Ausgabe 
25.6.1935
 
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nr.U5 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Dienstag, 25. Juni 1935

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Gießener Anzeiger

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Das Eis ist gebrochen.

Die Erklärungen, die der deutsche Derhandlungs- führer in London, Botschafter vonRibbentrop, an Havas und Reuter gegeben hat, unterscheiden sich nach Form und Inhalt von den üblichen diplomati­schen Mitteilungen, die sonst nach dem Abschluß eines zwischenstaatlichen Vertrages der Oeffentlich- keit gemacht werden. Hinter dem, was Ribbentrop sagte, spürt man den Geist des Führers, dem es zu verdanken ist, daß die zwischenstaatlichen Beziehun­gen Europas aus ihrer Stagnation erlöst und in neue hoffnungsvolle Bewegung gebracht worden find. Hier ist ein Ziel ausgezeichnet worden, das dem Kern der deutschen außenpolitischen Bemühungen entspricht: ein starkes Europa und ein starkes britisches Weltreich. In dieser Formulierung sind zwei weltpolitische Begriffe ne­beneinander gesetzt, deren Bereiche und deren Ten­denzen sich nicht überschneiden und die noch weni­ger gegeneinander gerichtet sein sollen, von deren vernünftigem und einmüigem Zusammenwir­ken wir uns vielmehr, was Erfüllung der Sehn­sucht eines verjüngten Europa, versprechen: Auf­erstehung des Abendlandes!

Gerade, wenn man sich ein ganz großes Ziel setzt, dann wird man sich auf dem Wege zu seiner Ver­wirklichung von methodischen Fehlern des Ueber- schwangs, der Ueberstürzung und der Verwirrung umso leichter fernhalten'können. Man trägt ja dann den inneren Kompaß immer in sich. Weil die Re­gierung des neuen Deutschland weiß, wie Dr. Goebbels auf der Westmarktagung treffend gesagt hat, daß sie kein Gastspiel absolvierte und weil wieder nach Dr. Goebbels Worten auf dem Hei­ligen Berg sie sich auf jenen blinden Glauben der Nation stützen kann, der Berge versetzt, braucht sie nicht den Versuch zu machen, alle Probleme gleichzeitig lösen zu wollen. Sie darf mit innerer Ruhe und Sicherheit eins nach dem andern anpacken. Das bedeutet durchaus nicht, daß Deutschland von dem Gedanken eines umfassen­deren Friedenssystems nichts wissen wolle. Zu einem solchen System hat sich Ribbentrop noch einmal ausdrücklich bekannt. Aber wir wollen über eine solche dauerhafte Grundlage für den europäischen Frieden nicht nur ewig reden und konferieren, wir wollen wirklich zu ihr hinqelangen. In Lon­don ist auch tatsächlich der Beweis dafür erbracht worden, daß der bisher beschrittene Weg falsch war. Darüber sind sich vielleicht manche internationale Kreise, die im Bereich des Rüstungskapitalismus zu suchen sind, schon immer klar gewesen. Deshalb haben sie es auch nicht zulassen wollen, daß sich die Diplomatie von diesen Wegen entfernte. Jetzt aber steht der Londoner Erfolg weithin sichtbar vor den Augen der Völker selbst. Darum ist die innere Zuversicht so stark begründet, der Ribben- trop Ausdruck gab, als er davon sprach, daß das Eis gebrochen sei und daß die Atmosphäre der Beruhigung ein Eckstein für die wirkliche Kon­solidierung Europas werden müsse.

Der englische Minister Eden ist nach einem vor­läufigen Abschluß seiner Pariser Aussprache mit Laval am Sonntag nach Rom weiter- Ö, um dann auf Grund der Ergebnisse seiner ndlungen mit Mussolini wieder nach Paris zurückzukehren, während unterdessen, am Mittwoch, der englische Kabinettsrat über gewisse von der französischen Regierung aufgeworfene Fragen seine Entscheidung fällt, so daß man wohl mit dem Ende der Woche auf eine völlige Klärung der etwas komplizierten diplomatischen Situation rechnen kann. Man erkennt aus diesem Jnein- andergreifen des Verhandlungsmechanismus, daß der Zweck der Reise des englischen Ministers ein viel umfangreicherer ist oder geworden ist, als man ursprünglich annahm. Als nach Veröffentlichung des deutsch-englischen Flottenabkommens . sich in Frankreich eine lebhafte Beunruhigung, ja Ver­ärgerung über das Vorgehen Englands zeigte, war es der verständliche Wunsch der englischen Re­gierung, die Gründe, die Tragweite und den po­litischen Zweck des Flottenabkommens von den Mißdeutungen, Entstellungen und Uebertreibungen zu reinigen, die der Pariser Presse, offenbar unter Duldung und Ermutigung durch die Regierung unterlaufen waren. Es hat sich jedoch in der Aussprache Edens mit Laval ergeben, daß die französische Diplomatie bemüht ist, die Kritik am Flottenabkommen positiv auszuwerten und. von England Zugeständnisse und Versicherungen zu er­halten, welche die künftige Zusammenarbeit der sogenannten Stresa machte, erneut bekräftigen sollen.

Man erinnert sich, daß auf jener Konferenz Frankreich, England und Italien sich über em Pro- gramm geeinigt haben, das alle zur Zeit 1chweb°n° den großen europäischen Frauen, also den oMro- päischen Sicherheitspakt, ein Abkommen der West- machte über die Luftwaffe, Verhandlungen über d,e Gestaltung des Donauraums auf der Grundlage der garantierten Unabhängigkeit Oesterreichs und end. sich die Frage der allgemeinen Rustungsbe chran- fungen zusammenfaßte; dieses Programm sollte als ein unteilbares Ganzes behandelt und zwar unter Zuziehung Deutschlands, aber doch mit deutlich sichtbarer gemeinsamer Front dieser Machte gegen Deutschland verwirklicht werden. In dieser Methode lag ein unerträglicher Druck, den man als eine diplomatische Koalition 9 e 9 e n Deutschland bezeichnen kann. In feiner großen Reichstagsrede hat der Führer und Reichskanzler dieses System durch die Erklärung abgeleynr, daß Deutschland sich an keiner Konferenz beteiligen werde, an deren Vorbereitung, an deren Programm und Zielsetzung es nicht von vornherein beteiligt ge­wesen ist. , ,

In den französischen Vorwürfen, die aus Anlaß des Flottenabkommens gegen England erhoben

Oer erste Schritt praktischer Friedenspolitik.

Ribbentrop über das Flottenabkommen:Auf dem besten Wege zu einer Zusammenarbeit zwischen England, Frankreich und Deutschland im Ginne einer Konsolidierung Europas."

London, 24. Juni. (DNB.) Botschafter von Ribbentrop gewährte am Sonntag den Ver­tretern von Reuter und Havas ein Interview. Bei dieser Gelegenheit macht er über das deutsch­englische Flottenabkommen folgende Ausführungen:

Ich freue mich, daß die Flottenverhandlungen zu einem guten Ende geführt werden konn­ten. Dieses englisch-deutsche Abkommen war nur möglich durch eine großzügige und oer- tändnisvolle Einstellung a u f beiden Seiten, d. h. durch die Haltung des deutschen Kanzlers und der britischen Regierung. Nach Jah­ren der schönen Reden, der ruhelosen Ministerreisen von einer Hauptstadt zur anderen, der Konferenzen, ist hier zum ersten Male auch wirklich etwas getan worden, nämlich: Der erste praktische Schritt zur Rüstungsbeschränkung.

Ist glaube, Europa hat in der Vergangenheit den Fehler gemacht, immer zu viel auf einmal anzusassen. Qui trop embrasse mal Streint, sagt der Franzose. Zwei Fehler vor allem: 1. Wollte man immer alles auf einmal in Ordnung bringen, tatt ein Problem nach dem anderen in Angriff zu whmen, und 2. hat man, was noch schlimmer, ver- ucht, alle Probleme aller Länder mit allen Mächten gleichzeitig an einem Tisch zu lösen. Das wird dann kollektives Friedens­ystem genannt. Ich glaube, man hat bisher das Pferd am Schwanz aufgezäumt.

Auch Deutschland wünscht ein Frie­de n s s y ft e m, das Freundschaften entspringt, die auf Tatsachen und nicht auf Theorien aufgebaut ind. So müßte die Grundlage jedes Völkerbundes ausfehen. Aber Deutschland ist davon überzeugt, daß man dahin nur Schritt für Schritt ge­langen kann, und glaubt, daß die vitalen Probleme Europas nur durch Friedens-Taten zu lösen find auch wenn zwei Völker zunächst allein handeln und nicht durch allgemeine Friedens-Gespräche, die Europa bislang nicht weitergebracht haben.

Ich glaube, dies Flottenabkommen ist der An­fang einer praktischen Friedenspoli- ti k. Es regelt ein für allemal die Flotten­frage, das vitalste Problem zwischen Deutsch­land und England. Eine Flottenrivalität wird für alle Zukunft ausgeschaltet. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man sich klar macht, was das für diese beiden großen Länder bedeutet.

Aber ich bin davon überzeugt, daß dies nur die eine Seite der Frage ist. Das andere Hauptergeb­nis dieser Flottenabmachung besteht darin, daß wir das Eis gebrochen haben, das die politische Situation Europas in Erstarrung hielt. Die Atmo­sphäre der Beruhigung, die jetzt logischer Weise nicht ausbleiben kann, wird sicherlich den Weg zur Lö­sung anderer Fragen ebnen, und so könnte dieses Abkommen sehr wohl ein Eckstein einer wirklichen Konsolidierung Europas werden.

Wir Deutsche glauben an die Mission, die Europa für die ganze zivilisierte Wett zu erfüllen hat, und ich würde nur zu glücklich fein wenn alle Lander Europas die außerordent­liche Bedeutung dieser Tatsache erkennen wür­den. Bor die Alternative gestellt zwischen k o n- solidierung der europäischen 5 f a a- t e n auf der einen Seite mit dem daraus fol­genden Wohlstand, der allein den Menschen­massen unseres Kontinents die Existenz sichern kann, und nur L h a o s auf der anderen Seite, sollte die Wahl nicht schwer fallen, und ich bin sicher, daß wir nunmehr einen Weg fin­

den werden. Ich glaube, in dem Ringen um die Erhaltung der Kultur müssen England, Frankreich und Deutschland und die anderen europäischen Länder zusammen st ehe n. Wir glauben an ein starkes Europa und an ein starkes britisches Weltreich. Da muß ich aber nun noch etwas bemerken: heute las ich in einer der Morgenzeitungen, daß Deutschland versuche, einen Keil zwischen Frank­reich und England zu treiben. Dazu kann ich nur sagen, daß uns in Deutschland völlig das Verständnis für solche seltsamen Unterstel­lungen fehlt, die ihren Ursprung nur in dem Geschwätz von Leuten haben können, die sich einfach von einer gewissen Borfriegsmen- talität nicht freimachen können. Ich meine wir sollten klug sein und unsere internen Zwi­

stigkeiten innerhalb der allen Welt vergessen. Wenn wir alle die Auferstehung des Abendlandes wünschen, wie der Reichs­kanzler Hitler in seiner Rede sagte, müssen wir lernen, weit voraus zu blicken und auch an diese Auferstehung glauben. Und nun möch­ten Sie noch wissen, wie ich mir die weitere Entwicklung der Dinge vorstelle. Da will ich Ihnen etwas Persönliches sagen: 3?an sagt, ich hätte es mir zur Lebensaufgabe gemacht, mitzuhelfen, daß eine enge Zusammen­arbeit zwischen England, Frank­reich und Deutschland zustandekommk, der sich die anderen europäischen Staaten gerne eingliedern könnten. Ich glaube, daß diese Leute Recht haben, und ich bin überzeugt, daß wir auf dem besten Wege hierzu sind!

Edens Vesprechungen in Rom.

Flottenpakt und Lustlocarno.

Oie abessinische Frage der schwierigste Teil der Mission Edens.

Landon, 25. Juni. (DNB. Funkspruch.) Wie die Morgenblätter aus Rom melden, galten die ge­strigen Besprechungen zwischen Musso­lini und Eden hauptsächlich dem deutsch- englischen Flottenabkommen und dem Plan eines we st europäischen Luftpaktes. Man erwartet, daß heute die abessinische Frage aufgeworfen werden wird, in der mehrere Berichterstatter den wichtigsten Punkt der Be­sprechungen von Rom erblicken.Daily Mail" läßt sich aus Rom melden, Italien sehe jetzt ein, daß eine vollständige politische Klarstellung zwischen ihm und Abessinien ohne Vermittlung von dritter Seite und besonders ohne Einmischung des Völker­bundes notwendig fei. Italien erkläre, daß der Zustand an der Grenze gegenüber den wilden Stämmen Abessiniens unmöglich geworden sei und daß im Interesse des Friedens unb. des italieni­schen Handels eine völlige Aenderung her­beigeführt werden müsse. Italien denke an ein Protektorat über alle Grenz st ämme. Dies würde die italienische Militärgrenze weit in das kühlere und fruchtbarere Hochland von Abes­sinien vorschieben. Es sei undenkbar, daß die italienischen Truppen heimgerufen würden, ohne daß die materielle Lage verbessert worden sei, und ohne daß Italien Zutritt zum abessinischen Hochland er­halten habe.

Großbritannien müsse trotz seiner Anhäng­lichkeit an die Völkerbundsideale begreifen, daß Italien in Abessinien zum Vorgehen gezwungen sei. Was Frankreich vor annähernd 30 Jahren in Marokko getan habe, wünsche Italien jetzt in Abessinien zu tun. Durch eine glänzende Regierung von annähernd 13 Jahren habe Mussolini den Beweis erbracht, welche Vor­teile seine Herrschaft Abessinien bringen würde. England würde den Fortschritt der Zivilisation ver­hindern, wenn es den italienischen Ausdehnungs­bestrebungen gegenüber einem der letzten und rück­ständigsten Eingebvrenenstaaten entgegentrete.

Daily Telegraph" berichtet aus Rom, daß Jta- lien aufrichtig gewillt zu sein scheine, Anregungen Großbritanniens sorgfältig zu erwägen. Italien sei keineswegs erfreut über den Gedanken, daß es zwischen ihm und der Großmacht, die es feit langem als seinen beften Freund betrachtet habe, zu einem ernsten Bruch kommen könnte. So viel

stehe indessen fest, daß Italiens jetzige Vorstellung von seinem künftigen Verhältnis zu Abessinien weitergehe als irgendein Plan, den Groß­britannien bei künftigen Verhandlungen zu unter­stützen bereit fei. Bei den gestrigen Besprechungen zwischen Eden und Mussolini hätten sich folgende drei wichtige Tatsachen ergeben: 1. in allen euro­päischen Fragen würden England und Italien keine Schwierigkeiten haben, eine g e - meinsame Politik zu betreiben, die mit der Frankreichs in Einklang fein würde; 2. Italien sei nicht übertrieben beun­ruhigt wegen des deutsch-englischen Flottenabkommens, empfinde aber ebenso wie Frankreich Unbehagen wegen der Methode, durch die es zustande gebracht worden sei; 3. Musso­lini billige die Tatsache, daß ein würdiger Anfang mit einem neuen allgemeinen Abkom­men über die Begrenzung der Seerüstun- g e n gemacht worden fei und b e g ü n ft i g e sofortige Verhandlungen über einen westeuropäischen ßuftpaft.

3m alten Gleis.

Lavals Wunschzettel für Eden.

London, 25. Juni. (DNB. Funkspruch.)Mor- ning Post" will wissen, daß Eden bei seinem Besuch in Paris von Laval Vorschläge für die Be­handlung der gesamteuropäischen Probleme erhalten habe. Mit diesen Vor­schlägen soll sich Mittwoch das englische Kabinett befassen. Sie laufen darauf hinaus, irgend­welche weiteren Sondervereinbarun- gen zwischen England und Deutschland zu oer - h i ft ö e r n. Eden habe die Zusicherung gegeben, daß es sich bei dem Flottenabkommen um eine Ausnahme gehandelt habe, und daß ein solcher Fall nicht wieder eintreten werde. Diese Ver­pflichtung wünsche Laval jetzt schriftlich zu haben. Frankreich hält an Methoden fest, deren Unfruchtbarkeit längst erwiesen ist. Lavals Vor­schlag beruht auf denselben Grundsätzen, wie sie in der englisch-französischen Mitteilung vom 3. Februar niedergelegt und von der Stresa-Konferenz bekräf­tigt worden sind. Er geht von der Abhängig­keit der europäischen Hauptfragen voneinander aus und strebt danach, die Un­

wurden, war somit der für die Weiterführung der diplomatischen Arbeit wichtigste, England habe durch sein Sonderoorgehen die Grundlagen in Frage gestellt, auf denen man bisher zu­sammengearbeitet hatte. Die Formel, mit der diese in Frankreich ausgedrückt wurde, hieß, die französische Politik habe ihreHandlungs­freiheit" wiedergewonnen. Diese Dro­hung, sich von Aufgaben und Problemen zurück- zuziehen, die England sehr am Herzen liegen, konnte nicht unwirksam bleiben. Einmal ift es wirklich der aufrichtigste Wunsch Englands, Die en­gen politischen Beziehungen mit Frankreich auf- rechtzuerhalten und sie auch nicht gelockert zu sehen; das kollektive System zur Befestigung des europäischen Friedens, an dem England zäh festhält, ist nicht ohne Deutschland, aber auch nicht ohne Frankreich zu verwirk­lichen. Dazu kommt, daß England den mäßigenden Einfluß Frankreichs in Rom zurzeit nicht entbeh­ren kann, wo man Mussolini vor übereilten Schritten gegen Abessinien zurückzuhalten be­strebt ist, die nicht nur Englands afrikanische In­teressen, sondern auch die Existenz des Dolkerbim- des bedrohen. Daß ein verärgertes Fran reich sich auch einer Mitarbeit zur Beilegung der M e - melfraqe versagen würde, spielt vielleicht m diesem ganzen Komplex englischer Überlegungen nur eine nachgeordnete Rolle, zeigt aber doch, nie die Tendenzen der europäischen Politik auseman- derlaufen würden, wenn es nicht gelange, sich über die Methode der künftigen Zusammenarbeit

Ueber Äeft^Methode und über alle Fragen, die

sie beeinflussen, ist in Paris gesprochen worden und wird zurzeit in R o m verhandelt. Das eng­lische Bestreben dabei wird sein, die Starrheit des unteilbaren Stresaprogramms" aufzulockern und die französische Politik langsam und vorsichtig auf einen Weg zu führen, der zu einer Lösung der zu­nächst lösbaren Fragen führt. Man weiß, daß England, bas sich zu dieser Politik der Realitäten durchgerungen hat, vor allem daran liegt, die Ver­handlungen über einen Luftpakt der L o - carnomächte in Gang zu bringen; auch die vorbereitende Aussprache über ein internatio­nales Flottenabkommen, zu der Ein­ladungen an Frankreich, Italien und Sowjetruß- land ergangen find, hält man in London für wich­tiger, als die fruchtlosen Diskussionen über die von Frankreich geschlossenen Sicherheitspakte, in die es Deutschland hineinzwingen will. Die praktische Auf­gabe Edens ist es also, Frankreich zu überreden, an solchen Teilverhandlungen mitzuwirken und seinen bisherigen Alles-vder-nichts-Standpunkt aufzugeben.

Für den deutschen Beobachter dieses fast sportlich anmutenden diplomatischen Geländekampfes kann festgestellt werden, daß er zwar von einem gewissen Reiz, aber ohne tieferes Interesse ist. Man sieht, wie verhältnismäßig einfache Fragen durch die Diplomatie kompliziert werden. Natürlich treibt sie dieses Spiel nicht um des Spiels willen, sondern weil hinter ihr zerstörende und gegen die natürliche Entwicklung ankämpfende Kräfte am Werke sind. Diese natürliche Entwicklung heißt: Deutschland ist der politischen Unterdrückung ent­wachsen, unter der es durch die von Frankreich

geführte Politik gehalten wurde, und europäische Entscheidungen von dauernder Geltung können ohne das Reich nicht mehr getroffen werden. England hat die Folgerungen aus dieser neuen Tat­sache praktisch gezogen, während die französi- s ch e und sowjetrussische Politik immer noch nach rückwärts zu arbeiten versuchen.

Unterdessen nimmt die Tatsache der Konsolidie­rung Deutschlands mit jedem Tage kräftigere und überzeugendere Gestalt an, so daß es nicht mehr zweifelhaft ist, w e r in diesem Ringen um die Zu­kunft der Sieger sein wird. Botschafter von Rib- bentrop hat dafür die große weltpolitische Perspek­tive gegeben. Frankreich muß für die große Mission gewonnen werden, die die drei großen westeuro­päischen Nationen gemeinsam zu erfüllen haben, wenn nichts Chaos, sondern Auferstehung die Zu­kunft des Abendlandes bedeuten soll. Die Ribben- tropsche These hat eine große politische Konzeption in den Bogen eingespannt, der von der weit aus- schauenden idealistischen Zielsetzung der Auferste­hung des Abendlandes zu der nüchternen real- politischen, aber darum auch erfolgversprechenden Methodik des schrittweisen Vorgehens geschlagen wird. Er erscheint wie ein verheißungsvoller Re­genbogen nach schweren Gewittern am europäische« Horizont. Die Bereiche, die Lebensbedürfnisse und die Aufgaben der beiden maßgeblichen Faktoren des Abendlandes, des europäischen Festlandes und des britischen Weltreiches, sind gegeneinander ab- gegrenzt und doch wieder in Parallele gestellt wor­den. Sollte man nicht doch wirklich hoffen dür­fen, daß auf dieser Grundlage nach so furchtbaren Katastrophen die Welt wieder genesen kann?