Ausgabe 
29.8.1935
 
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Nr.2vl Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 29. August (935

3n -er Gewalt chinesischer Banditen.

Der deuffche Journalist Or. Müller berichtet über seine Gefangennahme.

Der Vertreter des Deutschen Nachrichten­büros in Peiping, Dr. Herbert Müller, und der britische Journalist Gareth Jones, wurden, wie erinnerlich, auf einer Kraft­wagenfahrt von Dolonor nach Kalgan in der Nähe von Paotschang von Banditen ü b e r f a l l e n und verschleppt. Während Dr. Müller bereits nach drei Tagen frei­gelassen wurde, wurde die Leiche von Jo­nes am 11. August mit drei Schußwunden in unmittelbarer Nähe des Entführungs­ortes aufgefunden. In der Zwischenzeit hatten chinesische und japanische Behörden sowie die diplomatische Vertretung Groß­britanniens nichts unversucht gelassen, um Jones aus den Händen der Banditen, die ungeheure Lösegeldforderungen stellten, zu befreien. Die aufsehenerregen­den Begleitumstände der Gefangennahme und der tragische Tod des jungen britischen Journalisten haben in der ganzen Welt regste Anteilnahme hervorgerufen. Das Deutsche Nachrichtenbüro hat sich entschlossen, die schriftlichen Berichte Dr. Müllers, die viele interessante Einzelheiten über das Ban­ditenunwesen in Nordchina enthalten, fort­laufend zu veröffentlichen. Nachstehend folgt der erste Brief:

Gareth Zones und der Gobi-Expreß.

Kalgan, am 5. August 1935.

Gareth Jones kam mit Grüßen eines alten Freundes aus London zu mir; ein junger schlanker Mensch, noch keine dreißig Jahre alt, helle Augen in einem schmalen Gesicht, dunkle Haare und von der Lebhaftigkeit des Wallisers. In Cambridge hatte er Deutsch und Russisch gelernt und hatte später im Prioatsekretariat von Lloyd George gearbeitet. Dazwischen war er wiederholt in Deutschland und Rußland gewesen und hatte über die Hungersnot in der Ukraine eine Artikelserie geschrieben, die ihn bekannt gemacht hatte. Nun wollte er ein Stück von der Mongolei sehen und kam zu mir, um sich Rat zu holen. Es endete damit, daß er sich mir anschloß, der ich mich gerade vorbereitete, einer Aufforderung des Fürsten der West-Sunnit-Mongolen zu folgen, bei dem jährlichen Obo-Fest seines Stammes fein Gast zu sein. Mein Freund Purpis von der West-Osteuropäischen Warenaustausch AG. (Wostwag), Kalgan und Berlin, hatte mir seinenGobi-Expreß" da­für und für eine anzuschließende ausgedehnte Be­reisung der nordöstlichen Teile der Inneren Mon­golei angeboten.

Ueber diesenGobi-Expreß" sind auch ein paar Worte zu sagen. Auf einem Chevrolet-Lastwagen- Chassis hat man nach Ideen von Herrn Purpis in Tientsin einen Aufbau gesetzt, der vorne be­queme Sitzgelegenheiten für fünf Personen in einer Kabine bietet, die mit wenigen Handgriffen in einen Schlafraum umgewandelt werden kann. Da­hinter ist eine geräumige Kastenplattform für reich­liches Gepäck und mit einem großen eingebauten Tank für Betriebsstoffe. So ist derGobi-Expreß" ein in der Idee wenigstens idealer Wagen für Fahrten in die Mongolei. Vierzehn herrliche Tage fuhren wir durch die in Sommerblüte pran­genden mongolischen Steppe und durch die darin eingestreuten Sandpfannen, abgerissene Stücke der Gobi. Wir kehrten in den Klöstern der mongolischen Lamas ein, waren Gäste mongolischer F ü r st e n in ihren Residenzen und in den Som­merlagern bei ihren Herden, kehrten heute bei einer Sondermission der japanischen Kuantung-

armee ein und morgen schlugen wir unser Zelt bei einem Burjaetenfürsten auf, der mit einem Teil seines Stammes dem Kommuni st enpara- dies Sibiriens entflohen ist und hier neue Weidegründe für seine Herden gefunden hat.

3m Sand festgefahren.

lieber 2000 Kilometer hatten wir schon hinter uns, als wir endlich in Dolon-nor ankamen. Bald fuhren wir weiter und wollten möglichst ohne weiteren Auf­enthalt nach Kalgan zurückkehren. Das Natürliche wäre gewesen, daß wir die große Autostraße benutzt hätten, die über Kuyüen direkt nach Kalgan führt, und die uns in einer einzigen langen Tagesfahrt dort­hin gebracht hätte. Aber die japanischen Behörden, an die wir uns um Auskunft gewandt hatten, er­klärten, daß diese Straße nicht in Frage käme; viele schwere Autos hätten sie hoffnungslos rui­niert. Ebensowenig käme die zweite, gelegentlich von Autos benutzte Straße über Taliangti in Frage. Nur eine Straße bliebe uns, die gut sei, da sie nur wenig benutzt würde, und sie hätte außerdem den Vorzug, daß sie ganz frei von Banditengefahr wäre.

Am nächsten Morgen um 5 Uhr rollte unser Gobi- Expreß aus der noch verschlafenen Stadt hinaus. Das war am Samstag, 27. Juli. Alles ging glatt, so daß wir den ersten Teil unserer Reise mit einer Durchschnittsgeschindigkeit von etwa 30 Kilometer in der Stunde eine gute Leistung in der Mon­golei zurückgelegt hatten, als wir uns in einer der Sandpfannen festfuhren, die die Verzweiflung jedes Automobilisten in der Mongolei sind. Ein paar Versuche, herauszukommen, schlugen fehl wir saßen hoffnungslos im Sande drin. Wir sandten den chinesischen Führer zur nächsten Mon- golen-Siedlung zurück, die etwa sechs Kilometer ent­fernt an dem eben Genommenen Wege lag. Es dauerte lange, bis unser Bote mit Mongolen und ein paar Ochsen zurückkehrte, und in der Voraus­sicht, daß wir doch wohl die Nacht hier würden ver« bringen müssen, begannen wir uns nach einem Platz für unser Zelt umzusehen.

Endlich waren unsere Helfer da, aber es dauerte lange, bis sie sich an die Arbeit machten: aufge­stachelt von einem Manne, der uns sofort größtes Mißtrauen einflößte, stellten sie unverschämte Forderungen, und wir brauchten mehr als eine Stunde, bis wir sie auf zwölf mexikanische Dollars heruntergehandelt hatten. Dann stellte sich heraus, daß wir mit dieser Hilfe nie aus dem Sande herauskommen würden. Zum Ueberfluß fing es auch noch langsam zu regnen an, und es wurde schnell dunkel, so daß wir erst einmal in aller Eile unser Zelt aufstellen mußten. Die Mongolen versprachen, mit Mann und Ochsen am nächsten Morgen wieder­zukommen.

Wir verbrachten eine ziemlich traurigeNacht. Gegen 10 Uhr tauchten unsere mongolischen Helfer auf, aber anstatt an die Arbeit zu gehen, fingen sie neue Verhandlungen an. Sie stellten neue unver­schämte Forderungen, und wir hatten schon be­schlossen, uns Hilfe aus einer entfernteren Siedlung zu holen, als plötzlich eine Schar von etwa 12 bis 15 jungen Mongolen über die Dünen auf uns zu galoppierte. An ihrer Spitze ritt niemand anders als mein junger mongolischer Lehrer und Freund G o m b o j a p : Er hatte gehört, daß hier ein Auto mit Ausländern im Sand feststecke, und da er wußte, daß ich in dieser Gegend reise, hatte er einige seiner Freunde gerufen und kam, um zu sehen, ob er von Hilfe sein könne: Sofort änderte sich das Verhalten unserer Mongolen und, während alle mit Hand an­legten, kamen wir in kürzester Zeit aus dem Sand heraus. Das war gegen die Mittags­stunde des 28. Juli, eines Sonntags.

Brennergrenze.

Von Wilhelm von Schramm.

In diesen Tagen haben die italienischen Manöver am Brenner begonnen.

Trotz der elektrischen Bahn ist der Kessel des Brennersees von einer weiten, hallenden Einsam­keit. Kein Baum steht im kahlen Grunde neben dem Ufer; das grüne Wasser, von einem dunklen und wie verschlossenen Grün auch in der Mittagssonne, wird kaum vom Winde gekräuselt, nur manchmal treibt langsam ein grauer Holzkahn darüber hin. In dieser Höhe, 1400 Meter über dem Meeres­spiegel, spricht die Natur bereits eine andere Sprache als in den Tälern. Ihre Stille ist weit, ihre Huhe fast drohend und wie betont von dem un­unterbrochenen fernen Tosen der Bäche, die sich im grünen Wasser des Sees vereinigen. In der hal­lenden Einsamkeit zwischen Bergwand und Berg­wand hat auch der Lärm von Bahnen und Auto­mobilen kaum eine Bedeutung mehr.

Wenn man die weiße Straße vom Brennerfee zum Brennersattel wandert, steigert sich der ge­waltige Eindruck. Neue, steilragende Gipfel schieben sich höher im Süden vor. Der Schnee blinkt weiß oder bläulich zwischen den dunklen Massen der Fel­sen. Nirgends sind Spuren, die menschliche Nähe erkennen lassen, nur auf den Gipfeln und Graten erspäht man da und dort seltsame Marken und Zeichen und erinnert sich jetzt: Es sind die Mar­ken der Grenze zwischen den Ländern. Das kurze Hochtal, darinnen hoch oben die Sill entspringt, um als silbern glänzender Faden vor dunklen Gra­nitwänden sich abzuzeichnen das ist das letzte Ge­biet des zerstückelten Oesterreich. Da weiß man auf einmal: Am Brennner-Sattel und auf den beherr­schenden Gipfeln zu seinen Seiten, 38 Kilometer ober noch nicht acht Wegstunden von Innsbruck ent­fernt, beginnt mitten im deutschen Alpenlande Tirol, die Herrschaftsgewalt Italiens.

Hier übernachtete Goethe am 9. September 1786 auf feiner italienischen Reise." Das steht heute noch auf einer steinernen Tafel am altehrwürdigen Postwirtshaus am Brenner die letzte deutsche Inschrift, die m'an gelassen hat. Denn auch das Gasthaus zur Post auf diesem deutschen Alpen­übergang mußte längst in Albergo a la Posta um­benannt werden. An solche Dinge hat Goethe aller­dings nicht gedacht, dem hier einmal sein Herz freu­dig und schnell dem Süden entgegenschlug. Als er den Brenner passierte, bestand noch das alte Reich, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das alle Zonen Europas zusammenfaßte; hier auf dem Drennerpaß war eine der Nahtstellen des Reiches,

wo sich Norden und Süden, Diesseits und Jenseits der Alpen zu einem Ganzen vereinigten. Das ist heute vorüber: Wo Paß war, ist Grenze; die Naht ist zerrissen; Schlagbäume sind an Stelle des lieber» gatigs.

Brennerpaß und jetzt Brennergrenze: Auf einen großen und tragischen Teil unserer Reichsgeschichte haben die steilen Wände herabgesehen. Die deutschen Könige ziehen schon lange nicht mehr nach Italien, um sich zum römischen Kaiser krönen zu lassen, die Zeiten sind vorüber, da Deutsches die abendländi­sche Welt regierte und Blut unseres Blutes alle Teile des Erdteils beherrschen konnte. Und doch ist es, als ob jeder Stein, jede Felswand der Natur auch an die alten, großen Geschlechter des deutschen Nordens erinnerte: Hier zogen sie, zwischen den­selben Burgen und Schluchten hinunter nach dem Sonnenlande Italien viele, um dort zu bleiben ober mit ihrem Blut ein neues Leben zu gründen, auch wenn sie ihr Ende fanden. Vielleicht haben nicht wenige von den Soldaten und Offizieren, die jetzt dort den Schlagbaum Italiens setzten und die grünweißrote Fahne des Königreichs flattern lassen, das Beste von ihnen noch immer in ihrem Blut. Doch jene, die über die Alpen nach Süden zogen, waren keine Männer der Grenze, sondern Aben­teurer im Unbeschränkten. Sie zogen aus, um ihrer Unruhe genug zu tun und das ewige Licht zu suchen, als das ihnen die Sonne Italiens erscheinen mochte.

Seit 1919 ist eine Grenze zwischen Norden und Süden, zwischen Italien und Deutschland an Stelle des Völker- und geistverbindenden Uebergangs. Zweitausend Jahre einer Entwicklung endeten. Die Italiener haben geschworen, daß sie am Brenner bleiben wollen; sie wollen also die Grenze gegen den Norden verewigen nun, auch unsere Ge­danken und unsere Wunschbilder fliegen nicht mehr wie früher naiv und freudig dem Süden zu. Die Jahrhunderte eines unbekümmerten Austausches sind abgelaufen. Was geschehen ist, hat uns nach dem Norden gedrängt im Geistigen wie im Politi­schen, und sicher liegt ein gewaltiger Sinn darin, daß wir vom Brenner aus auf unseren eigenen Ur­sprung verwiesen wurden.

*

Fast tausend Jahre zogen sie hier vorüber nach Norden, als der Paß von dem Schritt der Legionen widerhallte, mehr als tausend Jahre rief dann der Süden die Nördlichen auf ihrer Suche nach Sonne und Heiterkeit ob nun und wie lange ein Still- ftanb bleiben wird? Wir können heute nicht mehr nach Italien fahren wie ehedem, und wie in fernen, barbarischen Zeiten ist wieder die Mauer der Alpen trennend zwischen den Völkern. Die Natur hatte

3m Kreuzfeuer derGendarmerie"

Wieder rollten wir mit 30 Stundenkilometer über die Straße. Als wir in das nächste Dorf ein- fuhren, bemerkte Gareth Jones einen Mann in chinesischer Uniform und machte mich darauf auf­merksam. Aber es war daran nichts Auffälliges, denn wir waren nun in unbestritten chinesischem Gebiet und es war zu erwarten, daß wir Mitglie­dern der Pao-an-tui genannten chinesischen Gen­darmerietruppe begegnen würden. Aber als wir schon wieder aus dem Dorf herausrollten, begann dieGendarmerie" auf uns zu s ch i e ß e n: An den Häusern und hinter den Gartenmauern, rechts und links des Weges, überall standen sie und schossen wie die Wilden auf uns los, Leute in der blauen Uniform und mit dem blauen Käppi der chinesischen Gendarmerie, und es half nichts, daß wir sofort hielten, ich aus dem Auto sprang und auf die mir nächsten Schützen loslief.

An meinem Kopf vorbei flogen die Kugeln, und zwei schlugen in die Motorhaube unseresGobi- Expreß" ein. Schließlich verstummte nach 30 bis 40 Schuß das Geschieße, und einige der Schützen kamen mit anscheinender Verlegenheit auf mich zu. Alles wäre ein Irrtum, erklärten sie, sie seien Gendarme, die zum Schutz der Straße gegen Ban­diten und Japaner hierher gesandt seien, und sie hätten unser Auto für ein japanisches gehalten. Ich sollte ihnen in eines der Häuser folgen und dort bei einer Tasse Tee bie Entschuldigungen ihres Führers in Empfang nehmen.

Während ich das tat, waren auch die anderen Insassen des Autos ausgestiegen. Sie wurden, ohne daß ich davon etwas bemerken konnte, da ich bereits in einem der Gehöfte war, umringt, und Gareth Jones und dem Chauffeur wurden sofort d i e Arme auf dem Rücken gefesselt. Jeder wurde in ein anderes Haus gebracht. Ich saß in freundschaftlichem Gespräch mit den Uniformierten, die sich ein Mal über das andere entschuldigten, als mein Diener mit dem Gepäck ankam. Das Heranschaffen des Gepäcks machte mich zuerst stutzig, ich wurde aber damit beschwichtigt, es handele sich nur um eine rein formelle Untersuchung des Ge­päcks, wir könnten gleich weiterfahren. Als dann aber unsere Koffer geöffnet wurden und sich in einem ein paar Silberdollars fanden, konnte einer der Leute die Verstellung nicht länger mehr er­tragen und ließ die Dollars in feiner Tasche ver­schwinden. Das war denn doch 3U toll für einen Gendarmen! Ich sprang auf und schrie ihn an, was das für neue Sitten wären. Da kam die klassische Antwort:Ach, wir sind j a gar keine Gendarmen, wir sind ja nur Ban­diten!"

iooooo Dollar, 20 Maschinengewehre.

Fast gleichzeitig mit dieser Aufklärung wurde auch Gareth Jones zu dem Hause gebracht, in dem ich, wie ich jetzt erst merkte. Gefangener war, und der Ton wurde merklich unfreundlicher. Eine Menge Banditen drängte sich in die enge Stube hinein, und immer wieder legte einer von ihnen fein Gewehr auf uns an und drohte, unserem Leben ein Ende zu machen. Inzwischen wurde im Hofe meinem Diener die ßifte der Forderungen diktiert, gegen deren Erfüllung innerhalb von zehn Tagen die Banditen uns freilaffen wollten. Die Forderungen waren: 1 0 0 0 0 0 mexikanische Dollar, 40 Jnfanteriegewehre mit 20 000 Schuß Munition, 20 Mauserpistolen mit 20 000 Schuß Munition und 20 leichte Maschinen­gewehre mit ebenfalls 20 000 Schuß Munition. Der Diener und der Chauffeur wurden zum Auto geführt und erhielten den Befehl, sofort nach Pao- chang und Kalgan zu fahren und sich mit den dortigen Behörden und mit unseren diplomatischen

Vertretungen in Verbindung zu setzen, um möglichst baldige Zahlung des Lösegeldes her« beizuführen.

Während nun auch ich gefesselt wurde, hörte ich von Gareth Jones, wie es ihm ergangen war. Als ich aus dem Auto stieg und zu den Banditen lief, wurde noch von der anderen Seite auf das Auto geschossen, und Jones beschloß, mir zu folgen. Kaum stand er aber auf der Erde, kamen verschieb bene ber Banbiten auf ihn zu unb machten sich baran, ihn zu fesseln. Man banb ihm beibe Arme auf bem Rücken zusammen unb führte ihn in eines ber Häuser ber chinesischen Siebter. Nach länaerert Beratungen ließen ihn bie Banbiten auf ben Stang, bas gemauerte Schlaflager, steigen unb zogen bas Enbe bes Strickes, mit bem er gefesselt war, über ben Balken über seinem Kopf. Zugleich trat ein Mann mit einem zur Schlinge g e f n o t c t e n Strick hinter ihn, und Jones hatte allen Grunb zu glauben, baß hier unb jetzt seinem Leben ein Enbe bereitet werden sollte. Mit durchaus be­rechtigtem Stolz erzählte er und wiederholte er es später, daß er keine Furcht und nicht die ge­ringste Anwandlung van Schwäche empfand, daß ihn eigentlich nur ein ganz sachliches Interesse an den äußeren Vorgängen erfüllte.

Inzwischen hatten sich die Banditen vollzählig- bis auf die auf den Höhen postierten Wachposten -- in der Nähe unseres Hauses versammelt, und wie wurden hinausgeführt, nachdem man unsere Taschen revidiert und uns alles bis auf je ein Ta­schentuch abgenommen hatte. An Kleidung ließ man uns unsere Schuhe und Strümpfe, unsere kurzen Hosen und unsere Khaki-Hemben. Und nun wurden wir für unsere Reise weiter ausstaffiert, da­mit wir nicht schon aus der Ferne als Fremde er­kannt würden. Schnell wurden hier einem neugieri­gen Bauern, dort einem anderen die benötigten'Klei­dungstücke aus- und uns angezogen. Nun noch diesem und jenem ein schmutziger Strohhut von dem nicht weniger schmutzigen Kopf gerissen und uns auf­gestülpt, und die Reise konnte beginnen.

(Die Veröffentlichung des zweiten Briefes folgt demnächst.)

Der Führer als pale.

Lauterbach, 29. August. Bei dem elften lebenden Kinde des Schindlermeisters Johs. Habermehl in Allmenrod hat der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler die Ehren­patenschaft übernommen.

Jtunbfunfprogromm.

Jreifag, 30. August.

6 Uhr: Choral Morgenspruch; Gymnastik« 6.30: Frühkonzert; in der Pause Nachrichten. 8.10t Gymnastik. 8.30: Sendepause. 10.15: Schulfunk« 10.45: Praktische Ratschläge für Küche und Haus« 11.45: Bauernfunk. 12: Mittagskonzert I. 13t Nachrichten; anschließend Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert II. 14: Nach­richten. 14.10: Mitten im Werktag. 15: Nachrich­ten. 15.15: Für die Frau. 16: Kleines Konzert« 16.30:Ja, das ist eben der Instinkt...!" Eine be­queme, aber nicht immer richtige Erklärung. 16.45t Die Reichsmodezentrale in Frankfurt a. M. 17? Bunte Musik am Nachmittag. 18.30: Jugendfunk« Kennst du deine Heimat? 18.45: Das Leben spricht! 19: Unterhaltungskonzert. 19.40: Die zwölfte deutsche Rundfunkausstellung ein voller Erfolg« Don Ingo Kaul. 19.50: Der Tagesspiegel des Reichssenders Frankfurt. 20: Nachrichten. 20.15: Stunde der Nation. Der Diamant. Phantastische Ko­mödie von Fr. Hebbel. 21: Karl Erb singt. Schu­mann Brahms. 22: Nachrichten; anschl. Nach­richten aus dem Sendebezirk, Sportbericht. 23: Unterhaltungskonzert. 242: Nachtkonzert.

ihre Tore zum wechselseitigen Austausch geöffnet; nun sind sie von menschlichem Starrsinn beinahe wieder verriegelt worden; das Hin- und Widerfluten der Mächte des Ausgleichs hat aufgehört vor­läufig wenigstens nicht durch unsere Schuld.

Wir steigen vom Brennersee über den grünen Padauner-Sattel hinüber zum Walsertal. Tief unten schimmern die blanken Schienen der Bahn, die weißglänzende Straße und das grüne Geheimnis des unbewegten Sees. Aus dem Kessel steigen uns gegenüber die grauen Wände des Sattelberges em­por. Auch dort, neben der Almhütte am Gipfel, er­innern die Zeichen an die italienische Grenze. Sie schauen beherrschend nach allen Seiten, ins Ober« berger, ins Walsertal. Sie bewachen nicht nur den Brenner, sondern vor allem die Straße weit, weit nach Norden und beherrschen die meisten Berge und Kuppen bis fast zum Inn.

Das ist schon lange her.

Von Herbert Hassencamp.

An Fastnacht habe ich Johanne Kjorboe photo­graphiert. Ich war ein Siouxindianer mit Fransen, einem Eurekagewehr und einem Photographen­kasten. Johanne Kjorboe, die kleine Dänin, war eine Holländerin und füllte ihr Gewand gut aus.

Das Bild wurde ausgezeichnet. Ich wässerte die Abzüge in der Badewanne. Die ganze Wanne war voll Johannen Kjorboes. Ueberall schwamm sie, lächelnd, die Arme aus die Knie gestützt. Besonders deutlich war die gehäkelte Decke an der Sofalehne.

Ein Bild schenkte ich gönnerhaft meinem Freund Kubbinger, von dem ich gewöhnlich die Mathematik bezog.

Kubbinger liebte sie auch, obschon seine Aus­sichten weniger günstig lagen.

Er nagelte ihr Bild über sein Bett.

Nack em paar Tagen war dieser Weiheakt durch den elterlichen Nachrichtendienst publik.

Ich merkte es daran, daß Johanne Kjorboe nicht mehr grüßte.

Mir wurde unbehaglich.

Elender Kubbo", sagte ich zu ihm,warum hast du das Bild..."

Er erklärte, seine Mutter habe es sowieso schon heruntergerissen. Weitere Vorwürfe schnitt der Rivale ab mit der Drohung, die Mathematik zu sperren.

So nahte der Katastrophenmittag heran, an dem Johanne Kjorboe, assistiert von zwei Freundinnen, wider Erwarten auf mich zuschritt, jählings mit einer Flut bitterer Vorwürfe mich überhäufte und trotz meiner Versicherung, die Platte mit allen Ab­zügen freiwillig herauszugeben, mir schließlich eine ins Gesicht haute.

Ich verneigte mich stumm und zog ab.

Seitdem grüßte ich sie nimmer.

Aber das war nun offenbar auch wieder nicht das Richtige.

Eines Tages ging sie nahe an mir vorbei unb drückte mir, obwohl ich starr nach der anderen Seite schaute, wort- und grußlos etwas in die Hand.

Es war ihr rotes Zopfband. Früher hatte ich sie einmal darum gebeten; sie hatte es als eine Art letzter Gunst verweigert.

Nun gab sie es.

Kubbinger sperrte mir auf diese Nachricht hin end­gültig die Mathematik.

Seitdem bezog ich sie von meinem weit Der- schwiegeneren Freunde Robert, der bann auch all das erfahren hat, was euch nichts angeht.

Geheimnisse des Kaffeewassers.

Wenn der Kaffee nicht recht munden will, so darf man nicht immer die Sparsamkeit der Hausfrau dafür verantwortlich machen, die die Bohne in dis Kaffeemühle zählte unb barauf bebacht war, mit ihrem Wirtschaftsgelb recht lange hauszuhalten. Oft liegt ber Mangel nicht an ber Art unb ber Zahl ber Kaffeebohnen, sondern dort, wo man ihn am we­nigsten sucht: an der Beschaffenheit des Wassers, bas man bei ber. Kaffeezubereitung verwenbet. So gibt es Gegenden, in benen bas Wasser einen solchen Einfluß auf ben Geschmack an sich guter Kaffee­sorten ausübt, baß man ganz bestimmte Mischungen oerwenben muß, um biesen Einfluß aufzuheben« Kaffee-Fachleute müssen alsbann biejenigen Sor­ten ausfinbig machen, bie ber örtlichen Zusammen­setzung bes Wassers Rechnung tragen. Humushal­tiges, mooriges Wasser ergibt zum Beispiel, wie bie Frankfurter WochenschriftDie Umschau" nach ben Technischen Blättern" berichtet, einen schlechten Kaffeeaufguß. Auch entkeimtes, filtriertes Fluß, wasser, bas bie verschiedensten Salze enthalten kann, beeinträchtigt den Geschmack des Kaffees; so wir­ken besonders Kalk- unb Magnesiumsalze sehr nach­teilig. Den Alkalien wirb bagegen nachgerühmt, baß sie ben Kaffee verbessern, wenn sie in geringen Mengen Vorkommen; hierbei ist im besonderen an Kochsalz unb Natriumsulfat gebacht. Währenb säure­arme Kaffeesorten mit weichem Wasser ein gutes Getränk geben, wirkt sich bie Verwenbung harten Wassers nicht sehr vorteilhaft aus. Bei ber Kaffee­zubereitung sollte man vor allem niemals Wasser verwenben, bas bereits längere Zeit in ben Blei­rohrleitungen geftanben hat. Ein berartiges Wasser nimmt, auch wenn es praktisch nicht nachweisliche Spuren von Blei aus den Leitungen lost, einen un­angenehmen metallischen Geschmack an, der sich dann auf bas bamit zubereitete Getränk überträgt."