Ausgabe 
27.11.1935
 
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Nr.2?r Viertes Blatt

Gietzener Anzeiger (Generai-Anzelger für Gberheffenj

rMttwoch, 2 i. November (935

Oberheffen.

Ein tragischer flnglücksfall

* Deckenbach (Kreis Alsfeld), 26. Nov. In unserem Orte ereignete sich am Freitag ein Un- gl ü ck s f a l l, der leider -schwerste Folgen nach sich zog. Der Lehrer der hiesigen Schule gab dem etwa neunjährigen Schüler Wilhelm Dörr als Strafe mit der Hand einen Schlag an den Kopf. Der Schüler, der sich durch eine rasche Handbewegung au schützen versuchte, dabei aber den Griffel in der Hand hatte, stieß sich mit dessen stumpfen Ende gegen den Kopf, so daß der Griffel dicht über dem Auge in das Gehirn eindrang. Der bedauernswerte Junge mußte in die Chirur­gische Klinik nach Gießen gebracht werden. Da sich mit der Verletzung gleichzeitig eine Infektion ein­stellte, verschlimmerte sich der Zustand des-Knaben zusehends. An einer Gehirnhautentzün­dung ist nunmehr heute morgen der bedauerns­werte Junge verstorben.

Landkreis Gießen

* Klein-Linden, 27. Nov. Die Radfah­rer v e r e i nigung Klein-Linden hielt in ihrem DerernslokalZur deutschen Eiche" eine Mitglieder­versammlung ab. Da schon einige Jahre eine grö­ßere radsportliche Veranstaltung der Vereinigung nicht mehr stattgefunden hatte, wurde beschlössen, eine Werbeveranstaltung größeren Stils abzuhalten. Diese Veranstaltung soll am kommenden Sonntag durchgeführt werden, um die Oeffentlichkeit mit den Schönheiten und Zielen des Radsportes bekanntzumachen.

CO Klein-Linden, 27. Nov. Am Dienstag­nachmittag wurde eines der ältesten Glieder unse­rer evangelischen Kirchengemeinde, der im 83. Le­bensjahre gestandene Eisenbahnarbeiter i. R. Kon­rad Schüler, zu Grabe getragen. Der Männer- gesangoereinArion" sang seinem langjährigen Ehrenmitglied letzte Grüße über das Grab; Ver­einsführer M ü l l n würdigte die Verdienste des Verstorbenen um den Verein und legte einen Kranz nieder. Für die Arbeitskameraden "von der Reichs­bahn, der der Verblichene über vier Jahrzehnte in Treue gedient hatte, sprach Herr L u h (Allendorf a. d. Lahn) unter Niederlegung eines Kranzes.

"Y Watzenborn - Steinberg, 26. Nov. Unser Ortsgeisrlicher, Pfarramtskandidat Wilhelm Gontrum bestand anfangs November vor dem Prüfungsausschuß in Darmstadt seine zweite theo­logische Prüfung und wurde am 10. d. M. in der Marktkirche zu Wiesbaden feierlich ordiniert. Pfarr­verwalter Gontrum hat sich durch sein unermüd­liches Wirken in unserer Geeminde das Vertrauen der Einwohner erworben. Dies zeigt sich u. a. in dem fleißigen Besuch der Gottesdienste und in dem ständigen Wachsen der kirchlichen Gemeinde. So hat sich z. B. die Evangelische Frauenhilfe, an deren Spitze Herr Gontrum steht, um 35 Mitglieder er­höht, so daß die Gesamtzahl jetzt 230 Mitglieder beträgt. Ferner hat er den Umbau der Pfarrscheune zu einem evangelischen Gemeindesaal eingeleitet, der in Zukunft den kirchlichen Verbänden zu ihren Veranstaltungen dienen soll.

§ Mainzlar, 26. Nov. Die Reichsgeld­sammlung für das Winterhilfswerk ergab in unserem Orte den Betrag von 48,20 Mark. Der ä l t e st e Einwohnern unseres Ortes, L. Schwalb, wurde dieser Tage in körperlicher und geistiger Frische 88 Jahre alt.

§ Staufenberg, 26. Nov. Insgesamt wur­den hier bei der Kartoffelsammlung rund 90 Zentner gespendet. Bei der Reichsgeld- s a m m l u n g für das Winterhilfswerk wurden 25,50 Mark gesammelt.

öp Weickartshain, 26. Nov. Der Betrieb der hiesigen Bergwerks-Gewerkschaft Louis e" ist schon längere Zeit vollkommen auf der Höhe. Es werden täglich zehn 20-Tonnenwogen durchschnittlich mit rein gewaschenem Eisenerz pro­duziert und mit der Eisenbahn verfrachtet. Die bau­lichen Anlagen in dem Nachbardorf Stockhausen

werden gegenwärtig abgerissen und nach Mücke transportiert, da dort ein neuer Waschbau nebst Gleisanschluß im Bau begriffen ist. Hierdurch ist vielen Arbeitern eine dauernde Beschäftigung ge­boten.

Kreis Friedberg.

pb. Butzbach, 26. Nov. Seit gestern ist die auf Beschluß des Stadtrats für die St. Markus- kirche beschaffte neue Kirchenuhr aufmon­tiert. Bereits im Jahre 1602 war auf dem Kirch­turm eine Uhr mit Schlagwerk angebracht worden, jedoch funktionierte das Schlagwerk unregelmäßig. Auf Veranlassung des Landgrafen wurde daher im Jahre 1724 eine neue Kirchenuhr beschafft, die ein damals weithin bekannter Uhrmacher Geiß aus Marburg anfertigte. Am 14. Januar 1724 wurde die Uhr unter den Bürgermeistern Nicolaus Marx und Johann Heinrich Heil, deren Namen in einem Flacheisenstab der Uhr eingehauen sind, in Gang gesetzt. Die neue Turmuhr wurde im Auftrag des hiesigen Uhrmachermeisters Jos. Haltmeier von der Firma Wenle in Bockenem (Harz) geliefert. Sie schlägt nicht nur die halben und die ganzen Stunden, sondern auch die Viertelstunden und zwar letztere auf den kleinen Glocken in Es und G und die volle Stunde auf der großen Glocke in C. Sie entspricht allen neuzeitlichen Bedingungen und wird elektrisch betrieben. Bemerkt sei noch, daß nunmehr nach allen vier Richtungen am Kirchturm Ziffer­blätter angebracht wurden, während bislang nur Zwei vorhanden waren. Die alte Uhr, die über 210 Jahre den Butzbachern die Zeit verkündete, wurde dem Altertumsmuseum überwiesen.

Kreis Büdingen.

t Nidda, 26. Nov. Der Kur- und Ver­kehrsverein Nidda - Bad Salzhausen hat die Gründung eines Heimatmuseums an­geregt. Beabsichtigt wird, Gegenstände der Kunst, des Kunstgewerbes, des Handwerks, Hausgeräte, Möbel, Bilder, Bücher, Waffen, Münzen, Doku­mente u. a. zu sammeln und geordnet zur ständigen

pferdezüchiertage für Heffen-Naffau.

Die ersten Körungen und Prämiierungen.

F r a n k f u r t a. M., 26. Nov. (LPD.) Am Diens­tag begann auf dem Gelände der Landwirtschaft­lichen Hallen in Frankfurt a. M. die diesjährige Reichsoerbands-Stutenprämiierung und Zentral­hengstkörung für die Landesbauernschaft Hessen- Nassau.

Bereits am frühen Vormittag trafen 40 Pferde­transporte am Ostbahnhof ein, die nach den ver­schiedenen Züchteroereinigungen in geschlossenen Abteilungen untergebracht wurden. Um 14.30 Uhr begann das Messen und Wiegen der Hengste, die erstmals zur Körung oörgefuhtt wurden. Unter Führung von drei Mitgliedern des Köramtes wur­den darauf die aus dem Land Hessen stammenden Hengste zur Entscheidung gestellt. In der Abteilung Kaltblut (Zweijährige in Hessen gezogene Hengste) wurdenGranit" (Züchter Diel II., Dorn-Assen- heim) undGinster" (Züchter Mohr, Rülfenrod) öffentlich angekört, der HengstGambrinus" (Züch­ter Dettweiler, Wintersheim) für den Standort. Die beiden außerhalb Hessens gezogenen zwei­jährigen HengsteGregor" (Züchter Heinrich Neny-Scheuerhof, Köln-Dünnwald) undGermane" (Züchter Bürsgens, Altmerbern) wurden öffentlich angekört. In der Klaffe der älteren, bereits gekörten Heng ft e wurden drei Tiere öffent­lich gekört, nämlichDomino" (Züchter Waelkens Wwe., Lozer-Huyffe),Daniel" (Züchter Uebels-

Besichtlgung in geeigneten Räumen unterzubringen. Die Bauernschaft des Kreises Büdingen spen­dete in diesem Jahre für das Winterhilfs- werk 7500 Zentner Kartoffeln, erheb­lich mehr als im Vorjahre. Die Kartoffeln werden unter die bedürftigen Volksgenossen in Wiesbaden verteilt.

Kreis Alsfeld.

Alsfeld, 26. Nov. Nach mehrjähriger Pause gastierte das Stadttheater Gießen wieder in Alsfeld und zwar im Rahmen einer Veranstal­tung der NS.-GemeinschaftKraft durch Freude". Zur Aufführung gelangte die Bauernkomödie Wenn der Hahn kräht" von Hinrichs. Das zug­kräftige Volksstück verfehlte auch hier nicht seine Wirkung. Das Haus war sehr gut besetzt, und man lachte herzlich über den urwüchsigen, gesunden Humor, der über die Bühne ging. Die schauspiele­rischen Leistungen der Gießener standen auf voller künstlerischer Höhe und verdienen ein Gesamtlob. Es ist sehr zu begrüßen, daß die früheren lang­jährigen Beziehungen zwischen dem Stadttheater Gießen und der Stadt Alsfeld wieder aufgenom­men worden sind. Das erste diesjährige Gastspiel war ein recht guter Anfang, und es ist der allge­meine Wunsch, die Gießener Künstler wieder als regelmäßige Gäste in unserer Stadt begrüßen zu dürfen. Vielleicht ist es dann auch möguch, einige Theaterstücke der klassischen Kunst wieder einmal zu bringen.

<^ Niedcr-Ohmen, 26.Nov. Dieser Tage fand in den Waldungen des Forstamts Nieder- Ohmen eine Treibjagd statt, bei der 18 Hasen und 3 Füchse zur Strecke gebracht wurden. Ge­stern haben in den staatlichen Waldungen die Holzfällerarbeiten begonnen. Vom 17. bis 24. November fand in unserer Gemeinde eine kirchliche Woche statt. Die Vorträge, die all­abendlich von verschiedenen Geistlichen gehalten wurden, waren gut besucht.

(5 Nieder-Gemünden, 26. Nov. Zur Zeit sind Geometer damit beschäftigt, eine neue T e i l- st recke der Reichsautobahn, die bekanntlich durch unsere Gemarkung führt, abzustecken. Die Linie führt von der Hornberger Straße in nördlicher Richtung durch die hiesige Gemarkung.

eisen, Fredelsloh) undFalkner" (Züchter Dett­weiler, Wintersheim). In der Abteilung Warm- blut wurden vier Tiere oorgeführt, von denen Goldreigen" (Züchter Kaffenberger, Dilshofen) undGeneral" (Züchter Dettweiler, Wintersheim), öffentlich gekört wurden, währendGroßfürst" (Züchter Weber, Oberhörgern) für die Station ge­kört wurde.

Anschließend wurde die Hufbeschlagsprämiierung eröffnet, deren Ergebnis im Ganzen durchaus zu­friedenstellend war und im Laufe des morgigen Tages endgültig ermittelt werden wird.

Bereits am Dienstag wurde sowohl bei den Körungen, als auch bei der Hufbeschlagsprämiierung der angekündigte scharfe Maßstab angelegt, so daß den Auszeichnungen dieser Veranstaltung besonde­rer Wert zukommt.

An Ehrenpreisen wurden im ganzen 20 Aus­zeichnungen gestiftet, von denen die des Reichs­statthalters, des Landesbauernführers und des Oberbürgermeisters der Stadt Frankfurt besonders hervorgehoben seien. Außerdem sind 17 Züchter­preismünzen zu erringen.

Vom Frühjahr bis zum Herbst.

Ausbau der Aehnlage-Wettervorhersagen.

LPD. F r a n k f u r t a. M., 26. Nov. Das For­schungsinstitut für langfristige Witterungsvorher­sagen ist eine selbständige Außenstelle des Reichs­amtes für Wetterdienst unter dem Reichsluftfahrt­ministerium geworden und hat feigen Sitz von Frankfurt nach Bad Homburg v. d. H. verlegt, wo im sog. Jubiläumspark die für eine gedeihliche Wetterforschung notwendige Naturoerbundenheit

vorhanden ist. In den jetzt bedeutend vergrößerten Räumen befaßt sich das Institut unter der Leitung von Professor Dr. Franz Baur mit der weiteren Ausgestaltung der bisherigen Zehntagevorhersagen. Die Dienststellen des Reichsnährstandes haben in verschiedenen Gutachten eine geradezu überraschende Übereinstimmung der Vorhersagen des Jahres 1935 mit dem tatsächlich eingetretenen Wetter festgestellt. Unter den verbesserten Arbeitsbedingungen glaubt Professor Baur die weiteren Arbeiten fordern zu können, daß schon in einigen Jahren die Vor­aussagen auf die ganze Dauer der Wachs­tumszeit vom Frühjahr biszum Herbst ausgedehnt werden können. Damit würde ein drin­gender Wunsch der Landwirtschaft verwirklicht werden. Daneben befaßt sich das Institut aber auch in erweitertem Umfang mit allen einschlägigen Forschungsaufgaben, z. B. mit den Schwankungen der Sonnenstrahlung und ihren Einflüssen auf die Witterung, mit den Sonnenflecken und zahlreichen anderen Aufgaben.

Neue Iuoendherberge im Lahntal.

Runkel, 25. Nov. (LPD.) An Stelle einer im Jahre 1929 von der LaienspielgruppeLahngold" aus eigenen Mitteln geschaffenen bescheidenen Ju- gedherberge in dem malerischen Lahnstädt­chen Runkel, die wegen wirtschaftlicher Schwie­rigkeiten vorübergehend geschlossen und anderen Zwecken dienstbar gemacht werden mußte, haben jetzt Hitlerjugend und Jugendherberg s- v erb and mit Unterstützung der Gemeinde Scha-

Dein Opfer im VNnkerhilfswerk gibt armen Volksgenossen Kraft und Lebensfreude!

deck und der LaienspielgruppeLahngold" auf Sch l o ß S ch a d e ck eine neue Heimstätte für die wandernde Jugend geschaffen. Die Gemeinde Schadeck hat die Instandsetzung der er­forderlichen Räume in mustergültiger Weise durch­geführt, während die ehemalige Runkeler Jugend­herberge die Einrichtung zur Verfügung stellte.' Da­mit ist der wandernden Jugend eine willkommene Gelegenheit geboten, das alte, historische Städtchen mit seiner herrlichen Burgruine und dem maleri­schen Schloß, seinen stillen Winkeln und Gäßchen als Wanderziel zu wählen.

Wassergeflügel an ver unteren Lahn.

LPD. Nassau (Lahn), 25. Nov. Durch die Ka- nalisierung der Lahn hat sich mit den Jahren das Bild des Flusses erheblich geändert. Wo er früher schnell dahin eilte, ist er heute zu einem ruhigen, tiefen Wasser geworden, das an den Ufern auf lan­gen Strecken von hohem Schilf begleitet wird. Hier hat sich in von Jahr zu Jahre steigendem Maße Wassergeflügel, das man früher an der Lahn nicht kannte, angesiedelt. Zuerst waren einige Wildenten. Sie haben sich gut vermehrt und sind schon zu rechten Scharen geworden. Nun ist auch der Fischreiher heimisch geworden. Der Naturfreund hat seine Freude an dem Gesellen, der hochbeinig im Schilf oder in den Aeckern an den Ufern steht. Auch zahlreiche M ö v e n sind in diesen Wochen aufgetaucht, von denen aber noch nicht feststeht, ob auch sie hieransässig" werden. Bald wird sich -also den Jägern an der Lahn ein bisher unbekanntes Weidwerk, die Jagd auf Wasser­geflügel, erschließen.

Kreis IDchlar

* Dutenhofen, 26. Nov. Am Sonntagabend ereignete sich in unserem Orte ein Verkehrs- Unfall. Ein fast neuer DKW=9Bagen, dessen Führer anscheinend die Gewalt über das Fährzeug verloren hatte, fuhr gegen eine Mauer und wurde dabei schwer beschädigt. Leider wurde auch ein hiesiger Einwohner in Mitleidenschaft ge­zogen, der mit seinen beiden Kindern an dieser Stelle des Weges ging. Er wurde angefahren und erlitt einige Verletzungen, die sich glück­licherweise als nicht sehr schwer erwiesen. Die beiden Kinder kamen mit dem Schrecken davon. Der Kraft­wagen mußte abgeschleppt werden.

Aus den preußischen Nachdargebieten.

Bilder aus dem Norden.

Von unserem B.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Stockholm, Ende November 1935.

Die ehrwürdigenUnsterblichen" der schwedi­schen Akademie haben sich den Unwillen fast der ganzen skandinavischen Presse zugezogen, weil sie in diesem Jahr den begehrten Nobelpreis für Literatur zurückgehalten haben. Der Preis ist zurückgestellt worden bei zum nächsten Jahr, für den Fall, daß bis dahin am Sternenhimmel der Weltliteratur eine Größe aufgetaucht ist, die den schwedischen Professoren einleuchtet.

In den schwedischen Zeitungen wurde dieser Beschluß mit sehr unfreundlichen Bemerkungen kommentiert, und einige angesehene Blätter schoben der Akademie sogar Motive unter, von denen man aar nicht annehmen möchte, daß sie wirklich möglich seien. Es hieß da nämlich, daß die Nobel-Bibliothek in Stockholm gern neue Bücher haben möchte. Und da ein Teil des Literatur-Preises bestimmungsgemäß an die Bibliothek fällt, sofern zweimal hintereinan­der der Preis nicht verteilt wird, so ließ sich im­merhin ein gewisser Zusammenhang denken, lofern man freilich der Ansicht sein will, daß ein ideell so hochstehendes Werk wie die Nobelstiftung tatsäch­lich von seinen Verwaltern mißbraucht werden kann. Bei der Bewertung der traditionellen Unzu­friedenheit, mit der gerade die Austeilung oder Vorenthaltung des Literaturpreises aufgenommen ZU werden pflegt, ist jedoch zu bedenken, daß ja von einem gewissen hohen Niveau an sehr schwer ein Gradmesser für die Qualität eines Buches zu finden ist. Es wird immer eine Reihe von Schrift­stellern für den Preis in Frage kommen, und von diesen Kandidaten werden zweifellos alle diejenigen sich zurückgesetzt und enttäuscht fühlen,, die ihn dann nicht erhalten. So gibt es seit vielen Jahren mehrereEwige Kandidate n", darunter den Franzosen Paul Valery und den Dänen Johan­nes V. Jensen. Letzterer war seit über 30 Jah­ren mit keinem neuen Roman mehr hervorgetreten; gerade jetzt aber hat er wieder ein BuchDie Ver­suchungen des Dr. Renault" veröffentlicht, das die dänische Oeffentlichkeit übrigens sehr enttäuscht hat. Und boshafte Kopenhagener stichelten, daß er dies­mal" sicher den Nobelpreis erhalten hätte, wäre nicht kurz vorher dieser Roman herausgekommen...

*

Unangefochten vom Tagesstreit derUnsterb­lichen" und unberührt von ihren literarischen Sor­gen ist in diesen Tagen ein junger Deutscher durch

den Norden gefahren, der keinen anderen Anspruch erhebt als den: ein junger deutscher Dichter zu sein. Wolfram B r o ck m e i e r. mit dem Literaturpreis der Stadt Leipzig 1934 ausgezeichnet, hatte während seines Aufenthaltes im Deutsch-Nordischen Schrift­stellerhaus in Travemünde freundschaftliche Verbin­dungen mit skandinavischen Schriftstellern ange­bahnt, die im vorigen Jahr dort zusammen ge­wohnt und gedichtet hatten. Aus diesem kamerad­schaftlichen Zusammensein ist ein wertvolles gei­stiges Bündnis geworden, das gerade auch für das Verständnis für das neue Deutschland von Bedeutung gewesen ist. Immer deutlicher zeigt es sich, daß die gutwilligen Beobachter des Aus­landes mit wachsender Achtung dem Bekenntnis begegnen, das die Angehörigen des deutschen Schrifttums oblegen; ein Bekenntnis, das Brock- m e i e r auch bei feiner Kopenhagener Vorlesung einfach und treffend formulierte: der Schriftsteller muß seinem Volk und Land verwurzelt sein, will er etwas schaffen, was auch für andere Völker und Länder Geltung haben soll. Eine Weltliteratur, die im Hinblick auf die Welt geschrieben wird, gibt es nicht. Und je mehr ein Künstler von seiner Heimat auszusagen hat, je tiefer er in die Geheimnisse seines Landes einzudringen vermag, desto größer wird auch seine allgemeine internationale Bedeu­tung sein.

Die Vorlesungen Brockmeiers, die in Stockholm, Oslo, Bergen und Kopenhagen veranstaltet wurden, haben abgesehen davon, daß sie den Ausländs­deutschen einen wertvollen literarischen Abend brachten und die Bekanntschaft mit einem sym­pathischen Landsmann vermittelten in den nor­dischen Städten großes Interesse erweckt. Die be­scheiden-feste Art, mit der der junge deutsche Dich­ter seine, unsere Auffassungen vertrat, der Vortrag seiner eigenen, harten und doch gefühlsbetonten Gedichte, die von der deutschen Jugend aussagen, ^sind nicht ohne Eindruck auch bei denjenigen ge­blieben, die glauben, grundsätzliche Gegner sein zu müssen.

In der dänischen Hauptstadt haben zwei deutsche Filme einen ungewöhnlichen Erfolg gehabt: der Ufa-FilmAmphitryon" und der Gigli-Film Vergiß mein n i ch t". Dieser, der als deut­sches Werk anzusprechen ist, obwohl der große ita­lienische Tenor Benjamino Gigli die Hauptrolle spielt, ist zum Teil von literarischen Mitarbeitern der großen Blätter besprochen worden, was eine unvergleichlichschärfere" Beobachtung zur Folge hatte. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wurde der Film hoch über. die .Masse der Sänger-

und Musikfilme gehoben, die gerade das Kopen­hagener Publikum in einem Meer von Tönen zu ersticken drohen. Das feine Gefühl für die Möglich­keiten des Schauspielers Gigli, die taktvolle Be­handlung des ewigen Themasder berühmte Mann als Liebender", und schließlich das technische Können der deutschen Filmschaffenden ist hier mit Worten höchsten Lobes anerkannt worden und was schließlich auch wichtig ist: das Publikum hat sich dieser Beurteilung dadurch angeschlossen, daß es täglich die Theaterausverkauft" sein läßt.

Die Handlung des FilmAmphitryon", in der wieder einmal die alten griechischen Götter vom Olymp geholt und mit menschlichen Unarten ausge- ftattet werden, ist an sich schon wie geschaffen für den Geschmack des dänischen Publikums. Die Aus­führung der Idee aber hat gerade Stürme des Ent­zückens hervorgerufen, und Paul Kemp wie auch Willy Fritsch haben vorläufig die gelassen mit Maschinengewehren umgehenden amerikanischen Gangsterfiguren in den Hintergrund gedrängt.

*

Dort werden sie voraussichtlich lange Zeit blei­ben. Auf der Konferenz der skandinavischen Film­zensoren in der norwegischen Hauptstadt Oslo wurde nämlich der gemeinsame Beschluß gefaßt, ge­gen die Auswüchse der Verbrecherfilme mit allen gesetzlichen Handhaben vorzugehen. Vor allem hat man es auf die Gangster- und Wild-Westfilme abgesehen, die. wie es heißt, in der letzten Zeit immer mehr den Charakter reiner Verbrecherstücke angenommen haben. Der Einfluß auf die jugend­lichen Zuschauer kann natürlich kein günstiger sein, und vor allem mit Rücksicht darauf werden die Gangsterhelden" der amerikanischen Filme in Zu­kunft bedeutend bessereKinderstube" zeigen müssen, wollen sie vor den Adleraugen der nordischen Zen­soren bestehen. Jeder Freund der Filmkunst wird diesen Versuch einer Reinigung der nordischen Filmtheater von aufgeputzten Schund mit Genug­tuung begrüßen.

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Zum Prorektor der Universität Frankfurt wurde vom Reichs- und Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an Stelle des nach München berufenen Kunsthistori­kers Professor Dr. I a n tz e n der ordentliche Pro­fessor der Rechtswissenschaft Dr. Rudolf Ruth er­nannt. Professor Ruth, der, wie kürzlich bereits mit­geteilt, aus Büdingen stammt, hat in Frankfurt den Lehrstuhl für Deutsche Rechtsgeschichte, Deutsches Privatrecht und Bürgerliches Recht inne.

Was ist He H'eblinaswunsch?

Gesellschaftsspiel vor 12v Jahren.

Wenn sich die Menschen auch nach den ewig gleichen Grundtrieben im allgemeinen zu allen Zeiten dasselbe wünschen, so gibt es doch viele Ab- Wandlungen, in denen sich der Geist der Zeit luftig spiegelt. Ein altesTaschenbuch zum geselligen Ver­gnügen" aus dem Befreiungsjahr 1813 enthält eine Reihe aufschlußreicher Fragespiele, wie sie damals in Gesellschaften gegeben wurden. Wir finden da die Beantwortung von Fragen, wie z. B.:Wo wünschen Sie diesen Tag zu verleben?",Welche Bücher darf man zu Ihrer Lieblingslektüre zählen?",Was ist Ihr Steckenpferd?",Lieben Sie die Leichtfertigkeit im Scherz?",Worüber verdie­nen Sie eine Strafpredigt?" usw. usw. Eine dieser Fragen, auf die eine lange Reihe von Antworten gegeben wird, lautet:Was ist Ihr Lieblings­wunsch?", und wir erfahren hier einiges über die Sehnsüchte der Menschen vor mehr als 120 Jahren. Es feien daher einige dieser Antworten mitgeteilt: Das schönste Reitpferd in der Stadt zu haben. Nach Italien reifen zu können, um die Schönheiten des Altertums zu sehen. Die Person heiraten zu können, die mein Herz besitzt. In der Schweiz einen Sommer verleben zu dürfen. Sv oft ich in den Schubsack greife, allemal einen Dukaten darin zu finden. Mit dem schönsten Bärmuff prangen zu können. Auf einem Esel reiten zu dürfen. Daß mein Weinfläschchen die Eigenschaft von der Witwe ihrem Oelkrüglein hätte. Ein neues Gesetzbuch ganz nach der Natur und meinem Herzen machen zu dürfen. Unter allen meinen Bekannten am schönsten zu tanzen. Alle Liebes­verhältnisse in der Stadt zu wissen. Alle Spra­chen Europas sprechen zu können. So schön malen zu können wie Angelika Kauffmann. Daß alle Aerzte und Advokaten auf Pensionen müßten gesetzt werden. Daß das alte Mütterchen Wahr­heit wieder beliebt werde. Daß man in den Kon­zerten nur hören, nicht sehen dürfte. Das große Los in der Dresdener Lotterie gewinnen. So dichten zu können wie Stolberg. Hundert Jahre alt zu werden und immer dabei gesund zu sein. Aus kleinen Steinchen Gold machen zu können. Daß sich in der Welt Gerechtigkeit und Frieden küssen möchten. Ein Gläschen alten Rheinwein in dessen Vaterland trinken zu können. Alle neuen Moden zuerst zu haben. Daß man zu- weilen hinter den Vorhang der Zukunft gucken könnte."