Nr. 98 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 27. April (935
Zum Mai in Gießen.
Folgende Kapellen stellen sich an diesem Tage für den Umzug zur Verfügung:
1. SA.-Kapelle mit Spielmannszug.
2. Musikkorps des Regiments mit Spielmannszug.
3. Stahlhelmkapelle mit Spielmannszug.
4. HJ.-Kapelle mit Spielmannszug.
5. Spielmannszug des Jungvolks.
tzahnengruppen:
1. PO.
2. SA.-Sturmfahnen Gießen.
3. Arbeitsdienst, Abteilung Gießen.
4. SS.-Fahnen der Gießener Stürme.
5. Arbeitsfront.
6. HI., Jungvolk, VdM., IM. Gießen.
7. NSFV. Gießen mit den Fahnen aller Regi- mentsvereine.
Ehrenabteilungen:
1. PO. Gießen, 60 Mann.
2. SA., 120 Mann.
3. SS., 120 Mann.
4. NSKK. Gießen, 120 Mann mit Fahnen.
5. Arbeitsdienst Gießen, 120 Mann mit Spaten.
6. Arbeitsfront, 120 Mann.
7. Inf -Reg., 120 Mann. Die übrigen Teilnehmer des Regiments marschieren in 8er-Reihen.
8. HI., 120 Mann.
9. ID., 120 Mann.
10. BdM. 60, IM. 60, zusammen 120.
11. NSFB., 120 Mann.
Marschiert wird bis auf die Ehrenabteilungen in 8er-Reihen.
Aufmarsch, Umzug, Kundgebung auf dem Oswaldsgarten.
Aufmarsch und Aufstellung des Festzuges am Ludwigsplatz und in den dort endenden Straßen.
Leitung des Abmarsches vom Ludwigsplatz Pg. H o p f e n m ü l l e r und die O. G. Gießen-Ost (10 Mann).
Marschweg: Gartenstraße, Hindenburgwall, Bahnhofstraße, Neustadt, Oswaldsgarten.
Leitung des Aufmarsches auf dem Oswaldsgarten Pg. Hör ft und die O. G. Mitte.
Marschgruppen des Festzuges.
1. Gruppe Betriebe, Leitung Kreiswalter der DAF., Pg. Wagner.
2. Gruppe Handel, Handwerk, Gewerbe, Leitung Pg. Schimmel.
3. Gruppe Behörden, Leitung stellv. Kreisamtsleiter des Amtes für Beamte, Pg. Ulrich.
4. Gruppe Freie Berufe, Angestellte, Landstand, Fahnen der Vereine und Uebrige. Leitung: Pg. Schwarz.
Stände für Erfrischungen usw. werden vom Pg. Schimmel, Goethestraße, vergeben.
Fe st wagen können mitgeführt werden, doch dürfen sie in keiner Weise zur Reklame ausgenutzt werden. Verstöße haben Ausschluß zur Folge.
Aufstellung der Marschgruppen.
Bei der Aufstellung ist die rechte Straßenseite einzuhalten. Eine bestimmte Reihenfolge der Betriebe gibt es nicht. Die Aufstellung erfolgt in der Reihenfolge des Eintreffens in 8er-Reihen. Den Anordnungen des Ordnungsdienstes ist unbedingt Folge zu leisten. Rauchen ist im Zuge und während der Kundgebung verboten.
Sämtliche Kapellen, Fahnengruppen, Ehrenabteilungen treten auf dem Ludwigsplatz an.
Spitze des Zuges; 10.30 Uhr angetrelen an der Allen Bürgermeisterei.
PO.-Fahnen, PO.-Ehrenabteilung. SA.-Kapelle, SA.-Fahnengruppe, SA.-Ehrenabteilung (120). SS.- Fahnen der Gießener Stürme, SS.-Ehrenfturm (120). Arbeitsdienst Gießen mit Fahne (120). Fahnen der Arbeitsfront, Ehrenabteilung der Arbeitsfront (120).
Gruppe 1: Betriebe; 10.30 Uhr angetreten.
Aufstellung im H i t t e r w a l t.
Spitze SS.-Standarte. Anmarsch aller Betriebe durch die Walltorstraße in den Hitlerwall.
Es nehmen teil: Reichsbahn, Nattmann, Bän- ninger, Gaswerk, Elektrizitätswerk, Sparkasse, Poppe, Schaffstaedt, Regimentsverwaltung, Heiland Pflegeanstalt, alle Banken, Denninghoff, Oberhessische Tageszeitung, Gießener Anzeiger, Stem- pelkreuter, alle übrigen städtischen Betriebe, Grieb, Gailsche Werke, Tabak- und Zigarrenfabriken. Es folgen sämtliche kleinere Betriebe, die nicht aufgezählt.
Kapelle des Inf. Reg. 10.45 Uhr am Ludwigsplatz mit Ehrenabteilung (120). Es folgen die übrigen Teilnehmer des Regiments in 8er-Reihen. Aufstellung K a i f e r a l l e e.
Gruppe 2: handel, Handwerk und Gewerbe.
Aufstellung in der Löberstraße, Spitze £ub- wigsplah. Um 10.45 Uhr angetreten.
Anmarsch nur durch die Bleichstraße in die Löberstraße.
Dazu gehören sämtliche Geschäfte Gießens, sämtliche Innungen, das ganze Krastfahrzeuggewerbe. Wagen können mitgeführt werden.
Kapelle der HI. mit Spielmannszug, Ehrenabteilung der HI. mit Fahnen, Jungbannfanfarenzug, Jungvolkfahnen, 120 Mann JV., 60 BdM. mit Fahnen, 60 IM. mit Fahnen, angetreten um 10.45 Uhr Ludwigsplatz.
Gruppe 3: Behörden; angetreten um 11 Uhr in der Ludwigstrahe.
Dazu gehört die ganze Universität mit Kliniken. Vor der Universität marschiert die Fahnengruppe der Universität auf. Reihenfolge innerhalb der Gruppe Universität bestimmt der Kanzler.
Aufstellung in der Ludwig st raße, Anmarsch nur aus der Richtung Liebigstraße in die Ludwig- wigstraße. Spitze Ludwigsplatz.
Es gehören ferner dazu: Polizei, Arbeitsamt, alle Gerichtsbehörden, Biebertalbahn, Provinz, Kreis, Zoll, Finanz, Reichsbank, Forst, Dermessungsämter, Post, Krankenkassen, Schulen, auch Privatschulen, geistliche Behörden, Feuerwehr, Technische Nothilfe, Klein-Linden, Allendorf.
Kapelle des NSFB., Fahnen, Ehrenabteilung des NSFB. (120, nicht mehr). Fahnen der Regimentsvereine (drei Mann je Fahne); angetreten 11 Uhr Ludwigsplatz.
Gruppe 4: Freie Berufe, Angestellte, Landsiand;
angetrelen um 11 Uhr:
Aufstellung in der G a r t e n st r a ß e vom Ludwigsplatz an, Nahrungsberg nach der Kaiserallee hin. Spitze Ludwigsplatz. Anmarsch Nahrungsberg in die Gartenstraße.
Aerzte, Zahnärzte, Dentisten, Rechtsanwälte, Architekten und alle sonstigen freien Berufe, Angestellte, soweit sie nicht bereits erfaßt sind, Arbeitslose, Hausangestellte, landwirtschaftliche Betriebe soweit sie nicht zur Universität gehören, Annerod, soweit es in Gießen teilnimmt.
Den Abschluß dieser Gruppe bildet eine Fahnengruppe, die aus allen Fahnen besteht, die nicht aufgezählt wurden, alle Vereinsfahnen. Jede
Fahne hat einen Träger und zwei Begleiter. Antreten in der Bergstraße, Spitze an der Gartenstraße.
Vereinsfahnen gehören zur Gruppe 4. Antreten in der Bergstraße.
Die Sanitätskolonnen versehen im Zuge und auf dem Oswaldsgarten den Hilfsdienst. Ebenso die Sa- nitäts-SA.
Aufmarsch, Umzug und Kundgebung dauern zusammen etwa 2Vz Stunden.
Anfragen an die Kreisleitung täglich zwischen 16 und 17 Uhr.
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Mit den Führern der HI. sind folgende zentralen Kundgebungen im Kreise Gießen festgelegt worden:
In Gießen auf Oswaldsgarten mit Wiefeck, Heuchelheim, Klein-Linden, Allendorf a. d. Lahn. Leitung: HI.-Jungbannführer Häsler und die Ortsgruppe Gießen-Nord.
In Großen-Linden mit Leihgestern und Lang-Göns. Leitung: Unterbannführer T e x t o r und die Ortsgruppe Großen-Linden.
In Watzenborn-Steinberg mit Garbenteich und Haufen. Leitung: Kameradschaftsführer Jung und die Ortsgruppe Watzenborn-Steinberg.
In Grüningen mit Holzheim, Dorf-Gill, Eber- stadt, Ober-Hörgern. Leitung: Stammführer W e - der, Großen-Linden, und die Ortsgruppe Grüningen.
In L i ch mit Steinbach und Albach. Leitung: Kameradschaftsführer Lerch, Lich, und die Ortsgruppe Lich.
In M u s ch e n h e i m mit Bettenhausen, Birklar, Bellersheim, Obbornhofen. Leitung: Fähnleinführer Krämer, Bellersheim, und die Ortsgruppe Bettenhausen.
In Hungen mit Langsdorf, Dillingen, Langd, Trais-Horloff, Inheiden, Utphe, Rodheim, Stein-
Frohe Kinder und frohe Ettern.
Am Tag der Schulaufnahme zu Beginn der kommenden Woche werden gar mannigfaltige Gefühle in der Brust der Eltern geweckt. Wie schnell gingen die Jahre dahin! Wir sehen unsere Kleinen noch im Steckkissen, beim ersten Lächeln, denken an die Tage, an denen sie die ersten Schrittchen allein machten, an die unbeholfenen Laute, die ihr Mäulchen formte, und dann kamen die ersten Worte! Welch glückliche, hoffnungsvolle Zeiten! Aber auch Leid und Sorge kehrten ein: Wir saßen oft in großem Bangen ganze Nächte bei unfern Kindern.
Das liegt nun hinter uns. Sechs Jahre gehörte uns das Kind allein. Nun kommt der Staat und macht feine Ansprüche geltend. Wir stehen am Tor des Schulhauses, aus dem vor einigen Wochen die Vierzehnjährigen hinaus in das Leben traten. Damals war noch gar wüstes Aprilwetter, und Schnee und Eis kamen vom Himmel. Inzwischen wurde es milder. Schneeglöckchen und Veilchen haben schon geblüht. Die Vögel sind zurückgekehrt und singen ihre Weisen. Der Frühling ist da, und neues Leben regt sich überall.
Das ist ein schöner Zusammenklang. Draußen in der Natur ein Wachsen und Blühen, lachender Himmel und freundlicher Sonnenschein. Und nun füllen sich auch die leeren Räume des Schulhauses wieder. Die kleinen Schulrekruten ziehen ein. Sie kommen ohne Furcht, mit frohen Gesichtern. Sie wissen, daß die Sache mit dem „bösen" Lehrer ein Märchen ist. Gern und willig folgen sie ihrer Mutter in den Schulsaal, der nun für einen Teil des Tages ihre zweite Heimat werden soll. Mit hellen, neugierigen Augen stehen sie da und mustern ihre Kameraden,
Kleidung am 1. Mai.
Am 1. 2Nai trägt jeder Volksgenosse, auch die Parteigenossen, soweit sie nicht in den uniformier» ten Ehrenformationen der einzelnen Gliederungen milmarschieren oder zu besonderen Zwecken heran» gezogen sind, Festanzug der Deutschen Arbeitsfront oder Zivil. Jeder marschiert bei seinem Betriebe mit. Ausnahmen bilden nur die Ehrenabteilungen und die Betriebsvertrauensleute und deren Stellvertreter, die von allen Betrieben zusammen direkt hinter den Ehrenabteilungen marschieren.
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
ÄgendkundgebungenamlMaiimKreiseGießen.
Aus der Provinzialhauptstadt.
die Bilder an der Wand, die großen Tafeln, die Bänke. Und wenn dann der „Herr Lehrer" hereinkommt, klopft ihnen wohl doch das kleine Herz. Aber schon der freundliche Gruß, der nun erklingt, nimmt jegliches Angstgefühl.
•Die Namen werden verlesen, die Kleinen erhalten ihre Plätze. Der Lehrer richtet einige Worte an die Mütter, und dann verlassen diese das Haus. Manche mit schwerem Herzen. Es tauchen an solchen Tagen immer wieder ernste Fragen auf. Wir wissen nicht so recht, ob unser Kind auch gut mitkommt, ob es sich mit den andern verträgt, ob es leicht auffaßt und vieles andere.
Doch das sind unnütze Sorgen. Denken wir lieber an unsere liebe Jugend, die nun erwartungsvoll vor ihrem Lehrer sitzt und der Dinge harrt, die da kommen sollen. Horch! Eben singen sie schon! Zwar noch etwas wild durcheinander, aber sie singen doch schon. Das erste Band der neuen Gemeinschaft, der kommenden Kameradschaft, ist geschlungen. Und so soll es nun weitergehen.
Man verlangt ja nicht mehr, daß die Kinder stundenlang stille sitzen. Sie haben Freiheit. Die Kinder spielen im Turnsaal, im Schulhof und lernen während des Spielens. Mit Reif und Ball lernen sie zählen und rechnen, mit Puppe und Spielzeug sprechen sie und bilden Sätze. Am Katheder spielen sie Kaufmann und Käufer und beginnen langsam in das Reich der Zahlen einzutreten, bis sie unmerklich im neuen Lebensraum einen Halt und eine neue Heimat gefunden haben.
So löst sich heute das Kind langsam aus der sorgenden Hand der Mutter und kommt nun in die etwas härtere Hand seiner Kameraden und seines Lehrers. Das Sicheinfügen klappt in der Schule
heim, Rabertshausen. Leitung: Gefolgschaftsführer Schmidt, Steinheim, und die Ortsgruppe Hungen.
In Ettingshausen mit Ober-Bessingen, Nieder-Bessingen, Nonnenroth, Harbach, Hattenrod. Leitung: Fähnleinführer Fuchs, Ettingshausen, und die Ortsgruppe Ettingshausen.
In Grünberg mit Queckborn, Weickartshain, Lauter, Saasen, Göbelnrod, Beltershain, Rein- hardshain, Stangenrod. Leitung: Gefolgschaftsführer Bopp, Grünberg, und die Ortsgruppe Grünberg.
In Großen-Buseck mit den Ortsgruppen Großen-Buseck, Alten-Buseck, Bersrod, Annerod. Leitung: Unterbannführer Schneider, Großen- Buseck, und die Ortsgruppe Großen-Buseck.
In Lollar mit den Ortsgruppen Lollar und Mainzlar. Leitung: Stammführer Schmulbach, Lollar, und die Ortsgruppe Lollar.
In L o n d o r f mit den Ortsgruppen Londorf, Allendorf, Geilshausen, Weitershain. Leitung: Gefolgschaftsführer Kraus, Londorf, und die Ortsgruppe Londorf.
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Winneiou.
Ein Gedenkblait von Karl Gpringenschmid.
Kein einziger aus dem Stamme wurde gefragt ob es ihm recht fei. Er sagte eines Tages einfach und ohne viel Umstände: „Ich bin Winnetou!" Es war ja auch ganz klar; denn er war der Tapferste, der Klügste, der Edelste unseres Stammes. Als er dies gesagt hatte, sah er uns alle der Reihe nach an. Dann schlug er mir kräftig auf die Schulter und jagte: „Und dies ist Old Shatterhand, mein Freund!" Ich konnte vor Freude und Stolz kaum sprechen. „Allright“, sagte ich schließlich und schlug ihm gleichfalls auf die Schulter. Damit wurde eine Freundschaft geschlossen, die für das Leben hielt.
In seinem gewöhnlichen Leben ging Winnetou in den zweiten Jahrgang einer Lehrerbildungsanstalt. Wir beide waren also in einer Klasse und saßen in der gleichen Bank. Einmal ging mir zufällig während der Mathematikstunde der Stöpsel- revolver los. Winnetou stand sofort und ruhig auf und bekannte sich als Täter. Aber der Professor hatte schon die rauchende Pistole in meiner Hand gesehen. Ich erhielt drei Stunden Karzer. Der Professor zog eigenhändig den Schlüssel meines Gefängnisses ab. Ich zog drinnen ein Heft heraus: „Wildtöters Kampf mit den Gelbfußindianern" und las. Ungefähr eine halbe Stunde hatte ich gelesen, da wurde über mir vorsichtig ein Kellerfenster eingestoßen. Dann wurde etwas in meine Zelle hineingeworfen. Es war ein Schlüssel. Daran hing ein Zettel. Darauf stand in unserer Geheimschrift: „Winnetou vergißt feinen Freund Old Shatterhand nicht!" Ich war frei! Niemals habe ich erfahren können, wie Winnetou zu diesem Schlüssel kam. Kurz vor der dritten Stunde ging ich wieder in den Karzer und ließ mich — scheinheilig und zerknirscht — vom Professor höchst eigenhändig nochmals befreien. —
Ein anderes Mal waren wir auf einem Raub- zug begriffen. Es war ein herrlicher Obstgarten. Wir faßen in den Bäumen und füllten die Säcke. In aller Ruhe arbeiteten wir; denn Winnetou stand Wache. Da war es im vorhinein unmöglich, daß uns irgend etwas geschah. Plötzlich ein Pfiff! Das war Winnetous Pfiff und zwar der Pfiff „Gefahr". (Winnetou konnte mit allen Fingern pfeifen, sogar mit beiden Daumen.) Wir sahen den Bauern mit einem großen Wolfshund kommen. Aber es war für uns zu spät. Schon sprang der Hund an unserem Baume hoch und der Bauer, einen Stecken schwingend, kam näher. Da wagte Winnetou dft
befreiende Tat. Er ging ruhig dem Bauern entgegen. Die Hofensäcke standen ihm weit vom Leib; denn er hatte sie voll Aepfel. Der Bauer war über diese Frechheit so erstaunt, daß er gar nicht zuzuhauen wagte. Winnetou sah, daß der Hund uns bedrängte. Da reizte er den Bauer, machte ihm frech eine lange Nase und lief davon. Der Bauer, der Hund, beide ihm nach. Wir waren befreit. Wir sahen am Abend, als wir in unserem Wigwam saßen, daß Winnetou noch blutete. Aber er schwieg und wir wagten nicht, ihn zu fragen, wie es gegangen fei.
An diesem Abend, der mir noch mit allen feinen Einzelheiten in Erinnerung ist, wurde meine Freundschaft mit Winnetou das einzige Mal erschüttert. Da saß ein kleines, blondes Mädchen an unserem Lagerfeuer. Es hieß das „Sanfte Auge" und war 15 Jahre alt. Winnetou beachtete im allgemeinen die Mädchen nicht. Aber das „Sanfte Auge" konnte herrlich kochen, konnte unsere Lederwämser flicken, konnte sogar unsere Federn und Schilder bemalen. An diesem Abend wusch das „Sanfte Auge" die Kratzwunden auf Winnetous Wangen und verband ihm die verletzte Hand. Ich schaute zu und sah, wie liebevoll sie dem Häuptling diente. Da spürte ich einen herben Schmerz in meiner Brust. Ich stand auf und ging vom Feuer weg und allein in die schwarze Nacht hinaus. — Winnetou spürte bald, was in mir vorging. Aber er schwieg. Nach einigen Wochen, als der Stamm wieder um das Feuer versammelt war, sagte er ernst: „Das ,Sanfte Auge' dient von nun ab nur meinem Freunde Old Shatterhand!" Der Stamm murrte. Allen war das unverständlich. Das „Sanfte Auge" war das einzige Jndianerweib in unserem Stamme, und es war doch natürlich, daß es ihm diente, dem Edelsten, dem Führer. Ich aber verstand ihn. Er opferte das „Sanfte Auge", um sich meine Freundschaft zu erhalten. Diese Entsagung rührte mich zu Tränen. Ich stand auf und warf Holz ins Feuer, grünes, damit es recht rauche und damit niemand ahnen könne, daß meine Tränen von etwas anderem herkämen, als vom Rauch. Aus dem „Sanften Auge" machte ich mir nichts mehr. Wir beschlossen bald darauf, das Mädchen aus dem Stamme auszufchließen. Aber diese edelste Tat Winnetous schloß mir alle Herrlichkeit einer Bubenfreundschaft auf.
Winnetous Ende war so, wie es zu ihm paßte. Ich finde heute in meiner Erinnerung keinen lieber« gang mehr. Es erscheint mir, als wäre er unmittelbar von unserem Lagerfeuer weg in den Krieg gezogen. Er war nur 14 Tage im Felde. Am Col di
Lana erhielt er einen Schuß zwischen die Augen und war sofort tot. —
Als ich, Old Shatterhand, zwei Jahre später, in dem kleinen Pustertaler Dörfchen an seinem Grabe stand, war ich keiner mehr aus feinem Stamme. Ich war ein ernster, müder Feldsoldat. Der Krieg hatte aus uns Buben Männer gemacht. Aber es schien mir, als hätte es Winnetou, mein Freund, besser getroffen als wir Zurückgebliebenen, besser, weil ihn eine Feindeskugel aus seinen hellen Jugendträumen unmittelbar in die ewigen Jagd-
,3br größter Erfolg."
Der Name der Schauspielerin Therese Kranes wird den Theaterfreunden unserer Zeit kaum noch ein Begriff fein. Doch hat sie in ihrem kurzen Leben — sie starb, erst 29 Jahre alt, 1830 in Wien — eine im wahrsten Sinne volkstümliche Rolle gespielt und ein großes begeistertes Publikum gehabt. Sie war die Freundin des Wiener Dichters Ferd^and Raimund, und ihr Leben wurde sogar in einem heute freilich längst verschollenen Roman und auch in einem Bühnenstück behandelt. Der Film der Europa (Manuskript von Hanns H. Fischer und Hertha von Gebhardt) hat ihren Namen, wenn auch nur flüchtig, der Vergessenheit entrissen und ihre liebenswürdige, echt österreichische Erscheinung in den Mittelpunkt einer halb heiteren, halb gefühlvollen Handlung mit volksstückmäßigem Einschlag gestellt. Der Beschauer erlebt hier, amüsiert und ein wenig gerührt zugleich, wie die Rest, ein kleines, unbekanntes Wiener Wäschermädel, mit Hilfe des guten Raimund „trotzdem" zum Theater geht, und zwar zum damals berühmten Leopoldstädter — gegen den Willen ihrer Brotgeberin und ihrer heftig Widerstand leistenden Tante Josefa. Sie geht also und wird mit einem Male eine große und berühmte Sängerin, der ganz Wien zu Füßen liegt. Und mit dem Ruhm kommt die Liebe (zu einem Theaterkapellmeister) — aber dann kommt der jähe Umschwung: die Liebesgeschichte geht infolge eines dummen Zufalls und Mißverständnisses in die Brüche; die Rest fällt einem Hochstapler in die Hände, und mit dessen plötzlicher Verhaftung, die sich zu einem regelrechten Skandal steigert, scheint auch die künstlerische Laufbahn der Kranes zu Ende zu sein. Da greift der alte Raimund noch einmal ein, verhindert die geplante Flucht der Rest und führt sie ins Theater zurück und ihrem alten Publikum wieder zu. Und dieses wahrhaft improvisierte Auftreten aus der Postkutsche Heraus
wird ihr größter Erfolg — auch persönlich, denn an die Stelle des verhafteten, hochstaplerischen „Grafen Jaroff" tritt freudestrahlend der junge Leopoldstädter Kapellmeister, mit dessen Walzer die Rest ihre Laufbahn so siegreich begonnen hatte. Die Geschichte ist von Johannes Meyer mit der anmutigen Beschaulichkeit des Wiener Biedermeier ausgestattet und in Szene gesetzt worden. Martha Eggerth spielt die Kranes mit natürlichem, weiblichen Charme — daß man denkt, so könnte sie wohl ausgesehen haben — und singt mit Bravour und einem glockenhellen Sopran die gewagtesten Koloraturen. Mit Gemüt und behäbigem Humor umgibt Leo Slezak die echt komödiantische Erscheinung des Raimund. Auch sonst eine Reihe guter und darstellerisch pointierter Leistungen: Aribert Mog als Burgställer, Lingen in einer hochkomischen Charge, Albrecht Schoen- Hals, Gülstorff, Waldau, die Nikolajewa und Margarete Kupfer. Die gefällige, ganz auf den weichen und fangbaren Wiener Walzerton gestimmte Musik schrieb Franz Grothe. — Im Beiprogramm: Die neue Wochenschau und ein Tierfilm „Aristokraten der Hundewelt".
— r —
Hochschulnachrichten.
Der Direktor des Hygienischen Institutes der Universität Heidelberg, Professor Dr. Emil Got» schlich, erhielt vom türkischen Ministerium einen Ruf als Direktor des Zentral-Hygiene-Jnstitutes in Ankara. Der Gelehrte, der sich um den Namen der deutschen Wissenschaft in der Welt schon früher außerordentliche Verdienste erworben hat, wird die ehrenvolle Berufung der türkischen Regierung annehmen. Professor G o t s ch l i ch ist vor seiner Berufung nach Heidelberg an der Landesuniversität Gießen tätig gewesen.
Professor Dr. Richard Labes, Extraordinarius für Pharmakologie an der Universität Bonn, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Jena ernannt worden.
Oberregierungsrat Professor Dr. Hans B l u n ck, Extraordinarius für Pflanzenschutz an der Univer- fität Kiel, ist zum ordentlichen Professor in der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn ernannt worden.
Professor Dr. O p p i f o f e r von der Universität Königsberg ist zum Ordinarius für Deutsche Rechtsgeschichte, Handels-, Wechsel-, Verkehrs- und Versicherungsrecht an der Universität Leipzig ernannt worden.


