i b
<>
AD
-MW
■ ■ ■
Französische Kommentare.
Paris, 27. März. (DNB.-Funkspruch.) Zum Abschluß der Berliner Verhandlungen lauten die französischen Berichte übereinstimmend dahin, daß keine Aenderung der Lage zu verzeichnen sei, denn der englische Besuch habe nur infor- matoriscken Charakter gehabt. Insofern sei er allerdings nützlich gewesen. Im übrigen stellen die Blätter als Element der Vernunft und der „aufrichtigen Friedensliebe Frankreichs" die Verabschiedung des französisch-italienischen Abkommens von Rom durch den Senat heraus. „Journal" schreibt: Das Ergebnis der Berliner Verhandlungen sei, daß man Hitler ein Friedenspatent ausgestellt habe, allerdings müsse man sich über den Begriff Frieden erst einigen. Es gebe den Frieden der Zufriedenen und den Frieden der Unzufriedenen. Auch „Petit Parisien" spricht von einem Friedenspatent, das durch die amtliche Verlautbarung nach Schluß der Beratungen den leitenden Männern des Diritten Reiches ausgestellt worden sei. Man müsse sich fragen, ob dieses Zeugnis berechtigt sei. Das Blatt behaupet, daß die deutsche Forderung nach Gleichberechtigung zu einer Forderung nach deutscher Ueberlegenheit gegenüber Frankreich geworden sei.
„Echo de Paris" spricht von einer „unfruchtbaren" Aussprache. Mögen die ehe
mals alliierten Länder zunächst einmal ihre materielle Macht wieder schaffen und die Liga aller Friedensfreunde bfcben, dann werde eine Verhandlung mit Berlin ihre uneingeschränkten Ergebnisse zeitigen. Solange diese Richtigstellung nicht vollbracht sei, glaube Deutschland alles ungestraft sagen zu dürfen. Im „Figaro" behauptet d'Ormesson, daß man als Inhaltsangabe der deutschenglischen Fühlungnahme in Berlin das Motto „Deutschland gegen Rußland" wählen könnte. d'Ormesson verwahrt sich gegen die Unterstellung, er bringe dem sowjetrussischen System irgendeine Sympathie entgegen, fügt aber hinzu, er sei nicht der Ansicht, daß das Sowjetheer eine Drohung für irgend jemand, auch nicht für Deutschland, bilde. Im übrigen zweifelt d'Ormesson, daß im Falle des Ausbruches eines Krieges zwischen Deutschland und Rußland der andere zunächst nicht beteiligte Teil aus einem solchen Kampfe herausbleiben könnte. Der Frieden in Europa sei etwas Unteilbares. Die gegenwärtige Krise sei eine Krise zwischen Deutschland und Europa. Es handele sich nicht darum, für Rußland gegen Deutschland zu sein oder für Deutschland gegen Rußland. Es komme darauf an, daß jeder bei sich bleibe und in Frieden lebe.
Der Außenpolitiker der „L i b e r t 6", Jacques Bainville, erklärt, die politischen Absichten Deutschlands lägen klar auf der Hand, und es fei unnütz gewesen, nach Berlin zu gehen, um sich dessen zu
vergewissern, — Aehnlich verhält, sich auch der „Jn- t r a n s i g e a n t", der England ein Doppelspiel vorwirft. Die Stunde sei gekommen,, wo die englische Regierung endlich einmal eindeutig Stellung nehmen müsse. Wenn Sir John Simon nach Ber- lin gegangen sei, um ein Kompromiß zu suchen, so müsse man ihm schon jetzt erklären, daß Frankreich sich damit nicht abfinden werde. Es genüge, Deutschland mitzuteilen, daß England, Frankreich, Italien und Sowjetrußland sich weigerten, ohne Gegenleistung auf dem Gebiete der „Sicherheit" die deutsche Aufrüstung anzuerkennen. Der Berliner Sonderberichterstatter des „Jntransi- geant" dagegen will aus gutunterrichteter Ouelle erfahren haben, daß der Führer auf Sir John Simon einen guten Eindruck gemacht Habe. Der englische Außenminister habe in seiner Umgebung erklärt, der Reichskanzler sei ein Mann, der den Eindruck der Aufrichtigkeit mache. „La Presse" erklärt, wenn es bem englischen Außenminister gelinge, Deutschland in den Kreislauf der europäischen Mächte zurückzuführen, verliere die französische Eingabe beim Völkerbund ihre Daseinsberechtigung. Indem man dadurch gleichzei- tig den schädlichen Einfluß der bolschewistischen Regierung neutralisiere, stelle man das europäi- sche Gleichgewicht wieder her und sichere den Frieden. Die Frage sei, ob es Sir John Simon gelingen werde, das Manöver der Bolschewisten zu durchkreuzen.
Empörende Getvalturteile des litauischen Kriegsgerichts.
Scherl-Biklmat erndienst.
Reichswehrmimster Generaloberst v. Blomberg (rechts) und der Chef der Heeresleitung General der Artillerie Freiherr von Fritsch beim
Abendempfang im Hause des Reichspräsidenten.
sichern. Um in dieser Politik fortfahren )u können, haben wir uns nicht um das innere Regime der anderen Länder zu kümmern. Rach der Reise nach Stresa werde ich die Reise nach Moskau vornehmen. Wir verfolgen die kollektive Organisierung der Sicherheit mit allen Völkern und mit allen Regierungen, und um zu beweisen, daß diese Politik niemanden isolieren will, werden unsere Pakte immer auch denjenigen offenbleiben, die ihnen augenblicklich noch nicht beitreten wollen. Diese Erklärung möchte ich wiederholen, während die englischen Minister noch in Berlin sind. Deutschland muß wissen, daß es sich nicht unaufhörlich entziehen kann. Wie könnte es sich rechtfertigen, wenn es sich immer weigert, auf den Aufruf der friedliebenden Völker zu antworten, und wie könnte es sich anschließend beklagen, daß man ohne seine Mithilfe das Friedenswerk vollzogen hat, das man gemeinsam mit ihm vollziehen will? Es handelt sich hier nicht um die Gleichberechtigung, es handelt sich ebenloweng um die Rückkehr nach Genf unter gewissen Bedingungen. Es handelt sich darum, zu wissen, ob Deutschland bereit ist, sich mit den anderen Regierungen für die Organisierung des Friedens zusammenzufchließen, den olle Völker fordern.
Ich erinnere an die Reise, die wir 1931 m i t Aristide Briand nach Berlin unternommen haben. Auf dem ganzen Wege, in unseren nordfranzösischen Provinzen, die zerstört wurden, in Belgien, in Deutschland und in Berlin scharte sich das Volk auf unserem Wege zusammen. Es war begeistert unb ergriffen, weil es glaubte, der Friede werde sich vollziehen. Dies war eine große Hoffnung. Ich kann nur im Namen unseres Volkes sprechen. Seine Gefühle haben sich nicht geändert. Die Hoffnung muß eine Wirklichkeit werden, wenn nicht jede Zivilisation verschwinden soll. Halten wir heute unsere Bündnisse und Freundschaften um uns aufrecht. Verstehen wir, sie zu erweitern und zu verstärken. Aber Frankreich muß zunächst entschlossen sein, selbst seine eigene Verteidigung zu sichern. Um unseres Schicksals sicher zu sein, müssen wir stark und einig bleiben.
Vier Memelländer zum Tode verurteilt. - Zwei Angeklagte erhalten lebenslängliche Zuchthausstrafe. - Lieber 200 Lahre Zuchthaus für die übrigen Angeklagten.
itorono, 26.März. (DJIB.) Vom litauischen Kriegsgericht wurden Emil Voll, Malter prleß, Heinrich W a n n a g a l und Cmll £ e pa zum Tode verurteilt. Es handelt sich hier um die Angeklagten des sogenannten Fememordes der Jesultls-Gruppe. Die beiden Da Hat wurden zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, Der Führer der Sowag, Dr. Reumann, und V e r t u l e i t erhielten je 12 Jahre Zuchthaus. Acht Angeklagten erhielten je zehn Jahre Zuchthaus. Der Führer der Christlich- Sozialistischen Volksgemeinschaft, Freiherr von Sah, Baron Bopp und 10 andere Angeklagten wurden zu je 8 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die übrigen Angeklagten erhielten Zuchthausstrafen von Vh bis zu 6 Jahren. Lediglich die beiden Spitzet und Kronzeugen Molinus und Kubbutat erhielten IV- Jahre Zuchthaus, die in Gefängnisstrafen umgewandelt wurden. Das Gericht wird für diese beiden ein Gnadenge- s u ch beim Staatspräsidenten einreichen. Ls ist bezeichnend für die Methode der Urteilsfindung, daß gerade diese beiden, obwohl Molinus Geschäftsführer der Sowag war und mithin eine führende Rolle spielte, in dieser Weise behandelt werden. Rur ganz wenige Angeklagte, bei denen es sich um Ramensverwechslungen handelt, also um solche Männer, die überhaupt gar nicht auf die Anklagebank gehörten oder um junge Leute von 16 und 17 Jahren, wurden freigesprochen.
Der Abtransport der Verurteilten zog sich den ganzen Vormittag über hin. Ihre Angehörigen, die recht zahlreich in Kowno anwesend sind, waren über den unerwarteten Ausgang des Prozesses tief erschüttert. Die vier zum Tode Verurteilten wurden gefesselt ins Zuchthaus übergeführt. Hier wurden ihnen dann die Fesseln abgenommen. Bei der Urteilsfällung ist noch als besonders hart anzusehen, daß in fast allen Fällen eine Beschlagnahme des Vermögens der Angeklagten erfolgt ist. Bei einer Reihe von anderen Angeklagten dürfte ihr Vermögen zur Bezahlung
der Gerichtskosten kaum ausreichen. Die ausführliche Urteilsbegründung wird am 3. April gegeben werden.
Laute Empörung in Königsberg.
Demonstrationen gegen die litauische Schandjustiz.
Königsberg, 27. März (DNB.) Nachdem durch die Dienstagabend-Zeitungen das Kownoer Bluturteil in Fabriken und Büros, in Geschäften unb Prioathäusern allgemein bekanntgeworden war, bemächtigte sich der Königsberger Bevölkerung eine ungeheure Erregung. Die Menschen verließen, sobald es angängig war, ihre Arbeitsstätten, nicht aber, um wie gewöhnlich nach Hause zu eilen.
Ein Gedanke beseelte sie alle, der Ge danke an die unglücklichen deutschen Brüder, die in Kowno in den Gefängnissen schmachten, die die Opfer einer Gewaltherrschaft und einer Justizkomödie ohnegleichen geworden sind. So kam es, daß sich bald' in allen Stadtgegenden spontan immer größere Menschenmengen sammelten und sich in großen Demonstrationszügen durch die Straßen bewegten. Immer wieder hörte man aus den Zügen erregte Rufe wie: „Nieder mit d e r litauischen Schandjustiz!", „Was tut d e r Völkerbund?", „Was machen die Signatarmächte?", „Wir fordern Gerechtigkeit für unsere deutschen Brüder in Memel!" Zu Zwischen- fallen ist es nicht gekommen, da die Demonstranten den Anordnungen der Polizei willig Folge leisteten.
Große Beachtung in England.
Moskau als Hetzer im Hintergrund.
London, 27. März. (DNB. Funkspruch.) Das Urteil des litauischen Militärgerichts wird in der Londoner Morgenpresse stark beachtet. In den Berichten wird auch die in Deutschland entstandene Erregung ausführlich geschildert. Der Korrespondent der „Times" in Riga ist der Meinung, das Seroeismaterial hätte ergeben, daß die Memelländer Unvorsichtigkeiten begangen hätten und die halbmilitärischen Hebungen der Nationalsozialisten in Deutschland nachgeahmt hätten. Aber die Behauptung, daß eine ernfte Absicht für einen bewaffneten Aufstand bestanden habe, scheine nicht bewiesen worden zu sein. Die Geringfügigkeit der entdeckten Waffen deute darauf hin, daß die litauischen Behörden die unmittelbare Gefahr des bewaffneten Aufstandes übertrieben hätten. Auch die Alibis der drei zum Tode Verurteilten seien nicht in befrie- digenderWeise untersucht ober ro i b e r= legt worben.
„Daily Mail" nennt es tief ^bäuerlich, baß gerabein biesem Augenblick unerfreuliche I Zwischenfälle in Memel vorgekommen seien. Ver- *
mutlich werbe bie litauische Regierung bie vier zum Tobe Verurteilten begnabigen. Es müsse aber fest- gestellt werben, baß es heute in Europa viele Friebensstörer gibt unb bie Moskauer Negierung vermutlich unter ihnen. Es scheine nicht fraglich zu sein, baß M o s f a u b e n schwa- chenk leinen litauischen Staat zu einer Politik ber Nabel st iche gegen Deutsch- land ermutigt habe, die in einer schlechten Behandlung der vormaligen deutschen Staatsangehörigen im Memelgebiet bestanden habe. Dieses Ge- biet sei von Deutschland abgetrennt unb ben AM- ierten zur Verfügung gestellt worben. Währenb die Alliierten über fein Schicksal berieten, habe sich Litauen im Jahre 1923 bes ßanbes mit (Bemalt bemächtigt. Es habe bie Beschwörungen ber anberen Staaten zurückgewiesen. Die Ent- senbung von britischen Kanonenbooten habe keine Wirkung gehabt. Die Litauer seien feit biefer Zeit tn Memel. Es fei ihnen aber nur gelungen, s i ch die SeDÖIferung zu entfremben. Dieses. Gebiet sei jetzt eines ber Sturmzentren in Europa geworben. Die für bie Verwaltung
Das alte Klavier.
Erzählung von K. K Neubert.
Sie hatten lange hin unb her überlegt an den einsamen Abenben; es war nun ein Wenbepunkt in ihrem Leben: Herr Möller würbe am Ersten pensioniert. Man mußte sich bas- Leben nun etwas anbers einrichten als bisher. Vor allem wollten sie sich eine kleinere Wohnung nehmen. Ja, unb Da batten sie benn hin unb her überlegt: bas alte Klavier konnten sie in bie neue, kleinere Wohnung wohl nicht mitenhmen. Es würbe zu viel Platz weg- nehmen.
„Unb es steht ja auch nur herum!", sagte Herr Möller. „Wer spielt denn schon bei uns? Alle Jubeljahr kommt 'mal Käthe zu Besuch!"
Sie waren nun alte Leute, aber sie hatten noch Freude an den Dingen des Lebens, und sie malten sich an den Abenden aus, wie nett sie die kleine Wohnung einrichten würden.
So entschlossen Sie sich denn, ein Inserat aufzu- geben: „Gut erhaltenes Klavier zu verkaufen." jXEs steht schon drin!", sagte Herr Möller am nächsten Tag, als er aus dem Büro kam — bald wurde er nicht mehr aus dem Büro kommen, bald konnte er immer zu Hause bleiben. Frau Möller seufzte, wenn sie auf bem Klavier Staub wischte und an bas Inserat bachte. Es war ihr, als sähe das Klavier sie mit traurigen Augen an.
Inzwischen hatten viele Menschen das Inserat gelesen, und es schrieben auch einige darauf. Es war aber gar nicht so einfach mit dem Verkauf, wie es fidi Herr Moller gedacht hatte. Zuerst kam ein epaar' doch dem Herrn war der Preis zu hoch. Dann kam eine junge Dame, und Frau Möller war froh, als sie wieder draußen war. Herr Möller war noch im Büro. Sie mußte allein mit ihr fertig werden Die junge Dame war sehr angemalt unb probierte das Klavier sogleich mit einem Schlager und dann bot sie nur die Hälfte des Preises Frau Moller hatte ihr das gute, alte Klavier auch für den ganzen Preis nicht überlassen. Abends erzählte sie aufgeregt ihrem Mann davon. Er lachte. „Hätte sie Denn Beethoven spielen sollen?"
Das verstand Frau Möller nicht ober vielmehr Herr Möller verstanb bas nicht. „Auf diesem Klavier hat schon meine Mutter als ganz junges Mädchen geübt", bemerkte Frau Möller nachdenklich.
Für diesen Abend hatte sich noch ein Herr Schmelze riugefagt. Er war die letzte Hoffnung. „Hoffentlich ist ihm der Preis nicht zu hoch!" meinte Herr Möller.
JIBir roerben es doch nicht verschleudern!" fuhr tfrau Möller auf
„Äa, ja!" dachte Herr Möller, „wo doch schon deine selige Mutter als ganz junges Mädchen auf diesem Klavier ..."
Und bann klingelte es. Herr Schmelzer.
Das war ein ziemlich biefer Mann. Ein ganz luftiger Mann.
"Ah! Da steht ber Kasten ja!" fing er gleich an. „Schwarz! Dachte eigentlich mehr an Braun. Na, macht nichts. Unb wie klingt er benn, barf ich 'mal?"
„Aber bitte, natürlich!" beeilte sich Frau Möller zu erroibern. Der laute Mann verwirrte sie.
Herr Schmelzer schlug ein paar Akkorbe an, ging bann zu einer Marschmelobie über. Er ftanb immer noch.
„Wollen Sie sich nicht setzen?" fragte Herr Möller unb schob ihm ben Klaviersessel hin.
„Nein, banke!" lachte Herr Schmelzer. „Es genügt mir schon. Klingt ganz gut, ber Kasten. Na, was soll er benn kosten?" fragte Herr Schmelzer.
„Der Kasten!" seufzte Frau Möller. „Zweihunbert Mark!" antwortete ihr Mann.
Herr Schmelzer wiegte ben Kopf, „’n bißchen happig, meine ich. Sagen wir hunbertachtzig. Hab' ba neulich auf einer Auktion einen Flügel, einen erstklassigen Flügel, sag ich Ihnen..., aber für meine Kneipe paßt boch ein Klavier besser."
„Wofür?" erfunbigte sich Frau Möller erschrocken.
„Ach, ich hab' nämlich 'ne Kneipe übernommen unb ba bacht' ich mir, so ein bißchen Musik abends wär nicht schlecht, für bie Gäste, ist boch manchmal 'n musikalischer Kopp barunter, na also, sagen wir hunbertachtzig, liebe Frau —"
Frau Möller hatte plötzlich ein ganz strenges Gesicht.
„Wollen wir nicht für hunbertachtzig —? fragte ihr Mann schüchtern.
„Zweihunbert Mark!" sagte sie.
Herr Schmelzer sah sie an. Dann schmunzelte er. Sie sinb eine tüchtige Geschäftsfrau, aber ich will nicht lanae hanbeln. Immer großzügig: meine Parole! Also ich gebe Ihnen zweihunbert Mark. Morgen lasse ich ben Kasten gleich abholen!"
Frau Möller hob plötzlich wie in einer Abwehr bie Hänbe. „Verzeihung", sagte sie unruhig, „ich — wir — wollten — nein, ich möchte boch nicht —"
Herr Möller sah sie erstaunt an. „Ich verstehe bich nicht, Frau."
Aber sie fuhr hastig fort: „Entschulbigen Sie, Herr — Herr Schmelzer, aber ber Kasten, — bas Klavier, meine ich, es ist bereits verkauft, vorhin — nein — ich möchte es überhaupt nicht —"
Herr Schmelzer hatte auf einmal seine gute Laune verloren.
„Na, hören Sie mal!" fuhr er auf, „was soll bas heißen? Jetzt wollen Sie den Kasten überhaupt
nicht verkaufen? Unb bann ist er schon wieder verkauft? Wollen Sie mich zum besten haben? Hab ich das nötig? Für mein Geld bekomme ich überall 'n gebrauchtes Klavier, noch ein ganz anderes, empfehle mich, guten Tag!"
Er wandte sich zur Tür. Herr Möller brachte ihn mit einem Blick, der um Entschuldigung bat, hinaus. Dann stürzte er in das Zimmer zurück. Seine Frau faß auf dem Klaviersessel, in tiefen Gedanken.
„Nun sag doch bloß, Frau, was soll das heißen?" rief Herr Möller aufgebracht. „Was muß denn Herr Schmelzer von uns denken?"
"Für feine Kneipe wollte er unser gutes, altes Klavier haben!" seufzte Frau Möller
Herr Möller begann kopfschüttelnd im Zimmer bin unb her zu gehen. „Was kümmert uns bas?" fragte er, ^um Klaviersessel geroanbt, „gibst bu ein Kmd in Pflege ober willst bu ein altes Klavier verkaufen?
„Ich hatte keine ruhige Stunbe mehr?" geftanb letzt Frau Moller. Unb als wäre ber Bann ge» brachen, fing sie aufatmenb zu erzählen an: „Nachts, wenn bu schon eingeschlafen warst, lag ich noch wach und horte im Nebenzimmer bas Klavier, als hätte es von selber zu klingen begonnen. Ich hörte es gang Deutlich, wenn es auch leise war wie ein Hauch. Das Lied horte ich, bas Mutter immer gesungen h^' ich sah sie am Klavier sitzen, unb bann war es auch jene Sonate, bie wir vierhändig spielten, wenn Du Sonntags in bas Haus ber Eltern kamst, weißt Du noch? Die Eltern saßen nebenan, wir mußten Die Tur offen lassen, bie Kerzen brannten am Älaoier, unsere Finger berührten sich auf ben saften plötzlich küßten wir uns, unb ba kam Mutter oerrounbert herein unb sah uns an, unb wir spielten verwirrt weiter..."
. Sie schwieg verlegen unb strich mit einer Hand über den Klavierdeckel. Herr Möller hatte mit wachsender Verrounderuno diesen Ausbruch alter Erinnerung angehört: er lächelte jetzt unb war nun selber im Bann.
"Unb hast bu schon vergessen —", fing feine Frau ; °er an, „baß bu an meinem Geburtstaasmorgen immer einen Choral zu spielen pflegtest? Das war Der erste Gruß, baoon wachte ich auf — und bann batteft bu im Nebenzimmer ben Gabentisch für mich oufae&aut, unb bu staubest daneben mit strahlendem wesicht.
"2a, ja, damals —" seufzte Herr Moller.
„Du hast lange keinen Choral mehr zu meinem Geburtstag gespielt", lächelte Frau Möller vorwurfsvoll.
„Du weißt ja, warum ich nicht mehr spiele — Meine Augen —"
, "2a, und die Finger wollen nicht mehr so, alles schone Ausreden, du bi ft nur zu faul, zu bequem, em richtiger alter Mantt bist du!"
„Aber Luise!" fuhr er erschrocken auf.
"2ch habe es ja nicht besser gemacht", lächelte sie beschwichtigend und öffnete den Klavierdeckel ich wollte sogar das Klavier verkaufen."
„Ich hab' dir ben Gebauten gegeben" roanbte ihr ^Kann ein, ich, ich — wegen ber kleineren Wohnung, stnben " ^"be, es wirb sich noch ein Platz dafür
"Siehst bu!" triumphierte sie, während sie zum ersten Male wieder Akkorde anschlug, ganz zaghaft, als müsse sie eine Melodie erst zusammensuchen, „das hab ich nur von dir hören wollen. Jetzt ist es ja gut, wir nehmen das Klavier in die neue Woh- SS“ ieiif ,Pie[e -ch' auf, du .Unter ihren Händen formte sich das Lied immer sicherer klarer: Herr Möller saß fast andächtig dabei und suchte in seiner Erinnerung.
„2ft das nicht bas Lieb, bas wir bamals, als wir uns verlobten?" fragte er.
Sie nickte nur. Er mußte sie auseheu. „Wie aut du es behalten hast!" sagte er. 9
Unb dann kam ihm ein Einfall. Plötzlich saß auch er am Klavier. Unb mit zitteruben Hänbeu suchte er bte Begleitmelodie ihrer Jugeub ...
Es war bas gebämpfte Spiel ihrer Herzen.
Hochschulnachnchien.
An ber Universität Frankfurt hält Dr. med. S p_a h m e r, G i e ß e n , vom Sommersemester 1935 ab in ber Mebizmischen Fakultät eine Vorlesung über Luttfahrt-Mebizin.
Der Dozent Dr. habil. Hans-Joachim Schuhmacher von ber Universität Berlin ist beauflagt worben, im Sommersemester 1935 bie Pro- feffur für physikalische Chemie unb bie Leitung bes Instituts für physikalische Chemie in Frankfurt vertretungsweise wahrzunebmen.
Professor Dr. Klaubius Freiherr v. Schwerin von ber Universität Freiburg i. Br. ist als orbemtlicher Professor für Germanische Rechtsge- schlchre unb Privatrecht an bie Universität München berufen worben.
,, Professor Dr. Friebrich Sartorius von ber Universität M ü nfter hat einen Ruf auf ben Lehr- ftupi für Hygiene an ber Universität Jena erhalten.
Professor Dr. Erich Seidel, Ordinarius für Augenheilkunbe an ber Universität Jena, hat ben an ihn ergangenen Ruf an bie Universität G öt« 'Mngen abgelehnt.


