Nr. 96 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 25. April (955
Ein Rokokoschloß Westfalens niedergebrannt.
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Scherl-Bildmaterndienst
Das Rakokoschloß Schwarzengraben im Kreise Lippstadt ist das Opfer einer großen Feuersbrunst geworden. Bei den Lösch- und Bergungsarbeiten kamen zwei Personen ums Leben. Der Schaden geht in die Hunderttausende. — Unser Bild zeigt das Schloß bei Ausbruch des Brandes.
Abendbummel durch Rotterdam
Von unserem St.-Korrespondenten
Rotterdam, im April 1935.
Ein diesiger Tag liegt über Rotterdam. Bom Hafen her heulen die Nebelhörner, und der helle Klang der Fabriksirenen mischt sich in den Lärm der Straße. Es ist die Stunde des Arbeitsschlusses. Werk- Häuser und Kontore werfen Tausende und aber Tausende von Arbeitern und Angestellten in den werdenden Abend. Es hat zu regnen begonnen, die ersten Lampen sind entzündet, die Armee der Werktätigen strömt aus der Ungemütlichkeit des Tages in die Gemütlichkeit des Heims. Jetzt blitzen Tausende kleiner Lämpchen auf, schwache Scheinwerfer der Dynamos, die sich im nassen Asphalt roiberfpiegeln.
Zu Zeiten des Geschäftsbeginns und des Arbeitsschlusses hat man erst den rechten Maßstab dafür, wie jedermann in Holland — gleich welchen Alters und welchen Standes — sich des Fahrrades als des universalen Verkehrsmittels bedient. Zuerst kommt das Fahrrad, dann erst die Fußgänger und in weitem Abstand die Kraftfahrzeuge oder elektrischen Bahnen. Aber die Schlußfolgerung, das sei ein Rückstand im Verkehr, ist durchaus verfehlt. Es bestehen zwischen den großen Städten des Landes, etw» zwischen Amsterdam — Den Haag — Rotterdam vorbildliche und moderne Verbindungen. Vom regelmäßigen Autobusverkehr ganz abgesehen, verkehrt hier in beiden Richtungen halbstündlich ein Schnellzug, der elektrifiziert ist und mit hoher Geschwindigkeit durch die Ebnen braust. Das kleine Land ist durch Schienenstrang und Straße verkehrstechnisch gut erschlossen. Die Ucberseedampfer im Hafen, die dreimotorigen Verkehrsflugzeuge über der Stadt sind Beispiele dafür, daß auch der Auslandsverkehr nicht vernachlässigt wird. Eine bedeutsame Luftverbindung ist bis nach Batavia geschaffen, dem Zentrum Niederländisch-Jndiens.
Diesem modernen Verkehr steht das gemächliche holländische Leben etwas sonderbar gegenüber. Denn in diesem Leben scheint es mehr Schwerfälligkeit als Beschwingtheit zu geben. Dieser Menschenschlag trägt die Schwere der Ebene und des Meeres mit sich herum, aber auch eine selbstverständliche Güte und Anständigkeit In einem kleinen Kino, von Rotterdam, das an diesem Regentag die Zufluchtsstätte ist, läuft gerade ein Film holländischer Produktion. Den Titel habe ich schon wieder vergessen, aber ich werde diesen Film vom holländischen Leben gern in der Erinnerung behalten. Es war die Geschichte von drei ordentlichen holländischen Jungen, die bei der Marine dienten, und die sich in irgendwelche bürgerlichen Liebesgeschichten verwickelten. Das ist gewiß etwas höchst Alltägliches. Aber w i e das hier gezeigt wurde, das umschloß viel von der Eigenart holländischen Lebens, so, wie es jeden Tag unkompliziert, etwas unbeholfen, aber doch ohne Kulisse vorüberwogt. Es ist schwer, dafür die richtige Formel zu finden
Die Kino-Vorstellung selbst zieh! sich lange hin, ganz wie es der Wesensart der Menschen entspricht. Die kleine Kinokapelle spielt zuerst einige Konzertstücke, „Heinzelmännchens Wachtparade", „Dichter und Bauer" und ein bekanntes holländisches Volkslied. Es macht Freude zu beobachten, wie das Publikum mitgeht, wie selbst die Logenbesucher unbefangen mitsingen. In der holländischen Wochenschau fehlen nie Aufnahmen der Königin und ihrer Tochter; und das Bild, wo dieses hohe Paar radfahrend vorüberzieht, weckt helle Begeisterung. Die gleiche Aufnahme schmückt zur selben Zeit schon viele Schaufenster in den Städten. Zwischen Reklamen und Kurzfilmen spielt wiederum die kleine Kapelle, und danach beginnt endlich der
Hauptfilm. Da stehen die holländischen Menschen vor uns, so, wie sie das Land geschaffen hat: die Schiffer und Seeleute, die blauen Jungs, der Kneipenwirt und seine blonde Tochter, und auch das Paar aus dem guten Bürgertum fehlt nicht, das es zu Wohlstand gebracht hat und ängstlich den Sohn davor zu bewahren sucht, wieder zu jenen einfachen Leuten herabzusteigen, die selbst ihre Vorfahren waren. Eine saubere Gesinnung spricht aus solchem Film, der gerade in Holland manche Erziehungsarbeit zu leisten hat. Denn mit dem schnell wohlhabend gewordenen Bürgertum wuchs vielfach auch eine innere Leere und verdeckte Verlogenheit, bürgerliche Untugenden, gegen die besonders die Jugend des Landes anzukämpfen hat.
Die Lichter der holländischen Städte verlöschen nachts früh. Der Bürger geht zeitig schlafen, und nur in wenigen Lokalen der Innenstadt oder Kneipen des Hafenviertels hält der Betrieb bis nach Mitternacht an. Der Holländer will feine Ruhe haben. Darum wird scharf gegen die Lärmenden eingeschritten. Und selbst dort, wo nachts die Schifferklaviere spielen und die Matrosen verkehren, ist, wie überall angeschlagen steht, das „Tanzen und Mitsingen polizeilich streng verboten". Das hindert allerdings nicht, daß hier und dort doch noch eine recht gemütliche.Stimmung aufkommt. Unter dem Einfluß des Alkohols erheitern sich auch die dunkelsten Gesichter, weicht auch die schwerfälligste Melodie dem leicht beschwingten Takt. Und in Holland wird ein guter Tropfen ausgeschenkt...
Es ist sicher nicht das geringfügigste Geheimnis holländischen Wohlstandes, daß mit jedem Cent gerechnet wird. Wenn einem die Hotelrechnung
vorgelegt wird, dann sind die Bedienungsprozente nicht abgerundet; auf den Cent genau wird die Rechnung präsentiert. Diese Centrechnerei ist überall üblich. Die Verkehrstarife sind nach Cents gestaffelt. Für einen Kaffee zahlt man neun, zehn oder elf, vielleicht auch achtzehn oder zweiundzwanzig Cent. Und Zigaretten kann man gar für siebeneinhalb oder fünfundzwanzigeinhalb Cent in kleinen Päckchen erstehen. Holland ist ein reiches Land und dennoch pflegt man bei den Kleinlichkeiten des Alltags mit der kleinsten Münze in einem Maße zu rechnen, wie man es in Deutschland oder anderen Ländern nicht kennt. Sicher wird auf diese Weise schon früh im Menschen der Sinn für Sparsamkeit geweckt; Holland ist durch diese Sparsamkeit wohlhabend geworden. Diese solide Grundlage ist so fest verankert, daß selbst ein paar Jahre schlechter Konjunktur sie nicht zu erschüttern vermögen.
Gewiß: man begegnet auch hier überall Zeichen wirtschaftlicher Depression. Der Verkehr in den Häfen ist stark zurückgegangen. An leerstehenden Wohnungen und Kontoren der Innenstadt trifft man immer wieder auf die Schilder: „Te huur!". Aber die Grundstimmung ist doch optimistisch geblieben. Und an den Holländer, der nicht zum Revolutionär geboren wird, treten vorerst noch keine Probleme heran, die den bürgerlich-liberalen Kurs grundsätzlich ändern werden. Holland hat seine Position gesichert. Und wenn Sorgenwolken aufsteigen, dann am Horizont des fernen Kolonialreiches im Indischen Ozean. Aber das kleine Land hat ein wachsames Auge auf seinen großen Besitz.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Oer Baum als Sinnbild des Lebens.
Von jeher hat der deutsche Bauer im wunderbaren und geheimnisvollen Leben der Natur das ewige Wirken göttlicher Kraft empfunden. Der Baum, dessen Wurzeln in die Tiefe der gütigen Allmutter Erde sich senken und dessen Krone sich in den unendlichen Himmelsraum wölbt, war stets sinnfälligster Ausdruck dieser untrennbaren Einheit von Erdenkraft und Himmelsmacht, die alles Leben erst bewirkt. Diese Erlebnisgrundlage schuf vor Jahrtausenden schon die Vorstellung von der Weltesche Yggdrasil, die das Himmelszelt stützt und an deren Ursprung, ihren Wurzeln, über menschliches Schicksal entschieden wird. Diese Erlebnisgrundlage schuf aber auch den Glauben an die Heiligkeit des Haines, schuf die Liebe des deutschen Menschen zum deutschen Walde und ließ, ebenfalls vor Jahrtausenden schon, den Baum zum Sinnzeichen des Lebens — im Heilszeichen des Lebensbaumes — werden. Im Brauchtum des deutschen Bauern, begonnen mit dem Maibaum oder dem Weihnachtsbaum bis zu den Sinnbildern in der Bauernkunst, in Stickerei und Weberei, lebt dieser germanische Lebensbaum heute noch, viel- gestaltig und doch derselben Grundlage entstammend, fort.
Wie nun aber der Baum Jahr für Jahr im Herbst die Blätter verliert, im scheinbaren Tod den Winter überdauert und im Frühling zu neuem Grünen, zü neuem Leben erwacht, so wird er damit zum Gleichnis des Jahresablaufs selbst, zum Gleichnis der göttlichen Ordnung in der Natur, wird Ausdruck der ewigen Wiedergeburt, des steten „Stirb und Werde", wird Sinnbild der ewigen Lebenserneuerung. Und damit tritt er auch in Beziehung zum menschlichen Leben, wird zugleich ein Sinnbild für das Stirb und Werde im Menschenleben, für die stete Wiedergeburt unseres Blutes, für die ewige Lebenserneuerung der Sippe. Das Sinnbild Lebensbaum vereinigt so in sich die Ewigkeitswerte des Blutes und der Erde.
Daß diese Erkenntnis von allem Anfang an auch den germanischen Bauern durchdrungen hatte, be? weist ein deutscher Bauernbrauch, der in einigen Gegenden unseres Vaterlandes noch lebendig ist
und den neu zu beleben eine dankbare Aufgabe des gesamten deutschen Bauerntums darstellt. Aus Nordwestdeutschland, aus Sachsen und Thüringen, wie aus Südwestdeutschland werden noch einzelne Fälle mitgeteilt, in denen ein Erbhofbauer bei der Geburt des ersten Sohnes einen jungen Baum, meist eine Eiche, oft aber auch eine Linde, oder einen Nußbaum pflanzt. Stellenweise wird ein solcher Baum auch bei der Geburt eines jeden Kindes gepflanzt (z. B. in sächsischen Kreisen). Die weiteste Verbreitung des alten Brauches läßt sich in' Westfalen feststellen, wo er in nördlichen Teilen (Gegend von Lübbecke und Ludwighausen) noch als allgemein üblich gilt. Dort treffen wir in Afcheberg ai'i den schönen und sinntiefen Fall, daß auf einem Bauernhof die Eichen der vier letzten Geschlechter stehen und so ein lebendiges Zeugnis vom unvergänglichen Bauernblut ablegen.
Wir wissen gut genug, daß es verfehlt wäre, wollte man ein Brauchtum wiederbeleben, dessen Erlebnis- arundlage und dessen weltanschaulicher Urgrund ein für allemal von uns gewichen ist. Der heute stellenweise noch übliche Brauch, bei der Geburt des Anerben eine junge Eiche im Hof zu pflanzen, hat eben diese Voraussetzungen heute noch wie vor Jahrtausenden. Und das wieder geeinte und befreite deutsche Bauerntum ist auch wieder die Gemeinschaft geworden, die ihrer Weltanschauung im arteigenen Brauchtum Ausdruck verleiht. Es liegt ganz im Wesen der beginnenden Wiederbesinnung unseres Volkes auf feine eigene Art, wenn man im Kreise Gandersheim bereits begann, den Brauch des „Erbhofbaumes" wieder einzuführen. Und es steht zu erwarten, daß über kurz oder lang jede deutsche Bauernsippe den Glauben an die ewige Verbundenheit ihres Blutes mit dem unvergänglichen Boden durch das Setzen eines Baumes bekundet, wenn mit dem Anerben ein neues Glied der unendlichen Geschlechterreihe ins Dasein tritt.
H. Str.
Daten für den 25. April.
1533: Wilhelm I. von Oranten, „der Schweiger", Statthalter der Niederlande, in Dillenburg in Nassau geboren (gestorben 1584); — 1595: der italienische Dichter Torquato Tasso in Rom gestorben
Gießener Gtadttheater.
Franz Lehar: „Der Graf von Luremburq".
Merkwürdigerweise hat diese Operette seit langen Jahren nicht mehr bei uns auf dem Spielplan gestanden: die erstaunliche Geschichte vom Grasen Rene von Luxemburg, der eines schönen Faschings in Paris all fein Geld verjuxt und dann auf eine immerhin ungewöhnliche Weife zu operettenhaften Reichtümern kommt: der Fürst Basil Basilowitsch drückt dem Grafen einen Scheck über eine halbe Million auf die Bank von England in die Hand, damit er sich zum Schein mit Anaele Didier trauen läßt, welche Sängerin an der Großen Oper und überdies seit langem Basils Freundin ist
*
Nach einem Vierteljahr wird die famose Ehe, die sozusagen tm Dunkeln geschlossen wurde, wieder geschieden, und der Fürst kann alsdann, ohne sei- nem blauen Blut wehzutun, Angele als einer Gräfin Luxemburg zu einem einigermaßen standesgemäßen Bunde die Hand reichen. So war es ausgemacht, aber es kommt natürlich anders, wie sich jedermann denken kann: das vorschnell vermählte Ehepaar lernt sich an dem Tage, wo Angele ihren Abschied von der Bühne feiert, zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht kennen, und es wäre mehr als komisch, wenn sie sich nicht auf der Stelle verliebten.
Wenn auch Rens vertragsgemäß unter einem angenommenen Namen auf der Bildfläche erscheint, bleibt es nicht verborgen, wer er ist, und wie sie eigentlich zueinander gehören, obwohl die Frist verstrichen und die Scheidung bereits eingeleitet ist. Zwar gibt es Angele einen ziemlichen Schock, als sie gewahr wird, unter welchen wenig rühmlichen Umständen dieser Ehekontrakt geschlossen wurde, während Rene seinerseits sich als Kavalier an das Ehrenwort hält, das ihm Basil gegenüber zu völliger Zurückhaltung gegen dessen Braut, also feine eigene Frau, verpflichtet. Und wer weiß, wie das unnatürliche und unzeitgemäße Abenteuer geendet hätte, wenn nicht im letzten Augenblick die Gräfin Kokozow, eine nicht mehr ganz junge Landsmännin des Fürsten, auf der Bildfläche erschiene und ältere Rechte an Basil energisch geltend machte.
Don wem 8ieses erstaunliche Libretto stammt, ist aus dem Programmheft nicht ersichtlich, mir selber
können uns nicht entsinnen, und es ist auch in der Tat belanglos. Es ist ja seither in der gesamten Operettenliteratur nur in den allerseltensten Fällen auf den Text angekommen; wesentlich ist immer nur, wie es klingt, einerlei ob man die Worte versteht oder ob sie einen halbwegs vernünftigen und menschenmöglichen Sinn haben. (Eine Eigentümlichkeit, die übrigens die Durchschnittsoperette mit zahlreichen und sogar recht bekannten Opern gemein hat.) Bei Lehär klingt es in diesem Fall ein wenig konventionell und flach, und man merkt der Instrumentierung an, daß es sich um eine feiner frühen Arbeiten handelt. Die unbestreitbare Popularität, die diese Operette hat oder zum wenigsten einmal besessen hat, beruht wohl auf den Paradenummern des ersten und zweiten Aktes, dem Ehe- Duett („Er geht rechts, sie geht links"), dem Glückslied des Rene und dem bekannten Walzerduett, wohl der bekanntesten Melodie aus dem .Grafen von Luxemburg"
Die Aufführung, von Herrn r t u - u^emert, kam bewegt und farbig heraus und wirkte am besten in den beiden ersten Akten, während der letzte im Gesamteindruck ein wenig abfiel. Eine hübsche und großzügige Ausstattung hatte Herr Löffler, wechselnd für alle drei Akte, geschaffen. Das Orchester, unter der verständnisvollen Leitung von Kapellmeister Cuje, zeichnete sich durch weiche Pianostellen und eine geschmeidige Anpassung an die Vorgänge auf der Bühne aus. Fräulein von Rabenau hatte die obligaten Tanznummern einstudiert und erhielt selber für einen spanischen Kastagnettentanz einen Sonderapplaus
Herr Weiser hatte die Titelpartie: gesanglich am überzeugendsten, mit beschwingtem Temperament, im ersten Akt, später etwas matter; in der Darstellung gefällig und sicher in Ton und Haltung. Maria Perry gab die Angele, musikalisch recht frisch, im Stil einer verwöhnten Dame mit einem bemerkenswerten Toilettenaufwand. Herr Hub stattete den Basil mit den etwas fatalen Allüren eines abgetakelten Lebemannes aus, brachte aber seinen Liebesgesang und das Blumenlied im Mittelakt mit allen Pointen einer komischen Genreszene, die ihrer Wirkung von vornherein sicher war. Die Soubrettenpartie der Juliette spielte Ellen Haack als Gast, stimmlich nicht überwältigend, aber frisch, aufgelockert und stellenweise sogar mit Humor. Herr Lindt als Armand, etwa im Charakter des Lustspiel - Bonvivants, und Frau Schubert- Jüngling als resolute Gräfin Stasa mit hefti
gen Temperamentsausbrüchen verdienen ferner im Ensemble hervorgehoben zu werden
Es gab freundlichen Beifall, Blumenspenden und mehrere Wiederholungen. hth.
Oochschulnachnchten.
Das Extraordinariat für vergleichende Religionsgeschichte und Religionsphilosophie, das im letzten Wintersemester von der Theologischen Fakultät der Universität Marburg in die Philosophische Fakultät in Greifswald verlegt war, ist mit Wirkung vom 1. April an die Philosophische Fakultät in Marburg zurückverlegt und feinem bisherigen Inhaber, dem ordentlichen Professor D. Dr. Friedrich Heiler, übertragen worden.
Professor Dr. G. Morsch, Extraordinarius für Bauwesen an der Technischen Hochschule in Darmstadt, ist zum ordentlichen Professor an der Hochschule in München ernannt worden.
Der Regierungsrat Richard V i e w e g von der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin ist zum ordentlichen Professor an der Technischen Hochschule in D a r m st a d t ernannt worden
Professor Dr K R e s ch k e, Extraordinarius für Chirurgie an der Universität Berlin, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Greifswald ernannt worden.
Dr. Eduard Wahl Privatdozent für deutsches bürgerliches Recht an der Universität Berlin, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Göttingen ernannt worden.
Professor Dr. Wilhelm Harms, Ordinarius für Zoologie an der Universität Tübingen, ist als Nachfolger von Professor Dr. Ernst Haeckel auf den zoologischen Lehrstuhl an der Universität Jena berufen worden.
Dr. Gerhard B u h tz, Privatdozent für die Gerichtliche Medizin an der Universität Jena, ist zum ordentlichen Professor in Jena ernannt worden.
Dr. K. Mothes, Privatdozent für Pflanzen- phyfiologie an der Universität Halle, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Königsberg ernannt worden.
Professor Dr W. Sauer, Ordinarius für Strafrecht, Strafprozeß und Rechtsphilosophie an der Universität Königsberg, hat einen Ruf an die Universität M ü n st e r erhalten.
Professor Dr. I. S ö l ch , Ordinarius für Geographie an der Universität Heidelberg, hat einen Rui an die Universität Wien erhalt m
Das Freigeleit.
Eine Sage von Wilhelm Schäfer.
Als Hatto Reichsverwefer war, kam ein Königskind m einer Fehde schuldlos zu Tode; worauf der Bischof den Adalbert von Babenberg nach Mainz zur Rechenschaft vorladen ließ. Dem aber waren schon zwei Brüder durch die Arglist Hattos gefangen und enthauptet worden; drum blieb er gewappnet auf seiner Burg. Da kam an einem Abend der Bischof ohne Kriegsoolk an und schwur ihm einen feierlichen Eid, daß er ihn selber auf die Burg zurückgeleiten würde, wenn er mit ihm zum Königshof in Mainz ausreiten wollte. Obwohl den Grafen seine Hausfrau warnte, weil sie die Arglist Hattos kannte, vertraute er doch seinem Wort und Eid.
Als sie nun in der Frühe sattelten, verweigerte der Erzbischof arglistig, den Morgenimbiß einzunehmen: Er sei es nicht gewohnt, so früh zu essen. So ritt er nüchtern von Der Burg; doch waren sie noch kaum im Tal, wo das Gebiet des Grafen endigte, als Hatto sich mit Lächeln zu ihm wandte: Jetzt fei ihm leid, daß er fein Frühstück ausgeschlagen habe, wenn seine Hausfrau ihn nicht zu wetterwendisch fände, so möchte er das Frühmahl vor dem langen Ritt dennoch bei ihm einnehmen.' Da freute sich der Babenberger, daß ihm der Reichsverweser doch noch die Gunst antat; er kehrte mit ihm zurück in seine Burg und saß in gutem Mut zu Tisch; nahm Abschied wie vorher und ritt arglos mit Hatto zum zweitenmal von seiner Burg.
Zwar als sie danach vor Mainz ankamen, da wäre er von Herzen gern auf seinem Berg gewesen; doch war es nicht an ihm als einem Ritter, der Treu und Glauben hielt, dem Eid bes Neichsverwesers zu mißtrauen. So ritt er mannhaft über das schwarze Holz ins Tor hinein; kaum aber war er drinnen, so rasselten die Ketten hoch, und ob er noch so fest im Bügel stand: als sie fein Pferd mit Schlingen auf Den Boden warfen, war ihm sein gutes Schwert nichts nütze. Sie sperrten ihn zur Stunde in den Kerker, und als sie» ihm am dritten Tag das Todesurteil sprachen, da sah er nach dem Erzbischof und fragte: Wo ist nun Euer Wort, daß Ihr mich selber auf die Burg zurückgeleiten würdet? Der aber lächelte mit kalter List wie damals vor der Burg und sagte: Was ich versprach, ist schon geschehen, als ich mit Euch zurück zum Imbiß ritt. Ein zweites Mal Euch Freigeleit zu geben, steht nicht in meinem Willen So mußte auch der dritte und letzte der ritterlichen Brüder sterben, weil er bei Hatto dem Erzbischof auf Treu und Glauben gerechnet hatte


