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g^2U3meifes Blatt Nehmer Anzelqer iSemral-Anzelger für GderheUnl Mittwoch, 27. November 1935

Beim Generalstab des Winterhilsswerks

Um eine Schlacht zu schlagen, braucht man Trup­pen. Truppen brauchen Offiziere. Diese brauchen einen Generalstab Auch^für die Schlacht, die das deutsche Winterhilfswerk' gegen Hunger und Kälte schlägt, bedarf es der Truppen, der Offi­ziere und eines Generalstabes, der in seinem Quar­tier die Operationspläne aufstellt und die strate­gischen Richtlinien ausgibt. In diesem General­stabsquartier des Winterhilfswerks, das im Süd­osten Berlins, am Maybachufer, unweit des Gör- litzer Bahnhofs und des Kottbuser Tores liegt, waren wir zu Besuch.

Bedarf es wirklich großer Operationspläne und strategischer Richtlinien, um das deutsche Winter­hilfswerk zu leiten? Mancher wird vielleicht so fra­gen. Oder ist nicht vielleicht der Vergleich mit einem Generalstab etwas allzu kühn herbeigeholt? Run, wer auch nur einen kurzen Blick in die lange Flucht der Zimmer geworfen hat, die sich durch viele Geschosse, durch Haupt-, Seiten- und Quer- gebaude hindurchzieht, der wird diese Frage nicht zum zweiten Male stellen! Denn er hat gesehen, welche unerhörte Arbeitsleistung hier vollbracht wird. Und nicht nur das! Sondern auch gesehen und erlebt, welche Fähigkeiten, welche Begabungen dazu gehören, dieses in seiner Ausdehnung und in seinem Umfang bisher völlig unbekannte, gewaltige Räderwerk in Gang zu setzen und in Gang zu halten.

Wir bestaunen so oft die Betriebe, die sich deutsche Wirtschaftsunternehmungen von Weltruf geschaffen haben. Wir stehen ehrfurchtsvoll vor den Riesenzahlen, die den Umsatz dieser Werke zum Ausdruck bringen. Und doch, was sind diese Unter­nehmungen, was sind diese Umsätze gegenüber Ziffern und Zahlen, gegenüber den Umsätzen, die hier im Generalstab des Winterhilfswerks getätigt und gemeistert werden? Das deutsche Winterhilfs­werk ist ja nicht nur die größte deutsche K o h l e n h a n d l u n g, sondern zugleich auch d i e größte deutsche K a r t o f f e l h a n d l u n g! Im Winter 1934/35 wurden allein 51 091712 Ztr. Kohlen und 14 506 584 Ztr. Kartoffeln umgesetzt, und in diesem Winter (bis zum 22. November) be­reits wieder 12 803 000 Ztr. Kohlen und 6 490 000 Zentner Kartoffeln? Das sind nur winzige Aus­schnitte aus dem Gesamtumsatz des Winterhilfs­werks, dessen Sachspenden 1934/35 den Betrag von über 357 Millionen Reichsmark ausmachten, der in diesem Winter aller Voraussicht nach um ein großes Mehr übertroffen werden wird.

Mit der ziffernmäßigen Angabe des Umsatzes und seines Kapitalwertes ist aber indessen noch so gut wie gar nichts über die Arbeit gesagt, die er­folgreich ist, auf der einen Seite aus Millionen und Abermillionen kleinster Quellen vermittelst fei­ner und feinster Kanäle diese fast vier mal hundert Millionen betragende Summe in das große Sammel­becken hineinfließen zu lassen, um sie auf der anderen Seite durch ein ebenso fein verästeltes und fein ver­zweigtes Netz von Kanälen und Kanälchen wieder an die Stellen abzuleiten, für die sie bestimmt sind. Da bedarf es wahrlich einer Vielzahl von Opera­tionsplänen und einer Unzahl von strategischen Richtlimon, um dieses Einströmen und Ausströmen in die Bahnen und Wege zu lenken, die die besten, d. h. die kürzesten und billigsten und einfachsten sind. Und was bedeutet es, dieses ungeheure, vom ganzen deutschen Volke dem Winterhilfswerk zu treuen Händen überantwortete Finanzkapital von jährlich mehreren hundert Millionen Reichsmark zu ver­walten? Welche Aufgaben türmen sich da auf? Welche Kontrollmaßnahmen sind da erforderlich? Welche Buchungen, Abschreibungen und Rechnungs­legungen müssen ausgeführt werden? Mit welchen Werken, Betrieben, Unternehmungen lassen sich diese kaufmännischen und banktechnischen Organisations­und Treuhanderfordernisse auch nur im entferntesten vergleichen?

Kann es da verwundern, daß ein Generalstab fachmännisch ausgebildeter Organisationen am Werke sein muß, der Tag für Tag bis in die Nacht, unermüdlich, fast bis zur Erschöpfung, sinnen, pla­nen, rechnen, überlegen, bedenken, leiten und lenken muß, damit es auch an der letzten und kleinsten Stelle dieses gewaltigen sozialistischen Hilfswerks kein Stocken und kein Versagen gibt? Wo kommen denn nur alle diese Kräfte, alle diese Köpfe her, die dieses gigantische Wunder aus dem Erdboden! aus dem Nichts stampften, und es fast spielend meistern? Man findet zunächst keine Antwort. Und zwar um so weniger, als hier im Generalstab des Winterhilfswerks nicht nur eine rein organisato­rische, kalkulierende, kontrollierende, verwaltungs­mäßige Arbeit, die allein schon ohne jedes Beispiel und ohne jedes Vorbild in Deutschland ist, geleistet wird, sondern weil darüber hinaus hier schöp­ferische Volkswirtschaftspolitik ge­trieben wird, die ohnegleichen ist und heute schon die Bewunderung und das Erstaunen vieler aus­ländischer Besucher und Studienausschüsse erregt.

Wir haben es gelesen und gehört, wie in frem­den Erdteilen gewaltige Ernten an Bodenfrüchten vernichtet, verbrannt, verheizt, ins Meer versenkt werden mußten; wie an anderen Stellen der Welt Heere von Arbeitskräften brach liegen und zum Feiern gezwungen werden; wie Hungerrevolten an der Tagesordnung sind, Massensterben der Bevölke­rung eingesetzt hat; und wie dadurch das wirtschaft­liche, soziale und politische Leben großer, weiter Staatell aus den Fugen geht. Erfahren wir nun, daß die führenden Männer des deutschen Winter­hilfswerkes durch ihren schöpferischen Tatwillen es fertig gebracht haben, eine überreiche Gemüse- ernte, die sonst verloren gegangen wäre, restlos aufzufangen; den Kohlenbergbau nicht nur in Gang zu halten, sondern zu steigern vermochten; die deutsche H o ch s e e f i s ch e r f l o t t e mitsamt ihrer Besatzung wieder in volle Arbeit zu bringen und sie vor dem sicheren Erliegen zu bewahren; damit die Ernährung des Volkes auf eine ganz neue Grundlage, nämlich auf die eiweiß- und fett­haltige Fischkost gebracht zu haben; die Not- standsgebiete durch Auftragsertei­lung entlastet zu haben; und das alles nur durch eine durchdachte, folgerichtige, volkswirtschaft­liche Lenkung und geschickte Ausnützung des Mark­tes, so haben wir nicht zu viel gewagt, wenn wir den Vergleich mit einem Generalstab gezogen haben, dessen Tätigkeit all dieses zu verdanken ist. Und so verstehen wir auch, wenn wir in diesem General­stabsgebäude Büroräume, Kontore, Abrechnungs­säle, kartographische und Bildateliers, ja ein stati­stisches Amt neben stillen Amtsstuben, Konferenz­zimmern und Verhandlungsräumen finden, die aber nicht etwa erstarrten Bürokratismus und Akten­schlepperei Hervorrufen, sondern erfüllt sind von Lebendigkeit und Tatendrang.

Und da plötzlich weiß man es, was hier am Werke ist: es ist der unbändige sozialistische Wille eines Führers, der sich auf seine Mitarbeiter und auf ein ganzes Volk übertragen hat, das sich seiner inneren Kräfte bewußt geworden ist. Ja! Auf ein ganzes Volk übertragen hgt! Denn wie auch sonst keine Schlacht geschlagen werden kann, ohne daß Truppen und Offiziere und Generalstab, in sich und miteinander verbunden und verschworen, gemein­sam kämpfen, so auch hier in der Schlacht ge­gen Hunger und Kälte! Was wäre dieser geniale Generalstab des Winterhilfswerks ohne fein Offi­zierskorps, d. h. ohne die eine Million ehrenamtlicher Helfer und Helferin­nen, die, was geplant, was geformt, was geord­net, was gelenkt würde, in " ihrer beispiellosen Treue und unermüdlichen Arbeit ausführen? Und was wären beide ohne die Truppen, d. h. ohne die Millionen und aber Millionen Spender und Spenderinnen, die über­

haupt erst durch ihre willige Opferbereitschaft die Arbeit des Winterhilfswerks ermöglichen? Was wäre das deutsche Winterhilfswerk ohne diese drei mächtigen Heersäulen, die zwar getrennt marschie­ren, aber vereint schlagen. Mit diesem Gedanken verlassen wir das Generalstabsgebäude des Winter­hilfswerkes, nicht ohne das feste, beglückende Be­wußtsein, daß hier der große Sieg vorbereitet wird, den das Volk allen Gewalten zum Trotz erringen wird.

Blutige Streik-Zwischenfälle am Golf von Mexiko.

In dem am Golf von Mexiko gelegenen Hafen Houston in Texas ist es zu einem blutigen

Zwischenfall mit streikenden schwarzen Hafen­arbeitern gekommen. Die Neger kamen unerwartet schwer bewaffnet in einem Lastauto zum Hafen­pier gefahren und verlangten von den dortigen Schauerleuten, daß sie sich dem Streik der Hafen­arbeiter, der seit Anfang Oktober im Gange ist, anschlössen. Auf die Weigerung der Arbeiter hin eröffneten die Neger eine wilde Schießerei, bei der ein Vorarbeiter verwundet wurde. Die Arbeiter setzten sich zur Wehr und töteten einen der Angreifer. Damit hat der Streik der Hafen- arbeiter in den Golfhäfen nunmehr das 14. Todes­opfer gefordert.

Kulturelle Fürsorge für die Arbeiter der Reichsautobahnen.

Reichsminister Or. Goebbels übergibt 30 Wanderbüchereien an besonders abgelegene Lager der Reichsautobahn.

(Weltbild-M.)

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Berlin, 26. Nov. (DNB.) Reichsminister Dr. Goebbels empfing 30 Arbeiter an der Reichsautobahn aus allen Teilen Deutsch­lands, um ihnen 30 Wanderbüchereien zu übergeben, die auf feine Veranlassung von der Reichsschrifttumsstelle zusammengestellt wurden und nun in 3 0 besonders abgelegenen La­gern der Reichsautobahnen umlaufen sollen. Der Minister wies darauf hin, daß der nationalsoziali­stische Staat sich verpflichtet gefühlt habe, nachdem ihm gewisse Mängel in der Unterbringung und Ver­pflegung zu Ohren gekommen seien, für die E r- st e llung würdigerArbeitslager und für auskömmliche und gute Verpflegung zu sorgen und darüber hinaus durch Aufstellung von Rundfunkgeräten, Vermittlung von Varietes, The­atern und Filmen auch den kulturellen Bedürfnissen zu genügen. Aber auch als Einzelmenschen hätten die Arbeiter das Recht auf geistige Ansprüche, und dazu sollten die Büche­reien dienen, die er ihnen hiermit übergebe. Die

Arbeiter sollten, wenn sie in ihre Lager zurückkehr­ten, ihren Kameraden erzählen, daß die national­sozialistische Regierung sich stets um ihr Wohl be­kümmere. Sie arbeiteten am modernsten Werk des Nationalsozialismus; in Jahrhunderten würden diese Bauten noch stehen und das Andenken an die Arbeiter, die dieses Werk mit ihrer Hände Arbeit geschaffen haben, unvergänglich machen. Dr. Goeb­bels verweilte noch in persönlicher Unterhaltung mit den einzelnen Arbeitern, die seine Fragen, ob nun die anfänglichen Schwierigkeiten behoben seien, einhellig freudig bejahten. Nach einer kurzen Be­sichtigung der Büchereien, die in praktischen kleinen Holzkästen untergebracht sind und sämtlich das Standardwerk der Bewegung, des FührersMein Kampf", im übrigen aber vorwiegend gute Unter­haltungsliteratur enthalten, verabschiedete sich Dr. Goebbels von den Arbeitern. Als Gäste der Reichsschrifttumskammer hatten die 30 Arbeiter am Vorabend einer Aufführung des StückesDer Verschwender" in der Volksbühne beigewohnt.

Emll mit der Ehre.

Bon Erich paehmann

Emil ist sechzehn Jahre alt und hat zwei Tiegel zu bedienen. Es sind zwei schöne, neue, elegante Tiegeldruckautomaten, mit schlanken Taillen und blinkendem Gestänge und einem Gang so weich und von klingender Geschmeidigkeit, daß jedem richtigen Drucker dabei das Herz aufgehen muß.

Was Emil betrifft, so pflegt ihm allerdings noch nicht das Herz aufzugehen. Dafür ist er noch längst kein richtiger Drucker, sondern erst Stift im dritten Jahr. Und wie ihm die Arme ewig zu lang aus der Montur herausragen, so ist er auch sonst ein bißchen zu rasch ins Kraut der Flegeljahre geschossen.

Eines Morgens nun steht Fräulein Aenne am Tisch der Bostonpressen und macht zehn Minuten lang nichts als einen verschüchterten Eindruck. Klappt ihr Handtäschchen auf und zu und trippelt verlegen auf der Stelle und hat, wenn man die Sache näher besieht, sehr große und verängstigte Kinderaugen. Dabei ist sie immerhin schon sechzehn Jahre alt und ein hübsches Ding.

Herr Schreiber kommt Herr Schreiber ist der Faktor. geht mit ihr zur Boston vier und ruft dann Emil heran. Emil ist gerade damit beschäftigt, feine beiden Maschinen anzustarren, die von zwei Mädchen gewaschen werden. Er hat bei dem An­ruf ein seltsam beklommenes Gefühl im Leib, ir­gendwo da herum, wo das Herz fitzen könnte, aber er kommt mit möglichster Gelassenheit geschlendert.

Emil, wie weit sind wir mit dem Waschen?" Gleich fertig."

, Schön, bann soll Herr Heinzerling die Maschi­nen übernehmen. Ich sag' ihm noch Bescheid. Du lernst jetzt erst mal die Neue an der Boston an, verstanden?"

Bloß drucken oder auch einrichten?"

Auch einrichten. Aber bleib in der ersten Zeit dabei, daß mir nichts passiert, hörst du!"

Gut, jawoll!" sagt Emil großspurig. Ja, und dann sind die beiden allein, Emil und die Neue. Nmil hat im Leben noch niemanden angelernt. Wenn es wenigstens noch ein neuer Stift wäre, aber nun gleich ein Mädchen, ein Fräulein, mit einem Handtäschchen, einem leisen Duft nach Veil­chenseife und mit einem verwirrenden Schimmer in den Augen.

Emil runzelt die Stirn und stottert etwas in die Luft von gar nicht so schwer und keine Angst zu haben brauchen. Als er das Fräulein dabei mit einem Blick streift, sieht er, daß sie lächelt, ein bißchen ver­schmitzt und auf eine verteufelt angenehme Art. Er grinst auch, und das Fräulein lächelt noch mehr und sagt, sie hätte gar keine Angst.

Um neun Uhr, zur Frühstückspause, geht Emil zu Herrn Schreiber und bittet sich einen Fabrik­prospekt der neuen großen Schnellpresse aus. Sie wären in der Berufsschule gerade an Schnellpressen, und außerdem käme er bald ins vierte Jahr. Herr Schreiber gibt ihm den Prospekt und noch ein Buch über Druckmaschinenkunde dazu und ist im stillen etwas erstaunt über Emils Eifer. In der Pause streicht Emil nicht auf den Korridoren herum, sondern hockt in einem Winkel der Kantine, grüblerisch und einsam, schneidet sich vornehm das Brot in Bissen und studiert sein Lehrbuch. Ein dunkel melancholi­scher Schatten lagert über seiner Seele. Er weiß nicht warum, aber er sieht sich fast ein wenig als das Opfer feines tragischen Strebertums oder eines anderen unerklärlichen Gefühls, das weder schön noch unangenehm ist, nur sehr neuartig und ver­wirrend.

Wenn er hochschaut, über die Buchkante hinweg, erblickt er in der Reihe der anderen Mädchen einen schlanken grauen Kittel, mit einem dunklen Haar­schopf darüber. Ihm wird warm bei diesem An­blick, aber keineswegs wohler

*

Um elf Uhr geschieht das Unglück. Fräulein Aenne läßt einen Drucksatz fallen, als sie ihn auf dem Zurichteplatz abfteUen will. Sie tut einen kleinen Schrei und schaut sich erschreckt das Ge­wimmel von Buchstaben und Stegen auf dem Bo­den an. Emil schaut ebenfalls hinab und bemerkt tiefsinnig, daß der Satz nun leider erledigt wäre.

Plötzlich steht Herr Schreiber hinter ihnen, wie aus einer höllischen Versenkung aufgetaucht.Wer hat das gemacht?"

Wir ha ich weiß selbst nicht wir wollten grabe"

Nun, wird's bald? Wer das gemacht hat?!" Ich!" sagt Emil. Klatsch! fühlt er Herrn Schrei­bers Hand gegen seine Backe knallen.

Emil hat schon viele Ohrfeigen in seinem Leben bekommen. Die meisten waren weitaus saftiger als diese, aber noch keine hat er so bis in den tiefsten Winkel seines Schädels krachen hören. Eine Weile steht er wie angedonnert, dann beginnt sich der Saal zu^ drehen, und zwei ausgerissene Augen drehen sich mit. Er rennt hinaus über den Gang, auf eine stille Tür zu, stürzt hinein und riegelt von innen ab.

Nach einer halben Stunde entschließt er sich her­auszukommen. Etwas ruhiger zwar, aber immer noch mit einem nagenden Gefühl von Scham in der Brust. Wahrend er den langen Saal durchschreitet, sieht er niemanden an, auch die Neue nicht, die erst recht nicht.

In der Faktorei ist Herr Schreiber gerade allein. Ich möchte mich beschweren, Herr Schreiber."

Beschweren? Nanu, bei wem denn?"

Ganz egal, bei wem. Aber das lasse ich mir nicht gefallen. Das mit dem Satz kann jedem passieren. Und ich lasse mich nicht schlagen, niemals, von keinem mehr."

Herr Schreiber dreht sich herum:Sag mal. Junge, du bist wohl nicht ganz"

Er verstummt. Die beiden Augen, in die er ba hineinblickt, sinb von einer so klaren Entschiebenheit unb so wenig knabenhaft auf einmal, baß er sich etwas betreten roieber zurückbreht.

Da steht bie Neue neben Emil:Entschulbigen Sie, Herr Schreiber, aber ich war's. Ich hab ben Satz fallen lassen. Emil hat bloß so gesagt."

Herr Schreiber roenbet sich roieber um:Soso ber Emil also nicht. Der Emil hat mich also belogen. Na, hör mal, Emil, bas hätte ich boch nicht von bir gebacht. So einfach lügen, Junge." Aber er schmunzelt babei auf eine sanftmütige Weise unb legt bann sogar bie Hanb auf Emils Schulter.

Ist gut, Aenne, Sie können gehen. Unb bu, Emil? Was machen wir mit bir? Na, warte mal du gehst nach ber Mittagspause mal an bie Schnell­presse, an bie neue. Das ist eine verbammte Ehre für bich. Jrn brüten Jahr ist noch keiner an bie Schnellpresse gekommen. Unb wegen ber Ohrfeige abnehmen kann ich sie bir nun leiber nicht mehr. Aber es tut mir leib, wenn bas so war. Bist bu nun zufrieben?"

Jawohl, Herr Schreiber! Unb bann soll ich wirk­lich, ich soll wirklich schon an bie Schnellpresse, Herr Schreiber?"

Ja, bas sollst bu. So unb nun geh, Junge!"

Emil geht. Seine Schritte sinb schwer geworben, vielleicht vor Stolz, vielleicht vor Männlichkeit.

Nie seltsamste Musik ber Weit

Zum Bilb ber japanischen Straßen gehört auch ber Mann, ber mit langsamem Schritt burch bie Gassen roanbelt unb ber über feine Schulter eine lange Bambusstange trägt. An ben Enben biefer Stange hängen Rahmen mit Dutzenben von kleinen Käfigen, von benen jeber einen kleinen Musikanten beherbergt. DerMuschiuri-Mann", wie ber Ver­käufer ber musikalischen Insekten genannt wirb, hat bie Ware sorgfältig für sein Orchester ausgewählt; ber Sänger ober Spieler entstammt einer beson- bcren Züchtung, bie bie Kraft unb Reichhaltigkeit seiner Töne berücksichtigt. Es ist ein fast betäuben- bes Durcheinanber von Klängen, bas biefe merk- roürbige Straßenfigur umgibt. Bevor man sich seinen Musikanten einkauft, läßt man sich vorher eine Probe seiner Kunst geben, unb bann wirb ber betreffenbe Käfig heruntergenommen. Im Herbst Ift bie Musik ber Insekten am klarsten unb einbring-

lichsten, benn sie sammeln noch einmal alle ihre Kräfte, bevor bieKonzertsaison" enbet. Dieser Abschluß ber Saison wirb gekennzeichnet burch bie hellen Töne bes Korogi ober Heimchen, bas fein sarnusa-kuru-yv",bie Kälte kommt", immer wie- ber zirpt. Alle anberen Infekten strengen sich an, um es biefem lautesten Künstler gleichzutun, aber mit feinem glänzenben schwarzen Kops unb seinen leuchtenben Augen triumphiert er über alle. Sein nächster Nebenbuhler ist bie Kirigirusu, bie Laub­heuschrecke, bie ber geborene Kapellmeister ist und ben Ton angibt, in ben bie anberen einfallen. Aber bie Primabonna biefer winzigen Mufiktruppe ist bie kleine Suzamuschi, bas japanischeGlockeninfekt"; seine zarten gazeartigen Flügel zittern in ber Luft, wenn es bie Violine auf seinen Beinen streicht, und seine rhythmischen Kadenzen, die vom höchsten For­tissimo bis zum schmelzenden Pianissimo gehen, haben eine süße Melodik, die ihre feinste Färbung bei Sonnenuntergang erreicht. Diesen Geiger, dessen Liebeslied so lyrisch klingt, begleitet mit seiner Man­doline der Matsumuschi, dessen Name bedeutet, daß er das Rauschen der Fichtenwipfel im Wind nach­ahmt; sein langer brauner Körper mit dem gelben Bauch ist nicht schön, aber man liebt ja auch nicht sein Aeußeres, sondern seine Musik, und kein Ja­paner kann das geheimnisvolle singende Seufzen seiner Musik hören, ohne Heimweh zu empfinden, denn es sind bie frühesten Klänge, bie er als Kind vernommen. Neben dem Heimchen ist der flotteste Musikant bie Zikabe. Aber außer biefen Tonkünst­lern befinbet sich noch eine Menge anberer Infekten tn ben Käfigen bes Muschiuri-Mannes, unb sie alle sinb begehrt, benn ber Japaner liebt bie Jnsekten- musik mehr als ben Vogelgesang unb hat sie in feiner eigenen Musik nachgeahmt. Ja, für ihn klingt in biefen Stimmen etwas Heiliges mit, benn viel­leicht ist biefes tönereiche Infekt, an bem er sich freut, bie Wieberoerkörperung irgenb eines guten Geistes, ber in einem früheren Leben ben fchulbi- gen Respekt biefen zarten Geschöpfen verweigerte unb baher nun in ihnen Hausen muß.

Sochschuknachnchten

Von ben amtlichen Verpflichtungen würben ent- bunben: Geheimer Justizrat Dr. Wilhelm Kisch, Orbinarius für Bürgerliches, Zivilprozeß-, Urheber- unb Versicherungsrecht an ber Universität Mün - ch e n, ber in ben bauernben Ruhestcmb versetzt würbe; Professor Dr. Albert Debrunner, Orbi­narius für Jnbogermanische Sprachwissenschaft an ber Universität Jena, ber zum 1. Oktober b. I. aus bem thüringischen Lanbesbienst unb zugleich aus bem Dienst einer beutschen Hochschule auss'chieb, um ben Lehrstuhl von Professor P o r z i g an ber Universität Bern zu übernehmen.