zum Teil das Schloß fehlte. Das waren Pappkoffer, die durch einen derben Kiemen zufammengehalten wurden. Das waren sogar Holzkoffer oder Holzkisten, ja, das waren oft nur grob verschnürte Reisebündel! Wie Kraut und Rüben lagen sie im Gepäcknetz oder standen im Gang des Abteils. Alle Augenblicke wurden sie von ungefügen Stiefeln angestoßen oder von schwieliger Hand hin und her gezerrt. Die Besitzer dieser Koffer führten eine rauhe Sprache. Aber lustig waren sie! Sie lachten und sangen und waren ausgelassen wie Füllen auf der Weide. Der Besitzer des bunten Lackkoffers aber faß etwas blaß und zurückgezogen in einer Ecke und sah dem Treiben mit großen verwunderten Augen zu. Ihm selbst war nicht recht wohl gewesen, als er den Lackkoffer in die Hand und auf diese Reise hatte nehmen müssen. Aber seine Eltern hatten gemeint, gerade ein solcher Koffer zeige etwas her.
Aber keiner von den Besitzern der anderen Koffer hatte von dem eleganten Lackkoffer und den bunten Hotelschildern Notiz genommen. Einige hatten allerdings etwas seltsam aufgelacht und sich gegenseitig angestoßen. Aber dann war man über den Lackkoffer und seinen Besitzer zur Tagesordnung übergegangen, hatte wieder gelacht und gesungen und gepfiffen unt) all den Uebermut getrieben, den junge deutsche Menschen treiben, wenn sie zum ersten Male ins Arbeitsdienstlager fahren, wenn sie zum ersten Male spüren, was es heißt, Kamerad sein und nichts anderes!
Plötzlich hielt der Zug. Und nun sollte sich das Schicksal des bunten Handkoffers jäh erfüllen. Schreiend, rufend, lärmend verließen die jungen angehenden Arbeitsmänner das Abteil, polterten Koffer und Bündel durcheinander und warfen sie voll Uebermut durch das Fenster auf den Bahnsteig. Da geschah es! Der stille, etwas blasse Besitzer des Lackkoffers erhob sich aus seiner Ecke, riß weit die Augen auf, die zu leuchten begannen, weitete seine Brust, schmetterte zur Verwunderung aller ein überlautes „Juchhe!" in die Luft und warf nun den bunten, eleganten Lackkoffer ebenfalls hoch im Bogen durch das Fenster auf den Bahnsteig, daß es nur so knallte.
Hart schlug der Koffer auf dem Steinpflaster des Bahnsteigs auf. „Unglaubliches Betragen!" stöhnte er, „das also ist das Ergebnis einer jahrelangen vornehmen Erziehung!?" Weiter kam er nicht. Denn sein Besitzer packte ihn höchst unsanft an dem silberglänzenden Griff, und indem er sich bei dem Besitzer eines ärmlichen Reisebündels unterhakte, zog er mit allen anderen Kofferbesitzern singend und jubelnd zum Ausgang des Bahnhofs — dem Arbeitsdienst und der Kameradschaft entgegen.
Oie Weltkrieg-Ehrenkreuze im Kreise Gießen.
Im Anschluß an unseren gestrigen Bericht über die Verleihung der Ehrenkreuze des Weltkrieges an Frontkämpfer, Kriegsteilnehmer und Kriegerhinterbliebene im Bezirk der Stadt Gießen sei heute ergänzend berichtet, daß aus den Landorten des Kreises Gießen bei dem für die Einreichung der Anträge zuständigen Kreisamt Gießen insgesamt 8646 Anträge auf Verleihung des Weltkrieg- Ehrenkreuzes eingereicht wurden. Von diesen 8646 Anträgen entfallen auf Frontkämpfer 6517, Kriegsteilnehmer 1112, Kriegerwitwen 498, Kriegereltern 519. Bis zum 31. März d. I. wurden insgesamt 2305 Ehrenkreuze verliehen; davon entfallen auf Frontkämpfer 1800, Kriegsteilnehmer 248, Kriegerwitwen 152, Kriegereltern 105.
Gegen den Mißbrauch der Bezeichnung „Things.
Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß es untersagt ist, Theatervorstellungen in geschlossenen Räumen oder im Freien als „Thingspiele" zu bezeichnen oder in einer anderen Art in Verbindung mit dem Wort „Thing" zu bringen. Die Bezeichnung „Thing", „Thingstätte" oder „Thingplatz" ist nur zulässig für bauliche Anlagen, deren Errichtung durch den Herrn Reichsminister für
IMkMMl N....
Roman von Charlotte Prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Gewiß, sie hat viel verloren, aber sie macht den Vater nicht wieder lebendig mit ihren Tränen. Haben Sie ihr meinen Besuch von damals gemeldet?"
„Ja, aber sie hat kein Wort dazu gesagt."
Heber Fred kam langsam heftige Ungeduld. Was dachte sich dieses kleine Fräulein? Glaubte Liane, daß die Welt um sie her stillstand, daß die Forderungen des Alltags nicht weitergingen. Sollte er noch mehr kostbare Zeit verlieren an dem töricht gesteigerten Schmerz des kleinen Mädchens?
„Ich muß Sie bitten, mich an ihr Zimmer zu führen; ich werde mir den Eintritt erzwingen", erwiderte er kurz. Und in feiner Stimme lag ein so herrisches Gebot, daß Frau Keppler nicht zu widersprechen wagte.
Fred klopfte kurz an die Tür des Zimmers und trat ein, bevor noch eine Antwort von drinnen erklungen war. Er stand in einem Rokokofalon, dessen Tür zu Lianes Schlafzimmer geöffnet war. Sie selbst saß, den Kopf in den Händen vergraben, auf dem Stuhl vor ihrem Toilettentisch.
Sie fuhr herum, als sie jemand eintreten hörte. „Was ist denn? Ich will allein sein, ich brauche niemand."
„Aber ich brauche Sie, Fräulein Scholz", klang seine Stimme an ihr Ohr.
Sie kam mit eiligen Schritten in den Rokokosalon. Als sie ihn sah, färbte eine heiße Röte ihr Gesicht. „Wie kommen Sie hierher?" fragte sie schroff, bemüht, ihre Verlegenheit zu verbergen. „Ich habe Sie nicht rufen lassen, ich will allein sein."
„Auf Ihren Willen kommt es nicht an, mein Fräulein", gab er ebenso schroff zurück. „Meine Angelegenheit läßt sich nicht aufschieben. Ich habe vierzehn Tage nach dem Tode Ihres Herrn Vaters gewartet, indessen hat die Zeit nicht stillgestanden. Das Geschäft mit seinen Forderungen ist weitergegangen, Sie . . ."
„Was geht mich das Geschäft an?" trotzte Liane.
Seine Stirn faltete sich. „Das Geschäft geht Sie jetzt sehr viel an, da Sie die einzige Erbin find. Die Güter, die Ihr Herr Vater hinterließ, stellen ebenso viel Rechte wie Pflichten an Sie. Von diesen Pflichten möchte ich mit Ihnen sprechen."
Sie kam langsam und zögernd näher. „Von all dem verstehe ich nichts."
„Um so eher wird es Zeit, Sie damit bekannt zu machen."
„Bitte, lassen Sie mir Zeit! Ich kann noch nichts
Oie Deuische Arbeitsfront.
NG-Gemeinschast »Kraft durch Freude^.
Achtung! Gehr wichtig!
AnalleVolkSgenoffenimKreiseGießen!
Die Deutsche Arbeitsfront, R§.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", veranstaltet am 30. April, 20 Uhr, in der Volkshalle zu Gießen als festlichen Auftakt für den 1.7Nai eine große Feierstunde. Es spricht der Landesobmann der Deutschen Arbeitsfront Gau heffen-Raffau,
Pg. Willi Becker, Frankfurt a. M. Anschließend kommt
die Neunte Symphonie von L. van Beethoven
zur Aufführung. Die Leitung hat Universilälsmufik- direktor profeffor Temesvary.
Mitwirkende find das Gießener Stadttheater- orchefter, die Wehrmachtkapelle, verstärkt durch Mitglieder des Orchestervereins und der SA.-Kapelle Gießen, sowie sämtliche Gießener Gesangvereine und andere Gemeinschaften.
Die Solisten sind: Ria Ginster, Henny Schmitt, Willi Lorscheider aus Frankfurt und Wilhelm Strien) aus Berlin. Wilhelm
S t r i e n z gilt als einer der besten deutschen Bassisten. Ihn neben Ria Ginster zu hören, bedeutet ein ganz besonderes Erlebnis.
Der Eintrittspreis ist für alle Volksgenossen auf allen plähen im Vorverkauf 70 Pfennig, an der Abendkasse 1 Mark.
Die Ausführung ist nicht nur für Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront, sondern auch für alle Volksgenossen bestimmt. Es sind genügend Sitzplätze vorhanden, jeder wird einen Sitzplatz erhalten.
Karten im Vorverkauf sind zu haben bei allen KdF.-Warten und in den Betrieben, bei den Ortsgruppen der pO. und der DAF., bei der RS.- Frauenschaft, im Musikhaus Ehallier, in der Ober- hessischen Tageszeitung und bei Frau Huntemann, Seltersweg. Von auswärts können Karten im Vorverkauf bestellt und später an der Abendkasse abgeholt werden bei der Geschäftsstelle der RS.-Ge- rneinfchaft „Kraft durch Freude", Schanzenftrahe 18, Fernruf 2919.
Gleichzeitig machen wir auf den Vortrag mit musikalischer Erläuterung über die 9. Symphonie aufmerksam, den Professor Temesvary am Freitag, 26. April, abends 8 Uhr, im großen Hörsaal der Universität abhalten wird. Der Eintritt ist für alle Volksgenossen frei.
Volksaufklärung und Propaganda für die Zeit nach dem 15. September 1934 oder von einer Landes- ftelle des Reichspropagandaministeriums in Verbindung mit dem Reichsbund der deutschen Frei- licht- und Volksschauspiele genehmigt und beurkundet worden ist. Als „Thingspiele" dürfen nur solche dramatischen Werke bezeichnet werden, die von dem Herrn Reichsdramaturgen schriftlich als solche zugelassen worden sind. Als „Thingspiel-Veranstaltung" oder unter ähnlichen Namen dürfen nur Veranstaltungen durchgeführt werden, die von der Reichs-Theaterkammer zugelassen worden sind.
Gchadenverhütung im Keller.
Von der Hessischen Landesstelle für Pilz- und Hausschwamm-Beratung und dem Mykologischen Institut der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde, Darmstadt, wird uns geschrieben:
Die Speicherentrümpelung wird wohl überall durchgeführt sein. Die Dachräume sind leer geworden. Das überflüssige Gerümpel hat man aber, wie unsere Erfahrung vielfach lehrt, einfach vom hierfür verpönten Dachboden oft in die feuchten Kellerräume verschoben. Uns interessiert hier nur das aus Holz gefertigte Gerümpel (Kisten, alter Hausrat, Brennholz und dergleichen), das man jetzt anstatt auf dem Speicher in den Kellerräumen lagert. Es entsteht hierdurch eine außerordentliche Gefahr für das Haus. Denn Kellerräumlichkeiten sind stets mehr oder weniger feucht. Holz und Feuchtigkeit ermöglichen das Wachstum von holzzerstörenden Pilzen. So trifft man den Hausschwamm auch wieder viel häufiger auf derartigem Holzgerümpel im Keller an. Gewiß wäre es nicht gerade sehr schlimm, wenn der Hausschwamm eine alte Kiste oder etwas Brennholz zerstört. Die größte Gefahr ist aber, daß der Schwamm von hier aus auf wichtige Holzteile des Hauses übergreift, oder in sonstige gefährdete Teile des Hauses verschleppt werden kann, wie Küchen, Badezimmer, Klosetts usw. Zudem ist echter Hausschwamm selbst an unwesentlichen Teilen des Hauses immer eine große Gefahrenquelle und ein erheblicher Mangel im Sinne des Gesetzes. Deshalb also weg mit allen überflüssigen Holzteilen aus den Kellerräumen! Vorsicht bei allen Holzzermürbungen, bei allen pilzähnlichen Gebilden im
denken. Ich verstehe auch nichts davon. Tun Sie, was Sie für recht finden."
„Sie achten die Hinterlassenschaften Ihres Herrn Vaters gering. Im übrigen können wir uns wohl setzen."
Ungeniert nahm er in einem der zierlichen Sessel Platz und wunderte sich fast, daß dieser unter seiner Last nicht zusammenbrach.
Liane war dem Weinen nahe; auch sie setzte sich, und ihre Augen richteten sich mit angstvoller Frage auf ihn. Sie sah erbärmlich aus; aus' ihrem Antlitz war jede Farbe gewichen, ihre Augen müde vom Weinen, ihre zierliche Gestalt direkt zusammengefallen. Ein Luxusgeschöpf!, dachte er. Ein kleiner Windhauch, und sie fällt um — ein Schicksalsschlag, und sie weiß nicht aus noch ein.
Er begann von dem Geschäft zu sprechen, von der schlechten Lage, von der sie vielleicht wüßte, von verschiedenen Maßnahmen, die er getroffen: Einstellungen im Betriebe, von Entlassungen in der Arbeiterschaft und im Büro.
Liane gab sich Mühe, zu folgen, aber sie brachte es nicht fertig. Schon nach einer Minute stand sie einem Chaos von Worten gegenüber, die sie zu- aleich verwirrten und bcängftigten. Auch hatte sie furchtbare Kopfschmerzen, ihre Augen brannten; sie begriff ganz einfach nicht, wovon er sprach. Sie horchte erst wieder auf, als Fred ihren Haushalt berührte. Er wünschte äußerste Sparsamkeit. Auch hier stieß er auf völlige Ahnungslosigkeit. Liane hatte keine Ahnung, was der Haushalt gekostet hatte, dafür sorgte Frau Keppler. Liane hatte nur ihr Taschengeld in Höhe von hundert Mark monatlich verwaltet und war selten ausgefommen damit.
Fred seufzte. Wie man mit einer Fabrik mit hundert und mehr Arbeitern fertig wurde, wußte er. Was er mit diesem Mädchen anfangen sollte, war ihm ein Rätsel. Daß es eine so völlige Verkennung jeder Geldangelegenheit überhaupt gab, war kaum zu glauben. Diese Beigabe zu der Fabrik Franz Scholz' versprach alles andere, als bequem zu werden. Er hatte dem Sterbenden versprochen, die Tochter vor Not zu schützen. Wo aber fing Not an? Vielleicht nannte es dieses Mädchen schon Not, wenn es nicht mehr in der schönen Villa mit drei ober vier Bedienten wohnen konnte, wenn es mit weniger Taschengeld aus» kommen mußte.
Er stand auf. „Sie werden sich in jeder Beziehung einschränken müssen", sagte er nachdrücklich. „Ich werde Ihnen in den nächsten Tagen mitteilen, wieviel der Haushalt kosten darf."
Mit diesen Worten ging er, ohne zu wissen, in welcher Verfassung er Liane zurückließ. Sie schluchzte, meinte, warf, sich aufs Bett, biß in die Kissen. Plötzlich sprang sie auf, riß ihren Mantel vom Haken, stülpte die Mütze über den Kopf und verließ fluchtartig das Haus.
Frau Wioemann wollte gerade ausgehen, als sie so daherkam. I
Keller, die leider oft nur für harmlose Schimmelpilze gehalten werden. Falls der Hausschwamm
B. in Steingewölbekellern nicht bereits auf andere Räumlichkeiten übergegriffen hat, genügt es, wenn die pilzbefallenen Holzteile verbrannt, die überwachsenen Mauerteile ausgekratzt, ausgebrannt und mit einem guten chemischen Schutzmittel behandelt werden. Das Herausbrechen schwammbefallener, aber baulich guter Mauerteile ist unnötig, unwirtschaftlich und zudem gefährlich.
Aufstiegsmöglichkeit durch Stellungswechsel!
Vom Amt für Berufserziehung der Deutschen Arbeitsfront wird uns geschrieben:
Jedem Arbeitsmenschen seinen Arbeitsplatz zu geben, ist eine der größten Aufgaben der Deutschen Arbeitsfront. In der hinter uns liegenden Zeit war ein gesunder Stellungswechsel unmöglich. Jeder war froh, einen Arbeitsplatz zu besitzen, ganz gleich, ob die Arbeit feinen Fähigkeiten und feinem Können entsprach, denn Millionen mußten auf einen Arbeitsplatz verzichten. Diese Entwicklung war besonders für die Kreise der jungen Angestellten verheerend. Der Angestellte muß, um sich Lebens- und Berufserfahrung anzueignen, in jungen Jahren feine Stellung wechseln. Ein solcher Stellungswechsel bedeutet nicht nur ein Hinzulernen, vielfach auch ein Umlernen. Stellungswechsel fördert vor allem die Kunst, sich in neue Verhältnisse einzufühlen, andere Menschen mit anderen Gewohnheiten und Eigenschaften kennen und verstehen zu lernen. Dadurch weitet sich der Gesichtskreis und mehren sich die Erfahrungen.
Durch die fortschreitenden Erfolge der Arbeitsschlacht beginnt, wie die Berichte aus allen Teilen des Reiches melden, die Nachfrage nach guten Fachkräften immer dringender zu werden. Jetzt ist es wieder möglich, auf Grund besonderer Leistungen und Fähigkeiten den Arbeitsplatz zu wechseln, um aufzurücken, um den Platz einzunehmen, der den Fähigkeiten und Anlagen des einzelnen entspricht.
Die Stellenvermittlung der Deutschen Arbeitsfront, Amt für Berufserziehung, bietet zu einem solchen Stellungswechsel ihre Dienste an. Techniker, Werkmeister, Kaufmannsgehilfen, weibliche Angestellte, die ihren Arbeitsplatz wechseln wollen, reichen
„Tante..." Sie stürzte auf die ältere Frau zu und umarmte sie mit solcher Leidenschaft, daß Frau Widemann fast ins Wanken kam.
„Was ist denn, Liane? Komm mit ins Zimmer — erzähle!"
Im Wohnzimmer berichtete Liane sich überstürzend von dem Besuch Freds, von feinen Worten, feinen Ausführungen. Sie erging sich in Anklagen, zitterte am ganzen Körper, begann immer wieder erklärend von neuem.
Langsam verstand Frau Widemann, suchte zu beruhigen, tröstete.
„Kind, ick weiß wirklich nicht, warum du dick so aufreqft", sagte sie. „Warte dach erst ab! Herr Morland hat doch nichts über den Betraa den er dir monatlich zuaestehen wird, verlauten lassen. Vielleicht ist er höher als du denkst. Jedenfalls wird er ausreichend fein. In der Industrie gab es immer schlechte Zeiten. Auch dein Vater klagte schon lange, wahrscheinlich hätte er auch sparen müssen."
„Ich lasse mich nicht auf Geschenke ein — ich werde arbeiten."
Nun mußte die Tante lachen. „Geschenke? Wer spricht davon? Und arbeiten willst du? Wo denn? Was denn? Wo du nach jeder Aufregung auf der Nase liegst, wo du doch schon alles mögliche angefangen und wieder aufgegeben hast."
„Das muß anders werden. Ich werde mich im Geschäft schon einarbeiten, werde mich gegen diesen Herrn Morland schon durchsetzen."
„Kind, begehe keine Torheiten! Herr Morland ist wirklich zu trauen, Onkel hat schon des öfteren mit ihm zu tun gehabt. Ich finde sein Doraehen auch durchaus korrekt. Er hat dir jeden Monat einen Bericht zugesichert; was willst du denn mehr? Kommst du mit dem Geld wirklich nicht aus, „ann hast du immer noch uns, an die du dich halten kannst."
Aber Liane sprang auf und stieß heftig hervor: „Ich will keine Almosen, ich will nur mein Recht. Ich will arbeiten."
Liane lief durch die Straßen. Sie merkte nicht, daß man ihr nachsah. Aber sie fühlte sich am Rande ihrer Kräfte, als sie am Hauptbahnhof ein Auto nahm und erschöpft auf die Polster sank.
„Offenbach!" stieß sie hervor; schon aber kamen ihr Bedenken. Vielleicht war Fred Morland in seinem Frankfurter Geschäftshaus zu finden, man konnte es jedenfalls erst versuchen.
Da sie nur den Namen der Straße kannte, ließ sie die ganze Straße langsam abfahren, entdeckte sein Schild, verließ den Wagen, vergaß in der Eile zu bezahlen und mußte einen Wortschwall über sich ergehen lassen, dessen Sinn sie in ihrem aufgeregten Zustand zum Glück nicht erfaßte.
Oben in dem Empfangsraum vor dem schlichten, aber sehr ruhigen Mädchen, bas nach ihrem Begehr fragte, verwandelte sich ihre Aufregung augenblicklich in Beschämung, ja, ein unbestimmtes
ihre Bewerbungspapiere der Stellenvermittlung der Deutschen Arbeitsfront ein. Zur kostenlosen Beratung und Vermittlung steht die Bezirksstellenvermittlung Westdeutschland, Essen, Kapuzinergasse 8, allen Betriebsführern und Mitgliedern der Deutschen Arbeitsfront zur Verfügung.
Daten für den 26. April.
1528: der Maler und Kupferstecher Albrecht Dürer in Nürnberg gestorben (geboren 1471); — 1786: der Dichter Ludwig Uhland in Tübingen geboren (gestorben 1862); — 1812: der Industrielle Alfred Krupp in Esten geboren (gestorben 1887); — 1863: der Dichter Arno Holz in Rastenburg geboren (gestorben 1929); — 1896: Rudolf Heß, Stellvertreter des Führers, in Alexandrien in Aegypten geboren; — 1925: Erste Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten.
Vornotizen.
— Tageskalender für Freitag: 20 Uhr, Liebigshähe: Oeffentlicke Kundgebung des Handwerks aus dem Kreise Gießen; es spricht Pg. Renz (Berlin) über „Handwerk im dritten Jahre des Wiederaufbaues!" —Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Der Graf von Luxemburg". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ihr größter Erfolg". — Astoria- Lichtfpiele, Seltersweg: „Die Schlacht am blauen Berge". — Stadt-Cafä Gießen: 16 und 20.30 Uhr Modenschau. — VHC.: Monatsversammlung.
— Stadttheater Gießen. Heute, 20 Uhr, erste Wiederholung der Operette „Der Graf von Luxemburg" von Franz Lehär. Leitung haben Wrede, Cuje, von Rabenau; Besetzung wie in der Erstaufführung.
*
** D i e Erhebung der Bürger st euer. Die Bürgermeisterei Gießen macht in einer Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil darauf aufmerksam, daß der Arbeitgeber für die Einbehaltung und Abführung der Bürgersteuer für feine Arbeitnehmer haftet. Auf die Bekanntmachung sei besonders aufmerksam gemacht.
** Zur Richtigstellung. Zu dem am vorigen Samstag veröffentlichten Bericht über das Dozentenjubiläum des Universitätsprofessors Dr. Eger wird uns berichtigend mitgeteilt, daß Professor Dr. Eger die Aufstellung der Studentenkompanie im Jahre 1 9 2 0 leitete, nicht aber, wie irrtümlich mitgeteilt, im Jahre 1923.
** Freisprechungsfeier der Kaufmannslehrlinge. Am nächsten Sonntag, 28. April, 16 Uhr, findet im Caf6 Leib zu Gießen die Freisprechungsfeier derjenigen kaufmännischen Lehrlinge statt, die die kaufmännische Gehilfenprüfung bestanden haben. Die Feier wird von Musikvorträgen umrahmt. Die Industrie- und Handelskammer Gießen labt hierzu alle Lehrlinge und An- aehörigen der Prüflinge, sowie deren Freunde und Lehrherren herzlich ein.
** E i n seltener G a st. Dieser Tage wurden die Bewohner des Hauses An der Margareten- Hütte 6 durch das anhaltende Bellen eines Schäferhundes auf einen seltenen Besuch aufmerksam gemacht. Beim Absuchen des Kellers entdeckte man unter der Kellertreppe einen großen, ausgewachsenen Fuchs. Meister Reinecke, der sich anscheinend in der Hausnummer geirrt hatte, mußte es sich gefallen lassen, von zwei beherzten Männern gefangen zu werden. Dieses Unternehmen war allerdings nicht ganz einfach, es gelang aber. Das Tier wurde bald nach seiner Gefangennahme erschossen.
** Pilz- und Hausschwamm-Aufklä- r u n g. Auskunft und Belehrung in Pilz- und Hausschwamm-Angelegenheiten erteilt jederzeit die Landesstelle für Pilz- und Hausschwamm-Beratung (Mykologisches Institut der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde) in ihren Dienststunden im früheren Gewerbemuseum zu Darmstadt, Neckarstraße 3. Besprechungen mit auswärtigen Ratsuchenden werden vorher am besten schriftlich ober durch Fernruf 4755 vereinbart. In dringlichen Fällen ist zu jeder Zeit durch den genannten Fernruf Auskunft und Hilfe möglich.
Gefühl der Angst machte ihre Stimme völlig unsicher.
„Ich glaube, Herr Morland wird noch erwartet. Ich werde nachfragen."
Ernst Schröder nahm Liane in dem Privatbüro in Empfang. Sie erinnerte sich dunkel, daß sie dieses magere, eingefallene Gesicht schon gesehen hatte. Richtig, das war ja der häßliche Mensch von damals!
„Herr Morland muß jeden Augenblick kommen", sagte Ernst, und seine angenehme, warme und ruhige Stimme stand in merkwürdigem Gegensatz zu feiner fast zwerghaften Erscheinung. „Nehmen Sie, bitte, einstweilen Platz!"
„Danke!" sagte Liane gepreßt. Mit schleppenden Schritten ging sie zum nächsten Sessel und setzte sich.
Je länger sie warten mußte, desto mehr sank ihre Gestalt zusammen. Ernst saß an seinem Schreibtisch und schien sich in seine Schreibereien zu vertiefen, in Wirklichkeit aber kehrte fein Blick immer wieder zu Liane zurück. Sie sah erbärmlich aus, auch Tränenspuren waren deutlich sichtbar. Armes Mädchen! Sie hatte nie Mutterliebe gekannt, darum war ihr wohl der Vater alles gewesen.
„Um was handelt es sich denn, Fräulein Scholz? Vielleicht kann ich etwas ausrichten", sagte er, bemüht, ihr die Wartezeit abzukürzen. „Herr Morland scheint doch länger auszubleiben."
„Ich warte — ich muß ihn selbst sprechen."
„Wie Sie wünschen! Ich dachte nur. Sie würden gern nach Hause gehen."
Sie schüttelte stumm den Kopf. Am liebsten märe sie freilich aufgestanden und gegangen. Kopfschmerzen plagten sie, bleierne Müdigkeit legte sich ihr auf alle Glieder.
„Sie sollten nach Hause fahren", hörte sie die warme, mitfühlende Stimme sagen. „Sie sehen schlecht aus, vielleicht kann ich doch den Vermittler spielen. Mein Freund ist so stark beschäftigt, auf ihm ruht in letzter Zeit zu viel. Wenn es irgend geht, sprechen Sie zu mir; ich werde ihm gern Ihre Wünsche unterbreiten."
Liane fühlte sich merkwürdig beruhigt, das häßliche Gesicht des andern kam ihr nicht mehr abschreckend vor. Doch bevor sie noch sprechen konnte, wurde die Tür hastig geöffnet, und Fred Morland trat ein.
Er blieb bei ihrem Anblick überrascht stehen. „Fräulein Scholz — Sie?" Er runzelte leicht die Stirn, unverhohlener Spott lag auf seinem Gesicht. „Was wünschen Sie denn? Haben Sie endlich den Ausgang aus Ihrem Zimmer gefunden?"
Sie stand auf, rote Flecke brannten auf ihren Wangen. Sie fühlte ihr Herz in rasendem Tempo klopfen, während sie ohne Ueberlegung hervorstieß: „Ich bin hergekommen, um Ihnen mitzuteilen, daß ich von morgen an in dem Geschäft meines Vaters arbeiten werde. (Fortsetzung folgt!)


