Ausgabe 
30.8.1935
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 202 Drittes Blatt

©tefiener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Freitag, 30. August 1935

Aus der Provinzialhauptstadt.

Zur pilzzeit.

Leider werden aus Unkenntnis die Pilze noch nicht fo häufig auf den Küchenzettel gesetzt, wie sie es ihrem Nährwert und ihrem Geschmack nach ver­dienen, da viele Hausfrauen eine Pilzvergiftung befürchten. Die meisten derartigen Erscheinungen sind nicht auf Giftpilze, sondern auf den Verbrauch nicht mehr frischer Pilze zurückzuführen. Die Pilze gehen durch ihren hohen Wasser- und Eiweißge­halt nämlich schnell in Fäulnis über Sie dürfen daher keinesfall länger als 24 Stunden aufgehoben werden; kommt man von der Pilzsuche heim, so sollen die Pilze nicht im Korb geschichtet bleiben, sondern müssen flach auf kühle Kellersteine ausge­breitet werden Am besten fängt man gleich an, sie zuzubereiten.

Will man Pilze sammeln, so muß man sich eine gute Kenntnis bei einzelnen Pilzsorten aneignen. Es gibt sehr viele gute Pilzbücher mit genauen Ab­bildungen. Ein Verwechseln ist dann ausgeschlossen, es erübrigen sich dann auch alle vermeintlichen Vorsichtsmaßregeln bei der Herstellung von Pilz­gerichten, da sie vollständig zwecklos sind. So lau­fen z B. ein silberner Löffel ober eine Zwiebel nicht schwarz an, wenn ein giftiger Pilz, beispiels­weise Fliegenpilz ober Knollenblätterpilz, mitkocht. Auch bas Blauanlaufen unb Verfärben beim Durch­brechen der Pilze sind kein Merkmal für Giftigkeit, läuft doch der giftige Knollenblätterpilz nicht an, dagegen aber der sehr wohlschmeckende Butterpilz. Dasselbe gilt für austretenden Milchsaft beim Bre­chen der Pilze. Die giftigen Fliegen- und Satans­pilze sondern keinen Milchabsatz ab, der Blutreizker dagegen, einer der besten eßbaren Pilze, sondert reichlich roten Saft ab. Die schleimige Oberfläche will bei Pilzen auch nichts besagen, sie tritt na­mentlich bei Regen auf und ist kein Merkmal für Gift, da Butterpilz und Buchenstockschwämmchen sehr schleimig sind, trotzdem sie eßbar sind. Längere Zeit galt die Lorchel als verdächtig. Auf Grund neuerer Forschungen ist es aber feststehend, daß die Lorchel an sich unschädlich ist, dagegen Schimmel- und Spaltpilze, die sich in der Nässe auf der Lor­chel anfiedeln, Ursache der Dergiftungserscheinun- gen waren. Jedenfalls muß die Lorchel vor der Zu­bereitung stets gründlich gewaschen werden

Wer sich zum Pilzsuchen rüstet, sollte stets einen leichten Blecheimer oder Korb zum Tragen der Pilze mitnehmen. In Papiertüten oder Säckchen zerdrücken die Pilze leicht und werden unansehnlich. Zur Ausrüstung gehört ebenfalls ein scharfes, nicht au kleines Messer, denn wird der Pilz abgerissen, so beschädigt man das Wurzelgeflecht des Pilz- lagere und beeinträchtigt dadurch die kommenden Ernten. Aus diesem Grunde ist es auch gut, große ausgewachsene Pilze als Sporenträger stehen zu lassen. Im übrigen ist es besser, Pilze, die man nicht genau kennt, lieber nicht zu nehmen.

Man kann Pilze entweder in Weck oder in Büchsen einmachen, oder haltbar machen durch Einlegen in Essig, oder Trocknen. Besonders gut lassen sich Steinpilze und Champignons für den Winter trocknen. Die geputzten Pilze werden un­gewaschen in fingerdicke Scheiben geschnitten und mittels einer Stopfnadel auf lange Baumwollfäden gezogen, die man an einer von der Sonne beschie­nenen Wand aufspannt. Dies Lufttrocknen ist dem Trocknen an der Herdwand vorzuziehen. Die ge­trockneten Pilze hängt man in einem losen Mull­beutel in einem luftigen, trockenen Raum auf. Beim Gebrauch werden die getrockneten Pilze gut gewaschen, am Tag vorher eingeweicht und mit dem Einweichwasser angesetzt. Man kann die Pilze, vor allen Dingen Champignons, auch sehr scharf trock­nen, zu Pulver verreiben, das dann eine köstliche Würze für Suppen und Bratentunken gibt

Auch roh gegessen, als Salat zubereitet, schmecken

DasLnfanterie-Regiment Gießen auf dem Truppen-Uebungsplatz

Alljährlich, etwa in den Monaten JuliAugust, rückt die Truppe auf den Truppen-Uebungs-Platz. Die Einzelausbildung ist beendet, Gruppe, Zug und Kompanie sind theoretisch und praktisch in den Kampfformen geschult, und nun soll der Soldat beweisen, daß er feine militärischen Kenntnisse auch im Rahmen größerer Truppenoerbände, besonders aber in fremdem Gelände, wo keine Rücksicht auf Flurschaden zu nehmen ist, richtig zu verwerten weiß. Das Regiment Gießen übt in diesem Jahre in Altengrabow (ostwärts Magdeburg). Nach einem kriegsmäßigen Verladen rollten die vier Transportzuge am 6. August aus Bahnhof Gießen in Richtung Altengrabow ab. Unterwegs griffen Flieger die Transportzüge an. Das Warnungssignal der Hornisten ertönte, und schon hämmerten auf 0-Wagen aufgebaute MG s ihr Abwehrfeuer. Bald lag das abwechslungsreiche mitteldeutsche Land- schastsbild zurück und der Zug rollte durch den süd­lichen Teil des nördlichen deutschen Flachlandes. Ein ungewohntes Bild für den Hessen unb Rhein­länder! In den Abendstunden war Altengrabow erreicht.

Altengrabow ist ein sehr alter Uebungsplatz, der bereits im 17. Jahrhundert Erwähnung findet. Niedere Flachbauten wechseln ab mit massiven Steinhäusern und geben der Truppe eine gute Unterkunft. Weniger beliebt sind die Kopfstuben der Stallbaracken, die wegen der starken Belebung von einzelnen Zügen bezogen werden müssen, da

die in Schwärmen auftretenden Fliegen den müden Schläfer nicht ruhen lassen, sobald es anfängt, hell zu werden, ganz zu schweigen von den vierbeinigen Mitbewohnern, von denen wilde Kaninchen die harmlosesten sind. Das Lager macht sonst einen sehr sauberen und sehr gepflegten Eindruck. Schone Anlagen und prächtige Blumenbeete geben ihm eine besondere Note. In den vor den Mannschafts­baracken angebrachten Sandkästen zaubern die Künstler der einzelnen Kompanien mit einfachsten Mitteln (Kohle, Porzellanscherben usw.) die präch­tigsten Bilder hervor. Besondere Erwähnung findet das prächtige Schwimmbad, das oft und gern von unseren Soldaten aufgesucht wird. Bei kühler Witte­rung treten an seine Stelle die Brausebäder.

Eine Lesehalle, eine gute Bibliothek sowie ein Kino sorgen für Unterhaltung nach dem anstren­genden Dienst. Jeden Tag zwischen 18 und 19 Uhr spielt eine der fünf Musikkapellen in einem Musik­pavillon, der ungefähr in der Mitte des Haupt- lagers liegt. Lobenswerte Erwähnung findet das aute Essen, das den Soldaten in den sauberen Lagerküchen verabreicht wird.

An Sonn- und Ruhetagen fährt die Kompame meistens geschlossen mit dem Autobus nach Pots­dam ober Berlin, um den kurzdienenden Soldaten i zu dem Erlebnis auf dem Uebungsplatz auch noch! einen Eindruck von der Reichshauptstadt, dzw. der Stadt zu geben, die einen großen Teil preußischer Geschichte in ihren Mauern birgt.

Pilze ausgezeichnet. Hierzu eignen sich besonders Steinpilze und Champignons Man schneidet sie in Scheiben, schmeckt sie mit Essig und Del, ein wenig Salz und Pfeffer, ab H.Caesar.

NGNAp,Ami für Beamte, Kreis Gießen

Achtung!

Zu der am Freitag, 30. August, um 20 Uhr, auf dem Dswaldsgarten stattfindenden Großkund­gebungGegen die Staatsfeind e", bei der Reichsstatthalter Gauleiter Pg. Sprenger und Kreisleiter Pg. Kl oster mann sprechen wer­den, treten die Mitglieder des Reichsbundes der Deutschen Beamten, Kreis Gießen, vollzählig an. Aufstellung um 19.30 Uhr in der Steinstraße, Spitze Turnhalle, nach Fachschaften in Sechserreihen. Politische Leiter in Uniform. Führung übernimmt Stellv. Kreisamtsleiter Pg. Gust. Ulrich

Heil Hitler!

F.d.R.: Ulrich. Gez.: Heß.

Aus parteiamtiichenBekanntmachunaev

Die Gliederungen der Partei fordern ihre Mit­glieder dazu auf, an der am heutigen Freitagabend auf Dswaldsgarten stattfindenden großen Kund­gebung gegen die Staatsfeinde vollzählig teilzuneh­men. Den Partei- und Volksgenossen ist die Teil­nahme zur unbedingten Pflicht gemacht.

Die politischen Leiter der Ortsgruppe Gie­ße n - N o r d treten um 19.10 Uhr vor der Ge­schäftsstelle im großen Dienstanzug an. Die poli­tischen Leiter der Ortsgruppe G i e ß e n - 0 st treten um 19.15 Uhr am Ludwigsplatz im großen Dienstanzug an.

Der NS.- Lehrerbund, Bezirk Gießen- Stadt, gibt bekannt, daß alle Mitglieder heute abend um 19.20 Uhr in der Steinstraße zur Teil­nahme an der Kundgebung anzutreten haben.

Die N S.-F r a u e n sch a f t in den Ortsgruppen Gießen-Nord, -Mitte, -Ost und -Süd macht ihren Mitgliedern ebenfalls die Teilnahme zur Pflicht.

Der NS. -Lehrerbund des Bezirkes Gießen-Land veranstaltet am Samstag, 31

Kommt alle zum BDM.-Sportfest auf den Universitäts-Sportplatz.

August, in derKarlsruhe" bet Wieseck eine Fann- lienkonserenz, die einige Stunden echter Kamerad­schaft bringen soll. Die Mitglieder sollen durch ent­sprechende Darbietungen zur Ausgestaltung der Feier beitragen.

Landschastsbund Volkstum und Heimat

Ortsdng Gießen.

Arn Sonntag, 1. September, findet eine Heimatkundliche Führung durch Alt- Gießen statt unter Leitung von Universitäts-Pro­fessor Dr. Rauch und Stadtbaurat Gravert. Wir treffen uns um 11 Uhr vor der Stadtkirche. Gäste willkommen!

Relchslustschuhbund/ Drtearuppe Gießen.

Infolge der Großkundgebung am heutigen Frei- t a g, 30. August, fällt der Unterricht in der Luftschutzschule Gießen aus. Die für diesen Abend vorgesehenen Vorträge finden, wie be­reits den Teilnehmern bekanntgegeben, am Montag, 2 September, um 20 Uhr, in der Goetheschule, statt

Ludwig Mosbacher.

Neuengagiert am Gießener Stadttheater.

Jawohl, so ungefähr schaue ich aus. Und im übrigen tue ich nichts, als mich freuen und nochmals freuen auf mein erstes Engagement. Ja, ich bin sogar irgendwie stolz darauf, daß es ausgerechnet Gießen sein soll, wo ich mir die ersten Lorbeeren bzw. faulen Aeppel holen darf. Warum? ... Nein, das wird nicht verraten.

Sehen Sie, als Junge hatte ich mir in den Kops gesetzt, Rennfahrer zu werden. Und wenn ich Ihnen jetzt sage, daß ich bereits einige Rennen mit Erfolg hinter mir habe, fo ist das gar nicht übertrieben.

Mit einemmal hat es mich gepackt ... Und aus roars mit dem Traum. Schauspielschule in Mann­heim, Prüfung in Frankfurt, und jetzt wird Theater gespielt.

Wie? Das werden Sie schon noch sehen.

eporffurfcKraft durch Freude".

Achtung! Ausfallende Sportkurse!

Heute, Freitag, fallen alle KdF.-Sportkurse wegen der Großkundgebung auf dem Dswaldsgarten aus! f

Samstag, 31. August, fällt der Kursus Leichtathletik auf dem Univerfitätsfportplatz sowie der Kursus Schwimmen in Lollar aus.

Tennis am Sonntagvormittag.

Am Sonntagvormittag laufen folgende Tennis­kurse: von 8 bis 9 Uhr städtische Tennisplätze am Schützenhaus; von 9 bis 10 Uhr städtische Tennis­plätze am Schützenhaus.

Anmeldungen nimmt das Sportamt, Schanzen- straße 18, entgegen.

Das Kameradschaftsireffen der 724 er

Am 7. und 8. September treffen sich anläßlich einer von den Kameradschaften Gießen und Frank­furt der ehern. 224er veranstalteten Wiedersehens­feier der ehern. Angehörigen des Referve-Jnfanterie- Regiments 224 einige Hundert alte Soldaten und Frontkämpfer in den Mauern der Stadt Gießen, nachdem eine ähnliche Zusammenkunft zuletzt im Jahre 1926 in Gießen stattgefunden hatte.

Zu!ebem kommt einmal das GM

Roman von Ellen Kulm

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)

7. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Lottes scharfem Blick entging das Zögern nicht, das über die markanten Züge Gerlings glitt.

Sie hätte ihm so gern vorgeschlagen, er mochte doch Monika nachreisen, aber er hatte etwas so Verschlossenes, daß sie es nicht wagte.

Aber da sagte er plötzlich selbst:

Ich weiß, daß Fräulein von Jnnemann nicht im Guten von ihren Verwandten geschieden ist. Aber Sie waren doch ihre Freundin, gnädige Frau? Wissen Sie nicht, wohin sie abgereist ist?"

Lottes Herz tat einen freudigen Sprung. Nun hatte sie ihn so weit, wie sie ihn haben wollte.

Natürlich weiß ich es. Sie sind nach München und wollen dort in den ,Vier Jahreszeiten' abstei­gen. So viel ich weiß, will Familie Klinke dort eine Zeit lang bleiben."

München: Aber von dort komme ich ja her. Ich hatte auch die Absicht, noch einige Zeit dort zu verbringen."

Nun, das trifft sich ja herrlich. Da müssen Sie Monika aufsuchen. Sie hat ihren Vater so sehr geliebt Wie glücklich wird sie sein, wenn sie je­mandem begegnet, der ihren Vater kannte! Ich werde Monika sofort schreiben und Ihren Besuch ankündigen."

Aber da unterbrach sich Lotte plötzlich. Ein schelmisches Lächeln glitt über ihre Züge. Mit einer herzlichen Bewegung hielt sie dem Besucher die Hand hin.

Wollen wir Bundesgenossen sein, Herr von Gerling?"

Gern, gnädige Frau. Ich verstehe nur nicht..." Ich habe es mir überlegt. Ich werde Monika nichts schreiben, nichts von Ihrem Besuch bei uns. Monika ist so eine romantische kleine Seele. Ich fände es viel netter, wenn Sie von jetzt an alles dem Zufall überlassen würden..."

Einen Augenblick stutzte Gerling. Er hatte so viel Sympathie für diese nette, freundliche junge Doktorsfrau. Fast drängte es ihn, sich mit ihr aus­zusprechen, ihr seine wahren Absichten zu ver- r°2lber zugleich erinnerte er sich wieder der Worte Rolf Werders:Willst du dich ihr nicht erst als ihr Jugendfreund nähern und sehen, ob ihr beiden euch noch so gut versteht mie damals .

Er hatte damals jedes Kompromiß abgelehnt. Aber es war plötzlich so vieles anders. Monika von Jnnemann, die aus dem Haufe ihrer Ver­

wandten lief, kaum daß sie mündig geworden, war vielleicht auch sonst in manchem ganz anders, als er sie sich vorstellte.

Wenn ich Sie recht verstanden habe, gnädige Frau, so soll Fräulein von Jnnemann nichts von meinem Besuch im Hause ihrer Verwandten er­fahren?"

Ganz recht, Herr von Gerling. Sie werden gewiß Gelegenheit haben, sich Monika zu nähern. Hier in Wunsiedel wäre es ja nicht ganz einfach gewesen, aber in dem Getriebe eines großen Hotels wird es sicher leicht möglich sein. Und wäre es nicht nett, wenn Monika glauben würde, daß Sie ihr nur rein zufällig begegnet sind? Wer weiß Mo­nika ist ja noch so weltfremd und schüchtern vielleicht wird sie doppelt glücklich sein, wenn Sie sich als ihr Jugendfreund entpuppen werden, gerade wenn sie jetzt doch unter Fremden ist."

Einverstanden, gnädige Frau! Ich akzeptiere Ihren Vorschlag, und ich zähle auf Ihre Verschwie­genheit."

Das können Sie bestimmt, Herr von Gerling. Es soll ganz an Ihnen liegen, wann und ob Sie Monika aufklären wollen."

Auch der Doktor, der sich eine Weile frei gemacht hatte und am Kaffeetisch erschien, den Lotte schnell zurechtgemacht hatte, wurde nun eingeweiht.

Er lachte gutmütig.

Sehen Sie, Herr von Gerling, meine kleine Frau behauptet ja immer, Monika sei so romantisch veranlagt. Aber sie hat auch etwas dafür übrig, obwohl sie sich immer auf die vernünftige Frau Doktor hinausspielt. Und dann, Herr von Gerling, nehmen Sie sich in acht! Ich wette, meine Lotte spinnt so ihre Pläne; das bedeutet, daß ich ein langer Gymnasiast war, wie ich ihr in unserem Garten zuweilen das freche Näschen geputzt habe... Na ja, schon gut. Lotte Herr von Ger­ling wird doch einen Scherz verstehen. Abgesehen davon, daß sich jeder gratulieren kann, der einmal die Monika bekommt."

Es war eine gemütliche Stunde in dem gastlichen Doktorhause. Aber dann duldete es den Besucher nicht länger. Er verabschiedete sich mit herzlichem Dank und drückte besonders Lotte, die ihm schel­misch zuzwinkerte, herzlich die Hand.

Aber kaum hatte er den Drt hinter sich, hielt er noch einmal an und legte ein kleines Bild, das er in der Tasche seines Rockes hatte, sorgfältig in die Brieftasche.

Nein, Lotte hatte es nicht bemerkt, daß sie eines her Amateurbilder von Monika vom Tische her­untergestreift hatte; und sie hatte auch nicht beach­tet, daß sich Herr von Gerling hastig danach bückte. Er hatte sich selbst keine Rechenschaft darüber geben können; ihn leitete einfach der Wunsch, ein Bild von Monika zu besitzen. Aber auch jetzt, da er seinen Fund verwahrte, empfand der sonst so überaus korrekte Gerling nicht die mindeste Reue.

5. Kapitel.

Der elegante Speisesaal des Hotels war schon ziemlich gefüllt.

Unter dem Licht der strahlend hellen Kristall­lüster bewegten sich elegante, gutgekleidete Männer, Frauen in Abendkleidern und mit blitzendem, wenn auch wohl nicht immer echtem Schmuck beladen.

An einem gut gewählten Tisch, nicht weit vom Eingang, saß ein tadellos gekleideter einzelner Herr. Er schien jemanden zu erwarten; denn immer wieder richtete er den Blick auf die Tür, durch die noch fast ununterbrochen Besucher kamen.

Jetzt aber zuckte er zusammen. Eine kleine Gruppe betrat den Speisesaal. Voraus segelte mit sicheren, energischen Schritten eine kleine be­brillte Dame in einem dunkellila Atlaskleid; hinter ihr kamen ein junger Mann und ein großes blon­des Mädchen in einem weißen Kleid, das er inter­essiert betrachtete

Dieses junge Mädchen, das keinen Schmuck trug und die Haare in einem schlichten Knoten im Nacken zusammengenommen hatte, war sehr schön. Dbwohl es kaum den Blick hob, hatte es doch eine stolze und selbstbewußte Haltung und einen wun­derschönen Gang.

Friedrich von Gerling, der mancher Gefahr kalt­blütig und ohne Wimperzucken ins Auge gesehen hatte, fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen anfing. Das war Monika von Jnnemann, ohne Zweifel. Denn sie war heute erst im Hotel ein­getroffen. Die Klinkes hatten wohl schon vor einigen Tagen telegraphisch Zimmer bestellt, aber das herrliche Wetter hatte sie zu einem Abstecher in die bayrischen Alpen verlockt.

Eigentlich war es ja die Idee Frau Klinkes ge­wesen, die bald Monikas echte Naturliebe erkannt hatte, und die durch schnell wechselnde Eindrücke den Schmerz in Monikas Brust, der durch den brüsken Abschied von ihren Verwandten Monika alle Freude verdüsterte, verscheuchen wollte.

Es war ihr auch gelungen. Monika hatte mit Entzücken die herrlichen und immer wechselnden Landschastsbilder in sich ausgenommen und sich ihr bald voll Dankbarkeit angeschlossen.

Im Anfang war sie auch Johnie gegenüber be­fangen gewesen. Sie mußte doch immer daran denken, was Frau Klinke ursprünglich im Sinn gehabt hatte. Und schließlich hatte er ja bei beiden unerwarteten Begegnungen sein großes Interesse an ihr verraten. Aber dies war wohl wirklich nur die überraschende Ähnlichkeit gewesen, von der Frau Klinke ihr erzählt hatte. Untuhie war wahr­scheinlich, aus der Nähe betrachte?; gar nicht so besonders groß. Jedenfalls verhielt sich Johnie, der auch zu seiner Mutter sehr wortkarg war, zu Monika wohl recht höflich, aber es war nichts mehr von einem besonderen Interesse an dem jungen Mädchen zu bemerken.

Monika war sehr froh darüber. Sie hatte sich eigentlich gefürchtet, obwohl sie nicht recht wußte.

wovor. Aber sie war so gar nicht kokett, daß sie sich nur unter Bangen vorstellen konnte, daß ihr ein junger Mann, der für sie selbst gar nicht in Be­tracht kam, den Hof machte. Nun, Hofmachen war wohl etwas, das dieser Johnie Klinke nicht kannte. Dazu war er viel zu ernst und zu schwerfällig, viel zu gediegen und zu sehr in feine Bücher ver­graben. Er schien sich schnell an die Gesellschafte­rin seiner Mutter gewohnt zu haben. Er behandelte Monika so höflich, wie es seiner guten Erziehung entsprach, aber die beiden sprachen kein überflüssi­ges Wort miteinander.

Dafür war Frau Klinke froh, daß sie nun endlich ein Wesen um sich hatte, mit dem sie alles be­sprechen konnte, was ihr gerade in den Sinn kam. Und das war bei der lebhaften Frau gar nicht wenig. Sie war glücklich, eine fo geduldige Zu­hörerin getroffen zu haben, und sie überschüttete Monika dafür mit Geschenken, die diese vergeblich abzulehnen suchte.

Aber Frau Klinke ließ es sich nicht nehmen, Monika alles zu bieten, was ein junges Mädchen erfreuen konnte. Und es war ganz merkwürdig, so wenig sie für sich selbst die richtigen Kleider und Farben zu wählen verstand: für Monika hatte sie eine glückliche Hand. Sie schenkte ihr Kleider, die genau das waren, was den Scharm Monikas noch heben konnte.

Friedrich von Gerling konnte kein Auge von ihr abwenden. Freilich, so schön hatte er sie sich nicht oorgefteUt, auch nicht so groß und von so einer wenn auch bescheidenen, doch sicheren Hal­tung. Merkwürdig, er hatte sich Monika eigent­lich immer als ein kleines, hilfsbedürftiges, ver­schüchtertes Mädelchen gedacht Das kam wohl da­her, daß er sie gekannt hatte, als sie noch so klein war, und daß er sie das letzte Mal bei dem Be­gräbnis ihres Vaters sah in dem stumpfen, düste­ren Schwarz, in dem das arme Kind so verzwei­felt und verlassen wirkte, daß es einem das Herz im Leibe umdrehte. Nein, er hätte Monika nie­mals erkannt; aber auch das Bild, das er bei sich trug, und das Monika in einem kurzen Rock mit weißer Bluse und Bauschärmelchen vorstellte, hatte nicht allzu viel mit dieser vornehmen jungen Dame gemeinsam.

Friedrich von Gerling saß so, daß er den Tisch, an dem die Klinkes saßen, gut im Auge behalten konnte. Er mußte lächeln, wie beflissen der ele­gante Ober nach ihren Wünschen fragte.

Nun ja, es waren doch sehr reiche Amerikaner, die ein ganzes Appartement im ersten Stock inne hatten und es ohne Wimperzucken schon einige Tage vor ihrer Ankunft bezahlt hatten. Solche Gäste waren selbst in den ersten Hotels der Stadt nicht allzu häufig.

Gerling wandte sich nun nach flüchtiger Betrach­tung Frau Klinkes ihrem Sohne zu.

(Fortsetzung folgt!)