Ausgabe 
27.5.1935
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 122 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 27. Mai 1055

Kulmus in Leipzig

Von Hans Sturm

Jetzt und hier beginnt erst mein liches Leben!"

über denbei esprit" beherrschte Briefaustausch ließ die sehr spärlichen Herzensmeinungen der bei­den einander Versprochenen kaum auikommen. Louise paßt sich in ihren Briefen den Gedanken Gottscheds an, ohne dabei ihre eigene Heiterkeit auf­zugeben oder ihre erstaunliche Beweglichkeit zu verlieren Die Antworten des kaum drei Jahre älte­ren Gottsched haben den bedächtigen Unterton des erfahrenen Erziehers, der bemüht ist, die Frau seiner Wahl als brauchbares Werkzeug Zur Steige­rung seines wissenschaftlichen Rufes und Ruhmes

heranzubilden. .

Seit 1723 lebte Gottsched in Leipzig, mo feine kritischen Schriften und besonders seine vielfältigen Bemühungen um die Neugestaltung der deutschen Sprache und der deutschen Bühne Aufsehen erregt hatten. Er entfernte die rohen, oft recht derben Hanswurstiaden, bekämpfte die geschmacklosen Trauerspiele, die manHaupt- und Staatsaktionen" nannte, trat auf gegen die Oper, die für ihndas ungereimteste Werk von allen' Erfindungen der Menschen" war, und suchte der Bühne einRepertoire formgerechter Stücke zu verschaffen, wobei ihm die französischen Drama­tiker als Vorbilder dienten; er vergaß, daß em wirkliches Bühnenwerk nichtangefertigt" werden kann, sondern aus dem Volke wachsen muß.

ken und zu schreiben . ." Als Gottsched 1734 eine Professur an der Universität Leivzia erhielt, rückte die Vermählung näher, und Louise Adelgunde spürt über aller sachlichen Verbundenheit das starke Ge­fühl ihrer inneren Zusammengehörigkeit:Sie haben Recht," schreibt sie im Frühjahr 1735,daß Sie unser- Liebe eine philosophische Liebe nen­nen ... Wo die Herzen für einander geschaffen sind, sollte da wohl eine Trennung möglich sein?" In ihrem letzten Brief aus Danzig, kurz vor der Vereiniguna mit dem geliebten Lehrer und Freund, hat sie die Gewißheit,daß nichts als der Tod un­sere Liebe trennen soll!"

zurückgeblieben waren. Da man ihnen Gesundheit, Langlebigkeit und Zufriedenheit nachsagt, so ist es nicht uninteressant, von dem siebenundzwanzigjäh- rigen Donald Glaß, dem ersten Bewohner von Tristan da Cunha, der es unternommen hat, eine richtige Weltreise anzutreten, einiges über die Märcheninsel zu erfahren. Er ist nach England ge­kommen, um wie er sagt Big Ben, die Glocke im Turm des Parlamentsgebäudes in London auch einmal mit eiaenen Augen zu sehen, deren Klang er in seiner Weltabgeschiedenheit im Rundfunk so oft gehört hat. Der Rundfunk verbindet die ein­hundertundsiebenundsechzig Bewohner der Insel mit der weiten Welt; allerdings soll sich auf dem gan­zen Eiland niemand befinden, der im Stande ist, einen solchen Apparat zu reparieren. Kartoffel-, Obst- und Gemüsebau ernähren die kleine Gemeinde der einzigen Ansiedlung auf der Hochfläche der Insel. Niemand weiß etwas von Streit und Unfrie­den, es aibt keinen Richter und kein Gesetz. Man hat seine Werktage und seinen Sonntag, an dem man in die Kirche geht. Es ist streng verpönt, auch nur einen einzigen Kirchenbesuch zu versäumen.Das ist vielleicht der einzige Fall, bei dem es zuweilen eine kleine Störung unseres Zusammenlebens gibt, wenn jemand nicht zur Kirche gehen will. Handelt es sich um einen Erwachsenen, so bringt ihn aber bald unser Missionar wieder auf den rechten Weg, und handelt es sich um ein Kind, so gibt es noch einfachere Mitel". Eine Handbewegung läßt ernen­nen, wie das einfache Mittel beschaffen ist. Donald Glaß verwahrt sich übrigens dagegen, daß man an­nimmt, man lebe auf der Insel etwas altmodisch. O nein, die wenigen Frauen schneidern ihre Kleider nach den Bildern in den englischen Zeitungen, die ihnen regelmäßig zugehen, und auch die Herren sind bestrebt, sich nach neuester Mode zu kleiden. Fahrräder und Pferde sind den Inselbewohnern allerdings nur aus Bildern bekannt. Man vertreibt sich die Freizeit mit Sport, und die mettergebräun- ten jungen Burschen würden sich sicherlich mit jeder festländischen Elf messen können. So bezieht sich das Hauptinteresse des jungen Mannes auch auf die Begegnung mit Sportgrößen, die dort nicht min­der hochgeachtet werden. Erstaunlich ist, daß ihn auf seiner Weltreise die Begegnung mit den großen technischen Wundern des Jahrhunderts nicht einmal so sehr erschütterte. Er nimmt sie mit demselben Gleichmut hin wie die kleinen Fortschritte im Leben der Heimat. Der einzige Kummer der Bewohner von Tristan da Cunha ist der Mangel an Frauen, und so ist es der Hauvtwunsch von Donald Glaß, auf seiner Reise ein Mädchen zu finden, das ficb nicht scheut, mit ihm in die Einsamkeit d-r kleinen Insel heimzukehren.

So schrieb Frau Louise Adelgunde Victorie Gottsched, geborene Kulmus, als sie vor hundert

Schultze-Griesheim hat in seiner bisheri­gen Tätigkeit mit einer ganzen Reihe namhafter deutscher Schauspieler Käthe Dorsch, Lucie Höflich, Leopoldine K o n ft a n t i n , Dolly Haas, Curt Goetz, Wohlbrück, C.L. Diehl und Lieven bei deren Gastspielen in der Pro­vinz zusammengearbeitet, und es ist geplant, auch für Gießen derartige Gastspiele (wie wir sie früher ja des öfteren hatten) zustandezubringen, und zwar Einzelgaftspiele nicht solchemit eige­nem Ensemble".

Das ist in großen Zügen das Programm des

Jahren in - der zweiten Hälfte des Mai 1735, in Leipzig angekommen war. Ihre Freundin Dorothea von Runkel gab nach dem Tode der Gottschedin deren Briefe heraus und berichtete im Vorwort: Ihre Erziehung war vollkommen, weil sie das Glück hatte, von Eltern geboren zu sein, die selbst Einsicht hatten und die Bildung des Herzens und des Verstandes ihrer Tochter sich eifrig angelegen fein ließen". Im Jahre 1731 lernte sie der junge Gelehrte Johann Christoph Gottsched aus Juditten bei Königsberg schätzen, allerdings kaum wegen ihrer kärglichen äußeren Reize, sondern um ihrer Gescheitheit willen. Die damals achtzehnjährige Jungfer Louise Adelgunde Victorie, die sich selbst am liebstendie Kulmus" nannte, blieb mit ihrem Anverlobten" während der folgenden vierjährigen Trennung in steter brieflicher Verbindung. Bucher, Zeitschriften, Gedichte, Uebersetzungen, Musikstücke gingen von Leipzig nach Danzig, von Danzig nach Leipzig, und wurden in den beiliegenden Briefen

erhalten bleiben und wieder verpflichtet werden soll. Ueberhaupt wird in der Ensemblegestaltung wie im Spielplanaufbau eine Arbeit a u f lange Sicht angeftrebt. Und wir hörten gerne, daß Intendant Schultze-Griesheim, wie er uns versicherte, seine hiesige Tätigkeit keineswegs als ein Sprungbrett betrachtet, sich vielmehr feinem hiesigen Amt und der mit ihm verbundenen künst­lerischen Tätigkeit auf Jahre hinaus verpflichtet fühlt.

Zum Programm des Intendanten gehört ferner eine Neugestaltung des Abonnements­wesens, wofür man bereits eine wirklich erfolg«

All dieses spiegelt sich in denErmahnungen" an seinegelehrige Schülerin", die ihm schon in d"n ersten Briefen verspricht, die französische

Frau Gottsched muß einen sehr guten Eindruck von ihrer neuen Heimat erhalten haben, denn sie schreibt nach Danzig:Soll ich mit der Schilderung des Glückes anfangen, das ich in der Gesellschaft eines gelehrten und aufrichtigen Mannes genieße; ober soll ich Ihnen die Vorzüge erzählen, welche Leipzig für vielen anderen Städten berühmt machen?" Bereits in den ersten Wochen setzt sie ihre wissenschaftliche Weiterbildung fort; ihr Lehrer, Professor Schwabe, lobtihren scharfsinnigen Geist, ihren geübten Verstand, ihre geläuterte Ver­nunft, ihr mit so manchen fremden Sprachen an- gefülltes Gedächtnis, ihre gründliche Erfahrung in den freien Künsten, die Fertigkeit, ihre Gedanken lebhaft, richtig und zierlich auszudrucken, ihr von aller Eitelkeit entferntes Herz, ihre Starke in der Musik, darinnen sie es bis zur Composition ge- bracht".

Zwanzig Jahre hat sie mitgearbeitet an dem Werk desordentlichen Professors der Weltweisheit, Dichtkunst und Beredsamkeit an der Universität

versprechende Lösung gefunden zu haben glaubt. Es wird der größte Wert darauf gelegt werden, einen Spielplan aufzustellen, der auch den verwöhntesten Ansprüchen an ein kulturbewußtes Theater genügt, und damit auch jene Kreise zu gewinnen, die bisher dem Theater noch ablehnend oder gleichgültig gegen- überstanden. Es soll ferner versucht werden, eine ersprießliche Verbindung und Zusammenarbeit un­seres Theaters mit den dafür in Frage kommenden Nachbarorten, vor allem mit Marburg, herbeizu­führen.

lieber den vorgesehenen Wechsel in der Be­setzung einiger wichtiger Posten soll heute noch nichts Endgültiges gesagt werden. Die eigene künst­lerische Tätigkeit des Intendanten wird sich, wie wir im Laufe der Unterhaltung horten, vor allem auf die Inszenierung großer und repräsentativer Stücke richten; insbesondere sind einige vorbildliche und für die Arbeit des Theaters richtunggebende Klassiker- Aufführungen geplant. Schultze-Griesheims persönliche Beziehungen zu der jungen deutschen Dramatiker-Generation und zu den maßgebenden Bühnenverlagen werd-m es außerdem ermöglichen, durch die Uraufführung neuer Stücke dem Theater auch über Gießen hinaus Resonanz und Anerkennung zu ermi^n; denn der neue Intendant vertritt Sie Auffassung, daß es zu den vornehmsten Ausgaben eines ^ulhirtbeaters gehöre, wertvollen, jungen, dichterischen Kräften durch gute Ausführungen zu helfen und ihnen Gehör und Widerhall zu verschaffen. Es find übrigens bereits zwei Stücke junger Dramatiker dafür in Aussicht ge­nommen

prallen afrikanischen Sonne.

Auf den Bäumen, in der Nähe des Platzes, hock­ten große vollgefressene Geier. Im Augenblick, da wir den Rücken wandten, stürzten sie zu vielen Hunderten auf die Kadaver, um bis zum späten Abend alles bis auf die großen Knochen hinunter­zuschlingen.

Nach kurzer Mittagsrast im Hotel kehrten wir zu unserem Laboratorium zurück, und erst wenn die Sonne sank, wurde die Arbeit beendet. So ging es täglich mit Einschluß des Sonntags, fast zwei Jahre lang.

Robert Koch erkannte die Seuche und gab ihr den NamenAfrikanisches Küftenfiebe r". Seine Genialität bei dieser Forscherarbeit kann nur bewerten, wer selbst in den Tropen unter der ver­wirrenden Fülle von Mischinfektivnen zu arbeiten hatte.

FeldM gegen die Schlaf krankhett

Zu Anfang dieses Jahrhunderts erweckte die Schlafkrankheit mehr und mehr das Inter­esse aller Kulturvölker, denn die Zahl ihrer Todes­opfer war im ständigen Steigen, und ihr Ursprung bildete immer nach ein Geheimnis. Gelegentlich eines Aufenthaltes in Daressalam im Jahre 1905 begab sich Koch nach Entebbe und lernte dort die Seuche aus eigener Anschauung kennen.

Kurz darauf fuhr er nach Berlin zurück, um eine Expedition des Deutschen Reiches zur Bekämpfung der Schlafkrankheit vorzubereiten. Zu seinem Be­gleiter wählte er mich, während das kaiserliche Ge- sunbheitsamt Regierungsrat Professor Beck ent­sandte. In Afrika traten die Stabsärzte Panse und Feldmann, sowie Oberarzt K u d i ck e und Feldwebel Sacher von der Schutztruppe hinzu. Kochs Gattin begleitete uns bis Entebbe.

Dort beschloß Koch, nach den im Viktoriasee liegenden englischen Sese-Jnseln überzusiedeln, auf denen die Seuche besonders heftig wütete. Diese Inseln glei­chen in ihrer Fruchtbarkeit einem Paradies. Garten grenzt an Garten, überall wachsen Kaffeebäume, Zitronen, Bananen; wilde Tiere gibt es nicht. In Siefer herrlichen Landschaft führten die 35 000 Ein­geborenen ein ruhiges und friedliches Dasein, bis die Schlafkrankheit in kurzer Zeit 20 000 von ihnen bahinraffte! Die Fischer beim Fischen, die Jäger auf der Jagd nach der kleinen Antilope, die Frauen beim Sammeln von Feuerholz, die Kinder beim Angeln so wurden sie von den blutdürstigen In­sekten gestochen und erkrankten.

Anfangs wohnten wir in Zelten; bann baute Felbwebel Sacher für jeden von uns ein kleines Strohhaus, in dem wir mit eigenem Diener und eigenem Koch getrennte Wirtschaften führten.

Sehr bald fanden sich in unserem Lager zahl­reiche Kranke ein, für deren Unterkunft Hütten und Baracken gebaut werden mußten, so daß ein rich­tiges Krankendorf entstand. In zwei aroßen Land­messerzelten wurden die mikroskopischen Unter»

Hobinson auf Brautschau.

Es klingt wie ein Märchen, daß es im Atlanti- schen Ozean eine von Europäern bewohnte Insel gibt, die ohne geregelte Verwaltung ist. Ihre Be- wohner sind Nachkommen von Schiffbrüchigen und Soldaten, die nach Zurückziehung der Garnison von St. Helena freiwillig auf Tristan da Cunha

Mit Robert Koch in Afrika.

Erinnerungen an gemeinsame Forschungsreisen.

Zum 25 Todestage des großen Arztes, berichtet von Geheimrat Professor Or. $. K $!eine, Präsident des Robert-Koch-Instituts.

Intendant Schultze-Griesheim über fein Programm

Eine Unterhaltung mit dem neuen Leiter des Gießener Stadttheaters.

(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Zehntausende in allen Ländern der Welt danken alljährlich Robert Koch ihr Leben, dem Entdecker des Tuberkelbazillus, dem Be­gründer der Seuchenbekämpfung. Anläßlich seines 25. Todestages am 27. Mai veröffent­lichen wir im Folgenden den Bericht eines (einer engsten Mitarbeiter, des jetzigen Präsi­denten des Robert-Koch-Jnftituts. .Geheimrat Professor Kleine hatte die Freundlichkeit, uns aus dem Schatze seiner Erinnerungen itnS Aufzeichnungen in einem Gespräch vom Menschen Robert Koch zu erzählen.

zorscherlager Bulawayo.

Zweimal habe ich Robert Koch auf längeren Forschungsreisen nach Afrika begleiten dürfen. Das erstemal galt es der Bekämpfung einer Tier­seuche, das war in den Jahren 1903 und 1904, das zweitemal 1906'07, dem Studium der Schlaf­krankheiten.

Wenige Jahre nach Erloschen der Rinderpest wurde Südafrika wieder von einem Rindersterben heimgesucht; Tausende von Tieren fielen in Rhodesia demRhodesia Red Water zum Opfer. Als mir eines Morgens mit Koch von demPathologischen Institut der tierärztlichen Hochschule" insInstitut für Infektionskrankheiten" gingen, sprach ich von dem Gerücht und bat Koch, im Falle einer Expe­dition Dr. Neufeld oder mich mit nach Afrika zu nehmen. Schon am nächsten Morgen traf ein Kabel der Regierung Rhodesias ein.

In wenigen Tagen war alles telegraphisch geord­net, und bereits Anfang Januar traten Robert Koch, seine Gattin, Dr. Neufeld und ich von Neapel über die ostafrikanische Küste die Reise nach Beira an. Dort nahm uns der Chief Veterinary Surgeon von Süd-Rhodesia in Empfang und geleitete uns viele Tagereisen Eisenbahnfahrt landeinwärts nach Bulawayo, dem Zentrum der Seuche.

In Bulawayo, einer Gründung von Cecil Rhodes, die damal« nur aus wenigen Straßen bestand, war untere Arbeit vom ersten Tage an ftrena geregelt. Morgens um sieben frühstückten wir schnell unh fuhren dann etwa 25 Minuten nach un­serer Experimental-Station, Hillside Camp. Dies Lager bestand aus einigen Häusern, in denen die drei, Koch zugeteilten englischen Tierärzte wohn­ten. einer großen Baracke mit drei Zimmern und einer Anzahl von Tierställen. Die Baracke wurde als Laboratorium hergerichtet; in den Ställen stan­den unsere Versuchstiere, die mit dem täglichen Futter ans einer seuchenfreien Gegend Hertranspor- tiert wurden

In der Frühe, noch vor unserer Ankunft, fertig­ten die Tierärzte alle nötigen Blutpräparate an. Wir färben sie unh begannen zu mikroskopieren, mährend Kock, die Ställe durchging. Dann folgten stundenlange Untersuchungen, und bei jeder Sektion lland Koch, aufmerksam und unermüdlich, in der

Leipzig", sie schaute zu ihm auf, stellte alle eigenen Wünsche hintenan, bei ihr hieß es nur:Mein Gottsched wünscht..." Die Übertragungen zweier so groß angelegter Werke wie dasBaylesche Wör­terbuch" und dieGeschichte der königlichen Aka­demien in Frankreich" hat Gottsched nur mit ihrer Hilfe bewältigen können. Zur Belohnung wurde sie hin und wieder mit auf eine Reise genommen oder durste, wenn er auf dem Katheder in Leipzig stand, hinter einer angelehnten Tür (damals war den Frauen der Zutritt zum Hörsaal noch streng unter­lagt!) demtönenden Katarakt seiner weltweisen Worte" lauschen.

Nebenher schrieb sie Trauerspiele, Gelegenheits­gedichte, Oben an gefrönte Häupter, erzieherische Schriften, fertigte viele Uebersetzungen aus dem Griechischen, Lateinischen, Französischen und Eng­lischen an, meistens Dramen, und sand noch Zeit für geistvolle Briefe an Freunde, die ihre unge- wöbnliche Beurteilung des Geschehens um sie zeigen.

Sie, die seinen Aufstieg und seine Triumphe in Deutschland und Oesterreich miterlebt, spürte auch die versteckten und offenen Feindseligkeiten, die dem alternden Gottsched angetan wurden. Sie wußte wohl um seine Fehler, wußte aber auch, daß seine in Erbitterung übergehende Anmaßung nicht mehr zu heilen war. Ihre Schriften fanden feinen Absatz und feine Verleger mehr; der Siebenjährige Krieg nahm die letzten Hoffnungen. Den Besuch Fried­richs des Großen in ihrem Hause während der Besetzung Leipzigs im Jahre 175/ bewertete die Gottschedin nur als äußerlichen ©unftberoeis.

Ihre letzten Lebensjahre müssen sehr schwer ge­wesen sein:Fragen Sie nicht nach der Ursache meiner Kranfheit? Hier ist sie: 28 Jahre ununter­brochener Arbeit. Gram im Verborgenen und sechs Jahre lang unzählige Tränen..." schrieb sie an eine Freundin. Ihre Briefe beweisen, daß sie auch als Mensch Anspruch daraus hat, nicht vergessen zu werden; sie war groß in ihrem Wissen, doch großer in ihrer Selbstlosigfeit bis zum Tode (1762), und eines ihrer schönsten Worte hat sie uns vorgelebt: auch in der schlimmsten Enttäuschung die als richtig ernannte Haltung bewahren! Das ist wahrhaft deutsche Gesinnung!"

Snrache bei Seite zu leaen: ..Sie stellen mir die eigent- Mannigfaltigfeit des Ausdrucks und dine männliche Schönheit meiner Muttersvrache so lebhaft vor, daß ich sogleich den Entschluß faßte, mich mehr darin zu üben, und ich fing schon an. gerne deutsch zu den-

neuen Intendanten, wie es sich im Laufe unserer gestrigen Unterhaltung zwanglos entwickelte, und soweit es für die am Theater innerlich teilnehmende Oeffentlichfeit von Interesse ist. Zum Schluß be­tonte Intendant Schultze-Griesheim nach­drücklich, wie sehr er sich auf die große und verant­wortungsvolle Aufgabe und Arbeit freue, die ihn in Gießen schon in allernächster Zeit erwartet. Wir unsererseits freuten uns aufrichtig, zu hören, daß der neue Herr auf ein enges, verständnisvolles und beiderseits ersprießliches Zusammenarbeiten mit der Presse besonderen Wert legt.

An einem Maientage des Jahres 1735 zog die Kulmus als Frau Professor Gottsched in Leipzig ein. Ein schwungvolles Begrüßungs-Carmen zweier Studenten feierte am Stadttor dieGlückliche An- funft Sr. Hochwohlgebohrnen Herrn Professor Gott­sched mit Seiner geliebten Kulmus in Leipzig". uuu u,utvvll ... ......o Dieses Poem hatte zwölf ober fünfzehn Strophen

ausaieb'ia besprochen. Dieser von der Konversation ! zu je zehn Zeilen, die langsam und feierlich oorge« zfragen wurden; Gottsched gefielen sie, die Frau

Professor ober formte nicht umhin zu bemerfen, in Paris würde man das fürzer gemacht haben. Der Herr Professor überhörte diese fetzerische Auslassung in feinem jungen Glück.

Oberspiclleiter Schultze-Griesheim vom Schauspielhaus in Bremen, der neugewählte Inten- ! bant des Gießener Stadttheaters, weilte gestern : noch vor dem offiziellen Antritt seines hiesigen Amtes in den nächsten Tagen für furze Zeit in Gießen. Wir hatten Gelegenheit, den neuen In­tendanten, über dessen Lebensgang wir bereits am Samstag berichtet haben, und den wir hier im Bilde vorstellen, persönlich kennenzulernen und uns mit ihm über die Grundzüge des Programms für feine künftige Gießener Tätigkeit eingehend zu unterhalten.

Vor allem wird es interessieren, worauf In­tendant Schultze-Griesheim gleich zu Be­ginn unseres Gespräches nachdrücklich hinwies, daß I eine grundlegende U m - und Neuge-j ftaltnng unseres Spielplanes ins Äuge gefaßt ist. Es wird ein Spielplan aufgestellt wer­den, der ein bestimmtes geistiges Gesicht aufweist Es soll vor allem die echte und ernsthafte Dramatik von der Klassik bis zur Gegenwart gepflegt wer den, und es soll innerhalb dieser weiten Spanne eine klare und einheitliche Linie zu erkennen fein. ( In diesem Programm, welches das Schauspiel wie- : der in den Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit rückt, ist zugleich, wie der neue Intendant bemerkte, eine Absage an das reine Erfolgs- und Konjunktur­stück enthalten. !

Was den Inhalt eines jo beschaffenen Re­pertoires angeht, so wird vor allem das Heroische, bas Vorwärtsdrängende und das Begeisternde zu betonen und nachdrücklich zu pflegen sein. Dichte­rische Qualität und sprachliche Substanz werden naturgemäß Wesenselemente eines solchen drama­tischen Theaters sein müssen. Damit scheiden alle Konjunktur- und alle sogenannten Lehrstücke (mögen ; sie an sich noch so gut und redlich gemeint sein) auch alle Schwarzweißmalerei auf der Bühne von vornherein aus. Stücke, die irgendeine Frage der Zeit in diesem Sinne gleichsam nur schlagwortartig behandeln, gehören, wie Intendant Schultze- Griesheim betonte, nicht in den Svielplan eines ernsthaften Kulturtheaters Die ku11urbil­de n d e Aufgabe des Theaters besteht viel­mehr in erster Linie darin, daß Stück und Schau­spieler die Menschen vor dem Vorhang ergreifen, begeistern ober verzaubern müllen. Der Theater­besuch muß eine wirkliche Freude fein; die Be­sucher sollen nicht mit Alltagsproblemen belastet sondern im Gegenteil ihnen entrückt, erhoben und begeistert werden. Und sie sollen, das versteht sich, auch in heiteren Stücken, im echten Lustspiel und in h->r ewigen menschlichen Komödie die reine Freude an einer klaren, durchbluteten und schwe- benhen Aufführung linden.

Im einzelnen ist eine besonders liebevolle Pflege der Klassiker, unter ihnen wieder­um vor allem Shakespeares, geplant In Shakespeare erkennt der neue Intendant, übrigens ein Schüler von Richard Weichert in Frankfurt, so etwas wie Maß und innere Richtung für alle dichterische N-obicktion auf dem Theater überhaupt; dem Werke Shakespeares hat, wie wir hörten, bisher feine Hauptarbeit gegolten, und mit Shakespeare- Aufführungen (es wurde u. g. eine große, neu­artigeHamlet" - Inszenierung ermähnt) hat Schultze-Griesheim als Spielleiter feine schönsten und nachhaltigsten Erfolge erzielt

Was die Operette angeht, so soll hier auf die gute klassische Operette das Schwergewicht gelegt werden Das Niveau der Oper soll ohne daß über die Ausgestaltung des Opernrevertoires hier schon vorgreifend Näheres gesagt werden könnte das Niveau der Aufführungen mit eigenen Kräften durch die Verpflichtung neuer Sänger und Sänge­rinnen gehoben werben Dabei bars man aber wohl heute f'-hon sag-m b-^ ein großer ^<*11 her beliebtesten Kräfte bes alten Ensembles