Aber als ich die Unterhaltung dann englisch fortführte, ging eine Erleichterung durch die Runde, und nun hagelten die lebhaften Fragen auf mich ein nach den deutschen Studenten, nach der Lebensweise in unseren Städten, nach Hitler und einzelnen Problemen der Politik und Wirtschaft, mit denen sie viel enger in Fühlung sind, als wir es früher waren. Zum Lunch (Mittagessen) war wieder ein anderer Kreis vereinigt, und es machte Freude, auf das lebhafte Treiben der 200 bis 300 Studenten in dem reichgeschmückten Saal zu blicken, von dessen Wänden die Wappen befreundeter Universitäten, auch in Deutschland, herabblickten. Im übrigen ging es sehr einfach nach dem „Cafeteria=(5t)ftem" zu, jeder bediente sich selbst und ließ sich auf sein Tablett füllen, worauf er Hunger hatte. Dann begann das Erzählen, mit dem es ebenso wie mit Essen im Tempo vor sich ging — nach einer Stunde war jeder wieder an der Arbeit.
Die Gefahr der einseitigen Tendenz ist bei den Colleges natürlich nicht ausgeschlossen. Gewissenhafte Deutsche haben auch manchmal gesagt, den englischen und amerikanischen Studenten fehle in der Ausbildung die Gründlichkeit und Vielseitig- keit, die an einer deutschen Universität selbstverständliches Ziel der Ausbildung fei. Es ist nicht zu leugnen, daß sie in der Tat manchmal nur Teile von Wissenschaften lernen und daß der Fußball eine größere Bedeutung als manches Lehrbuch hat. Aber daneben steht eine weltanschauliche und politische Schulung und die Pflege einer weltmän
nischen Art, die unseren engeren Horizonten oft fehlt. Gerade die letzteren Gesichtspunkte gehören zu denen, die in unseren Kameradschaftshäusern zur Geltung gebracht werden sollen. Im übrigen brauchen wir uns Fehler, die im Auslande gemacht werden, ja nicht zum Vorbild zu nehmen. Unsere Kameradschaftshäuser werden, wenn sie nur richtig geleitet werden, den jungen Studenten schon Richtung und Ziel geben. Werden sie dann völlig auf eigene Füße gestellt, so stehen sie dem freien Leben und dem freien Studium mit gefestigter Sicherheit gegenüber. Auch an den großen amerikanischen Universitäten, die zehntausend und mehr Studierende haben, lebt nur ein Teil in den Internaten der Colleges; besonders die älteren Studenten wohnen nach Belieben in der Stadt. Sie unterstehen in ihrer Lebensweise aber immer noch der Aufsicht bestimmter Professoren, und wie mir gesagt wurde, merzt man Studenten aus, die sich der Zucht und Sitte nicht fügen wollen. Der Geist der Ordnung, der dort herrscht, ist derselbe, den wir wünschen. Aber verschiedene Wege werden begangen, und das ist gut. Die Erfahrung wird bei uns bald eine Form herausbilden, die unsere Vorzüge betont und fremde Schwächen vermeidet, die vor allem aber nicht über die materiellen Möglichkeiten eines verarmten Volkes hinausgeht. Im amerikanischen Mittelstand sieht es wirtschaftlich ernst genug aus, so daß man unsere bewußte Einschränkung dort fehr gut versteht.
Gtreifzüge im Mittelmeer.
Bon Dr. Paul Rohrbach
m*.
Die entthronte Hauptstadt
Konstantinopel, April 1935.
Konstantinopel hat vor dem Kriege 1,1 Millionen Einwohner gehabt und zählt jetzt nur noch 700 000. Das ist die Folge des Abzugs der Regierung nach Angora, der Ausweisung eines Teiles der Griechen und der Abwanderung vieler Armenier. Der größte Teil der sehr zahlreichen Beamten ist natürlich mit den Familien der Regierung gefolgt. Man fühlt sich erinnert an Peking, das auch eine depoffedierte Hauptstadt ist. Nur ist die chinesische Regierung mit ihrer Uebersiedlung nach Nanking — sie hatte mehr innen- als außenpolitische Gründe — damit nicht der Möglichkeit fremden gewaltsamen Drucks entgangen, denn auf dem Jangtse können Kriegsschiffe leicht bis vor Nanking hinauffahren. Die neue türkische Hauptstadt Angora (offiziell Ankara) ist aber ohne eine militärische Invasion großen Stils und zweifelhaften Ausganges nicht angreifbar. Daß der Ghafi Mustafa Kemal den Sitz der Regie- rung tief nach Kleinasien verlegte, hat die Türkei zum widerstandsfähigsten aller Faktoren im Nahen Osten gemacht.
So genial die Hinwegnahme der Hauptstadt von der gefährdeten Stelle am Bosporus aber auch war, so wenig zeigen sich die Türken doch geneigt, Kon- stanstnopel für den Fall eines Krieges einfach preiszugeben. Nach den Friedensbedingungen dürfen sie die Dardanellen, die jeder Angriff auf Kon- stantinopel erst forcieren muß, nicht wieder befestigen. Sie tun es aber, wie man hier ganz offen von jedermann hören kann, neuerdings doch. Jeder Türke lächelt verständnisvoll, wenn von den Dardanellen die Rede ist. Er ist sich auch keineswegs im Unklaren darüber, daß die Türkei ihrem politischen Gewicht durch die Befestigung nicht wenig hinzufügt. Will man Kleineres mit Größerem vergleichen, jo handelt es sich um etwas Aehnliches, wie bei Deutschlands Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht. Ein starkes und selbstbewußtes Volk läßt sich nicht auf die Dauer Bedingungen auferlegen, die sein Ehrgefühl kränken und seine Sicherheit beeinträchtigen. Auch an der Frage der Darda- nellenbesestigung sieht man, wie brüchig die Diktatsfriedensschlüsse nach dem Weltkrieg bereits geworden sind. Wer kann die Türken hindern,
* Vergleiche den letzten Bericht in Nr. 93 des Gießener Anzeigers vom 20. April.
wieder Batterien anzulegen, die die Durchfahrt sperren? Um papierne Proteste werden sie sich nicht kümmern, und wollte jemand eine Exekution gegen sie vornehmen, so wäre das Krieg. Weder England, noch Frankreich, noch sonst jemand würde das auch nur in Gedanken wagen. Der Versuch der Vergewaltigung nach dem Kriege rächt sich an seinen Urhebern durch das Gefühl der Ohnmacht, an ihrem frivolen Diktat festzuhalten.
Mir ist die verwandelte Türkei an sich kein neues Erlebnis, da ich Angora schon vor einigen Jahren besucht und die Arbeit des Ghasi kennengelernt habe. Man' hat viel über die äußeren Seiten der Reform in den letzten zehn Jahren geredet. Sie sind zum Teil, wegen ihres Zusammenhanges mit den bewegenden inneren Fragen, wichtiger, als manche denken; aber das Wesentliche ist die innere Stärkung der Türkei, die dieser Mann zuwege gebracht hat. Als wir gestern früh am Morgen durch die Enge der Dardanellen gen Konstantinopel hindurchdampften, kam mir recht zum Bewußtsein, welch eine gewaltige Rolle sie i m Weltkrieg gespielt haben. Hätten die Alliierten ihre Bedeutung für die Erhaltung der russischen Kriegsfähigkeit durch Zufuhr von Kriegsmaterial rechtzeitig begriffen, so hätte es ihnen keine Schwierigkeiten gemacht, bis Anfang oder Mitte September 1914 durchzubrechen. Erst Ende Oktober schloß ja die Türkei das Kriegsbündnis mit den Mittelmächten, aber schon seit Ende August arbeitete e i n deutsches Marine-Sonderkommando daran, die veralteten und schwachen, mit allem möglichen ungleichen Geschützmaterial bestückten und den Engländern bis in den letzten Winkel bekannten Werke verteidigun-gsfähig zu machen. Bei Tschanak Kalessi, der engsten Stelle, lag der Schwerpunkt der Verteidigung in der Batterie Hamidie, deren 35-Zentimeter-Geschütze, als der Anyriff erfolgte, ausschließlich von deutschen Marineartilleristen bedient wurden.
Ende September waren alle Batterien an der Meeresenge gefechtsklar, und um die Annäherung feindlicher Schiffe zu erschweren, wurden vor und in den Dardanellen auch noch Minensperren gelegt. Brauchbares eignes Minenmaterial besaßen die Türken freilich nicht, aber unsere Marineleute wußten sich zu Helsen. Sie räumten feindliche russische Minenfelder im Schwarzen Meer aus und verlegten die vorzüglichen russischen Minen vor die Festungswerke der Dardanellen! Die haben verschiedenen englischen Schiffen den Untergang gebracht.
Eingeweihte wissen, wie nahe vor dem entscheidenden Erfolg der englisch - französische Land-
Der Internationale Almkongreß Vertin 1935.
Oie neue deutsche Mmpolitik ist auf friedliche Zusammenarbeit mit allen Ländern gerichtet.
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Scherl-Bildmatemdienst
Im Reichstagssitzungssaal der Berliner Krolloper wurde der Internationale Filmkongreß feierlich eröffnet. Der Reichstagssitzungssaal ist prächtig geschmückt, während auf dem Oberring die Flaggen sämtlicher teilnehmender Länder sich befinden.' Der Präsident der Reichsfilmkammer Dr. Scheuermann begrüßte die Kongreßteilnehmer und Gäste. Aufgaben des Kongresses feien die Fragen des internationalen Urheberrechts, der technischen Normalisierung und Standardisierung, der Hebung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage der Theaterbesitzer, die Frage der Schaffung von Akademien, Archiven und künstlerischen Studien, endlich die fortschreitende Entwicklung des Films in der Richtung auf den plastischen und Farbenfilm sowie hinsichtlich der steigenden Entwicklung des Fernsehens, Fragen, bei denen eine internationale Zusammenarbeit notwendig sein werde.
Oberregierungsrat R a e t h e r überbrachte die besten Wünsche der Reichsregierung und besonders des Schirmherrn des Kongresses, des Reichsministers Dr. Goebbels. Der Film fei berufen, eine Brücke 3 u den Völkern zu schlagen. Das neue Deutschland sei wie in seiner ganzen Politik so auch in der Filmpolitik auf eine friedliche Zusammenarbeit mit allen anderen Ländern eingestellt. Raether fand die lebhafteste Zu
stimmung, als er betonte, daß der Kongreß seine Erfüllung gefunden habe, wenn das Ziel erreicht werde, den Film zum Hauptförderer einer vernünftigen Weltverständigung und eines dauernden Weltfriedens zu machen. Die deutschen Filmschaffenden könnten stolz darauf sein, daß die deutschen Maßnahmen und die deutsche Organisation im Auslande so oft zum Vorbild genommen würden.
Im Namen der ausländischen Abordnungen sprach der Ehren- und Alterspräsident der internationalen Theaterbesitzer-Vereinigung, Iourdain (Brüssel), die Hoffnung aus, daß der Kongreß die Fragey des Films endgültig lösen werde.
Aus Anlaß des Filmkongresses hatten sich die Lichtspieltheater Berlins und des ganzen Reiches entschlossen, im Rahmen eines Filmvolkstages allen Volksgenossen den Besuch der Lichtspieltheater zu ermöglichen. Ein Eintrittsgeld wurde nicht erhoben. Zum Besuch der Sondervorführungen berechtigte die zum Preise von 10 Pfennig ausgegebene Kongreß-Ansteckplakette. Man schätzt die Zahl der Berliner, die Freitagnachmittag die Kinotheater besuchten, auf rund 200 000. In vielen Theatern war eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung kein Platz mehr zu erhalten. Die meisten Lichtspielhäuser hatten Stücke gewählt, die auch den Zutritt Jugendlicher gestatteten.
anyriff auf Gallipoli war, als er aus vorübergehender Erschöpfung das erste Mal abgebrochen wurde. Es war ein Wunder, daß die behelfsmäßigen Stellungen bei dem verzweifelt schwierigen Munitionsnachschub hielten. Was jetzt in Ruhe und mit kühler Nichtachtung aller „Friedensbedingungen" auf Gallipoli wie am asiatischen Ufer geschaffen wird, sichert das als Hauptstadt zwar entthronte, als Verkehrszentrum aber unabsetzbare und unzerstörbare Konstantinopel auf alle Fälle davor, eine leichte Beute noch so starker, zur See herannahender Gegner zu werden. Angora bleibt die Hauptstadt, aber Kostantinopel bleibt die Perle im türkischen Besitz. Auch wir können Genugtuung darüber empfinden, daß der Türke sie unbekümmert festhält.
Verhaftungen von Deutschen in Polen.
Posen, 26. April. (DNB.) Im Kreise 'Kempen, im Süden der Provinz Posen, ist eine Anzahl von Mitgliedern der Deutschen Vereinigung verhaftet worden. Als Grund wird von polnijcher Seite „illoyale Agitation" gegen den polnischen Staat angegeben. Nach den bisher vorliegenden Nachrichten sollen insgesamt zehn pol» nische Staatsangehörige deutscher Nationalität im Gefängnis sitzen. Im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit sind bisher ungefähr 50 Zeugen vernommen worden. Nähere Einzelheiten sind wegen der noch andauernden behördlichen Untersuchung nicht zu erfahren.
Beethovens IX. Symphonie
Zur bevorstehenden Aufführung derNS.-Gemeinschaft, Kraft durchFreude"
Ein schöneres und volkstümlicheres Werk als Beethovens Neunte konnte "für eine festliche Aufführung am Vorabend des nationalen Feiertages nicht gefunden werden.
Verkörpert Joh. Seb. Bach tn seinem Gesamtwert gläubigste Religiosität, so strebt Beethoven in seinem Schaffen höchstem sittlichen Wollen zu. Aus der Zeit der ersten Skizzen zur Neunten Symphonie läßt eine Aufzeichnung einen Einblick in das Innere des Meisters zu: „Dich zu retten, ist kein anderes Mittel als von hier: nur dadurch kannst du wieder so zu den Höhen deiner Kunst entschweben, wo du hier in Gemeinschaft versinkst. Nur eine Symphonie und dann fort, fort, fort! Derweilen die Gehalte aufgenommen, welches selbst auf Jahre geschehen kann." Die im Ringen um den höchsten menschlichen Wert gestählten sittlichen Kräfte geben ihm höchstes Selbstvertrauen, das Bewußtsein des inneren Vermögens, das ihn sich den höchsten Anforderungen gegenüber gewachsen fühlen und ihn innerlich mit den Großen seiner Zeit gleichberechtigt erscheinen läßt. Nur aus solchem heldischen Kraftbewußtsein ist es verständlich, daß er über den Sieger von Jena und Auerstedt urteilt: „Ich hätte ihn doch besiegt!" Dieses Hinauswachsen über die Enge des Ich, das titanenhafte Hinausstreben über das Persönliche zur universellen Geltung für die Menschheit, das wurde der Leitgedanke für seine letzte Symphonie, in der er an den Grenzen der Ausdrucksfähigkeit der Instrumentalmusik rüttelt, um höchstem geistigem Wollen restlose, nachhaltigste Kündung zu verleihen.
Denn die Sonderstellung diefes letzten symphonischen Werkes, die man ihm oft, vornehmlich nur feiner Form nach, zuweist, ist einzig durch ihren geistigen Gehalt bedingt. Das gesamte Erleben des Schicksals an sich und in seiner Umwelt erhält hier durch Beethoven seine Zusammenfassung, gesehen von der hohen Warte des Ueberwin- ders, erfüllt mit den im Schicksalskampfe gewonnenen Lebenserkenntnissen
Dieser hohen Idee konnte die bisherige Form der Symphonie nicht mehr völlig genügen, denn solch ein Werk strebte über das Durchleben klanglicher Realität hinaus zu einem Wachwerden letzter geistiger Hintergründe. So mußte Beethoven einen neuen S t i l prägen, der das klang-sinnliche Mo
ment zurückdrängte und zum Träger eines geistig- musikalischen Denkprozesses wurde. Das Erfassen des in Beethovens Tonsymbolik festgehaltenen geistigen Hintergrundes schien seinen Zeitgenossen be- jondere Schwierigkeiten zu bereiten. So schreibt die „Allgemeine Mujikzeitung" (1826): ..Es ist, als ob die Musik auf dem Kopfe gehen sollte und nicht auf den Füßen." Ludwig Spohr findet den vierten Satz so „monströs und geschmacklos", daß er nicht begreifen kann, „wie ihn ein Genius wie der Beet- hovensche niederjchreiben konnte." Selbst die Begeisterung bei der Wiener Uraufführung (7. Mai 1824) war nicht von langer Dauer, denn bei der Wiederholung des Konzertes glaubte man, das Programm durch eine Rossini-Arie würzen zu müssen. Wenn auch die hehre Größe der Neunten Felix Mendelssohn-Bartholdy verschlossen blieb, so sollte diesem Werk in Richard Wagner der stärkste Vorkämpfer erstehen.
Schon während seiner Leipziger Studienzeit hatte er sich der letzten Symphonie Beethovens mit fast fanatischer Liebe zugewandt; zur völligen Offenbarung wurde sie ihm aber erst gelegentlich seines Pariser Aufenthaltes durch die Aufführung unter Habeneck. „Dies geschah durch meine Anhörung der Neunten Symphonie Beethovens, welche ich nun von diesem berühmten Orchester mit dem Erfolge eines beispiellos andauernden Studiums in so vollendeter und ergreifender Weise vorgetragen hörte, daß, wie mit einem Schlage, das in meiner Jugendschwärmerei von mir geahnte Bild von diesem wunderbaren Werke, nachdem es mir durch die Hinrichtung desselben durch das Leipziger Orchester unter des biederen Polenz' Leitung gänzlich verwischt worden war, nun sonnenhell, wie mit Händen greifbar, vor mir stand. Wo ich früher nichts als mystische Konstellationen und klanglose Zaubergestalten vor mir gesehen hatte, strömte jetzt wie aus zahllosen Quellen der Strom einer nie versiegenden das Herz mit namenloser Gewalt dahinreißenden Melodie entgegen." Eine Aufführung dieser Symphonie, die Richard Wagner am Palmsonntag 1846 in Dresden leitete, wurde zum Ausgangspunkt für den Siegeslauf des Werkes. Jedes bedeutende musikalische Ereignis krönte er mit einer Aufführung der Neunten, so auch die Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses.
Gleichsam wie bet einer Geisterbeschwörung zuckt das Thema aus dem brodelnden Chaos der leeren Quinten, wie züngelnde Flammen, unheimlich auf, bis es sich mit Unerbittlichkeit im Unisono des vollen Orchesters verdichtet. Ein zweiter Ansatz
zur Entwicklung läßt das Thema in freundlicherem 8-Dur erscheinen, wendet sich aber wieder dem strengen l)-Moll zu. Das hvffnungverheißende Seitenthema steht unter der bannenden Wucht des Hauptgedankens. Die Durchführung wird zu einem Ringen mit dem Schicksal, das im Gewoge des Kampfes zwischen Hoffnung, Trostlosigkeit und Sehnen schwankt, erfüllt von unbeirrbarem Siegeswillen. Die Entscheidung fällt. Im Unisono stürzen Streicher und Holzbläser herab; in die Reprise borniert die Pauke hinein, gigantische Kräfte sind entfacht. Fast möchte man in der Coda noch auf den Sieg hoffen, da bricht nach zweimaligem Einhalten die Schicksalsmacht um so bedrohlicher und aufbäumender hervor; leer, im Unisono, klingt der Satz starr in riesenhafter Größe aus, ohne die Schicksalsfrage zur Lösung gebracht zu haben. „Entbehren sollst du! Sollst entbehren!" (Richard Wagner.)
Um nicht durch die Trostlosigkeit der Enttäu? schung der Verzweiflung anheimzufallen, stürzt sich der um das Glück Kämpfende in den Traum des Genusses. In wildem, aufgepeitschtem Wirbel, immer heftiger, fast ans Groteske grenzend, steigert sich bas Scherzo: rhythmisch akzentuiert burch bie hämmernbe Pauke. Wenn auch bas Trio in freunblichere Gefilbe leitet, auf beren Na- turhaftigkeit bas Lebensgefühl erstarken könnte, um so sarkastischer bricht bas Scherzo roteber hervor, in ber Coba noch einen kurzen Blick in bie freunb- liche Welt bes Trios gewährenb.
Innere Einkehr läßt im Abagio ben Schicksalskämpfer sich ben letzten Orünben bes Seins, Dem Trost unb ber Stärkung burch bie Gottesnähe sich zuwenben. Verklärung unb bamit erwachenbe Hoffnung auf ben enblichen Sieg ziehen in fein Inneres ein.
Das Finale bringt bie geistige Auseinanber- setzung. Dem wilben Aufschrei bes Orchesters stellen sich Rezitative ber Celli unb Kontrabässe gegenüber; gleichsam als musikalische Sprecher wollen sie ent- scheiben. Die Themen ber vorausgegangenen Sätze erscheinen unb werben abgelehnt. Aufzeichnungen Beethovens in feinem Skizzenbuch geben uns Aufschluß über ben Sinn ber Rezitative. Nach bem Finaleanfang: „Nein, biese Wirrnisse erinnern an unfern verzweiflungsvollen Zustanb. Heute ist ein feierlicher Tag, biefer sei gefeiert burch Gesang!" Das Thema bes ersten Satzes wirb abgelehnt: „O nein, biefes ist es nicht, etwas Anberes, Gefälliges ist es, was ich forbere." Das Scherzothema finbet keine Billigung: „Auch biefes nicht, ist nicht besser!" Da er auch bem Abagiothema nicht beipflichten kann, er
greift er selbst bie Initiative unb läßt bie Melobie bes Freubenliebes aus bem Unisono ber Bässe unb Celli zu immer größerem Glanz heranwachsen; sie finben aber noch nicht ihre klangliche Krönung. Noch einmal bricht ber Aufschrei bes Finaleanfanges burch. Die Instrumente vermögen nicht mehr ben Willen ber Schaffenben zu verkünben, nur allein bie menschliche Stimme kann hier bie Lösung geben. Das Baritonsolo führt hin zum Hymnus an bis F r e u b e , ber in feinem Jubel vom Solvquartett unb vom Chor ausgenommen wirb. Ein helbisches Kampflieb (Tenorsolo), vom Männerchor beantwortet, bilbet bas Kampfspiel in einem Orchesterfugato ab. Das immer mehr erstarkenbe Lebens- gefühl finbet seine letzte Funbierung im Erkennen bes Göttlichen. Gottesgebanke unb Freubenhymnus verknüpfen sich zur Einheit in einem Doppelfugato. In weihevollem Jnnehalten verklärt ein Soloquartettsatz ben Gebauten ber inneren Binbung ber Menschen. Durch bie Freube, bann aber in bithy- rambischem Rausch steigert sich bas Finale zu Höch- ster Ekstase. Dr. H.
Zeitschriften.
Fast unübersehbar groß ist bie Zahl ber Orte vom äußersten Westen unb ©üben bis zum Osten unb Norben unseres Vaterlanbes, an benen Heilquellen unb heilenbe Bäber Genesung verheißen. Unb wie schon unsere Vorfahren eine Frühlingskur als wirksamste Kur anjahen, ba im Frühling sich bie Natur verjünge unb mit ihr bie Quellen unb Kräuter, so wirb auch heute noch ber Frühling als Babekurzeit bevorzugt. So kommt bie nevvfte Nummer ber „I l l u st r i r t e n Zeitung" (Z. I Weber, Leipzig) jetzt als ©onbernummer „Das beutsche Heilbab" gerabe zurecht. Mit Interesse liest man ba, wie' unsere beutschen Bäber unb Quellen'schon bei ben Römern sehr beliebt waren, unb wie ihre Segnungen im Laufe ber beutschen Geschichte immer mehr erkannt mürben, bis sie zu bem würben, was sie heute sind: bie mobernen Gesunbbrunnen, in benen Klima, Lanbschaft, Babe- unb Brunnenkur sich vereinen unb eine Gesamtwirkung von unschätzbarem Wert Hervorrufen. Die für bie verschiebenen Leiben unb Krankheiten spezifisch in Betracht Fommenben Kurorte unb nicht zuletzt bie beutschen ©eebäber bieten sich bem Genesungsuchenben bar: einmal in roegmeifenben Beiträgen, bie bie verschiebenen Heilanzeigen bis ins einzelne charakterisieren, Zum nnbern in einer reichen Fülle von Bildern, die uns zu den Quellen der Natur rufen, an denen wir körperlich unb seelisch genesen können.


