Nr. 76 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, Zy. März 1935
Neue Diensträume des Bannes 116 der HI.
Im Zimmer des Bannführers. — Am Tisch: Bannführer Heim.
Vor einigen Tagen bezogen der Bann und Jungbann 116 der Hitlerjugend in dem Hause Wartweg 19 neue Diensträumlichkeiten.
Während der letzten zwei Jahre waren einige Zimmer im unteren Stockwerk der seitherigen' Jugendherberge im Asterweg die Stätte, wo sich die dienstlichen Angelegenheiten der HI. abspielten. Mehrere Abteilungen waren hier gezwungen, zusammen in einem Zimmer zu arbeiten, in' Räumlichkeiten, die durch ihr unfreundliches Aussehen und ihre Enge gar zu oft eine Unlust zur Arbeit aufkommen ließen. Nach monatelangen Anstrengungen und Besprechung der Bannführung mit der Verwaltung der Stadt und anderen leitenden Persönlichkeiten, wurde schließlich ein Ausweg gefunden, um dem unmöglichen Arbeiten in der früheren Jugendherberge ein Ende zu bereiten.
Die Stadt Gießen stellte in großzügiger Weife der Hitlerjugend und dem Jungvolk das Haus Wartweg 19, das frühere alte Studentenheim, samt einem langgestreckten Seitenbau zur Verfügung. Nachdem alle Räume dieses Hauses in augenfällig schöner Weise hergerichtet wurden, sollte die HI. hier einziehen, um in hellen, netten Arbeitszimmern eine Epoche neuer Arbeit zu beginnen, zum Dienst an der jungen deutschen Nation und dadurch am Vaterlande. Das Diensthaus selber, in dem sich 12 Zimmer befinden, umschließt zusammen mit einem langgestreckten Seitenbau einen großen, von Bäumen bestandenen Hof. Diese Räumlichkeiten wurden nun vor einiger Zeit von dem Dann und Jungbann 116 der HI. übernommen, sie bilden jetzt die zentrale Dienststellung der HI. für den politischen Kreis Gießen.
Wenn nun irgend jemand eintreten will, so muß er sich zuvor durch ein Läutezeichen an der Glocke neben der Tür bemerkbar machen. Die Wache
öffnet die Tür und trägt sodann die Personalien des Besuchers in das Wachbuch ein, das im Vorraum des unteren Stockes aufliegt. Hier befindet sich auch eine sinnreiche Einrichtung, und zwar ist dies eine Tafel, an der kleine Schildchen die Namen der gerade anwesenden Abteilungsleiter oder Referenten anzeigen. Zur linken Seite dieses Dorraumes liegt das Arbeitszimmer des B a n n v e r - waltunasführers. Er ist für alle geldlichen Angelegenheiten innerhalb der HI. und des Jungvolks verantwortlich. Außerdem gehören zu seinem außerordentlich umfangreichen Arbeitsgebiet sämtliche verwaltungstechnischen Dinge, die im Hause selbst vorkommen. Zur Rechten befindet sich die Adjuta n tur. Hier findet sich in einem mit vielen Gefächern versehenen Gestell die für die verschiedenen Abteilungen und die Gefolgschaften eingehende Post, die täglich abgeholt werden muß. An diesen Raum schließt sich das Arbeitszimmer des Bannführers an. Gegenüber liegt ein großer S p e i s e s a a l. Im unteren Stockwerk befindet sich außerdem noch eine nett eingerichtete Küche, in der tagtäglich für das leibliche Wohl der am Bann hauptamtlich tätigen Abteilungsleiter Sorge getragen wird.
Zur Mitte der Treppe, die ins obere Stockwerk führt, liegen zwei Arbeitsräume, in denen die Abteilung „Sozialamt" ihren Platz gefunden hat, und die durch eine besonders ruhige Lage der vielseitigen Arbeit dieser Abteilung gerecht werden.
Im oberen Stockwerk liegen die Räume des Jungvolks. An ein schönes großes Zimmer, dem Jungbannführer als Arbeitsstätte dienend, arenzen nach zwei Seiten hin noch verschiedene Arbeitsräume an, so besonders die der Abteilung S. (Schulung).
Der langgestreckte Seitenbau, in dem zur Zeit noch die Umbauarbeiten vorgenommen werden,
ist wegen seiner großen Anzahl von Zimmern, die er enthält, dazu bestimmt worden, den Kameradschaften einiger Gefolgschaften, die bis jetzt noch kein eigenes Heim in irgend einem Teil der Stadt besitzen, als Kameradschaftsheime zu dienen. Hier sind zweckmäßige Dusch- und Wascheinrichtungen vorhanden. Außerdem ist vorgesehen, in diesem Seitenbau einen Fahnensaal zu schaffen, in dem die Fahnen würdige Aufbewahrung finden sollen. Führerbesprechungen und Beratungen werden in Zukunft natürlich ebenfalls im Hause der HI. am Wartweg abgehalten.
Erwähnenswert ist, daß die Hitlerjugend das meiste dessen, was im Hause zu sehen ist, aus eigener Kraft zusammengetragen hat. Allerdings reichen die Einrichtungsgegenstände und Möbel, die bisher die wenigen Zimmer in der Jugendherberge im Asterweg füllten, für die zahlreichen Räume des neuen Hauses der Hitlerjugend nicht ganz aus. Die Hitlerjugend weiß sich deshalb der Bevölkerung unserer Stadt weiterhin zu Dank verpflichtet, wenn ihr brauchbare Möbel für die weitere Einrichtung des Heimes zur Verfügung gestellt werden. Auch die Bibliothek im Entstehen bedarf der Ergänzung. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß im Hause der Hitlerjugend auch ein Haustelephon vorhanden ist, durch das die einzelnen Abteilungen untereinander verbunden sind. Der Telephonanschluß nach außen besteht unter der Nummer 3171.
Das Haus der HI., das rein äußerlich bisher nicht als solches zu erkennen ist, wird durch zwei Fahnenmasten, auf denen die Fahnen der HI. gehißt werden, feine Kennzeichnung erhalten. Das neue Heim wird voraussichtlich Anfang Mai ein- geweiht werden.
Die Tätigkeit der hauptamtlichen Mitarbeiter im Hause der HI. vollzieht sich in genau festgelegtem Turnus. Der Tag beginnt mit dem Waschen, mit Frühsport, dann folgt das Kasfeetrinken, und um 8.30 Uhr begibt der eigentliche Dienst. Für die
Die Adjutantur.
I
N
I
I -z
I
Der Aufenthaltsraum, der gleichzeitig als Speisesaal dient. — (Aufnahmen: Gießener Anzeiger.)
bevorstehenden Wochen wird für die hauptamtlichen Mitarbeiter ein besonderes Maß an Arbeit anfallen, denn es müssen nunmehr die Zeltlager vorbereitet werden, in denen in diesem Jahre jeder Junggenosse einmal 14 Tage verbringen soll.
Dieses neue, in einem besonders ruhigen Teil unserer Stadt gelegene Diensthaus der HI. macht durch die allenthalben farbenhell und freudig gehaltenen Zimmer einen schmucken Eindruck. Möge auch von diesem neuen Diensthaus der Hitlersugend ein Geist ausgehen, der der gesamten deutschen Jugend und damit unserem Volksganzen weiterhin dienlich ist.
Iunqarbeiter-Kundg-bung in Gieren.
Am Sonntag, 31. TNärz, findet anläßlich der Ilebertragung der Jungarbeiter-Kundgebung von der Zeche „Friedrich Ernestine", wo der Reichsjugendführer sprechen wird, ein G e - meinschaflsempfang der Gießener HI.-, Jungvolk- und VdM.-Einheiten im Rlafchinen- saal der Schaffstaedtschen Fabrik stall.
Antreten der Gefolgschaften 1, 2, 3, 4, des
SZ. und MZ.: 9.15 Uhr auf dem Drandplah.
Reitturnier in Gießen.
Vom Verkehrsverein Gießen wird uns geschrieben: Im Anschluß an den am Mittwoch, 3. April, in Gießen zur Durchführung gelang n» den Pferdemarkt findet, beginnend gegen 11 Uhr vormittags, ein Reitturnier statt. Das hierfür ausgestellte Programm wird bei den Besuchern großen Anklang finden. Die einzelnen Wettbewerbe werden von Angehörigen des Reichsheeres und der Reiter» vereine bestritten. Besonderes Interesse dürfte die Mitwirkung der Gießener Garnison des Reichsheeres erwecken. Wir weisen darauf hin, daß für die Dauer der kommenden Woche, und zwar vom 31. März bis 7. April, von fast allen umlieaenden Bahnstationen Sonntagsfahrkarten nach Gießen ausgegeben werden.
Diegfflandstöchter und ihre Freier.
Vornan von 3- Schneider ^oerstl
Copyright by Verlag Oskar Meister. Werdau i. Sa.
18 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Klaudine ließ sich noch Bobs Adresse diktieren und klebte dann die Marke auf, die Pöttmes aus seiner Brieftasche nahm. „Sonst nichts mehr?"
„Danke, nein!"
„Beinahe soviel Korrespondenz wie ich!" meinte sie lachend und schnellte plötzlich vom Bettrand hoch, ausgeschreckt durch ein unheimliches Getöse. Sie lief hinaus und ließ die Tür hinter sich offen.
Zum zweitenmal erschütterte ein donnerartiges Krachen die Hütte. Staub rieselte von der Decke auf Niels' Gesicht. Es machte den Eindruck, als hätten sich die Wände verschoben. Der Dackel kam mit eingezogenem Schweif hereingeschofsen und verkroch sich unter die Bettlade.
„Klaudine!" rief Niels, als ein neues Gepolter die Hütte erschütterte. Nichts regte sich. Totenstille.
„Klaudine!"
In dem kleinen Spiegel, der über der Kommode hing, sah Pöttmes sein Gesicht. Es war kalkweiß. „Barthelmes!"
lieber ihm knisterte es leise. Er sah ganz deutlich, wie sich die Balken verschoben. Und plötzlich wußte Niels auch, was die Ursache gewesen war: Eine Lawine war niedergegangen und hatte die Hütte gestreift. Vor dem Fenster lag der Schnee wie ein Berg aufgetürmt. Nicht ein Eckchen Himmels war mehr sichtbar.
„Klaudine! — Barthelmes!"
Waldl kam hervorgekrochen und schlich mit hängenden Ohren nach der Tür.
„Kaudine!" Niels hörte seinen eigenen Schrei in der Enge des Raumes widerhallen. Im Begriff, den geschienten Fuß auf den Boden zu setzen, sah er das Mädchen in der Tür stehen. Mit bebenden Lippen und farblosen Wangen.
„Wo hat er seine Schaufel?"
„Ich komme, Klaudine!"
Sie machte einen raschen Schritt nach dem Bett zu. „Nein, bleiben Sie! Sie können nichts helfen! Ich finde Barthelmes schon. Nur eine Schaufel brauche ich."
„Sie schaffen es nicht allein!"
„Doch, doch!"
Pöttmes wollte sich trotzdem erheben, siel aber kraftlos wieder zurück. „Es ist schrecklich!" stieß er hervor. „Können Sie noch in den Stall? — Dort t)at Barthelmes sein Werkzeug. Ich komme gleich nach!"
Aber er erreichte nicht einmal die Tür. Auf dem
Weg dorthin knickte er zusammen und konnte gerade noch an einem Stuhl Halt finden.
*
„Such', Waldl, such'!" Immer wieder spornte Klaudine den Dackel an, die fRafe in den Schnee zu bohren. Er schnupperte, kratzte, heulte, seine Pfoten scharrten an der dicken, weißen Wand. Er biß die Zähne hinein und sah dann wieder mit großen, verzweifelten Hundeaugen zu ihr auf.
Von seinem Herrn war weder was zu spüren noch zu hören. Klaudine klebten die blonden Haarsträhnen an den Schläfen. Unverdrossen schaufelte sie weiter. Der Schweiß rann ihr in Strömen über den Körper, und wenn sie einen Augenblick rastete, fühlte sie sich wie von einem Eispanzer umschlossen.
In einer Atempause machte Klaudine einen Sprung zu Pöttmes, der inzwischen wieder ins Bett gekrochen war. Sie begriff, wie entsetzlich es für ihn sein mußte, untätig zu bleiben. Aber es wäre mehr ein Hindernis gewesen, als daß er Hilfe bedeutet hätte.
„Wie steht's, Klaudine?" rief er ihr entgegen.
„Schlimm!"
Im selben Augenblick heulte der Hund auf. Sie stürzte zur Tür. Waldl gebärdete sich wie närrisch, sprang an ihr hoch und begann dann aufgeregt ZU scharren. Demnach mußte er seinen Herrn gewittert haben.
Wieder und wieder fuhr der Spaten in die weiße Mauer, wieder und wieder mußte Klaudine tief Atem schöpfen. Jede Sekunde konnte Rettung oder Tod für den Alten bedeuten! Dann ein heller Schrei, der bis zu Pöttmes drang und ihm sagte, daß Barthelmes nun gefunden worden war. —
In der Schneemaffe wurde ein Hand sichtbar. Mit den Händen begann Klaudine jetzt den Schnee wegzuräumen, um den Verschütteten nicht zu verletzen. — Blauverfärbte Finger kamen zum Vorschein ... Gleich darauf lag auch das Handgelenk des Barthelmes frei ... Er mochte im Augenblick der Katastrophe die Arme von sich gestreckt haben, denn der Dackel hatte sich schon bis zum Ellenbogen durchgewühlt.
Klaudine arbeitete fieberhaft mit blutenden Fingern. Ein immer größeres Stück der Arme kam zum Vorschein — dann ein Büschel grauer Haare, eine blutende Stirn ... und nun ein zerschundenes Gesicht mit geschlossenen Augen.
„Barthelmes--!" Ihr heißes Gesicht lag an
seiner kalten Wange. Das Ohr dicht an seine Nasenflügel gelegt, lauschte sie, ob er noch atme, verspürte einen warmen Hauch und begann nun auch seine Brust vom Schnee zu befreien.
Als Klaudine den Körper nahezu freigelegt hatte, lief sie zu Pöttmes hinein, vermochte aber kein Wort hervorzubringen und schlug plötzlich aufweinend die Hände über das Gesicht.
„Tot?" fragte Niels erschrocken, die Hand nach ihr ausstreckend
Sie schüttelte stumm den Kopf, ließ die Arme fallen und war im nächsten Augenblick wieder verschwunden. Die Füße des Verschütten freizumachen, war jetzt nur noch ein Kinderspiel gegen das, was sie bis jetzt geleistet hatte.
Klaudine holte den Tokaier aus der Kammer, entkorkte die Flasche und begann, Barthelmes' Lippen damit zu netzen, betupfte dann feine Schläfen, den Bart, feinen Mund und schließlich rieb sie damit seine Hände ein.
Gerade, als sie wieder auf feinen Atem horchen wollte, schlug er die Augen auf. Ihrer beider Blick versank ineinander. Und aus seinen und ihren Augen rannen gleichzeitig die Tränen heiß und unaufhaltsam herab.
Die Arme des Alten waren noch steif. Trotzdem hob er die Rechte bis an ihr Gesicht und fuhr mit den ungelenken Fingern zitternd darüber hin. — „Jetzt — Klaudinia--"
„Was denn?" fragte sie gütig, hob seinen Kopf auf und bettete ihn in ihren Schoß.
„--fönnen’s nimmer davonlaf'n."
„Nein, nein", lächelte sie tröstend zu ihm herab. „Jetzt muß ich schon bleiben. Vermögen Sie ein bißchen auf die Beine zu kommen, Barthelmes?"
Er machte eine Bewegung, um die Knie hochzuziehen, aber es fiel ihm unsagbar schwer, und ein lautes Stöhnen wurde dabei hörbar.
„Nur bis in die Stube, wenn es möglich wäre, Barthelmes", bat Klaudine. Er wälzte sich vom Rücken auf den Bauch und schob sich mit den Händen langsam vorwärts. Sie konnte ihm nicht helfen, dazu war sie zu schwach.
Er war ein Bergler, stämmig, breit, trotz seiner weißen Haare ein Riese an Kraft und Größe. An der Bank in der Stube richtete er sich auf und fiel, von Klaudine gestützt, schwer darauf nieder.
Als er faß, ging das Mädchen zur Tür, die in die Kammer führte und öffnete sie weit, damit die beiden Männer einander begrüßen konnten. Niels hob die Hand und winkte: „Barthelmes!"
Der Alte nickte nur.
Klaudine brachte eine Schale Milch und hielt sie ihm an den Mund. Es ging nicht gleich. Die Kehle par ihm noch wie zugeschnürt. Nur langsam sog er Tropfen um Tropfen in sich hinein, mehr, um ihr den Willen zu tun, als aus Bedürfnis.
Als er etwas murmelte, bog sie das Ohr zu ihm herab. „Tuan's Eahna — an den Of'n fetz'n. Klaudinia." Er hatte bemerkt, wie Schauer um Schauer über ihren Körper hinlief.
Sie legte zwei schwere Klötze nach und lehnte dann den Rücken gegen die grünen Kacheln, fühlte, wie das nasse Gewand zu dampfen begann und an ihrem Körper trocknete. Unwillkürlich schloß sie die Augen.
Dom Fenster her kam ein Aechzen. Barthelmes hatte sich am Tisch hochgeschoben und stand nun, mit unsicheren Knien und schwankenden Beinen, den Blick durch das Fenster gerichtet. „An halb'n Meter
weiter rechts — und aus wär's g'wes'n Koa Mensch hätt' mehr was von der Karrer-Hütt'n g’funb’n. — Hat's die Geiß'n do net troff’n?"
Als das Mädchen verneinte, lachte Barthelmes zum ersten Male wieder. „Nachher fehlt's net weit, Klaudinia. A Holz ham ma — a Milli — an Reis und an Kaffee a!"
*
Nicht nur Klaudine, sondern auch Niels wunderte sich, wie rasch bei Barthelmes das Gesundwerden ging. Am Abend humpelte er schon wieder durch die Stube nach der Stallung, um zu sehen, ob die Geißen auch wahr und wahrhaftig nichts abbekommen hatten.
Sie fraßen gierig und stießen mit den Köpfen nach ihm. Nur mit dem Melken war es eine schlimme Sache. Seine Hände waren noch steif und ungelenk. Und als Klaudine ihre Kunst versuchte, flog sie mitsamt dem Melkeimer in die Ecke. Die Tiere merkten die fremde Hand. Kaum, daß Pöttmes sein gewohntes Glas voll bekam. Mehr war für heute nicht zu erreichen.
Vor dem Schlafengehen gab es noch einen kleinen Streit: Barthelmes wollte Klaudine wieder fein Bett überlassen, sie verlangte aber, daß er sich in die Kammer lege.
„fiabe ich Sie irgendwie gestört heute nacht?" mischte sich Niels in die Debatte. „Daß ich zuweilen gestöhnt habe, tut mir selbst sehr leid. Aber sonst glaube ich vollkommen still gewesen zu sein."
„Ganz gewiß", beruhigte sie ihn. „Aber ich friere noch immer. Da möchte ich's ganz warm haben und mich in die Stube zum Ofen legen." Das begriff sowohl der Alte, als auch Pöttmes.
Aber es wollte kein Schlaf in Klaudines Augen kommen. Einmal donnerte in geringer Entfernung eine Lawine talab. Da fuhr sie auf und horchte in das Dunkel, glaubte ein Stöhnen in der Kammer gehört zu haben und schlich aus nackten Sohlen an Niels Bett.
Pöttmes hatte die Lider geschlossen und das Gesicht zur Seite gedreht. Als sie sich über ihn neigte, sah er auf. „Ich habe solchen Durst! Seien Sie nicht böse, daß ich Sie gestört habe."
„Gleich kriegen Sie was zu trinken", tröstete Klaudine. Sie schob einen Klotz in die Herdglut und holte Schnee, den sie in einem Tiegel langsam zerrinnen ließ. Dann kühlte sie das so gewonnene Wasser wieder ab. „Es schmeckt ein bißchen komisch, nicht?" fragte sie, als er sie kopfschüttelnd ansah. „Aber es ist ganz rein: Schneewasser. Anderes haben wir jetzt nicht: der Brunnen ist vollkommen verschüttet."
Dann suchte Klaudine wieder ihre Ruhestatt auf. Wenn Henriette von allem wüßte, und Bob unb Luzie? Sie war an einem Tag reifer geworden, als cs sonst in Jahren der Fall gewesen märe. Ob Margot schon James Picks Frau mar? Und wie sich die beiden wohl verstanden?
(Fortsetzung folgt!)


