Nr. 25 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 50. Januar (935
Aus Oer Provinzialhauptstadt.
Schweigen und Handeln.
Die Zeiten, in denen ein innerlich zerrissenes Deutschland beim Ausland um Hilfe bettelte, sind vorbei. Unser Millionenvolk hat sich auf sich selbst besonnen. Jeder einzelne von uns weiß heute, gleiche gültig, an welcher Stelle er auch stehen mag, daß er einsatzbereit sein muß bis zum Aeußersten, um ein geschlossenes, selbstbewußtes Auftreten unseres Staates auch nach außen zu rechtfertigen.
Nur diese unbedingte tätige Bereitschaft auch zu schweren persönlichen Opfern bewies dem Ausland den unbeugsamen Willen unserer Volksgenossen an der Saar, 'zurückzukehren zum Reich.
Nur dies zähe Festhalten am Volkstum brachte schließlich den so heiß herbeigesehnten Erfolg, dem auch wegen seiner überwältigenden Einmütigkeit selbst die Anerkennung internationaler Konferenzen nicht versagt werden konnte.
Nichts anderes, nur in viel kleinerem Maße, fordert der 3. Februar von dir. Weiter helfen sollst du, Grundpfeiler zu bauen, die das aufwärtsstrebende Staatsgefüge sicher tragen können, um das Reich nach innen und außen gleich gefestigt erstehen zu lassen.
Grundbedingung und damit Baustein eines solchen Gebäudes muß die lebensfähige, gesunde deutsche Familie sein. Deswegen wendet sich die N S.- Volkswohlfahrt mit der Plaketten- sammlung am 3. Februar an dich, um dich auf die Maßnahmen des neuen Jahres zum Schutze von Mutter und Kind hinzuweisen:
Denn allzu schwer drückt des Armen Herz die Last: daß schuldlos seine Hand liegt frierend jetzt im Schoß, daß brach muß liegen seiner Muskeln Kraft. Er tatenlos muß sehn, wie Weib und Kind der Not, dem Elend preisgegeben sind.
E. C. Laux.
Vor allem aber dient der Verkaufserlös der Plaketten dazu, einen durch internationale Konkurrenz schwer darniederliegenden Arbeitszweig vor bitterster Not zu bewahren. Die aus Galalith hergestellte Plakette der feit 75 Jahren hauptsächlich in Schwöllen in Thüringen ansässigen Steinnußknopfindustrie, bringt Hilfe für ein besonders durch die Ungunst der wirtschaftlichen Lage betroffenes Gebiet.
Darum tragt am 3. Februar mit dazu bei, eurer stark bebränften Volksgenossen den tatbereiten Opferwillen eines in feinem Vorwärtsstreben einigen Volkes zu zeigen:
Es ist nicht dein Verdienst, wenn noch der Arbeit Segen wohltätig dich umfängt! Es mahnt dein Blut, gebietet dir dein Herz in deutscher Brust, daß opfernd du dem Bruder helfen mußt!
E. C. Laux.
Heute keine Gottesdienste in Gießen.
Dom Ersten Pfarramt der Evangelischen Gemeinde Gießen wird uns mitgeteilt: Die für heute, Mittwoch abend, vorgesehenen Gedenkgottesdienste in den evangelischen Kirchen zu Gießen anläßlich des Jahrestages der Machtübernahme durch den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler fallen aus. Des bedeutsamen geschichtlichen Tages wird am kommenden Sonntag in den evangelischen Gottesdiensten gedacht werden.
Deutsche Arbeitsfront.
Berufsgruppenamt, Berufsgruppe der Werkmeister.
Die für Samstag, 2. Februar, angesetzte Monatsversammlung muß wegen eines Appells in Wetzlar ausfallen und wird auf Sonntag, 3. Februar, nachmittags 3 Uhr, verschoben. Tagungslokal: Kaufmännisches Vereinshaus, Gießen, Wernerwall. In Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung bitten wir alle Berufskameraden, zu dieser Versammlung zu erscheinen.__________________________________
Fahnen heraus zum 30. Januar!
Am 30. Januar, 20 llhr, im (Safe Leib
Großes Militärkonzert des Musikzuges der SA.-Standarte 116, Gießen, verbunden mit einer
Kundgebung der NSDAP. Gießen (§s spricht: Oer Oberbürgermeister der Stadt Gießen pg. bitter.
Os nehmen teil: Sämtliche Gliederungen der NSOAP. - Oie politischen weiter der Gießener Ortsgruppen sind um 20 Uhr vor dem CafL Leib mit Fahnen angetreten. Alle Volksgenossen sind zu dieser Kundgebung eingeladen.
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Oie künftige Ausübung des Handwerks.
Oie Eintragung in die Handwerksrolle.
Von der Hessischen Handwerkskammer Darmstadt wird uns mitgeteUt:
Die bisher in der Presse veröffentlichten Mitteilungen über den Inhalt der 3. Verordnung über den vorläufigen Aufbau des deutschen Handwerks vom 18. 1. 35 sind in den Kreisen der handwerklichen Gewerbetreibenden vielfach mißverstanden worden. Um Unklarheiten zu beseitigen, seien die wichtigsten Bestimmungen der Verordnung, die die künftige Ausübung eines Handwerks und die Eintragung in die Handwerksrolle betreffen, kurz dargelegt:
1. Vom 24. 1. 1935 an (dem Tage des Inkrafttretens der Verordnung) ist die Ausübung eines Handwerks abhängig von der Eintragung in die Handwerksrolle der zuständigen Handwerkskammer. Personen, die nach diesem Termin den selbständigen Betrieb eines Handwerks anfangen, können die gemäß § 14 der Gewerbeordnung erforderliche Anmeldung bei der zuständigen Gemeindebehörde nur vornehmen, wenn sie vorher in die Handwerksrolle der Handwerkskammer eingetragen sind und diesen Nachweis durch Vorlage der Handwerkskarte, oder eines vorläufigen Ausweises erbringen.
2. Handwerker, die nach dem 24. 1. 35 den selbständigen Betrieb ihres Handwerks beginnen wollen, können nur in die Handwerksrolle der Handwerkskammer eingetragen werden, wenn sie die Meisterprüfung abgelegt haben, oder die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen besitzen.
3. Ausnahmen zu den unter Ziffer 2 genannten Bestimmungen können in besonders gelagerten Fällen die höheren Verwaltungsbehörden nach Anhörung der Handwerkskammer aussprechen. Die zuständigen höheren Verwaltungsbehörden werden von der obersten Landesbehörde noch bestimmt.
Für die selbständigen Handwerker, die vor dem 24. Januar 1935 ihr Gewerbe bei der zuständigen Gemeindebehörde ordnungsgemäß angemeldet hatten und ihr Gewerbe an diesem Tage selbständig ausübten, die jedoch die Meisterprüfung in ihrem Handwerk nicht abgelegt haben und die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen nicyl besitzen, gelten folgende Uebergangsbestimmungen:
a) Sind diese Handwerker vor dem 1. Januar 1932 in die Handwerksrolle der Handwerks-
kammer ordnungsgemäß eingetragen worden, so bleiben sie von der Verordnung unberührt.
b) Sind diese Handwerker in. der Zeit vom 1. Januar 1932 bis 23. Januar 1935 ordnungsgemäß in die Handwerksrolle eingetragen worden, so ist in jedem Falle nachzuprüfen, ob der Gewerbetreibende nach dem 31. Dezember 1899 geboren ist. Trifft dies zu, so ist er verpflichtet, bis zum 31. Dezember 1939 die Meisterprüfung abzulegen oder die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen zu erlangen, andernfalls erfolgt zu diesem Zeitpunkt die Löschung aus der Handwerksrolle, und die weitere Ausübung des Handwerks ist nicht möglich.
c) Alle selbständigen Handwerker, die zwar vor dem 24. Januar 1935 ihr Gewerbe ordnungsgemäß bei der zuständigen Gemeindebehörde angemeldet hatten und Är Gewerbe an diesem Tage ausübten, die jcfjod) aus irgendeinem Grunde nicht in die Handwerksrolle eingetragen wordev sind, sind von Amts wegen in die Handwerksrolle der Handwerkskammer einzutragen. Sind diese Gewerbetreibenden nach dem 31. Dezember 1399 geboren, so müssen sie bis zum 31. Dezember 1939 die Meisterprüfung in ihrem Handwerk ablegen ober die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen erlangen.
Weitere' Ausführungsbestimmungen sind in aller Kürze zu erwarten.
In diesem Zusammenhang wird darauf hinge- roiefen, daß die letzte Frist zur Anmeldung der Meisterprüfung 1935 am 31. Januar 1935 abläuft.
Anmeldung
rum Freiwilligen Arbeitsbiene.
DNB. Arn 1. April 1935 werden in den Arbeitsdienst Freiwillige eingestellt, die am 1. Januar 1935 das 20. Lebensjahr vollendet und das 25. noch nicht überschritten haben. Diese Einstellungen erfolgen letztmalig mit einer Verpflichtung auf 6 Monate.
Wer durch freiwillige Leistung des Ehrendienstes an Volk und Vaterland den Arbeitsdienstpaß erwerben will, möge sich baldigst bei dem ihm nächstliegenden Meldeamt für den Freiwilligen Arbeitsdienst persönlich melden und vormerken lassen, damit seine Bewerbung berücksichtigt werden kann.
Das Arbeitsplatz-Austaulchverfahren wird hierdurch nicht berührt. Ebenso werden davon nicht berührt die Bestimmungen über den Eintritt von Abiturienten.in den Arbeitsdienst.
Winterhilfswerk des deutschen Volkes 1934/1935.
Kreisführung Gießen.
An sämtliche
Ortsgruppen- und Stühpunktbeauftragten des Winterhilfswerkes des Kreises Gießen.
B e t r.: Üft o n a t 5 b e r i cf) t A.
Ich mache darauf aufmerksam, daß die Berichte A bis einschließlich 31. d. M. hier eintreffen müssen.
NSLB.
Abt. höhere Schule. Neusprachliche Fachschaft.
Die nächste Sitzung der Arbeitsgemeinschaft findet am Freitag, 1. Februar, 16 Uhr, in der Oberrealschule statt. Dortrag Professor Dr. Glaser. Gäste willkommen.
Fachschaft Volksschule Giehen-Stadt.
Freitag, 1. Februar, im Zeichensaal der Schiller- chule, 17 Uhr, Sitzung. (1. BDA.-Arbeit: Herr Roth. 2. Kulturkrise der Broncezeit: Herr Szczech.) •
Fachschaft „Körperliche Erziehung."
Denr angekündigte Lehrgang des Pädagogen für rhythmische Erziehung Otto Biensdorf, findet tatt vom 4. bis 6. Februar 1935 in der Turnhalle der neuen Peftalozzischule in Gießen. Meldungen dazu können noch bis zum 1. Februar 1935 an W. Mohr. Gießen, Wilfonftraße 8, abgegeben werden. Da Biensdorf in seinem Kursus Rücksicht nimmt auf ländliche Verhältnisse, ist der Lehrgang auch für Lehrkräfte der Landschulen zu empfehlen. Die nähere Zeit wird noch bekanntgegeben. Die Stunden liegen voraussichtlich nachmittags und abends.
Neichsmarine-Abordnung besucht Gießen.
Wie wir vom Marine-Verein Gießen hören, trifft am Samstag, 2. Februar, 15.23 Uhr, auf dem Gießener Bahnhof eine Abordnung von 15 Mann der Reichsmarine ein, bestehend aus Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften der 3. Torpedobootshalbflottille. Die Abordnung wird zum Besuche der Kameraden des Marine-Vereins, und um Land und Leute kennenzulernen, einige Tage in Gießen verweilen und während dieser Zeit bei Kameraden des Marine-Vereins in Privatquartieren untergebracht.
Die Kameraden der Reichsmarine werden am Samstagabend an einem Kameradschaftsabend der Marine-Stürme des Standortes Gießen teilnehmen, während ihnen am Sonntag die Kameraden des Marine-Vereins in verschiedenen Führungen die Schönheiten der Stadt und der Umgebung zeigen werden.
Abgabe der Steuererklärungen.
Die Finanzämter Gießen, Grünberg und Hungen veröffentlichen in unserem heutigen Anzeigenteil eine öffentliche Aufforderung zur Abgabe der Steuererklärungen für die Einkommensteuer, Körperschaftsteuer und Umsatzsteuer für das Kalenderjahr 1934. Es sei besonders darauf hingewiesen, daß eine allgemeine Verlängerung der Frist nicht in Betracht kommt, sondern die Steuererklärungsfrist nur in einzelnen Fällen nach Maßgabe der Vorschrift des § 167 Absatz 4 AO. verlängert werden kann. Interessenten finden Näheres in der heutigen Bekanntmachung.
Vorschriften über Preisschilder und Preisverzeichnisse beachten!
LPD. Die Landesbauernschaft Hessen- Nassau teilt mit: Dem Reichskommissar für Preis- Überwachung sind Klagen darüber vorgebracht worden, daß die Vorschriften über Preisschilder und -Verzeichnisse noch immer nicht hinreichend beachtet werden.
Folgende besondere Klagen wurden vorgebracht: 1. Häufig seien die Preisaushänge so undeutlich geschrieben, daß man sie kaum lesen könne.
Th.F.schreibt den Theaterbericht.
Aus Fontanes Berliner Kritikerzeit.
Theodor Fontane, der „Wanderer durch die Mark Brandenburg", war ein sehr besorgter Freund des Theaters, das ihm nicht selten als eine verzerrte Nachäffung des Lebens und der Dichtung er» sthjen. Seine harten Urteile über Aufführungen entsprangen der schweren Enttäuschung eines begeisterten Schönheitsfreundes. Der „Lichtschein, der in der Hamlet-Dichtung aufflammen und unser Herz mit Entzücken und Grausen wie ein blutiges, hoch in den Himmel hineinwachsendes Nordlicht erfüllen muh", erschien ihm in der Darstellung als matte Straßenlaterne, die aus Mondschein und weißen Nebeln gewobene Elfenstimmung des „Sommernachtstraumes" ward zu „etwas unsagbar Langweiligem, was'durch Zauberstäbe, grüne Kochel- jchuche und allerhand Lichtreflexe nicht gehalten werden kann."
Aber allmählich gewöhnte er sich an diese auf» 'erlegte Pflicht der Theaterkritik und gewann sie sogar lieb. Mit rührender Pünktlichkeit war er bei jeber Erstaufführung im Schauspielhause, das er mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte. An der äußersten Rechten des Parketts dicht un er der Sntenöantenloge besaß er seinen angestammten Eckplatz, an den er sich so gewöhnt hatte, daß er sich mit einer Eingabe an Herrn von Hulse n wandte, als der Sitz in einer Spielzeit anderweitig vergeben war. Mit hochgezogenen Brauen, den Oberkörper vorgebeugt, den Blick sorgenvoll 9etP°n.nt- saß er „in leibhaftiger Fragestellung' da. Schrieb er am anderen Morgen feine Kritik, so., durfte i n niemand stören, und das alte Dienstmädchen flüsterte jedem Besucher mit wichtiger Miene zu. „Der Herr hat heute Kritik."
Das Urteilen und vor allem das Tadeln fiel dem Dichter nicht leicht. Seine angeborene Liebenswürdigkeit und Güte wollte nicht verletzen, sein -ver- antwvrtlichkeitsgefühl aber zwang ihn zur Strenge. „Ich bin in einem Zwiespalt", schreibt er darüber. „Laß es laufen", sagt die eine Stimme in mir, „nein, nein", sagt die andere. Und ich glaube. Die zweite Stimme hat Recht. Der Einzelne hat keine Verpflichtung, sich dem stupiden Begeisterungsbah 011s bloßen Artigkeiten oder Gutheit anzuschließen. Das ist nicht mehr gut, daß ist schwach. Aber ich habe mir immer wieder einen Ruck geben müssen, denn alles Lärmmachen und Streitsuchen miDer- steht meiner Natur." Andererseits wollte er sich mit dem vielen Tadeln nicht selbst unsicher machen und „in ein verstimmtes Krakehlertum hineinschrei
ben"; wo er loben konnte, tat er es aus vollster Seele. Groß war seine Bescheidenheit. „Ja, wenn ich .studiert' hätte. So bleibt man ein kleiner Töf- fel und ist unterm Schlitten", erklärt er einmal, Aber Unsicherheit läßt er nicht aufkommen: „Es ist meine Stärke, mich um Doktrinen nicht allzuviel zu sorgen und in letzter Instanz den Mut zu einem einfachen Appell an mein Herz zu haben."
Das ist das Erquickende an seinen Theaterbetrachtungen, daß ein echtes Gefühl unumwunden das Große anerkennt und das Kleinliche verdammt. „Ich habe mich nie für einen großen Kritiker gehalten", schreibt er an seine Tochter. „Aber doch muß ich für natürliche Menschen für meine Schreibereien ein wahres Labsal gewesen fern, weil jeder die Antwort auf die Frage „weiß ober schwarz , „Gold ober Blech" baraus ersehen konnte: ich hatte eine klare bestimmte Meinung unb sprach sie mutig aus. Diesen Mut habe ich wenigstens immer gehabt."
Seine Rollenschilberungen sinb häufig von köstlichem Humor eingegeben. So heißt es von der Luise, einer weinerlichen, „jedes Wort in Krepp wickelnden" Liebhaberin: „Ob sie stand oder ging, es war immer, als würde Rosmarin vor sie hm- qestreut und der Cbopiniche Trauermarsch aus einer Kulisse her gespielt." An eine übertriebene Darstellung des Jaqo sind die Worte geknüpft: „Verbrecher sind auch Menschen. Ein Verbrecher mit einem ewig vorn eingeknöpften Verbrechen ist gerade so unwahrscheinlich wie ein Bademantel mit einem Luisenorden." Einen besonders steifen Bo- linqbrofe aus der ,'Junqfrau" versetzt er „oorlaufiq als Jnfanterieleutnant in die 6. (Brandenburgische) Division." Durch all diese kleinen Spöttereien aber bricht immer wieder eine starke Liebe zum Theater hindurch. Der „Th. F." war durchaus kein „Theaterfremdling", wie wohl der Berliner Witz seine Anfangsbuchstaben ergänzte, sondern er hat auch noch, als er die berufsmäßige Kritik aufgegeben hatte, der Bühne ein sehr lebendiges Interesse bewahrt.
Was wir her deutschen Technik im Mittelalter verdanken.
Unter dem Eindruck der gewaltigen Fortschritte der Technik in den letzten Jahrzehnten vergessen wir allzu leicht, daß uns aus den vergangenen Jahrhunderten wertvolle Erfindungen überliefert worden sind, und daß sich die deutsche Technik schon vordem Dreißigjährigen K r t ege größter Weltgeltung erfreute. Unter den Sturmen
der Völkerwanderungen waren viele Errungenschaften der Technik des Altertums verloren gegangen. Aber schon mit der Entwicklung der deutschen Städte vollzog sich seit dem 11. Jahrhundert ein bedeutender Aufschwung, an dem handwerkliche Technik und Kunst in gleicher Weise teilhatten. Im mittelalterlichen Handwerk sind, wie C. Matt- schoß in der im Verlag Bibliographisches Institut AG. Leipzig erscheinenden Zeitschrift „Deutsche Rundschau" ausführt, wichtige W e r k z e u g e geschaffen worden, denen unsere neuzeitliche Industrie vieles verdankt. Wir brauchen nur an die großen Erzgießer, vor allem an den berühmten Peter Vischer in Nürnberg zu denken. Auch das Bauwesen hatte mit seinen Wunderwerken des Straßburger Münsters, des Ulmer Münsters und des Kölner Doms den Ruhm der deutschen Kunst und der deutschen Handwerkstechnik weit über Die Grenzen des Reiches hinausgetragen. Eine der stärksten Wirkungen aber ist wohl von der ersten Großindustrie, dem Bergbau ausgegangen, Den ein freier und tüchtiger Bergarbeiterstand m Deutschland bald zur höchsten Blüte brachte. Die Berg- ordnunq Annabergs von 1509 und die von Joa- chimsthal von 1548 haben als Rechtsgrundlage für diesen wichtigen Erwerbszweig noch heute ihre Bedeutung. Karl V. bezeichnete die Bergwerke im Jahre 1525 als „die größte Gabe und Nutzbarkeit, die der Allmächtige den deutschen Landen gegeben habe". Die großen Handelsherren, wie die Fugger und Welser, hatten auch in anderen Ländern gewaltige Bergwerksunternehmungen. Das im 16. Jahrhundert erschienene Buch über Bergbau und Hüttenwesen des Joachimsthaler Bergarztes Agri- cola ist mit der Fülle seiner Beobachtungen und Forschungsergebnisse ein Werk, das in der gesamten Geschichte des Bergbauwesens eine große Rolle gespielt hat.
In erster Linie verdient auch die Entwicklung in der Herstellung der Feuergeschütze erwähnt zu werden. Ber'eits zwischen 1321 und 1331 sind die erften primitiven Pulvergeschütze tm deutschen Arbeitskreis entstanden, und bald war die Kunstfertigkeit der deutschen Büchsenmeister in aller Welt bekannt In der Bestellungsurkunde des Augsburger Büchsenmeisters Heinrich -Roggenburger von 1436 heißt es: „Er kann das Gießen der Buchsen groß und klein das Schießen so behend, als man je gesehen hat und das Pulver dazu machen. Er kann Feuerpfeile schießen und werfen, gegossene, werfende Werke groß und klein und auf einen solchen Sinn fertigen, wie es in deutschen Landen noch nie gesehen worden, Denn sie stehen nach dem Wurfe still, daß sie sich nicht rühren noch verrücken, ohne daß man sie zu binden
oder zu fassen nötig hat und werfen Steine von 5 bis 6 Zentner; ferner macht er Züge, mit denen man 100 Zentner heben kann, dann Schirme zu Büchsen und Streiwägen, Brücken, die man über Land führen kann, zum Anlegen auf Gräben und fließende Wasser. Ueberbas versteht er Türme, Häuser, Wasser-, Wind- und Roßmühlen zu bauen, gegossene, irdene und hölzerne Deichseln zu fertigen, Brunnen auf Berg und Thal zu leiten und Bildwerk zu formen. Er erhielt jährlich 110 Gulden Lohn."
Von nachhaltigster Wirkung auf das Geistesleben der ganzen Welt aber war wohl die Erfindung der Buchdruckerkunst, von der Lamprecht in seiner Deutschen Geschichte mit Bewunderung sagt: „Rede und geschriebenes Wort, bisher nur mühsam fortpflanzbar, auf keine rasch erwerbliche mechanische Vermittlung reduziert, wurden jetzt allgemein zugänglich gleich der rollenden Münze; ja mehr noch: Sie galten nicht mehr als Privileg der Reichen, sondern wurden zu freiem Gute, fast wie Licht, Lust und Wasser." Schon im Jahre 1500, also nur ein halbes Jahrhundert nach der Erfindung, sollen bereits 16 299 Werke in 208 verschiedenen Orten an 213 verschiedenen Druckstellen hergestellt worden sein. Und dieser Siegeslauf der Drucktechnik setzte sich ungehemmt bis in unsere Gegenwart fort, die ohne das gedruckte Wort nicht mehr vorstellbar ist.
Tanzverbot in Tokio.
Die tanzlustige Jugend von Tokio ist zur Zeit sehr bekümmert. Die Landeshauptstadt hat einen neuen und sehr gestrengen Polizeichef bekommen, dem der Tanz der Jugend offenbar ein Greuel ist. Kazuo Oguri, so heißt der Gestrenge, huldigt der Ansicht, daß der Tanz beider Geschlechter sich mit den alten japanischen Sitten nicht vertrüge; er will allerdings gestatten, daß Ehepaare miteinander tanzen dürfen. Sehr schlecht scheint der Polizeige- maitige auf die tanzlustigen Studenten zu sprechen zu sein, denen er am liebsten das Tanzen überhaupt untersagen mochte. Tokio ist aber eine moderne Stadt mit zahlreichen Tanzlokalen, die nicht einfach aus moralischen Bedenken geschlossen werden können. Aber Kazuo Oguri hat angekündigt, er werde sämtliche Tanzlokale streng überwachen la sen und bei den geringsten Verstoßen gegen die altjapanische Moral exemplarisch eingreifen. In der Tagespreise von Tokio hat der Tanzgegner aller- dinqs wenig Freude. Die tanzfreudigen Mannlein und Weiblein der Hauptstadt geben, so höflich Die Japaner sonst sind, ihrem Unmut über Die veralteten Anschauungen Oguris recht kräftig Ausdruck.


