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0,92 62,09 80.88 34,03 10,395

Hr.97 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Zreitag, 26. April 1935

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Wohinaus steuert England?

Ein zwiespältiger Zeitungsaufsatz des britischen Premierministers.

Friede,Deutschland und Stresa"

Was will Macdonald?

London, 25. April. (DRV.) Ministerpräsident Ramsay Macdonald veröffentlicht in seiner Eigenschaft als Parlamentsmitglied imNews Letter", dem Wochenblatt der Nationalen Ar­beiterpartei, einen Artikel, der die Ueberschrift trägt Friede, Deutschland und Stresa". In dem Artikel heißt es u. a.: Heute ist das Los des Friedensstifters hart. Er sieht sich plötzlich einer schnellen Bewegung Deutschlands ge­genüber, die neue Befürchtungen in den Gemütern der europäischen Nationen erregt Herr Hitlers Ankündigung war begleitet von der üb­lichen Erklärung friedfertiger Absichten, und wäh­lend seiner Besprechungen mit Sir John Simon -und Eden hat er sich auf gewisse Vorschläge für Friedensgarantien festgelegt, von denen, obwohl sie, gemessen an den gegenwärtigen Erfordernissen, sehr wenig Bedeutung haben, zwei­fellos einiger Gebrauch gemacht werden kann, Iavenn Europa in der Gemütsverfassung ist, zu einer ruhigeren Prüfung der Sicherheitsprobleme zurückzukehren. Ich kann nicht beschuldigt werden, nid) Deutschland jemals in derVersailler Geistes­verfassung" oder der Geistesverfassung eines Man­nes genähert zu haben, der von der Voraussetzung nusging, daß ein mächtiges und stolzes Volk durch Macht in Unterwürfigkeit gehalten werden konnte. Ich war immer überzeugt, daß es für den Völkerbund katastrophal sein würde, wenn er von Siegern zur Verewigung einer Macht st ellung und einer Geistesver­fassung benutzt werden würde, in der sie sich am Tage ihres Sieges befanden. Als ich das letzte­mal in Genf sprach, sagte ich, daß Sieger und Be­siegte besondere Friedensbemühungen zu unter­nehmen hätten. Die bewaffneten Mächte müßten einem niedrigeren R ü st u n,g s st a n d z u - Kimmen und die anderen einen Beitrag leisten, t»er die Ruhe und vertrauensvolle Stimmung in Europa erhöhen würde.

Wie ich soeben dargelegt habe, haben die Berliner Besprechungen einige Punkte aufgezeigt, die w e i - i e r untersucht werden sollten, um sestzustellen, 1 ob sie irgendwie zur kollektiven Sicherheit beitragen, aber welches auch das Ergebnis sein mag, Deutsch­land hat in einer Weise gehandelt, die das gegen- ieitige Vertrauen in Europa zer­stört e. Es beansprucht ein Maß bewaffneter Macht, das die meisten Nationen Europas seiner Gnade preisgibt. Berlin behauptet, daß Deutschland miste, um seine Ehre und Selbstachtung zu befrie- liigen, und es behauptet ferner, daß der Umfang feiner Rüstungen nur zu seiner eigenen Sicherung c usreicht. Aber wie kann Berlin blind sein gegen- iber der Wirkung, die seine kolossale Rüstung ruf das Gefühl der Sicherheit anderer Nationen leben muß?Ihr müßt mir vertrauen" lautet die I Antwort. ,Zch versichere euch, daß ich keine feind- j'lige Absicht gegen euch habe." Es fordert seine ladjbarn auf, eine mündliche Versicherung fried­fertiger Absichten anzunehmen, die es selbst nicht um feinen Nachbarn annehmen würde. Die Natio- nen, die in ihren Beiträgen zur Abrüstung im Rückstand geblieben sind, beglückwünschen sich jetzt silbst, daß sie darauf gewartet haben, daß Deutsch­lind zuerst seinen Beitrag leiste.

Das deutsche Volk verlangt viel zu viel von denen, iäe es am besten verstehen und das größte Mit- ;°fühl mit ihm haben, wenn es fordert, daß sein -iel ebenso wie seine Methoden ohne Furcht und chne Verdacht hingenommen werden sollten. Kein europäisches Volk, nicht einmal ein Volk, das das orößte Vertrauen genießt, kann es sich leisten, sich s-Sbst von dem Friedenssystem Europas zu isolieren. An Land, das erklärt:Hier sind meine Entschei­dungen und ich werde sie mit niemandem erörtern", verlangt zu viel von seinen Nachbarn, wenn es hvfft, als Friedenshelfer angesehen zu werden.

Meine ersten ernsten Zweifel an der deutschen Diplomatie entstanden, als Deuts chlandd en 2 ölkerbund verließ aus Gründen, die ich nemals als gewichtig einschätzen konnte, außer, ich avllte annehmen, daß der deutschen Regierung die iefriebung Europas gleichgültig sei. Zwei Wege stunden ihr offen, der eine war, ihre Forderungen dd r einer Konferenz in Genf vorzu- bringen. Hierauf erwiderte sie: Ich würde nicht fair behandelt werden. Aber kein Lund hat das Recht, es abzulehnen, mit anderen ; sammenzukommen auf Grund einer bloßen Mut- irußung. Deutschland hat sich nicht das Ansehen Md die Anteilnahme erworben, die es suchte; es 'M das Mißtrauen so gut wie jeder Nation in Europa erregt. Die britische Regierung glaubt, daß bi e Hilfe Deutschlands bei allen Frie° b?ns - und Abrüstungsverhandlungen Die f e n Hi d) ist. Wenn es diese Hilfe nicht leistet, so macht Deutschland sich selbst zu dem Problem bis Friedens, anstatt sich mit uns zu vereinigen in iur Voraussetzung, daß der Friede auch für Deutsch­land so wie für Großbritannien und alle anderen B-nfer Nationen das Problem ist.

Ich weiß, daß, wenn die unruhige Geschichte die­le- Zeiten in kaltem und gerechtem Licht der Wahr- w.t studiert und ausgezeichnet werden wird, nicht de ganze Schuld vor Deutschlands I! Eli re abgelaöen werden wird. Dies wird aber ) utschland von dem Tadel nicht befreien, die Aus­

sichten auf Erfolg der Friedensbemühung zerstört zu haben, auch nicht von dem Tadel, Europa plötz­lich besorgt gemacht und sich wieder den verhäng­nisvollen Weg des Militarismus zugekehrt und so­mit die Nationen Europas gezwungen zu haben, sich wieder mit erhöhter militärischer Rüstung zu versehen. Dies habe ich mit Bedauern und nicht nur in selbstgerechter Verurteilung geschrieben. Die Tür für eine ehrenvolle Vereinba­rung, die Deutschland nicht nur sicher machen, son­

dern ihm auch das Vertrauen seiner Nachbarn geben und es zu einem geschätzten Gefährten beim Friedenswerk, anstatt zu einem ungewissen und verdächtigen Beobachter machen wird, ist nach wie vor offen und niemand anders als Deutsch­land wird sie schließen. Stresa hat dies klargemacht. Wird die deutsche Regierung ihre friedfertigen Ab­sichten beweisen durch die sofortige Erklärung, daß sie bereit ist, ihre Rolle bei der praktischen Durch­führung der Entschließungen von Stresa zu spielen?

3fl das die englische Meinung?

Oie presse überrascht und beunruhigt.

London, 26. April. (DNB. Funkspruch.) Der Aufsatz Macdonalds findet erst in wenigen Blät­tern eine Würdigung. Die Organe der Liberalen und der Arbeiterpartei drücken Ueberraschung und Unruhe aus.News Chronicle" erklärt sich außerstande, den eigentlichen Sinn des Aufsatzes zu entdecken. Wir alle wissen bereits, so schreibt das Blatt, daß unser jetziger Premier­minister unklar und unberechenbar ist. Aber sogar er hat uns mit seinem erstaunlichen Aufsatz über Deutschland überrascht. Das eng­lische Volk hat ein Recht darauf zu wissen, w o - rauf sein Premiermini st er eigentlich hinaus will. Wenn die Erklärung in dem Sinne gemeint ist, das sie das volle Gewicht einer Erklärung der Regierungspolitik besitzt, dann ist ein verworrener Artikel in einem Parteiorgan nicht die geeignete Form. Auf jeden Fall ist es außerordentlich unangebracht, einen so kriti­schen Gesichtspunkt in einem kritischen und mög­licherweise entscheidenden Augenblick von Verhand­lungen, die für die Sache des Friedens von höchster Wichtigkeit sind, amtlich Ausdruck zu geben.

DerDaily Herald" führt u. a. aus, man­ches spreche dafür, daß Deutschland sich die Frage dernoch immer offenen Tür" überleg:. Unter solchen Umständen wäre es ein Gebot der Klugheit gewesen, vorläufig Stillschwei- g e n zu bewahren. Abgesehen hiervon müsse man entschieden gegen den Satz Einspruch erheben, daß Deutschlands militärische Rüstungen unvermeid­licherweise den gesunden friedfertigen Gedanken allgemeiner Sicherheit in die gefährliche Form militärischer Bündnisse bringen müsse. Dies sei eine sonderbare und g e - sährliche Lehre. Sie bedeute, falls sie über­haupt irgend etwas bedeute, daß ein System kol­lektiver Sicherheit in bester Ordnung sei, solange es keine Bedrohung des Friedens geben, daß aber in dem Augenblick, wo eine Gefahr drohe, dieses Systemunvermeidlicherweise" zugunsten

eines Systems von Bündnissen aufge- g e b en werden müsse. Man habe das Recht zu fragen, ob dies wirklich die wohlerwogene Ansicht des Premierministers und des britischen Kabinetts sei, mit anderen Worten, ob nach Macdonald und seiner Kollegen Ansicht Großbritannienunver­meidlicherweise" in ein Sy st em militäri­scher Bündnisse hineingezwungen werde. Wenn dies der Fall sei, so sollte dem Lande offen und deutlich erklärt werden, was die neue Politik bedeute und wohin sie führe. Wenn dies nicht die Meinung sei und es sich nur um einen Fall rhetorischer Nachlässigkeit handele, dann müsse die Angelegenheit auch sofort aufgeklärt werden. Inzwischen würden die Worte des Pre­mierministers unbedingtFurcht und Unruhe" er­regen.

Im Gegensatz zu diesen Aeußerungen schreibt der rechtskonservativeDaily Telegraph", der Sache des Friedens werde zuweilen am besten durch größte Offenheit gedient. In diesem Sinne habe der Premierminister seine Gedanken nach Abschluß der Stresa-Konferenz zu Papier ge­bracht. Worte wie die von den Folgen der deutschen Handlungsweise seien bemerkenswert, da sie von einem Manne kämen, der immer der Sache des Friedens leidenschaftlich ergeben gewesen fei. Sie entsprächen aber auch der wahren Stimmung nicht nur der britischen, sondern auch jeder anderen Re­gierung in Europa. Der eindrucksvolle Satz, daß die neueste deutsche Politik militärischer Aufrüstung un­vermeidlich den Gedanken kollektiver Sicherheit in die gefährliche Form militärischer Bündnisse verwandele, wirkt hier sich natürlich nur auf den Fall aus, daß Deutschland nicht begreife, wie wirklich die all­gemeine Furcht fei, die es hervorgerufen habe, und daß es nicht feiner feldftgewählten Isolierung durch Rückkehr zum Völkerbund und Zusammen­arbeit mit anderen Nationen ein Ende mache.

Das berliner Echo.

Berlin, 26. April (DNB.) Zu den Ausführun­gen des britischen Ministerpräsidenten Mac­donald schreibt der V ö l k i s ch e Beobach­ter": Es wird niemand in Deutschland geben, der nicht die immer wiederholten Bemühungen Mac­donalds für die Sicherung des Friedens in Europa anerkennen wird. Um so mehr wird die Hal­tung, die aus dem Artikel inNews Letter" her­vorgeht, bedauert werden müssen. Sie zeigt klar, daß Macdonald anscheinend niemals die politische Lage in Europa in den 16 Jahren seit Versailles in ihrer Wirklichkeit erkannt hat. Von der Tatsache, daß die anderen Unter­zeichnermächte des Versailler Diktates bis heute nicht daran gedacht haben, ihren Verpflich­tungen aus dem bekannten Teil V nachzukommen, und daß Frankreich sie heute sogar feier­lich be st reitet, weiß Macdonald nichts au be­richten. Dafür aber macht er Deutschland den Vorwurf, wieder denWeg des Milita­rismus" beschritten und das gegenseitige Vertrauen in Europa zerstört zu haben. Auch diese Vorwürfe von englischer Seite, die leider ebensogut aus einer französischen Redaktion stammen könnten, machen Deutschland nicht in seiner Über­zeugung irre, das moralische Recht auf seiner Seite gehabt zu haben, als es den Schritt vom 16. März tat.

In derDeutschen Allgemeinen Zei­tung" wird die Begründung Macdonals, der deut­schen Regierung sei die Befriedung Europas gleich­gültig, als reichlich oberflächlich bezeichnet. Wie denke er sich das weitere Verhalten Deutschlands, wenn er der Ansicht sei, Deutschland hätte feine For­derungen in Genf vorbringen sollen, gewisser­maßen, als ob in der Zwischenzeit nichts geschehen wäre? Wieso Mißtrauen gegenüber Deutschland Platz greifen konnte, fei ebenfalls unerfindlich. Es habe wohl keine Regierung bisher so mit offe­nem Visier gekämpft wie Deutschland, als es feinen Entschluß vom 16. März in aller Offenheit der Welt unterbreitete.

DasBerliner Tageblatt" spricht von einemfalschen W e g" und meint, wir gehen in diesem Augenblick besser nicht daraus ein, daß uns die berühmte offene Tür vorgestellt wird in der Form unseres Beitritts zu den Stresa-Befchlüsfen, die in unserer Abwesenheit gefaßt worden sind. Sie sind durchweg, und dies bekräftigt eben der Artikel, geschmiedet mit (Spifoe gegen uns, in glühendem Mißtrauen, in Furcht. Ob sie sich

umschmieden lassen, das hängt nicht ab von unserem guten Willen, der immer da ist, wo er immer da war. Es hängt davon ab, daß bie Angstpsy - chose a u f der anderen Seite verschwin­det, der verhängnisvolle psychologische Irrtum über Deutschlands innere Haltung, der dort ob­waltet. Der Frieden will eine friedliche Luft um sich, um zu gedeihen. Er erträgt nicht Erregung und aus Angstpsychose geborene Unterstellungen, gegen die kein Kraut bisher gewachsen ist, weil sie nur aus dem Affekt sich herleiten und alle Grund­lagen verständiger und würdiger Aussprache zer­stören.

Die Darifer presse mit Macdonald zufrieden.

Paris, 26. April. (DNB. Funkspruch.) Die Presse macht viel Aufhebens von dem Artikel des Ministerpräsidenten Macdonald. Seine Ausführun­gen werden als Beweis für den Umschwung angesehen, der sich in der englischen Oeffentlichkeit anbahne. Man fragt, ob nun die englische Regie­rung auch die notwendigen Schlußfolgerun­gen aus den Erklärungen Macdonalds ziehen werde.Logischerweise müßte", so meint L'Ordre, das englische Kabinett bereits jetzt Englands Be­reitschaft erklären, an die Seite Frank- reichs, Italiens und aller anderen Nationen zu treten. Aber ist das englische Volk in feiner Gesamtheit zu einer derartigen Handlung bereit? Vielleicht noch nicht g a n z."Le Jour" schreibt, Macdonald erweise dem Frieden einen neuen Dienst. Trotz aller Kri­tik halte er an feiner und an der Politik von Stresa fest. Am Vorabend der Donau-Konferenz rufe er Deutschland warnend zu, daß die Be­schlüsse von Stresa mit oder ohne Deutsch­land' verwirklicht werden würden. Diese Festig­keit komme sehr gelegen. Heros meint u. a., ganz Europa habe den Eindruck, daß das neue Deutsch­landbie Stiefel bes alten Deutfchlanb anziehen wolle", daß es wieder anfange, feine Nachbarn zu bedrohen. Sicherlich aber wolle Hitler das nicht. Der außenpolitische Anfang Hitlers fei gut gewesen. Seine Friedenserklärungen an Frank­reich hätten einen ausgezeichneten Eindruck ge­macht. Die Atmosphäre gegenüber Deutschland be­gann sich zu ändern. Aus diesen Weg müsse Deutschland zurück.

Segen der Arbeit.

Deutschland rüstet zum 1. Ma i. Als im Vor­jahre der Führer die Arbeitsschlacht eröffnete, waren bie Schäden eines liberaliftisch-marxistischen Systems noch deutlich, die Zerrissenheit, die jahrzehntelange Vergeudung aller materiellen und geistigen Kräfte in sinnlosem Kampf gegeneinander, und damit war auch verbunden die gewaltige Arbeitslosigkeit und die Hoffnungslosigkeit der Massen. Wir sind im ver­gangenen Jahre weiter gekommen, bie Arbeits­schlacht hat ihre volle Wirkung erzielt, bie Arbeits­lust ist neu geweckt worben unb ein schaffen­des Volk feiert in diesem Jahre den Tag des 1. Mai als Symbol unb Inbegriff feines Wesens.

Das Wesen aber ber beutschen Nation ist Ar­beit. Der Deutsche ist von jeher gewöhnt, wie Richarb Wagner es ausbrückte, ein Ding um sei­ner felbft willen zu tun. Er schafft also nicht allein nach bem Lohn, nach bem Ertrag ber Arbeit, sondern aus Lust an seinem Können, unb das pielleicht war gerade das Niederziehende, baß viele, viele Hänbe unter bem alten System unfrei­willig feiern mußten unb ber Staat ihnen keine Möglichkeit gab, bie erlernte Geschicklichkeit zu beweisen. Wir machen bafür mit Fug unb Recht das alte System verantwortlich. Es beruhte auf dem Eigennutz, es ging rücksichtslos über die gemein­samen Interessen hinweg, zerstampfte sie, um eini­gen Wenigen auf Kosten der Gesamtheit zu einem Reichtum zu verhelfen, der, wie die Inflation und die nachfolgenden Jahre bemiefen, doch schnell da­hinschwand. Wir waren unter diesem System wirt­schaftlich abgemagert bis auf bie Knochen, wir tru­gen in uns bie Brustseuche, unb alle Flickmittel hal­sen nur zur Beschleunigung bes Verfalls.

Dazu kam bie ungezügelte Probuktions- und Preispolitik. Es ist ein Naturgesetz, daß bei einer solchen Wirtschaftspolitik nach und nach das Elend alle schaffenden Kreise erfaßt. Die landwirt­schaftliche Produktion wurde stoßweise und zu verschiedenen Preisen abgesetzt, wobei der Bauer unter dem Zwang ber Verhältnisse seine Ware verschleubern mußte. Die Jnbustriear- b e i t e r s ch a s t unterftanb bem Gesetz, wonach bas Angebot von Arbeitslosen größer war als die Nach­frage. Die Gewerkschaften schauten ausschließlich auf ihre Kreise unb vermochten nicht, ben Zustrom von Arbeitskräften in bie Stäbte abzubämmen. Und schließlich herrschte wie in Gewerkschaftskreisen ber Gewerkschaftssekretär, so in ben Unternehmerver- bänben ber Syndikus, beide als schroffe Vertreter einer Jntereffenpolitik, die im zerreibenden Kampf bie Kräfte weiter teilte unb in Feindschaft fetzte.

Es ist ber Fluch biefer Wirtschaftspolitik ge­wesen, baß sie rücksichtslos gegen bie Inter­essen ber Gesamtheit sich verging. Aber im Grunbe war bas aus einer rein materialistischen Einstellung heraus erklärlich. Der Marxismus war bie letzte Frucht eines Liberalismus, ber zwar eine Rolle von weltgeschichtlicher Bebeu- tung im Kamps gegen ben alten Privilegienstaat geführt hatte, ihn zertrümmerte unb burchaus mit Recht bie freie Entfaltung ber Wirtschaftspersön- lichkeit unb bamit auch bie Kulturtaten ber vergan­genen Jahrzehnte hervorrief. Aber als herrschen- bes Prinzip würbe ber Liberalismus als Jbee Dem Kapitalismus in feiner roiberroärtigften Form bienftbar. Wenn in ben Vereinigten Staa­ten von Norbamerika z. B. einige Wenige ein Riefenvermögen errafften, babei nicht immer die saubersten Mittel anroanbten unb unzählige Exi­stenzen vernichteten, so haben wir hier bie Ver­zerrung einer Jbee auf Kosten ber Allge­meinheit. Der Marxismus schließlich be­kämpfte angeblich ben Kapitalismus, aber in Wirk­lichkeit war er beffen Ergänzung unb ist schlechthin nicht benkbar ohne bas kapitalistische Zeitalter. Abgesehen von seiner internationalen Phraseologie brückte er bie Massen in bas Prole­tariat hinab, er mußte als politische Macht bie Verelenbung ber Massen als Vorbebingung eines gesellschaftlichen Umsturzes bezwecken unb prebigte ben Arbeitern, baß ihre Arbeit schließlich nur nach bem Ertrage zu werten sei. Damit mürbe bie Freube an ber Arbeit unb am Ardeitsprobukt syste­matisch abgetötet, bie rein materialistische Auf­fassung fraß sictz immer tiefer ein unb führte zum wirtschgftlichen Kampf aller gegen alle.

Demgegenüber hat ber Nationalsozialis­mus ber Arbeit einen neuen Wert unb I n - halt gegeben. Er hat im Laufe bes letzten Jahres zielbewußt bieVerbunbenheit allerSchaf- f e n b e n geförbert unb bie Schöben ber alten Wirtschaft beseitigt. Der schaffenbe beutsche Mensch ist heute befreit von ben Schlingen, bie Marxis­mus unb Kapitalismus ihm anlegten, unb bamit hat sich eine qrunblegenbe Aenberung nicht nur ber wirtschaftlichen, fonbern auch ber geistigen Hal­tung bes beutschen Arbeiters angebahnt. Zunächst wirb im nationalsozialistischen Staat jebe Art Ar­beit a 15 Dien ft an ber Gesamtheit ge­wertet unb berjenige, ber bie Arbeit verrichtet, er­wirkt bamit auch einen Anteil am Gesamt- arbeitsprobukt. Er ist nicht mehr ausge­schlossen von ben Gütern unb Schönheiten, bie bie Arbeit in ihrer Gesamtheit erzeugte. Der Arbeiter ist im neuen Deutschland, ganz gleich, welche Funk­tionen er erfüllt, ob Betriebssichrer ober Mann ber Vetriebsgefolgschast, teilhaftig bes gro­ßen Kultur st romes, ber eben burch bie Ar­beit erzeugt wirb. Er ist bamit nicht Objekt ber Wirtschaft geworden, wie er es bisher war, sondern bestimmt sie. Diese neue Wertung der Arbeit bat sich überraschend schnell Bahn gebrochen. Der Bauer, der Angestellte, der Arbeiter fühlen sich jetzt als gleichwertig eben aus der geistigen Erfassung ihrer Arbeit heraus. Und das ist ein Neues. Man arbeitet heute nicht nur, um das Leben zu fristen, sondern ist sich bewußt, Steine zu dem großen Bau der deutschen Volkswirtschaft und ber