ltr.H7 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 27.Juni (935
Schüht den deutschen
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Schutz dem deutschen Wald" — „Helft Waldbrände verhüten!" Unter diesem Motto beginnt der Reichsforstmeister am 1. Juli mit einer großzügigen Waldbrandbekämpfungsaktion, die jedem Volksgenossen klarmachen soll, wie er sich im Walde verhalten soll, um Brande zu verhüten. Als Auftakt zu dieser Werbewoche veranstaltete das Amt für Volkswohlfahrt in Berlin eine große Waldbrandübung, an der sich neben der Feuerwehr die Schutzpolizei, Freiwilliger Arbeitsdienst und Technische Nothilfe beteiligten. — Unser Bild zeigt Arbeitsdienst, Feuerwehr und Technische Nothilfe beim Löschen des Waldbrandes, der zu Uebungszwecken angelegt worden war. — (Scherl-M.)
Weiter Weg vom Meer zur Blechbüchse.
Aus Sardellen werden Sardinen.
Von Robert Baravalle.
Im von goldenen Sonnenlicht erfülltem Spätnachmittag wirft das Meer, vom küylenden Nordost belebt, kleine dunkelblaue Wellen. Manchmal springen weiße Schaumkrönlein aus; an den starken gelblich-weißen Quadern der Hafenmauern spritzt lustig der Gischt empor. Im Hafen ist lebhafte Bewegung. Die großen rostbraunen Fischernetze werden sorgfältig zusammengelegt und in den großen Booten verstaut, die Azetylengaslampen auf den Schiffen werden nachgesehen, das Seilwerk wird in Ordnung gebracht. Wenn alles fertig ist und die Boote eines nach dem anh n vom Ufer abstoßen und durch die lange, schm Bucht dem offenen Meere zustreben, fallen die Sonnenstrahlen schon schräge ein und eine ölbaumbestandene Bergkulisse wirft einen langen Schatten über den Hafen.
Taktmäßig schlagen die stehend und zweihändig bedienten Ruder ins Wasser, das am Bug weiß aufschäumt; der Wind weht der Fahrt entgegen und darum sind auch die Segel zusammengerollt und sestgebunden.
Zu einem Netz gehören drei bis vier Boote, der kleine Hafenort von 5000 Einwohner hat 21 Netze. Da natürlich nicht alle Netzgruppen an dem gleichen Platze fischen können, so ist es für den Hafenkommandanten nicht leicht, Ordnung in die Fischerei zu bringen. Es werden 21 Fischplätze festgelegt und Anfang April, wenn die Fischerei wieder beginnt, durch das Los den einzelnen Gruppen, die zu
einem Netz gehören, zugewiesen. Die Gruppen wechseln nun ihre Fischplätze jede Nacht nach einer bestimmten Reihenfolge, so daß jede zu den günstigsten Fischplätzen gelangt. Der Fischfang darf nur in den 20 dunklen Nächten ausgeübt werden; in den 10 hellen Nächten ruht er. Diese „Schonzeit" ist feit über ein Jahrhundert gesetzlich festgelegt.
Wenn die Boote den Ausgang der langen Bucht erreicht haben, ist die Sonne schon als orange- glühender Ball ins Meer versunken. Einige Wolken schwimmen noch rosenrot über dem tiefblauen Himmel, langsam werden sie tief dunkel purpurn und verlöschen. Das Meer ist nun dunkelschwarzblau geworden; der Wind hat sich gelegt, die Wellen grieseln nur noch über die unbegrenzte Fläche hin, trotzdem ist es empfindlich kühl. Fröstelnd wickelt man sich in den Mantel.
Nun werden in den Booten die Lampen angezündet; sie werfen lockend ihren Schein hinab in das klare Wasser zu den Licht suchenden Fischen. Die Boote beginnen sich voneinander zu entfernen und eine bestimmte Aufstellung einzunehmen. Die Netze werden gelöst. Masche um Masche taucht geheimnisvoll in die Flut. Stunden dauert es, bis die Netze richtig ausgelegt sind. Im Norden steht schon der erste Dämmerschein des Morgens, wenn die Netze wieder aufgeholt werden. Silbern schlagen und springen die kleinen Fischleiber durcheinander und zwischen die Menge schlanker Fische mischen
stch Krabben, Tintenstfche, Seesterne, Hummern und anderes Getier des Meeres. Die meisten der Fische aber sind etwa spannlang, silberglänzend, etwa von doppelter Daumenstärke, es sind die Sardellen. Was für die Nordsee der Hering ist, das ist für die Adria, vornehmlich für die buchtenreichen Küsten und Inseln des jugoslawischen Königreiches die Sardelle. Ein glücklicher Fang kann bis zu vier Tonnen dieser, ein wahres Voltsnahrungsmittel bildenden kleinen Fischlein bringen; es gibt aber auch Tage, an denen die Fischer kaum so viel fangen, um ihren eigenen Nahrungsbedarf zu decken. Da sich aber die Preise etwa zwischen 10 und 20 Pfennig für das Kilogramm halten, so ermöglicht der Fischfang im allgemeinen den sehr bescheiden lebenden Sardellenfischern ein verhältnismäßig gutes Einkommen.
Mit den gefangenen Fischen geht es nun heimwärts. Wie flüssiges Blei liegt im bleichen Schein des Morgens unbewegt das Meer, lieber dem Hafen scheint schon prall die helle Morgensonne, wenn die Schiffe einlaufen und die Anker ausgeworfen werden, während mit südlicher Lebhaftigkeit Begrüßungen mit den am Ufer Harrenden ausgetauscht werden.
Der größte Teil der gefangenen Sardellen wird an die Sardinenfabriken verkauft, von denen eine nach der anderen an Dalmatiens Küsten entstehen und heute schon der italienischen und französischen Sardinenindustrie eine fühlbare Konkurrenz zu machen beginnen.
Dem Bewohner des Binnenlandes ist die Sardelle ja fast nur als Sardine bekannt; sehr interessant ist es nun zuzusehen, wie aus der Sardelle die Sardine wird. In solch einer Sardinenfabrik ist es ein gar fröhliches Arbeiten. Leuchtend roter Oleander steht in dicken Büschen um das einfache weißgetünchte Gebäude und schmückt die niedere
Mauer, die den Hof der Fabrik umschließt. Hier tönt dem Besucher das Lachen und Zwitschern vieler fröhlicher Mädchen entgegen In Zeiten günstiger Fänge sind 120 bis 150 Mädchen bei der Verarbeitung der Sardellen beschäftigt.
In einem weiten, luftigen Raume stehen große, mit Meerwasser gefüllte Bottiche, in denen die Fische aufbewahrt werden. Mädchen fangen sie mit großen Weidenkörben aus diesen Behältern heraus und schütten sie auf lange Holztische aus. Hier werden den Fischen die Köpfe abgeschnitten und mit einer kleinen Gabel mit zwei umgebogenen Zinken die Gedärme entfernt. In kleinen Drahtgeflechten, von denen eines etwa 70 bis 90 Sardellen fassen kann, werden dann die Sardellen an der Sonne durch vier Stunden getrocknet, wobei sie etwa ein Drittel ihrer Größe verlieren. Danach werden sie in große Behälter mit heißem Del gebracht und hier durch sieben Minuten gekocht. Dieser Vorgang entzieht den Fischen das scharfe Meersalz.
Nach dieser Behandlung werden sie auf großen Tischen ausgeschüttet und in die verschiedenartigen Blechdosen eingelegt. Nun sind die Sardellen schon zu Sardinen geworden. Sie erhalten noch ein 24- stünhiges kaltes Oelbad, dann kommen die Schachteln in den Lötraum, wo die Dosen zugelötet und mit Sägespänen abgerieben werden. Die verschiedenen Bezeichnungen werden auf die Dosen geklebt und die Sardinen sind 48 Stunden nach dem Fang versandbereit.
Rot glühender Oleander, reich blühende Geisblatt- und Tabakgewächse, die lebhaften Blüten der Granatapfelsträucher grüßen herüber zu der Sardinenfabrik; leise tönt das Rauschen des Meeres und das Rascheln der Wedel der Palmen. In solcher Umgebung werden die kleinen blitzenden Blechbüchsen gefüllt, die die Bewohner der südlichen Meere in die ganze Welt tragen.
Die kurzlebigen Wirischastsgüier in -er Einkommensteuerbilanz.
In dem zur Ergänzung der Veranlagungsrichtlinien 1934 herausgegebenen Erlaß vom 4. Juni 1935 behandelt der Reichsminister der Finanzen u. a. auch die bis jetzt in der Praxis aufgetauchten Zweifelsfragen hinsichtlich der Bewertungsfreiheit bei kurzlebigen Wirtschaftsgütern in der Einkommensteuerbilanz. Der Erlaß führt hierüber aus, daß gegenüber dem Gesetz, das die Steuererleichterung zunächst nur für die buchführenden Vollkaufleute und die buchführenden Land- und Forstwirte vorgesehen hatte, der Kreis der Berechtigten durch die Erste Einkommensteuer-Durchführungsverordnung erweitert worden ist auf Gewerbetreibende und Angehörige der freien Berufe, die Bücher, die den Vorschriften des Handelsgesetzbuches entsprechen, ordnungsmäßig führen, ohne dazu verpflichtet zu fein. Es sind Zweifel entstanden, was bei Angehörigen der freien Berufe als ordnungmäßige Buchführung, die den Vorschriften des Handelsgesetzbuches entspricht, anzusehen ist. Eine Buchführung, wie sie nach den vorläufigen Richtlinien vom 22. Juni 1932 in erleichterter Form für die Angehörigen der freien Berufe zugelassen ist, ist keine ordnungsmäßige Buchführung, die den Vorschriften des Handelsgesetzbuches entspricht. Den Vorschriften des Handelsgesetzbuches gemäß sind in der jährlichen Bestandsaufnahme sämtliche W i r t f d) a f t s g ü t e r und Schulden des Betriebs zu berücksichtigen. Diesem Erfordernis ist nicht genügt, wenn — wie in den vorläufigen Buchführungsrichtlinien zugelassen — Forderungen und Schulden nur insoweit bei der Bestandsaufnahme berücksichtigt werden, als sie das A n - läge vermögen betreffen. Es müssen vielmehr auch die Forderungen und die Schulden, die mit der laufenden Berufstätigkeit in Zusammenhang stehen (z. B. Außenstände), aufgenommen werden. Die Inanspruchnahme der Vergünstigung nach den Buchführungsrichtlinien vom 22. Juni 1932 (Auf
wendungen bis zu 500 Mark) schließt dagegen eine ordnungsmäßige Buchführung, die den Vorschriften des Handelsgesetzbuches entspricht, nicht aus. Entspricht die Buchführung des Steuerpflichtigen den bezeichneten Erfordernissen nicht, so kann er die Bewertungsfreiheit für kurzlebige Wirtschaftsgüter nicht in Anspruch nehmen.
Buchführungspflichtige Vollkaufleute, buchführende Land- und Forstwirte, sowie Handwerker, sonstige Gewerbetreibende und Angehörige der freien Berufe, die Bücher, die den Vorschriften des Handelsgesetzbuches entsprechen, ordnungsgemäß führen und die die Bewertungsfreiheit für kurzlebige Wirtschaftsgüter in Anspruch nehmen, müssen für die abzuschreibenden kurzlebigen Wirtschaftsgüter (d. h. solche Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens, derer« betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer erfahrungsge^ mäh fünf Jahre nicht übersteigt bzw. Wirtschaftsgüter, die in die vom Reichsfinanzminister heraus- gegebene Liste der kurzlebigen Wirtschaftsgüter ausgenommen sind) ein besonderes Konto errichten. Das Konto muß einen Bestandteil der kaufmännischen Buchführung bilden.
Nach den Ergänzungsrichtlinien ist hierbei folgendes zu beachten: Die auf das Konto zu übertragenden Anfangsbestände find in der Regel inven- tarmäßig auszuscheiden. Muß wegen der praktischen Unmöglichkeit der inventarmäßigen Ausscheidung der Wert der kurzlebigen Wirtschastsgüter im Verhältnis zum Wert der gesamten Anlagen geschätzt werden und ergibt die Schätzung einen Rahmensatz (z. B. 10 bis 12 o. H. des Gesamtwerts der Anlagen), so ist nicht die obere, sondern die untere Grenze der Schätzung (10 v. H.) der T j RASIERCREME
( I A macht das Rasieren zum Genuß.
VvXJUUUC Große, langreichende Tube 50 Pf.
>mmen mit dem Rate Der -^nn . sich zur Ehre anrechne, dem Ihn brauche.
Stadt getroffen, der es
Herrn Obristen von dem Wunderwasser ein gehöriges Quantum zu liefern, als ein Geschenk natürlich, wobei der erlauchte Herr den guten Willen höher anrechnen möge, als die schlechte Gabe.
Der dicke Hauptmann zog ein schiefes Gesicht. Vom Wasser hatte er sein Leben lang nicht viel gehalten. Es war gut zum Waschen und zum Pferdetränken, aber seine Kehle nannte es ein fremdes Ding; es wurde ihm übel, wenn er daran dachte. Doch der Chirurg ließ nicht locker: Es muß getrunken werden, denn — hier sah der Alte durch die gewohnten würdigen Doktorfalten des grämlichen Gesichtes eine wirkliche Besorgnis schimmern — sonst glaube er nicht, daß der Herr Obrist im nächsten Jahr noch seiner oder irgend eines anderen Arztes bedürfe; dann bliebe nur noch der Feld- kaplan mit feiner letzten Amtsverrichtung. Die Antwort schmeckte bitter, aber sie mußte eingenommen werden; zugleich hörte man auf dem Hofe des Hauses ein wildes Gerumpel und Gepolter und wie beide ans Fenster traten, sahen sie, daß von einem Karren zwei mächtige Fässer abgeladen wurden, „dem edlen Herrn von Egloffstein als kleines Geschenk vom Rate der Stadt Hersfeld überreicht, mit den besten Wünschen zur Kräftigung der erlauchtig- ften Gesundheit" wie auf dem Pergament geschrieben war, das ein Ratsabgesandter dem Feldhaupt-
Der Chirurgus regte sich nicht weiter auf; er kannte das Leiden und kannte das Wüten des Kranken; aber wenn man jeden Tag em halb Dutzend Kannen schweres Einbecker Bier und ein paar gute Krüge voll Würzwein in sich hinemgietzt, dann hilft die Kunst aller Aerzte nichts gegen Zipperlein und müde Leber und Galle. So ließ er Den Grimmbart sich erst austoben, ehe er mit seiner neugewonnenen Weisheit herauskam. In Hersfeld fände sich ein uralter Brunnen, ein Sprudel, dem man in der Stadt und rings im Lande große Hell- kraft nachrühme, Er flösse durch die Leber wie em Medizinbach und mancher würdige, von den guten Fastenspeisen allzusehr in die Breite gegangene zlbt und viele vom Zipperlein geplagte Völler und Schlemmer seien nach einer Kur davongegangen, schlank und leichtfüßig wie Schmaltiere. Er habe darum schon ein Abkommen mit dem Rate der
Das Brunnen-Bier.
(Sine Hersfelder Geschichte.
Von Johann Otto Bringezu.
Der alte Obrist und kaiserliche Feldhauptmann von Egloffstein, Baron und edler Herr, dick wie ein Faß und klug wie zehn geheime Kammerrate, wenn es galt, dem Schweden gehörig eins auszu- wischen, saß in seinem Quartier in Hersfeld und war griesgrämiger Laune. Die Gicht plagte ihn an allen Gliedern, ein Hebel, das ihm der Krieg gebracht hatte, in dem er nun schon fast dreißig Jahre lang mitlief; der Bauch drückte ihn auf Magen und Leber, die Galle rebellierte, wie er sich auch drehte und wendete, und wenn er sich nicht vor dem Regimentschirurgen geschämt hatte, mochte er heulen, wie ein Schloßhund. So fluchte er bloß das ganze Register seiner militärischen Segenswünsche herunter, auf den Schweden und aus den Kaiser, den Papst und den Luther, es kam ihm gar nicht darauf an; der Krieg war ihm em Satansspiel und der Chirurg ein Absenker von des Teufels Großmutter und ein mißratener dazu.
Wozu ist Er da, wenn Ihm nicht em einziges Mittel einfällt. Seinem Obersten zu helfen. Mit dem Arm- und Beinabschneiden ist es nicht getan; das besorgt der Schwede eben so gut wie Er und manchmal noch rascher und schmerzloser. Aber da inwendig hineingucken" und dabei ttommelte der Alte in seiner Wut mit beiden Fausten sich so kräftig auf den runden Wanst, daß er vor Schmerzen aufstöhnte, „wie es da inwendig aussieht, das wißt Ihr Knochensäger so wenig wie eine Hexe, die aus Mausdreck Gesundheit und langes Leben weis-
mann dazu übergab.
Das Gesicht des Hauptmanns wurde nicht freundlicher als er den ersten Schluck aus dem Becher nahm, den ihm der Chirurg selbst vollzapfte. Er ließ ihn im Munde rollen wie eine trockene Wacholderbeere, die man gegen die Pest kaut, und stieß ihn von einer Backe in die andere, ehe er ihn unter schauerlichem Aechzen den Weg durch die Kehle schickte. „Das soll ich trinken", krächzte er erbost, als er wieder zu Atem kam, „zwei Fässer von die- fem elenden, dünnen Zeug, das mich noch dazu in der Nase kitzelt, daß mir fast die Luft ausgeht. Der Teufel ..." — „der Teufel wird Euch nicht helfen" fiel hier der Chirurg ein, der nun einmal im Zuge war, und seine Karten jetzt nicht aus der Hand geben wollte, „der Teufel nicht, aber das Wasser.' Es muß getrunken werden, sonst wird das Ende böse sein, eh' das Jahr um ist. Auf dies resolute Kommando hin war es erst eine kurze Weile still dann gab es ein Gebrumm wie von einem Baren, der'an feinen Tatzen saugt, wenn er nichts besseres findet und zuletzt horte der Chirurg em kleines trockenes und - so schien es ihm nachher - boshaftes Lachen. „Gut, das Zeug soll getrunken werden- ich gebe mein ritterliches Wort darauf. Aber eher als'in drei Wochen will ich von dem ärztlichen Rat des Herrn Chirurgen nichts mehr wissen. Dann werde ich Ihn zu mir rufen lassen, wenn ich
Die Zeit war knapp herum, als eines Abends der Chirurg zum Obersten befohlen wurde. Schon von weitem hörte der Eilende, der anfangs an eine plötzliche Verschlimmerung der Krankheit des Pattenten oder an sonst einen bösen Zwischenfall glaubte, aus dem Quartier ein fröhliches Getöse, has mit Kranken-Litaneien kaum eine Aehnlichkeit hatte. Und als er durch das Tor in den Hof trat, hätte ihn der Anblick, der sich ihm darbot, vor Schreck fast umgeworfen. Dort faß der Alte mit aufgenesteltem Koller an einem mächtigen Holzttsch, einen Riesenkrug voll dunklen Bieres vor sich „der dritte", so rechnete er mit den Fingern seinem Leibdoktor vor, weil er den Humpen zum Reden nicht absetzen wollte, und um ihn herum standen vier Fässer, zwei leere und zwei volle, zwei aus Hersfeld und zwei aus Einbeck, die kannte der geplagte Medikus zur Genüge. Eh' aber der Zecher den Schaum von feinem vierten Kruge blies, hob er den massigen Körper vom Sessel auf, ließ dem Verdutzten gleichfalls einen vollen Humpen reichen und erklärte dazu dies: Er habe fein ritterliches Wort verpfändet, daß er das Hersfelder Wasser trinken werde. Dort stünden die zwei Fässer aus Hersfeld — leer, dort zwei andere, gleichgroße aus Einbeck — voll, voll von gutem Einbecker Bier. Aber dies Bier fei von besonderer Art; denn da der Chirurg so viel über die Herrlichkeit des Brunnens gewundert und gepredigt habe, sei er der Meinung geworden, daß ein Bier aus diesem edlen Wasser gebraut, zu seinem eigenen Wohlgeschmack noch die Heilkraft und Stärke des Brunnens gewinnen würde. Er habe somit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und sich aus den zwei Faß Hersfelder Wasser in Einbeck zwei Faß Bier brauen lassen und somit sowohl seiner Kehle wie seiner Gesundheit gedient. Und der Teufel solle ihn holen, wenn er es mit seinem Ritterwort nicht so genau nähme, daß er die beiden Fässer bis auf die Nagelprobe leere.
Was sollte der Doktor dagegen sagen; er mußte dem schlauen Fuchs Bescheid tun und weil es wirklich ein Bier war, so schwer und rund, wie es ihm noch nie über die Zunge rollte, wurden aus dem einen Kruge so viele, wie Fässer im Hofe standen, doppelt gezählt, wie er sie danach auch doppelt sah. Aber seltsam: War der Brunnen wirklich so stark und so voll Heilkraft, daß selbst die ungewöhnliche Umwandlung ihn nicht schwächen konnte. Oder wollte der gute Brunnengeist, der in jedem rechten Heilwasser wohnt, hier ein besonderes Beispiel dafür geben, wie die Kräfte der Natur über allen Menschenwitz mächtig sind: Mit der Gesundheit des Egloffstein wurde es so schnell besser, daß man es fast von Tag zu Tag sehen konnte und als die beiden Einbecker Fässer, leer getrunken, im Hofe
dröhnten, war weder vom Chirurgen, geschweige denn noch vom Feldkaplan mehr die Rede. Und der alte Obrist ist erst nach fünfundzwanzig Jahren friedlich an all zu hohem Alter auf seinem Burghof gestorben. Von dem Hersfelder Brunnen-Bier aber hat er fein Leben lang nicht mehr gelassen.
Diese Geschichte ist in ihrem Kern wahr und hat sich wirklich zugetragen; man kann sie in der Historie der Stadt Hersfeld nachlesen. Der Brunnen, der einige Zeit nach dem dreißigjährigen Kriege verschüttet wurde, sprudelt jetzt wieder stärker denn je und tut noch immer Wunder. Wenn auch der Brunnengeist sich heute nicht mehr, so wie damals dem dicken Feldhauptmann, im Einbecker Bier offenbart.
Hochschulnachrichteu.
Professor D. Friedrich (Bo garten, Ordinarius für systematische Theologie an der Universität Breslau, hat einen Ruf als o. Professor für systematische Theologie und als Universitätsprediger an die Universität Göttingen als Nachfolger von Professor Karl Stange erhalten, der wegen Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand tritt. Professor ©ogarten hat zuletzt die Professur für systematische Theologie an der Universität Bonn versehen, die bisher der jetzt in den Ruhestand versetzte Professor Karl Barth innegehabt hat.
Professor D. Joachim Jeremias, Ordinarius für Neutestamentliche Theologie an der Universität Greifswald, ist in gleicher Eigenschaft an die Universität Göttingen berufen worden.
Professor D. Dr. Paul Kahle, der Direktor des Orientalischen Seminars der Universität Bonn, ist an die Universität Berlin berufen worden, um dort die Leitung des neu zu gründenden großen Orienttnstttuts zu übernehmen.
Die folgenden ordentlichen Professoren sind von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden: an der Universität München: Franz Walter (Moraltheologie); Hans Oertel (arische Philologie); Vinzenz Schöpfer (Forst- und Jagdwirtschaft); an der Universität Freiburg: Paul Uhlenhuth (Hygiene); Christoph Wagner (Forstbetriebslehre); an der Universität Greifswald: Karl Peter (Anatomie); an der Universität Leipzig: Paul Rehme (Deutsches und Handelsrecht); an der Universität Würzburg: Georg Rost (Mathematik); an der Universität (Erlangen: Arnold Spuler (Anatomie); an der Universität Rostock: Theodor von Wasiliew- ski (Hygiene); an der Universität Jena: Max Wiem (PhM).


