Ausgabe 
27.4.1935
 
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M.98 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheilen) Zamrtag, 27. April 1935

den Tat, die sein Volk errette, in die ewige Ver­dammnis zu gehen, als alle seine Volksgenossen dauernder Knechtschaft zu überlassen".

Zu diesem christlichen Ideal nationaler Einheit tritt der aus der westlichen Revolution übernom­mene Begriff von innerpolitischer Freiheit, Gleich­heit, Demokratie. Freiheit ist für dieSchwarzen" die persönliche Freiheit und Selbstoerantwortung vor Gott, Gleichheit die Gleichheit vor dem Volks­ganzen, die Forderung der demokratischen Republik betrifft nur die Erscheinungsform. Die Revolution ist nur der Weg, um der Unbedingtheit des Geistes zum Sieg über das politisch Wirkliche zu verhelfen und so schließt sich der Ring wieder: der Glaube an Deutschland ist für dieUnbedingten" nichts anderes als die Bereitschaft, sich für das Vater­land hinzugeben, zu opfern.

Die unheimliche Konsequenz des Charakters und kalte Entschlossenheit des Begründers dieser Lehre Carl Fallen reicht mit ihren Wurzeln bis in seine Schülertage zurück. In einem Aufsatz, den er als Gießener Gymnasialprimaner für seinen ver­ehrten Lehrer Friedrich Gottlieb W e l ck e r ge­schrieben hatte, heißt es:Eines jeden Pflicht ist es aber, dem Gemeinwohl zu leben und zu sterben. So allein hat er Gott und dem Vaterlande ge­dient. Wer Gott und dem Vaterlande unablässig getreu für die Freiheit lebt und stirbt, der wird das sichere Ziel gewiß nie verfehlen."

Als das wichtigste Denkmal seiner politischen An­schauungen und Forderungen in jener Sturmzeit haben wir dasGroße Lied" anzusehen, das erst 1829 von Johannes Wit, genannt von D ö r r i n g, veröffentlicht wurde; zum zweitenmal wurde es nach 1840 von Fallens Witwe gedruckt. DasGroße Lied" besteht aus einer ganzen Reihe von einzelnen Gedichten, die in Gruppen zusam­mengefaßt sind. Es war für den internen Gebrauch der Bundesglieder bestimmt. Aber einzelne Ab­schnitte daraus waren weit verbreitet. Dazu gehört auch das Lied mit der Ueberschrift:

Viele Stimmen aus dem Volke.

Brüder, so kann's nicht gehn, Laßt uns zusammenstehn, Duldet's nicht mehr!

Freiheit, dein Baum fault ab, Jeder am Bettelstab Beißt bald ins Hungergrab; Volk ins Gewehr!

Bruder in Gold und Seid', Bruder im Bauernkleid, Reicht euch die Hand!

Allen ruft Deutschlands Not, Allen des Herrn Gebot: Schlagt eure Plager tot. Rettet, das Land!

Dann wird's, dann bleibt's nur gut. Wenn du an Gut und Blut Wagst Blut und Gut;

Wenn du Gewehr und Axt, Schlachtbeil und Senfe packst, Zwingherrn den Kopf abhackst. Brenn alter Mut!

Als im Sommer 1819 die Landbevölkerung im Odenwald versuchte, die Herabsetzung der Steuern mit Gewalt zu erreichen, fanden sich dieGießener Schwarzen" oft als Teilnehmer an bäuerlichen Protestoersammlungen und Carl FallensViele Stimmen aus dem Volke" wurden so oft gesungen, daß das Lied später alsOdenwälder B all­er n l i e d" bezeichnet worden ist. Auch in den revolutionären Tagen der Jahre 1830 und 1848 ist es immer wieder gesungen worden. Als echtes Ge­meinschafts- und politisches Kampflied war es anonym, und so kam die irrige Meinung auf, es sei ein erst 1848 entstandenes Lied. Zur Zeit des Hambacher Festes (1832) hat Harro Harring einDeutsches Mailied" gedichtet, das auf eine Nachahmung des Liedes von Fallen hinausläuft. Beide Lieder wurden nach der MelodieBrause, du Freiheitsgesang" gesungen, dessen Verfasser eben­falls Carl Fallen ist (1817) und das noch heute im Lahrer Kommersbuch steht.

Hält man den Text vonVolk ans Gewehr" neben das Lied von Fallen, so bedarf es wahrlich keiner langen Erörterung, daß das erstere eine dem nationalsozialistischen Kampfgeist und der modernen Ausdrucksweise entsprechende Umdichtung darstellt. Der Vergleich beider Lieder, zwischen denen ein Jahrhundert liegt, beweist, daß sich die Deutschen letzten Endes immer gleich bleiben, daß ihr Volks­charakter trotz äußeren Wandlungen derselbe ist und bleibt.

Die Kämpfer und Sänger des Nationalsozialis­mus haben den Sieg des Führers, ihrer Bewe­gung erleben dürfen. Der Burschenschaft war es nicht vergönnt, die Unbedingtheit des Geistes die volitische Wirklichkeit überwinden zu sehen. Und ooch war der Kampf nicht umsonst, der ihrer Be­wegung innerhalb der deutschen Gcistesqeschichte einen bedeutsamen Platz errungen hat.Zwischen der reinen Bildungskultur des 18. Jahrhunderts und den neu heraufziehenden Mächten des 19. Jahr­hunderts, Geld und Masse, bedeutet die burschen- schaftliche Haltung einen entscheidenden Hebergang, dessen Lebensbewußtsein noch ganz von der geisti­gen Idee her bestimmt ist, aber dabei zugleich zur Verantwortung und Entscheidung der idealisch ver­wurzelten Existenz im Wirklichen drängt."

Jugend und Hochschule.

Warum brauchen wir Erziehung trotz Vererbung?

Von Or. Gerhard psahler, o.ö. Professor der Psychologie und Pädagogik an der Universität Gießens

Ohne feste Grenze führt der Weg aus dem Feld der Vererbung krankhaften Seelentums hinüber in den Raum der Gesundheit. Don den Schwierig­keiten und Spannungen hier ist dort nichts zu spüren. Dort herrscht so sehr die TatsacheVer­erbung" vor, daß jedes Fragen, das über die Ver­antwortung für Zeugung und Geburt hinausgreifen will in dasNachher", in Erziehung und Gestal­tung, zurückgerufen wird durch die entscheidende Frage: Darfst du überhaupt Kinder haben? Im Felde gesunden Seelentums ist das anders. Hier herrscht neben der Verantwortung für das Dasein des Kindes die Gewißheit, daß jenseits der Grenze der Geburt eine zweite Verpflichtung wartet, die im Kind-Elternverhältnis nie ein Ende findet und zum ernstesten und schönsten Sinn alles menschlichen Daseins gehört.

Was ist mit Zeugung und Geburt geschehen? Was ist festgelegt, was schicksalhaft für mein Kind unausweichlich geworden, dadurch, daß es mein Kind wurde? Was bleibt mir zu tun und zu ver­antworten übrig, wenn das neue Menschlein da ist? Wo ist der Raum der Erziehung, wo Recht und Pflicht zur Gestaltung? Gibt es einen Ort der Frei­heit, an dem mein Kind einst und oftmals wird selber entscheiden müssen, ob es bergan oder bergab schreiten will im Leben? Oder ist das Tor zur Frei­heit ein für allemal zugeschlagen in dem Augen­blick, da ich seinen ersten Schrei hörte? Es gibt keine echte Mutter, in der nicht gleichviel ob ausgesprochen oder einfach hart erlebt diese Fragen wach sind .. wach oft bis zum Schmerz.

Da stehen als Antwort zuerst die Worte Rasse und Vererbung. Hart, unbarmherzig ... die beiden Tore zur Freiheit, deren Schloß im Augenblick der Zeugung einschnappt. Beide bedeutend, daß mit der Geburt dem neuen Menschen ein bestimmter Stil seines Körperaufbaus gegeben ist, und mit ihm zusammengehörend eine unausweichliche see­lische Artung. Da steht zugleich am Lebensweg von Mutter und Kind die unumstößliche Gewißheit, daß Gebären nur der Anfang ist einer nimmer auf­hörenden Verantwortung. Ja, wenn alles diese Ge­wißheit umstoßen könnte, eines ließe sie ewig wie­deraufstehen: die furchtbare Last des Versäum­nisses, das Gefühl, einmal an seinem Kind das nicht getan zu haben in Liebe oder Härte, was hätte getan werden müssen. Das Herz der Mutter ist die Waage. In der einen Schale liegen die Worte Rasse und Vererbung, in der anderen jene Gewiß­heit. Wohin wird sie ausschlagen, wenn dies Herz wahrhaftig bleibt? Wo Entartung vererbt wird, braucht niemand mehr nach dem Schwergewicht zu fragen. Da reißt der Jammer von Mutter und Kind Tag für Tag die SchaleVererbung" in die Tiefe. Wie ist das beim gesunden Menschen?

Ist.auch bei ihm bestimmt, welche Richtung sein Leben einschlcrgen, nach welchen Zielen sich sein

* Entnommen aus Pfähler:Warum Er­ziehung trotz Vererbung?" (B. G. Teubner, Leip­zig-Berlin), einem neuen, für die Erziehung im Dritten Reich besonders bedeutsamen Buche, das den Eltern und Erziehern gesunder Kinder klar dar­über Rede steht, was die Vererbung bedeutet und was die Erziehung wirkt. Viele anschauliche Bei­spiele sind eingefügt.

Wille strecken, welche Lebensinhalte seine Seele leidenschaftlich ergreifen wird? Ob sein Volk eines Tages Ja oder Nein zu seinem Dasein sagen muß? Ob dieses begonnene Leben vor Gottes Gericht gut oder böse gewesen sein wird, wenn es zu Ende geht? So beglückend es ist, das eigene Sein als Ring eingespannt zu wissen in die Kette der Geschlechter

.. so ernst zugleich für den, der dem Wissen um Vererbung da nicht ausweicht, wo es nicht mehr beglückend, sondern beklemmend zu werden beginnt. Drohen im eigenen Blut alle Irrwege, jedes Ver­sagen der Ahnen wieder als ein Unausweichliches? ... Man sollte meinen, in den Aussagen der Wissen­schaft herrsche statt der Schwierigkeiten und Span­nungen Eindeutigkeit und unwiderlegbare Klarheit. Daß dem keineswegs so ist, kann vielleicht am klar­sten zunächst am BegriffRasse" gezeigt werden.

Was heißtRasse"? Unmißverständlich sagt Günther:Eine Rasse stellt sich dar in einer Menschengruppe, welche sich durch die ihr eignende Vereinigung leiblicher Merkmale und seelischer Eigenschaften von jeder anderen (in solcher Weise zusammengefaßten) Menschengruppe unterscheidet und immer wieder nur ihresgleichen zeugt. Eine Rasse ist also eine in sich erbgleiche Menschen­gruppe". Kernstück dieser Bestimmung ist: die Zu­sammengehörigkeit eines körperlichen Baustils mit einer festen seelischen Artung und die Weitergabe von beidem von Geschlecht zu Geschlecht durch Ver­erbung. Dieser Tatbestand ist zugleich Grundlage nationalsozialistischen Wissens vom Menschen; auf der die ganze neue Gesetzgebung steht. Gegen jeden Versuch, das in einer Generation durch Erziehung und Kultur erworbene seelische Eigentum eines Volkes als. vererbbar anzusehen, wendet sich B a - v i n k schroff: er redet von derMeinung, daß die die Kultur ausmachenden objektiven Faktoren, d. h. also die gesamte geschichtliche Tradition eines Vol­kes, seine erziehlichen, sozialen, politischen, hygie-

Viele unserer jungen Studenten verbringen ihre ersten Semester nach den Anordnungen, die unsere Regierung getroffen hat, jetzt in Kamerad­schaftshäusern, und bei manchem Anhänger der studentischen Freiheit im alten Sinne mag der Anschein erweckt werden, als ob hierin ein Verlust läge. In Wirklichheit werden die jungen Män­ner nicht in der Absicht zusammengefaßt, um ihnen einen Zwang aufzuerlegen, der ihre Entwick­lung hemmt, sondern sie sollen gerade durch die straffe Zusammenfassung zu der Einordnung und Anpassung gebracht werden, die ihnen erst ihre selbständige geistige Entwicklung ermög­licht. Sehen wir uns einmal an, wo sonst auf der Erde ein ähnliches Erziehungssystem für Studie­rende besteht und wie es auf bie dortigen Men­schen wirkt. Ich spreche gern davon, da ich nicht nur seit einer Reihe von Jahren enge persönliche Beziehungen zu englischen Universitäten unterhalte, sondern auch im Herbst 1933 Gelegenheit hatte, im Anschluß an eine Berufung an die Universi­täten von Kalifornien für mehrere Monate durch die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und auch durch' Kanada zu reifen, wo sich mir die Universitäten dieser Staaten in liebenswürdiger Weise geöffnet haben. Diese Länder sind es ja, in denen das College-Systern in Hebung ge­kommen und zur Tradition geworden ist. Es ist in England in langsamer geschichtlicher Entwicklung

nischen usw. Einrichtungen, seine Philosophie und Weltanschauungsmächte usw. auf dieses Volk geno­typisch gestaltend wirkten, anders gesagt, daß die erbliche Beschaffenheit unserer Kinder wie über­haupt des kommenden Geschlechts von diesen Fak­toren direkt abhinge. Diese Meinung, so selbstver­ständlich sie bis heute der Mehrzahl besonders un­serer Geisteswissenschaftler und Kirchenmänner, aber ebenso auch unseren Sozialisten und soziolo­gischen Ideologen, unserer Lehrerschaft und zahl­losen Hygienikern ist, diese Meinung beruht auf einer schlimmen Verwechslung der phänotypischen Gestal­tungskraft der Umwelt mit einer nicht vorhande­nen genotypischen". In den Wendung ins Erziehe­rische drückt Ernst K r i e ck denselben Tatbestand so aus:Durch das Volkstum zieht sich der rassisch bestimmte Blutstrom als Unterströmung alles be­wußten und geformten Lebens durch die Jahr­tausende hin, die Geschichte, den Charakter und das Schicksal bestimmend" ...

Dies alles ist ganz und gar unmißverständlich. Aber keiner Mutter Liebe würde sich jemals da­mit zufrieden geben, zu wissen, daß mit der Geburt Geschichte, Charakter, Schicksal, Art, Haltung/ Rich­tung und Wertsystem ihres Kindes .... also schein­bar sein ganzes künftiges Leben bereits festgelegt sei. Zum Glück und Stolz ihres Lebens wie zum Gefühl ihres besonderen Auftrags vom deutschen Volk gehört über das Gebären ihrer Kinder hin­aus die Gewißheit, daß auf dem ganzen Weg ihres Kindes durch die Jugendzeit ihre Pflichterfüllung, ihr Heimatgeben, ihre Liebe es find, die darüber mit entscheiden, ob und wie dieses Kind einst als Mann und Frau für Deutschland stehen. Ihr Herz ist nach wie vor die Waage; und sie will wissen, was das hier heißt: rassisch bestimmtes Schicksal, Haltung und Wertsystem. Ist es das Ganze, schlecht­hin Entscheidende? Liegt alles Gewicht auf der SchaleVererbung Rasse"?

entstanden, nicht bewußt geschaffen. Darin liegt ein selbstverständlicher Unterschied gegenüber unse­ren Einrichtungen.

Zunächst möchte ich rein sprachlich klären, was mit dem englischen WortCollege" gemeint ist. Es bezeichnet im weiteren Sinne ein gro­ßes Lehrinstitut mit vielseitigem Betriebe von Fa­kultäten, Abteilungen, Instituten und Lehrfächern, also etwas ähnliches wie unser WortUniversität". In der Tat gibt es in Nord-Amerika solche Hoch- schulen, die als volle Universitäten gelten können und ihnen gleichwertig sind, wie das' Wittenberg College und das Oberlin College im Staate Ohio, oder die Hochschulen für Mädchen Scripps College und Mills College in Kalifornien. Kleinere In­stitute haben oft eine bestimmte Tendenz und be­schränken sich auf Teilgebiete, z. B. das Bluffton College, ebenfalls im Staate Ohio, das von Men- noniten gegründet ist und betrieben wird. Diese Hochschulen enthalten nicht alle Fakultäten und unterrichten nur in einem abgegrenzten Kreis von Fächern.

Im engeren Sinne bezeichnet man mitCollege" ein Internat für eine Gruppe von Studieren­den, von mehreren Dutzend bis zu einigen Hun­dert. Diese haben Wohnung, Leben und Unter­richt in ihrem College. Nur ein College in die­sem engeren Sinn darf für den Vergleich mit un­serem Kameradschaftshaus herangezogen werden.

Der Unterschied beruht zunächst daraus, daß das englische College für den Studenten gleichzeitig seine Unterrichtsanstalt ist. Denn es ist ein Teil der großen Universität, in deren Verband es steht. Es vermittelt ihm natürlich nur einen Ausschnitt aus dem gesamten Wissensstoff, und häufig ist es ein Spezial-Institut, das feine Betätigung in eine bestimmte Richtung lenkt.

Ich greife ein paar Erlebnisse aus den letzten Jahren heraus. Zuerst in England, und zwar an der Universität Oxford. Diese hat kaum eigentliche Institute der Universität, sondern besteht aus einem Dutzend Colleges, die gesonderte Gebäude sind und jedes eine kleine Fakultät für sich bilden. Das eine ist medizinisch oder mathematisch oder philologisch, eines auch stark in Orientalistik. Die Studenten leben sehr behaglich und sauber in hübschen gemüt­lichen Räumen und haben neben ihrem Wohnzim­mer eine Schlafkammer und selbstverständlich auch das Bad in der Nähe. Sie fühlen sich an ihr College gebunden und halten als eine Einheit zu­sammen. Dabei macht es nichts aus, wenn der eine oder andere Student für ein bestimmtes College auch in ein benachbartes College geht. Der Zusammenhalt der Studenten eines bestimmten College wird gern in Sport betätigt, und es geht bei Fußball und Rudern mit hartem Wetteifer zu. Bei dem Dinner am Sonntagabend erscheinen auch dieAlten Herren", und dann entfaltet sich ein glänzendes Bild in der prächtigen Halle. Dieser Zusammenhalt wirkt für das ganze Leben, und rückblickend hat so mancher gereifte und welterfah­rene Engländer mir gesagt, die Erziehung im College habe ihm seine Richtung gegeben und ihn zu dem ebenso selbstbewußten wie gewandten Mann gemacht, als die diese Herrenmenschen dann draußen in der Welt gestanden haben.

Das zweite Erlebnis in Kanada ergab einen ähnlichen Rahmen. Die Tage im Trinity College in Toronto spielten sich in einem mächtigen Ge­bäude in englischer Gotik ab. Der Provost (Vor­steher) und der Lehrkörper bilden einen geschlosse­nen Kreis, der mit gesicherten Mitteln ruhig ar­beiten kann und der auch einige Professoren in nahezu reiner Forschungstätigkeit ohne Lehrauf­gaben unterhält. Neben diesem College, das der englischen Hochkirche mit ihrem äußeren Glanz angehört, stehen weitere in anderen kirchlichen Richtungen bis zu den puritantischen Calvinisten hin, die weder» Kreuz noch Schmuck in ihrer Ka­pelle dulden. Als ich am Abend in dem amphi- theatralischen Saal der Universität Toronto einen halb wissenschaftlichen, halb politischen Vortrag eines Londoner Professors hörte, war mir, als ob ich in England fei.

Demgegenüber führte das dritte Erlebnis, das ich hier yeranziehe, auf dem Boden der Vereinig­ten Staaten von Nord-Amerika in ganz andere, und zwar in viel reiner amerikanische Verhältnisse hinein. Es war im Saybrook College an der Yale University an der Ostküste nördlich von Neu- york. Vieles zeigte auch hier noch inNeu-Eng­land" die Herkunft aus dem Mutterlande, z. V. die klosterartigen Gebäude in englischer Gotik, die hier um Höfe gruppiert lagen und ein höchst roman­tisches Bild boten, als ich nachts im Mondschein meine stille Zelle aufsuchte. In der Tat liegt ein klosterhafter Frieden in diesen eindrucksvollen Hö­fen. Abends war ich von einem Studenten empfangen worden, den man hierzu ausgesucht hatte, weil er in der zweiten Generation einer deutschen Familie angehörte. Am nächsten Mor­gen holte mich ein anderer zum Frühstück ab, bei dem mit mir um einen runden Tisch ein Dutzend frischer netter Jungen saß, die sämtlich mit mir deutsch sprechen sollten. Ich habe sie auch eine 1 Weile damit gequält und tüchtig stottern lassen.

Kameradschastshaus und College.

Erlebnisse und Eindrücke an englischen und amerikanischen Hochschulen.

Von Professor Dr. Boeder.

Volk ans Gewehr!"

Das burschenschastliche Vorbild des Kampfliedes.

Von Dr. Earl Walbrach.

Uralt und bei allen Völkern bezeugt ist der Ge­sang von Liedern zu Beginn des Kampfes. Unsere germanischen Vorfahren stimmten vor der Schlacht den Barditus, den Schildgesang an; sie erhoben ihren rauhen Schlachtruf, wenn sie im gleichmäßigen Sprung und die Waffen taktmäßig zusammenschlagend zum Angriff vorbrachen. So feuerten sich die Landsknechte des Mittelalters an, und so erklang der Kriegsruf der Hessen, als sie im Jahre 1792 gegen die von französischen Truppen besetzten Wälle der Stadt Frankfurt a. M. anstürmten:Zum Donner, zum Donner, zum Donner, halloh!" Und selbst in unseren Tagen haben wir noch einmal er­lebt, daß Soldaten sich selbst und die Kameraden durch Anstimmen eines Liedes begeisterten, das frei­lich kein Kampflied war, aber durch die ungeheure Wucht feines Inhalts die stockende Vorwärtsbewe­gung in Gang brachte: Das Deutschlandlied der Kameraden, die am 11. November 1914 vor Lange- marck stürmten. v

In eine Reihe mit den Kampfliedern der Sol­daten aller Zeiten sind die politischen Kampflieder zu stellen. Auch sie sind weit in die Geschichte zurück zu verfolgen. Vornehmlich seit der Reformations­zeit werden die politischen Kampflieder, oft als Spottgesänge entstanden, Volkslieder. Ganz beson­ders reich an solchen Volksliedern, die größtenteils eine scharfe revolutionäre Gesinnung verraten, sind die Jahre, seitdem die nationalsozialistische Bewe­gung sich auszubreiten begann. Sie sind nicht mehr wie die gefühlsvollen und rührseligen Lieder des 19. Jahrhunderts von der Romantik beeinflußt, son­dern sprechen eine harte, manchmal rohe Sprache, wenn auch weiche, sentimentale Klänge darin nicht fehlen.

Bei diesen Kampfliedern, die alle Draußenstehen­den aufriefen, sich mit dem politischen Inhalt zu beschäftigen, kommt es weniger auf den Text denn auf den Ton an. So ist es zu verstehen, daß das die Massen zusammenschweißende Horst-Wessel- Lied", das Wiener JungarbeiterliedEs pfeift von allen Dächern" u. a., durch ihren hinreißenden Rhythmus zu den hervorragendsten Zeugen natio­nalsozialistischen Geistes geworden sind.

In diese Reihe der politischen Lieder gehört auch das echt deutscheVolk ans Gewehr", das Mannesmut und Wehrhaftigkeit preist, den Glau­ben an Deutschland hochhält und von der Gemein­schaft des deutschen Volkes spricht. Aber es ist wohl nur einem kleinen Kreis bekannt, daß dieses natio­nalsozialistische Lied unserer Tage auf ein Vorbild

zurückgeht, das in den Jahren 1817/18 in Gießen entstanden ist.

Als die kriegsfreiwilligen Studenten von 1813/14 in die Heimat zurückkehrten mit der Hoffnung, ihr im Feld entstandenes Lebensideal der deutschen politischen Erneuerung verwirklicht zu sehen, sollten sie sehr bald erkennen, daß von einem politischen Zusammenschluß der Nation noch keine Rede sein könne. Und die tatsächliche Entwicklung der Politik mußte sie aufs schwerste enttäuschen. Sie hatten einen freien Staat erhofft, der das deutsche Leben zur Höhe hinaufführen werde; statt dessen herrschte in ganz Europa der Geist der aus dem aufgeklärten Absolutismus stammenden Metternichschen Kabi­nettspolitik.

Daß die jungen Frontkämpfer der Freiheitskriege nicht gewillt waren, diese politische Entwicklung ruhig hinzunehmen, bedarf ebensowenig einer Aus­führung wie die Tatsache, daß aus ihrem Geist die Burschenschaft geboren wurde. Der idealistische Glaube jener Jünglinge ging auf eine Heber« brückung des Zwiespaltes zwischen der Gesinnung der Hingabe an die Nation und der politischen Wirklichkeit. Je mehr sie erkennen mußten, daß die Mächte der Restauration das Heft fest in der Hand hielten, um so mehr wurden sie in die Bahn der Revolution getrieben. Das ist vor allem spürbar in der burschenschaftlichen Dichtung. Hier, wo das Gefühl rein dahinfließt, nicht gehemmt durch die strengen Gesetze der Logik, ist deshalb am deutlich­sten Inhalt und Ziel der Bewegung zu erkennen. In den Wochen des Krieges war ein religiös-natio­nales Lebensideal entstanden, für das die Vater­landsliebe sozusagen die Erfüllung einer religiösen Pflicht war; Liebe zu Gatt erfüllt sich hier auf Er­den nur durch Hingabe an das Vaterland. Hingabe und Opfer werden im engen Bund der Burschen­schaft vorgelegt. Diese religiöse Verankerung der Lebensanschauung, die christlich verstandene Vater­landsliebe führte folgerichtig zum politischen Radi­kalismus, zur politischen Revolution.

In dieser Entwicklung stehen in vorderster Reihe Carl Fallen und dieGießener Schwar­zen", die den Gedanken pflegten,daß sie als auserlesene Werkzeuge des unterdrückten Volks­willens unter Hingabe ihrer ganzen Persönlichkeit, wohl auch durch freiwilligen Opfertod der Sache des Deutschtums und der Freiheit zu dienen hätten". Wie Christus aus Liebe zu den Menschen das Kreuz auf sich nahm, so sollen die, die sich Chri­sten nennen, ihm im Opfertod folgen, Märtyrer werden aus der Hnbedingtheit ihrer Heberzeugung heraus. Daß das in nüchterner Wirklichkeit gesehen nichts anderes bedeutet, als aus der Idealität der Gesinnung heraus die revolutionäre Tat fordern, erhellt aus dem Wort eines jenerUnbedingten" wie sie mit Recht genannt wurden:Er ziehe es vor, eim. ^gcn Gattes Gebot verstoßen.-