das Reichssportabzeichen!

Die Leistungsbücher für das Reichssportabzeichen können nunmehr auf dem Sportamt abgeholt werden.

ReuekdF."-Sportkurse!

Ski-Trockenkurfus: An dem Ski-Trocken- kurgps (Freitag, 21 Uhr, Reitschule Schömbs) kön­nen noch sechs Teilnehmer zugelassen werden. Schneeschuhe und Stöcke werden vom Sportamt gestellt.

Hallentennis: Der erste Kursus für Hallen­tennis beginnt am kommenden Samstag, 2. Nov., um 16 Uhr, in der Volkshalle. Wir bitten alle Interessenten, die sich bisher schon gemeldet haben, zu dieser Zeit zu einer Besprechung und Ein­teilung anwesend zu sein. Neunnmeldungen können noch in der Volkshalle und auf dem Sportamt ab­gegeben werden. Bei genügender Beteiligung be­ginnt der zweite Kursus" am Sonntagmorgen, 3. Nov., um 9 Uhr, in der Dolkshalle.

Treibt Leibesübungen mitKraft durch Freude"!

** Sonntagsrückfahrkarten zum A r - Heiligenmarkt in Hungen. Die Reichsbahn gibt zu dem am 1.November in Hungen statt­findenden Arheiligenmarkt Sonntagsrückfahrkarten von allen Bahnhöfen der Strecken GießenHun­genNidda, NiddaSchotten, FriedbergHungen, FriedbergNidda und HungenMücke aus. Die Karten gelten zur Hinfahrt vom 31. Oktober, 12 Uhr, bis 3. November und zur Rückfahrt vom 31. Oktober bis 4. November, 12 Uhr (spätester Antritt der Rück­fahrt.

** D i e Heimatoereinigung Schiffen­berg veranstaltet am Sonntag, 10. November, eine Familienzusammenkunft. Außer musikalischen und sonstigen Darbietungen ist ein geschichtlicher Vor­trag von Rektor a. D. V. Müller überDas Nordende des Limes" vorgesehen.

** Unfall. Der 14jährige Sohn des hiesigen Arbeiters Heinrich Fleck, Weidengasse 7, wurde mit einem Bruch des rechten Beines in die Klinik gebracht. Der Junge wurde von einer Kuh umge­stoßen und erlitt dabei die Verletzung.

** Ein Ausbildungskursus in der er st en Hilfeleistung beginnt bei der Gieße­ner Sanitätskolonne am kommenden Montag. Man hofft auf die Beteiligung vieler Volksgenossen über 18 Jahre. Näheres in der gestrigen Anzeige.

Mffenschast im Dienst am deutschen Dost.

Wie im Sommer, so veranstaltet die Univer­sität Gießen auch im Wintersemester in Zu­sammenarbeit mit der N S. - G e m e i n s ch a f t Kraft durch Freude", Deutsches Volksbil­dungswerk, eine Vortragsreihe unter dem GesamtnamenWissenschaft im D i e n st am deutschen Vol k".

Wieder haben sich die Vorträge das Ziel gesetzt, allen Volksgenossen Einblick in das Schaffen und Streben deutscher Wissenschaft zu gewähren. Sie wollen zu ihrem Teil beitragen, daß, wie die deutsche Forschung und Wissenschaft Dienst am deutschen Volk ist, auch ihre Ergebnisse Gesamtgut der Volks­gemeinschaft werden.

Zu den Vorträgen sind alle Volksgenossen einge­laden. Sie sind unentgeltlich und finden jeweils um 20 Uhr im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Insti­tuts, Ludwigstraße 34, (Ecke Goethestrahe) statt. Folgende Vorträge sind vorgesehen:

Montag, 11. November, Professor Dr. Klute:

Wirtschastswert afrikanischer Landschaften (mit Licht­bildern).

Montag, 25. November, Professor Dr. Hoff­mann: Leistungssteigerung und Nervensystem.

Montag, 16. Dezember, Professor Dr. Glöck­ner: Die Ethik des Alltags und die Ethik des Philosophen.

Montag, 6. Januar, Dr. Tempel: Kartoffel­käfer und Kartoffelkrebs, zwei gefährliche Feinde für die Ernährung des deutschen Volkes (mit Licht­bildern).

Montag, 20. Januar, Professor Dr. Schu­ch a r d t: Neue Forschungen über die alten Tem­pel der Burg von Athen (mit Lichtbildern).

Montag, 3. Februar, Professor Dr. Dietz: Deut­sches und Römisches Recht.

Montag, 17. Februar, Professor Dr. Schultze: Die Bedeutung der Geschlechtskrankheiten für Volk und Staat.

Winterarbeit für Volkstum und Heimat.

Eröffnungsabend des LandschastsbundeS, Ortsring Gießen.

Diele Volksgenossen, die gestern abend an der Eröfnungsveranstaltung für die Winterarbeit des Ortsringes Gießen des Landschaft­bundes Volkstum und Heimat teilnehmen wollten, mußten wieder umkehren, da der Saal be­reits lange vor der festgesetzten Zeit des Beginns der Veranstaltung überfüllt war. Diesen starken Zuspruch mag der Landschaftsbund als ein Zeichen dafür werten, daß seine Arbeit die Zustimmung der Bevölkerung in hohem Maße findet. Der Abend brachte ein reiches Programm.

Ortsringleiter ör. Michel

begrüßte die zahlreichen Mitglieder und Gäste. Er stellte dem Abend ein Wort des Führers Adolf Hitler voraus:Wir wollen wecken die ewigen Fun­damente unseres Lebens und die in ihm gebun­denen Kräfte, um wieder aufzubauen eine Gemein­schaft aus Arbeitern, Bürgern und Bauern!" Der Landschaftsbund Volkstum und Heimat wolle mit­helfen an diesem Bau, und darauf hinwirken, dem Volke eine Heimat zu schaffen und erleben zu lassen. Nach einer Sinndeutung des Zeichens des Landschaftsbundes schloß Dr. Michel seine kurze Begrüßungsansprache.

Nachdem der Bauersche Gesangverein unter der Leitung von Universitäts-Musikdirektor Professor Dr. Temesvary zwei Liedvorträge formvollendet zu Gehör gebracht yatte (Auf bleibet treu!" sTe- mesvaryj undHeilig" von Silcher), sprach als Vertreter des leider verhinderten Landschaftsführers, Ministerialrat Ringshausen,

Gtabsleiter Gteinicke-Oarmstadi

in längeren Ausführungen über die Art der Ar­beit im Landschaftsbund Volkstum und Heimat. Seinen wegweisenden Worten sei folgendes entnom­men:

Der deutsche Mensch muß wieder sein Volk und seine Heimat kennen und lieben lernen. Arbeit, die hier zu leisten ist, ist nicht Arbeit als Vereins­arbeit, sondern Arbeit im Auftrag des Führers, für die Volksgemeinschaft als der Garantin der deut­schen Zukunft.

Volkslum ist der Ausdruck schöpferischer Kraft in der Volksgemeinschaft.

Seelenkräfte unseres Volkes schaffen sich Ausdruck in vielen Dingen des Tages. Immer wieder rühren uns als Städter die Dinge wahren Volkstums im Innersten an; wir fühlen, daß es auch unser Teil ist. Das Volkstum zu fördern zum lebendigen Im­puls in unserem völkischen Leben zu führen, ist Ziel unserer Arbeit. Volkstumsarbeit muß aber wahr­haft dem Volke dienen. Unter dem Wortevolks­

tümlich" verbirgt sich manches, was nicht gut ist. Viele Arbeit an der Sache des Volkstums entbehrt des lebendigen Zusammenhangs zum Volkstum. Häufig wird völlig einseitig gearbeitet. Der Land­schaftsbund will keine Einseitigkeit, sondern die völkischen Lebensäußerungen in ihrer Gesamtheit erfassen, als Einheit erfassen. Wer hier mit­tragen will, muß mit allen Formen unseres Volks­tums verwachsen sein. Die Kunst darf nicht nur um der Kunst willen da sein. Der Volkstanz nicht nur um des Volkstanzes willen. Es gilt, Gemeinschafts­arbeit zu pflegen in der Zusammenfassung aller Erscheinungen des völkischen Lebens.

So wie der Führer als erster erkannt hat, daß die Volkstumsarbeit eine heilige Aufgabe und Verpflichtung, eine Sache des Herzens, eine schicksalhafte Berufung an Gegenwart und Zu­kunft unseres Volkes ist, so müssen auch wir die Volkstumsarbeit erkennen.

In verschworener Gemeinschaft muß zusammen­gearbeitet werden. Es geht nicht um ein humanitä­res Jde'al, sondern um Wirklichkeit. Es soll nicht Bildung" vermittelt werden, vielmehr müssen wir eine neue Arbeitsform finden, um zum Urgrund unseres Seins vorzustoßen; zur Art des germa­nischen, des arischen, des nordischen Menschen! Eine tiefe Religiosität des deutschen Menschen drückt sich in den Bindungen aus, die wir heute feststellen in der Familie auf dem Land, im Brauchtum des Bauerntums, das am engsten mit der Heimat ver­bunden ist. Dort sind die gemeinschaftsbildenden Kräfte am stärksten und zwar in der Familie und Dorfgemeinschafr.

Jeder einzelne Volksgenosse muh für die Familie und das Volk erobert werden. Wenn kein anderer Weg bleibt, muh es über die Jugend fein. Die Jugend wird sicherer Helfer zur Gemeinschaft sein.

Die Arbeit des Landschaftsbundes soll Keim zu ge­schichtlicher und kultureller Entwicklung in unserem Volke sein. Unsere Arbeit soll Fundament sein für das tausendjährige Reich. In diesem Sinne soll die Winterarbeit begonnen werden. Ueber unserer Arbeit aber sollen zwei Worte stehen: das. Wort des Führers Adolf Hitler:Wollen wir in der Gemeinschaft bestehen, müssen wir alles Trennende überwinden!" und das Wort des Landschaftsleiters Ministerialrat Rings hausen:Dienst am Volke ist Gottesdienst!" (Anhaltender Beifall.) An­schließend wurde ein dreifaches Sieg-Heil auf den Führer ausgebracht und das Horst-Wesfel-Lied ge­sungen.

SioeiWiMiitel.

Roman von Anny von panhuys

Urheberrechtsschutz Aufwärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.

31 Fortsetzung ' Nachdruck verboten!

So erfuhr sie alles. Alles, was den Enkel erst wie ein Sturm von Seligkeit gepackt, von dem er sich hatte treiben lassen, daß er nicht mehr gewußt, wo sich die Grenze zwischen Recht und Unrecht befand, bis zu dem Unglück, das schon auf der Lauer ge­legen und ihn jäh aus seligster Betäubung gerissen. Die Heißbegehrte starb urplötzlich ein paar Stunden früher, bevor er mit ihr zusammen hierher an den Rhein hatte reisen wollen. Erst war er sterbens­unglücklich, brach fast zusammen unter dem Schlag, der ihn getroffen, und dann, nachdem er kaum ein wenig Ruhe gefunden, steigerten sich die Ereignisse, spielten von Berlin herüber hierher, Zufalls Hand verstrickte die Fäden, knüpfte ein Netz daraus und vier Menschen verfingen sich darin.

Gräfin Jutta dachte, der Enkel selbst hatte sich in dem Netz verfangen und Dr. Diendorf auch, dazu die junge Enkelin und Bettina Hochwald.

Ihr Gesicht war sehr ernst und nachdenklich, aber sic sprach kein Wort des Vorwurfs aus, sagte nur bedauernd:

Es ist schade, da du deine Liebe zu Bettina nicht rechtzeitig erkanntest." Sie stellte nachdenklich fest: Gretel schwärmt wirklich für Dr. Diendorf, das gebe ich zu, aber sie ist sich ihrer Liebe nicht be­wußt und soll sich ihrer Liebe auch nicht bewußt werden, deshalb muß vermieden werden, daß sie ihn wiedersieht. Da sie nicht auf Gegenliebe hoffen darf, ist es doppelt ratsam, ihr Diendorf fernzuhal­ten ganz abgesehen davon, daß es trotz allem Quittfein zwischen ihm und dir noch zu einer Kata­strophe kommen könnte, falls ihr noch einmal zu­sammenträfet. Dr. Diendorf muß erfahren, wer mein Enkel und Gretels Bruder ist, dann wird er bestimmt niemals das Waldschlößchen betreten." Sie sah ihn gütig an.Bub, lieber, das ist eine ganz traurige Geschichte, aber jammern nützt ja nichts. Ich mache dir einen Vorschlag. Laß mich an Dr. Diendorf schreiben. Du bist ebensowenig wie Bet­tina die geeignete Person dafür. Ich glaube, ich eigne mich ganz gut für die Mission."

Hans Syden langte nach der Rechten der Groß­mama und küßte sie.

Du bist übergut, und weil ich weiß, wie klug du bist, ruht die Mission bei dir in den besten Händen."

Daran hatte er nicht gedacht, daß die Großmutter ihm auf die Art beispringen würde.

Etwas wohler aber war ihm doch zumute. Groß­mutter Jutta würde schon alles so gut machen wie es nur irgendein Mensch machen konnte.

30 Kapitel.

Ein Brief überrascht Dr. Diendorf.

Am Neujahrstage wurden Glückwunschkarten zwischen dem Waldschlößchen und Diendorfs ge­wechselt, am dritten Januar aber kam ein Brief aus dem Waldschlößchen an Dr. Diendorf. Gräfin Jutta wußte noch von ihrem Aufenthalt im Dien- dorfschen Hause genau, daß alle Briefe an Dr. Diendorf von dem Mädchen sofort in das Arbeits­zimmer des Arztes gelegt wurden und Frau Dien­dorf sich nicht darum zu kümmern pflegte, wer ihrem Sohn schrieb, wenn er nicht selbst darüber redete.

Dr. Diendorf erhielt den Brief mittags, als er von einem Krankenbesuch nach Hause kam. Seine Mutter war ausgegangen etwas besorgen und man würde erst in ungefähr einer halben Stunde Mit­tag essen. Also setzte er sich auf den Divan, öffnete den Umschlag und begann behaglich zu lesen. Er freute sich über den Brief vom Rhein, er mochte die Gräfin mit dem jungen Wesen sehr gern. Er fühlte sich heute ganz besonders zufrieden. Einer Kranken, die zu großer Besorgnis Anlaß gegeben, ging es seit ein paar Tagen bedeutend besser, sie war außer Gefahr und ihre Verwandten hatten ihm heute innig gedankt.

Er las anfangs mit ruhigem Gesicht, aber plötz­lich bewölkte sich seine Stirn und um seinen Mund zuckte es nervös. Nachdem er den Brief unge­fähr bis zur Hälfte gelesen, saß er förmlich er­starrt da und dachte mit dem Gefühl unendlichen Bedauerns, wie schade, wie jammerschade es war, daß der Mensch, der ihm das Böseste angetan und gegen den er rächend die Waffe in Anschlag ge­bracht, Gräfin Juttas Enkel war, von dem sie ihm oft erzählt, daß der Mensch Gretel Sydens Bruder war, von dem ihm das junge Mädchen begeistert gesprochen.

Nun kannte er den Namen, nach dem er zuerst eifrig geforscht und den er später gar nicht mehr hatte wissen wollen.

Hätte er gewußt, was er jetzt wußte, hätte er sich nicht eingemischt, als die gräßliche Pensionsin­haberin ein Krankenhaus in Vorschlag brachte. Er hätte Frau von Voßhardt höchstens klar gemacht, er verbiete den Transport der Kranken, weil er ihr schaden könne.

Aber was konnte denn das Komteßchen für die Schuld ihres Buders. Er war ja ungerecht.

Er erinnerte sich lebhaft an den Spätnachmittag vor ihrer Abreise, erinnete sich an ihre Tränen. Er hob den Brief wieder vor die Augen und las wei­ter:Lieber, verehrter Herr Doktor, es ist ja nun schon sehr schlimm, daß mein Enkel identisch ist mit dem Mann, dem Sie unmöglich günstig gesinnt fein

können, aber damit ist noch nicht alles gesagt, was ich Ihnen sagen muß. Da ist noch etwas festzu­stellen, was sich erschwerend einmischt: Erschrecken Sie nicht, Gretel liebt Sie! Bettina Hochwald weiß es, mein Enkel weiß es und auch ich kann meine Augen nicht davor verschließen. Wir merken es alle deutlich. Nur sie selbst ist noch nicht dahinter ge­kommen, daß ihre Zuneigung für Sie weit hinaus geht über die Sympathie und Bewunderung, die eine Patientin ihrem Arzt entgegenbringt, in dem sie vielleicht ihren Lebensretter sieht.

Sie lieben eine Tote, Herr Doktor, und Gretel weiß es. Ihre liebe Mutter hat einmal etwas da­von verlauten lassen, daß sie die Pflegetochter durch einen Unglücksfall verlor und wie schön sie gewesen, die Ihre Braut gewesen. Ihre liebe Mutter ahnt anscheinend gar nichts von dem, was noch alles da hineinspielt und ahnt nicht, daß Ihre Braut Ihnen die Treue gebrochen. Sie ahnt deshalb auch nicht, daß Sie die Braut verloren hätten, auch wenn sie am Leben geblieben wäre.

Lieber Herr Doktor, ich brauche Sie nach allem, was ich Ihnen geschrieben, nicht zu bitten, das Waldschlößchen zu meiden, das werden Sie ebenso tun, aber ich bitte Sie recht inständig, vergeben Sie mir diesen Brief. Sie werden sicher Ihrer verehrten Frau Mutter irgendwie beibringen können, daß Ihnen nichts an einem Besuch bei uns liegt und sie wird auch darauf verzichten. Wenn es nun wie­der Frühling wird, schreiben Sie, bitte, ein paar entsprechende Zeilen, die auch Gretel lesen darf. Damit Gretel nicht zu warten braucht sie fängt ja schon jetzt mit dem Warten auf Ihren Besuch an und damit Gretels andere Großmutter sich nicht wundert, warum der Besuch ausbleibt, von dem wir schon so viel Lob-md-s erzählt haben. Denken Sie milde an uns, wir sind ja schuldlos an dem, was mein Enkel getan und Sie beide sind ja auch quitt. Denken Sie gut an Großchen Jutta und Gretel Syden, die immer dankbar Ihrer und Ihrer lie­ben Mutter gedenken werden."

Gerhard Diendorf hatte den Brief zu Ende ge­lesen. Er faltete ihn langsam zusammen und schob ihn in die Brusttasche.

Sein Kopf schmerzte, der Inhalt des -Briefes hatte auf ihn lähmend gewirkt.

Arme kleine Komtesse", sagte er leise vor sich hin.

Lieb war Gretel Syden, mädchenhaft und unver­dorben. Wunderhübsch war sie auch und sie liebte ihn.

Daß Gretels Bruder ihm Wally Wald genom­men, war sehr schlimm und sehr traurig,.daß Gretel ihn^liebte aber sie war sich über ihre Liebe nicht klar und würde ihn vergessen. Das war gut und richtig. Das würde so kommen und mußte so kommen.

Er lächelte trübe. Mit Hans Syden war er quitt, er dachte nicht mehr daran, ihn zu hassen. Er sagte noch einmal leise:Armes kleines Komteßchen!"

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In kurzen Ausführungen sprach dann noch als Vertreter des Sängerbundes Herr Majewfky über die Formen der Zusammenarbeit der Gesang, vereine mit dem Landschaftsbund Volkstum und

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diesen Abend zur Verfügung stellten, warteten mit einem Volkstanz und mit einem turnerifch-rhyth. mischen Tanz auf, die beide gut gefielen.

Drei ausdrucksvolle Gedichtvorträge bereicherten

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bas Programm. Frl. Hanke sprach ein ( hiesigen Lehrers an der Schillerschule, Frank, unter dem TitelLied an Deutschland", Frl. Else Michel Gedichtworte von G u t b e r I e t unter dem TitelVolk und Heimat" und Frl. A. Leib brachte Müller-RüdersdorfsDie Heimat über alles" zum Vortrag. Die Vorträge fanden eine aufmerksame Zuhörerschaft. Stürmischen Beifall sicherte sich der Kreisringleiter und Heimatdichter Georg Heß mit seiner neuesten Dichtung, in der er in originellster Weise die Arbeit des Bauern unb des Städters in lustigsten Uebertreibungen einan- der gegenüberstellte. Der Bauersche Gesangverein schuf allen Zuhörern mit der augezeichneten Inter, pretation des LiedesFeldeinsamkeit" (Wenzel) unb dann des bekannten VolksliedesInnsbruck, ich muh

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31. Kapitel.

Eine überraschende Verlobung.

Der Abend war schon weit vorgeschritten, bie Stimmung im Saal derKrone", wo der große Kasinoball stattfand, schon äußerst lebhaft. Die jun­gen »Mädchen in ihren weißen oder farbenfrohen Kleidern hatten gerötete Wangen und strahlende Augen. Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtete man den Tisch, an dem die Damen Syden und bie Barone Hammerschmied saßen, man rechnete mit einer baldigen Verlobung Komteß Gretels mit Ba­ron Rudolf, aber man nahm mit Mißfallen zur Kenntnis, daß Hans Syden, der für die meisten jungen Mädchen hier das Ideal des begehrten Mannes darstellte, sich nur um Bettina Hochwald kümmerte. Sie tanzte zwar ein paarmal mit an­deren Herren, er aber tanzte nur mit ihr. Man zischelte und flüsterte.

Bettina wurde schon viel beneidet. Weil sie eine so wunderschöne Stimme besaß und weil sie so wun­derschön aussah und sich so apart und vornehm ffej* bete, seit sie von ihrer Konzertreise mit Komb Wilderling zurückgekehrt. Man hatte sie gern, n'an war im Städtchen sogar stolz auf sie, weil ihr Name lobend in so vielen Blättern großer Stabte gestanden, trotzdem beneidete man sie. Trotzdem!

Ein Raunen ging um: Was gab es zwischen dein jungen Grafen und Bettina Hochwald? Und eine alte Sage wurde auch wieder lebendig. Alle im Städtchen kannten sie. Es hieß, ein Fluch schwebte über jeder Tochter aus dem Hochwaldhause am Ritterplatz, das 1730 auf demselben Grund unb Boden erbaut worden war, auf dem vorher ein ur­altes Hochwaldhaus gestanden. Und uralt war auch die Familie Hochwald, die stolz daraus war.

Die Mütter besprachen das Thema der Sage. 0t> Bettina über die Zwanzig alt werden würde? N März wird sie zwanzig Jahre, das wußte man.

Baron Alois Hammerschmied, Rudolfs, Onkel, hatte viel getrunken. Er vertrug auch viel, man merkte ihm nicht an, wenn er zu oft das Glas 9e' leert, falls ihm nicht etwas in der Weinftimmung verquer ging. Und jetzt ging ihm etwas verquer. Er ärgerte sich über Hans Syden. . -

Weil er ihn schon gekannt, als er noch die Sch"' lermütze getragen, nannte er ihn beim Vornamen.

Er ärgerte sich, weil Hans Syden nur imme für wenige Minuten herüberkam an diesen « und dann schnellstens wieder bei den Hochwaw landete. Er hatte schon eine Bemerkung daruv zu Gräfin Jutta gemacht.

Die ahnte zwar, wie dem Enkel ums Herz ®a * aber sie gab innerlich zu, das Benehmen von Ha mußte auffallen. Doch ihr Mund gab es nicht 3 - der lächelte:Bedenken Sie, Baron, Bettina i Gretels beste Freundin."

(Fortsetzung folgt!)

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Heimat.

Der weitere Verlauf des Abends war ganz den unterhaltenden volkstümlichen Darbietungen ge. widmet. Die Klaffe la der Pestalozzischule brachte mit einer erstaunlichen Disziplin der Sprache unb des Ausdrucks drei Sprechchöre zum Vortrag, die starken Beifall fanden. Eine große Freude bereitete dO Singgruppe der Goetheschule den Zuhörern. Unter der Leitung von Lehrer Dietrich mürbe schönstes deutsches Liedgut zu Gehör gebracht. So hörte man zunächst Schenkendorfs Reiterlied mit seiner einzigartig schönen Melodie und mit dem nicht weniger schönen Text. Wie frisch wurde bas LiedEs ritten drei Reiter zum Tore hinaus" ne. jungen! Herzlich freute man sich auch über bie ernste Wiedergabe des bekannten LiedesFreiheit, l die ich meine!" und über das schneidige Liedchen Heraus, heraus die Klingen". Mit drei der schön- st ften Verse des Abendliedes von Matthias E l au. d i u s schloß die Singgruppe ihre mit stürmischem Beifall aufgenommenen Darbietungen. Turnerin- nen des Turnvereins 1846, die sich ebenfalls für

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dich lassen" ein schönes Erlebnis. Ausgezeichnete musikalische Darbietungen füllten die Pausen.

Der Ortsringleiter Dr. Michel hielt die Schluß- ansprache, in der er allen Mitwirkenden herzlich dankte und anschließend einen Teil des Winter- arbeitsplans des Ortsringes Gießen bekannt gab. Das Deutschlandlied beschloß den gehaltvollen Abend. Eine Sammlung für die Winter­hilfe erbrachte einen ansehnlichen Betrag.

Große Strafkammer Gießen.

Der Richard Johann B u g i e l, geb. am 14. 8. 1897 zu ßipptne (Polen), ohne festen Wohnsitz, wurde wegen Diebstahls im Rückfall zu einer Zuchthaus st rafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt unter Anrechnung von 2 Monaten zwei Wochen der erlittenen Unter­suchungshaft. Gegen den Angeklagten wurde außer­dem die Sicherungsverwahrung angeorb- net und ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf bie Dauer von vier Jahren aberkannt. Der Angeklagte, der zwölfmal vorbestraft ist, darunter allein zehnmal wegen Diebstahls, entwendete am 8. August 1935 aus dem Hofe einer Gastwirtschaft in Lollar ein fast neues Herrenfahrrad. Die Beweisnaufnahme ergab, daß der Angeklagte in erster Linie nicht aus Not, sondern um sich Mittel zum Trinken zu verschaffen, gehandelt hat.

Wegen Verbrechen im Amt gemäß den Para­graphen 350, 351 StGB, wurde der Angeklagte

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