Gau-Ge-enkfeier für pefer Gemeinder am 29. August 1935.
Am heutigen Donnerstag, 29. August, findet auf dem Waldfriedhof in D a r m st a d t in Gegenwart des Gauleiters und des pg. Prinzen August Wilhelm unter Teilnahme aller Formationen die diesjährige
peter-Gemeinder-Gedächtnisfeier statt.
Die gesamte nationalsozialistische Bevölkerung ist dazu eingeladen.
Beginn 20.30 Uhr.
besonderen Zweifelsfällen zuvor die Entscheidung des Reichsministers der Justiz einzuholen. Mit dem Bescheid gibt sie dem Beamten die oorgelegten Ur» künden und sonstigen Nachweise zurück.
Ist der Reichsminister der Justiz die Anstel- lungsbehörde, so ist ihm -über das Ergebnis der Nachprüfung unter Beifügung der Anzeige zu berichten.
Die vollzogene Eheschließung ist alsbald der unmittelbar vorgesetzten Dienstbehörde anzuzeigen. Dabei sind außer dem Tage der Eheschließung die Namen der Ehefrau und ihrer Eltern sowie Wohnort und Beruf ihres Vaters anzugeben, ebenso auch Name und Beruf ihres früheren Ehemannes, falls sie vorher schon verheiratet war. Soweit die erstattete Anzeige diese Angaben bereits enthält, kann auf sie Bezug genommen werden. Die Heiratsanzeige ist auf dem Dienstwege an den Reichsminister der Justiz, wenn dieser die Anstellungsbehörde ist, sonst an die höhere Reichsjustizbehörde weiterzuleiten.
Neuer Lehrgang der Lustschutzschule Gießen.
Am Montag- und Dienstagabend fand im Physiksaale der Goetheschule die Eröffnung des 7. Lehrganges der Luftschutz-Schule Gießen mit je zwei Klassen statt. Nach der Eröffnung durch den Schulungsleiter Pg. S ch u ch a r d t und Begrüßung der zahlreichen Gäste, nahm Polizeidirektor Pg. Meusel das Wort zu einer einführenden Ansprache. Er wies nachdrücklichst auf die Notwendigkeit der Schulung der gesamten Zivilbevölkerung im Selbstschutz hin und ermahnte die Teilnehmer, die durch die Schulung bedingten kleinen Opfer gern und freudig zu bringen, obwohl nach dem Luftschutz- Gesetz ja auch jeder zur Mitarbeit gezwungen werden könnte. Er forderte auf, stets zu bedenken, daß die Arbeit des Reichslustschutzbundes nicht Selbstzweck sei, sondern außer der theoretischen und praktischen Schulung für den Ernstfall als oberstes Ziel die Schaffung einer wahren Volks- und Notgemeinschaft im Sinne des Führers erstrebe.
Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen des Schulungsleiters begann die eigentliche Schulung mit den Vorträgen „Sinn und Zweck des Luftschutzes" durch Dr. Appel und Organisation des Luftschutzes" durch Revierführer Clotz.
Die Schulung findet ihre Fortsetzung an je zwei Abenden in der Woche und wird für den 7. Lehrgang am 20. September beendet sein.
1. Divisionstag der 16. Nes- Division in Gießen.
Am 28. und 29. September findet in Gießen der 7. Divisionstag der 76. Res.-Division statt, die bekanntlich aus den Regimentern R.-J.-R. 252, 253, 254, R.-F.-A.-R. 56 und 58 und der R.-R.-K. 76 gebildet wurde. Sie war eine jener Divisionen, die im Spätherb^ 1914 aufgestellt worden ist. Ihr Weg führte die Division von Masuren, wo sie mithalf, den Rückzug der Russen abzuriegeln, über
Kowno tief nach Rußland hinein, durch Siebenbürgen und Rumänien und im Frühjahr 1918 nach Frankreich zur letzten Offensive. Der gute Geist, der die Division auf diesem blutigen Wege stets auszeichnete, führte dann schon kurz nach dem Kriege zu einem festen Zusammenschluß. Die örtlichen Ausschüsse, die den Divisionstag oorbereiten, sind bereits seit einiger Zeit gebildet und haben ihre Arbeit ausgenommen. Meldungen an Kamerad Fischer, Gießen, Neue Bäue 29. lieber Unterkunft und Verpflegung gibt Kamerad Noll, Gießen, Lindenplatz 5, Auskunft.
Am Sonntag Sporttag des BDM.
Immer wieder haben wie in den letzten Wochen von unseren Sportstunden erzählt, haben auf die Bedeutung gerade dieses Teiles unserer gesamten Jugenderziehungsarbeit hingewiesen, von der Hans S ch e m m sagt, daß sie Nationalsozialismus aus» gerichtet auf Jahrhunderte sei. Am Sonntag soll die effentlichkeit erkennen, daß wir Mädel frisch und gesund und froh sind und gekräftigt und widerstandsfähig gemacht durch unseren Sport, von dem wir am Sonntag einen Ausschnitt zeigen.
Wir geben nachstehend einmal einen kurzen Ueberblick über das Programm unseres Sporttages, das für die 18 Untergaue gleich ist.
1. Fahnenhissen; 2. Körperschule (BDM.); 3. Bo- denturnen (IM.); 4. Mannschaftsmehrkampf
(BDM.); 5. Spiele. Pause. 6 .Seilübungen; 7. Mannschaftskampf (IM.); 8. Volkstanz; 9. Fahneneinholen.
Zur gleichen Zeit werden Tausende von BDM.» Mädeln in Hessen-Nassau auf den Sportvlätzen der einzelnen Unteraaue versammelt sein und die gleichen Uebungen durchführen. Tausende von Mädeln werden damit erneut beweisen, daß wir eine feste Einheit sind, in die auch die dunkelsten Dunkel- mäner keinen Keil treiben können. Wir hoffen, daß alle Eltern und alle Parteigenossen am Sonntag ihre Verbundenheit mit dieser geeinten deutschen Jugend beweisen und den Tag mit uns auf den Sportplätzen erleben.
Ruderklub „Hassia^ baut ein neues Bootshaus.
Der Gießener Ruderklub „Hasiia" trägt sich feit geraumer Zeit mit der Absicht, auf dem von ihm gepachteten Gelände an der Layn ein neues Bootshaus zu errichten. Der Plan hat in letzter Zeit greifbare Gestalt gewonnen und es ist damit zu rechnen, daß mit dem Bau in aller Kurze be» gönnen wird. Nach den Plänen des hiesigen Architekten Seifert, dem auch die Bauleitung übertragen ist, wird ein holzverschaltes Fachwerkgebäude errichtet, das einen großen Wirtschaftsraum, ferner ein Dorstandszimmer, eine Küche und die notwendigen anderen kleinen Räume enthalten soll. Der Bau wird nur zu ebener Erde aufgeführt und wird unmittelbar rechts neben die große Bootshalle zu stehen kommen. Neben diesem Bauvorhaben, das einen beachtenswerten Beitrag zur Arbeitsbeschaffung darstellen dürfte, will der Ruderklub „Hassia" auch noch eine Halle für die Unterbringung der Paddelboote der Mitglieder des Vereins schaffen.
Aus dem Zuchthaus entwichen
In der vergangenen Nacht ist der 45jährige Otto Lippert aus dem Zuchthaus Marienschloß entwichen. Lippert, aus dem Vogtland gebürtig, hat eine Zuchthausstrafe von fünf Jahren zu verbüßen. Die Nachforschungen nach dem Entwichenen sind im Gange.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 29. Aug. Auf dem heuttgen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,40 bis 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier (inländische) 12, Wirsing, das Pfund 15 bis 20, Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut 15 bis 20, Gelbe Rüben 10 bis 15, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20, Römischkohl 6 bis 10, Bohnen (grün) 15 bis 20,
(gelb) 20 bis 25, Erbsen 30 bis 35, Tomaten 15 bis 20, Zwiebeln 10 bis 15, Rhabarber 8 bis 10, Kartoffeln 4Vz bis 5 Pf., der Zentner 4 bis 4,50 Mark, Frühäpfel, das Pfund 15 bis 45 Pf., Falläpfel 6 bis 10, Pfirsiche 45 bis 50, Brombeeren 45 bis 50, Preiselbeeren 45, Birnen 15 bis 35, Zwetschen 15 bis 20, Mirabellen 25 bis 30, Renekloden 25 bis 30, junge Hähne 80 bis 90, Suppenhühner 70 bis. 80, Tauben, das Stück 60, Blumenkohl 10 bis 70, Salat 5 bis 12, Salatgurken 5 bis 20, Einmachgurken 1 bis 3, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 10, Lauch 5, Rettich 5 bis 20, Suppengrünes 5 bis 10, Radieschen, bas Bündel 8 bis 15 Pf.
Bornofijen.
— Tageskalender für Donnerstag: NSG. „Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr für jüngere und 21 bis 22 Uhr für ältere Frauen Fröhliche Gymnastik und Spiele, Lyzeum (Damm- straße); 16 bis 18 Uhr: Allgemeine Körperschule auf dem Universitätssportplatz am Kuaelbera. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Mach mich glücklich".
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** Probealarm der Feuersirenen. Am kommenden Samstag, 31. August, werden um 15 Uhr die Feueralarm-Sirenen zu einem Probe- alarm in Tätigkeit gesetzt. Zu einer Beunruhigung liegt also fein Grund vor.
Schöffengericht Gießen.
Der H. P. aus Hungen wurde an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von zehn Tagen zu 100 Mark Geldstrase und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt. In einem Rechtsstreit vor dem Amtsgericht Nidda versicherte der Angeklagte in der Sitzung vom 27. November 1934 zu Protokoll an Eides Statt, er fei wegen feines gesamten Lebensunterhaltes ausschließlich auf feinen Sohn in Frankfurt angewiesen und habe weder ein Einkommen aus Geschäftstätigkeit, noch aus irgendeiner Kapitalanlage. Tatsächlich wurde jedoch festgestellt,
daß der Angeklagte, wenn auch ht geringem Ums fang, Einnahmen aus einer Pension hatte.
Wegen eines Verbrechens der schweren Urkundenfälschung und weiter eines Vergehens nach 8 24 Absatz I, Ziffer 1 des Kraftfahrzeugverkehrs-GefetzeS wurde der I. W. aus Ostheim zu einer Gesang, nisstrafe von drei Monaten und zu einer Geldstrafe von 50 Mark verurteilt, die im Unein- bringlichkeitsfalle mit fünf Tagen Gefängnis zu verbüßen ist. Der Angeklagte war im Besitze eines Fahrscheines der Klasse 3b und I. Um seine Stelle, in der er einen Lastwagen zu führen hatte, nicht zu verlieren, trug er mit Tinte die Klasse II in den Fahrschein ein und zeigte ihn auch anläßlich einer Kontrolle durch einen Gendarmeriebeamten vor.
Das Gericht hatte sich ferner mit dem schweren Derkehrsunfall in Vilbel zu befassen, der sich am 28. März d. I. zutrug. Angeklagt waren der Adam Ullrich aus Weingarten und der Karl Weis- brod aus Lustadt. Ullrich wurde, obwohl er keinen Führerschein hatte, von W e i s b r o d beauftragt, dessen Fernlastzug zu führen. Am 28. März d. I. kam Ullrich mit seinem Lastzug mit großer Geschwindigkeit von Frankfurt und fuhr die nach Vilbel führende abschüssige Straße hinunter. Da er seinen Wagen nicht rechtzeitig zum Stehen bringen konnte, rannte er mit voller Wucht gegen eine Hauswand und verletzte ein 12jähriges Mädchen, das in der Nähe stand, tödlich. Das Gericht verurteilte Ullrich zu vier Monaten Gefängnis und 100 Mark Geldstrafe, die im Uneinbringlichkeitsfalle mit zehn Tagen Gefängnis zu verbüßen ist, und den Angeklagten Weisbrod zu 3 00 M k. Gelöst r a f e, eventuell 30 Tagen Gefängnis.
Wegen Beleidigung der Beamten des Polizei» amtes in Bad-Nauheim und einer Sammlerin des Winterhilfswerkes wurde der Peter Schmautz aus Bad - Nauheim zu drei Monaten Ge« f ä n g n i s und in die Kosten des Verfahrens verurteilt. Außerdem wurde den Beleidigten die Publikationsbefugnis nach § 200 StGB, zugesprochen.
Obecheffen.
Landkreis Gießen.
l Lollar, 28. August. Die Brücke in der Lumda st raße, die unter dem Umleitunasver- kehr während der Pflasterung der Hauptstraße im vorigen Sommer stark gelitten hatte, befand sich in sehr schlechtem Zustande, so daß eine Ausbesserung dringend nötig war. Gegenwärtig werden die Renovierungsarbeiten ausgeführt. Nach ihrer baldigen Vollendung wird die Brücke dem Verkehr wieder in vollem Umfange zugänglich fein.
# Lang-Göns, 28. Aug. Der lange Jahre im Gebrauch gewesene Gemeindebrunnen in der Obergasse, der immer reichliche Wassermengen auswarf, hat nunmehr eine neue Fassung erhalten, damit bei einem ausbrechenden Brande genügend Wasser vorhanden ist.
8. Lang-Göns, 28. August. Die Dreschmaschinen, zur Zeit sind hier drei in Tätigkeit, die vierte wird erwartet, haben ihren Stand im Felde, wo nur Vordrüsche vorgenommen und das Getreide der sog. kleinen Landwirte ausgedroschen wurde, verlassen und wandern nun von Hof zu Hof der Bauern. Sie werden wohl bis etwa Ende Oktober Arbeit haben. — Zur Zeit läßt die Gemeinde eine größere Ausbesserung am Backhaus in der Hundstaatenstraße vornehmen, da sich dort zahlreiche Mängel gezeigt hatten. Ein neuer Schornstein wurde bereits gesetzt, ebenso werden die Fenster erneuert. Der Backofen selber wird mit Hilfe eines Fachmannes (aus Amorbach) neu hergerichtet. Wie man hört, soll auch das Back- haus in der Mohrgasse demnächst einer gründlichen Revision unterzogen werden. In unserem Dorf sind drei Gemeindebackhäuser, die zu jeder Tageszeit stark in Anspruch genommen werden. Wie anderorts, so sind auch hier an den Backhäusern und an dem Rathaus große quadratische
H o l z s l ä ch e n zum Aufkleben von Plakaten angebracht worden. Hoffentlich verschwinden nun auch die verschiedenen Blechschilder an Scheunen und Wohnhäusern, die das Bild des Dorfes und der Landschaft verschandeln.
4- Grünberg, 28. Aug. Etwa 30 Weins bauern aus Gründ erg in Schlesien, die auf einer Besichtigungsreife nach den Weinbaugebieten am Rhein und der Pfalz begriffen sind, machten am Dienstagnachmittag kurze Rast in unserer Stadt. Sie wurden von Bürgermeister Wagner begrüßt, der ihnen auf einem Rund- gange die Hauptsehenswürdigkeiten unserer Stadt
Lustschutz ist wahre Volksgemeinschaft.
zeigte. Der Führer der Gäste aus Schlesien dankte für die Aufnahme und überreichte zwei Flaschen echten „Grünberger", wobei er erwähnte, daß der Grünberger Wein besser sei, als ihn der Volksmund gewöhnlich hinstelle. Er wies noch auf zwei Vorkommnisse der letzten Jahre hin, die durch den gleichen Namen der beiden Städte bedingt waren. So habe die vor drei Jahren in Grünberg ange- meldete Einquartierung, für deren Empfang hier schon alles vorgerüstet war, das unvorbereitete Gründern in Schlesien erhalten, dagegen fei eine 5000-Dollar-^Erbschaft aus Amerika, auf die man bei ihnen gehofft habe, nach Grünberg in Hessen gekommen. Als Merkwürdigkeit konnte noch fest- gestellt werden, daß beide Städte im Jahre 1922 ihr 70l)jähriges Stadtjubiläum begehen konnten.
* Hungen, 29. August. Bei guter Gesundheit können am morgigen Freitag Herr Wilh. Kuhn I. und Frau Wilhelmine, geb. Kempf, das Fest der goldenen Hochzeit feiern.
Zu jedem kommt einmal das Glück.
Vornan von Ellen Kulm
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sein Herz war voll Hoffnung! Alles Zweifeln war von ihm abgefallen. Die Worte seines Freundes Rolf Werder hatten doch einen Widerhall in ihm erweckt und ihm die rechte Sicherheit seines Entschlusses geraubt. Aber jetzt war er wieder davon überzeugt, daß alles so kommen würde, wie er es sich gedacht hatte. Die Tochter des Majors von Jnnemann — ober keine!
Und doch sagte ihm nichts in seinem Herzen, als er an einem großen, prächtigen Wagen, der im Hunbertkilometer-Tempo bahinstürmte, vorbeiiuhr, daß soeben das Mädchen, an das er mit allen Wünschen dachte, darin saß. Seinem aufmerksamen Auge entging allerdings nicht, daß dies ein besonders schöner, schnittiger Wagen der teuersten Marke war. Aber damit war er auch schon vorbei, und seine Gedanken wandten sich von neuem seinem Fahrziel zu. —
Zwei Stunden später saß er in dem dämmerigen Wohnzimmer dem Ehepaar von Rieders gegenüber. Unter feiner braunen Haut konnte man nicht erkennen, wie fahl er geworben war.
Er hatte keine Gelegenheit gehabt, seine wahren Pläne dem Ehepaar von Rieders auseinanderzu- setzen. Es hatte genügt, daß er sich als Regimentskamerad des verstorbenen Majors entpuppt hatte, der gekommen war, um dessen Tochter ken- nenzulernen, um ihm das Herz der Ehegatten zu erschließen. Das Herz und auch das Vertrauen der beiden alten Leute, die sich nicht enthalten konnten, über Monikas Undank bitter zu klagen. So viele Jahre hatten sie sie liebevoll betreut, und sie hatte auch nicht eine Stunde länger gewartet, um sie zu verlassen, als sie mußte. Gerade heute an ihrem einundzwanzigsten Geburtstage hatte sie ihnen ihren Entschluß mitgeteilt, mit einer «xotifchen alten Amerikanerin auf Reisen zu gehen.
Diese Dame und ihr Sohn waren einfach vorgefahren, hatten Monikas Gepäck aufgelaben, und fort waren sie gleich darauf. —
Hätte Friedrich von Gerling Gelegenheit gehabt, mit Lotte Hartenberg ober ihrem Gatten zu sprechen, so hätte er es etwas anders gehört.
Monika hatte freilich ihren festen Entschluß mitgeteilt, aber sie hatte es bescheiden getan und hatte ihre Verwandten gebeten, Frau Klinke ms Haus bitten zu dürfen, damit man sich gegenseitig kennenlerne
Aber Frau von Rieders hatte ihren Wunsch schroff zurückgewiesen.
„Wenn du uns verlassen willst, kaum daß wir nach dem Gesetz die Macht verloren haben, d.ch zu halten, so kannst du es tun. Dann interessiert es mich aber auch nicht weiter, wohin zu gehst..."
„Aber Tante, sieh sie dir doch an! Ich werde endlich Gelegenheit haben, mein Brot zu verdienen, euch nicht mehr zur Last zu fallen."
„Du bist, uns niemals zur Last gefallen", sagte Frau von Rieders eisig. „Die einzige Tochter meines teuren Bruders wird immer unter meinem Dache ein Heim haben. Allerdings nur, solange sie nichts tut, was den reinen Namen Jnnemann nicht schändet. Ob es für eine Jnnemann das Richtige ist, bei einer emporgekommenen Amerikanerin Zofe zu spielen ..."
„Aber Tante, Frau Klinke ist eine Deutsche, die durch die ehrliche Arbeit ihres Lebens gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann ein Vermögen erworben hat. Sie ist trotz ihres Reichtums einfach und bescheiden, und ich soll ihr Gesellschaft leisten; sie. ist sehr viel allein, denn ihr Sohn...
„Don dem Sohn will ich überhaupt nicht reden. Es gehört sich meiner Ansicht nach überhaupt nicht, daß du jetzt ständig mit einem verwöhnten Millio- närssöhnck)en, bas dem lieben Hergott den Tag ab-
„Aber Tante! Frau Klinkes Sohn ist ein sehr fleißiger Student. Er arbeitet gerade an feiner Doktorarbeit. Er hat überhaupt für nichts anderes Sinn als für feine Arbeit."
„Woher weißt du das denn so gut? Hast du dir vielleicht schon überlegt, daß es nicht so einfach sein wird, den jungen Mann einzufangen?"
„Sprich nicht weiter, Tante! Du hast kein Recht, so mit mir zu sprechen, fyabe ich dir jemals Grund gegeben, anzunehmen, daß ich..."
„Meine liebe Monika, du hast uns keinen Grund geben können, denn ich habe dich so behütet, wie ich es deinem Vater versprochen habe. Leider sehe ich, daß es mir nicht gelungen ist, dir auch jene wah- ren Grundsätze einzupflanzen, die deinen Vater und mich unser Leben lang geleitet haben. Aber ich weiß ja wohl, von wem du es hast..."
Sie brach ab. Aber auch jetzt hatte Monika sie wieder verstanden.
„Du hast schon einmal etwas gegen meine Mut- ter sagen wollen. Und ich wünschte wohl, du hät» test den Mut, alles zu sagen, was du ihr vorwirfst. Dann wüßte ich doch wenigstens die Wahrheit. Aber das eine weiß ich, was immer man meiner .mutter Dcrroirft, und was immer sie getan haben soll — lch weiß, daß sie der beste und edelste Mensch war. d-r \e gelebt hat. Ihr Bild lagt es mir, und kein Mensch wird mir ihr Andenken in den Staub zerren.
Und ohne einen weiteren Blick auf Frau von Rieders zu werfen, verließ Monika das Zimmer und ging hinauf in ihr Stübchen, um ihre restlichen
Sachen zusammenzulegen. Ihre Hände flogen, und Tränen des Zornes und der Empörung liefen über ihr Gesicht.
Heute morgen noch war sie aufgewacht und hatte den Tag, an dem sie mündig wurde, mit seltsamer Weihe empfunden. Und sie hatte auch lange am Fenster gestanden und hatte den vertrauten Anblick der Landschaft mit tiefer Rührung in sich ausgenommen. So viele Jahre ihres Lebens hatte sie hier verbracht. Und waren es auch keine glücklichen Jahre, so war sie doch geborgen gewesen vor den Stürmen des Lebens.
Und sie hatte sich vorgenommen, den beiden alten Verwandten, die es in ihrer Art doch wohl gut mit ihr gemeint hatten, herzlich zu danken. Es sollte kein Abschied fürs Leben werden, wenn sie jetzt mit den Klinkes in die Welt ging.
Fetzt aber empfand Monika, daß dies nicht nur eine Trennung war, sondern auch ein Bruch. Sie legte vorsichtig und behutsam als letztes die Bilder ihrer geliebten Eltern in den Koffer. Dann verschloß sie ihn und ging mit hartem Gesicht hinunter, um sich zu verabschieden.
Um das Gesicht des alten, wortkargen Rittmeisters zuckte es wohl, als ihm feine Nichte die Hand reichte. Er hätte gern ein gutes Wort gesagt, aber er wagte es nicht vor den fest zusammen- gepreßten Lippen feiner Frau. — •
Der Rittmeister saß auch jetzt schweigend daneben, während seine Frau wortreich dem Besucher über Monika klagte. Friedrich von Gerling mußte sich zwingen, zuzuhören. Die Enttäuschung hatte ihn zu tief getroffen. Warum hatte er auch fo genau sein wollen und erst an* *Monikas Geburtstag erscheinen? Wäre er gestern gekommen oder wenigstens heute früh! Vielleicht hätte er dann diese Abreise verhindern können. Aber hätte er es auch sollen? Vielleicht war auch das eine Fügung des Schicksals. Er erinnerte sich der zweifelnden Worte Roll Werders.
„Wir haben sie nicht gefragt, wohin sie reift. Aber wenn sie uns Nachricht gibt, wollen wir Sie gerne verständigen, Herr von Gerling."
In diesem Augenblick klopfte es, und Lotte Hartenberg trat ein.
Erstaunt betrachtete sie den Besucher. Einen so gut aussehenden jungen Mann hatte sie noch nie bei Rieders angetroffen.
Schnell wurden die beiden bekannt gemacht. Und Lotte erfuhr den Grund von Gerlings Kommen. Er wollte Monika kennenlernen, die Tochter feines Majors, dem er sich zu lebenslänglichem Danke verpflichtet fühlte.
Lotte heftete ihre großen, aufmerksamen Augen auf Gerling. Aber von dessen undurchdringlichem Gesicht war nichts abzulesen. Und doch — Lotte wäre keine junge Frau gewesen, wenn sie sich nicht ihre Gedanken gemacht hätte. Wie schade, daß Monika gerade heute die Heimat verlassen hatte! Lotte kannte Monika gut genug, um zu wissen.
daß Gerling ihr gut gefallen hätte. Und aus Persien kam er, wo er Eisenbahnen baute. Nun, das war romantisch genug!
Sie dachte angestrengt nach, wie sie Gerling allein sprechen könnte. Endlich schien sich ihr Gelegenheit zu bieten. Der Besucher stand auf und bat, sich verabschieden zu dürfen. Auch Lotte erhob sich schnell, obwohl sie sah, daß Frau von Rieders noch gern mit ihr gesprochen hätte.
„Ich muß nach Hause. Erich braucht mich in seiner Ordinatton. Heute ist Markttag, da ist be* sonders großer Betrieb bei uns.
Sie ging neben dem hochgewachsenen Gerling durch den kleinen Vorgarten. Sein hübscher, kleiner, vor Neuheit blitzender Wagen stand draußen.
„O ja, der ist hübsch!" sagte Lotte und sttich liebkosend über den Kühler. „Wir haben nur so einen ganz, ganz alten Opel. Zieht aber auch noch brav."
Sie hätte so gern das Gespräch auf Monika gebracht, aber Gerling sah starr geradeaus.
Da kam Lotte ein Einfall. „Würden Sie mich nach Hause bringen?"
„Gern. Sie müssen mir nur den Weg zeigen."
Und kaum war sie neben ihn in den Wagen gestiegen, entschloß sie sich, zu handeln.
„Es tut mir so leid , sagte sie, „daß Sie Mo- nika nicht angetroffen haben. Und Sie dürfen nicht auf die Rieders hören. Sie sind sehr verbittert, aber auch Monika hat es nicht leicht gehabt bei ihnen. — Steigen Sie doch ein bißchen bei uns aus. Mein Mann wird sich freuen, Sie kennenzulernen. Und dann möchte ich Ihnen gerne Bilder von Monika zeigen. Wenn Sie sie doch als Kind gekannt haben ..."
Eine Viertelstunde später saß Gerling auf der Veranda des Doktorhauses, und Lotte hatte einen Stoß kleiner Amateuraufnahmen vor ihm ausgebreitet und hatte ihn dann allein gelassen, um in bic Ordinatton des Doktors hinüberzuschauen.
Gerling aber freute sich, daß er Gelegenheit hatte, die Bilder allein anzusehen. Mit Herzklopfen be- trachtete er eines nach dem andern, und die reizende Erscheinung Monikas erfüllte ihn mit Entzücken. Da waren noch Bildchen, auf denen Monika die langen blonden Zöpfe über die Ohren hingen: spater sah er sie mit ihrem schlichten Knoten, meist in ländlichen Sommerkleidern.
Er konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, aber er hatte - das Empfinden, daß Monika genau 1° ®ar» wie er sie sich vorgestellt hatte.
„Nun, wie gefällt Ihnen Monika? Lied ist sie — nicht?"
Ritt einem schnellen Griff raffte Lotte das Päckchen zusammen und schob es ^ur Seite. Sie ba» werke es nicht, daß eines der Bilder zur Erd» glitt.
„Und was werden Sie nun tun, Herr Ingenieur? Wie lange dauert Ihr Heimaturlaub? Und was haben Sie für Pläne?" (Fortsetzung folgt)


