Ausgabe 
30.3.1935
 
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Nr. 76 Erster Blatt

185. Jahrgang

Samstag, 30. März 1955

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Zwischen Berlin und Siresa.

Die Schnelligkeit des modernen Verkehrs hat es dem britischen Außenminister ermöglicht, noch am gleichen Tage seiner Rückkehr von Berlin seinen Kabinettskollegen über seine Erkundungsfahrt Be­richt zu erstatten. Auch das Unterhaus wurde in­zwischen unterrichtet, wenn auch Sir John Simon sich nicht auf Einzelheiten einließ, sich vielmehr darauf beschränkte, den allgemeinen Charakter seines Berliner Besuchs in wenigen treffenden Worten zu kennzeichnen. Der Minister wünscht die Diskretion zu wahren, bis auch die Berichte seines Kollegen und Reisebegleiters Eden aus Moskau, Warschau und Prag vorliegen. Dann wird das Ergebnis der Erkundungsfahrten als Ganzes ver­arbeitet und gewertet werden können. Der britische Außenminister weiß natürlich so gut wie die deutsche Regierung, warum in einer nervösen Atmosphäre doppelte Vorsicht am Platze ist, wenn nicht durch irgendwelche unzeitgemäße Aeußerungen die größte Delikatesse erfordernden diplomatischen Verhand­lungen erschwert, ja unter Umständen gar kaputt­gemacht werden sollen. Aber es ist das Schicksal aller solcher notwendigerweise in kleinstem ver­trautem Kreise gepflogener politischer Besprechun­gen, daß je weniger Authentisches aus dem Be­ratungszimmer an die Oeffentlichkeit dringt, je mehr eine gewisse Presse bemüht ist, auf der Suche nach Sensationen, ihren politischen Phantasien und Kombinationen die Zügel schießen zu lassen, statt sich an die amtlichen Verlautbarungen zu halten, die ja, wie Sir John Simon im Unterhaus be­stätigt hat, dem Charakter des Berliner Besuches

als Erkundungsfahrt Rechnung tragend, lediglich von einer Klarstellung der beiderseitigen Auffassun­gen über die im Londoner Protokoll vom 3. Febr. angeschnittenen Fragen sprechen konnten.

Wenn namentlich aus Paris, Rom und Moskau der Widerhall des Berliner Besuchs recht aufge­regt und nervös klingt und das Urteil der Preße unter Verzicht auf ruhige Sachlichkeit sich in Kom­binationen und Behauptungen ergeht, die keinerlei Greifbare und stichhaltige Unterlagen erkennen lassen, so nimmt das nicht weiter wunder nach der Begleitmusik, die die gleiche Presse zu Beginn der Berliner Reise Simons bereits angestimmt hatte. 5n Paris herrscht nach wie vor die heimliche Angst vor, aus der persönlichen Fühlungnahme des bri­tischen Außenministers mit denz. Führer des natio­nalsozialistischen Deutschlands könnte doch ein besse­res Verständnis für die Beweggründe der deutschen Außenpolitik herausgesprungen sein, ja vielleicht gar eine menschliche Annäherung, die für die Zu­kunft den Engländern eine allseitigere Einstellung zu den großen europäischen Problemen erlauben würde, als bisher, wo man in London kontinental- europäische Dinge durch die französische Brille zu beschauen sich gewöhnt hatte. Hatte man in Paris trotz der Unterstützung gewisser frankophiler Kreise im britischen Foreign Office und in der Konserva­tiven Partei die Berliner Reise Simons nicht ver­hindern können, so wird doch wenigstens nachträg­lich mit allen Mitteln der Versuch gemacht, die deutsch-englische Unterhaltung ihrem Sinn nach zu verfälschen, indem man Ergebnisse abstreitet, die überhaupt nicht erwartet werden konnten, und den Beteiligten Forderungen in den Mund legt, die zwar den Stempel des Unwahren deutlich an der Stirn tragen, aber trotzdem geeignet sind, in der allgemeinen Nervosität alarmierend und verwirrend zu wirken, womit denn ja auch das tiefere Ziel dieser Sensationsmacherei um jeden Preis erreicht fein dürfte.

Man kann nur hoffen, daß sich «die -für den Gang der Politik Verantwortlichen durch diese Quer­treibereien nicht beirren lassen in der Verfolgung des Ziels, einmal durch eine allseitige offene und ehrliche Aussprache eine Klarstellung der politischen Auffassungen, eine Bereinigung der politischen Atmosphäre und dann im weiteren Verfolg eine wahrhafte Zusammenarbeit aller Mächte zur Siche­rung des europäischen Friedens durchzusetzen. Sir John Simon hat in seiner kurzen Erklärung im Unterhaus bereits gegen diese unverantwortlichen, zu sehr durchsichtigen Zwecken unternommenen Quertreibereien Front gemacht. Er hat gewiß da­mit auch neben den phantasiereichen Schilderungen in der französischen, italienischen und sowjetrussi­schen Preffe seinen besonderen Freund, denDaily Telegraph" gemeint, der schon mehrmals versucht hat, dem ihm unbequemen Außenminister ein Bein zu stellen, und der nun seinen französischen Freun- den zuliebe mit lügenhaften Behauptungen über die Berliner Besprechung politische Brunnenvergif- tung großen Stils betreibt. Simon hat die Nützlich­keit einer direkten Aussprache zu zweien, wie sie ja der Führer von jeher als bestes Mittel für die Anbahnung einer allseitigen Verständigung propa­giert hat, warm anerkannt, auch wenn dabeiein beträchtliches Abweichen der Meinungen" festge­stellt werden muß. Eine künstliche Panikstimmung zu erzeugen, wie es eine gewisse Presse in Paris, Rom und Moskau anscheinend als ihre Aufgabe betrachtet, liegt jedenfalls nicht der geringste Grund vor, wenn man nicht eben den graddzu verbreche­rischen und das allgemeine Friedensbedürfnis der Völker Europas verhöhnenden Zweck, verfolgt, jede Annäherung zwischen Deutschland und den drei anderen großen, sich für die europäischen Geschicke verantwortlich fühlenden Nationen zu Hintertreiben und damit die Tendenz der Gruppen- und Fronten- 6Übung zu fördern, die schon in der politischen Ent­wicklung der Vorkriegs-Aera so' verhängnisvolle Folgen gehabt hat.

Eine besondere Rolle in diesem Kampf von krassen Machtgelüsten, gefährlicher Intrigensucht und blin- dem Mißtrauen gegen die politische Vernunft spielt S o w j e t r u ß l a n d. Die Furcht, in einer drohen­den kriegerischen Auseinandersetzung mit Japan

Edens Besprechungen in Moskau.

Eine Zusammenkunft mii (Statin. Besserung der Beziehungen sestgestetti.

Moskau, 29. März. (DRV.) Die Telegraphen­agentur der Sowjetunion meldet: 3n einer Instän­digen Unterredung zwischen Eden und Lit­winow wurde der Meinungsaustausch über alle früher berührten Fragen fortgesetzt. Der britische Minister und der Volkskommissar tauschten auch Meinungen über die Entwicklung der englisch-sow- jetrussischen Beziehungen aus und stellten mit Be­friedigung ihre bedeutende Besserung fest. Ls wurden Dege erörtert, die sowohl die politischen als auch die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder weiter festigen sollen.

Am Freitagnachmittag fand im Kreml, im Arbeitsraum des Vorsitzenden des Rates der Volks­kommissare, M o l o t o s s, eine Unterredung des Grohsiegelbewahrers Eden mit dem Generalsekre­tär der kommunistischen Partei Stalin statt, die über eine Stunde dauerte. An der Unterredung nahmen Lord L h i l st o n, Lord Lranburne, der Direktor im Foreign Office, Strang, Molotosf, Auhenkommissar Litwinow und Botschafter M a i s k i teil. Rach der Unterredung erklärte Eden englischen Journalisten, daß die Unter­redung interessant und eindrucksvoll gewesen sei. Anschließend besichtigten die englischen Gäste den Kreml. Morgen ist Eden mit seinen Be­gleitern Gast bei Litwinow zu einem Frühstück in kleinerem Kreise, das in einem Landhaus Litwinows bei Moskau stattfindet. e

Der Eindruck in London.

London, 30. März. (DNB.-Funkspruch.) Die englische Presse berichtet ausführlich über -die Be­sprechungen des -ordsiegelbewahrers Eden in Moskau insbesondere über seine Zusammen­kunft mit Stalin. Allgemein wird betont, daß beide Seiten über den Verlauf der Unterredung zufrieden seien, gleichzeitig wird aber auch darauf hin gewiesen, daß Eden die englische Regie­rung in keiner Weise fest gelegt habe, da seine Besprechungen von vornherein nur zur Unter­richtung bestimmt seien.Times" berichtet aus Moskau, daß in der Unterredung zwischen Stalin und Eden dieselben Fragen wie bei der Besprechung mit Litwinow erörtert worden seien, nämlich die englisch-französische Erklärung vom 3. Februar und die Auswirkung der Berliner Besprechungen. Das Wissen und die Auffassungskraft Stalins in inter­nationalen Angelegenheiten habe einen tiefen Ein­druck auf den englischen Besucher gemacht.

Ls zeige sich bereits, daß der Besuch Edens viel dazu beigetragen habe, um das Miß­trauen Moskaus zu zer ft reuen. Man verstehe in Moskau zwar wohl, daß d i e Sympathien des englischen Volkes mehr nach Berlin als Moskau ge­richtet feien, aber nach fowjetrufsifcher An­sicht müsse England seine privaten Freund­schaftsgefühle den Interessen des Friedens unter­ordnen. In Moskau glaube man jetzt, daß einer der nächsten Schritte der Vorschlag eines s r a n z ö s i sch - r u s s l sch - t s ch e ch o- slowakischen Paktes der gegen­seitigen Unter st ühung sein werde. Von sowjetrussischer Seite werde voraussichtlich nicht verlangt werden, daß England sich auf einem solchen Vertrag festlege. Alles, was man wünsche, sei, daß England nichts gegen derartige Bemühungen zur Erzielung der Sicherheit in Osteuropa unter­nehme und nicht andere ermutige, ihnen Widerstand entgegenzusetzen. Rach sowjetrussischer Ansicht werde eine eng­lische Unterstützung der deutschen Ablehnung

des Ostpaktplanes gleichbedeutend damit sein, daß Deutschland freie Hand im Osten erhalte. Rur die Londoner Vorschläge in ihrer Ge­samtheit böten eine angemessene Friedens­garantie.

Daily Telegraph" meldet aus Moskau, Eden habe sich anscheinend besonders bemüht, die Befürchtungen Sowjetrußlands zu zerstreuen, daß England ein Vorurteil gegen irgendein Land oder System habe. Die Annahme, daß Sowjetruß­land Angriffspläne hege, habe bisher keine Grund­lage in den Moskauer Besprechungen gefunden. Die vorliegenden Informationen gingen vielmehr dahin, daß Sowjetrußland vollauf mit innerpoli­tischen Angelegenheiten beschäftigt sei. Eden und Stalin seien sich auch darüber einig gewesen, daß b t e Konferenz von Stresa möglicherweise ein Wendepunkt für den Weltfrieden werde. Von beiden Seiten sei die Hoffnung ausge­sprochen worden, daß Deutschland an einem etwaigen Plan für die Aufrechterhaltung des Frie­dens, der auf der Strefaer Konferenz aufgestellt werden könne, m i t a r b e i t e n werde. Als Folge der Verhandlungen mit Eden fei Sowjetrußland be­reit zu der Anerkennung guter politischer und Han­delsbeziehungen mit Großbritannien in allen Teilen der Welt.Daily Mail" undDaily Ex­preß" heben hervor, daß die Frage der kommu­nistischen Propaganda in den britischen Staaten bei den Moskauer Besprechungen gar nicht zur Sprache gekommen sei. Der libe­raleNews C h r o n i c I e" veröffentlicht unter

der ÜberschriftEine englisch-russische En­tente" einen Bericht seines Sonderberichterstat­ters, in denk es u. a. heißt, Eden könne in London berichten, daß es heute keinen friedlicheren Staat in der Welt gebe, als Sowjet- ruß l a n d. Die englische Friedensbewegung müsse annehmen, daß Rußland zu einem organisierten Frieden bereit sei und daß man sich auf Sow- jetrußland a l s einen zuverlässigen Verbündeten verlassen könne. Der wich­tigste Punkt der Mission Edens in Moskau sei jedoch, daß es ihm gelungen fei, zum ersten Male feit dem Weltkriege die Möglichkeit für eine wirkliche Zusammenarbeit mit Rußland im Interesse, des Weltfriedens zu schaffen.

Im sozialistischenDaily t) et alb heißt es u. a., man glaube, baß Stalin der Hoffnung Aus­druck gegeben habe, daß eines Tages ein fern- östlicher Pakt zur Aufrechterhaltung des Frie­dens im Fernen Osten, dem Rußland, Japan, die Vereinigten Staaten und Großbritannien beitreten würden, Zustandekommen würde. Die frühere eng­landfeindliche Einstellung in Moskau fei jetzt so gut wie verschwunden, man befürchte in Moskau nicht mehr, daß sich England be­mühe, eine sowjetfeindliche Koalition zu schaffen. Rach russischer Ansicht sei es sehr wich­tig, Deutschlands Recht auf absolute Gleichheit als Großmacht anzuerken­nen und alle Türen offen zu lassen, damit Deutsch­land dem Kollektivsyskem beitreten kann.

Die Kleine Entente fädelt sich ein.

Titulescu in Paris. Wehrfreiheit Ungarns und Bulgariens gegen Beitritt zum Donaupakt?

Paris, 29. März. (DNB.) Der rumänische Außenminister T i t u l e s c u ist in Paris eingetrof- fen. Titulescu sprach mit Außenminister Laval über die Ergebnisse seiner Besprechungen mit Be- nesch und Jeftitsch. DasEcho de Paris" drückt seine Freude aus über den Zusammenhalt der Kleinen Entente und der Balkan­union, deren Zusammenarbeit mit Frankreich jedoch ein Zusammengehen zwischen Paris und Moskau voraussetze, denn das sei eines der noch fehlenden beiden Glieder in der Kette der Völker, die den Frieden wollten. Das andere noch fehlende Glied fei die zwar angebahnte, aber noch nicht vollzogene Aus­söhnung zwischen Italien und Südsla- w i e n. Auf diese beiden Punkte müßten sich die Bemühungen der französischen Diplomatie richten, Laval lasse es hierbei an Eifer fehlen, denn seine Hoffnungen seien im Grunde genommen nach Berlin gerichtet gewesen.

*

Zu dem Besuch Titulescus bei Laval schreibt Gazeta P v l s k a", das wichtigste Problem für die Kleine Entente fei die Frage der Rüstungen Ungarns und Bulgariens, denen Suvich die eventuelle Anerkennung der Gleich­berechtigung vorgeschlagen habe. Frankreich habe dieser Initiative grundsätzlich zu gestimmt, jedoch als Bedingung gestellt, daß die betreffenden Staaten dem Donaupakt beiträten, der eine gegenseitige Garantie der be­stehenden Grenze enthalten solle. Diese Be­dingung, die jede revisionistische Aktion ausschließe, sei von der Kleinen Entente als völlig befriedigend anerkannt worden. In Paris habe man noch feine Nachricht, wie Budapest und Sofia sich zu diesem System stellen würden, nur Oesterreich habe bereits seine Zustim- I m u n g zum Ausdruck gebracht.

600000 Mim unter Waffen.

Italien steht gerüstet»

Rom, 29. März. (DNB.) Der italienische Senat hat in Gegenwart Mussolinis den Wehrhaushalt genehmigt. Der Staatssekretär im Kriegsministe­rium, General B a i st r o c ch i, machte Angaben über den Stand des Heeres, bas durch seine Aus­rüstung, Motorisierung, Organisation und einheit­liche Gesamtleitung den Bedürfnissen eines modernen Krieges vollkommen ge­wachsen sei. Wann ein Krieg ausbreche, könne niemand voraussagen. Man könne aber behaupten, daß er nach wenigen Tagen politischer Spannung ausbrechen würde. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, sich von niemanden zuoorkommen zu lassen, um nicht die Initiative des Angriffes zu verlieren und dem Willen des Feindes das Gesetz des Handelns zu überlassen. Der Bewegungskrieg sei für Italien eine gebieterische Notwendigkeit. Das Regle­ment werde in Anpassung an diese Notwendigkeiten ausgearbeitet. Die Organisation der Grenzen sei dadurch wirksamer gestaltet worden, day d i e traditionellen Einfallstore zum großen Teil abgestoppt seien, freilich nicht durch ge­waltige und kostspielige Festungen, sondern durch Operationsstützpunkte. Die Infanterie werde mit allen Waffen ausgerüstet, die zur lieber» Windung jeglichen Widerstandes und zum Aufhalten jeder Offensive notwendig seien. Für die Aus­rüstung der Artillerie werde vor allem auf den Bewegungskrieg Rücksicht genom­men, damit sie die Infanterie auf jedem Gebiete und in jeder Lage wirksam unterstützen könne. Ein großer Teil der Kavallerie fei motorisiert worden. Der General st ab werde einer Reform unterzogen. Besondere Aufmerksamkeit werde der engen Zusammenarbeit zwischen Landheer und

nach bem deutsch-polnischen Ausgleich auch an der Westgrenze des Riesenreiches unter Druck gesetzt zu werden, hat die Bolschewiken in die Arme Frank­reichs und des Völkerbundes getrieben. Und wenn auch im Fernen Osten eine gewisse Entspannung zu verzeichnen ist, so verleiten die Moskauer Macht­haber doch der Haß gegen das nationalsozialistische Deutschland und das Mißtrauen gegen den polni­schen Nachbarn zu nachhaltigem Störungsfeuer ge­gen jeden Versuch einer Konsolidierung des Frie­dens. Im Wortschatz der sowjetrussischen Diplo­maten spielt die Sicherung des Friedens zwar eine besonders hervorragende Rolle, aber wie diese Sicherung nach Moskaus Wünschen aussehen soll, wissen wir aus den Erörterungen über den Ostpakt leider nur zu genau. Deutschlands und Polens Grenzen sollen jederzeit Im Kriegsfälle für den Durchmarsch französischer oder russischer Truppen offen stehen, so möchte es Moskau, und um dem Pariser Freund seine Bündnisfähigkeit besonders zu illustrieren, wird die Vermehrung der Roten Armee auf 900 000 Mann bekanntgegeben, womit das bolschewistische Rußland wiederum wie vor dem Kriege die größte Militärmacht der Welt gewor­den ist.

Die stärkere politische Aktivität scheint von Paris auf Moskau übergegangen. Während es anfangs französische Politiker wie Herriot und Barthou waren, die Sowjetrußlands Blicke nach Europa zu lenken suchten, um einen Widerpart gegen Deutsch­

land zu haben, das soeben Völkerbund und Ab­rüstungskonferenz verlassen hatte, so scheint Mos­kaus Bestreben jetzt mehr und mehr dahin zu gehen, die alte französisch-russische Militär­allianz vor allen Dingen zu erneuern, auch unter Preisgabe des nordöstlichen Sicherheitspaktes und auf die Gefahr hin, Frankreich von England zu tren­nen. In Moskau finden alle Tendenzen zu einer Isolierung Deutschlands wärmste Förderung. In diesem Sinne wird mit aller Macht in Paris ge­arbeitet. Daß Laval den vorgesehenen Besuch in Moskau, bei dem man das Bündnis unter Dach und Fach zu bringen hofft, er ft nach der Konferenz von Strefa machen will, hat in Moskau begreifliches Mißfallen erregt, muß man doch befürchten, daß sich in Strefa bei den Be­sprechungen zwischen Laval, Simon und Mussolini auf Grund der Berichte über die englischen Er­kundungsfahrten nach Berlin und den östlichen Hauptstädten eine Basis für eine Zusammenarbeit mit Deutschland ergeben könnte, die dann die sow­jetrussischen Sonderwünsche zurückdrängen müßte.

So werden die roten Diplomaten alles daran­setzen, um den britischen Lordsiegelbewahrer Eden, der jetzt in Moskau ihr Gast ist, von der Nützlichkeit der Wiedererweckung des alten Bündnissystems zu überzeugen, in dem England in der Hinterhand den Vorteil hatte, die Freiheit des Handelns bis zu dem ihm geeigneten Augenblick bewahren zu können. Es gibt auch heute schon wieder in England Pessi­

misten, die an die Simonsche Idee eines allumfas­senden Sicherheitspaktes nicht mehr glauben, son­dern den Frieden am besten durch Militärbünd­nisse alten Stils gesichert halten. Das bedeutete also die Rückkehr zu einer Situation, in der verschiedene Mächtegruppen bis an die Zähne bewaffnet wie Kettenhunde einander gegenüberliegen, argwöhnisch und mißtrauisch, bellend und schnappend und auf den Augenblick lauernd, wo sich irgendwo eine Ge­legenheit ergibt, um aufeinander loszufahren und sich zu zerfleischen. Daß dies für die europäischen Völker das Chaos und für die europäische Kultur den Untergang bedeuten müßte, kann die asiatische Macht Rußland, deren kommunistischer Weizen in einer europäischen Katastrophe blühen würde, wenig interessieren. Aber englische Staatsmänner sollten die ungeheuren Gefahren spüren, die in einer sol­chen aus müder Resignation geborenen Kata­strophenpolitik liegen und die Pflicht als Europäer in sich fühlen, alles daranzusetzen, um in offener und ehrlicher Aussprache mit Optimismus und Zä­higkeit den Boden für eine vertrauensvolle Zusam­menarbeit der großen europäischen Kulturnationen zu bereiten, auf dem bas steter aufmerksamer Pflege bedürftige Friedenspflänzchen besser gedeihen wird, als im Dornen- und Distelgestrüpp eines in feind­liche Heerlager aufgespaltenen, in einiger Angst vor dem tödlichen Zusammenprall dahinvegetierenden Weltteils.