Ausgabe 
27.7.1935
 
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Nr. 173 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Samstag, 27. Juli 1935

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Oie Genfer Prozedur.

In Rom und den anderen Großstädten Italiens gehen die Wogen der Begeisterung und der Em­pörung höher und höher, der Begeisterung über den kommenden Krieg gegen Abes­sinien, der dem italienischen Volke nun endlich das große koloniale Rohstoff- und Siedlungsland brin­gen soll, um das es sich in Versailles bei der Ver­teilung der Beute aus dem Weltkrieg betrogen fühlte, der Empörung über die beiden Großmächte England und Japan, denen man die Absicht nachsagt, Italien bei seinem Feld­zug gegen den Negus in den Arm fallen zu wollen. ,Abessinien muß unser sein!" das ist das auf die «einfachste und einleuchtendste Formel gebrachte :Kriegsziel Italiens. Wenn es in dem von Rom ge- iwünschten Umfange durch diplomatische Mittel zu «erreichen gewesen wäre, hätte vielleicht ein Krieg ivermieden werden können. Aber der Widerstand des Megus gegen eine Wiederherstellung und Ausdeh- munq der Schutzherrschaft, die Halle Selassies großer Lnk^l, Kaiser Menelik II. nach der für die Italiener

mnglücklichen Schlacht von Adua im Jahre 1896 hatte «abstreifen können, wird vermutlich nur in einem Waffengang zu brechen sein und anscheinend ist dies Dem Duce nicht unlieb, denn es gibt ihm die Mög- llichkeit, das faschistische Regime mit dem Lorbeer Des Kriegsruhms zu bekränzen und die italienische Äugend für ein nur durch heldische Opfer zu errin­gendes afrikanisches Kolonialreich, das Raum und Rohstoffe bietet, zu entflammen.

Natürlich gibt es auch warnende Stimmen, die iron demabessinischen Abenteuer" sprechen und ge- zgenüber den außerordentlichen Schwierigkeiten des Dstafrikanischen Kriegsschauplatzes der Angriffskraft unb Ausdauer des italienischen Heeres mißtrauen.

^Englische Korrespondenten wollen wissen, daß hohe Offiziere und sogar der König dem Duce den Feld- « zug widerraten haben sollen. Aber das mag Ge­schwätz sein, Mussolini wird sich selbst darüber im Klaren sein, daß ein Feldzug gegen Abessinien bei Idem für einen aufreibenden Kleinkrieg ungewöhnlich ggünftigen Gelände und bei dem seinen Truppen beschwerlichen Tropenklima auf den Vormarsch»

I sstraßen zum abessinischen Hochland selbst gegen einen so schlecht ausgerüsteten und unzureichend mit i Munition versorgten Feind wie die Abessinier, ! Sein militärischer Spaziergang ist, sondern die An- lipannung aller Kräfte der Nation erfordert. Die | umfassenden Vorbereitungen, die Italien seit vielen Monaten für den zum Ende der Regenzeit in Aus­sicht genommenen Feldzug getroffen hat, die Zu­sammenziehung einer großen Expeditionsarmee in 2en beiden ostafrikanischen Kolonien, die Anhäufung non Kriegsmaterial, der Ausbau von Anmarsch- itraßen deuten darauf hin, daß das faschistische Ita­lien mit aller Sorgfalt zu Wege geht, um diesmal sine Schlappe, wie die Niederlage von Adua, aus» Fuschließen, die ja nicht zuletzt eine Folge unzurei- leidjenber, durch parlamentarische Widerstände ver­hinderter Vorbereitungen gewesen war. Aber zum Kriegführen gehört Geld, das ist seit damals nicht anders geworden. Die ohnehin aufs äußerste ange­spannten italienischen Finanzen spüren bereits emp­findlich den Bedarf an fremden Zahlungsmitteln i mir die Kriegslieferungen der ausländischen Rü­stungsindustrie. Die italienische Wirtschaft hat die Kriegsvorbereitungen natürlich vorerst als stark be­liebendes Moment empfunden, aber man beginnt, Fid) immerhin schon über die Geldfrage Gedanken zu machen. Die Ausnahme einer Anleihe in Amerika 'oll erwogen werden, auch auf die Gebefreudigkeit des französischen Freundes scheint man in Rom einige Hoffnungen zu setzen.

Weniger Kopfzerbrechen machen sich die Italiener offenbar über die diplomatischen Verwicklungen, die nun durch die erneute Aufrollung des Abessinien- Konflikts vor dem zum Mittwoch einberufenen D öl - ^erbunbsrat entstehen können. So entschieden man sich jede Einmischung dritter Mächte verbittet, und auf jede fremde Kritik mit schärfsten Presse- nngriffen erwidert die Plakate der Kundgebun­gen in Rom gaben ja davon ein äußerst drastisches Bild so wenig Respekt hat man vor dem Völker­bund. Schlimmstenfalls glaubt Italien in der Dro­hung mit seinem Austritt eine Waffe in der Hand uu haben, die alle Widerstände gegen eine endgültige Bereinigung der abessinischen Frage im italiennschen toinnc aus dem Wege räumen würde. Italien hat ta an den Beispielen Amerikas, Japans und Deutsch­lands gesehen, daß das Fehlen in diesem Völker­bund Versailler Prägung keiner Großmacht zum Nachteil gereichen kann. Unbeirrt in dem Entschluß, ein Ziel, die Errichtung eines italienischen Kolonial­reiches in Ostafrika durch Unterwerfung Abessiniens mit allen Mitteln und unter allen Umstanden burch- ,usetzen, nimmt es vielleicht sogar die Gelegenheit nicht ungern wahr, sich in Genf ein moralisches Alibi ür feinen afrikanischen Eroberungsfeldzug zu ver- chaffen, wenn die Zeit dazu noch reichen sollte. So sst das Anerbieten zur Wiederaufnahme des durch ben Streit über die Beschränkung des Der- »andlungsthemas unterbrochenen Schiebsversah- : ens in Scheveningen als eine solche Geste zu werten, die, ohne etwas zu kosten, vielleicht geeignet ft, den schlechten Eindruck zu verwischen, den der mit größter Offenherzigkeit vertretene Kolomalimpe- rialismus Italiens auf die empfindlichen Gemüter ; der Friedensapostel, namentlich der angelsächsischen

Welt, gemacht hat. So wird Italien sehr wahrschem- 1 lieh auch am Mittwoch auf der Ratstagung des Völ­kerbundes vertreten sein, zumal ihm die Bespre­uungen mit seinem französischen Freunde wohl die Gewißheit gegeben haben dürften, daß in Gens nichts geschehen wird, was ihm sein abessinisches Konzept ernstlich verderben könnte.

Man wird sich bei der diplomatischen Fühlung­nahme zwischen dem Generalsekretär Avenol und bett wesentlich beteiligten Regierungen Italiens,

Diplomatische Vorbereitung der Ratstagung.

Noch keine Einigung der Großmächte über das Verfahren.

London, 27. Juli. (DNB. - Funkspruch.) Die Moraenpresse nimmt auf Grund der letzten Berichte aus Rom an, daß Italien der Völkerbundsrats­itzung am kommenden Mittwoch oder Donnerstag beiwohnen werde. Die englische Regie­rung hat dem Generalsekretär des Völkerbundes mitgeteilt, daß sie Mittwoch vorziehe. Auch die ranzösische Regierung bevorzugt diesen Tag. Ueber das in Genf einzuschlagende Verf« h - r e n ist zur Zeit noch feine Einigung zwi- chen der englischen und der französischen Regierung erreicht worden. England befürwortet nach wie vor eine umfassende Besprechung aller Punkte des italienisch-abessinischen Streitfalles. Die italienische Regierung vertritt jedoch den Standpunkt, daß die Erörterungen des Rates auf bestimmte Fragen begrenzt werden sollen. Der Umfang der Besprechungen werde auf jeden Fall erft in Genf entschieden werden. Was auch der Völkerbundsrat beschließen werde, so würde sich außerhalb des Rahmens der for­mellen Sitzungen die übliche Gelegenheit für vertrauliche Verhandlungen ergeben.

Wenn die französische Ansicht durch­dringe, werde sich der Rat voraussichtlich auf die Ernennung eines fünften Schieds­richters gemäß der Entschließung des 25. Mai beschränken und die weiteren Besprechun­gen auf Ende August ober später auf- schieben. Wenn man versuchen werde, eine um­fassende Besprechung des Streitfalles zustande zu bringen, werde Italien den Ausschluß Abessiniens aus dem Völkerbund beantragen ober es werbe Vertagung forbern. Die englische Regierung soll in Paris erklärt haben, baß es bie italienischen Bebingungen für bie Wieberaufnahme ber Arbeiten bes Versöhnungsausschusses nicht unterstützen könne. Sie könne, bei ben Ver­suchen, ben Kaiser von Abessinien zu ihrer Annahme zu bewegen, nicht mitwirken.

Italien gibt seinen grundsätzlichen Standpunkt nicht aus.

Rom, 26. Juli. (DNB.) Angesichts bes Zu­sammentritts bes Völkerbunbsrates ist ber Ton Der Presse am Freitag um einige Grabe ruhiger. Die Erregung ber letzten Tage scheint in ben Massenkunbgebungen am Donnerstag ihren Höhe­punkt erreicht zu haben. Selbstverstänblich heißt bies nicht, baß Italien irgenbwie seinen grunbsätz- lichen Stanbpunkt aufgegeben hat. Sachlich bleiben alle Gegensätze bestehen. So beantwortet man befonbers bie Unterhauserklärung Hoares über bie Waffenburchfuhrer- [ a ub n i s mit einem scharfen Hinweis, baß bie Argumentation ber englischen Regierung unrichtig sei. Diese hat bekanntlich bie Wassenburchsuhr auf Grunb bes Artikels 9 bes Vertrages oon 1930 gestattet. Jtalienifcherseits weist man jeboch barauf hin, baß nach ben Vertragsbestimmungen keine Waffen nach Abessinien ausgeführt werben bürsten, wenn bie Zustänbe in biesem Laube nicht normal seien. DieWinstöße ber Frembenfeinblichkeit" in Abessinien stempelten bie bärtigen Zustänbe zweifellos nicht zu normalen.

Weiterhin wirb bie Bebeutung ber italienischen Note an ben Völkerbunb stark unterstrichen. Es wirb betont, baß bas im italienisch-abessinischen Vertrag von 1928 vorgesehene birefte Ver­fahren zwar unterbrochen, aber burchaus noch nicht enbgültig aufgegeben sei. Daher können augenblicklich keine anberen Prozeburen angeroanbt ober neue Initiativen ergriffen werben, weil man bamit ohne weiteres auch ben Vorwanb hinnehmen würbe, mit bem sich bie abessinische Regierung ber Verantwortung an ben Grenzzwischenfällen ent­zogen habe. Es fei klar, baß Abessinien nur

barauf bebacht fei, ein ganz neues V er - fahren bes Völkerbunbes zu erreichen. Dieses Spiel könne nicht zugelassen werben, um so weni­ger, als nach ber italienischen Mitteilung an Gens bas Verfahren bes Schlichtungsausschusses fort­gesetzt werben könne unb bie abessinische Regie­rung bie Möglichkeit habe, ihre guten Absichten zu zeigen.

pariser Hoffnungen.

Frankreich wünscht Verschiebung der grund­sätzlichen Aussprache.

Paris, 27. Juli. (DNB. Funkspruch.) Die Kreise um Laval scheinen trotz ber an sich völlig unge­klärten Lage unb ber aus Rom und Addis Abeba stammenden nicht gerade günstigen Nachrichten im­mer noch zu hofsen, daß ein Aufeinander­prallen der Parteien in Genf vermie­den unb die grundsätzliche Aussprache über ben Streit zwischen Italien unb Abessinien auf Ende August oer sch oben werben kann. Laval will sich bemühen, in biesem Sinne zu vermitteln, b. h. bie Wieberaufnahme ber Ausgleichsoerhand- lungen zwischen beiden Parteien in bie Wege zu

Paris. 27. Juli. (DNB. Funkspruch.) Großen Widerhall finden gerade im Hinblick auf die be­vorstehende Ratstagung Erklärungen, die der Kai­ser von Abessinien einem Sonderbericht­erstatter besParis Söir" abgegeben hat. Der Kai­ser tritt hierbei den italienischen Ansprüchen auf Kolonisierung und Zivilisierung eines rückständigen Landes mit der Forderung entgegen, daß keine ausländische Wacht brutal in die Ent­wicklung der abessinischen Zivilisa­tion eingreisen dürfe.Unsere alte Zivilisa­tion kann ohne Gefahr für gewisse Länder nicht brutal umgewandelt werden. Die für Europa not­wendige Lebensart kann Abessinien zum Verhäng­nis werden. Wir brauchen eine langsame Entwicklung. Sie hat seit mehreren Jahren eingesetzt. Zahlreiche Experimente sind noch not- wendig, um sie zu einem günstigen Abschluß zu bringen. Auf keinen Fall aber werde ich das brutale Eingreifen einer ausländischen Macht zur Beschleu­nigung dieser Entwicklung zulassen. Das würde eine Verletzung der Würde der Nation sein."

Der Negus ist überzeugt, daß ein Krieg für Italien ungünffig ausgehen würde. Lr behauptet, daß bereits jetzt das italienische Expe­ditionskorps starke Ausfälle infolge von Krankheiten zu verzeichnen habe, und daß Italien diese Lücke durch Anwerbung von Eingeborenen aus Somali und Eri­trea auszufüllen suche, deren loyales Verhalten aber zweifelhaft fein dürfte, so bald es sich für sie darum handele, gegen Brüder der gleichen Rasse zu kämpfen.

Zur Volkerbundsralstagung führte der Negus aus:Ich habe vertrauen zur Entschei­dung des Völkerbundes vor allem, wenn England und Frankreich auf die Seite

leiten, um Zeit für Besprechungen für die Unterzeichner bes Vertrages von 1906 zu gewinnen. Man läßt jetzt übrigens burchblicken, baß sich ber englische Botschafter in seiner Besprechung mit Laval am Freitag ber französischen Haltung gegen­über nicht mehr völlig ablehnenb verhalten habe unb baß vielleicht zwischenLaval unb Eden, ber über Paris nach Göns reife, eine gemein­same Linie gefunben werben könne.

Dieser beispielsweise vomOeuvre" unbMatin" zur Schau getragene Optimismus wirb von anberen Blättern alierbings nicht geteilt. DasEcho be Paris" stellt fest, baß alle bisherigen B e - mühungen, zwischen Lonbon, Paris unb Rom zu einer Einigung über bas einzufchlagende Ver­fahren zu kommen, gescheitert seien. Unter bie- jen Umftänben werbe bie Fühlungnahme in Gens schwierig sein. Die französische Aborbnung müsse sich bie Aufgabe stellen, bie Sitzung vom 31. Juli harmlos zu gestalten unb eine vollstänbige Lö­sung auf später z u verschieben.Excelsior" schreibt: Wenn man einen Monat für biefe äußerst verwickelten unb schwierigen Verhandlungen zwi­schen Paris, Lonbon unb Rom finben kann, wäre bas ein nicht zu unterschätzenber Vorteil.

des guten Rechts treten, d. h., auf unsere Seite. Aber es kommen keine territorialen und wirtschaftlichen Zugeständnisse an Italien in Frage. Wenn die Feindseligkeiten begin­nen, werde ich der er sie Soldat meines Heeres sein und das Schicksal der meinigen teilen."

Angebliche militärische Maßnahmen Englands am Roten Meer.

Mailand, 26. Juli (DNB.) Die norditalienische Presse meldet unter Bezugnahme aus arabische Zeitungen neue militärische Maßnahmen Englands im Gebiet bes Roten Meeres. Mohammed T e w f i k Pascha, ber oberste Leiter ber Grenz- Verwaltung, werbe am Samstag eine viertägige Besichtigungsreise zu ben Militärposten unb ben Kamelreiterabteilungen bes Roten-Meer- Gebiets antreten. In seiner Begleitung würben sich Militärsachverstänbige unb höhere britische Offiziere befinben. Die Zeitung Rosa El Puffes" berichte, baß eine Grunbstücks- gesellschaft von ben Behörben bamit beauftragt worben sei, Wohnungen für 200 eng­lische Offiziere zu beschaffen. Im Gegensatz zu ben früheren Melbungen wirb Hervorgehoben, baß bisher, abgesehen von ben bereits im ßanbe befinblichen Abteilungen, feine britischen Truppen nach Aegypten beförbert worben seien.

Abessinische Orden für das englische Königspaar.

Lonbon, 27. Juli. (DNB. Funkspruch.) Der abessinische Gesanbte in Lonbon, Dr. Martin, hat bem König oon Englanb aus Anlaß bes Regierungs­jubiläums im Auftrage bes Kaisers von Abessinien bie Golbsne Kette bes Salomon-Or- b e n s überreicht. Königin Mary würbe vom Negus mit berGolbenenKettebesOrbens von Saba ausgezeichnet.

Kein Eingriff von außen in die zivilisatorische Entwicklung Abessiniens.

Oer Kaiser bestreitet Italien das Hecht der Kolonisierung.

Frankreichs unb (Englanbs ja nicht nur über bie Einbe­rufung bes Völkerbunbsrats geeinigt haben, sonbern auch über bas, was man in Genf bie Prozebur, das Verfahren, zu nennen pflegt, zunächst hätte ber Rat bie Möglichkeit, in Ausführung seines Mai­beschlusses einen fünften Schiebsrichter zu ernennen, so baß im Scheveninger Schiebsverfahren durch Stimmenmehrheit ein Spruch zustanbekommen könnte. Italien würbe wohl bamit enwerftanben fein unter ber Voraussetzung, baß sich bas Schlichtungs­verfahren auf bie Zwischenfälle vonUal - Ual beschränkte. Jnbesfen wirb sich Abessinien vermutlich bamit nicht zusrieben geben, sonbern eine Erörterung bes Gesamtproblems for­dern unb ben Schutz bes Völkerbunbes vor einem italienischen Angriff erbitten. Der Völkerbunb müßte sich also zwischen ber Möglichkeit entscheiben, eine weitere Großmacht von seiner Mitglieberliste strei­chen zu müssen ober eine moralische Nieberlage zu erleiben, von ber es vielleicht keine Erholung gäbe. Ein Ausweg aus biefer prekären Lage scheint ge­funben worben zu sein. Der Völkerbunb hat sich ja längst ber Aufgabe entwöhnt, zu entscheiben, wer recht hat, ja er hat nicht einmal mehr bie Autorität, einen Krieg zwischen Mitgliebsstaaten zu verhin- bern, sonbern muß sich bamit begnügen, ihn zu legalisieren, b. h. eine Prozebur ausfinbig zu machen, die bas Unvermeibliche geschehen läßt, ohne ber Idee bes Völkerbunbes als einer Organisation zur Wahrung bes Friebens ben Tobesstoß zu versetzen.

Der französischen Diplomatie bürste bie Krone ba- für gebühren, bas Instrument für biefes imponie- renbe Kunststück gewiesen zu haben. Artikel 15 bes Völkerbunds st atuts verpflichtet die

Mitgliedsstaaten, eine Streitfrage, die zu einem Bruch führen könnte und keiner schiedsrichterlichen Regelung unterworfen wurde, vor den Rat zu bringen. Abessinien hat bies getan, bas Schiebsver­fahren betrifft nach italienischer Auffassung lebiglich bie Zwischenfälle von Ual-Ual. Der Rat kann nun also von beiben Parteien Darlegung bes Streitfalles forbern unb, wenn es ihm nicht gelingt, ben Streit zu schlichten, einen Bericht über seine Vorschläge zur Lösung bes Konfliktes zu veröffentlichen. Wirb biefer Bericht einstimmig gutgeheißen (bie Stimmen ber ftreitenben Parteien zählen natürlich nicht mit), fo finb bie Bunbesmitglieber verpflichtet, gegen keine Partei zum Kriege zu schreiten, bie sich ben Vor­schlägen bes Rats fügt. Wirb ber Bericht jeboch nicht einstimmig angenommen, so behalten sich bie Bunbesmitglieber bas Recht vor,so zu hanbeln, wie sie es zur Aufrechterhaltung von Recht unb Gerechtigkeit für notroenbig erachten."Macht eine ber Parteien geltenb unb erkennt ber Rat an, baß sich ber Streit auf eine Frage bezieht, bie nach internationalem Recht zur ausschließlichen Zustän- bigfeit biefer Partei gehört, fo hat ber Rat bas in einem Bericht festzustellen, ohne eine Lösung vorzu­schlagen."

Diese Bestimmungen bes Artikels 15 bieten bei geschickter Behanblung unb großzügiger Auslegung zwei Möglichkeiten, um Italien freie Hanb zu sei­nem Krieg gegen Abessinien zu geben, ohne ben Völkerbunb zu arg zu fomprimittieren. Einmal könnte Frankreichs Stimmabgabe bie einstimmige Annahme bes Berichts verhinbern unb bamit Ita­lien bie Freiheit einräumen, so zu handeln, wie es zur Aufrechterhaltung von Recht und Gerechtig­

keit" für notwendig erachtet. Bei ber engen Freunbschast zwischen Paris unb Rom ist anzuneh­men, baß Frankreich zu biesem ßiebesbienft bereit sein bürste. Die anbere Möglichkeit gibt ber letzt­zitierte Absatz, bessen Anwendung ben Völkerbunb überhaupt aus bem Konflikt heraushalten würbe. Aber es wäre natürlich ber Gipfel willkürlicher Auslegungskunst, biefe Bestimmung, bie lediglich dem völkerrechtlichen Grundsatz ber Nichteinmischung in bie inneren Angelegenheiten anberer Staaten Rechnung tragen soll, auf ben italienisch-abessinischen Streit anzuwenben, nur um bem Völkerbund ben Rückzug in bie Untätigkeit zu eröffnen.

Diese ganze Prozebur, wie sie sich auf bem Artikel 15 aufbaut, würde natürlich rein formalistisch blei­ben und in ben heftigsten Wiberspruch zum wahren Geist unb Willen ber Völkerbunbsidee treten, wenn sie in ber angebeuteten Art in Szene gesetzt würbe. Aber selbst bann muß man Schwierigkei­ten befürchten. Einmal finb im Völkerbunbsrat bie Großmächte nicht unter sich. Italien könnte sich trotz sorgfältigster Regie vor recht peinliche Situationen gestellt sehen, bie feine ohnehin nur schwer bezähm­bare Ungebulb auf eine harte Probe stellen müßten. Unb bann verpflichtet ber Artikel 12 ber Bölter- bunbssatzung bie Mitgliebsstaaten, nickt vor Ablauf von b r e i Monaten nach einem Schiebsspruch ober einem Bericht bes Rats zum Kriege zu schreiten. Das wäre aber eine Zeit­spanne, bie sich mit ben militärischen Absichten und Notwendigkeiten Italiens, ben ostafrikanischen Feld­zügen nach Ablauf ber Regenzeit, also im Früh­herbst zu eröffnen, kaum würben vereinbaren lassen. Die Polittk der Großmächte ist auf Zeitgewinn