Ur. HZ Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 27.Zunl 1935
Richtiger Einsatz bringt Höchstleistung.
Von der K r e i s d i e n st st e kl e des Amtes für Berufserziehung in der DAF. wird uns geschrieben:
Mit der Festigung der wirtschaftlichen Verhältnisse und im Hinblick auf die Behauptung Deutschlands im Welthandel hat sich die Notwendigkeit ergeben, jeden Volksgenossen nach Möglichkeit wieder auf den Platz zu stellen, der seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entspricht.
Die Einschaltung in das Wirtschaftsleben soll dort erfolgen, wo er entsprechend seiner persönlichen Eignung die höchsten Leistungen zu vollbringen vermag.
Dieser Forderung trägt die Stellenvermittlung der Deutschen Arbeitsfront weitgehend Rechnung. Ihre ganze Arbeit ist auf die Verwirklichung des Zieles: Jedem nicht nur einen, sondern seinen Arbeitsplatz zu verschaffen, abgestellt. Bei der Lösung dieser Aufgabe steht der Stellenvermittlung ein vorzügliches Hilfsmittel zur Verfügung: Das Sichtbogensystem. Berufliche Leistung, fachliches Wissen und charakterliche Eignung werden auf die Erfordernisse jedes zu besetzenden Postens abgestimmt. Der Sichtbogen, der die theoretischen und praktischen Berufsund Fachkenntnisse der Bewerber aufzeigt, gibt hierzu die Möglichkeit. Die nachgeprüften Fähigkeiten und Kenntnisse werden am Rand des Bogens, dem Sichtrand, durch verschiedene Farbsignale gekennzeichnet. Die Sichtbogen selbst werden
durch eine sinnreiche Einrichtung in einem sogenannten Schlitten zu einer Fachkartei geordnet, d. h. auf kleinem Raum liegen Tausende von Sichtbogen übersichtlich nebeneinander. Danach ist es dem Vermittler möglich, durch ein Hinübergleiten über die in Betracht kommenden Spalten der einzelnen Sichtbogen alle für einen offenen Posten geeigneten Bewerber sofort zu ermitteln.
3n wenigen Minuten kann er aus Tausenden von Bewerbern sofort feststellen, wer z. B. geeignet ist für die selbständige Führung der französischen Korrespondenz, oder welcher Reisende im Ausland tätig war usw. Wenn also ein Betriebsführer einen neuen Mitarbeiter braucht, so werden ihm zwangsläufig immer nur die geeignetesten Bewerber vorgeschlagen.
Auf diese Weise sorgt die Stellenvermittlung nicht nur dafür, daß alle stellungslosen Angestellten wieder in Arbeit und Brot gebracht werden, sondern dient darüber hinaus der deutschen Wirtschaft dadurch, daß sie ihr für jeden zu besetzenden Posten die leistungsfähigste Arbeitskraft nachweist.
Auskunft erteilt kostenfrei die Stellenvermittlung im Amt für Berufserziehung in der DAF., Gießen, Lonystraße 18. Die Benutzung der Vermittlungseinrichtungen ist sowohl für Angestellte wie für Betriebsführer kostenlos.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Hütet den Wald in der Ferienzeit.
Die Sommerferien beginnen nun bald. Zu dieser langen Freizeit des jungen Volkes gehört seit jeher das Reisen und Wandern, das Hinausdrängen aus den eigenen vier Wänden, irgendwohin, wo es anders und schön ist, wo die täglichen Sorgen und Pflichten nichts mehr wiegen, weil sie nicht alltäglich sind. Es ist zwar in vielen Dingen oft lange nicht so gut und bequem wie zu Hause, aber das Gefühl der Freiheit, der Genuß einer wohltuenden Losung von allen möglichen Fesseln triumphiert lachend über sonst lieb gewordene Gewohnheiten.
Wohin soll es nun gehen in diesem Jahr? Das erste Gebot heißt selbstverständlich — nicht über die Grenzen hinaus. Das deutsche Vaterland ist groß genug und voller Schönheiten, wie wir sie suchen und brauchen nach dem atemlosen, zermürbenden Getriebe, nach der stickigen Atmosphäre der steinernen Stadt. Berge, Wasser und Wald! Vor allem Wald überall. Von den Buchen der Ostsee bis zu den Wetterbäumen der Alpenschroffen. Don den Wäldern der rheinischen Berge über die Fichtenwellen der deutschen Mittelgebirge und die Weiten der Kiefernheide bis zu den dunklen, geheimnisvollen, seenreichen Dickungen der Ostlande. Also hinaus in den Wald irgendwohin, mit festem Standquartier oder nicht, per Eisenbahn oder auf den Fahrzeugen fester und flüssiger Straßen, so wie es jedem Geldbeutel am bekömmlichsten ist. Der Wald ist der wertvollste Schmuck der deutschen Gaue, unersetzbar für das Wohlergehen von Volk und Wirtschaft. Jeder muß aber auch wissen von den anderen riesigen Werten, die der Wald für unser gesamtes völkisches und wirtschaftliches Leben bedeutet, von seinem Wirken in dem Reich der atmosphärischen Gewalten, von seinen wasserhaltenden Kräften und auch von der Vielfältigkeit der Verwendung seines Haupterzeugnisses, des Holmes. Dann sieht man den Wald mit ganz anderen Augen an. Man lernt ihn bewußt lieben und auch hüten.
Und gerade das Hüten ist etwas besonders Wichtiges, wenn die Schulen für fünf Wochen ihre Tore geschlossen halten und der Wald überschwemmt wird mit frohen, erlebnisdurstigen Menschen. Die trockenen Frühjahrsmonate und der Hochsommer sind für den Wald die gefährlichste Zeit. Hütet das Feuer in Wald und Heide! Gar zu leicht fängt die trockene Vegetationsschicht am Boden den Funken, den ein Windstoß aus unachtsam angelegtem Lagerfeuer entführte oder die achtlos fortgeworfene glimmende Zigarette. Und plötzlich brennt in hellen Flammen Heide und Wald.
Das Rauchen im Walde ist vom 1. März bis zum 31. Oktober vollständig verboten und ebenso das Feuermachen im Wald oder in dessen gefährlicher Nähe ohne ausdrückliche Erlaubnis des Grundeigentümers oder dessen Vertreters, lieber» tretungen dieser Bestimmungen stehen unter entsprechenden Strafen. Das sollen alle wissen, die sich in den kommenden Wochen den Wald zum Aufenthalt erwählt haben. Sie sollen auch wissen, daß jeder verpflichtet ist, bei der Bekämpfung eines entstandenen Waldbrandes mitzuhelfen, und daß auf schnellstem Wege der nächsten Försterei oder Gemeinde Meldung erstattet werden muß, wenn ein Waldbrand entdeckt worden ist.
Wenn jeder diese wenigen Bestimmungen kennt und sich nach ihnen richtet, dann können alljährlich Werte von vielen Millionen erhalten bleiben. Dann wird der deutsche Wald auch bald nicht mehr jene zahlreichen Schandflecke aufzuweisen haben, die schwarzen Brandflächen mit verkohlten Baumruinen, die Klage führen über menschliche Leichtfertigkeit und Unvernunft.
Daten für den 28. Juni.
1813: der preußische General Gerhard v. Scharnhorst in Prag an einer bei Großgörschen erlittenen Wunde gestorben (geboren 1755); — 1865: der Dichter Otto Julius Bierbaum zu Grünberg (Schles.)
geboren (gestorben 1910); — 1914: Erzherzog- Thronfolger Franz Ferdinand von Oesterreich-Este erschossen (geboren 1863) und seine Gemahlin, Herzogin Sophie von Hohenberg, in Serajewo.
Umtausch der aufgerufeneu Reichsbanknoten zu 20 Mark.
Die Reichsbank weist darauf hin, daß mit dem 30 Juni d. I. die Einlösungsfrist für die aufgerufenen Reichsbanknoten zu 20 Mark mit dem Frauen- kopf und dem Ausfertigungsdatun^vom 11. Oktober 1924 abläuft. Vom 1. Juli ab sind diese Noten wertlos, und die Reichsbank ist zur Einlösung derselben nicht mehr verpflichtet. Es empfiehlt sich deshalb etwa noch vorhandene Noten dieser Art sofort umtauschen zu lassen.
Wehrdienstsragen an das zuständige Wehrbezirkskommando.
Im Zusammenhang mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht gehen täglich beim Reichskriegsministerium und einzelnen Angehörigen dieses Ministeriums zahlreiche Anfragen und Bitten um Einstellung ein.
Es wird darauf hingewiesen, daß alle den Wehrdienst betreffenden Anfraaen grundsätzlich an das für den Wohnort des Antragstellers zuständige Wehrbezirkskommando zu richten sind, dessen Anschrift bei der Ortspolizeibehörde zu erfragen ist.
Anfragen, die den Eintritt in die Wehrmacht betreffen und an Einzelpersönlichkeiten und andere Dienststellen gerichtet sind, werden künftig nicht mehr beantwortet.
Einstellungsgesuche nur an die Luftkreiskommandos!
Das Reichsluftfahrtmini st erium gibt bekannt: Seit der Verkündung des Wehrgesetzes werden in steigendem Maße Gesuche ehemaliger Offiziere um Wiederverwendung im Bereich des Reichsluftfahrtministeriums oder Rückfragen über den Stand solcher Gesuche an den Herrn Reichsminister der Luftfahrt oder das Reichsluftfahrtministerium un mitte l b a r gerichtet. DiesesVerfahrenistun- statthaft und führt nur zu Verzögerungen in der Erledigung. Für Gesuche dieser Art und Rückfragen dazu sind lediglich die Luftkreiskommandos zuständig.
Bei der Ueberlastung dieser Stellen können zunächst nur die aussichtsreichen Gesuche weiterbearbeitet werden, so daß der Bewerber, falls er etwa vier bis sechs Wochen nach Einreichung seines Gesuches keinen Bescheid erhalten hat, annehmen darf, daß keine Aussicht auf Einstellung besteht.
Sie Vermittlungstätigkeit der Arbeitsämter im Monat Mai.
Die Vermittlungstätigkeit der Arbeitsämter im Landesarbeitsamtsbezirk Hessen war im Monat Mai d. I. ebenso lebhaft wie im Vormonat. Das Stellenangebot überstieg das des Monats April sogar noch um rund 1300 offene Stelle n. Insgesamt wurden 32 389 offene Stellen neu angemeldet; mit den aus dem Vormonat unbesetzt gebliebenen 4915 Stellenangeboten standen insgesamt 37 304 offene Stellen zur Verfügung. Davon erledigten die Arbeitsämter 30 614 durch Vermittlung, während 2229 sich auf namentliche Anforderungen bezogen. Mit den im Laufe des Monats erfolgten 4704 Einweisungen in Notstands- und Fürsorgearbeit wirkten die Arbeitsämter demnach bei der Einstellung von 37 547 arbeitsuchenden Volksgenossen mit.
Von den Arbeitslosen der Saisonaußenberufe wurden rund 11 400 (im Vormonat rund 13 000), von den Arbeitslosen der übrigen Berufe — ohne Ungelernte und Angestellte — 13 300 (im Vormonat 12 400) untergebracht. Ferner konnte 3700 Angestellten und 9000 Ungelernten Arbeit zugewiesen werden. Während also im Vormonat noch die Aufnahmefähigkeit der Saisonaußenberufe überwog, waren im Mai die Vermittlungen in die übrigen, konjunkturell beeinflußten Berufe zahlreicher. Die Zugänge an Arbeitsgesuchen (33 703) blieben im Mai um 3139 hinter dem Zugang des Monats April zurück, woraus auf eine größere Beständigkeit der Arbeitsverhqltnisse geschlossen werden kann.
Schülerbriefwechsel mit dem Ausland
In einer Verfügung des Reichserziehungsrnini- sters heißt es u. a.:
Der Schülerbriefwechsel mit dem Auslands besitzt eine wesentliche erzieherische Bedeutung. Abgesehen
von dem praktischen Vorteil, den der sprachliche, erdkundliche, volkskundliche und geschichtliche Unterricht in der Schule daraus ziehen kann, hat der Schülerbriefwechsel vor allem auch die Aufgabe, die deutsche Jugend mit der Jugend anderer Völker in ein lebendiges Verhältnis und in einen unmittelbaren Erfahrungsaustausch zu bringen. Eine enge Zusammenarbeit von Schule und Jugendorganisationen wird die bis dahin erzielten Erfolge bedeutend steigern.
Deutsche Arbeitsfront.
Ortsgruppenwaltung Giehen-Ost.
Am kommenden Montag, 1. Juli, abends um 8% Uhr, findet in der Gastwirtschaft Burckhardt, Kaiserallee, unser monatlicher Appell statt. Es ist selbstverständlich, daß sämtliche Block-, Zellen- und Betriebswalter an diesem Abend erscheinen. Entschuldigungen können nur in dringenden Fällen angenommen werden.
NSDAP., Ami für Beamte.
Kreis Gießen.
Die Sprechstunden des Amtes für Beamte und des Reichsbundes der Deutschen Beamten e. V. Kreis Gießen in Gießen, Schanzenstraße 18, werden mit sofortiger Wirkung auf Dienstag von 18 bis 20 Uhr festgesetzt. Ulrich.
2 SZahre Straßenbahnerverein Gießen
Am kommenden Samstag begeht der hiesige Straßenbahnerverein Gießen mit einer größeren Veranstaltung fein 25jähriges Bestehen. Der Verein wurde im Jahre 1910 gegründet, und zwar in der Wirtschaft „Zum Pfau" in der Neustadt. In ihm vereinigten sich die damaligen Straßenbahnführer. Acht der Gründer des Vereins gehören diesem heute noch an. Der Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Geselligkeit im Kreise der Berufskameraden zu pflegen, ist diesen Bestrebungen immer treu geblieben. Im Jahre 1914 gestaltete sich der Vereinsbetrieb infolge des Kriegsausbruches stiller, da 14 Mitglieder ins Feld zogen. Sieben Berufskameraden blieben auf dem Felde der Ehre. Im Jahre 1919 blühte das Vereinsleben wieder neu auf und vereinigte die Kameraden in gewohnter Weise.
Zu der Feier des 25jährigen Bestehens des hiesigen Vereins werden sich auch Straßenbahner aus Frankfurt, Darmstadt und Marburg einfinden, um mit den Gießener Kollegen einige festliche und kameradschaftliche Stunden zu begehen. Die auswärtigen Gäste, die voraussichtlich im Kraftwagen nach Gießen kommen werden, sollen am Samstag um 17 Uhr an der Frankfurter Straße begrüßt werden. Die Berufskollegen aus Frankfurt werden mit ihrer Musikkapelle erscheinen. Unter Marschmusik werden die Teilnehmer in geschlossenem Zuge über Frankfurter Straße, Horst-Wessel-Wall, Bahnhofstraße, Kaplansgasse, Sonnenstrahe, Schul- strahe und über den Markt zum Lindenplatz marschieren. Dort wird sich der Zug auflösen. Am Abend findet dann eine Kameradschaftsveranstaltung statt, die bei Musik und allerlei Unterhaltung die Straßenbahner und ihre Gäste einige Stunden vereinigen werden. Die Freunde und Gönner sind herzlich eingeladen. Im Rahmen der Feier werden die Straßenbahner Heinrich Becker, Peter Beyer, Heinrich Vogel, Karl Seibert, Christoph ©teil), Ludwig Lösch, Franz Adam und Heinrich V ö l p e l als Mitbegründer und treue Mitglieder des Vereins für ihre 25jährige Zugehörigkeit geehrt.
UDO 1.20
Perfonaiveränberungen am Gießener Gtadttheater.
Die ausscheidenden Mitglieder. Die neuen Kräfte.
Wie wir von der Intendanz des Gießener Stadttheaters erfahren, ist nunmehr die Entscheidung über die früher bereits angekündigten Veränderungen im künstlerischen Personal bis auf wenige Ausnahmen gefallen. Nach den uns zuteil gewordenen Informationen ergibt sich folgendes Bild. Vom alten Ensemble werden aus» scheiden und von der nächsten Spielzeit ab nicht mehr bei uns tätig sein: der jugendliche Held Will Qu ad flieg, der nach Gera verpflichtet wurde; der jugendliche Komiker Heini Göbel, der nach Bremerhaven verpflichtet wurde; die Sentimentale Elisabeth Wielander, die nach Altona ver- pflichtet wurde; die jugendliche Salondame und Naive Lorie Pflug, die nach Osnabrück verpflichtet wurde; I. G. W e y l, die nach Elbing verpflichtet wurde. Außerdem scheiden aus: der erste Held und Liebhaber Karl Löser, der Naturbursche Wilhelm Sieten, der Bassist Franz 23alcf enberg, die Soubrette Hansi S a l z - mann, der erste Kapellmeister Fritz Cujä und der Obergewandmeister Curt Huber.
Was die Neuverpflichtungen betrifft, so legt die Intendanz besonderen Wert auf die Gewinnung tüchtiger Kräfte in einem eigenen Opern» Ensemble unseres Stadttheaters. Es wurde hier- für nerpflichtet als erster Kapellmeister Paul Walter vom Stadttheater in Trier; Walter ist geborener Wiener, ihm geht der Ruf eines sehr begabten jungen Musikers voraus; in Trier hatte er die Oberleitung des städtischen Musiklebens; außerdem war er mit Erfolg in Erfurt tätig. Ferner wurden verpflichtet: als Altistin Emmi Hagemann von der Deutschen Musikbühne des Erbprinzen Reuß; als Zwischenfach-Sängerin, auch für Operette, Helene Wacker vom Nativnaltheater m Weimar; als erster Bariton Gustav Bley aus München; als Bassist und Baßbuffo Wilhe m Greif vom Münchener Sender; als Tenvrbusfo und lyrischer Tenor Rudolf Hille vom Stadttheater in Salzburg. Noch nicht verpflichtet wurden die neue Soubrette und der zweite Kapellmeister
Im Schauspiel wurden verpflichtet: als erste Salondame und Liebhaberin Aenne Markgraf vom Stadttheater in Innsbruck; als jugendliche Salondame und muntere Naive Cissie Hencke11 vom Stadttheater Altona. Noch nicht verpflichtet wurde ein Ersatz für Fräulein Wielander.
Bei den Herren ist eine Neueinteilung der Fächer vvrgenvmmen worden. Es wurden verpflichtet: als erster Bonvivant und Charakterheld Hans von S p a 11 a r t vom Deutschen Theater in Riga als Nachfolger von Herrn Löser; als erster junger Held Heinz Rosenthal vom Staatstheater in München, der das Fach von Herrn Quadflieg und Herrn Dieten übernehmen soll; als jugendlicher Komiker und Bonvivant Gerhard Frickhveffer vom Schauspielhaus in Bremen anstelle van Herrn Goebel; ferner für Anfängerrollen Ludwig Mos- bacher von der Schauspielschule in Mannheim.
Die Spielleiter-Verteilung wird für die kommende Spielzeit noch geregelt werden. Im Schauspiel wird, wie früher bereits mitgeteilt wurde, Intendant Hermann Schultze - Griesheim persönlich in großen Regieaufgaben tätig sein. Vom alten Personal sind die Herren Neuhaus, Kühne, Lüpke und Hub ebenfalls als Spielleiter tätig; von den neuengagierten Kräften hat Herr v. S p a 11 a r t auch Regieverpflichtung.
Im übrigen wird es interessieren, daß Intendant Schultze - Griesheim in den letzten vierzehn Tagen durch Deutschland gereift ist — er war u. a. in Berlin, München, Frankfurt a. M., Köln und Leipzig — und trotz der bereits reichlich vorgeschrittenen Zeit noch sehr gute Kräfte für sein Ensemble gefunden und mit ihnen abgeschlossen hat. Was den neuen Spiel plan angeht, so steht er ebenfalls im Wesentlichen bereits fest und soll in nächster Zeit ausführlich bekanntgegeben werden. Für heute mag genügen, daß die kommende Spielzeit mit dem „Prinzen von Homburg" von Kleist eröffnet wird; dann sollen eine Mozart- Oper und ein modernes Kammerspiel folgen.
Nachiflug der Schwärmer.
3on Peter Bauer.
In den warmen Junitagen sind die Lüste getränkt von überraschenden Wohlgerüchen. Nie verströmt sich die Natur so verschwenderisch, nie off» net sie ihre Blütenampeln und Blumenkelche freigebiger, als wenn die Gärten in Rosengluten prangen.' Da wehen die Wiesen ihren kleesüßen Heugeruch; da duften in Straßen, auf Plätzen, bei Brunnen und Toren die runden Laubkuppeln der Linden, die wir vielleicht darum so lieben und m ihre Rinden unferere beglückeckdsten Geheimnisse schneiden, weil ihre Blätter einem Menschenherzen so ähnlich sind; da hauchen in Alleen und Parken die Akazien und Robinien aus weißen und blaß- blauen, sanft hängenden Blütentrauben ihren köstlichen Atem; da quellen die Jasminbusche über von
betäubendem Wohldust, dem etwas Orientalisches anhaftet, wie dem Namen des Strauchs, der einem Märchen aus Tausendundeine Nacht entstammt zu sein scheint; da berauschen am Waldrand und als Laubgezelte die blütenbeladenen Zweige des Gehölz und Zaunwerk umschliegenden Geisblatts und seines Verwandten, des sehnsüchtig rankenden Jelängerjelieber, mit ihren weithin lockenden Düften.
Das ganze fliegende Jnsektenvolk ist aufgerufen. Kein Wunder, wenn das Gesumm der Schwärmereien und Liebesfeste die Lüfte füllt. Bei den Linden sind Bienen und Hummeln bevorzugte Stammgäste und es gibt des fröhlichen Zechens und Tanzens kein Ende. In den Goldherzen der Rosen schillern wie Smaragde und Rauchtopase die runden Rosenkäfer, die sich wie leslos fortnehmen lassen, so trunken sind sie. In die abendlichen Wiesen und Büsche fallen die Johanniskäfermännchen ein, die in wilden Schleifen und Zirkeln heransurren, um ihren im Grün versteckten Weibchen den Hof zu machen.
Die Nacht aber gehört dem leisen Flug der kleinen Nachtschmetterlinge und großen Schwärmer. Wie die Eulen geistern sie wegsicher durchs Dunkel von den feinsten Witterungswerkzeugen geführt. Und die Blüten, die sie erwarten, schließen sich nicht zum Nachtschlaf wie tausend andere, die ihre Duftkammern verriegeln, sondern sie öffnen sich jetzt erst zu ihrer ganzen Pracht und Leuchtkraft und senden ihre Duftströme nach allen Winden aus wie Scheinwerfer, die mit ihren Strahlen in die Ferne tasten und Lichtstraßen durchs Dunkel stoßen.
Weiter als jeder andere Blütenatem wehen die Duftwogen des Geisblatts ihre wilde Lockungen von betörender Süße und reißen die surrenden Großsegler wie mit magnetischen Kräften in ihre Strudel. Besonders den Herzensfreund der gelblichweißen, von zartem Rot überhauchten Blütensträußen, den Kiefernschwärmer. Seine schmalen und langen Vorderflügel geben seinem Flug verblüffende Schnelligkeit und anmutigfte Linien. Ihre unansehnliche schwarzgraue Beschieferung lassen allerdings nicht mehr als ein kurzes gespensterhaftes Vorbeihuschen wahrnehmen, wenn nicht gerade ein verräterischer Lichtschein den eleganten Flieger trifft. Während er mit rasenden Flügelschlägen vor den Sträußen schwebt, die sich zu Beginn der Dunkelheit waagrecht stellen, um dem Nektarnäscher sein Saugen zu erleichtern, entrollt sich die zierliche Rüsselspirale und taucht gierig in die enge Blütenröhre hinab. Dabei streift sie das eine Mal die Staubblätter, das andere Mal die Narbe der Blüte, die nacheinander sich am Eingang vordrängen.
So bezahlt der von Blüte zu Blüte schwebende Schwärmer unbewußt die süße Zeche doch, indem er
die Hochzeit des Geisblattes ermöglicht, die tausendfältig gesegnet sein wird mit lippenroten, saftigen Beeren, Leckerbissen für viele Waldvögel.
Und so verbringst du deine kurzen Tage...
Eine Stattstik hat berechnet, daß der Durchschnittsmensch als Siebzigjähriger auf Grund genauester Berechnungen mehr als ein Drittel seines Daseins, nämlich etwa fünfundzwanzig Jahre der Arbeit gewidmet hat. Liber die Qualität dieser Arbeit ist damit noch nicht viel ausgesagt, aber man kann in diesem Arbeitseifer zumindest den Beweis guten Willens sehen, zumal sich diese Summe nicht ganz aus der Einhaltung eines Acht-Stundentages errechnen laßt. Dafür hat unser Siebzigjähriger aber das peinliche Gefühl, ein gut Teil seines Lebens verschlafen zu haben, nämlich zwanzig lange Jahre! Dafür hat er über sieben Jahre lang nachBergnü- gungen gestrebt und ist mehr als sechs Jahre lang spazieren gegangen. Zweieinbalb Jahre Müßiggang, der sich nicht näher bestimmen und in keine Rubrik einordnen laßt, kommen noch hinzu. Ferner läßt sich feststellen, daß sich der Siebzigjährige zweieinhalb Jahre lang mit seiner Toilette beschäftigt hat, was ihm jetzt sicher als übertriebene Eitelkeit erscheinen wird. Zwei ganze Jahre lang hat der Durchschnittsmensch gegessen, was im Zusammenhang gesehen eine sehr ausgedehnte Mahlzeit ist. Dafür nehmen aber auch die kleinen alltäglichen Tätigteiten, denen wir kaum Blachtung schenken, unverhältnismäßig viel Zeit in Anspruch. Wir waschen uns insgesamt neun Monate lang, und die Herren der Schöpfung müssen noch sieben Monate für das Rasieren zugeben; es ist nicht mehr verwunderlich, warum sie gerade über diese Beschäftigung oft so ungehalten sind. Das Telephonieren, das etwa fünf Monate in Anspruch nimmt, kann man je nach Bedarf zur Arbeit oder zu den Vergnügungen zuzählen, vielleicht auch zum Müßiggang. Mit Erstaunen vernimmt der Siebzigjährige, daß er sich vier Monate lang die Rase putzte, ohne überdurchschnittlich verschnupft zu sein, und daß er auf das Zähne- puhen mehr als zwei Monate verwendete. Wenn der Rormalmensch allerdings glaubt, aus der Statistik entnehmen zu können, daß er in vorbildlicher Weise weder redselig noch wortkarg gewesen ist, so wird er enttäuscht. Die Angaben über seine Gesprächigkeit machen ihn schwindeln: Siebzig mal zwölf Millionen Worte hat der Siebzigjährige im Verlauf seines Lebens gesprochen und dazu seinen Mitmenschen, die diese Rede mitanhören mußten, noch siebzig mal zwölfhundert mal die Hände gedrückt.


