Ausgabe 
30.1.1935
 
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Nr. 25 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 50. Januar (935

Aus Oer Provinzialhauptstadt.

Schweigen und Handeln.

Die Zeiten, in denen ein innerlich zerrissenes Deutschland beim Ausland um Hilfe bettelte, sind vorbei. Unser Millionenvolk hat sich auf sich selbst besonnen. Jeder einzelne von uns weiß heute, gleiche gültig, an welcher Stelle er auch stehen mag, daß er einsatzbereit sein muß bis zum Aeußersten, um ein geschlossenes, selbstbewußtes Auftreten unseres Staates auch nach außen zu rechtfertigen.

Nur diese unbedingte tätige Bereitschaft auch zu schweren persönlichen Opfern bewies dem Ausland den unbeugsamen Willen unserer Volksgenossen an der Saar, 'zurückzukehren zum Reich.

Nur dies zähe Festhalten am Volkstum brachte schließlich den so heiß herbeigesehnten Erfolg, dem auch wegen seiner überwältigenden Einmütigkeit selbst die Anerkennung internationaler Konferenzen nicht versagt werden konnte.

Nichts anderes, nur in viel kleinerem Maße, for­dert der 3. Februar von dir. Weiter helfen sollst du, Grundpfeiler zu bauen, die das aufwärts­strebende Staatsgefüge sicher tragen können, um das Reich nach innen und außen gleich gefestigt erstehen zu lassen.

Grundbedingung und damit Baustein eines solchen Gebäudes muß die lebensfähige, gesunde deutsche Familie sein. Deswegen wendet sich die N S.- Volkswohlfahrt mit der Plaketten- sammlung am 3. Februar an dich, um dich auf die Maßnahmen des neuen Jahres zum Schutze von Mutter und Kind hinzuweisen:

Denn allzu schwer drückt des Armen Herz die Last: daß schuldlos seine Hand liegt frierend jetzt im Schoß, daß brach muß liegen seiner Muskeln Kraft. Er tatenlos muß sehn, wie Weib und Kind der Not, dem Elend preisgegeben sind.

E. C. Laux.

Vor allem aber dient der Verkaufserlös der Pla­ketten dazu, einen durch internationale Konkurrenz schwer darniederliegenden Arbeitszweig vor bitterster Not zu bewahren. Die aus Galalith hergestellte Pla­kette der feit 75 Jahren hauptsächlich in Schwöllen in Thüringen ansässigen Steinnußknopfindustrie, bringt Hilfe für ein besonders durch die Ungunst der wirtschaftlichen Lage betroffenes Gebiet.

Darum tragt am 3. Februar mit dazu bei, eurer stark bebränften Volksgenossen den tatbereiten Opfer­willen eines in feinem Vorwärtsstreben einigen Volkes zu zeigen:

Es ist nicht dein Verdienst, wenn noch der Arbeit Segen wohltätig dich umfängt! Es mahnt dein Blut, gebietet dir dein Herz in deutscher Brust, daß opfernd du dem Bruder helfen mußt!

E. C. Laux.

Heute keine Gottesdienste in Gießen.

Dom Ersten Pfarramt der Evangelischen Ge­meinde Gießen wird uns mitgeteilt: Die für heute, Mittwoch abend, vorgesehenen Gedenkgottesdienste in den evangelischen Kirchen zu Gießen anläßlich des Jahrestages der Machtübernahme durch den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler fallen aus. Des bedeutsamen geschichtlichen Tages wird am kommenden Sonntag in den evangelischen Got­tesdiensten gedacht werden.

Deutsche Arbeitsfront.

Berufsgruppenamt, Berufsgruppe der Werkmeister.

Die für Samstag, 2. Februar, angesetzte Monats­versammlung muß wegen eines Appells in Wetzlar ausfallen und wird auf Sonntag, 3. Februar, nachmittags 3 Uhr, verschoben. Tagungslokal: Kauf­männisches Vereinshaus, Gießen, Wernerwall. In Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung bitten wir alle Berufskameraden, zu dieser Versammlung zu erscheinen.__________________________________

Fahnen heraus zum 30. Januar!

Am 30. Januar, 20 llhr, im (Safe Leib

Großes Militärkonzert des Musikzuges der SA.-Standarte 116, Gießen, verbunden mit einer

Kundgebung der NSDAP. Gießen (§s spricht: Oer Oberbürgermeister der Stadt Gießen pg. bitter.

Os nehmen teil: Sämtliche Gliederungen der NSOAP. - Oie politischen weiter der Gießener Ortsgruppen sind um 20 Uhr vor dem CafL Leib mit Fahnen angetreten. Alle Volksgenossen sind zu dieser Kundgebung eingeladen.

Schmelz, Kreispropagandaleiter.

Oie künftige Ausübung des Handwerks.

Oie Eintragung in die Handwerksrolle.

Von der Hessischen Handwerkskammer Darmstadt wird uns mitgeteUt:

Die bisher in der Presse veröffentlichten Mittei­lungen über den Inhalt der 3. Verordnung über den vorläufigen Aufbau des deutschen Handwerks vom 18. 1. 35 sind in den Kreisen der handwerk­lichen Gewerbetreibenden vielfach mißverstanden worden. Um Unklarheiten zu beseitigen, seien die wichtigsten Bestimmungen der Verordnung, die die künftige Ausübung eines Handwerks und die Ein­tragung in die Handwerksrolle betreffen, kurz dar­gelegt:

1. Vom 24. 1. 1935 an (dem Tage des Inkraft­tretens der Verordnung) ist die Ausübung eines Handwerks abhängig von der Eintragung in die Handwerksrolle der zuständigen Hand­werkskammer. Personen, die nach diesem Ter­min den selbständigen Betrieb eines Handwerks anfangen, können die gemäß § 14 der Ge­werbeordnung erforderliche Anmeldung bei der zuständigen Gemeindebehörde nur vornehmen, wenn sie vorher in die Handwerksrolle der Handwerkskammer eingetragen sind und die­sen Nachweis durch Vorlage der Handwerks­karte, oder eines vorläufigen Ausweises er­bringen.

2. Handwerker, die nach dem 24. 1. 35 den selb­ständigen Betrieb ihres Handwerks begin­nen wollen, können nur in die Handwerks­rolle der Handwerkskammer eingetragen wer­den, wenn sie die Meisterprüfung abgelegt haben, oder die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen besitzen.

3. Ausnahmen zu den unter Ziffer 2 genannten Bestimmungen können in besonders gelagerten Fällen die höheren Verwaltungsbehörden nach Anhörung der Handwerkskammer aussprechen. Die zuständigen höheren Verwaltungsbehörden werden von der obersten Landesbehörde noch bestimmt.

Für die selbständigen Handwerker, die vor dem 24. Januar 1935 ihr Gewerbe bei der zuständigen Gemeindebehörde ordnungsgemäß angemeldet hat­ten und ihr Gewerbe an diesem Tage selbständig ausübten, die jedoch die Meisterprüfung in ihrem Handwerk nicht abgelegt haben und die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen nicyl besitzen, gelten folgende Uebergangsbestimmungen:

a) Sind diese Handwerker vor dem 1. Januar 1932 in die Handwerksrolle der Handwerks-

kammer ordnungsgemäß eingetragen worden, so bleiben sie von der Verordnung unberührt.

b) Sind diese Handwerker in. der Zeit vom 1. Ja­nuar 1932 bis 23. Januar 1935 ordnungsge­mäß in die Handwerksrolle eingetragen wor­den, so ist in jedem Falle nachzuprüfen, ob der Gewerbetreibende nach dem 31. Dezember 1899 geboren ist. Trifft dies zu, so ist er verpflichtet, bis zum 31. Dezember 1939 die Meisterprü­fung abzulegen oder die Befugnis zur An­leitung von Lehrlingen zu erlangen, andern­falls erfolgt zu diesem Zeitpunkt die Löschung aus der Handwerksrolle, und die weitere Aus­übung des Handwerks ist nicht möglich.

c) Alle selbständigen Handwerker, die zwar vor dem 24. Januar 1935 ihr Gewerbe ordnungs­gemäß bei der zuständigen Gemeindebehörde angemeldet hatten und Är Gewerbe an diesem Tage ausübten, die jcfjod) aus irgendeinem Grunde nicht in die Handwerksrolle eingetragen wordev sind, sind von Amts wegen in die Hand­werksrolle der Handwerkskammer einzutragen. Sind diese Gewerbetreibenden nach dem 31. De­zember 1399 geboren, so müssen sie bis zum 31. Dezember 1939 die Meisterprüfung in ihrem Handwerk ablegen ober die Befugnis zur An­leitung von Lehrlingen erlangen.

Weitere' Ausführungsbestimmungen sind in aller Kürze zu erwarten.

In diesem Zusammenhang wird darauf hinge- roiefen, daß die letzte Frist zur Anmeldung der Meisterprüfung 1935 am 31. Januar 1935 abläuft.

Anmeldung

rum Freiwilligen Arbeitsbiene.

DNB. Arn 1. April 1935 werden in den Arbeits­dienst Freiwillige eingestellt, die am 1. Januar 1935 das 20. Lebensjahr vollendet und das 25. noch nicht überschritten haben. Diese Einstellungen erfolgen letztmalig mit einer Verpflichtung auf 6 Monate.

Wer durch freiwillige Leistung des Ehrendienstes an Volk und Vaterland den Arbeitsdienstpaß er­werben will, möge sich baldigst bei dem ihm nächst­liegenden Meldeamt für den Freiwilligen Arbeits­dienst persönlich melden und vormerken lassen, da­mit seine Bewerbung berücksichtigt werden kann.

Das Arbeitsplatz-Austaulchverfahren wird hier­durch nicht berührt. Ebenso werden davon nicht berührt die Bestimmungen über den Eintritt von Abiturienten.in den Arbeitsdienst.

Winterhilfswerk des deutschen Volkes 1934/1935.

Kreisführung Gießen.

An sämtliche

Ortsgruppen- und Stühpunktbeauftragten des Winterhilfswerkes des Kreises Gießen.

B e t r.: Üft o n a t 5 b e r i cf) t A.

Ich mache darauf aufmerksam, daß die Berichte A bis einschließlich 31. d. M. hier eintreffen müssen.

NSLB.

Abt. höhere Schule. Neusprachliche Fachschaft.

Die nächste Sitzung der Arbeitsgemeinschaft fin­det am Freitag, 1. Februar, 16 Uhr, in der Ober­realschule statt. Dortrag Professor Dr. Glaser. Gäste willkommen.

Fachschaft Volksschule Giehen-Stadt.

Freitag, 1. Februar, im Zeichensaal der Schiller- chule, 17 Uhr, Sitzung. (1. BDA.-Arbeit: Herr Roth. 2. Kulturkrise der Broncezeit: Herr Szczech.)

FachschaftKörperliche Erziehung."

Denr angekündigte Lehrgang des Pädagogen für rhythmische Erziehung Otto Biensdorf, findet tatt vom 4. bis 6. Februar 1935 in der Turnhalle der neuen Peftalozzischule in Gießen. Meldungen dazu können noch bis zum 1. Februar 1935 an W. Mohr. Gießen, Wilfonftraße 8, abgegeben werden. Da Biensdorf in seinem Kursus Rücksicht nimmt auf ländliche Verhältnisse, ist der Lehrgang auch für Lehrkräfte der Landschulen zu empfehlen. Die nähere Zeit wird noch bekanntgegeben. Die Stunden liegen voraussichtlich nachmittags und abends.

Neichsmarine-Abordnung besucht Gießen.

Wie wir vom Marine-Verein Gießen hören, trifft am Samstag, 2. Februar, 15.23 Uhr, auf dem Gießener Bahnhof eine Abordnung von 15 Mann der Reichsmarine ein, bestehend aus Offi­zieren, Unteroffizieren und Mannschaften der 3. Torpedobootshalbflottille. Die Abordnung wird zum Besuche der Kameraden des Marine-Vereins, und um Land und Leute kennenzulernen, einige Tage in Gießen verweilen und während dieser Zeit bei Kameraden des Marine-Vereins in Privatquar­tieren untergebracht.

Die Kameraden der Reichsmarine werden am Samstagabend an einem Kameradschaftsabend der Marine-Stürme des Standortes Gießen teilneh­men, während ihnen am Sonntag die Kameraden des Marine-Vereins in verschiedenen Führungen die Schönheiten der Stadt und der Umgebung zei­gen werden.

Abgabe der Steuererklärungen.

Die Finanzämter Gießen, Grünberg und Hungen veröffentlichen in unserem heutigen Anzeigenteil eine öffentliche Aufforderung zur Abgabe der Steuererklärungen für die Einkommensteuer, Kör­perschaftsteuer und Umsatzsteuer für das Kalender­jahr 1934. Es sei besonders darauf hingewiesen, daß eine allgemeine Verlängerung der Frist nicht in Betracht kommt, sondern die Steuererklärungsfrist nur in einzelnen Fällen nach Maßgabe der Vorschrift des § 167 Absatz 4 AO. verlängert werden kann. Interessenten finden Näheres in der heutigen Be­kanntmachung.

Vorschriften über Preisschilder und Preisverzeichnisse beachten!

LPD. Die Landesbauernschaft Hessen- Nassau teilt mit: Dem Reichskommissar für Preis- Überwachung sind Klagen darüber vorgebracht wor­den, daß die Vorschriften über Preisschilder und -Verzeichnisse noch immer nicht hinreichend beachtet werden.

Folgende besondere Klagen wurden vorgebracht: 1. Häufig seien die Preisaushänge so undeutlich geschrieben, daß man sie kaum lesen könne.

Th.F.schreibt den Theaterbericht.

Aus Fontanes Berliner Kritikerzeit.

Theodor Fontane, derWanderer durch die Mark Brandenburg", war ein sehr besorgter Freund des Theaters, das ihm nicht selten als eine ver­zerrte Nachäffung des Lebens und der Dichtung er» sthjen. Seine harten Urteile über Aufführungen entsprangen der schweren Enttäuschung eines be­geisterten Schönheitsfreundes. DerLichtschein, der in der Hamlet-Dichtung aufflammen und unser Herz mit Entzücken und Grausen wie ein blutiges, hoch in den Himmel hineinwachsendes Nordlicht er­füllen muh", erschien ihm in der Darstellung als matte Straßenlaterne, die aus Mondschein und weißen Nebeln gewobene Elfenstimmung desSom­mernachtstraumes" ward zuetwas unsagbar Lang­weiligem, was'durch Zauberstäbe, grüne Kochel- jchuche und allerhand Lichtreflexe nicht gehalten werden kann."

Aber allmählich gewöhnte er sich an diese auf» 'erlegte Pflicht der Theaterkritik und gewann sie so­gar lieb. Mit rührender Pünktlichkeit war er bei jeber Erstaufführung im Schauspielhause, das er mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte. An der äußersten Rechten des Parketts dicht un er der Sntenöantenloge besaß er seinen angestammten Eck­platz, an den er sich so gewöhnt hatte, daß er sich mit einer Eingabe an Herrn von Hulse n wandte, als der Sitz in einer Spielzeit anderweitig ver­geben war. Mit hochgezogenen Brauen, den Ober­körper vorgebeugt, den Blick sorgenvoll 9etP°n.nt- saß erin leibhaftiger Fragestellung' da. Schrieb er am anderen Morgen feine Kritik, so., durfte i n niemand stören, und das alte Dienstmädchen flü­sterte jedem Besucher mit wichtiger Miene zu. Der Herr hat heute Kritik."

Das Urteilen und vor allem das Tadeln fiel dem Dichter nicht leicht. Seine angeborene Liebenswür­digkeit und Güte wollte nicht verletzen, sein -ver- antwvrtlichkeitsgefühl aber zwang ihn zur Strenge. Ich bin in einem Zwiespalt", schreibt er darüber. Laß es laufen", sagt die eine Stimme in mir, nein, nein", sagt die andere. Und ich glaube. Die zweite Stimme hat Recht. Der Einzelne hat keine Verpflichtung, sich dem stupiden Begeisterungsbah 011s bloßen Artigkeiten oder Gutheit anzuschließen. Das ist nicht mehr gut, daß ist schwach. Aber ich habe mir immer wieder einen Ruck geben müssen, denn alles Lärmmachen und Streitsuchen miDer- steht meiner Natur." Andererseits wollte er sich mit dem vielen Tadeln nicht selbst unsicher machen undin ein verstimmtes Krakehlertum hineinschrei­

ben"; wo er loben konnte, tat er es aus vollster Seele. Groß war seine Bescheidenheit.Ja, wenn ich .studiert' hätte. So bleibt man ein kleiner Töf- fel und ist unterm Schlitten", erklärt er einmal, Aber Unsicherheit läßt er nicht aufkommen:Es ist meine Stärke, mich um Doktrinen nicht allzuviel zu sorgen und in letzter Instanz den Mut zu einem einfachen Appell an mein Herz zu haben."

Das ist das Erquickende an seinen Theaterbe­trachtungen, daß ein echtes Gefühl unumwunden das Große anerkennt und das Kleinliche verdammt. Ich habe mich nie für einen großen Kritiker ge­halten", schreibt er an seine Tochter.Aber doch muß ich für natürliche Menschen für meine Schrei­bereien ein wahres Labsal gewesen fern, weil jeder die Antwort auf die Frageweiß ober schwarz , Gold ober Blech" baraus ersehen konnte: ich hatte eine klare bestimmte Meinung unb sprach sie mutig aus. Diesen Mut habe ich wenigstens immer ge­habt."

Seine Rollenschilberungen sinb häufig von köst­lichem Humor eingegeben. So heißt es von der Luise, einer weinerlichen,jedes Wort in Krepp wickelnden" Liebhaberin:Ob sie stand oder ging, es war immer, als würde Rosmarin vor sie hm- qestreut und der Cbopiniche Trauermarsch aus einer Kulisse her gespielt." An eine übertriebene Dar­stellung des Jaqo sind die Worte geknüpft:Ver­brecher sind auch Menschen. Ein Verbrecher mit einem ewig vorn eingeknöpften Verbrechen ist ge­rade so unwahrscheinlich wie ein Bademantel mit einem Luisenorden." Einen besonders steifen Bo- linqbrofe aus der ,'Junqfrau" versetzt eroorlaufiq als Jnfanterieleutnant in die 6. (Brandenburgische) Division." Durch all diese kleinen Spöttereien aber bricht immer wieder eine starke Liebe zum Theater hindurch. DerTh. F." war durchaus keinTheater­fremdling", wie wohl der Berliner Witz seine An­fangsbuchstaben ergänzte, sondern er hat auch noch, als er die berufsmäßige Kritik aufgegeben hatte, der Bühne ein sehr lebendiges Interesse bewahrt.

Was wir her deutschen Technik im Mittelalter verdanken.

Unter dem Eindruck der gewaltigen Fortschritte der Technik in den letzten Jahrzehnten vergessen wir allzu leicht, daß uns aus den vergangenen Jahrhunderten wertvolle Erfindungen überliefert worden sind, und daß sich die deutsche Technik schon vordem Dreißigjährigen K r t ege größter Weltgeltung erfreute. Unter den Sturmen

der Völkerwanderungen waren viele Errungen­schaften der Technik des Altertums verloren ge­gangen. Aber schon mit der Entwicklung der deut­schen Städte vollzog sich seit dem 11. Jahrhundert ein bedeutender Aufschwung, an dem handwerkliche Technik und Kunst in gleicher Weise teilhatten. Im mittelalterlichen Handwerk sind, wie C. Matt- schoß in der im Verlag Bibliographisches Institut AG. Leipzig erscheinenden ZeitschriftDeutsche Rundschau" ausführt, wichtige W e r k z e u g e ge­schaffen worden, denen unsere neuzeitliche Industrie vieles verdankt. Wir brauchen nur an die großen Erzgießer, vor allem an den berühmten Peter Vischer in Nürnberg zu denken. Auch das Bau­wesen hatte mit seinen Wunderwerken des Straß­burger Münsters, des Ulmer Münsters und des Kölner Doms den Ruhm der deutschen Kunst und der deutschen Handwerkstechnik weit über Die Grenzen des Reiches hinausgetragen. Eine der stärksten Wirkungen aber ist wohl von der ersten Großindustrie, dem Bergbau ausgegangen, Den ein freier und tüchtiger Bergarbeiterstand m Deutsch­land bald zur höchsten Blüte brachte. Die Berg- ordnunq Annabergs von 1509 und die von Joa- chimsthal von 1548 haben als Rechtsgrundlage für diesen wichtigen Erwerbszweig noch heute ihre Be­deutung. Karl V. bezeichnete die Bergwerke im Jahre 1525 alsdie größte Gabe und Nutzbarkeit, die der Allmächtige den deutschen Landen gegeben habe". Die großen Handelsherren, wie die Fugger und Welser, hatten auch in anderen Ländern gewaltige Bergwerksunternehmungen. Das im 16. Jahrhundert erschienene Buch über Bergbau und Hüttenwesen des Joachimsthaler Bergarztes Agri- cola ist mit der Fülle seiner Beobachtungen und Forschungsergebnisse ein Werk, das in der ge­samten Geschichte des Bergbauwesens eine große Rolle gespielt hat.

In erster Linie verdient auch die Entwicklung in der Herstellung der Feuergeschütze erwähnt zu werden. Ber'eits zwischen 1321 und 1331 sind die erften primitiven Pulvergeschütze tm deutschen Ar­beitskreis entstanden, und bald war die Kunst­fertigkeit der deutschen Büchsenmeister in aller Welt bekannt In der Bestellungsurkunde des Augsburger Büchsenmeisters Heinrich -Rog­genburger von 1436 heißt es:Er kann das Gießen der Buchsen groß und klein das Schie­ßen so behend, als man je gesehen hat und das Pulver dazu machen. Er kann Feuerpfeile schießen und werfen, gegossene, werfende Werke groß und klein und auf einen solchen Sinn fertigen, wie es in deutschen Landen noch nie gesehen worden, Denn sie stehen nach dem Wurfe still, daß sie sich nicht rühren noch verrücken, ohne daß man sie zu binden

oder zu fassen nötig hat und werfen Steine von 5 bis 6 Zentner; ferner macht er Züge, mit denen man 100 Zentner heben kann, dann Schirme zu Büchsen und Streiwägen, Brücken, die man über Land führen kann, zum Anlegen auf Gräben und fließende Wasser. Ueberbas versteht er Türme, Häuser, Wasser-, Wind- und Roßmühlen zu bauen, gegossene, irdene und hölzerne Deichseln zu fertigen, Brunnen auf Berg und Thal zu leiten und Bild­werk zu formen. Er erhielt jährlich 110 Gulden Lohn."

Von nachhaltigster Wirkung auf das Geistesleben der ganzen Welt aber war wohl die Erfindung der Buchdruckerkunst, von der Lamprecht in seiner Deutschen Geschichte mit Bewunderung sagt:Rede und geschriebenes Wort, bisher nur mühsam fortpflanzbar, auf keine rasch erwerbliche mechanische Vermittlung reduziert, wurden jetzt all­gemein zugänglich gleich der rollenden Münze; ja mehr noch: Sie galten nicht mehr als Privileg der Reichen, sondern wurden zu freiem Gute, fast wie Licht, Lust und Wasser." Schon im Jahre 1500, also nur ein halbes Jahrhundert nach der Erfin­dung, sollen bereits 16 299 Werke in 208 ver­schiedenen Orten an 213 verschiedenen Druckstellen hergestellt worden sein. Und dieser Siegeslauf der Drucktechnik setzte sich ungehemmt bis in unsere Gegenwart fort, die ohne das gedruckte Wort nicht mehr vorstellbar ist.

Tanzverbot in Tokio.

Die tanzlustige Jugend von Tokio ist zur Zeit sehr bekümmert. Die Landeshauptstadt hat einen neuen und sehr gestrengen Polizeichef bekommen, dem der Tanz der Jugend offenbar ein Greuel ist. Kazuo Oguri, so heißt der Gestrenge, huldigt der Ansicht, daß der Tanz beider Geschlechter sich mit den alten japanischen Sitten nicht vertrüge; er will allerdings gestatten, daß Ehepaare miteinander tanzen dürfen. Sehr schlecht scheint der Polizeige- maitige auf die tanzlustigen Studenten zu sprechen zu sein, denen er am liebsten das Tanzen über­haupt untersagen mochte. Tokio ist aber eine mo­derne Stadt mit zahlreichen Tanzlokalen, die nicht einfach aus moralischen Bedenken geschlossen wer­den können. Aber Kazuo Oguri hat angekündigt, er werde sämtliche Tanzlokale streng überwachen la sen und bei den geringsten Verstoßen gegen die altjapanische Moral exemplarisch eingreifen. In der Tagespreise von Tokio hat der Tanzgegner aller- dinqs wenig Freude. Die tanzfreudigen Mannlein und Weiblein der Hauptstadt geben, so höflich Die Japaner sonst sind, ihrem Unmut über Die veralte­ten Anschauungen Oguris recht kräftig Ausdruck.