schnittes gebracht. Dagegen ist in der Frauenmode die Wechselhaftigkeit dadurch gesteigert worden, daß die Industrie und der Handel, in sehr viel höherem Maße als ehedem, Einfluß auf die Mode gewonnen haben. Im Vergleich zu früheren Zeiten ist übrigens das Urteil der Damenwelt heute sehr viel weniger maßgebend für die Richtung, in der sich die Wandlung der Mode vollzieht. Wie in vielen anderen Produktionszweigen ist heute auch die Modeschöpfung sehr stark unter den Einfluß händlerischer Interessen geraten, die allerdings nicht allmächtig sind, sondern sich veranlaßt sehen, mit Einflüssen, die aus dem allgemeinen Zeitgeist geboren werden, wie z. B. neuerdings mit der starken beruflichen Inanspruchnahme und der sportlichen Betätigung der Frau, zu paktieren.
Trotz -es immerhin naheliegenden Interesses, das das „Kapital" an einem häufigen Modewechsel hat, wäre es dennoch unrichtig, anzunehmen, daß diese Wechselhaftigkeit (ebi^lid) ein Ausfluß geschäftlicher Erwägungen sei. Außerdem kann es keinem Zweifel unterliegen, daß der Wechsel dem Bedürfnis nach neuen Reizwirkungen entspricht und durch das Verlangen, vermittels seiner äußeren Erscheinung immer wieder erneut die Aufmerksamkeit, die Bewunderung und die Gunst seiner Mitmenschen zu erregen, verursacht wird — ein Verlangen, das sehr tief in dem allgemeinen Geltungsdrang und in der Natur des Menschen verankert liegt.
Geschichten aus aller
Welt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Der Lachs und die Seehunde.
L. D. Montreal.
In Kanada und Britisch-Columbien befürchtet man, daß die Seehunde aus ihrem Wege von der nordamerikanischen Küste nach den Gründen der Beringsee — diesen Weg schlagen die Seehunde und Robben alljährlich zur Paarungszeit ein — unter den Lachsbeständen der Küstengewässer große Verheerungen anrichten.
Um herauszubekommen, wovon sich die Robben in dieser Zeit hauptsächlich ernähren, haben die britischen und kanadischen Behörden eine Untersuchung von ungeheurem Umfang in die Wege geleitet. Die Indianer, die das Privileg der Robbenjagd haben, sind angewiesen worden, von jedem erlegten Tier den Magen zur Untersuchung seines Inhalts einem bestimmten Laboratorium einzusenden. Um sich wirklich ein Bild davon machen zu können, was die Robben auf ihrer langen Wanderung fressen, sind natürlich Tausende von Mägen notwendig.
Die bisher angestellten Versuche waren unzulänglich, weil das Untersuchungsmaterial zu gering war. Immerhin hatte man im Mageninhalt von ziemlich vielen Robben Lachsreste gefunden, was vielleicht aber auch baran liegt, daß die Eingeborenen die Robben nur in der Nähe der Küste jagen, also dort, wo der Lachs sehr häufig auftritt. Die jetzt eingeleitete Untersuchung dient weniger wissenschaftlichen als wirtschaftlichen Zwecken, denn die Lachs- Verarbeitung nimmt in der nordwestamerikanischen Industrie einen sehr bedeutenden Platz ein.
Lautsprecher als Vogelscheuchen.
(r) Philadelphia.
Man macht in diesem Jahre in den Vereinigten Staaten großaangelegte Versuche, wie die nasch- hasten Vögel am sichersten von den Qb^stbäumen ferngehalten werden können. Mit Klappern und den üblichen Scheuchen erreichte man den angestrebten Zweck bei weitem nicht. Da entschloß man sich zu einer erheblichen Modernisierung: Man bringt in den Bäumen Lautsprecher an, die von einem zentralen Radioapparat aus betrieben werden.
Durch Heulen, Knattern und Musik, teilweise auch durch den Gesang einer mehr oder weniger zarten Frauenstimme gelingt es, wie die Praxis bewiesen hat, die Vögel auch auf längere Zeit zu verjagen.
Die Farmer sind glücklich über den guten Einfall. Die Dichter weniger. Sie meinen, nun sei auch aus den Bäumen das letzte bißchen Romantik verschwunden. Die Züchter aber behaupten, auf die Früchte komme es an — nicht auf die Romantck.
Polizeistunde für Liebespaare.
(B.) Mexiko-Stadt.
Sehr originell ist eine Verordnung der Stadtverwaltung von Chihuahua, die den guten Ruf ihrer Stadt jetzt mit einem etwas ungewöhnlichen Mittel sicherstellen will: werden nach zehn Uhr Männlein und Weiblein in öffentlichen Parks allein angetroffen, dann gibt es für beide nichts anderes als die sofortige standesamtliche Eheschließung. Zu diesem Zwecke werden die Standesämter von Chihuahua
um 10 Uhr noch einmal ihre Büros aufmachen, da jeder Polizist strengste Anweisung erhalten Hat, sofort diese Liebespaare herbeizuschleppen. Neugierig darf man wohl sein, wie es jetzt in den Darkan- lagen dieser mexikanischen Stadt des Abends aussieht? Ehepaare werden hier wohl kaum nach zehn Uhr unterwegs sein, und die jugendlichen Liebhaber dürften sich schon um neun Uhr verkrümeln, womit übrigens das angebetete Mädchen weiß, daß an eine Ehe mit ihrem Partner doch nicht zu denken ist. Oder die jungen Mädchen von Chihuahua werden mit List und Tücke arbeiten und irgendwie eine Ueberschreitung der „Polizeistunde" zu erreichen wissen, womit ja dann erreicht ist, was sie wünschen. Nur ist eine Verspätung bann unbequem, wenn beiberfeits aus biesem ober jenen Grünben eine Eheschließung weber erwünscht noch überhaupt möglich ist, bann aber trotzbem bie Verorbnung bes Bürgermeisters zur Ausführung gelangen soll. Immerhin hat ber Bürgermeister bafür gesorgt, baß bie Klatschbasen von Chihuahua jetzt auf jeben Fall ausgiebigen Gesprächsstoff haben.
Rote Ameisen bedrohen Napoleons Haus.
(z) L e Havre.
Das Schulschiff „Ieanne b'Arc" hat in letzter Minute noch einige Kannen mit einem chemischen Präparat an Borb nehmen müssen. Damit bewaffnet, wirb man auf bem schnellsten Wege bie Insel St. Helena zu erreichen suchen. Denn wie bie letzten Berichte sagen, ist bas Haus Napoleons — zweifellos für jeben Franzosen eine historische Erinnerungsstätte —, von roten Ameisen bebroht.
Zunächst waren es bie Fremben, bie als Anbeuten Splitter von ben Balken, Fenstern unb Türen abschnitten. Dann war es ein schlechter Verwalter, ber bie alten Möbel verschleuberte. Unb nun kommen bie großen roten Ameisen! Sie unterminieren bas Haus unb lassen es eines Nachts einstürzen.
Deshalb hat man bie Kannen an Borb bes Schulschiffes genommen. Man sagt, sie enthielten bas beste Ameisenmittel ber Welt. Wenn in einem Jahr bas Napoleon-Haus noch steht, haben bie Chemiker recht!
Der Gipfel der Zerstreutheit.
(a. d.) Neapel.
Ein zärtlicher Vater in Spezia wollte kürzlich seinem kleinen Sohn Bruno eine besonbere Freube bereiten unb nahm ihn mit ins Kino. Der Film war aber so wenig interessant für Kinber, baß ber Kleine halb auf seinem Sitz einschlief. Nicht so ber Vater, ber sich burch die Heldentaten der Leinwandritter in eine bessere Welt entrücken ließ. Am Schluß der Vorstellung weckte er seinen Sohn, nahm ihn an der Hand und zog ben Verschlafenen hinter sich aus bem bämmrigen Kino auf die Straße hinaus. Zu Hause angelangt, entbecfte er zu seiner maßlosen Ueberraschuna, baß ber vermeintliche Bruno gar nicht sein Sohn Bruno war, sondern ein Kind fremder Eltern! So rasch es ging, eilte ber erschreckte Vater mit bem fremben Jungen, ber ebenfalls ben Irrtum nicht früher bemerkt hatte, ins Kino zurück, wo er ben richtigen Bruno noch
habenden Gesellschaftsschicht, b. h. zwischen Abel unb Bürgertum, eine ckänbische Abgeschlossenheit nicht ober so gut wie nicht bestand, weil lediglich Reichtum, Bildung und Erziehung für bie Zugehörigkeit einer Person zur tonangebenben Klasse maßgebenb waren. In die Zeit ber Renaissance in Italien (15. unb 16. Iahrhunbert) fällt auch bas erste Aufkommen eines häufiaen Wechsels bes Kleiderschnittes. Allerdings suchte damals jeder wahre Signore ober jede Signora unb Signorina, entsprechend) bem inbivibualistischen Zug ber Zeit, ber Ausschmückung ihrer äußeren Erscheinung eine persönliche Note zu geben. In biefer außerorbent- lich schönheitsbegeisterten mutwilligen unb unbändigen Zeit ist in bezug auf die Kleidung, und überhaupt hinsichtlich der Verschönerung des äußeren Menschen, in Wechselwirkung mit Frankreich, im Kreise ber oberen Zehntausend) ganz Außerorbent- liches geleistet worben!
Im allgemeinen zeigt noch bas 17. unb 18. Jahr- hunbert eine große Stetigkeit ber Art sich zu kleiben unb zu schmücken, unb ber Gebaute, baß jeher sich „st anbesgemäß" (nicht üppiger, aber auch nicht kärglicher als seinem Staube zukommt) kleiden und jedem Stand eine bestimmte Art der Kleidung eigentümlich sein soll, bleibt noch bis zur großen französischen Revolution lebendig, wenngleich der zunehmende Reichtum der bürgerlichen Kreise eine immer stärkere Angleichung ber Kleidung an die des Abels bewirkte.
Die Kostüme bes 17. unb 18. Jahrhunberts waren im Vergleich zu unseren Kleibern unb Anzügen außerorbeutlich kostbar, sowohl was bie verwaubteu (Stoffe anbelangt, wie hinsichtlich ber Ausschmückung burch Spitzen, Tressen, Ebelsteine usw. Nur sehr reiche Leute konnten ihre Garberobe häufig erneuern; war man gelegentlich über bie sehr große Zahl von Kostümen einzelner Potentaten liest, bars keinesfalls verallgemeinert werben. Im allgemeinen konnte man sich nicht jebes Jahr ober gar zweimal im Jahr ein neues Gewaub leisten. Häufig würben bie Kostüme sogar von ben Eltern auf bie Kinber vererbt. Vor allem war aber für bas 17. unb 18. Iahrhunbert bezeichuenb, baß bie Masse bes Volkes in Stabt unb Laub von einem Trachten- unb Mobewechsel überhaupt nicht berührt würbe, weil bie Volkstrachten bie allergrößte Stetigkeit, entsprechend dem konservativen Charakter der Bauernschaft als deren Hauptträger, aufroiefen.
Das wurde erst anders, als mit ber französischen Revolution unb ber 'Ausbreitung ber Idee ber „Freiheit unb Gleichheit" bas Bürgertum politisch gleichberechtigt und damit auch maßgebend für den ganzen Lebensstil wurde. Es setzte mithin die „Demokratisierung der Kleidung" ein, die jede Exklusivität in der Art sich zu kleiden beseitigte unb eine starke Ausbehuung bes Kreises, ber willens unb fähig war, bie Mobe mitzumachen, herbeiführte. Diese „Demokratisierung ber Kleibuug" fanb u. a. ihren Ausdruck in dem Uebergang von der seidenen Kniehose (culotte) zum langen Beinkleid (pantalon), womit alle Unterschiede hinsichtlich der Gestalt des Beines und womöglich auch der der Füße verdeckt wurden.
Erst das 19. Jahrhundert hat die Mode in dem Sinne, wie wir sie heute verstehen, geschaffen; und zwar hauptsächlich dadurch, daß die Wechselhaftigkeit der Art und Weise, wie die Frau ihre äußere Erscheinung ausstattet, immer größer und allgemeiner wurde. So bekam dann bald ein zunehmender Kreis von Menschen die jeweiligen „Errungenschaften" der Mode zu spüren, sei es, daß er sich veranlaßt sah, aus allgemeinem Geltungsdrang die Mode mitzumachen, sei es, daß die massenhafte Anfertigung von Kleidung (Konfektion!) nach modischen Mustern den Konsumenten einfach keine Wahl ließ, ihn gewissermaßen zwang, sich „modern" zu kleiden.
Wenn man heute von Mode spricht, so versteht man darunter in der Regel die Frauenmobe, weil nur sie bie Anzeichen aufweist, bie wir als charakteristisch für bieje Erscheinung kennengelernt haben. Hinsichtlich ber Männerkleibung hat bas bemokratische 19. Iahrhunbert eine auffallenbe Gleichförmigkeit, Einfachheit und Stetigkeit bes Zu
Das Licht vom Bodensee.
23cm Gustav W. Eberlein, Vom.
Um biefe Zeit, bie Schneeglöckchen hatten sich gerabe zum erstenmal in ber Welt umgesehen und tarnen vor Verwunderung aus dem stummen Läuten nicht heraus, um diese Zeit kehrte ich einmal braungebrannt nach Rom zurück. „Ob ich in Tripolis gewesen sei, fragten die Leute, die Mädchen steckten die Köpfe zusammen und kicherten, vielleicht dachten sie, ich hätte Braunolin benützt, die dummen Dinger, unb ein Marineoffizier brehte sich nach mir um, als ob er einen Verbacht habe. Deserteur ober so.
Ich bin nicht in ber Sahara gewesen, sagte ich, ich habe mich auch keiner Selchkur in St. Moritz unterzogen, nein, ich komme vom Bobensee. Ich bin nur einmal mit bem Dampfer von Dingelsborf nach Konstanz gefahren unb zurück, bas ist alles.
Wie lange benn so eine Seefahrt bauere, fragten sie ungläubig. Nun, so brei bis vier Stunben, bas genügt. Auf ber Hinfahrt wird man rot, auf der Rückfahrt braun. Da aber staunten die römischen Bleichgesichter!
Manche auch deswegen, weil sie sich den Bodensee niemals so riesengroß vorgestellt hätten. Vier Stunden von Dingelsdorf bis Konstanz, hat er gesagt, denken Sie nur! In derselben Zeit fliegt man von Rom übers Mittelmeer nach Tunis. Solche Binnenmeere gibt es also in Deutschland! Sicher war es auf einem Doppelschraubenschnelldampfer, er hat sich einen Liegestuhl an Deck bringen lassen und ist eingeschlafen. Mag sein, dachten die Zweif- ler, aber wo nimmt er, hä, jetzt die Sonne her?? Schwindel, nichts als Schwindel. Sie dachten nicht laut, aber man sah's ihren Gesichtern an, kommt doch sogar bie römische Sonne jetzt erst so allmählich in Wärme. Unb bas weiß boch jeber, baß bieses Deutschlanb von finsteren, eiskalten Wälbern überwuchert ist, mit Aexten haben bie Romer seinerzeit bas Eis aufhauen müssen, an Ostern schneit es sehr oft, wie will ba einer braun brennen!
Unb boch hatte ich nicht geschwinbelt, wenn auch der vermeintliche Schnelldampfer nur bie gute „Stabt Konstanz" war, ber niemand eine solche Hast zutrauen wird. Sie nimmt es gern ein wenig umroegig von Dingelsdorf nach Konstanz, ein Paddler braucht für dieselbe Strecke kaum eine Stunde, wenn er ein bißchen aufschneidet. Auch war der alte Schaufelradler damals noch nicht umgebaut, vielleicht ist er es heute noch nicht, und bann kann jebermann nachprüfen unb bezeugen, was ich jetzt verrate: Der Passagierraum ist etwas unbequem, bie Zweitkläßler wissen nicht recht, ob sie au den Gepäckstücken oder zu den Fahrgästen gezählt werden, und daher drängt alles, wenn es die Witterung erlaubt, ins „Freie". Das besteht aus dem wind- geschützten Raum hinter dem Radkasten, unb ein Klappstühlchen ist bort gut unterzubringen, ja, es
haben gut zwei Leute Platz, wenn es sich um ein Liebespärchen hanbelt. Diesen Schmorplatz gilt es im Frühling zu erobern, bann sorgt für alles Weitere ber lichte Himmel, bas lichte Wasser, biefer unerhörte Zusammenklang von Helligkeit unb Lauterkeit, wie er bem Bodensee eigen. Die Sonne brennt herunter wie im Sommer, bie bleichen Winterwangen blühen auf wie Pfingstrosen. Unb Ostern hat man im Herzen. Alles so um bas März- enbe herum. Wer ba nicht braun wirb, wirb es nie. Das ist bas Wunber bes Schwäbischen Meeres, bas tut bas Licht bes Bobensees.
Einmal schlug irgenbwo in ber Frembe ein junges Mäbchen bie Augen auf, baß ich betroffen stehenblieb. Daraufhin kniff sie bie Liber auf eine ganz eigenartige Weise zusammen, wie man sie nur bei Fischern, Marineoffizieren ober bei ben Leuten am Norbufer bes Bobensees finbet, bie ftänbig in bie gleißenbe Lichtflut schauen müssen. Mit bem Augenaufschlag öffnete sich bie Heimat, tat sich auf bas unabsehbare Leuchten, so baß ich, unwiberstehlich angezogen, bie Unbekannte fragte, woher sie sei. Aus Friebrichshasen, sagte sie unb kniff bie Liber zusammen.
Ich hätte bas ben römischen Bleichgesichtern zur Bekräftigung meiner Behauptung erzählen können. Aber sie würben mich noch weniger verstanben haben.
Wiedersehen mit einem Tisch.
Von Anton Schnack
Ergreifenbes, fast schwermütiges Wiebersehen: ich sitze nach langer Trennung roieber an bem Tisch, ber Tisch meiner Jugenb war, Tisch im Vaterhause, Essentisch, Arbeitstisch, Spieltisch, Tisch ber Freube war er unb Tisch bes Knabenkummers, er hat mich lächeln gesehen unb er hat auch meine warmen Tränen auf bem Holz gespürt.
Geliebter Tisch: auch an ihm ging bie Zeit nicht spurlos vorbei, gemartert haben auch ihn bie Jahre, Narben unb Sprünge haben sie ihm beigebracht, Schrammen haben sie ihm geschlagen, er würbe gestoßen unb abgetreten unb zuletzt in ben Schatten ber Speicherecken verbannt. Wer viel bient, muß viel leiben. Unb er hat viel gebient: unentwegt, gebulbig unb treu.
Ich entbecke noch verblaßte Tintenspuren, aus bem ungefügen Feberhalter verspritzt, bem bie steife Kinberhanb angepaßt werben mußte, um zitternbe, schwankenbe Buchstaben in ein Heft zu kritzeln. Da finb noch bie Schnitte bes Knabenmessers, bas aus Langeweile unb aus Spieltrieb sich ins zarte Holz einritzte. Auf ihm auch würben bie Schnittmuster für bie Knabenhosen und Knabenwämsen ausgerädelt, kreuz unb quer burchziehen noch bie Punktspuren bie Platte, ausgelaugt von ber Seifenbrühe unb gerillt von ber harten Wurzelbürste; denn bie
Pinselstriche unb Tuschzeichen kinblichen Malens färbten tief ins Holz hinein.
Brot lag auf bir, vh Tisch: Brot, bas nach Erbe, Sommer unb reifenben Felbern roch. Der Wasser- unb ber Weinkrug stauben auf bir, segneten bich unb machten bich heilig! Sauerverbientes Geld würbe zogernb auf bir abgezählt unb hin unb her gebreht. Unsichtbar hast bu bich gebogen, so schwer unb bitter war es oerbient worben. Gebete hast bu gehört. Seufzen unb Klagen, fröhlichen Trinkspruch, Flüstern unb Geschrei, ernste Gespräche, Zank unb Streit, Lachen unb Weinen, Knabentumult unb Vaterzorn: niemanb hat sich eine Hemmung in bemem Beisein auferlegt, roütenb schlug bich manche Faust unb fürrenb zersprang auf bir Glas unb Topf.
Jetzt weiß ich erst, wie viele unersetzliche unb verwehte Stunben bes kurzen Lebens ich an bich, Ding aus Holz, Ding ber Stummheit, Ding ber Demut, hingegeben habe. Ich habe bich gebraucht tagein, tagaus, ohne bich zu beachten unb ohne bich zu schätzen. Du warst eine leblose Selbstverständlich- feit, ein Gegenstand, ein Holz, sonst nichts. Habe ich an bich gebacht, als ich bich eines Tages auf immer verließ, fortging, tatenyungrig unb welt- begierig? Bin ich zu bir hingetreten unb habe wie zu einem Freunbe gesagt: „Ich banke bir, guter Tisch, für bie vielen Dienste unb für bie treue Karnerabschaft in Kummer und Freude." Wozu? Weswegen sollte ich mich bei dir, bei Holz und Lack, bei einer abgehobelten Platte mit Schubkasten unb vier Beinen bebauten? Dank war nicht Sache ber hinausstürmenden Jugenb.
Heute weiß ich, baß ein Tisch kein geringes, stumpfes unb lebloses Ding ist, fonbern tief beseelt. Beseelt von allen, bie baran saßen. Beseelt von meiner Jugend, bie baran spielte, lernte, aß, trank, träumte unb bichtete. Oh lange Kette ber Jahre, bie im Tisch vergraben unb verzaubert liegt, aufsteigt sie roieber, rounberbar glitzernd, selig glän- zend! Aufsteigen bie triefenben Regenabende, ba ber Tisch zum Märchenlanb würbe, zum Reich ber Abenteuer, zum riesengroßen Traumbrett. Aufsteigen bie Winternächte, bie Stille ber Lesenben, bie Abenteuer ber Bücher, bie Worte, bie bie Uhr mit ewigem Schritt begleitete, mit bem Schritt bes Vergehens unb Verwehens.
Heute weiß ich, wie viele Träume, denen keine Erfüllung würbe, in ihm begraben liegen. Heute erkenne ich erst zutiefst bie Wildheit ber Gebauten, bie bie Verzweiflung unb bie Lebenslust an ihm buchten, formten unb überlegten. Heute sehe ich erst bie Male ber Häube, bie blutwarm unb fest, manchmal verzweifelt, manchmal bafeinstrunfen auf ihm lagen unb an ihm rüttelten, als sollte ber Tisch mithelfen ober sich mitfreuen. Stoß auf Stoß, unzählbar, burcheiuaubergewirbelt liegen bie Briefe ba, eilig geschrieben, unter Tränen unb unter Fröhlich-
auf seinem Sitze schlafend fanb. Auch die Eltern des falschen Sttino hatten die Verwechslung noch nicht bemerkt.
Diesmal ist ja alles gut gegangen. Bleibt nur zu hoffen, daß ber zerstreute Vater nicht nächstens womöglich bie Frau eines fremben Mannes mit nach Hause zerrt. Das könnte immerhin unangenehm ausgeheu...
Steh' ich in finstrer Mitternacht.
(1) Sofia.
Da Küssen keine Sünb' unb Lieben nicht unbebingt ein Verbrechen ist, verknallte sich ber 19jährige Kaffeehausangestellte Seraphim Stojan Mitreff in bie hübsche Nadejda ©rigoreroa, bie als Stuben- mädchen bei einem ebenso reichen wie gestrengen Bankier ber Hauptstabt in Diensten war. Am vergangenen Sonntag, als ber Herr Bankier, ange- lsckt von ber herrlichen Vorfrühlingssonne, mit seiner Familie einen Ausflug unternahm, ließ es sich Nabejba nicht nehmen, ihren heißgeliebten Seraphim in ben Räumen ihrer „Herrschaft" zu empfangen. Schnell flogen bie Stunben bahin, ohne baß bie Verliebten es merkten. Die Sonne hatte sich schon hinter bem fernen Witoschagebirge gesenkt, als sie sich enblfch ooneinanber losrissen, um Abschieb zu nehmen. Doch o Schreck! In biesem Augenblick horten sie zu ihrem Entsetzen bie poltrige Stimme bes zu früh heimgekehrten Hausherrn im Nebenzimmer, burch bas ber einzige Weg in bie rettenbe Freiheit führte. In ihrer heillosen Angst schob Nabejba ihren Freund auf ben Balkon hinaus. Der rettenbe Ausweg für Seraphim war verlegt. Die Abenbstunben flössen bahin. Nach zehn Uhr gingen alle Lichter in ber Wohnung aus, und Nabejba, ratlos unb zitternden Herzens, schlich sich in ihr Zimmer. Lange, aber vergeblich grübelte sie über eine Rettungsmöglichkeit nach, um schließlich in verzweifelter Stimmung ins Bett zu kriechen. Einsam unb verlassen ftanb Seraphim auf bem Balkon bes britten Stockwerkes in bie Ecke gebrückt, benn ber bessere Teil seiner Tapferkeit war Vorsicht. Lieber bie Nacht auf bem Balkon verbringen unb für seine Liebe leiben, als eine Tracht Prügel in Empfang nehmen. Mitternacht war schon vorüber, und Seraphim, von Müdigkeit, innerer Unruhe unb bem nächtlichen Frost übermannt, war sanft einge- schlafen. Am Enbe wäre er in ber Nacht erfroren, wenn ihn nicht ein spät heimkehrender Nachbar zufällig bo oben entbecft Hütte. Als biefer auf seine Anrufe keine Antwort erhielt, alarmierte er bie Polizei, ba er einen Einbrecher vermutete. Das Enbe ber Tragikomödie war kurz: Vor ben erschreckten Augen ber Bankiersfamilie würbe Seraphim, schon halb erfroren, zum Ueberfallroagen gebracht unb auf ber Polizeiwache an einem Ofen aufgetaut. Wobei er geschworen haben soll, seine Nabejba nie mehr am fremben Herb zu lieben ...
Meine politische Nachrichten.
Die japanische Regierung hat eine Z u- fammenfunft ihrer Botschafter und Gesandten in Europa angeorbnet, um bie europäische Lage zu besprechen. Die Konferenz soll im Juni in Paris abgehalten werben. Der Botschafter in Lonbon, Matsubeira, soll bann in Tokio Bericht erstatten. Hauptpunkte ber (Erörterung werben sein: Deutschlanb unb ber Versailler Vertrag, Europas Haltung gegenüber Japan nach besten endgültigem Ausscheiden aus dem Völkerbund, Abwehrmaßnahmen gegen Einfuhr japanischer Waren in Europa und die Flottenfrage. Die japanischen diplomatischen Vertreter in Sübam - rika sollen in Rio b e Janeiro eine ähnliche Konferenz abhalten, um bie Ausbehnung bes japanischen Hanbels zu erörtern. Die japanischen Kon- fule in China werben in Schanghai zusammenkommen.
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Reichsaußemninister Freiherr von Neurath hat den sowjetrussischen Botschafter in Berlin Jakob Suritz empfangen unb eine längere Aussprache mit ihm über bie sowjetrussisch- deutschen Beziehungen gehabt.
keit, Briefe an mich unb Briefe von mir, herein- geweht unb hinausgeweht: alle verweht!
Am schönsten unb innigsten aber bist bu, Tische burch bie Gemeinschaft von Vater, Mutter, Bruder unb Schwester beseelt worben. Jeber hatte seinen bestimmten Platz am Tisch, wenn zum Essen gerufen würbe ober zum Spiel ober zum Trunk.
Niemanb ruft mehr zu bir, ausgestohener, in bas Halbbunkel verbannter Tisch! Unb wenn noch gerufen würbe, ber Platz bes Vaters würbe leer bleiben, gespenstisch leer, ewig, immerbar! Auch ber unb jener Platz noch. Die grausame Faust ber Zeit hat die Gemeinschaft auseinanbergeriffen, zerstreut in alle Winbe. Mancher, so wie ich, sitzt an einem anderen, an einem fremden Tisch.
Dom Grauen Star.
Der Graue Star hat seine Schrecken verloren! Die Zahl der mißglückten Operationen ist unter 1 v. H. gesunken, und bie Operation selber spielt sich in so milben Formen ab, daß sie selbst bem Neunzigjährigen noch zugemutet werben kann. Währenb der große Augenarzt Albrecht von Graefe — gestorben 1870 im Alter von 42 Jahren — die Patienten noch drei Wochen doppelseitig verbunden im Dunkelzimmer liegen ließ und die Operation ohne örtliche Unempfindlichkeit gemacht werden mußte, da das Kokain erst 1884 entdeckt wurde, ist diese jetzt völlig schmerzlos in 15 bis 30 Sekunden auszuführen; verbunden wird nur das nicht operierte Auge, während das operierte eine Zellulvidschale zum mechanischen Schutz bekommt. Anderntags darf ber Patient etwas aufstehen unb im Stuhl sitzen. Ver- bunfelung bes Zimmers finbet überhaupt nicht mehr statt. Nach zehn bis zwölf Tagen kann ber Kranke entlassen werben. Einen weiteren schönen Fortschritt hat, wie Geh.-Rat Professor Dr. Heine, ber Direktor ber Universitäts-Augenklinik in Kiel, im Märzheft von Velhagen 8z K1 asings Monatsheften schreibt, bie operative Behand- lung des Grauen Stars dadurch gemacht, daß man jetzt nicht mehr bas Stabium der sogenannten Starreife abzuwarten braucht, was noch vor zwanzig Jahren vielfach als Vorbedingung galt, sondern in jedem Stadium operativ vorgeht, wenn das Sehen bem Patienten nicht mehr genügt. Läßt er sich bann nach ber Operation Haftgläser verordnen, so fällt auch bie biefe Starbrille noch weg, unb man sieht ihm nichts an. Auch ben einseitigen Star operierte man früher nicht, ba bie einseitige Starbrille meist nicht vertragen würbe, ber Erfolg ber Operation sich also auf ben Gewinn bes Gesichts- felbes beschränkte. Auch bas hat sich jetzt baburch geänbert, baß bie einseitige Korrektur burch Haft» gläser meist gut vertragen wirb unb baburch bann ber binokulare Sehakt — bas stereoskopische Sehen — roiebererlangt wirb.


