Ur. 201 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzelger sürGderhetzen» Donnerstag. 20. August M5
Aus der Provinzialhauptstadt.
Rasch schenken!
Warum soll man, um jemanden durch eine kleine Gabe zu beglücken, Duf einen Tag warten, der durch das Herkommen dazu bestimmt ist? Es hat sich so eingebürgert, daß man am Geburtstag oder zu Weihnachten niemals mit leeren Händen erscheint. Das Schenken an diesen Tagen ist so zu einem ge- wissen Zwang geworden, während man anderseits das ganze Jahr über schöne Gelegenheiten hätte, heimliche Wünsche zu erraten und zu erfüllen. Man ist bei guten Freunden eingeladen und merkt, dah der Gastgeberin dieses oder jenes fehlt, daß sie sich über ein bestimmtes Büchlein oder über eine beson- dere Art von Blumen herzlich freuen würde. Der Geburtstag liegt noch in weiter Ferne, also frischweg schenken, gleich am nächsten Tag, wenn man es vermag, auch wenn man dabei aus der Reihe tanzt. Die Ueberraschung ist um so größer, und außerdem ist die Gabe dann ein ganz reines Zei- chen von Freundschaft oder Verehrung, von keinem traditionellen Muß beschwert.
Ein anderer Fall: Ein junges Ehepaar hat sich seine Wohnung nur sehr kümmerlich einrichten können. Es sieht alles noch etwas kahl und spärlich aus. Nach und nach wird zwar in den nächsten Monaten zusammengetragen, was noch fehlt, aber das dauert lange, und inzwischen stehen bei den Verwandten, bei älteren Leuten die Möbel teilweise unbenutzt herum, und in den Wäscheschränken liegt das gute Leinen, das nur selten noch herausgeholt wird. „Das sollt ihr alles einmal erben", verheißt man den jungen Leuten und denkt nicht daran, daß Wäsche und Möbel gerade jetzt dringend gebraucht werden. In Jahren, wenn die Erbstücke in die jungen Hände wandern, sind sie wahrscheinlich lange nicht so willkommen. Darum auch hier: rechtzeitig und rasch schenken! Es ist wahr, daß man sich von altgewöhnten Stücken schwer trennt, aber ebenso wahr ist es, daß man vieles, was einen tagtäglich umgibt, gar nicht mehr recht anschaut.
Katsche Gerüchte
über die Universität Gietzen.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns berichtet:
Amtlich wird mitgeteilt: Die umlaufenden G e- rüchte über eine bevorstehende Auflösung der Universität Gießen sind vollkommen unrichtig. Der Vorlesungsbetrieb wird im kommenden Wintersemester in vollem Umfange aufrecht erhalten. Die zur Zeit unbesetzten Lehrstühle werden vor Beginn des Wintersemesters neu beseht sein.
Deutsche Arbeitsfront.
Achtung! Waschlnenschrelber!
Die Arbeitsschule der Abteilung für Arbeitsführung und Berufserziehung in der Kreiswaltung Gießen eröffnet ihren Winterbildungsplan in Kurzschrift und Maschinenschreiben mit einem
Maschinen-Werbeschreiben (Zehnftnger-Blindschreibrnethode) am kommenden Sonntag, 1. September. Das Werbeschreiben findet in der Zeit von 10 bis 12 Uhr in den Ausstellungsräumen der Firma Niederhausen, Gießen, Bahnhofstraße (gegenüber Hotel Schütz), statt. Wir laden alle Maschinenschreiber und Interessenten zum Besuche ein.
Die deutsche Arbeitsfront n.9.=6emcinf(haft „flraft durch frcuöc"
kartenvorverkauf für das Winzerfest am 31. August. 1. und 2. September.
Für das Winzerfest sind Eintrittskarten im Vorverkauf zu haben oei „Oberhessiscke Taaeszeitung"; Musikhaus Challier; Schokoladenhaus Huntemann, Seltersweg. Der Eintrittspreis beträgt mit Pro-
Hitler-lugend auf dem Marsch nach Nürnberg.
Feierliche Begrüßung vor dem Stadthaus. — Rasttage in Gießen.
Hitler-Jugend des Gebiets 10 mit Gepäckwagen und Feldküche unterwegs nach Nürnberg. Kurzer Aufenthalt am Biebertalbahnhof. — (Aufnahme: Photo-Pfaff.)
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Die alte freie Reichsstadt Nürnberg ist gegenwärtig das Ziel zahlreicher Kolonnen der Hitler- Jugend, die ihre Bannfahnen nach Nürnberg trägt, um dort aus Anlaß des Reichsparteitages dem Führer zu zeigen, daß die Jugend in Treue und Opferbereitschaft zu Führer, Volk und Vaterland steht. Nicht eindrucksvoller kann dies Bekenntnis bargetan werden, als gerade dadurch, daß die Jugend keine noch so große Strapaze scheut, auf langen Fußmärschen ihrem Ziele zustrebt und damit weitesten Kreisen unserer Bevölkerung die lebendige Kraft in der Bewegung und in der Jugend vor Augen führt.
Eine dieser marschierenden Kolonnen kam am gestrigen Mittwochnachmittag auch in unserer Stadt an. Es handelte sich dabei um etwa 30 Hitler- jungens aus dem Gebiet 10 — Ruhr und Niederrhein —, die mit 18 Bannfahnen unterwegs find. Gegen 18.30 Uhr kamen sie von Wetzlar und Heuchelheim her in das Gebiet unserer Stadt. Gießener Hitler-Jugend und Jungvolk zog mit Spielmannsund Fanfarenzug der Kolonne bis nach Heuchelheim entgegen und brachte sie unter klingendem Spiel in unsere Mauern. Der Marsch der Hitler- Jugend durch die Stadt wurde viel beachtet. In geschlossenem Zuge ging es bis zum Stadthaus an der Bergstraße. Dort fand die feierliche Begrüßung statt.
Oer Führer
der 83. SS.-Standarte Iacober hieß die Jugend in Gießen willkommen und sprach von der großen Hochachtung über die große Leistung, die die Hitler-Jugend dem Führer barbringen wolle Der Marsch nach Nürnberg sei nicht nur als eine ganz persönliche Leistung des einzelnen und als eine Willensleistung zu werten, sei auch nicht nur als eine sportliche Leistung zu betrachten, son
dern als eine Leistung aus blutmäßiger deutscher Kraft heraus. Nur aus blutmäßigen Kräften fei eine solche Leistung möglich. So wie die heutige junge Generation aus ihrer blutmäßigen Gebundenheit zu solch großer Leistung sich aufschwingen könne, so wünschten wir alle, daß auch spätere Geschlechter den gleichen Willen zur Leistung offenbarten. Im Geiste des Bekenntnisses zu Führer, Volk und Vaterland grüßte der Redner zum Schluß seiner Ansprache den Führer mit einem dreifachen „Sieg- Heil!", in das alle Teilnehmer dieser Feier kräftig einstimmten.
- Nachdem die Bannfahnen in den Sitzungssaal des Stadthauses gebracht worden waren und nachdem der Führer des Bannes 116 die Gäste auch im Namen der hiesigen Hitler-Jugend herzlich begrüßt hatte, wurde gemeinsam das Lied der Jugend „Vorwärts, vorwärts" gesungen. Nach einem weiteren Lied, von den Gästen aus dem Gebiet 10 zackig gesungen, fand die Feier ihren Abschluß.
Die auf dem Weg nach Nürnberg befindliche Kolonne der Hitler-Jugend wird in unserer Stadt als Gast des Bannes 116 zwei Tage Aufenthalt nehmen.
Oer Marsch der heffen -nassauischen HZ. nach Nürnberg.
LPD. Groß-Gerau, 29. Aug. Auf ihrem Marsch nach Nürnberg traf die hessen-nassauische Hitlerjugend zunächst in Mainz-Kastell ein, wo es die erste Verpflegung gab. Von dort ging es dann bei strömendem Regen nach Groß-Gerau, wo die HI. in einem großen geheizten Saale untergebracht wurde. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Am Abend fand mit der örtlichen HI. ein Singabend statt. Am Mittwochmorgen ging es weiter nach Pfungstadt, wo am Grabe des Hitlerjungen Christian Crößmann eine kurze Feier stattfand.
gramm 0,30 Mark und berechtigt zum einmaligen Eintritt.
Urlaubszug Nordsee mit Dampfer „Der Deutsche" vom 31. August bis 8. September.
Die Fahrkarten zu dieser Fahrt können in den Dienststunden auf dem Büro, Schanzenstraße 18 II, Zimmer 8, abgeholt werden. Abfahrt in Gießen 23.20 Uhr.
Urlaubszug nach Büsum Nr. IX/48 vom 7. bis 15. September. — Urlaubszug nach der Kieler
Bucht Nr. 47 vom 7. bis 15. September.
Die beiden Fahrten können wegen zu geringer Beteiligung nicht durchgeführt werden. Wir bitten die gemeldeten Teilnehmer, sich für eine,n anderen Urlaubszug zu entscheiden. Für die Urlaubszüge Weser-Bergland vom 16. bis 22. September, Harz
Freitagabend: Oswaldsaarten!
Zeder deutsche Wann und jede deutsche Frau, die sich zu dem Aufbauwerk unseres Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler und -amit zu Deutschland bekennen, erscheinen am morgigen Freitagabend, 8 Uhr, zu der
Großkundgebung aegen die Glaaisfeinde auf Oswaldsgarten. Die Kundgebung muß ein Überwältigendes Treuebekenntnis unserer Stadt zum Führer und feiner Arbeit für das deutsche Volk werden! Es sprechen der Reichsstatthalter Gauleiter pg. Sprenger und pg. K lost ermann.
(Wernigerode) vom 16. bis 22. September und Allaäu (Pfronten) vom -19. bis 29. September sind noch Plätze frei.
Sonderzug an den Rhein am 15. September.
Wir veranstalten am Sonntag, 15. September, die letzte Rheinfahrt. Die Fahrt geht ab Gießen mit dem Zug nach Mainz-Kastel, von Mainz-Kastel mit dem Dampfer nach Rüdesheim. In Rüdesheim wird den Teilnehmern Gelegenheit geboten zur Besichtigung der Stadt. Don Rüdesheim geht die Fahrt mit dem Dampfer weiter nach Koblenz. Die Rückfahrt geht ab Koblenz mit dem Sonderzua nach Gießen. Der Fahrpreis beträgt einschließlich Mittagessen 5,50 Mark. Anmeldeschluß am 1. Sept.
NSLB., Kreis Gießen.
Fachschaft „körperliche Erziehung".
Um alle Fragen wegen der Organisation und Spielregeln der Fuhschlagball - und Grenzballspiele zu klären und eine einwandfreie Durchführung der Spielreihen zu gewährleisten, findet am Samstag, 31. August, von 8 bis 12 Uhr in Gießen in der Neuen Pestolizzlsckule in den Eichgärten ein Schiedsrichter - Lehrgang für beide Spielarten statt. Teilzunehmen haben die schon bestimmten Spielleiter der Kreisgebiete und zwei von diesen zu bestimmende, als Schiedsrichter geeignete Lehrkräfte aus jedem Ge- biet. Die teilnehmenden Lehrkräfte der Volksschulen haben für diesen Tag Urlaub vom Stadt- und Kreisschulamt. Eingeladen zu dem Lehrgang sind die interessierten Lehrkräfte der höheren Schulen. Sportkleidung ist mitzubringen.
Arische Abstammung und Heiratsanzeige bei der Justizverwaltung.
Innerhalb der Reichsjustizverwaltung gelten für den Nachweis der arischen Abstammung der zukünftigen Ehefrau eines Beamten und die Heiratsanzeige fortan einheitlich folgende Bestimmungen:
Ein Justizbeamter, der die Ehe eingehen will, hat vor der Eheschließung anzuzeigen, mit wem und wann er die Ehe zu schließen beabsichtigt; er hat dabei durch Ausfüllung eines Fragebogens in doppelter Ausfertigung die Abstammung feiner zukünftigen Ehefrau darzulegen und die Richtigkeit feiner Angaben durch Vorlage der Geburts- und Heirats- urkunden, hilfsweise von entsprechenden pfarramtlichen Bescheingungen, darzutun. Soweit der Beamte die verlangten Angaben nicht machen oder die erforderlichen Urkunden nicht beschaffen kann, hat er nachzuweisen, daß er alle Mittel zur Beschaffung der fehlenden Auskünfte und Urkunden erschöpft hat. Die Anzeige sowie die Urkunden sind der zunächst vorgesetzten Dienstbehörde vorzulegen und auf dem Dienstwege an die höhere Reichsjustizbe- Hörde weiterzuleiten. Die Vorlegung hat so zeitig zu erfolgen, daß die Nachprüfung, ob — und gegebenenfalls welche — Bedenken wegen der Abstammung der zukünftigen Ehefrau bestehen, noch vor der Eheschließung durchgeführt werden kann. Die höhere Reichsjustizbehörde stellt das Ergebnis schriftlich fest und erteilt dem Beamten hierüber unverzüglich einen Bescheid. Es steht ihr frei, in
Frankfurter Goethepreis für Hermann Gtegemann.
Im Staatszimmer des Frankfurter Goethe- Hauses fand gestern, zu Goethes Geburtstag, vor einem kleinen Kreise von Vertretern der Literatur und Kunst durch den Verwaltungsrat des Frankfurter Goethepreifes die feierliche lieber- r e i d) u n g des Goethepreifes an den Dichter, Historiker und Politiker Professor Dr. Her- mann Stegemann — in Würdigung seiner hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Dichtung — statt. Leider war der Preisträger nicht persönlich erschienen; vor einigen Tagen wurde der bereits seit Jahren leidende Dichter wieder aufs Krankenbett geworfen; er mußte sich durch seinen Verleger, Dr. K i l p p e r, Stuttgart, vertreten lassen.
In Vertretung des Oberbürgermeisters würdigte Bürgermeister Linder in einer eingehenden Ansprache die Verdienste Stegemanns: Wenn wir uns zu Stegemann bekennen, so führte er aus, fo tun wir das, weil er als deutscher Mensch mit uns untrennbar verbunden ist. Er ist eine Persönlichkeit im Goetheschen Sinne. Wir verehren in ihm den großen Dichter und Menschen von vorbildlichen Charaktereigenschaften.
Verleger Dr. K i l p p e r dankte im Namen Stegemanns für die ihm erwiesene Ehrung. Das Kuratorium des Frankfurter Goethepreifes könne versichert sein, daß von den vielen Ehrungen, die Stegemann je zuteil geworden seien, ihn keine so tief ergriffen habe wie die Auszeichnung mit dem Frankfurter Goethepreis.
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Stegemann ist heute 65 Jahre alt, er ist in Koblenz geboren und stammt aus einer alten pom- merfchen Soldatenfamilie. Er siedelte früh nach dem Elsaß über; dort fand der Zusammenstoß deutscher und französischer Kultur lebhaften Widerhall in ihm. Seine Fähiakeit, die Ereignisse des Tages als Geschichte darzustellen, wurde entwickelt durch Stegemanns langjährige Tätigkeit als Journalist. Er war Redakteur am „Berner Bund", als ihm, dem Schweizer Bürger, der Krieg die große Aufgabe stellte. Hatte er bis dahin neben feiner Zei- tungsarbeit eine Anzahl von R o m a n e n („Daniel Iunt", „Die Krafft von Jllzach") vorgelegt, fo sprach er jetzt vom „Berner Bund" aus in feinen Aufsätzen „Zur Kriegslage" bald zu aller Welt Lind feine Stimme wurde an allen Fronten
und in allen Generalstäben gehört. Aus dieser Arbeit ist feine „Geschichte des Krieges" entstanden, die ein Meisterwerk in scharfsinnigem Durchdringen und deutenden Darstellen des Völkerringens ist und die auch für den heutigen Leser nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt hat. Stand hier auch das Militärische im Vordergrund, so hat Stegemann doch die polittsche Seite der Weitaus-
einandersetzung nicht minder hellsichtig zergliedert und beurteilt. In seinen „Erinnerungen aus meinem Leben und aus meiner Zeit" hat er über seine polittsche Arbeit ausführlich gehandelt.
Polittk und Geschichte blieben die Felder feines Wirkens, auch wenn er sich in Jahren körperlichen Leidens zu dem dichterischen Schaffen feiner literarischen Anfänge zurückgefunden und feinen Freunden eine neue Reihe meisterlicher Romane gefchenkt hat; wir nennen: „Der gefesselte Strom",
„Die Santiger" und „Das Ende des Grafen Krall". Mit Recht umfaßt die Frankfurter Ehrung, die der „vielseitigen Persönlichkeit Goetheschex Prägung" gilt, sowohl das dichterische wie das historische Schaffen Stegemanns. Werk um Werk hat er in unermüdlicher Arbeit dem widerspensttgen Körper abgetrotzt. „Der Kampf um den Rhei n", „Da s Trugbild von Versailles", „Deutschland und Europa" sind ebenso wie seine „Erinnerungen" Früchte dieses zähen Ringens.
Stegemanns Bücher haben immer aufs neue das hohe Vermögen zu wahrhafter Durchdringung der von ihm untersuchten Fragen bestätigt, das er in der „Geschichte des Krieges" bewiesen hatte: eine erstaunliche Sicherheit der Stoffbeherrschung, eine klarsichtige Beurteilung politischer Entwicklung; überall steht neben dem Geschichtsschreiber der zum Handeln drängende Politiker. Es war selbstverständlich, daß Stegemann zum deutschen Umbruch nicht schweigen konnte. Sein vor Jahresfrist erschienenes Werk „Welt w e nde ", dessen Untertitel „Der Kampf um die Zukunft und Deutschlands Gestaltwandel" seinen Inhalt bezeichnet, greift in die Gegenwart unseres Volkes hinein.
Neues aus dem Frankfurter Goethemuseum.
Arn dichterischen Schaffen Goethes haben zwei Frauen aktiven Anteil genommen, Marianne von Willerner und Susanne Katharina d o n Plettenberg. Die Erstere ist aus dem „Westöstlichen Diwan" nicht fortzudenken, der anderen hat Goethe durch die „Bekenntnisse einer schönen Seele" in „Wilhelm Meisters Lehrjahren" ein unvergängliches Denkmal gefetzt und dafür uneingeschränktes Lob seiner Mutter gefunden. Die Klettenbergs gehörten nicht zu den sogenannten alteingesessenen Frankfurter Familien, sondern hatten erst während des 30jährigen Kriegs hier festen Fuß gefaßt. Sie waren von der Textorseite her mit dem Haufe Goethe verwandt, und besonders Susanne war eine der lieben Freundinnen der Frau Rat. So kam sie auch mit dem jungen Goethe in enge Berührung und übte einen starken Einfluß auf ihn. Wie stark und nachhaltig dieser Einfluß gewesen ist, erhellt auch daraus, daß dem Dichter in feinen späteren Jahren die Lust anwandelte, ihr Bildnis so fest- zuhalten, wie er sie am Fenster ihrer Frankfurter Wohnung am Rahmhof in Erinnerung hatte. Die
Zeichnung ist uns nicht erhalten, dagegen das Gedicht, mit dem der Dichter seine Skizze begleitet hat, das mit der Strophe beginnt: „Sieh in diesen Zauberspiegel" ... Susanne war nicht nur eine „schöne", sie war auch eine sehr fromme und empfindsame Seele. Und aus dieser Frömmigkeit heraus hat sie ihre Umwelt gesehen. Alles, was sie an Aufsätzen und geistlichen Liedern hinterlassen hat, selbst ihre Briefe an Lavater und an den sonstigen Freundeskreis, sind Zeugen dieser frommen Einstellung und Empfindung.
Außer einer Zeichnung, auf der sie sich selbst als Nonne dargestellt hat, ihrem Testament und einem „Gesindebüchlein" besaß das Frankfurter Goethe- mufeum bisher nicht sehr viel von ihrer Hand. Nun aber sind durch einen glücklichen Umstand ein paar sehr wertvolle Dinge in feinen Besitz gekommen, durch die das bereits Vorhandene aus dem Goethe- Klettenberg-Kreis eine willkommene Ergänzung und Bereicherung erfahren hat. Zunächst ist es eine Übertragung des Hohenliedes Salomonis, das Susanne wahrscheinlich aus dem Lateinischen übersetzt und mit eigener Hand auf Büttenpapier niedergeschrieben hat. Wir wissen, daß auch Goethe selber das Hohelied dichterisch geformt hat. Bei Susanne wird sein Inhalt in fünfeinhalb Seiten ausgeschöpft. Das Manuskript kam einstmals in den Besitz des Lizentiaten Carl S u d h o f f, Pastors der reformierten Gemeinde in Frankfurt, später wurde es an einen Würzburger Philologen vererbt und ist jetzt aus Wiesbaden wieder in Frankfurt gelandet.
Neben dieser handschriftlichen Kostbarkeit sind aber noch die Bildnisse zweier Persönlichkeiten an das Goethemuseum gekommen, die auch zu den „verbundenen Christen" zählten, deren Sammelplatz das Klettenbergsche Haus am Paradeplatz gewesen ist. Es sind die Porträts des Pfarrers Johann Andreas Claus (1731 bis 1815) und feiner Frau Rebekka, geb. Petfch, Tochter eines Frankfurter Gastwirts, in dessen Hause das „Sonntagskränzchen" tagte. Claus, der zunächst als Hauslehrer in Frankfurt wirkte und später Seelsorger der Susanne Klettenberg gewesen ist, war auch Pfarrer in Bornheim bei Frankfurt. Seine Frau aber gehörte zu den wenigen intimen Freundinnen der Klettenberg, die, wie uns Frau Rat in einem Briefe berichtet, am 13. Dezember 1774 am Sterbebett der „schönen Seele" versammelt waren. Der Kunstwert der beiden von Schröder gemalten Bilder ist kein allzugroßer, um so höher aber darf ihr ideeller Wert angeschlagen werden. F. B.


