führten und 7600 Tonnen auf die Talfahrten entfallen. Zu bemerken ist, daß die Verfrachtung im Berichtsmonat die gleichen Monate der Vorjahre um ein Beträchtliches übertraf, zumal die Schiffahrt durch winterliche Einflüsse nicht bsGindert war.
Die Jahresbilanz schließt mit 115 372 Tonnen ab und übertrifft das Jahr 1933 weit mit 86 811 Ton- nen. Im Jahre 1931 wurden 105 482 und 1932 insgesamt 84 072 Tonnen verfrachtet. Somit hat die Lahnschiffahrt den kräftigen Auftrieb beibehalten, der im zweiten Halbjahr 1932 bereits zu verzeichnen war. Den Hauptanteil an den Beförderunas- ziffern hat die Kalkindustrie zu verzeichnen. In Schiffahrtskreisen nimmt man an, daß die fortschreitende Verbesserung der Be- und Entladeeinrichtungen eine noch größere Nutzung des Wasserweges nach sich ziehen wird.
Vornolizen.
— Tageskalender für Montag: NS.- Frauenschaft, Ortsgruppe Gießen-Nord, 20.15 Uhr, im Großen Saal des Caf6 Ebel, Burggraben: Ortsgruppenabend. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ich sehne mich nach Dir". — NSBDT. (früher KDAJ.), 18.15 Uhr, im Hörsaal des Geologischen Instituts der Universität, Braugasse 7b, Vortrag von Professor Dr. Hummel über „Die Phosphorsäure-Versorgung Deutschlands". — Schüt- zenverein: 20 Uhr Becherschießen.
** Von der Universität. Von der Presse- stelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
1. Jeder Student, der Mitglied der Deutschen Studentenschaft und an einer deutschen Hochschule voll eingeschrieben ist, muß zum Sommersemester 1935, das am 1. April 1935 beginnt, beim Belegen die Ableistung der studentischen Arbeitsdienstpflicht nachweisen. Von dieser Bestimmung sind nur die Ausländsdeutschen ausgenommen. Alle saarländischen Studenten sind zur Ableistung der studenti- schen Arbeitsdienstpflicht nicht verpflichtet, sie können aber freiwillig daran teilnehmen. Urlaubsserne- fter werden in keinem Falle angerechnet.
2. Alle Studenten im 1. bis 7. Semester an den Universitäten, soweit sie ihrer Arbeitsdienstpflicht bisher noch nicht genügt haben bzw. nicht davon befreit waren und nicht im Besitze eines ordnungsgemäß ausgefüllten Pflichtheftes der Deutschen Studentenschaft sind, müssen ab 1. April 1935 ein halbes Jahr Arbeitsdienst leisten.
3. Laut Verfügung des Reichserziehungsministeriums vom 19. Dezember 1934 waren zunächst für das am 1. April 1935 beginnende Sommersemester sämtliche Erstimmatrikulationen an den deutschen Hochschulen gesperrt. Durch eine erneute Verfügung von 14. Jan 1935 — UJA. Nr. 40 — dürfen an sämtlichen deutschen Hochschulen Abiturienten und Abiturientinnen die Erstimmatrikulationen zum 1. April 1935 vornehmen, die die Ableistung einer halbjährigen Arbeitsdienstzeit nachweisen bzw. davon befreit waren und im Besitz eines ordnungsgemäß ausgefüllten Arbeitsdienstpflichtheftes der Deutschen Studentenschaft sind.
4. Alle unter 1 aufgeführten arbeitsdienstpflichtigen arischen Studenten haben sich bis zum 13. Februar bei den örtlichen Aemtern für Arbeitsdienst und Vorlegung ihrer studentischen Ausweiskarte und eines Lichtbildes zu melden.
5. Eine Eintragung in Stammrollen wie bisher findet nicht mehr statt. Jeder Student erhält vielmehr gleichzeitig mit dem Pflichtenheft eine rote Karte 'ausgehändigt, durch die jeder arbeitsdienst- pflichtige Student aufgefordert wird, sich in der Zeit vom 15. Februar bis 1. März 1935 bei dem Meldeamt für den Arbeitsdienst am Hochschulorte oder an feinem Heimatorte unter Vorlegung des Pflichtenheftes zu melden. Die Meldeämter des Freiwilligen Arbeitsdienstes nehmen nur bei Vorlegung des ordnungsgemäß ausgefüllten Pflichtenheftes die Meldung Der Studenten entgegen. Die arbeitsdienstpflichtigen Studenten werden in der Zeit vom 1. März bis 1. April 1935 zur Unter-
Privatdozent Dr. Gerhard Schiedermair aus Bonn wurde für das Wintersemester 1934/35 mit der Vertretung der durch die Berufung von Professor Bötticher nach Heidelberg frei gewordenen außerordentlichen Professur für Bürgerliches Recht, Arbeits- und Zivilprozeßrecht an der Universität Gießen beauftragt.
** Ein Siebzigjähriger. Herr Heinrich Weber, Riegelpfad 90, kann am morgigen Dienstag, 29. Januar, in voller Rüstigkeit feinen 70. Geburtstag begehen. Der Jubilar ist langjähriger treuer Leser des Gießener Anzeigers.
** Beider Arbeit schwer verunglückt. Heute früh zwischen 8 und 9 Uhr ereignete sich in der Eisenbahn-Betriebswerkstätte des hiesigen Bahnhofs ein schwerer Unglücksfall. Der 39 Jahre alte Reichsbahnschlosser Adam Hahn aus Ruttershausen war mit Arbeiten auf einer Lokomotive beschäftigt. Dabei stürzte der Mann so unglücklich von der Maschine ab, daß er mit dem Kops voran schwer auf den Boden aufschlug. Der Bedauernswerte mußte mit schweren Schädelverletzungen und Fleischwunden am Kopfe von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz nach der Chirurgischen Klinik verbracht werden.
*♦ Freie Lehrer stelle Erledigt ist eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer an der Volksschule in Bersrod (Kreis Gießen). Bewerber müssen seit mindestens 8 Jahren die Prüfung abgelegt und eine Anwärterdienstzeit von mindestens fünf Jahren zurückgelegt haben.
suchung aufgefordert und erhalten ihre endgültige Einberufung zum 1. April 1935.
6. Zurückstellungen vom studentischen Arbeitsdienst 1935 erfolgen in keinem Falle.
Befreiungen von der Arbeitsdienstpflicht 1935 können in folgenden Fällen durch alleinige Entscheidung des Amts für Arbeitsdienst der Deutschen Studentenschaft vorgenommen werden:
1. Wer am 1. April 1935 das 25. Lebensjahr vollendet hat, wird befreit.
2. Wer laut Ergebnis der Untersuchung durch den Arbeitsdienstarzt dienstuntauglich ist, wird befreit.
3. Wer sich in einer besonderen wirtschaftlichen Notlage befindet, kann befreit werden.
4. Wer besondere Gründe hat, besonders wer seit langem in der nationalsozialistischen Bewegung und der Studentenschaftsarbeit steht und unabkömmlich ist, kann befreit werden.
In den Fällen 1, 3 und 4 müssen die Anträge schriftlich zur Befreiung bei den örtlichen Aemtern für Arbeitsdienst bis zum 8. Februar eingereicht werden. Die Anträge bedürfen in jedem Falle amtlicher Unterlagen. Die Aemter für Arbeitsdienst leiten die Anträge mit Stellungnahme bis zum 10. Februar an das Amt für Arbeitsdienst der Deutschen Studentenschaft zur Entscheidung weiter.
Im Falle 2 der Dienstuntauglichkeit hat der arbeitsdienstpslichtige Student das Pflichtenheft nach der Untersuchung mit der Eintragung des Arbe^tsdienstarztes über die Dienstuntauglichkeit (Eintragung erfolgt unter dem freien Raum für Bemerkungen) an das Amt für Arbeitsdienst Der Deutschen Studentenschaft umgehend zwecks endgültiger Befreiung einzureichen.
7. Mit dem Sommersemester, das am 1. April 1935 beginnt, kann an einer deutschen Hochschule nur derjenige studieren, der seiner Arbeitsdienst- pflicht genügt hat und im Besitze eines ordnungsgemäß ausgefüllten Arbeitsdienstpflichtenheftes der Deutschen Studentenschaft ist. Alle diejenigen, die Ostern 1935 oder später das Studium an einer deutschen Hochschule aufnehmen, haben vor Beginn desselben ein halbes Jahr Arbeitsdienst zu leisten. Diejenigen, die vor Ostern 1935 das Abitur bestanden haben und die im Herbst 1935 ihr Studium beginnen wollen, müssen sich bis zum 15. Februar 1935 unter Einreichung eings Lebenslaufes und Lichtbildes beim Amt für Arbeitsdienst der Deutschen Studentenschaft melden.
Zum Belegen an einer deutschen Hochschule benötigt jeder Student seit dem Sommersemester 1934 eine weiße oder gelbe Belegkarte des Amtes für Arbeitsdienst der Deutschen Studentenschaft.
Beim Belegen zum Sommersemester, das am 1. April 1935 beginnt, gelten nur noch die weißen Belegkarten. Diese Dürfen die Amtsleiter für Arbeitsdienst allein an diejenigen Studenten aushändigen, die durch Vorlage ihres ordnungsgemäß ausgefüllten Pflichtenheftes nachweisen, daß sie entweder ihrer Arbeitsdienstpflicht genügt haben bzw. befreit oder nicht mehr arbeitsdienstpflichtig waren.
8. A. Für neuimmatrikulierte <5 tu •
Am Freitag fand eine Sitzung der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, Abteilung Naturkunde, zusammen mit der Entornologen-Ver- etnigung Gießen-Wetzlar im Forstinstitut statt.
Dor der Tagesordnung führte Dr. Schmid vom Tierseucheninstitut eine Methode vor, mit Deren Hilfe — Durch künstliche VerDauung — Die Muskeltrichinen aus Den Muskeln rein gewonnen wer- Den können. Die reinen Trichinen werDen getrocknet, pulverisiert unD extrahiert. Der Extrakt wirD zur Feststellung eines Trichinenbefalls bei Mensch unb Tier mit verwanDt. In einem mikroskopischen Präparat konnte man Hunderte von abgetöteten Trichinen .ausgeringelt eine neben Der anDeren liegen sehen.
Hierauf hielt Professor Henneberg einen Vortrag über Schutztrachten im Tierreich. Zuerst stellte er ein System Der Schutztrachten auf unD teilte eine von ihm geschaffene Terminologie mit. SoDann berichtete er über Versuche, Die er in Der Absicht unternommen hat festzustellen, wie weit durch Abschrecktracht ausgezeichnete Insekten vor Hühnern tatsächlich geschützt sind. Es hat sich gezeigt, daß Hummeln, Wespen, schwarz-gelb geringelte Raupen (Kreuz-Krautspinner) geschützt sind, während dies für mit einer Abschrecktracht künstlich ausgestattete Maikäfer nur bedingt gilt.
Soiwnn sprach Prof. M. Din gl er übtzr „Lebensweise und Bekämpfung des Großen braunen Rüsselkäfers", der die größte Geißel unserer Wald- juaend und damit für die Forstwirtschaft ein ernsthaftes Problem dar stellt. Als ausgesprochener Kul- turschädling ist er Der „Kulturkrankheit" Tuberkulose vergleichbar, im Gegensatz zu Massenzerstörungen Der Wälder Durch Nonne oder Forleule, welche an die schweren, gelegentlich auftretenDen Epidemien,
Am 29. Januar 1935 jährt sich zum fünfzigsten Mal Der Tag, an Dem 53 Bürger von Gießen Den Sanitätsverein in einer Versammlung auf Lonys Bierkeller (heute Haus Der Arbeitsfront) ins Leben riefen.
Der GrunD Der (BrünDuna war Die mangelhafte Ausstattung Des neu erlaßenen Krankenversicherungsgesetzes. Dieses Gesetz rourDe am 15. Juni 1883 erlassen unD trat am 1. Dezember Desselben Jahres in Kraft. Es brachte Den Schutz Des Arbeiters bei Krankheit, schützte aber Die Familie nicht. So rourbe Der Sanitätsverein gegrünbet, Der bei geringem Beitrag feinen MitglieDern unD Deren Angehörigen freie Arzthilfe zusicherte.
Wie notwendig eine derartige Einrichtung war, zeigte, daß am 1. Februar 1885, also drei Tage nach der Gründung, die Mitgliederzahl von 53 auf 139 stieg. So stieg die Zahl der Anmeldenden bald auf über 700.
Im Jahre 1911 führte Die Reichsversicherungsord- nung Die Familienhilfe ein unD Die MitglieDerzahl sank entsprechenD.
Als Aerzte melbeten sich: Dr. Klein, H a u p t, Weber unD MarkwalD. Die Wahl fiel auf letzteren, Der auch bis zu seinem ToDe in 1907 tätig
Dentinnen, Die 1934 Das Abitur bestanden haben, gelten Die gleichen Bestimmungen.
Die Amtsleiter für ArbeitsDienft muffen daher zum Beginn der beiden Semester, Die am 1. April bzw. EnDe September beginnen, die Aushändigung der weißen Belegkarten vornehmen. Eine besondere Anweisung für Die AushänDigung Der weißen Be» legkarten erfolgt nicht mehr.
B. Für Die Studentinnen, welche vor 1934 das Abitur gemacht haben, besteht keine Arbeitsdienst- pflicht. Einberufungen auf Grund freiwilliger Meldungen Dürfen im Sommer keinesfalls erfolgen, Da die zur Verfügung stehenden Plätze ausschließlich für die Abiturientinnen 1935 vorbehalten bleiben.
wie Cholera und Typhus, erinnern. Aus der Biologie Des Insektes wird hervorgehoben, daß Der Käfer im Frühjahr und teilweise den ganzen Sommer hindurch seine Eier an unterirdische, im Ab- sterben begriffene Pflanzenteile (Stockwurzeln!) ab- legt, unter Deren Rinde Die Larve sich entwickelt, um ausgewachsen in einer ins Holz genagten Puppenwiege zu überwintern. Erst in Der warmen Zeit Des nächsten Jahres verpuppt sie sich, unD Der aus Der Puppenhülle geschlüpfte Käser überwintert hier abermals. Im Frühjahr Des zweiten Jahres erscheint er dann fressend (die 3- bis 6jährigen Bäumchen Durch Rindenfraß zerstörend) in Den Kulturen. Diese zweijährige Generation kann in besonders warmen Jahrgängen, oder in besonders günstigen örtlichen Lagen zu einer 1jährigen, ja "/«jährigen zusammen« schrumpfen. Der Vortragende gab weiter einen Ueberblicf über die verschiedenen, bisher gegen den „Rüsselkäfer" (so wird er kurzweg von den Forstleuten genannt) üblichen Bekämpfungsmaßnahmen (Fangrinden und -Hoben, Grohmcmnsche Brutgrube, Kisselsche Rüsselkäferfalle, Stockrodung und Schlagruhe). Zum Schluß kam er, nach kurzer kritischer Würdigung Der neuen Untersuchungen von Prof. Werner S ch m i D t in Eberswalde, auf dessen Versuche mit Hylarsol (Schering-Kahlbaum) zu sprechen. Dieses arsenhaltige Spritzmittel, das sich durch besonders gute Haftfähigkeit auszeichnet, soll die Käfer vom Fraß in den Kulturen abhalten, sucht also, trotz seines Giftgehaltes, im wesentlichen die Pflanze nur zu schützen, ohne den Schädling zu vernichten. Bevorstehende neue Versuche auch am Gießener Forstinstitut sollen in diesen wirtschaftlich so entscheidend wichtigen Fragen zu weiterer Klärung beitragen.
war. Von April 1886 ab kommt noch Dr. Haupt hinzu, während Herr Dr. Schliephake im Jahre 1890 eingestellt wird. Die Zahl der Aerzte stieg mit Der Anzahl Der Mitglieder. Heute stehen Dem Verein alle Gießener Aerzte, soweit sie Mit- glieD im wirtschaftlichen Verbände Der Aerzte sind, zur Verfügung.
Der erste Vorstand bestand aus: I. Bräuti - g a m 1. Vorsitzender, L. Schulze 2. Vorsitzender, A. Dock Rechner, W. F a n n e i Schriftführer, K. Bonnarius, L. Lüter, P. Fritze Beisitzer. Don diesen Mitgliedern des Vorstandes waren im Amt: I. Bräutigam 34 Jahre, K. Bonarius 27 Jahre und A. Bock 25 Jahre.
Mit Der ärztlichen Versorgung seiner MitglieDer machte Der Verein in seinen Leistungen nicht halt. BalD folgte ein Abkommen mit Den Apothekenbesitzern unD Der Drogerie Schaaf. Die schon früher bestandene Doktorkasse Der Tischler tritt geschlossen zum Sanitätsverein über. Der Verein schafft Badewannen, Wasser- und Luftkissen sowie Eisbeutel an und verleiht dieselben an die Mitglieder. Diese Tätigkeit nahm Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz später Dem Verein ab. Schneid- müller Euler, Der in seinem Betrieb eine Badegelegenheit geschaffen hatte, stellte Diese auch Den
Oie Durchführung -er fiu-eniischen Arbeiisdienstpflicht 1935.
ObecheUcheSeseWastsürAaillr-mdHeilkunde
Entomologen-Bereinigung Sießen-Wehlar.
SOLahre Sanitätsverein in Gießen.
Von Emil Simon.
Gedenkblati
für Ernst Moritz Arndt.
3u seinem 75. Todestage am 29. Januar. Von Klaudia Bort.
In Diesen historischen Tagen eines neuen deutschen Glaubenssieges an der Saar, Da freudiger Stolz in allen deutschen Landen umgeht, ist uns besonders nah, der schon vor mehr als hundert Jahren den Rhein als „Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze" prophetisch verkündete. Und wenn Die Glocken aufdröhnen und wuchten und jubeln über das befreite Saarland, welch schöneren, welch sinnvolleren Begleitklang könnte es geben zum 75. Todestag jenes deutschen Dichters, dessen Leben nichts war als ein hingebungsvolles Dienen, als ein währender Kampf für ein geeintes Deutschland. All die Jahre seines erfüllten und segensreichen Seins hat dieser Ernst Moritz Arndt, altem pommerschem Bauerngeschlecht erwachsen, nichts gewollt als Größe, Kraft und Einheit für jenes Deutsche Reich, das damals nur in feinen Träumen da war. Ehren und Ruhm und Anerkennung warf der junge Greifswalder Geschichtsprofessor von sich, Verbannung, Not und Ungewißheit nahm der kaum Dreißigjährige mit sieghafter Entschlossenheit auf sich, kein Elend schreckte ihn, kein Uebel konnte ihm etwas anhaben, stärker nur loderte in ihm seines geistigen Willens -Flamme. Die brannte hell und heiß in seinen Schriften und züngelte so jäh und loderte so hell, daß bald kaum noch ein Aufrechter in deutschen Landen war, her nicht vom Widerschein dieser Flamme erwärmt und heiß geworden wäre. Der, gegen den sich diese Glut immer weiter einfraß, hieß Napoleon, seine Fäuste unterdrückten gewaltsam deutsche Art, und so gewaltig war des Korsen Eroberungszug durch die Welt, daß es schier unmöglich schien, seinen Bann zu brechen. Ernst Moritz Arndt macht der Wider- stand nur kühner und trotziger, all seine Pfeile schleudert er wider den Gegner, und wenn sie auch noch abprallen an der Uebermacht, Arndt läßt nicht nach in seinem Kämpfen, bis er in der Verbannung, in Rußland, im Reichsfreiherrn v. Stein den Kameraden findet, der erfüllt, was er vorbe- reitet. Unerschütterlicher Glaube allein war es, der Arndt die Kraft gab, in einigen Flugschriften das zersplitterte deutsche Volk auszurufen für die Be- frciung, mit zäher Unbeirrbarfeit gelingt es Dem Pachterssohn aus Rügen, aus Dem Nebeneinander winziger Meiastaotörr dis deiUM Slatina za MÜLL,
Ob er für die Freiheit des Bauernstandes kämpft. Den dieser Enkel ehemaliger Leibeigner als die wichtigste Grundlage des Staates erkennt, ober ob er in seinen Gedichten dichterische Kraft mit einer einmaligen volksliedhaften Schlichtheit eint, ob er in seinen Märchen altes Volksgut neu gestaltet oder in seinen geschichtlichen Werken die große deutsche Vergangenheit vorbildhaft erstehen läßt, immer ist es das Wahre, Echte und Große, für das Ernst Moritz Arndt kämpft. Nie können Kleinlichkeiten noch Vorurteile dieses Mannes stolzes Deutschsein irremachen, und wenn auch eine hochnotpeinliche Untersuchung nach der anderen in bitteren Jahren seine Vaterlandsliebe auf schwerste Probe stellt und wenn er auch Jahrzehnte hindurch feines Amtes als Universitätslehrer entsetzt bleibt, weil niedriges Denunziantentum an Der Reinheit seiner Ideen zu zweifeln wagte. Ernst Moritz Arndt läßt nicht nach in seinem Schaffen für Deutschland. Wenn auch zuweilen Wehmut ober Bitterkeit ihre Schatten über Dies mannhafte Dasein werfen, wenn Der frühe ToD seiner geliebten ersten Frau ihn erschüttert ober seines Knaben Wellentod im Rhein, was können alle persönlichen Leiben bedeuten gegenüber Der Gewißheit einer SenDung, gegenüber hem herrlichen Bewußtsein, bis zum letzten Atemzug Deutschlanbs getreuester Hüter zu sein. Solche Treue, solche Hingabe an Die höheren Werte der Nation wird Dann doch noch auf Erden gelohnt. Wieder ruft Die Bonner Universität den verehrten Lehrer, wieder Dürfen sich alle Deutschen zu ihm bekennen, wieder gibt Der König gebührende Ehre dem, der so standhaft in Glauben und Mut allem Unrecht standhielt. Und als nach langer Witwerschaft des Theologen Schleiermachers Schwester des fast Fünfzigjährigen Frau wird und eine Schar blühender Kinder sein Haus erfüllt, da läßt nach allem Kampf ein mildes und freundliches Alter dem Unermüdlichen Ruhe für fein historisches Werk.
Neunzig Jahre ist Ernst Moritz Arndt, als ihn Dank und Anerkennung Deutschlands in Ehrerbie- tung grüßt, und wenn auch noch ein Jahrzehnt hingeht, ehe seines flammenden Liedes Wunschtraum: „Was ist des Deutschen Vaterland?" die jubelnde Antwort wirb: bas ganze Deutschlanb ist es! und wenn auch dieser greife Hüter deutschen Seins schon all Die künftigen Gefahren vorahnt. Die noch Dem Reich erwuchsen, gewiß bleibt, daß für alle Ewigkeit fein Mahnruf m aller Deutschen Herz einging, gewiß ist, daß sein Name voll Verehrung genannt werden wird, solange der deutsche Rhein her deutscheste aller Ströme sein wirb.
Der Zungenschlag auf der Bühne.
Das Sichversprechen ist eine Gefahr, von Der auch Der geübte Schauspieler behroht ist, Denn her Mensch ist nun einmal keine Maschine, unD es gibt Worte unh Sätze, bei Denen Die Zunge nur zu leicht ausgleitet. Glücklicherweise bemerkt bas Publikum solche „Lapsus linguae" meist nicht. Die Mitspieler aber müssen sich Dann bas Lachen verbeißen ober Die eigene Dadurch entstandene Verwirrung zu meistern suchen. Wenn z. B. Das Dienstmädchen in einer Liebesszene hereinstürzt, um das in sein Glück versunkene Pärchen mit Den Worten: .Himmel, her Papa!" aufzuscheuchen und stattdessen ruft: .Hammel! Der Pipi!", so ist das ein ungewollter Witz, der ungeahnte Folgen haben kann. Schauspieler- Memoiren erzählen eine Fülle solch komischer Verdrehungen. So sagte in einer „Faust"- Aufführung Der Darsteller Des Wagner zu Faust, von Dem Pudel sprechend: „Ja, deine Gunst verdient er ganz und gar, er, Der Scholaren trefflicher Husar", mäh- renD er sagen wollte: „er. Der StuDenten trefflicher Scholar". WährenD Diese Verdrehung unbemerkt vorüberging, erregte ein Lapsus Des Walther Fürst in einer „Tell"-Aufführung unerwünschte Heiterkeit. So führte Walther Fürst in einer Tell-Aufsührung Den Knaben Tells an Attinghausens Sterbelager, um zu sagen: ,Herr segne ihn, er ist mein Enkel unD ist vaterlos." Der Darsteller Des Fürst aber sprach ftattbeffen mit Pathos: „Herr, segne ihn, er ist mein Vater unh ist finherlos." Der fterbenbe Attinghausen mußte lachen, während er die Hand ausstreckte, um den jungen kinderlosen Vater, her sehr erstaunte Augen machte, zu segnen. Im lieber- mut haben Schauspieler öfters versucht, ihre Mitspieler irgendwie reinzulegen, und dabei bemühte man sich auch, sie zum Sichversprechen zu bringen. Eine schwierige Stelle ist der Satz, mit hem her König in her „Jungfrau von Orleans" hie Szene betritt: „Der Connetable schickt sein Schwert zurück und sagt den Dienst mir auf!" Als der Darsteller bei einer Aufführung hinter den Kulissen auf fein Stichwort wartete, flüsterten ihm die anderen Schauspieler zu: „Der Komfortable schickt fein Pferd zurück." Aber der Mime sagte stolz: „Ihr könnt mich nicht Dumm machen..Doch als er auftrat, machte er Den Rittern Dunois unD Du Chatel Die schwermütige Mitteilung: „Der Costenable zwickt feinen Wert zurück..Im Hause bemerkte Das natürlich niemand, aber Die boshaften Kollegen amüsierten sich köstlich. Einmal wettete ein Sänger, daß er in der Wolfsschluchtszene des „Freischütz" bei her Beschwörung an Stelle des Satzes: „Das rechte Auge
„Das linke ist Luxus", ohne daß man es merke. Er tat es und gewann seine Wette.
Der Flieger von Byzanz.
Dem Menschen Des 20. Jahrhunderts, 6er fchon gewohnt ist. Das Flugzeug als ein selbstverständ- liches Verkehrsmittel anzusehen, fällt es schwer, sich in Die ersten Anfänge des Flugwesens zurückzuver- fetzen. Wenn die moderne Fliegerei auch erst vor wenigen Jahrzehnten begonnen hat, so hat es doch im Verlauf Der geschichtlichen Entwicklung nicht an früheren Versuchen Der Menschen gefehlt, sich dem ADler gleich in Die Lüfte zu schwingen und die Erdenschwere zu überwinden. Der Historiker Niketas Afominatos erzählt von einem unglücklichen Flugversuch, Den er im Jahre 1161 selbst mit angesehen hat und Den ein Sarazene unternahm, als Der SelDschuken-Sultan Kilibisch-Arslam II. Dem Kaiser Manuel Komenos in Konstantinopel einen Huldi- gungsbefudj abstattete. Der Mann kletterte auf Den Turm Des Hippodroms und erklärte, daß er die Rennbahn durchstiegen wollte. Er stand nun, so heißt es in Dem Bericht, wie am Start auf dem Turm, angetan mit einem sehr langen und breiten Gewände; das vermeintliche Kleidungsstück war weiß, und gebogene Weidenstäbe spannten den Stoff bauchig aus. Die Absicht des Sarazenen ging nun dahin, mit Diesem Gewände, wie ein Schiff mit seinem Segel, zu fliegen, indem Der Wind sich in Den Wölbungen fing. Aller Augen richteten sich nun auf ihn, sich Des Schauspieles freuend, und Die Zuschauer riefen oft: „Fliege, fliege!" und „Wie lange, Sarazene, willst Du uns Hinhalten unD Den Wind vom Turme abschätzen!" Der Kaiser aber schickte zu ihm, um ihn von Dem Wagstück abzuhalten. Der Sultan, Der sich unter Den Zuschauern befanD, schwankte zwischen Furcht unh Hoffnung wegen bes ungewissen Ausganges unb war um feinen Lands- mann besorgt. Dieser jehoch prüfte häufig ben Wind unb hielt Die Zuschauer hin, inDem er viele Male Die Arme erhob unb sie wie Flügel gebrauchenb zur Flugbewegung herabzog, um Den Winb aufzufangen. Als Dieser ihm nun zum Tragen günstig erschien, schwang er sich wie ein Vogel hin unD her und schien m Der Luft zu fliegen. Aber er war ein bedauernswerterer Luftfahrer als Ikaros: Als schwerer Körper zu BoDen geworfen, nicht wie ein leichter fliegenb, schlug er schließlich unten auf und gab feinen Geist auf, ha ihm Arme unb Beine und alle Knochen im Leibe gebrochen waren. Freilich fügt her alte Historiker dieser Schilderung bei, datz man ben Sarazenen anfänglich für einen Gaukler gehalten habe, daß er aber wohl em Selbstmörder


