Ausgabe 
29.8.1935
 
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Holst den Winzern: trinkt deutschen Wem!

Weinlese am Rhein.

Don Or. Adolf Oreßler.

Die Frage nach dem Alter dieses Volksfestes im rheinischen Leben würde die nach dem Alter des Weinbaues im Rheinland überhaupt be­deuten, und die Frage nach seinem tiefen Sinn hieße nach dem Sinn der Freude am Erntedanktag forschen. Unnützes Bemühen, sich Gedanken darüber zu machen, weshalb der Landwirt, der Weinbauer nach heimgebrachter Ernte, nach mühsamer, schwe­rer Jahresarbeit ein paar Tage der Erholung, des wirklich empfundenenAusspannens" braucht, um schon bald wieder sein mühsames Werken um den Acker zu beginnen! Das Fest der Weinlese im Rheinland geht über dieses im wahren Sinne natürlichste Fest der Dankesschuld weit hinaus. Mit seinen köstlichen Eigen- und Einzelheiten, seiner urwüchsigen Eigenart ist es der echteste Ausdruck für die tiefe, innere Harmonie zwischen rheinischer Landschaft und rheinischem Menschen. Nimmt man dem Fest einmal das unwahre Kleid, dasroman­tische" Empfindsamkeit ihm leider einstmals häufig gab, so ist es das schöne, gute deutsche Volksfest, as vielleicht weit mehr als der Karneval seinen Ursprung in der heiteren, glücklichen Reli­giosität des Rheinländers hat. Nur das eigene Kennenlernen, das Miterleben in der Gemein­schaft von Mensch zu Mensch vermittelt das rechte Wissen um diese Eigenart. Die wenigen Tage der Weinlese vermögen den erschließenden Einblick nicht zu geben; aber ein tiefes Ahnen kön­nen sie dem aufmerksamen Teilnehmer schenken.

Und ein anderes geben sie ihm: eine Zeit unge­trübter Freude, einige Abende und Stunden, die mit ihrer herrlichen Unbekümmertheit, mit ihrer heiteren, glücklichen Sorglosigkeit ihn Wochen und Monate noch begleiten und ihm den Wunsch zur Wiederkehr ein für allemal ins Herz senken. Er wird dann nicht der einzige sein, der sich selbst aus karg bemessener Ferienzeit noch einige Tage er­spart, noch Stunden vielleicht, umdabei zu sein", wenn die ersten dumpfen Böllerschüsse den Auftakt geben zur Ernte der goldenen oder blauschwarzen, milchig überhauchten Trauben, wenn er Zeuge sein kann der Weinprobe oder mitjubeln, wenn der Fest­zug vorüberzieht. Weinlese, Winzerfest! Der Klang geht als frohe Erinnerung in den All­tag mit, gibt ihm zur Zehrung einen Schatz aus des Rheinländers echtestem Empfinden.

Mag es im Rheingau fein mit feinen voll- klingenden, echten Namen, bewährt durch älteste Winzerkultur, der Prüfung erfahrenster Kenner gern sich bietend: mit Rauenthal und Eberbach, mit Rotenberg und Geisenheim und Markobrunn, mit

Rüdesheim und Schloß Johannisberg und wie sie alle klingen.

Mag man sich rheinab wenden an der drohenden Loreley vorbei, an Bacharach, an Oberwesel, St. Goar, an Boppard, Rhens und Braubach, oder mag es im N a h e t a l fein, wo die Sonne den Scharlachberger" werden ließ und den vom Hip- perich, vom Kauzenberg, von der Monzinger Lay und dem Norheimer Kafels, den von der Böckel- heimer Kupfer^rube und der Niederhäufer Her­mannshöhle: Em Wein köstlicher Art gedeiht hier, mit edlem Feuer, mit feiner Harmonie. Mag die

Rheinland -

Don Werner

Wenn der Wein blüht an der Grenze zwischen Frühjahr und Sommer, liegt ein Duft über dem Rheinland, der ist von einer unbeschreiblichen Zart­heit und einer milden Süße, die selbst die rauheste Nase poetisch stimmen. Wenn aber die Weinlese be­ginnt an der Grenze zwischen Spätherbst und Winter, dann erfüllt Gesang das Tal von hüben und drüben, und die Geräusche der Arbeit klingen munter und frisch vom ersten Morgengeläute bis weit über die Vesperglocke. Sei es ein halber, sei es ein Dreiviertelherbst, mag der Sauerwurm oder die Peronospora gewütet und bange Stunden her­aufbeschworen haben die Lesezeit ist fröhliche Zeit, und es hat noch niemand mit Tränen ge­keltert.

Es ist eine harte Arbeit im Weingebiet, und es wird viel Schweiß vergeblich vergossen. Eine ein­zige verspätete Frostnacht im Frühling kann ganze Distrikte vernichten, und die Ungezieferplage ist trotz aller modernen Abwehrmittel in jedem Jahre eine neue Gefahrenquelle. Brot und Kartoffeln muß der Mensch essen, um zu leben, aber Wein braucht er nicht als lebensnotwendig zu trinken, und die Menschen, deren Hände Arbeit den andern den edelsten Genuß verschaffen und die besten Stunden, sind oft bitterster Not ausgeliefert.

Aber der Herrgott hat ein Einsehen gehabt und dergestalt diese harte Arbeit mit dem kargen Lohn einem Geschlecht anverttaut, das von Natur aus für die Fröhlichkeit und den nimmermüden Glau­ben an die Sonne bestimmt ist, und er läßt seine Reben aus Hängen wachsen, die Auge und Herz der'Menschen erfreuen, also daß sie in Scharen herbeieilen, um dieser Schönheit teilhaftig zu werden.

Trächttg an Ereignissen und Geschichte ist diese Erde, ältester Kulturen Stätte, und das vielver- schlungene Netz der Nebenflüsse vereint sich mit dem

Mosel singend und klingend durchs Tal hereilen und ihre beiden Knappen, Saar und Ruwer, flink hinterdrein, eine lange Reihe der Namen gäbe es, wollte ein jeder Ort sich nennen hören, die da von Saarburg bis hinunter nach Koblenz mit jeder Flußkrümme neu erstehen und alle einen Klang be­sitzen, der deutschen Qualitätsweinen einen ganz festen Ruf in aller Herren Länder sicherte. Oder mag auch der heiterste der deutschen Flüsse, die Ahr, mit Poltern ihre Wehre überspringend, an steilsten Felshängen, an schroffen Wänden vor­übereilen, an Wänden, die den Anbau der dunklen

Beumelburg.

Vater Rhein zu einem Gebiet, das von jeher aufs ärgste gefährdet war, wenn Deutschland in Not geriet. Dichter und Sänger ohne Zahl haben sich ihm ergeben, das Blut der Besten wurde vergossen, und immer war Deutschlands Stärke daran zu messen, wie fest und verläßlich das deutsche Herz zum Rheine hinschlug.

Rheinland Weinland. So wenig der deutsche Mensch denkbar ist ohne die heitere, ent­spannte, über das Grau des Tages und die Schwere des Schicksals hinausgehobene Seite seines Wesens, so wenig ist der Rhein denkbar ohne die Tropfen, die seinen Hängen entsprießen. Vermittler des köst­lichsten Geschmacks, Gestalter der Geselligkeit, locken­der Lohn arbeitsreicher Tage und Freund der Men­schen bei der Suche nach seinem besseren Ich, ver­sagt er sich nur dem Bösen, dem Verhärteten, dem Bedauernswerten, die ihn bekämpfen. Denen hat er nichts zu sagen. Wer ihn aber begreift, der mag ihn nicht missen, und wem er sich erschließt, dem bleibt er Freund und Genosse auch in den trüben Stunden des Lebens.

Wir lieben den Rhein als den Träger deutscher Geschichte und als das starke Symbol unserer Kraft. Es ist jedes Deutschen Traum, einmal den Strom zu befahren und das Bild der Burgen und Städte, die Schönheit der Berge und Ufer in fein Herz auf­zunehmen für immer. Wir lieben die Menschen an seinen Ufern, die, aller Mühe und Arbeit zum Trotz, heiteren und freundlichen Sinnes sind und von einer wohltuenden Herzlichkeit. Menschen und Strom empfinden wir als unseres deutschen Wesens innigen Anteil. Schönheit, Anmut und heroische Kraft sind in dieser Landschaft wie in kaum einer anderen vereinigt, und der Zug deutschen Schicksals geht in ihr aus fernster Vergangenheit über die Gegenwart in unseres Deutschen Reiches Zukunft.

Burgunderrebe fast unmöglich erscheinen kaffen und doch jenen blutroten Wein uns schenken, von dem ber persische Spruch neu ersteht:

Der Onyx und der rote Wein

Sind Edelstein und Edelstein; Im Wesen unterschieden nicht, Der ist geschmolzen, jener dicht.-

Wenn im Rheinland die Herbstsonne ihr letztes Werk getan, wenn der Flurschütze, der den seit Wochen gesperrten Weingarten hütete, das Feld den Sammlern und Sammlerinnen räumt, daß sie nun endlich den Lohn einholen einer langen, lan­gen Arbeits- und Sorgenzeit, dann erklingt in allen Weinorten das gleiche helle Singen, dann sind sie erfüllt von jener Freude, die aus tiefftem Herzen kommt.

Es ist wahrlich fein leichtes Los, das dem Winzer geschenkt ist, ganz gleich, wo er seine Hei* mat hat. In weit stärkerem Maße noch als bet Bauer ist er von all den vielen Zufälligkeiten im Kreislauf des Jahres abhängig, hat er die Schäd­linge zu bekämpfen, die unerbittlich die sorgsam ge­hüteten Pflanzen angreifen. Wer im Sommer ein­mal sah, wie der Winzer unter schwerster körper­licher Anstrengung mit dem Gewaltmittel der Kup­fervitriollösung die Reblaus zu vernichten sucht, der erhält eine kleine Ahnung von diesem Kampf gegen die Jnsektenwelt. Und bei alledem ist, auch heute noch, der klingende Lohn gering.

Doch der rheinische Winzer verliert auch in die­sen Jahren seinen Mut nicht. Sein Humor, in der Landschaft wurzelnd und dem Boden verwach­sen, in einer Entwicklung geworden, die stärkstens bestimmt ist durch den Charakter als Durchgangs- land, das das Rheinland seit Jahrtausenden Ist, versiegt auch in krittschen Lagen nicht und läßt ihn leicht überwinden, was schwer erschien. Dieser Humor, diese innere Lebensveranlagung, gestaltet das Fest der Weinlese und beherrscht es von der ersten bis zur letzten Stunde. Er läßt die Men­schen, die daran teilnehmen, heiter fein, und selbst dem ernstesten Norddeutschen gibt er eine Freude, die ihm gar nicht wesensfremd erscheint ober un­natürlich. Man muß es einmal erlebt haben, wie bann an einem Nachmittag, an einem Abenb in der urgemütlichen Schenke aus ber großen Gesell­schaft balb eine Gemeinschaft lachender, singender, jubelnder Menschen wird, in deren Mitte kein Griesgram fein kann, um es zu verstehen, was es heißt, ein rheinisches Winzerfest zu er­leben. Einmal nur untergetaucht fein in dieser jauchzenden Fröhlichkeit, einmal nur eine Flasche Wein auf du und du mit dem getrunken, der den Rebstock setzte, mit der Winzerin, die die Trauben pflückte, und alljährlich zieht es dich wieder zum Rhein: Wenn die Blätter rot werden und die Zeit der Weinlese beginnt!

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