Ur. 122 Erstes Blatt
185. Jahrgang
Montag, 27. Mi 1935
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Neuer großer Wahlsieg der Gudetendeutschen Partei.
Konrad Henlein verstärkt seine Front bei den Wahlen zur Landesvertretung in Böhmen und Mähren.
59 487 (100 335 — 68 708), tschechische Gewerbepartei 116 032 (68 729 — 104 855), Sudeten- deutsche Partei 3 14 995 (0 — 262 967), tschechische nationale Vereinigung 67 724 (58 162 — 67 392), tschechische Christlich-Soziale 27 004 (0 — 0), tschechische Faschisten 33 077 (0 — 41 623), polnische
Prag, 27. Mai. (DNB. Funkspruch.) Auch nach den amtlichen Ergebnissen der Landes- und Bezirksvertretungswahlen in der Tschechoslowakei ist wiederum, wie bei den Parlamentswahlen, das Hauptmerkmal der überwältigende Wahlsieg der Sudetendeutschen Partei, die in Böhmen und Mähren zusammen abermals weit über 1 200000 Stimmen erhielt. Der Zusammenbruch der deutschen Regierungsparteien, derSozial- demokraten und des Bundes der Landwirte, hat sich vervollständigt. Sie haben gegenüber dem letzten Sonntag mehr als Vs ihrer Stimmen verloren. Auch die Deutschen, Christlich-Sozialen, die dem ehemaligen reichsdeutschen Zentrum gleichzusetzen ist, haben einen neuerlichen Rückgang besonders in Mähren aufzuweisen. Die Sudeten- deutsche Partei ist mit 318 000 Stimmen die stärkste Partei in der Landesvertretung von Mähren geworden. Die frühere stärkste Partei, die tschechische katholische Volkspartei, steht an zweiter Stelle.
Von den deutschen Stimmen in Böhmen erhielt die Sudetendeutsche Partei am letzten Sonntag 68,24 v. h. und jetzt 70,89 v. h.; in Mähren ist das verhältnismäßige Ansteigen der Sudetendeutschen Partei noch stärker gewesen. hat die Sudetendeutsche Partei bei den Parlamentswahlen durchschnittlich zwei Drittel aller deutschen Stimmen erreicht, so nähert sich dieses Verhältnis einer Dreiviertelmehrheit.
Die Verhältniszahl der deutschen zu den tschechischen Stimmen ist gleich geblieben. Unter den tschechischen Parteien sind die Verschiebungen nicht bedeutend. Im Hundertsatz erhielten bei den böhmischen Landeswahlen:
tschechische Parteien: Agrarier 13,55, Sozialdemokraten 12,65, Nationalsozialisten (Be- nesch-Partei) 12,19, Katholische Volkspartei 5,81, Gewerbepartei 6,36, Faschisten (Gajda) 1,71, nationale Vereinigung 7,26, die Kommunisten 8,90.
Deutsche Parteien: Sozialdemokraten 4,72, Bund der Landwirte 2, Christlich-Soziale 1,82, Sudetendeutscher Wahlblock 0,61 und Sude- tendeutsche Partei (Konrad Henlein) 22,31.
Nach Mitteilung des amtlichen Pressebüros erhielten bei 3 997 238 abgegebenen gültigen Stimmen und einer Wahlbeteiligung von 923/io v. H. in Böhmen: Tschechische Agrarier 542 017 (541 467 in der Vorwoche für das Abgeordnetenhaus), tschechische Sozialdemokraten 505 643 (551 607), tschechische Nationalsozialisten 487 381 (494 471), Kommunisten 355 989 (384 779), tschechisch-katholische Volkspartei 232 052 (255 454), deutsche Sozialdemokraten 188504 (217 551), Bund der Landwirte (deutsch) 79 817 (105 319), deutsche Christlich-Soziale 72 958 (90 317), tschechische Gewerbepartei 254086 (274 621), S u - detendeutsche Partei 89 1 232 (918363), Deutsche Arb. und Wirt.-Gem. 17 484, tschechische nationale Vereinigung 294 369 (323 919), deutscher Wahlblock 7173 (14 262), tschechische Faschisten 68 480 (87 401) Stimmen.
Für die Landesvertretung Mähren-Schlesien wurden 1888 141 gültige Stimmen abgegeben. Die in Klammern beigefügten Ziffern sind die bei den Landeswahlen im Jahre 1928 und die bei den Senats wählen vom letzten Sonntag erreichten Ziffern. Es erhielten: Tsche- chische Agrarier 263 118 (202 579 — 252 340), tschechische Sozialdemokraten 243 480 (206 033 — 234 726), tschechische Nationalsozialisten 180192 (140 599 — 172 746), Kommunisten 156 301 (160 644 — 150 825), tschechisch-katholische Volkspartei 299912 (304 507 — 281 665), deutsche Sozialdemokraten 63 625 (94 568 — 69 338), Bund der Landwirte 26 004 (66333 — 33 573), deutsche christliche Soziale
Parteien 26 823 (0 — 0), deutscher Wahlblock 7 369 (0 — 0) Stimmen. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß bei den Wahlen in die Landesverttetung das Wahlalter gegenüber den Wahlen in das Abgeordnetenhaus um drei Jahre höher liegt.
Die Verteilung der 80 Mandate in der Landesvertretung von Böhmen ist: tschechische Agrarier 11 (Gewinn 1), tschechische Sozialdemokraten 10, tschechische Nationalsozialisten 10 (Verlust 2), Kommunisten 7 (Verlust 3), tschechische katholische Volkspartei 5 (Verlust 1), deutsche Sozialdemokraten 4 (Verlust 3), Bund der Landwirte 2 (Verlust 3), deutsche christliche Soziale 1 (Verlust 3), tschechische Gewerbepartei 5 (Gewinn 1), Sudetendeutsche Partei 18, deutsche Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft 0 (Verlust 2), tschechisch - nationale Vereinigung 6, Sudetendeutscher Wahlblock 0 (Verl. 1), Faschisten 1.
M Herr - Du Herr!"
3m ältesten Teil von Prag, dort, wo die Straßen eng und winklig sind, befindet sich im dritten Stock eines ärmlich anmutenden Hauses das Zentralbüro der stärksten Partei der tschechoslowakischen Republik, der Sudetendeutschen Partei. Vor der Tür parkt ein Wagen. Seine Fenster sind zersplittert von Schüssen und Steinwürfen, ein Sinnbild des Hasses einer verhetzten Volksschicht. Der Wagen gehört Konrad Henlein, dem Führer der Sudetendeutschen. 3n seinem kleinen notdürftig ausgestatteten Arbeitszimmer empfängt mich Henlein. Dieser Wann, der der Führer von 67 v. h. der 3,5 Millionen zählenden Sudetendeutschen ist, und auf dessen Schultern die ganze Verantwortung der Zukunft des Sudetendeutschtums lastet, ist von imponierender Ruhe und Gelassenheit.
„Wir haben dem tschechischen Volk die Hand entgegengestreckt zur friedlichen Zusammenarbeit-, sagt Konrad Henlein. „Unser Ziel ist die Verwirklichung der wahrhaften Demokratie in der Tschechoslowakei.-
„3ch lese in der tschechischen Presse die Forderung nach einer stärkeren Betonung des Nationalstaates-, sagte ich. „3st nun die Frage aktuell: Demokratie oder Nationalstaat?- Darauf erklärte Henlein:
„Die Grundlagen eines Nationalstaates sind in der Tschechoslowakei nicht vorhanden. Der
Berlin, 26. Mai. (DNB.) Das ganze deutsche Volk und mit ihm die gesamte Welt oedachte am Sonntag eines der größten Wohltäter der Menschheit, des weltberühmten deutschen Forschers Professor Robert Koch. Die Reichsregierung hat an diesem Tage das Gedenken an den großen Forscher dadurch geehrt, daß sie die in der Inflation verfallene Robert-Koch-Stiftung erneut
Deutscher Erfolg auch bei den VrimnerGememdewahlen.
Brünn, 27. Mai. (DNB. Funkspruch.) In der mährischen Landeshauptstadt fanden am Sonntag gleichzeitig auch die Wahlen für die Gemeindevertretung statt. Die Zahl der Wähler betrug 159 123, und es bewarben sich 24 Parteien. Die stärkste Partei sind die tsechischen Nationalsozialisten mit 35 518 Stimmen und 21 Mandaten. Sodann folgt die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins mit 21 924 Stimmen und 13 Mandaten. Weiter erhielten die tschechischen Sozialdemokraten 10, die Kommunisten und die Tschechische Katholische Volkspartei, je 9, die tschechischen Gewerbeparteiler 6, die deutschen Sozialdemokraten und die Tschechische Nationale Vereinigung je 4 Mandate. Von den deutschen Parteien erhielten noch die deutschen Christlich-Sozialen und die Deutsch-demokratische Freiheitspartei je ein Mandat.
Staat, der aus 6,5 Millionen Tschechen, 2,5 Millionen Slowaken, 3,5 Millionen Deutschen und noch aus einer Million anderer Stämme wie Ungarn, Ruthenen, Polen usw. besteht, hat also keine Möglichkeit, einseitig tschechisch-national zu regieren, ohne einen kulturell hochstehenden und auch wirtschaftlich wichtigen Volksteil zu degradieren und zu entmündigen. Der Staatspräsident M a s a r y k hat dies klar erkannt, und auch ich mache mir seine Worte zu eigen: „ 3 ch Herr — D u Herr!- Vor dem tschechischen Volk, seiner Tüchtigkeit, seinem Fleiß und seinem können haben wir die größte Hochachtung. Von tschechischer Seite wurde uns immer versichert, baß wir gleichberechtigte Staatsbürger seien. Es ist dies auch in der Verfassung verbürgt. Das Sudeten- und Karpathendeutschtum hier im Staat hat sich in machtvoller Geschlossenheit bei den Wahlen zur Volksgemeinschaft bekannt und mit elementarer Kraft dem Willen Ausdruck gegeben, daß seine Staatsbürgerrechte auch tatsächlich verwirklicht werden müssen. Eine Zusammenarbeit auf dieser Grundlage ist gewiß für Staat und Frieden äußerst wertvoll. Die Krise, die die Tschechoslowakei, vor allem aber das Deutschtum in ihr, heimgesucht hat, kann nur dann überwunden werden, wenn alle schöpferischen Kräfte zusammengefaßt werden zu gemeinsamer Aufbauarbeit an Staat und Dolf.“
ins Leben gerufen, ihr einen namhaften Betrag zugeführt, den Rahmen der Stiftung erweitert und damit die Fortsetzung seines Lebenswerkes gesichert hat.
Am Sonntagmittag fand in der Universität in Berlin eine Robert-Koch-Gedenkfeier statt, der Vertreter des geistigen, kulturellen und politischen Lebens, die bekanntesten Angehörigen
Das Sudeiendeuischtmll nach dem Wahlsieg.
Ein Interview mit Konrad Henlein, dem Führer der Sudetendeutschen Partei.
Nobert-Koch-Gedenkseier in Berlin.
Reichsminister Dr. Frick verkündet die Erneuerung und Erweiterung der Robert-Koch-Gtistung.
Kriegsminister General v. Doyen.
Oer Schöpfer des Wehrgesehes von 1814.
Von Major Zoertsch.
(Schluß.)
Als die näheren Bestimmungen erlassen werden sollten, kam die Nachricht, Napoleon sei von Elba in Frankreich gelandet. Die Mobilmachung zum neuen Feldzug war schwierig. Sie traf das Heer im ungünstigsten Zeitpunkt. Die Aushebung umfaßte fünf bis sechs v. H. derBe- völkerung der alten Provinzen, sie streifte hart die Grenze des überhaupt Möglichen. Deshalb ließ Boyen in der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht Milde walten. Ihm schien nur wichtig, daß das Prinzip an sich gewahrt blieb und gesetzliche Ausnahmen nicht mehr vorkamen. Einen Einfluß auf den Gang der Operationen hat Boyen nicht genommen, aber beim Friedensschluß erhob er wieder seine Stimme für Preußens und Deutschlands Größe.
Nun war endlich an eine ruhige Arbeit zu denken. Die Grundsätze des Wehrgesetzes waren in die Tat umzusetzen. Die beiden Leitgedanken — allgemeine Wehrpflicht und Verknüpfung des militärischen mit dem bürgerlichen Leben — verlor Boyen nie aus den Augen. Die Erziehung des Volkes zum Staatsbewußtfein war das Ziel feiner Arbeit. Zunächst wurde die Gliederung der obersten Kommandobehörden festgelegt, die in den alten Provinzen schon 1814 eingeführten Generalkommandos wurden nunmehr auch in den neuen Provinzen eingerichtet. So bestanden jetzt sieben Generalkommandos: in Ost- und Westpreußen, in den Marken, in Pommern, in Schlesien, in Sachsen, in Westfalen, im Rheinland, in Posen. Die Instruktion für die kommandierenden Generäle vom 18. März 1816 mahnte, daß ein Geist der Einigkeit zwischen Militär und Zivil herrschen sollte.
Um die Leistungen des Offizierkorps zu heben, hatte Boyen feinen alten Jugendplan wieder belebt, alle Stellen nurnachden Fähigkeiten des einzelnen zu besetzen. Scharnhorst hatte drei Kriegsschulerr für das Offizierexamen und eine Kriegsschule für höhere Verwaltung, die spätere Kriegsakademie, gegründet. Die Vergrößerung des Heeres erforderte naturgemäß auch eine Vermehrung der Schulen. Er gründete 18 Kriegsschulen, bei jeder Division eine, die außer zum Offizierexamen auch zur Fähnrichprüfung vorbereiten und außerdem die jüngeren Offiziere kriegswis- senschaftlich und geschichtlich bilden sollte. Da es jedoch an den Mitteln für die Unterhaltung eines eigenen Lehrkörpers fehlte, mußten Offiziere im Nebenamt lehren und vielfach die Fernlehrmethode anwenden. Hieraus entstanden die „Winter - arbeiten" der Offiziere. Die „Allgemeine Kriegsschule" sollte durch die Divisionsschulen entlastet werden und sich ganz der Heranbildung von Führergehilfen widmen können. Boyen war kein Freund der Kadettenanstalten. Er vermutete in ihnen Pflanzstätten eines exklusiven Geistes, den er seiner ganzen Einstellung nach verwarf. Auch schien ihm der Brauch, Kadetten gleich als Offiziere in die Armee einzllstellen, dem Geist des neuen Heeres zu widersprechen. Seine sehr weitgehenden Aenderungs- plane lehnte der König ab. Auch der Unteroffi- z i e r s st a n d stand vor den neuen erzieherischen Aufgaben, für die er eine bessere Vorbildung brauchte. So wurde die bereits 1812 errichtete Schule für Unteroffiziere 1816 neu belebt.
Die Landwehr wollte Boyen örtlich in ihren Bezirken, eng verbunden mit ihrer engeren Heimat, aufgestellt sehen. Im Gegensatz dazu sollte das st e h e n d e Heer nur nach militärischen Gesichtspunkten organisiert werden, um es möglich st schlagfertig zu machen. Der junge Soldat sollte im stehenden Heer ganz dem Dienste am Gesamtstaat zufallen, ganz Preuße werden. Dann konnte er als märkischer oder rheinischer Landwehrmann sich als Streiter seiner engeren Heimat fühlen.
Die Stärke des stehenden Heeres reichte nicht entfernt aus, um die allgemeine Wehrpflicht wirklich durchzuführen. Einen weiteren Gefahrenpunkt schien das System der Einjährigen zu bilden. In ihnen sah Boyen den künftigen Landwehroffizier, deshalb sollten sie nicht mehr, wie 1813, Verbände für sich bilden, sondern l n allen Truppenteilen des stehenden Heeres dienen. Boyen wollte auch hier, seinen Grundsätzen getreu, nicht Reichtum und Besitz gelten lassen, sondern nur den gebildeten jungen Leuten Gelegenheit geben, ihre Bildung zu vervollkommnen, ohne sie zu lange durch den Heeresdienst unterbrechen zu müssen.
Die Landwehr von 1813 war eine S ch ö p - f un g für den Kriegsfall gewesen. Sie bestand zum weitaus größten Tenil aus unausgebildeten und hatte Milizcharakter. Das batte in der damaligen Notlage genügt, wenn die Landwehr auch, wo sie wirklich hart in den Kampf gekommen war und scharf marschieren mußte, alle Mängel einer improvisierten Truppe gezeigt hatte. Jetzt war etwas Neues zu schaffen: ein zweites Heer, das auf den Schultern des ersten stand, und seine feste organische Friedensgliederung hatte, eine Landwehr von ausgebildeten Soldaten. Schon im November 1815 ergingen die Ausführungsbestimmungen über die Landwehr, die Lau d- wehrordnung.
Das Wehrgefetz war, im ganzen gesehen, eine gewaltige Leistung, geschaffen mit schnellem Entschluß und weitem, staatsmännischem Blick, geboren
aus einer tiefen Liebe zu Volk und Vaterland. Nun galt es, das Geschaffene zu erhalten. In den Dienst dieser großen Aufgabe hat Boyen den Rest seines Lebens gestellt. Als seine Gegner das alte Heeressystem wieder einführen und an Stelle der Landwehr wieder die Beurlaubten fetzen wollten, schrieb Boyen sofort eine Abwehrschrift, in der er sagte, beseitige man die Landwehr, so habe man keine allgemeine Wehrpflicht mehr. Trotzdem entschloß er sich zu Zugeständnissen. Die Friedensstärken wurden weiter herabgesetzt, die Landwehr- Uebungen weiter gekürzt, aber an den Grundlagen des Wehrgesetzes ließ er nicht rütteln.
Doyens* innenpolitische Anschauungen entsprachen seinen wehrpolitischen Gedanken. Für den Vater der Landwehr war die Entwicklung eines starken Bauerntums und eines gesunden Mittelstandes selbstverständliches Gebot. Er forderte hohe Opfer für den Staat. So iah er auch hohe Pflichten dieses Staates dem einzelnen gegenüber. In diesem Gedankengang sind seine Wunsche nach einer Verfassung zu verstehen, die er in vielen Vorschlägen immer wieder anbrachte. So wird sein bewunderungswerter Weitblick auf sozialem Gebiet verständlich, mit dem er Maßregeln des Staates im Hinblick auf die zunehmende Industrialisierung und Beachtung der Siedlungsfrage forderte. Das hat ihm viel Gegnerschaft und den Namen eines preußischen Laf ayette eingebracht, auch den Vor
wurf, er und feine Landwehr verfolgten revolutionäre Tendenzen.
Der König war schwankend in diesen Kämpfen. Er tat für das Heer, was er konnte, doch gegen den viel bekämpften Kriegsminister konnte er feinen Argwohn nie unterdrücken. So kam es 1819 zum Konflikt. Der König erfuhr, daß fein schon 1815 gegebener Befehl, bei der Mobilmachung aus je zwei Landwehrregimentern zu zwei Bataillonen ein Regiment zu drei Bataillonen zu bilden, nicht veröffentlicht worden war. Boyen hatte diese Weisung als Mobilmachungsangelegenheit wohl bewußt geheimgehalten. Nun forderte der .König die Umänderung sofort. Ein Viertel der Landwehrbataillone sollte fallen, die Landwehrinspekteure sollten abgeschafft werden, die Landwehrregimenter zu Brigaden zusammengefaßt und den Divisionen unterstellt werden. Boyen glaubte feine Grundsätze gefährdet. In drei langen Denkschriften versuchte er den König umzustimmen. Vergebens. Er erbat den Abschied und erhielt ihn.
Doyens Abschied war ein Verlust der Armee. 1820 wurde die Dienstzeit durch verschiedene Einstellungs- und Entlassungstermine auf 2Vr Jahre vermindert, und 1837 wurde nach langen Erwägungen und Beratungen, an denen auch Boyen aus "feiner Ruhestellung mitwirkte, die zweijährige Dienstzeit endgültig eingeführt. Zu durchgreifenden Reformen langte trotz der schlechten Erfahrungen bei der Mobilmachung von 1830-31
weder Geld noch Mut. Die Zeit schritt vor, und im Kriegsministerium war Doyens fortschrittlicher Sinn nicht mehr am Werk.
Da wollte es das Schicksal, daß 1841 Preußens junger König, Friedrich Wilhelm IV., den 70jährigen General v. Boyen noch einmal an die Spitze des Kriegsministeriums berief. Aber feine alte schöpferische Kraft war nicht mehr in ihm. War so die zweite Amtszeit Boyens für die organisatorische Weiterentwicklung wenig ergiebig, so waren seine Bemühungen um die Hebung der Leistungsfähigkeit des Heeres von größerem Erfolge.
Am 22. August 1847 schied General v. Boyen mit 76 Jahren aus dem Amt. Das Heer wies zwar noch manche Mängel auf, aber Boyen durfte zufrieden fein mit dem Geist, der es beseelte. In den Stürmen des Jahres 1848 hat Doyens Werk festgestanden. Am 15. Februar 1848 schloß General v. Doyen die Augen. Zu Scharnhorsts Füßen auf dem Jnvalidenfriedhof wurde er z u r Ruhe gebettet. Preußens Heer trug den Letzten feiner Großen aus dem Befreiungskriege zu Grabe. Den Schöpfer des Wehrgesetzes von 1814, den Hüter des volksverbundenen Heeres. „Durch ihr Heer", sagte Treitschke, „gewannen die Preußen wieder, was keine große Nation auf die Dauer entbehren kann, den nationalen Stil, die stolze Sicherheit des Auftretens."


